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Full text of "Geschichte der Pocken und der Impfung"






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LIBRARY OF HYGIENE 



FROM THE LIBRARY OF 

CHARLES HARRINGTON 

Instructor in Hygiene, 1SS5-1S9S 

Assistant Professor of Hygiene, 1S9S-1906 

Professor of Hygiene, 1906-X50S 



GIFT OF 

MRS. CHARLES HARRINGTON 

November 30, 1908 



Seiner Excellenz 



dem König! . Preuss. Generalstabsarzt der Armee, Chef des 
Sanitätskorps und der Medizinal-Abtheilung des Kriegs- 
ministeriums, Director der Kaiser-Wilhelms -Akademie für 
das militärärztliche Bildungswesen, Wirklichen Geheimen 
Ober-Medizinal-Rath, ord. Hon.-Professor an der Friedrich- 
Wilhelms-Universität zu Berlin, Dr. med. 



Herrn Alwin v. Coler 

widmet 
die 

Bibliothek v. Coler 

— zugleich im Namen aller Mitarbeiter — 
in treuer Verehrung" 

Der Herausgeber. 



Digitized by the Internet Archive 

in 2011. with funding from 

Open Knowledge Commons and Harvard Medical School 



http://www.archive.org/details/geschichtederpocOOkb 



Widmung 



und 



Vorrede zur „Bibliothek v. Coler". 



Die Schwelle des neuen Jahrhunderts ist überschritten. 
Nimmer ruhend, nimmer rastend eilt die Zeit unaufhörlich 
vorwärts, neue Arbeit, neue Mühen mit sich führend, aber 
auch neuen Lohn und neue Erfolge verheissend. Und doch 
schien es, als wenn an der Grenze der Jahrhunderte jeder 
Einzelne von dem Wunsch beseelt gewesen wäre, einen kurzen 
Augenblick still zu stehen, um in Ruhe einen Blick rückwärts 
in die Vergangenheit werfen zu können. 

Wie ein schöner, schattiger Punkt mit herrlichem Rund- 
blick den Wanderer im Gebirge zur Rast und Umschau ladet, 
dass er neue Kräfte zum Steigen sammele und sich an der 
Aussicht labe 5 so bot für jeden die Jahrhundertwende will- 
kommenen Anlass, einmal im Drange der Geschäfte Rast zu 
machen und die Blicke rückwärts schweifen zu lassen. 

Für uns Deutsche war dieser Rückblick ein glänzender 
und voll belohnender. Mächtig und fest gefügt steht des 
deutschen Reiches stolzer Bau auf dem Boden seiner politi- 
schen Einheit; Kunst und Wissenschaft blühen, Handel und 
Gewerbe gedeihen, und der Nationalwohlstand hat sich zu 
kaum geahnter Höhe emporgeschwungen. Dennoch zwingt 
eine solche Umschau, ein Blick in die vergangene Zeit zur 
Bescheidenheit. Wohin wir nämlich auch sehen, und welches 
Gebiet wir betrachten, stets sind es, soweit auch die Menge 
sich müht, nur einzelne wenige in jedem Fach, die Heroen 



IV Vorrede zur Bibliothek v. Coler. 

des Geistes und der Arbeit, die den wahren Portschritt her- 
beiführen. 

Wie im Leben der Völker die Grösse, das Glück und 
die Wohlfahrt des Landes stets nur von der geistigen 
Höhe einzelner Fürsten und Staatsmänner abhängig ist, 
so scheinen auch in Gewerbe, ■ Kunst, Wissenschaft und Ver- 
waltung nur hie und da leuchtende Meteore, die der Arbeit 
und Forschung den Weg zum Fortschritt zeigen und er- 
hellen. Auf jedem Gebiet tragen die zahllosen fleissigen 
Arbeiter Stein auf Stein zum Ausbau der Strasse, aber 
Richtung und Ziel geben ihr nur einzelne wenige, gott- 
begnadete Geister. Und auch bei ihnen bewirkt meist nicht 
eine plötzliche Eingebung, ein Gedankenblitz den Fortschritt; 
auch bei ihnen verleiht die Führerrolle meist nur ruhige, 
stetige Arbeit, wenn auch nach einem wohldurchdachten, oft 
genialen Plane. 

Nirgends ergiebt sich dies deutlicher, als in der Ge- 
schichte der Medizin, und zwar sowohl in der Entwicklung der 
wissenschaftlichen Medizin, wie auf dem Gebiete der 
Sanitäts-Verwaltung. Wie viele Tausende und aber 
Tausende haben in aufopferungsvoller Praxis und mühsamer 
theoretischer Arbeit ihre Dienste der medizinischen Wissen- 
schaft und der Medizinal- Verwaltung geweiht, und doch, 
nur wenige Namen sind es, welche die bahnbrechenden 
Förderer, die Männer des wahren Fortschritts in der Medizin 
bezeichnen und verkünden! Und auch bei diesen Männern 
bedurfte es alle Zeit harter Geistesarbeit, ehe ihre Gedanken 
zur That, ihre Arbeiten zu einem richtunggebenden Fort- 
schritt in der Heilkunde zu werden vermochten. 

Betrachten wir zunächst die wissenschaftliche 
Richtung. 

Als die Heilkunde um die Mitte des vorigen Jahrhun- 
derts den folgenschwersten, wichtigsten und richtigsten Weg 
einschlug und anter der Führung des genialen Johannes 
Müller den Irrweg der deduetiven Methode der Forschung 



Vorrede zur Bibliothek v. Coler. \ 

verliess, da stellten Virchow und HelmhoRz die wissen- 
schaftliche Medizin auf den Boden der echten naturwissen- 
schaftlichen Forschung.. Aber auch ihre Gedanken und ihre 
Werke sind mühsamer Arbeit entsprungen. Denn natur- 
wissenschaftliche, gültige, führende Gesetze aufstellen, ist nur 
durch Beobachtung möglich, „durch Induction, durch sorg- 
fältige Aufsuchung, Herbeiführung, Beobachtung solcher Fälle, 
die unter das Gesetz gehören." Da nun der Erfolg hierbei 
wesentlich von der Tiefe und Vollständigkeit der vorausge- 
gangenen Anschauung abhängt, so muss, je grösser und wich- 
tiger die gefundenen Gesetze sind, auch um so umfassender 
die Menge der Beobachtungen sein, die ihnen zu Grunde liegen, 
und um so grösser und gewaltiger die Arbeit und das Ar- 
beitsmaterial, das der Forscher zu bewältigen hatte. 

Noch heute, nach fast 60 jähriger Arbeit kämpft, streitet 
ein Virchow für die Richtigkeit seiner Gesetze gegen die 
noch immer spukenden metaphysischen Anwandlungen der 
Gegner. 

Welche Mühe liegt den Forschungen eines Pasteur, 
welche Arbeit den Werken eines Pettenkofer und Rob. 
Koch zu Grunde. Auch die beiden grössten therapeutischen 
Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, die mit den Namen 
eines Lister und v. Behring verbunden sind, verdanken 
nicht x^ugenblickseingebungen, sondern tiefer und ernster Ar- 
beit ihren Ursprung. 

Grosse Leistungen, — das wird jeder grosse Künstler, 
jeder grosse Forscher, jeder grosse Mann bestätigen, — ent- 
stehen nur aus grosser Arbeit. 

Genau so ist es in der Medizinal-Verwaltung. Auch 
hier erheischt der Erfolg stets Mühen und Arbeit, und auch 
hier sind es nur einzelne Namen, an die die grossen Er- 
rungenschaften und der glänzende Fortschritt sich knüpfen. 

AVer mit kundigem und vorurtheilsfreiem Auge die Ent- 
wickelung verfolgt, welche dieser spezielle Zweig der Medizin 
im letzten Jahrhundert genommen hat, der kann sich des Ein- 



VI Vorrede zur Bibliothek v. Coler. 

drucks nicht erwehren, dass besonders der Aufschwung des 
Militär-Medizinal- Wesens ein aussergewöhnlich bedeu- 
tender und geradezu glänzender gewesen ist. Von dem Tage an, 
wo des grossen Kaisers Wilhelm I. hochherzige EntSchliessungen 
den Militärärzten eine neue Organisation ihres Verbandes ga- 
ben und das Sanitätsoffizierkorps schufen, bis heute, bis über 
die Schwelle des neuen Jahrhunderts hinaus reiht sich in der 
Kette der segensreichen Entwickelung des Militär-Sanitäts- 
Wesens erfolgreich Glied an Glied zweckmässiger, wohldurch- 
dachter, folgerichtiger Massnahmen, die die Hebung des 
Standes der Militärärzte, die Förderung ihrer wissenschaft- 
lichen Leistungsfähigkeit und somit die Erhöhung ihrer Be- 
deutung und Wirksamkeit für das Wohl der Armee bezweckten 
und erzielten. 

Und auch hier ist es ein Mann, mit dessen Namen und 
mit dessen Wirken dieses erfreuliche Gedeihen des Militär- 
Sanitäts wesens aufs innigste verbunden ist, dessen rastlose, 
unermüdliche Arbeiten das Blühen des militärärztlichen Standes 
und der militärärztlichen Wissenschaft bewirkt und gefördert 
haben, und der sein ganzes Leben hindurch der Pflege dieses 
Feldes seine volle Kraft geopfert hat, — der Generalstabs- 
arzt der Preussischen Armee und Chef des Sanitätskorps 

Alwin y. Coler. 

Darum ist es wohl zu verstehen , wenn diesem Mann 
die Herzen aller deutschen Militärärzte in Dankbarkeit und 
Treue entgegenschlagen. 

Aber die Bedeutung seiner Person und der Einfluss 
seiner Wirksamkeit gehen weit über den Rahmen des Gebietes 
der Militär-Sanitäts-Verwaltung hinaus. 

So lange v. Coler in der Militär-Mcdizinal-Verwaltung 
thätig ist, — und dies ist bereits seit dem Jahre 1867 der 
Fall, - - leitete ihn das Bcwusstsein, dass eine Förderung der 
Leistungen der Militärärzte und ihre wirksamste Verwerthung 
für das Wohl der Armee, zumal hinsichtlich der Behandlung 



Vorrede zur Bibliothek v. Coler. VII 

und der Verhütung von Krankheiten, nur in engster Anleh- 
nung an das Civil-Medizinal-Wesen und besonders an die 
Lehrstühle der Universitäten zu erzielen sei, dass aber nur 
durch die Hebung der Leistungen auch eine Weiterentwicke- 
lung der Standesinteressen zu erreichen möglich, und wiederum 
mit jeder Verbesserung der sozialen Stellung der Militärärzte 
rückwirkend zugleich ein Aufschwung des gesararaten ärzt- 
lichen Standes verbunden sei. Unvergessen lebt in der dank- 
baren Erinnerung seine glänzende Vertretung der deutschen 
Aerzte auf dem internationalen Congress für Hygiene in 
London 1891 und auf dem internationalen medizinischen 
Congress in Moskau 1897. 

Sodann kommt sein mittelbarer und unmittelbarer Ein- 
fluss auf die medizinische Wissenschaft selbst in Betracht. 
Einmal pflegte er selbst bestimmte Gebiete der Heilkunde 
und ihrer Zweige; die von ihm erzielten wissenschaftlichen 
Fortschritte erstrecken sich auf das ganze Gebiet der Armee- 
krankheiten, auf die Armeestatistik, auf die Infectionskrank- 
heiten und die Kriegschirurgie. Und dann Hess er sich an- 
gelegen sein, auch diejenigen seiner Untergebenen, deren 
wissenschaftlichen Werth er mit scharfem Blick frühzeitig er- 
kannte, derart zu fördern und zu unterstützen, dass viele von 
ihnen auf den selbstgewählten Gebieten Meister und Lehrer 
werden konnten. 

Als Anerkennung dieser seiner Verdienste um die He- 
bung der medizinischen Wissenschaft darf seine Ernennung 
zum ordentlichen Honorar-Professor an der Universität Berlin 
betrachtet werden. 

Das Wichtigste aber ist, — und hierin liegt die wahre 
Bedeutung seiner Grösse, — dass er es verstanden hat, die 
Ergebnisse der Wissenschaft praktisch für die Verwaltung 
zu verwerthen. Es gehört unzweifelhaft eine besondere Kunst 
und ein eigenes Talent dazu, das, was die AVissenschaft 
theoretisch gefunden hat, nun auf dem Wege der Ver- 
waltung so einzuführen, dass es verständnissvoll von Allen 



VIII Vorrede zur Bibliothek v. Coler. 

gehandhabt werden und seine Segnungen entfalten kann, 
v. Coler ist es gelungen, durch seine Begabung für dieses 
Feld, unserer Wissenschaft einen fruchtbaren Boden zur prak- 
tischen Entfaltung zu bereiten. Sein Einfluss auf die Armee- 
hygiene . steht unbestritten fest, und die Ergebnisse seines 
Handelns, insbesondere bei Bekämpfung der Volksseuchen, 
haben ihren belebenden und befruchtenden Einfluss auf die 
Gesundheit und das Wohl des gesammten Volkes deutlich 
erkennen lassen. 



Alwin von Coler, der aus einer alten Patrizierfamilie 
stammt, wurde am 15. März 1831 zu Groningen im Kreise 
Halberstadt geboren. Nach sorgfältiger Erziehung im elter- 
lichen Hause empfing er seine Schulbildung zuerst auf dem 
Gymnasium in Salzwedel und sodann auf dem Cöllnischen 
Gymnasium in Berlin. Als er dieseAnstalt Ostern 1852 mit dem 
Zeugniss der Reife verliess, widmete er sich als Studirender 
der medizinisch-chirurgischen Akademie für das Militär in Berlin 
an der Universität dem Studium der Medizin bis zum 1. April 1856. 
An diesem Tage trat er als einjährig-freiwilliger Unterarzt in 
das Garde-Dragoner Regiment. Nach erfolgter Doctorpro- 
motion und nach Beendigung des Staatsexamens wurde er 
am 18. Juli 1857 zum Assistenzarzt und am 13. Mai 1863 
zum Stabsarzt befördert. 1865 legte er die Physikatsprüfung 
ab. An den Feldzügen 1864 und 1866 nahm er Theil; beson- 
ders im böhmischen Kriege war es ihm vergönnt, hauptsächlich 
beim 3. schweren Feldlazarett! in Horsitz, sich durch ausser- 
gewöhnliche Umsicht und Thatkraft auszuzeichnen. Seine 
hierbei erzielten Erfolge erweckten die Aufmerksamkeit des 
damaligen Generalstabsarztes Dr. Grimm, so dass er 
v. Ooler's Berufung in den Medizinalstab dor Armee 1867 
in die Wege leitete. Bei Gründung der Medizinal-Abtheilung 
L868 trat v. Cöler in diese über, und in ihr lial er seitdem 
fasi ununterbrochen mir der Krieg L870/71 rief ihn in die 



Vorrede zur Bibliothek v. Coler. I \ 

verahtwor.tungsreiche Stellung des Divisionsarztes der 1. Di- 
vision nach Frankreich — zuerst als Dezernent unter Grimm, 
dann als Abtheilungschef unter v. Lauer und seit dem 
12. Februar 1889 als Chef des Sanitätskorps seine segens- 
reiche Arbeit entfaltet. 

In erster Linie war es sein Bestreben, die richtigen 
Mittel und Wege zu finden, wie die miiitärärztlichen Kräfte 
und Kenntnisse zum Besten der Armee, zum Nutzen des 
Gesundheits- und Krankheitsdienstes zu verwerthen, und wie 
der Sanitätsdienst am gedeihlichsten zur Wahrung und Er- 
haltung der Wehrhaftigkeit des Heeres zu verwenden wäre. 
Zu dem Zwecke galt es, die Erfahrungen der Kriege aus- 
zunutzen. Was der Feldzug 1866 gezeigt hatte, fand seinen 
Ausdruck in der Instruction über das Sanitätswesen der Armee 
im Felde vom 29. April 1869, und die reichen Lehren des 
glorreichen Krieges 1870/71 zeitigten die Kriegssanitätsord- 
nung vom 10. Januar 1878, in der wir v. Coler's eigen- 
stes Werk bewundern, dessen Vorschriften als mustergiltig 
anzusehen sind, und das seitdem in fast allen Armeen Ein- 
gang gefunden hat. 

Seit dieser Zeit steht der Rahmen, in dem der Sani- 
tätsdienst der Armee sich im Felde abspielt, fest; aber 
der weitere Ausbau hat bei dem Fortschreiten der Wissen- 
schaft und Technik stete Aufmerksamkeit erfordert. Welche 
Wandlung hat seit dieser Zeit nicht allein die Wundbehand- 
lung durch die Einführung der anti- und aseptischen Me- 
thoden des Wundverbandes erfahren, und wie gross sind die 
Errungenschaften der Kriegschirurgie, die Fortschritte in der 
Erkennung und Verhütung der Kriegsseuchen, die Vermehrung 
der medizinischen Hülfsmittel, die A r ervollkommnung der Aus- 
rüstung mit ärztlichen Instrumenten, mit Mikroskopen, mit 
Röntgenapparaten, wie vollendet die Mittel des Transports 
und der Unterbringung der Kranken! Allen diesen Gebieten 
hat v. Coler seine Aufmerksamkeit, nie ermüdend, geschenkt, 
und wenn wir heute hinsichtlich der Kriegsvorbereitungen im 



X Vorrede zur Bibliothek v. Coler. 

Sanitätsdienst einem künftigen Feldzuge beruhigt entgegen- 
sehen können, und unsere Armee in den Vorbereitungen für 
die Pflege und Unterbringung der Kranken und Verwun- 
deten im Kriege keiner anderen irgendwie nachsteht, so ist 
das vornehmlich das Verdienst v. Coier's. 

In gleicherweise hat er dem Friedenssanitätsdienst 
eine hingebende, erfolgreiche Sorgfalt gewidmet. Alle Fort- 
schritte der Wissenschaft sind verwerthet, alle Mittel der 
Krankenpflege weise benutzt, und die Anforderungen der 
Humanität wurden in vollem Einklang mit den militärischen 
Grundsätzen gebührend berücksichtigt. Die Friedenssanitäts- 
ordnung vom 16. Mai 1891, welche die Grundlage des ge- 
sammten militärärztlichen Dienstes bildet, ist der wahre Aus- 
druck dieser Bestrebungen geworden. Es gelang v. Coler, 
eine stattliche Reihe von Militärlazarethen nach den modernen 
Grundsätzen, nach denen der Bau der Heilanstalten erfolgt, 
neu zu errichten, und auch die älteren Lazarethe so umzu- 
gestalten und ihren Betrieb so einzurichten, class sie allen 
billigen Anforderungen in vollstem Masse entsprechen. Dass 
er dabei vielfach neue leitende praktische Gesichtspunkte für 
den Hospitalbau und die Hospitaleinrichtungen fand und durch- 
führte, ist bei der lebendigen Art seines Wirkens leicht er- 
klärlich. Die Errichtung von Genesungsheimen in den ver- 
schiedenen Armeekorps an zweckmässig ausgewählten Orten 
bietet den von schwerer Krankheit geheilten Soldaten, die 
der häuslichen Pflege entbehren müssen, eine Stätte sorg- 
samster Obhut, wo sie bald neue Kräfte sammeln und Er- 
holung finden können. Immer vollkommener haben sich die 
Worte erfüll!, welche v. Coler seinen Untergebenen ans. 
Herz gelegt hat, dass die Militärlazarethe unter der Leitung der 
Chefärzte sich zu Musteranstalten entwickeln müssen, Muster- 
anstalten, die nicht durch prunkvolle Ausstattung im Aeussern, 
sondern durch eine sorgfältige Verwaltung im ökonomischen 
und hygienischen Sinne dem Kranken die zweck massigste Unter- 
kunft sichern, Musteranstalten ferner in (\cr Richtung, dass dem 



Vorrede zur Bibliothek v. Coler. \ I 

Kranken seitens der Aerzte nicht nur auf Grund ausge- 
zeichneter technischer und wissenschaftlicher Leistungsfähig- 
keit, sondern auch in warm empfundenem und bezeugtem Mit- 
gefühl die beste Hülfe und Pflege geboten wird. 

v. Coler hat die Freude gehabt, die Erfolge seiner 
Wirksamkeit immer deutlicher hervortreten zu sehen. Von 
Jahr zu Jahr haben sich die Krankheits- und Sterblichkeits- 
ziffern im Meere vermindert, und Gesundheit und Leben 
bleibt weit mehr wie früher den Soldaten erhalten. 
Welche Fülle von Nationalwohlstand und Familienglück allein 
in dieser Thatsachc liegt, wird dem einleuchten, der bedenkt, 
dass nunmehr die Soldaten, die Söhne des Volkes, in weit 
grösserer Zahl als früher frei von Krankheit nach abgeleisteter 
Dienstpflicht in die Heimath, in die Familien zurückkehren, 
um hier — gesund und kräftig — den eigenen Herd und die 
eigene Familie zu begründen. 

Die Sterblichkeit in der Armee ist von 5,0 pM. der 
Kopfstärke im Jahre 1877/78 auf 1,5 pM. im Jahre 1897/98 
gesunken, und die Erkrankungsziffer von 1165,1 pM. im Jahre 
1877/78 auf 682,5 pM. im Jahre 1897/98 .gefallen. 

So günstige Ergebnisse waren aber nur zu erreichen, 
wenn für eine möglichst gründliche und möglichst umfassende 
Aus- und Fortbildung der Militärärzte gesorgt wurde. 
Dieser Aufgabe hat Excellenz v. Coler ganz hervorragend 
seine Kräfte gewidmet. 

Den militärärztlichen Bildungsanstalten bez. der Kaiser 
Wilhelms -Akademie wandte er alle Zeit seine besondere 
Liebe und Aufmerksamkeit zu; immer und immer wieder 
wurde der Studiengang der Akademiker, die ihre eigentlichen 
Studien an der Universität treiben, geprüft, geändert, er- 
weitert, vertieft; neue Sammlungen wurden bei der Akademie 
gegründet, die alten vervollkommnet und umgestaltet; es 
entstanden Laboratorien und Untersuchungsstätten für 
chemische, bacteriologische, physikalische Forschungen, und 
die Bibliothek wurde zweckmässiger zugänglich und allen 



XII Vorrede zur Bibliothek v. Coler. 

Aerzten praktisch benutzbar gemacht, kurz auf allen 
Gebieten der Akademie ist reges wissenschaftliches Leben 
geschaffen, das hoffentlich durch den geplanten „Wissenschaft- 
liehen Senat der Akademie" dauernd kräftig pulsirend er- 
halten bleiben wird. 

Und wie hat er für die Weiterbildung der Militärärzte 
gesorgt! Aus bescheidenen Anfängen sind die Fortbildungs- 
kurse der Militärärzte, v. Coler's Lieblingsschöpfung, zu 
reicher, ungeahnter Entwickelung gelangt. In ihnen, die in 
Verbindung mit allen Universitäten stehen, empfangen active 
Militärärzte und Militärärzte des Beurlaubtenstandes in den 
meisten Zweigen der ärztlichen Wissenschaft von Neuem Be- 
lehrung und Anregung, in ihnen werden neue Gebiete und die 
neuen Forschungen in kurzer, mustergültiger Form leicht 
und praktisch erschlossen und zugänglich gemacht. Daneben 
erfolgen die Commandirungen junger Militärärzte auf mehrere 
Jahre als Assistenten zu den Universitätskliniken, sodass 
auf den verschiedensten Gebieten spezialistische Ausbildung 
ermöglicht ist. 

Dass alle diese Bestrebungen die reichsten Früchte ge- 
tragen haben, ersieht man aus der stattlichen Zahl der- 
jenigen, welche, aus der Reihe der Militärärzte hervorgegan- 
gen, jetzt wichtige Lehrstühle an den medizinischen Facul- 
täten der verschiedenen Universitäten einnehmen, und sodann 
auch aus der Fülle hochwissenschaftlicher Schriften, die aus 
dem Sanitätskorps — sei es von der Meclizinal-Abtheilung, 
sei es von einzelnen Militärärzten ausgehend ■ — ihren l'i- 
s|)nmg genommen haben. 

Von den unter v. Coler's Leitung und Anregung 
seitens der Mcdizinal-Abtheilung herausgegebenen Werken 
sind hervorzuheben: Der Sanitätsbericht über die deutschen 
Heere im Kriege gegen Frankreich 1870/71, die alljährlich er- 
scheinenden Priedens-Sanitäts berichte der Armee, die Veröffent- 
lif'limigcn aus dem < iebietc des Militär-Sanitätswesens, das Werk 
über die Wirkung und die kriegschirurgische Bedeutung der neuen 



Vorrede zut Bibliothek v. Coler. XIII 

Handfeuerwaffen, und sodann „die transportable Lazareth- 
baracke", welche v. Coler im Verein mit v. Langenbeck 
und Werner verfasste, und in welcher sehr wichtige Ge- 
sichtspunkte für die Unterbringung der Kranken und Ver- 
wundeten im Felde niedergelegt sind. 

Was v. Coler für die Verwaltung der persönlichen 
Angelegenheiten der Militärärzte, für die Organisation 
des Sanitätskorps und für jeden seiner Untergebenen per- 
sönlich gethan, das lebt in den Herzen der Militärärzte, so- 
wie in der Geschichte des Sanitätskorps und der Armee un- 
vergessen fort. Zu allen grossen Errungenschaften dieser Or- 
ganisation hat er Anstoss und Plan gegeben, und seiner un- 
ermüdlichen Hingebung ist der Erfolg zu danken. Die Waffen- 
dienstzeit der Mediziner, die Schaffung des Sanitätsoflizier- 
korps, die Einführung der Chefärzte, die Errichtung der 
Stellen der Divisionsärzte, die Regelung der Rang- und Ein- 
kommensverhältnisse der Militärärzte und vieles Andere sind 
im Wesentlichen seinem thatkräftigen Eingreifen entsprungen. 

So steht der Erfolg seines Wirkens auf vielen und 
grossen Gebieten leuchtend den Zeitgenossen vor Augen. 
Und doch lässt sich nicht daraus erkennen, welche 
Mühen und Sorgen und welche Verantwortung mit 
diesen Arbeiten verbunden waren. Es gehörte das warme 
und seinem Berufe mit voller Begeisterung ergebene Herz 
eines ganzen Mannes dazu, um bei allen Hindernissen und 
Stockungen, die nicht ausbleiben konnten, und bei allen 
Widerwärtigkeiten und Fährlichkeiten, die sich entgegen- 
stellten, doch stets den eingeschlagenen Weg weiter zu ver- 
folgen und immer mit der gleichen Freudigkeit für seine 
Sache zu kämpfen und seine Mitarbeiter zu begeistern. Vor 
Allem haben aber auch die stets bewiesene Dankbarkeit 
seiner Untergebenen, die Verehrung seitens seiner Standes- 
genossen und das allseitige Vertrauen, dessen er sich er- 
freute, die Grundlage seines Wirkens gefestigt und seinen 
Willen gestärkt. 



XIV Vorrede zur Bibliothek v. Coler. 

Mit Recht bildet die Anerkennung seines Kaisers und 
Königs, die seiner Arbeit so oft zu Theil ward, seinen 
höchsten Stolz. Am 2. December 1895 übersandte ihm des 
Kaisers Majestät das nachstehende Telegramm: 

„An dem heutigen Tage, an welchem das medi- 
zinisch-chirurgische Friedrich Wilhelms-Institut die 
hundertjährige AViederkehr seines Stiftungstages 
begeht, gedenke Ich besonders der opferwilligen 
und segensreichen Thätigkeit aller Mitglieder des 
Sanitätskorps, namentlich aber derjenigen, die in 
grosser Zeit vor dem Feinde, in den Feld-Laza- 
rcthen und in der Heimath das unabwendbare 
schwere Leid des Krieges zu lindern und zu heilen 
wussten. 

Das Militärsanitätswesen ist seiner ernsten, 
dem Kampfe Mann gegen Mann gleich zu achtenden 
Aufgabe damals in allen seinen Gliedern und. Theilen 
voll gerecht geworden. 

Ich füge gern hinzu, dass es seitdem mit der 
fortschreitenden Wissenschaft stets gleichen Schritt 
gehalten, ja der ärztlichen Kunst zum Segen der 
Menscheit neue Wege gewiesen hat. 

Dies ist nicht zum Wenigsten Ihr Verdienst, und 
Ich bin der Ueberzeugung, dass unter Ihrer be- 
währten Leitung das Sanitätskorps sich auch den 
höchsten Anforderungen gewachsen zeigen wird. 

gez. Wilhelm R." 

Jugendfrisch und arbeits freudig vollendet Excel lenz 
v. Coler heute sein 70. Lebensjahr. Ein Mannesleben, voll 
von Sorgen, Mühe und Arbeit, aber auch reich an Erfahrungen, 
Erfolgen und Freuden, liegt hinter ihm. Das Sanitätskorps 
rüstet sich, diesen Tag festlich zu begehen. Aber auch weit 
über diesen Kreis hinaus regi sieh die freudige Theilnahme, 

und Überall, WO der EinfluSS seines Wirkens sich gellend 



Vorrede zur Bibliothek v. Coler. \\ 

machte, wo treue Herzen ihm entgegenschlagen, in der Armee, 
unter den Standesgenossen, im Kreise seiner zahlreichen 
Freunde bringt man ihm freudige Grüsse und wärmste 
Wünsche dar. 

Und doch drängte es eine stattliche Zahl seiner Ver- 
ehrer, ihm für den heutigen Tag und für die Zukunft ein 
besonders sichtbares Zeichen ihrer Liebe und Wertschätzung 
zu geben. Man glaubte, dazu kein schöneres Gebiet als die 
von ihm so hochgestellte Wissenschaft und keine köstlichere 
Gabe ausfindig machen zu können, als die eigene geistige 
Arbeit auf dem Felde dieser unserer medizinischen Wissen- 
schaft. 

So entstand der Gedanke, ihm als Angebinde zum 
15. März 1901 eine Reihe von Werken zu überreichen, die 
verschiedene Gebiete der Medizin behandeln, die aber alle 
in einer gewissen Verbindung mit dem besonderen Felde 
der Thätigkeit v. Coler' s, dem militär-medizinischen Ge- 
biete stehen, und alle diese einzelnen Werke zu einer 

Bibliothek y. Coler 

zusammenzufassen . 

Zahlreiche Militärärzte, aus den Reihen der Sanitäts- 
offiziere hervorgegangene Professoren, sowie solche Aerzte 
und Universitätslehrer, die mit dem Sanitätskorps in naher 
Berührung stehen, haben sich freudig in den Dienst der Sache 
gestellt und ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihren Geist, ihre 
Arbeit darangesetzt, um in dieser Bibliothek v. Coler eine 
Sammlung von Werken zu schaffen, die unserer Wissenschaft 
zur Förderung und zum Ruhm, und dem Manne, dem sie 
gewidmet ist, zur Ehre und Freude gereichen soll. 

Der Entstehung und dem Zweck der Bibliothek ent- 
sprechend enthalten ihre einzelnen Bände Compendien, Grund- 
risse, umfassende Abhandlungen bestimmter Gebiete der Ge- 
schichte der Medizin, der Physiologie, der inneren Medizin, 
der Chirurgie und Kriegschirurgie, der Hygiene und der Spe- 



XVI Vorrede zur Bibliothek v. Coler. 

zialwissenschaften, z.B. der Ohren- und der Augenheilkunde. 
Dem kundigen Blick wird es dabei nicht entgehen können, 
wie bei jeder Arbeit in gewisser Richtung der Zusammen- 
hang mit der Militärmedizin gewahrt ist, in die ja alle Zweige 
der medizinischen Wissenschaft so wesentlich eingreifen. 

Es gereicht mir, dem es vergönnt war, in arbeitsreicher 
und arbeitsfroher Zeit dem Generalstabsarzt der Armee eng 
zur Seite zu stehen, zur hohen Ehre, des allseitigen Ver- 
trauens gewürdigt zu sein, die Herausgabe dieser Bibliothek 
leiten zu dürfen. Seiner Excellenz dem Herrn Kriegsminister 
v. Gossler für seine Genehmigung, den Herren Mitarbeitern 
für ihr Entgegenkommen, dem Herrn Verleger für seine 
Unterstützung meinen Dank zu sagen, ist mir Pflicht und 
herzliches Bedürfniss. 

Möchten die Wünsche, mit der wir die Bibliothek v. Coler 
dem hochverdienten Manne, dessen Namen sie führt, über- 
geben, in Erfüllung gehen! 

Wir hoffen, dass der Generalstabsarzt der Armee in 
unserem Werk ein Zeichen unserer Verehrung und Dank- 
barkeit erblicken möge, dass die Bibliothek seines Namens 
würdig sei, dass sie Zeugniss ablege von dem Streben 
aller Mitarbeiter nach Wahrheit und von dem ächten 
wissenschaftlichen Geiste, der Alle beseelte, dass sie der 
Medizin zur gedeihlichen Förderung gereiche, und dass sie 
auch in den Kreisen der Fachgenossen eine freundliche Auf- 
nahme finde! Dann wird auch der Generalstabsarzt der 
Armee v. Coler - - will's Gott noch lange Jahre — an dem 
Gelingen und Erfolge des Werkes seine Freude haben! 

Berlin, 15. März 1901. 

Dr. Otto Sehjerning, 

Generalarzt und Abtheilungschef 

bei der Medizinal-Abtheilung 

des Kffl. Preuss. Kriegsministeriums. 



Bibliothek v. Coler. 

Sammlung von Werken 

aus dem 

Bereiche der medicinischen Wissenschaften 

mit besonderer Berücksichtigung 

der militärmedicinisclien Gebiete. 



Herausgegeben von 



0. Schjerning. 



Band 1. 

Geschichte der Pocken und der Impfung 



von 
Dr. P. Kubier 



Berlin 1901. 
Verlag von August Hirschwal 

NW. Unter den Linden 68. 



Q~A^ 



Geschichte der Pocken 

und der Impfung. 



Von 



Dr. P. Kubier, 



Oberstabsarzt und Referent in der Medizinal'-Abtheiluns 
des Kgl. Preuss. Krie&sministeriums. 



Mit 12 Abbildungen im Text uud einer Tafel, 



Berlin 1901. 

Verlag von August Efirschwald. 

NW. Unter den Linden 68. 






makvaRD UNIVERSITY 
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Alle Rechte vorbehalten. 



Vorwort. 

JJurch die ehrenvolle Aufforderung, für die Bibliothek v. Coler 
eine Geschichte der Pocken und der Impfung zu schreiben, 
ist mir ein willkommener Anlass geboten worden, das Er- 
gebniss mehrjähriger Studien in Buchform zusammenzufassen. 
Als Mitglied des Kaiserlichen Gesundheitsamtes in den Jahren 
1894 bis 1898 und später als Mitglied der von dem König- 
lich Preussischen Herrn Minister der geistlichen, Unterrichts- 
und Medizinal-Angelegenheiten eingesetzten Kommission zur 
Prüfung der Impfstoff frage sowie in der Mo^izinal-Abtheilung 
des Königlich Preussischen Kriegsministeriums fand ich reiche 
Gelegenheit, mich über das Impfwesen im Deutschen Reiche 
und in der Civil- und Militärverwaltung seines grössten 
Bundesstaates zu unterrichten. Im Gesundheitsamte, wo- 
selbst ich das Referat über die Impfung zu bearbeiten hatte, 
war ich durch die der Reichsverwaltung obliegende Vertei- 
digung des Impfgesetzes gegenüber einem im Reichstage ein- 
gebrachten Initiativantrage in die Lage versetzt, mich mit 
den Vorgängen, welche zum Erlass des Gesetzes geführt 
haben, und mit den später gewonnenen Erfahrungen vertraut 
zu machen. Zu dieser Thätigkeit wurde ich durch den Prä- 
sidenten des Gesundheitsamtes, Wirkl. Geh. Ober-Regierungs- 
rath Dr. Köhler zuerst angeregt; durch seinen Rath und seine 
Unterstützung sind meine Arbeiten wesentlich gefördert 
worden. Es ist mir ein Bedürfniss, hierfür an dieser Stelle 



VI Vorwort. 

meinen herzlichen Dank auszusprechen. Zugleich danke ich 
auch dem Vorsitzenden der erwähnten Preussischen Kommission 
Geh. Ob. Medizinalrath Dr. Schmidtmann und meinem 
hochverehrten Chef, dem Generalstabsarzt der Armee Prof. 
Dr. v. Coler für viele Anregungen und Belehrungen, welche 
ich bei meinen Studien über die Impfung erhalten habe. 

Das Buch, welches ich der Oeffentlichkeit übergebe, 
soll eine geschichtliche Uebersicht über die Verbreitung 
der Pocken und über die Entwickelung des Impfwesens 
geben. Es ist mein Bestreben gewesen, die bedeu- 
tungsvollen Ereignisse zusammenzustellen und auch die 
Streitfragen auf dem Gebiete der Pocken und der Impfung 
vom geschichtlichen Standpunkte aus zu beleuchten. Der 
zugemessene Kaum, der bei der Fülle des Stoffes bereits 
überschritten werden musste, gestattete jedoch nicht, allen 
Einzelheiten nachzugehen. Manches, was einer längeren 
Ausführung nicht unwerth gewesen wäre, musste in kurzem 
Berichte abgehandelt werden. Meine Leser bitte ich daher 
um eine nachsichtige Beurtheilung. Sollte es mir gelungen 
sein, mein Thema in den wesentlichen Punkten erschöpfend 
behandelt zu haben, so würde damit der Zweck meiner 
Arbeit erreicht sein. 

Berlin, 15. März 1901. 

Dr. Kubier. 



Inhalts - Verzeichniss. 



Einleitung 1 

Capitel I. Das Krankheitsbild der Pocken 4 

Bedeutung der Worte Pocken und Variola (5) 1 )- Empfänglichkeit 
für Pocken bei Menschen und Thieren (6). Verlauf der Krank- 
heit nach künstlicher Uebertraguog (7, 8). Desgl. bei natürlicher 
Ansteckung (10 — 13). Abweichungen vom regelmässigen Verlauf 
(13. 14). Windpocken (14). Abortivpocken (15). Litteratur (16). 

Capitel II. Forschungen über Ursprung und Alter der Pocken 17 

Wissenschaftlicher Streit über den Ursprung der Pocken. Arbeiten 
von Halm, Werlhof u. a. (17—20). Hippocrates (20). Pest des 
Thukydides (20, 21). Pest des Diodor. Philo (22). Herodotus 
von Lycien (23). Antoninische Pest, Galen (24 — 26), Eusebius, 
Nicephorus, Pest des Justinian (26, 27). Berichte über pocken- 
ähnliche Krankheiten in China (28). Desgl. in Japan und Indien 
(29—32). Desgl. in Palästina und Egypten (32, 33). Litteratur (33). 
Capitel III. Die Pocken im Mittelalter 34 

Heeresseuchen im arabischen Elephantenkrieg (34, 35). Beschrei- 
bung der Pocken durch Aaron (35), Bachtisua, Mesue, Isaac 
Judaeus (36), Serapion, Rhazes (37, 38), Haly Abbas, Algazirah, 
Avicenna (38, 39), Avenzoar, Averroes (39), Sigbert von Gemblours. 
Marius von Avenches, Gregor von Tours (40 — 42). Das heilige 
Feuer (43). Alte Berichte aus Grossbritannien und Irland (44, 45). 
Wunderheilungen. Berichte aus Island (45). Pockenbehandlung 
durch Notker von St. Gallen (46). Die Arabistcn (46 — 51). 
Litteratur (51). 

Capitel IT. Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der 

Reformation 52 

Beschreibungen der Pocken bei Paracelsus, Fracastor (53), Ferncl 
(54—56), Foreest (57). Ambroise Pare, Sennert (58). Van Hel- 
mont's Lenren vom Contagium und der Immunität (58. 59). 
Kircher' s mikroskopische Untersuchungen (59). Erwähnung der 



1) Die in Klammern gesetzten Ziffern geben die Seitenzahlen an. 



VIII Inhalts -Verzeichniss. 



Pocken und Schilderung von Blatternepidemien in Deutschland, 
Italien (60), Frankreich, Holland, England, der Schweiz, Däne- 
mark (61), Amerika (62), auf den Faröern und in Island (63). 
Schlussfolgerungen (63 — 65). Litteratur (65, 66). 
Capitel T. Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert . . 67 

Aelteste statistische Mittheilungen aus Genf und einigen englischen 
Städten (67), London von 1629— 1800 (68—73), anderen britischen 
Städten und Bevölkerungsgruppen (73 — 78). Frankreich (78), den 
Niederlanden (79), Dänemark (79—81), Island, Grönland (81), 
Kamschatka, Schweden, Russland, Ungarn (82), Italien (83, 84), 
Afrika (84, 85), Deutschland und der Schweiz nach Lammert, 
Sarcone (86), Haeser, Süssmilch (87-90), Juncker (90—99). Faust' s 
Schätzungen (99). Schlussfolgerungen (100, 101). Litteratur 
(101, 102). 
Capitel YI. Behandlung und Bekämpfung der Pocken im 

17. und 18. Jahrhundert. Die Inokulation 103 

Behandlung der Pocken durch Sydenham (103 — 107). Ettmüller, 
Boerhave (107), Mead, de Haen und andere Aerzte. Blutent- 
ziehungen (108 — 110). Krankenabsonderung (111 — 115). Das 
Pockenkaufen (115). Inokulation im Orient und in Afrika (116 — 
118); ihre Einführung in England (119—122): ihre Nachtheile 
(123—128); ihre Verbreitung in Amerika (129), England (130 
— 132). Versuche, das Inokulationsverfahren zu verbessern (132, 
133). Die Inokulation auf dem Europäischen Festlande (133 — 
138). Schlussurtheil über die Inokulation (139). Die Pockennoth 
am Ende des 18. Jahrhundert (140, 141). Litteratur 141—142. 

Capitel VII. Die Entdeckung der Kuhpockenimpfung . . . 143 
Die Kuhpocken (143). Aelteste Angaben über den Kuhpocken- 
schutz und Impfversuche (144 — 147). Jenner's Charakter und Ent- 
wicklungsgang (147—151). Seine Studien über die Kuhpocken 
(151 — 153); seine erste Impfung (153 — 155); Veröffentlichung der 
Entdeckung (156 — 158). Bestätigung durch Cline (159), Pearson 
und Woodville (160 — 162). Weitere Veröffentlichungen Jenner's. 
Anerkennung seiner Arbeiten (162—165). Litteratur (165, 166). 

Capitel VIII. Ausbreitung und Erfolge der Impfung . . .167 

Eindruck von Jenners Entdeckung (167). Eintreten der Geistlichen 
für die Impfung (168). Einführung der Impfung in Amerika (169), 
Frankreich (170, 171), Belgien"(171), Holland, Spanien, Italien, der 
Balkanhalbinsel (172), Russland. Schweden (173), Norwegen, Däne- 
mark (174), Oesterreich und Deutschland (175 — 180); ihre Aner- 
kennung in der Wissenschaft (181). Abnahme der Poekenhäufig- 
keii HS2. 183). insbesondere in Grossbritannien (184, 185), Prank- 
reich, Italien (186), Schweden. Dänemark (1S6- 188). Oesterreieh 
(189), Württemberg (190), Berlin (191 — 192). Erfolglosigkeit der 
Sperrmaassregeln (193). Schafpocken (194). Litteratur (195-197). 

Capitel IX. Uiivollkouimenheiten des Impfschutzes. Wieder- 
impfung 198 

Jenners grease-Theorie (198 201). Angriffe auf Jenner und Ab- 



Inhalts -Verzeichniss. IX 



wehr (201 — 205). Pockenerkrankungen bei Geimpften (206). 
Jenner's letzte Lebensjahre (207. 208). Neue Pockenepidemieen 
(208—210) und Erkrankungen der Geimpften (210—212). Er- 
klärungsversuche, Zweifel bezügl. der vorangegangenen Impfung 
(213). Lehre von den VarioloTden (214 — 219). Marson's Narben- 
theorie (219 — 220). Bemühungen, neue kräftigere Lymphestämme 
zu gewinnen (221 — 222). Altersverhältnisse der geimpften Pocken- 
kranken (223 — 226). Versuche mit der Wiederimpfung (226 bis 
228). Erfolge beim Militär in deutschen Ländern (228—232). 
Litteratur (232—234). 

Capitel X. Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum 

Jahre 1870 . - 235 

Ungenügende Durchführung der Impfpflicht; impfgegnerische Strö- 
mungen (235, 236j. Preussen (237); Sachsen (239); Württem- 
berg, Nittinger's Auftreten daselbst (239 — 241), Baden, Kussmaul's 
,.20 Briefe" (241). Bayern (242), Oesterreich, Hamernijks Gut- 
achten (242—244), Dänemark (244), Schweden (245—246), 
Schweiz (246). Frankreich, der Impfgegner Carnot (247, 248). 
Einführung der Impfpflicht in England (248 — 251). Erfolge des 
Impfzwangs in Schottland und Irland, Vergleich mit anderen Län- 
dern (252 — 258). Deplacirung der Sterblichkeit (259). Beurtheilung 
der Beweise für den Impfschutz (259 — 262). Verbot der Inoku- 
lation (262). Gesundheitsstörungen nach der Impfung. Impfaus- 
schläge (263). Skrophulose und Tuberculose (264 — 266), Impf- 
syphilis (266—270), Wundkrankheiten, Impfrothlauf (270). Vor- 
sichtsmaassregeln, Auswahl der Stammimpflinge (272), Verbot der 
Impfung durch Nichtärzte (272). Ceely's Untersuchungen über 
die originäre Kuhpockenlymphe (273 — 275). Uebertragung der 
Variola auf Kühe (276, 277); Retrovaccine und Thierlvmphe (277, 
278). Simon's „Blaubuch" (279). Litteratur (279—281). 

Capitel XI. Die letzte Blatternpandemie im 19. Jahrhundert 

und ihre Folgen in der Gesetzgebung 282 

Pockenepidemie in Frankreich im Jahre 1870 (282 — 286). Aus- 
breitung der Blattern in anderen Ländern (286 — 288). Verschleppung 
der Seuche durch Bourbaki's Truppen in die Schweiz (288 — 290) 
und durch französische Kriegsgefangene nach Deutschland (290 — 
293). Beziehungen zwischen Impfzustand der Bevölkerung und 
Blatternsterblichkeit in verschiedenen Ländern (293, 294). Alters- 
verhältnisse der an Pocken Verstorbenen (294 — 297). Unzuverlässig- 
keit der Angaben über den Impfzustand der Kranken in Preussen 
(297). Urpockenlisten (298). Statistiken in Berlin (298, 299) Breslau 
und Oppeln (299, 300). Leipzig (300—303). Chemnitz (303—305), 
Oesterreich bezügl. der Angestellten der Staatsbahnen (305 — 309), 
Zürich (309). den Niederlanden (310. 311), England (311, 312;, 
Schottland und Irland (312, 313). Eintreten der Aerzte für die 
Impfung (313, 314). (icringe Lethciligung der Deutschen Armee 
an der Pockenepidemie in Folge der Revaccinatinn der Truppen 
(315—323). Niederländisches Impfgesetz (323). Deutsches tmpf- 
gesetz (324—329). Litteratur (329—331). 



X Inhalts -Verzeichniss. 

Seite 

Capitel XII. Impfung und Pocken in der neuesten Zeit . 332 

Ausführung des Deutschen Impfgesetzes (332 — 334), Impfgegnerische 
Bewegung in Deutschland (334 — 339), in anderen Ländern (339 — 
341). Volksschriften für die Impfung (341, 342). Einführung der 
Thierlymphe (342 — 346). Forschungen über den Pockenkeim (347 
— 348). Erörterungen über die Bedeutung der Lymphebakterien 
(349 — 351). Keimarme und keimfreie Lymphe (.351, 352). For- 
schungen über das Wesen der Pockenimmunisirung (352). Ver- 
vollkommnung der Impftechnik (353, 354). Thätigkeit des Kaiser- 
lichen Gesundheitsamtes in Berlin (355 — 358). Pockenstatistik im 
Deutschen Reiche (359 — 363). Erforschung und Bekämpfung der 
Impfkrankheiten (363, 364). Vernachlässigung der Impfung und 
Zunahme der Pocken in England (365, 366). Epidemien in Leicester 
(366—368), Warrington (368), Gloucester (369—371). Beweise für 
den Impfschutz (371). Einführung der „Gewissensklausel" in Eng- 
land, Aufhebung des Impfzwangs im Kanton Bern (372). Impfung 
und Pocken in der Schweiz (373 — 376), Frankreich, Belgien, den 
Niederlanden und den skandinavischen Ländern (376), Oesterreich 
(377), Italien, Ungarn, Rumänien (377, 378), Russland, Spanien, 
der Türkei (378, 379), den britischen Kolonien, Amerika (379), 
Afrika (380), Japan (381). in der Oesterreichischen und Französischen 
Armee (382, 383), im Deutschen Heere (384). Litteratur (384 
—389). 

Schluss 390 

Centennarfeier der Entdeckung der Schutzpockenimpfung (390). Er- 
folge der neuesten Untersuchungen über Infektion, Immunität und 
Immunisirung (391 — 393). 
Anhang. Das Deutsche „Impfgesetz vom 8. April 1874" .... 394 

Yerzeichniss der Abbildungen. 

Abbildung 1. Fieberverlauf bei Variola vera 9 

„ 2. Festlichkeiten zu Ehren der indischen Pockengöttin 31 

„ 3. Thomas Sydenham 104 

„ 4. Hermann Boerhave 112 

„ 5. Lady Mary Wortley Montagu . . 120 

„ 6. Edward Jenner 148 

„ 7. Hand der Sarah Nelmes mit den natürlichen Kuhpocken 154 
„ 8. Medaille mit der Aufschrift: Dem Verdienste um die 
Schutzimpfung. Gestiftet im Beginn des 19. Jahr- 
hunderts 180 

„ 9. lirm-ralsiabsarzt v. Wiche] 230 

„ 10. Natürliche Kuhpocken nach Ceely. Kall des Melkers 

Joseph White " 274 

11. August Zinn 326 

12. Roberl Koch 356 

Tafel: l)i>- Häufigkeil der Pockentodesfälle in den Staaten Europas 
während des Zeitraumes von 1893 1897. Tafel VI der Denk- 
schrift des Kaiserlichen Gesundheitsamtes „Blattern und Schutz- 
pockenimpfung" 3. Vuflage (Verlag von Julius Springer), Berlin. 
1900. 



Einleitung. 



Unter den Vorgängen der Weltgeschichte, welche die 
Völker am tiefsten erregt, die menschliche Gesellschaft am 
empfindlichsten betroffen und die gemeinsame Abwehr am 
gebieterischsten herausgefordert haben, sind die Verheerungen 
der Seuchen zu allen Zeiten beweglich geschildert worden. 
Jenen gewaltigen Naturereignissen gegenüber zeigte sich 
menschliche Kraft und Weisheit nur zu oft ohnmächtig; sie 
rissen schmerzliche Lücken iti die Familien, verödeten die 
Häuser, vernichteten den Wohlstand ganzer Städte und 
Völker und vereitelten wirthschaftliche und kriegerische Unter- 
nehmungen. Dem unsichtbaren Feinde fühlten sich alle hilflos 
preisgegeben; die Kranken wurden von ihren Angehörigen 
verlassen, Dörfer und Städte leerten sich, die Flüchtigen 
zerstreuten sich in die Ferne, ihrerseits die Seuche überall 
hin mitbringend. Krankenpfleger, Aerzte und Geistliche 
wurden als Pestträger gemieden und bedroht, oft miss- 
handelt. 

Dann wieder erwachte die Besonnenheit; man beugte 
sich unter die Gottheit, deren Macht man gefühlt hatte; 
man rief die Obrigkeit zur Abwehr auf, und man begehrte 
Hülfe von der Wissenschaft. Maassregeln wurden ersonnen 
und angewendet; oft mit Erfolg. Willig brachte das Volk 
Opfer und ordnete sich der Einzelne der Allgemeinheit 
unter. 

Aber bald regte sich der Widerspruch. Zeigte sich 
eine Abnahme der Krankheit und lenkte den Verkehr wieder 
in die gewohnten Bahnen, so schwand auch die Furcht und 
das Verständniss für die Gefahr. Was vorher zur Abwehr 
nothwendig erschien, wurde nun drückende Last; man be- 

K übler, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. j 



2 Einleitung. 

klagte die Uebergriffe der Behörde und hatte für die Lehren 
und Hülfsmittel der Wissenschaft nur Spott. Seuchen 
kommen und gehen, so hiess es; verschwindet die 
eine, so erscheint dafür eine andere. Menschen ver- 
mögen hiergegen nichts. 

Die Wissenschaft freilich sieht auch in Krankheit und 
Tod nichts Anderes als Naturvorgänge und hält die Ergrün- 
dung ihrer Ursachen nicht für eine unlösbare Aufgabe. Sie 
hat die Keime der Infektionskrankheiten in den Mikroorga- 
nismen entdeckt, und kaum ist ein Jahrhundert verflossen, 
dass .sie mit der Schutzimpfung die Macht einer der furcht- 
barsten Seuchen zu brechen vermochte. 

Freilich liegen der Seuchenforschung noch viele Fragen 
offen. Wir kennen die Erreger einiger Krankheiten und ihre 
Wirkung; die Widerstandskräfte des Organismus sind er- 
forscht worden; wir lernen verstehen, wie der Einzelne der 
Krankheit entgehen kann. Aber noch ist die Ursache des 
plötzlichen Umsichgreifens und Wiedererlöschens der Volks- 
krankheiten nicht enträthselt; unser Zeitalter sah die Wan- 
derzüge der Influenza, der Cholera, der Pest, und doch fehlt 
die befriedigende Antwort auf die Frage, warum jene Seuchen 
bald über alle Welttheile dahinzogen und dann wieder auf 
ihre östliche Heimath beschränkt blieben. 

An Versuchen, den gesetzmässigen Zusammenhang solcher 
Vorgänge zu entschleiern, hat es nicht gemangelt. Die 
deutsche Wissenschaft verzeichnet mit Stolz die Namen August 
Hirsch, Max von Pettenkofer und Robert Koch. Des 
letzteren hervorragendes Verdienst ist es, die epidemiologische 
Beobachtung mit der pathologisch-ätiologischen Erforschung 
der Einzelerkrankung vereinigt zu haben; aber so wenig 
seinem Scharfblick die Wichtigkeit der Epidemiologie entging. 
und so vielseitig er auch hier auf seine Schüler und Mit- 
arbeiter anregend und befruchtend einwirkte, so sind in der 
medicinischen Litteratur unserer Zeit die historisch-geographi- 
.^'•lien xVrbeiten immer seltener geworden. Die mikroskopi- 
sche Untersuchung, der Laboratoriumsversuch brachte schneller 
neue Aufschlüsse; experimentelle Arbeiten erregten grösseres 
Interesse als epidemiologische Mitteilungen, in denen sich 
vielfach längs! Bekanntes wiederholte. 

Dennoch kann der Ursprung und die Verbreitung der 
Volkskrankheiten um- mit Hülfe der epidemiologischen Er- 
fahrungen aufgeklärt werden. Denn das Verständniss des 



Einleitung. 3 

einzelnen Krankheitsfalls und seiner Entstehung genügt nicht, 
um die Bedingungen der Seuchenausbreitung im Grossen zu 
begreifen. Selbst wenn Mittel gefunden werden, die Einzel- 
erkrankung zu verhüten, verfehlt deren Anwendung in 
grösseren menschlichen Gemeinschaften leicht den Erfolg, 
sofern die Voraussetzungen ihrer Wirksamkeit nicht in aus- 
gedehnteren Epidemien geprüft und festgelegt sind. 

Ein Beispiel hierfür bildet die Geschichte der Pocken, 
deren Darstellung den Inhalt der nachfolgenden Blätter bilden 
soll. Viele Jahrhunderte lang hat diese Seuche in unserem Volke 
und unseren Nachbarvölkern ihre Verwüstungen angerichtet, 
bis durch das Lebenswerk eines ernst denkenden Arztes jenes 
wunderbare Mittel geschaffen wurde, das ihren Lauf auf- 
hielt. Aber so staunenswerth die Erfolge der Schutzpocken- 
impfung den Zeitgenossen Jenner's sich darstellten, so hat es 
doch noch jahrzehntelanger Erfahrungen und der Arbeit fast 
eines ganzen Jahrhunderts bedurft, bevor die Entdeckung in 
ihrem vollen Werthe ausgenutzt werden konnte. Auch jetzt 
ist die Erforschung der Pocken an ihrem Endziel noch nicht 
angelangt; unbekannt ist uns der Erreger der Krankheit, un- 
bekannt der wirksame Stoff in ihrem Abwehrmittel. Mensch- 
liche Thorheit verhindert die allgemeine Durchführung der 
Impfung und Wiederimpfung in vielen Kulturstaaten und 
schränkt ihre Anwendung ein, wo sie bereits segensreich ge- 
wirkt hat. So entstehen immer wieder neue Blatternepide- 
mien zum Unheil der nicht geschützten und zur Bedrohung 
der besser bewahrten Völker. 

Und doch bildet die Geschichte der Pocken mehr wie 
die irgend einer anderen Seuche ein abgeschlossenes Ganze. 
Sic zeigt, wie die Krankheit vormals geherrscht hat, auf wel- 
chen Wegen sie fortschritt, wie sie noch jetzt im Stande ist, 
Furcht und Schrecken verbreitend die Völker heimzusuchen. 
Sie erzählt von grossen Leiden und vielem menschlichen Irr- 
thum, indessen auch von selbstloser Aufopferung, von ärztlicher 
Hingabc und von ernster wissenschaftlicher Forschung. Na- 
mentlich aber lehrt sie, dass der erfolgreiche Kampf gegen 
Krankheit und Tod dem Menschen nicht immer versagt ist. 
Mit Flülfe der Schutzpockenimpfung ist es gelungen, die 
Krankheit zu bannen; Völkern, welche dieses Schutzmittel 
nach seinem Werthe würdigen, ist damit Macht über die 
Seuche ffeseben. 



Capitel I. 

Das Krankheitsbild der Pocken. 



Der geschichtlichen Erforschung der Seuchen stellen sich 
grössere Schwierigkeiten entgegen als anderen historischen 
Untersuchungen. Die Krankheitsschilderungen der Aerzte des 
Alterthums beruhen auf wissenschaftlichen Anschauungen, die 
uns nicht mehr geläufig sind. Wir bewundern den Scharf- 
sinn und die gesunde Naturbeobachtung jener Meister der 
Heilkunde; um aber ihre Darstellung zu verstehen, müssen 
wir nicht allein ihre Worte in unsere Sprache übersetzen, 
sondern auch ihre Begriffe mit unseren neueren Auffassungen 
in Einklang bringen. Dies ist um so weniger leicht, als in 
dem langen Zeiträume zwischen der Blüthe der ärztlichen 
Wissenschaft im Alterthum und dem Aufschwünge der Me- 
dicin in den letzten Jahrhunderten mannigfache Wandlungen 
der Ansichten vor sich gegangen sind, über welche die Litte- 
ratur des Mittelalters nur dürftige Auskunft giebt. Die Verbin- 
dung zwischen den vormaligen und den gegenwärtigen medi- 
zinischen Vorstellungen ist vielfach verloren gegangen und 
nicht wieder herzustellen. So lesen wir die Berichte der 
alten Aerzte und Chronisten, ohne doch überall sicher beur- 
theüen zu können, ob jene Schilderungen sich auf die gleichen 
Krankheiten beziehen, deren Natur und Erscheinungen die 
neuere Wissenschaft festgestellt und mit bestimmten, uns ge- 
läufigen Namensbezeichnungen belegt hat. 

Freilich sind unsere gegenwärtigen Krankheitsnamen zum 
Theil die gleichen, die sich auch bei den Schriftstellern des 
Alterthums finden. Aber wir sind keineswegs zu der An- 
nahme berechtigt, dass früher damit dieselben Begriffe ver- 



Krankheitsbild der Pocken. 5 

bundcn wurden, wie jetzt. Viele davon bezeichnen nichts 
anderes als gewisse Erscheinungen des Verlaufes oder äusser- 
lichc Merkmale, welche keineswegs nur einer einzelnen Krank- 
heit eigentümlich sind. 

Hierfür bieten die Bezeichnungen der Pocken ein lehr- 
reiches Beispiel. Das deutsche Wort „Pocke", welches dem 
englischen Wort smallpox (kleine Pocke) entspricht, wird noch 
jetzt im A r olksmund für knötchen- oder bläschenförmige Haut- 
ausschläge jeder Art angewendet. Ursprünglich entspricht 
es dem französischen „poche"; es bedeutet also Tasche oder 
Sack und bezieht sich auf die bläschenförmige Pustel. Auch 
die dem Worte „ßlüthe" nahe verwandte Bezeichnung „Blatter" 
findet sich in der Schilderung der verschiedensten Haut- 
krankheiten. In der polnischen Sprache werden unter der 
Bezeichnung der Pocken mehrere Krankheiten zusammen- 
gefasst. 

Noch weniger Sicherheit gewährt der in der wissen- 
schaftlichen Litteratur gebräuchliche lateinische Name „Variola" 
dafür, dass damit stets die Blattern gemeint sind. Haeser 
sieht wohl mit Recht in dem Worte eine Diminutivform von 
varus „der Knoten", übersetzt es also mit „Knötchen" und 
hebt hervor, dass die Aerzte des 9. Jahrhunderts damit 
mancherlei andere mit Knötchen- oder Pustelbildung einher- 
gehende Hautkrankheiten bezeichnet haben. Englische Schrift- 
steller des 15. Jahrhunderts, wie Gaddesden, leiteten das 
Wort von varius „verschieden" ab, weil der Pockenaus- 
schlag verschiedene Theile der Körperoberfläche befalle und 
verschiedenfarbig sei. 

Für die Erforschung der Geschichte der Pocken bleiben 
demnach die Darstellungen des Krankheitsbildes in den litte- 
rarischen UeberJieferungen die einzig verwerthbare Grundlage. 
Nur auf einen Vergleich der von den alten Aerzten geschil- 
derten Symptome mit den uns bekannten Merkmalen der 
Seuche dürfen wir unsere Schlussfolgerungen stützen. 

Es sei daher dem historischen Berichte zunächst eine 
kurze Beschreibung der Krankheit vorausgeschickt, welche 
sich den übereinstimmenden Darstellungen der gegenwärtigen 
medicinischen Litteratur, insbesondere auch der bekannten 
ausführlichen Monographie H. Curschmann's anschliesst. 

Die Pocken sind eine jedem Lebensalter und beiden 
Geschlechtern gefährliche Krankheit, für welche der weitaus 
grösste Theil der Menschen aller Rassen eine hohe Empfang- 



6 Kranlcheitsbild der Pocken. 

lichkeit besitzt. Von den Thieren sind die Affen der Blattern- 
ansteckung zugänglich; über die Kuh-, Pferde- und Schaf- 
pocken wird an späterer Stelle zu berichten sein. 

Von Ausnahmefällen abgesehen suchen die Pocken den- 
Menschen nur einmal im Leben heim; das Ueberstehen 
der Krankheit verleiht Widerstandskraft gegen die Neu- 
infection. Hierdurch erklärt es sich, dass die Seuche in 
den schon längere Zeit von ihr heimgesuchten Völkern über- 
wiegend bei den Kindern auftritt und die bereits im 
jugendlichen Lebensalter geblätterten Erwachsenen verschont. 

Ausserordentlich gross ist die Ansteckungsfähigkeit der 
Blattern. Noch in allerneuester Zeit sind aus englischen 
Städten, namentlich aus Dewsbury und Leicester Fälle 
berichtet worden, in denen die Krankheit aus Pockenhospitä- 
lern auf Personen der nächsten Nachbarschaft überging, ohne 
dass diese eine unmittelbare Berührung mit den Pocken- 
kranken gehabt hatten. Im Charitekrankenhause zu Berlin 
inficirten sich gelegentlich der klinischen Vorstellung von 
Pockenkranken vor wenigen Jahren Studenten, welche weit 
abseits des Krankenbettes gestanden hatten. Im Kranken- 
hause Friedrichshain erkrankte damals einMann, nachdem er aus 
der Entfernung dem Transport von Pockenkranken zugeschaut 
hatte. Solche Beobachtungen stellen keineswegs Ausnahme- 
fälle dar und erweisen die Flüchtigkeit des Contagiums, die 
Uebertragbarkeit des Ansteckungsstofifcs durch die Luft. 
Andererseits zeigt sich an vielen Beispielen, z. B. an dem 
Auftreten der Krankheit bei dem Personal von Lumpenpapier- 
fabriken, Bettfederreinigungsanstalten und dergl., dass das 
Pockengift an Gegenständen haftet und mit diesen auf weite 
Entfernungen hin fortgeführt wird. 

Die eigentliche Natur des Pockengiftes ist uns unbe- 
kannt. Die Versuche, den Erreger der Krankheit nachzu- 
weisen, über welche noch später zu berichten sein wird, 
haben bisher zu sicheren Ergebnissen nicht geführt. Da- 
gegen wissen wir bestimmt, dass der Ansteckungsstoff in 
dem Inhalt der Pockenpusteln enthalten ist und durch 
Lelx'riiTipfimir desselben in die Haut (Inoculation) bei 
gesunden Personen die Krankheit erzeugt. Auf welchem 
Wege unier natürlichen Verhältnissen die Infection erfolgt, 
isl ebenfalls nicht vollkommen aufgeklärt; sehr wahrschein- 
lich wird der Ansteckungsstoff von den Athraungswegen aus 
aufgenommen. 



Krankheitsbild der Pocken. 7 

Je nach Art der üebertragung des Giftes gestaltet sich 
der Ablaut' der Krankheit verschieden. 

Bei der früher viel geübten Inoculation pflegte man ein 
Stadium des örtlichen Ausbruchs, ferner das Invasions- 
fieber, den allgemeinen Ausschlag, die Eiterung und 
Eintrocknung der Pusteln zu unterscheiden. Nach Wood - 
villc verlief die Inoculation in ihrer mildesten und günstig- 
sten Form ungefähr folgendermaassen: 

„Am 2. Tage nach der Operation beginnt sich die Stelle 
des Einschnitts Orangeroth zu färben und die umgebende 
Haut sich zusammenzuziehen. Am 4 oder 5. Tage fühlt 
man daselbst eine Verhärtung; Jucken und leichte Entzün- 
dung stellt sich ein, man sieht ein kleines, mit klarer Flüssig- 
keit gefülltes Bläschen. Etwa am 6. Tage fühlt der Kranke 
etwas Schmerzen und Steifheit in der Achselhöhle. Am 7., 
öfter am 8. Tage beginnt mit leichten Kopf- und Rücken- 
schmerzen, sowie mit Frost und Hitze das Ausschlagstieber. 
Die Entzündung am Arm nimmt zu, um die Einschnittsstelle 
herum bemerkt man mit dem Vergrösserungsglase kleine 
Pusteln in unbestimmter Zahl, welche sich mit der Zunahme 
der Krankheit ausdehnen; am 10. oder 11. Tage hat sich 
um die Schnittstelle eine gewöhnlich den Umfang eines 
Schillings messende, zuweilen aber über den halben Arm sich 
erstreckende runde oder ovale „Efflorescenz" gebildet. Gleich- 
zeitig bricht der Ausschlag aus und jedes unangenehme Sym- 
ptom verschwindet." 

Eine anschauliche Beschreibung der inoculirten Blattern 
hat ferner Hufeland hinterlassen; er schildert seine Beob- 
achtungen wie folgt: 

Den 4., 5., auch wohl 6. Tag fingen die Wunden, die 
eben zu verschwinden schienen, von Neuem an, sich zu ent- 
zünden, es erhob sich auf der Impfstelle, wenn sie gestochen 
war, eine Blatter, war sie mit dem Zugpflaster gemacht und 
also von der Oberhaut entblösst, so zeigte sich ein weisser 
speckiger Fleck darauf. Im Umfange erschienen gewöhnlich 
sehr viel rothe Blatternflecken, oft auch eine Art von grossen 
Scharlachflecken über die Arme, oder ein rother Friesel, 
welches beides aber mit dem Ausbruch verschwand. Nun 
fingen die Achseldrüsen an zu schmerzen und anzulaufen, die 
Kinder wurden mehr oder weniger blass und niedergeschla- 
gen, rochen aus dem Munde, mit weiss angelaufener Zunge, 
und verloren den Appetit; der Urin ward trübe. Den 6., 7. 



8 Krankheitsbild der Pocken. 

oder 8. Tag wurden die Fieberbewegungen stärker, die Wun- 
den, die oft schon stark geflossen hatten, trocken und blau- 
roth, Kopfweh, Leibweh, Kopfschmerzen, trübe Augen, 
schnupfige Nase, zuweilen Nasenbluten, zuletzt Uebelkeit 
und Erbrechen stellten sich ein. Dazu gesellte sich bei den 
meisten Schläfrigkeit und Ermattung, bei einigen aber die 
geäusserte Lebhaftigkeit und phantastische Ueberspannung, 
ein Zustand, völlig dem Kausche gleich, Zucken und Zu- 
sammenfahren im Schlaf war sehr gewöhnlich, ja bei dreien 
kam es zu wirklich epileptischen Zufällen, die sich in den 
Ausbruch sehr zahlreicher Blattern endigten. Alle diese Be- 
schwerden verschwanden, sobald der Ausbruch erfolgte, und 
es war die angenehmste Ueberraschung, Kinder, die am Abend 
vorher am allerkränksten schienen, am folgenden Morgen 
munter und fröhlich herumhüpfen zu sehen. Der Ausbruch 
war grösstenteils regelmässig und binnen 3 Tagen geendigt. 
Aber die Menge der Blattern war im Ganzen genommen 
zahlreicher, als man bei inokulirten Blattern gewohnt ist. 
Viele hatten mehrere tausende, die meisten 400 bis 500, 
nur 3 unter 50 Blattern. Die Krankheit war nun eigentlich 
so gut wie geendigt. Die Blattern füllten sich, eiterten, und 
meistentheils erst den 9. Tag nach dem Ausbruch trockneten 
sie ab. Mit Schwärung der Blattern fingen auch die Impf- 
wunden an stark zu eitern und eiterten oft 3 bis 4 Wochen 
lang fort. Weder beim Schwären noch beim Abtrocknen 
zeigten sich beträchtliche Fieberbewegungen, die meisten 
standen zur gewöhnlichen Zeit auf, kleideten sich an, und 
liefen- den ganzen Tag in freier Luft herum, so dass manche 
Eltern sich kaum überreden konnten, ihre Kinder haben die 
wahren Blattern, die sie freilich nur in ihrer pestilenziali- 
schen Gestalt kannten. Doch gab es auch Ausnahmen. 
Die, welche mit Blattern gleichsam besät waren, litten na- 
türlicher Weise mehr, konnten sich nicht ohne Schmerzen 
regen, schwollen im Gesicht und an den Extremitäten be- 
trächtlich an, die Blattern flössen zusammen, und sie fieber- 
ten beim Schwären und Abtrocknen. Doch störte auch die 
grösste Menge der Blattern die innere Ockonomic wenig, 
gleich nach geendigtem Ausbruch stellte sich der Appetit 
wieder ein, und die Kräfte erholten sich unglaublich schnell." 
Wesen I lieh ernsl er \ er lau fen die auf natürlichem 
Wege entstandenen Pocken, deren Fieberverlauf 



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10 Krankheitsbild der Pocken. 

durch die als Beispiel hier eingefügten Temperatur- 
tafeln erläutert wird. 

Der Infection folgt zunächst ein meist 10 bis 13 Tage 
dauerndes Incnbationsstadium, in welchem sich die be- 
troffenen Personen in der Regel vollkommen wohl fühlen. In 
dieser Zeit entwickelt sich die Krankheit, indem ihre Erreger 
einen Anfangspro cess durchmachen oder sich vermehren, 
jedenfalls auch einen Kampf mit den natürlichen Widerstands- 
kräften des Körpers bestehen. In Ausnahmefällen treten 
schon jetzt gewisse Krankheitszeichen, wie Schwindel, Kreuz- 
schmerzen, Rachenkatarrhe und Verdauungsbeschwerden hervor. 
Gewöhnlich beginnt die Krankheit jedoch erst nach Ablauf 
des Incubationsstadiums plötzlich mit einem heftigen Schüttel- 
frost oder mehreren aufeinanderfolgenden Frösten. Es folgt 
das etwa 3 bis 4 tägige Prodromal- oder Initialstadium, 
ausgezeichnet durch hohes Fieber, grosse Hinfälligkeit, schwere 
nervöse Symptome und die „Initialexantheme". Die Körper- 
temperatur steigt nach den Frösten schnell bis auf 39,5 ° 
und erreicht in den folgenden Tagen oft 41 — 42°. Der 
Puls ist weich und beschleunigt; bei Erwachsenen zählt man 
120 — 130 Schläge und mehr, bei Kindern sogar 160. Die 
Athmung wird stark beschleunigt, oft besteht geradezu Athem- 
notli. Der Urin ist dunkel und reich an harnsauren Salzen. 
Dabei fühlen sich die Kranken auf's Aeusserste abgeschlagen 
und ermattet; sie leiden an Appetitmangel, Brechreiz und 
Verstopfung und werden von kaum erträglichen Kopfschmer- 
zen gequält, zu denen sich als ein für die Pocken besonders 
charakteristisches Symptom heftige Kreuzschmerzen hinzuge- 
sellen. Auch Delirien, Zuckungen und motorische Lähmun- 
gen werden beobachtet. 

Schon am ersten Tage zeigen sich auffällige Erscheinungen 
auf der Haut und den Schleimhäuten. Die Rachenschleimhaut 
und die Augenbindehäute sind geröthet; auf der Haut er- 
scheinen Ausschläge, entweder bald wieder verschwindende ma- 
sernähnliche Flecke („rash") oder scharlachähnliche Erytheme, 
besonders am Unterlcibe in Form eines Dreiecks, dessen Hvpo- 
thenuse einer Querlinie in Höhe des Nabels und dessen Katheten 
-Ich Selienkelgrenzen entsprechen (Schenkeldreiecls Simon's) 
oder .im Obcnu-iii und der Brust (Oberarmdreieck). In ernsteren 
Fällen treten Petechien auf der Haui auf. Bei besonders 
schwerem Verlauf zeigi sieh das Bild der Purpura mil grossen 
Blutungen in die Haui und Schleimhäute, Blutbrechen und 



Kranltheitsbilci der Pocken. 1 1 

blutigen Durch lallen (Purpura variolosa). Zuweilen tritt der 
Tod schon wählend der ersten Krankheitstage ein; in der 
Kegel folgt jedoch zumeist der Ausbruch des eigentlichen 
Pockenausschlags, das Stadium eruptionis. 

Zuerst am Gesicht und unter den Kopfhaaren, dann 
auch am Rumpf und den Gliedmaassen, hier jedoch weniger 
zahlreich, zeigen sich vom 4. Krankheitstage an kleine, Steck- 
nadelkopf- bis hirsekorngrosse, etwas erhabene rothe Stipp- 
chen, meist entsprechend den Mündungen der Schweiss- und 
Haarbalgdrüsen. Während nach Ablauf von etwa 12 bis 
18 Stunden die Körpertemperatur sich erheblich ermässigt, 
ohne indessen bis zur Norm abzusinken, nehmen die Flecken 
an Umfang zu. Am 5. Tage gleichen sie kleinen Knötchen; 
am 6. Tage erscheint an den Spitzen je ein kleines Bläs- 
chen, das sich schnell vergrössert, während sein Anfangs 
klarer Inhalt sich trübt; am 8. oder 9. Tage sind die Bläs- 
chen bis Erbsen- oder Bohnengrösse gewachsen; ihre Kappe 
ist leicht eingesunken und zeigt eine Delle, den „Pocken- 
nabel", welche häufig von einem Härchen durchbohrt ist. 
Sticht man das Pocken bläschen an, so entleert sich nur ein 
kleines Tröpfchen, nicht der ganze Inhalt, weil es sich nicht 
um einen einfachen, sackförmigen, sondern um einen durch 
viele Querwände unterbrochenen, „fächerartig" gestalteten 
Hohlraum handelt. 

Im Eruptionsstadium pflegen nicht nur die Fiebererschei- 
nungen, sondern auch die nervösen Beschwerden der Kranken 
wesentlich nachzulassen; Schlaf stellt sich wieder ein, und 
das subjective Befinden hebt sich. Bald beginnen jedoch 
neue schlimmere Qualen in dem Eiterungsstadium (Sta- 
dium suppuratioiiis). 

Während in der klaren Flüssigkeit, welche den Inhalt 
der frisch entstandenen Pockenbläschen bildet, Mikroorga- 
nismen nicht nachzuweisen sind, wandern bald, vermuthlich 
von der Hautoberfläche her, mannichfache Kokken, besonders 
Streptokokken ein; die Flüssigkeit trübt sich und gewinnt 
eitrige Beschaffenheit; das Pockenbläschen wird zur Pocken- 
pustel, zur Eiterblatter. Zugleich entzündet sich die Um- 
gebung; die Haut röthet sich, schwillt an und wird sehr 
schmerzhaft, am bedeutendsten da, wo die Pocken am dich- 
testen stehen, wie unter den Kopfhaaren, am Gesicht und 
an den Händen. Der ganze Kopf verwandelt sich in eine 
unförmliche Masse, die Augenlider sind infolge der Haut- 



12 Krankheitsbild der Pocken. 

Schwellung geschlossen: die Kranken vermögen kaum auf 
dem Hinterkopf zu liegen; die Hände sind dick ange- 
schwollen, die Entzündung der hier die unterliegenden Theile 
straff überziehenden Haut bereitet gleich unerträgliche Schmer- 
zen, wie bei Panaritien und Phlegmonen. Zugleich schreitet 
die Krankheit von den natürlichen Körperöffnungen aus auch 
auf innere Theile fort, namentlich auf die Schleimhaut des 
Mundes, des Rachens, der Nase, der Ohrtrompete und des 
mittleren Ohrs, des Kehlkopfs, der Speiseröhre, der Harn- 
und Geschlechtswege, des Mastdarms, der Au genbin debäute 
und der Hornhaut. Die Weichtherle der Mundhöhle mit der 
Zunge sind stark verschwollen; Speichelfiuss, Schlingbeschwer- 
den, Heiserkeit, Husten, selbst Glottisödom stellen sich ein, 
Ohren- und Augenschmerzen quälen die Kranken. 

Das Fieber steigt im Beginn des Eiterstadiums wieder an, 
Morgens etwas nachlassend und Abends wieder erheblich zu- 
nehmend, bis es am Abend etwa des 9. oder 10. Tages 39 
bis 40° erreicht hat. Es wird von wilden Delirien und un- 
erträglichen Kopfschmerzen begleitet. Die eiternden Pusteln, 
namentlich an den Schleimhäuten, verbreiten einen höchst 
unangenehmen Geruch. 

Die Leiden der Kranken in diesem Stadium sind in der 
hier eingeschalteten, schon vor 100 Jahren niedergeschrie- 
benen Darstellung Juncker's herzbewegend geschildert: 
„Kommt es nach vieler Pein und Gefahr zur Eiterung 
(Schwärung), so folgt gewöhnlich ein neues Fieber. Die un- 
geheure Kopfgeschwulst, die geschlossenen Augen, die oft 
unzähligen Schwären über den ganzen Körper, die in jedem 
Punkte brennen und Höllenpein verursachen; diese und hun- 
dert andere Beschwerden und Gefahren sind hier nicht Aus- 
nahmen, sondern gewöhnlich. Wir Umstehende vernehmen 
nun wohl die Raserei, die Zuckungen, das Zähneknirschen, 
die Blutblasen, den aashaften Geruch des Kranken bei leben- 
digem Leibe und andere Jammerscenen dieser natürlichen 
Pocken mehr; aber wer schildert die inneren Leiden? wer 
die Pein eines Menschen, wenn die ganze Oberfläche mit dem 
schwarzen Panzer bedeckt dem inneren Leben entgegen- 
wirkt, das Gift auf edle Theile richtet, und endlich nach 
langem schmerzhaften Kampfe das Herz zum Stillstand 
bringt. Ofi zerkratzen die armen Kinder vor Angst die 
Wände; oder mussten erst später dem Schlagfluss, oder ge- 



Ivrankheitsbild der Pocken. 13 

waltsamen Krämpfen oder, wie häufig der Fall ist, der angst- 
vollen Erstickung unterliegen." 

Das Eiterungsstadium dauert etwa bis zum 11. Krankheits- 
tage. Den Kranken, welche es glücklich überstehen, bringt das 
nun folgende Eintrockungsstadiura (Stadium exsicca- 
tionis) die ersehnte Linderung und Genesung. Etwa am 
12. Krankheitstage sinkt die Körperwärme mehr oder weniger 
schnell ab; die Pusteln trocknen ein und bedecken sich mit 
Borken, die Kopfschmerzen lassen nach, die Schwellung der 
Haut wird geringer, die Augen öffnen sich, die Nase ge- 
währt der Luft leichteren Durchtritt, erquickender Schlaf 
stellt sich ein. Noch tritt an die Stelle des Schmerzes ein 
lästiger Juckreiz, welcher die Kranken veranlasst, an den Bor- 
ken zu kratzen. Jedoch fallen diese nach weiteren 4 bis 
5 Tagen, nachdem sich inzwischen die Entfieberung voll- 
endet hat, von selbst ab (Stadium decrustationis), bräunliche 
Flecken, die später verschwinden, oder, häufig genug, auch strah- 
lige Narben hinterlassend, wenn die Pustel den Papillar- 
körper der Haut zerstört hat. 

Von dem geschilderten regelmässigen Verlauf der wahren 
oder echten Pocken (Variola vera) finden sich die mannich- 
fachsten Abweichungen, ohne dass jedoch die eigentlich cha- 
rakteristischen Merkmale des Krankheitsbildes unkenntlich 
werden. Letzteres gilt namentlich für die beiden am meisten 
gefürchteten Formen der Blattern, welche unter dem Namen 
der confluirenden und' der hämorrhagischen oder schwarzen 
Pocken (Variola confluens, V.haemorrhagica) bekannt sind. Bei 
den confluirenden Pocken schiessen nach aussergewöhnlich 
schnellem und stürmischem Verlauf des Initialstadiums unter 
hohem, mit Temperatursteigerungen von 41 — 42° verlaufen- 
dem Fieber die Blattern, namentlich im Gesicht, an den 
Händen und an den Schleimhäuten so dicht nebeneinander 
auf, dass sie auf weite Strecken ineinanderfliessen, das Ge- 
sicht wie mit einer einzigen Blase, der „Pergamentmaske" 
überziehen, im Gaumen und Rachen diphtherieähnliche Gan- 
grän, an den Kehlkopiknorpeln Eiterung, an den Augen oft 
Zerstörung der Hornhaut und des ganzen Augapfels bewirken. 
Unstillbares Erbrechen, heftige Diarrhoeen, Brand, Nieren-, 
Lungen- und Brustfellentzündungen verschlimmern den Ver- 
lauf, der nur selten zur Genesung, in den meisten Fällen 
zum Tode führt. Bei den hämorrhagischen Pocken, bei 



14 Kvanlcheitsbild der Pocken. 

welchen das Leben der Kranken noch seltener erhalten bleibt, 
tritt die Neigung zu Blutungen in den Vordergrund. Die 
Kranken bluten aus Zahnfleisch, Mund-, Rachen- und Na- 
senschleimhaut ; die Mandeln und der weiche Gaumen werden 
durch stinkenden Brand zerstört; Blutungen aus Magen, 
Darm, aus den Harnwegen und in den verschiedensten 
inneren Organen erschöpfen die Kräfte; insbesondere aber ist 
der Inhalt der Pockenbläschen blutig, so dass diese nicht, 
wie sonst perlmuttergrau, sondern schwarzroth gefärbt er- 
scheinen, was dieser Pockenform den Namen der schwarzen 
Blattern eingetragen hat. 

Andererseits kann die Krankheit auch weniger ernst ver- 
laufen. Abgesehen von der milden Pockenform der Variolois, 
welche bei Erkrankungen geimpfter Personen die Regel bildet 
und später zur Erörterung gelangen soll, sind schon vor 
den Zeiten der Schutzimpfung leichtere Fälle beobachtet 
worden. Im Gegensatz zu confluirenden Pocken spricht man 
von diskreten Blattern, wenn die einzelnen Pusteln zer- 
streut und von einander gesondert bleiben. 

Vielfach mag es sich dabei um die Windpocken oder Wasser- 
blattern (Varicellen) gehandelt haben, deren Anerkennung als eine 
besondere von den Pocken zu trennende Krankheit zuerst durch Unter- 
suchungen von Coschwitz (1727), Füller (1730) und besonders 
Heb er den (1767) begründet ist und sich hauptsächlich darauf stützt, 
dass Ansteckung von Windpocken niemals den Ausbruch der echten 
Pocken zur Folge hat, dass das Ueberstehen der einen Krankheit nicht 
gegen die Erkrankung an der anderen schützt, und vielmehr unmittelbar 
nach Ablauf oder noch während des Verlaufs der Windpocken die in- 
folge einer anderweiten lnfection entstandenen echten Pocken ausbrechen 
können. Der Verlauf der Windpocken ist auch von dem der Blattern 
durchaus verschieden; das Incubationsstadium beträgt hier 10—13, dort 
13 — 17 Tage, ein Initialstadium fehlt den Windpocken gänzlich, die 
Krankheit beginnt vielmehr alsbald mit der Eruption kleiner Papeln. 
diesichschnellinBläschen verwandeln, zwischenden Bläschen bilden sich 
neue Papeln, was bei den Pocken gewöhnlich nicht beobachtet wird; die 
Windpocken verlaufen oft fieberfrei, meist unter geringem oder massigem 
Fieber mii nnlifdnulendi-n Störungen des Allgemeinbefindens. Zu einem 
Eiterungsstadium komm! es nicht; die Bläschen trocknen nach 2 bis 
3 Tagen ein, worauf die Genesung erfolgt, wenn nichl in seltenen Aus- 
nahmefällen andere Krankheiten wie Wundrose (nach dem Aufkratzen 



Krankheitsbild der Pocken. 15 

der Bläschen) u. dgl. hinzutreten, die dann wohl auch einmal den Tod 
herbeiführen. 

Als eine besondere Pockenform sind schon von Syden- 
ham, Burserius. de Haen und Seile, aber auch später von 
Heim, Hu Tel and und anderen die Abortivpocken (febris 
variolosa sine variolis) beschrieben worden, bei denen 
dieKrankheit in Genesung verläuft, bevor es zum Exanthem 
kommt. Dass es sich wirklich um Pocken handelte, schloss 
man aus der vorausgegangenen Gelegenheit zur Infection. 
Jedenfalls hat es sich nur um Ausnahmsfälle gehandelt, wenn 
auch unsere neuen Erfahrungen bei anderen Infectionskrank- 
heiten wie Cholera und Diphtherie keineswegs dagegen 
sprechen, dass die Infectionserreger im Kampfe mit den 
natürlichen Widerstandskräften des Körpers unterliegen, und 
die Entwicklung der sonst durch sie verursachten Krank- 
heit unterbrochen werden kann. 

Im Allgemeinen sind die Pocken immer mit ernster 
Gefahr für die von ihnen betroffenen Menschen verbunden 
gewesen. Sie theilen zwar mit anderen Infectionskrank- 
heiten die Eigentümlichkeit, dass sie bald in milderen, bald 
in verderblicheren Epidemien auftreten. Wo immer man 
jedoch statistische Zusammenstellungen aus einzelnen Epide- 
mien hat sammeln können, war der Procentsatz an Todes- 
fällen erheblich. Im Durchschnitt kann man annehmen, 
dass der 6. bis 8., in günstigeren Epidemien der 10. bis 
12. Theil der Kranken dem Tode verfallen ist. Von den 
erkrankten Kindern stirbt oft ein Drittel, und auch bei Per- 
sonen im Alter über 40 Jahre pflegt der Ausgang besonders 
häufig ungünstig zu sein. Die Genesenen aber fühlen oft 
zeitlebens die Folgen der Krankheit. Die meisten beklagen 
die Entstellung ihres Gesichts durch die hässlichen Pocken- 
narben; nicht wenige werden schwerhörig oder taub, einäugig 
oder blind; bei manchen bleiben Lähmungen, Rückenmarks- 
leiden und anderweitiges Siechthum zurück. 

Es ist wohl begreiflich, dass die Aerzte der früheren 
Jahrhunderte die Heimsuchung ihrer Völker durch die Krank- 
heit als eine „Pockennoth" beklagten, und dass noch jetzt 
schon das Erscheinen vereinzelter Fälle von Blattern in der 
Bevölkerung mit Schrecken vernommen und in den Zeitungen 
regelmässig ausführlich erörtert wird. Ist auch der unmittel- 
bare Eindruck der Verheerungen in den früheren Zeiten ver- 



16 Krankheitsbild der Pocken. 

blasst, so haftet doch im Volksbewusstsein bis in die Neu- 
zeit eine dunkle Erinnerung an jene Leiden. Der Name 
jener Krankheit, weicher durch den Impfschutz längst ihre 
Furchtbarkeit genommen ist, hat seinen Schrecken behalten. 



Litteratur 1 ). 

Haeser, Lehrbuch der Geschichte der Medicin. 2. Aufl. Jena 1853. 

Creighton, A history of epidemics in Britain. Cambridge 1891. 

Curschmann, Die Pocken. Ziemssen's Handbuch der acuten Infec- 
tionskrankheiten. Zweiter Theil. Leipzig 1874. 

Leube, Specielle Diagnose der inneren Krankheiten. Leipzig 1898. 

Final report of the royal commission appointed to inquire into the 
subject of vaccination. Appendices. London 1896 u. 1897. 

Woodville, The history of the inoculation of the smallpox in Great 
Britain. London 1796. 

C. \V. Hufeland, Bemerkungen über die natürlichen und geimpften 
Blattern zu Weimar im Jahre 1788. Leipzig 1793. 

J. C. W. Juncker, Archiv derAerzte und Seelsorger wider die Pocken- 
noth. Leipzig 1796—1798. 

C. H. Eimer, Die Blatternkrankheit in pathologischer und sanitäts- 
polizeilicher Beziehung. Leipzig 1853. 



1) Nur die hauptsächlich benutzten Werke sind angeführt. 



Oapitel li. 

Forschungen über Ursprung und Alter 
der Pocken. 



Das Krankheitsbild der Pocken ist so reich an hervor- 
stechenden Merkmalen, dass man erwarten sollte, die Seuche 
in den Berichten der älteren und ältesten Aerzte ohne 
Schwierigkeit wiedererkennen zu können. Das überwiegende 
Auftreten im kindlichen Alter, das Verschontbleiben der be- 
reits einmal Geblätterten, die grosse Ansteckungsfähigkeit, 
der Fieberverlauf, die Kreuz- und Kopfschmerzen, die Art 
des Ausschlags, die zurückbleibenden Narben, die Erblindungen 
sind für die Krankheit durchaus charakteristisch und können 
einem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen: sicher 
wären diese Eigenthümlichkeiten der Seuche auch den 
grossen Aerzten des Alterthums nicht verborgen geblieben, 
wenn die Blattern wirklich schon damals in den europäischen 
Kulturländern geherrscht hätten. Gleichwohl ist es der 
wissenschaftlichen Forschung nicht gelungen, bestimmt nach- 
zuweisen, ob letzteres der Fall gewesen ist. 

Die Frage des Ursprungs der Pocken ist schon in den 
ältesten Darstellungen der Krankheit lebhaft erörtert worden. 
Sie begann später die wissenschaftlichen Kreise besonders 
zu interessiren, seit Hahn und Werlhof gegen die Mitte 
des 18. Jahrhunderts mit grossem Aufwand von Scharfsinn 
und Gelehrsamkeit aus der medicinischen Litteratur der 
Griechen und Römer die Beweise ihrer einander entgegen- 
stehenden Ansichten herzuleiten suchten. Hahn glaubte das 
von den arabischen Aerzten für die Blattern vielfach ge- 
brauchte Wort v av&Qay.tc u in gleicher Bedeutung auch in 

Kubier, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. .> 



18 Ursprung und Alter der Pocken. 

der griechischen Litteratur wiedergefunden zu haben und wies 
in der That nach, dass die Singularform Anthrax dort keines- 
wegs immer nur als Bezeichnung des Karbunkels oder Pest- 
geschwürs gebraucht wird. Werlhof stellte hingegen fest, 
dass Hahn jenes griechische Wort mit Pocken übersetzt 
hatte, wo sicher etwas Anderes damit gemeint war; wenn 
es ihm auch nicht gelang, allen von Hahn citirten Text- 
stellen eine befriedigende Auslegung zu geben, so hielt er 
sich doch zu dem Schlüsse berechtigt, dass die Griechen 
unter den Anthrakes nicht die Pocken verstanden hätten. 
Seitdem ist die Discussion über jene Frage in zahlreichen 
Schriften und grösseren Druckwerken über ein volles Jahr- 
hundert fortgeführt worden. Eine im Jahre 1750 erschienene 
Abhandlung von Violante bezieht sich auf Hippoerates, 
Galen, Aetius und Celsus zum Beweis, dass den alten 
Aerzten die Blattern bekannt gewesen seien. Auf die Seite 
Hahn's traten ferner Triller (1736), Plenciz (1762) und 
Scuderi (1789), während Paulet (1768), Sarcone (1770), 
Dimsdale, Grüner (1782) und Woodville (1796) den 
entgegengesetzten Standpunkt einnahmen. Eisner (1787) 
und Sprengel (1793) zeigten eine unentschiedene Haltung. 
Sehr gediegene Abhandlungen haben Moore (1815), Krause 
(1825), Wem her (1882) über den Ursprung der Pocken 
hinterlassen, und endlich darf auf die sorgfältigen Arbeiten 
von Haeser und Hecker Bezug genommen werden. 

Sieht man von der Veröffentlichung Wer nh er 's ab, dem 
Vermächtnisse eines ärztlichen Jubilars an seine ehemaligen 
Schüler, in welchem der Verfasser seine Forschungen über 
ein ihm persönlich besonders lieb gewordenes Thema nieder- 
gelegt hat, so ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
der Streit über die Herkunft der Pocken nahezu vollkommen 
verstummt. Theilweise wohl, weil die geschichtlichen Studien 
hinter anderen Zweigen der Heilkunde überhaupt zurücktraten, 
und weil gerade auf dem Gebiete der Pocken wichtigere 
Aufgaben, insbesondere die Erforschung und Vervollkomm- 
nung der Schutzpockenimpfung zu Lösen waren, sicherlich 
aber auch, weil Gründe und Gegengründe erschöpft schienen, 
und neues Beweismaterial mangelte. 

Ans allen angeführten Arbeiten und den darin benutzten 
Quellen geht soviel hervor, dass eine uns \oll befriedi- 
gende Darstellung <\rv Pocken in ilrv alten griechi- 
schen und römischen Litteratur nicht zu finden ist. 



Ursprung and Aller der Pocken. I'.' 

Allerdings besitzen wir Krankheitsschilderun gen alter Aerzte, 
welche auf die Blattern angewendet werden könnten; einer 
solchen Auslegung stehen aber gewichtige Bedenken ent- 
gegen. 

Jene Berichte beziehen sich namentlich auf bestimmte 
Epidemien von Seuchen, welche plötzlich über eine Stadt. 
ein Land, ein Volk hereinbrachen, sich mehr oder weniger 
schnell verbreiteten, höchstens eine Reihe von Jahren lang 
ihre Verheerungen fortsetzten und dann wieder verschwanden. 
.Die Aerzte und Chronisten schildern sie als ausserordentliche 
Ereignisse und geben ausführliche Beschreibungen der augen- 
scheinlich vorher nicht bekannten Krankheitssymptome. Dies 
widerspricht den Erfahrungen, welche wir aus späteren 
Zeiten über die Epidemiologie der Blattern besitzen. Wohl 
hat sieh die Krankheit stets bald in grösseren Epidemien, 
bald in geringerer Ausbreitung gezeigt: aber niemals ist sie 
vor Einführung der Schutzpockenimpfung ganz verschwunden, 
wo sie einmal erschienen war. Die Blattern waren durch 
ihre charakteristischen Erscheinungen nicht nur den Aerzten, 
sondern jedermann bekannt. Es bedurfte keiner besonderen 
Schilderung der Seuche in den Chroniken; denn gleich- 
viel mit welchem Namen man die Krankheit bezeichnete. 
über den Begriff der Blattern war niemand in Zweifel. 

Auch tritt in den Beschreibungen des Alterthums nicht 
genügend die Thatsache hervor, dass die als Pocken ge- 
deuteten Krankheiten überwiegend den Kindern verderblich 
waren, während dies doch von jeher und zwar schon in den 
ältesten mit Sicherheit auf die Pocken zu beziehenden ärzt- 
lichen Schriften besonders betont ist. 

Weiterhin ist es auffallend, dass die vermeintlichen 
Blattern nur von einzelnen alten Aerzten beschrieben sind. 
von anderen dagegen, und zwar auch von so hervorragenden 
Autoren wie z. B. Celsus und Aretaeus von Cappadocien, 
nicht erwähnt werden. 

In der gesammten. sei es philosophischen, sei es histo- 
rischen, sei es poetischen Litteratur des Alterthums ver- 
missen wir die Erwähnung pockennarbiger Gesichter, wie 
auch an den alten Bildwerken nirgends Pockennarben dar- 
gestellt sind. Die von Hahn aus den Comödien des Aristo- 
phanes, den Satiren des Horaz und den Institutionen des 
Quinctilian gesammelten Stellen können als Hinweise auf 
Blatternnarben nicht gelten. Es ist aber nicht anzunehmen, 



20 Ursprung und Alter der Pocken. 

dass die Pockennarben bei Beschreibungen geschichtlicher 
Persönlichkeiten in den satirischen Dichtungen, gelegentlich der 
Schilderungen weiblicher Schönheit und den Empfehlungen 
von Verschönerungsmitteln, welche aus der römischen Kaiser- 
zeit mannichfaltig überliefert sind, unbemerkt geblieben wären r 
wenn die Krankheit bereits damals verbreitet war. 

Die Stellen in den alten ärztlichen Schriften, bei deren 
Deutung an die Pocken gedacht werden könnte, hat Krause 
mit grossem Fleiss zusammengestellt. Er widmet zunächst 
den Abhandlungen des Hippocrates ein langes Kapitel, in 
welchem namentlich eine Stelle aus dem IL Buche über 
die Epidemien hervorgehoben und nach Krause's Ueber- 
setzung in folgendem Wortlaut citirt wird: „Während des 
Sommers herrschten die Anthrakes zu Kranon wie bei Ver- 
brennungen von heissem Wasser; diese kamen überall hervor, 
vorzüglich aber auf dem Rücken. Unter der Haut erzeugte 
sich eiterartige Flüssigkeit; so lange diese noch zurückge- 
halten war, erregte sie Hitze und Jucken. Darauf erhoben 
sich Pusteln wie von Verbrennungen und schienen unter der 
Haut verbrannt zu werden." Wiewohl Krause geneigt ist, 
diese Beschreibung auf das Krankheitsbild der Pocken an- 
zuwenden, dürften vielmehr in der Beschränkung der Krank- 
heit auf das thessalische Städtchen Kranon und in dem 
überwiegenden Auftreten der „Anthrakes" am Rücken Be- 
weise des Gegentheils zu sehen sein. Mit dem gleichen 
oder vielleicht sogar besseren Rechte könnte die Schilderung 
des Hippocrates auf eine gewöhnliche Furunkulose bezogen 
werden. 

Ebensowenig erscheint Krause's Annahme genügend be- 
gründet, dass die „attische Seuche", welche zu Lebzeiten 
des Hippocrates im zweiten Jahre des peloponnesischen Krieges 
(4:28 v. Chr.) in Athen ausbrach, die Blattern gewesen 
seien. Mit Bezug auf die ausführliche Darstellung, welche 
Thukyclides von der Krankheit hinterlassen hat, wird diese 
auch als „Pest des Thukydides" bezeichnet. Sie war vorher 
in Aethiopien, Aegypten, Libyen und Persien beobachtet 
worden und erschien dann plötzlich in Athen, wo vorher 
• •in besonders günstiger Gesundheitszustand zu verzeichnen 
gewesen war. Zuerst wurden die Hafenstadttheile betroffen, 
woraus wohl auf eine überseeische Einschleppung ge- 
schlossen werden kann. Dir Krankheit begann stets ganz 
unvermuthet mit heftiger Hitze im Kopf, sowie mit 



Ursprung and Aller der Pocken. 21 

Röthung und Entzündung der Augen. Rachen und Zunge 
wurden blutroth (cä^aiwdtj), der Athcm wurde übelriechend ; 
Niesen, Heiserkeit und Husten, galliges Erbrechen und 
Schluchzen traten hinzu. „Wenn man äusserlich den Körper 
betastete", heisst es in Haeser's Uebersetzung aus Thuky- 
dides, „so war er nicht sehr warm, noch blass, sondern 
massig geröthet, livid (Trefadvdv), bedeckt (s^ijt/O-tjxöc) mit 
kleinen Phlyktänen und Schwären (ßXxsGi). Das Innere aber 
brannte so. dass sie weder dünne Gewänder und Gewebe 
oder sonst eine Bedeckung ertrugen, sondern sich wohl am 
liebsten in kühles Wasser gestürzt hätten." Aus der wei- 
teren Beschreibung geht hervor, dass die Kranken von Durst 
und Ruhelosigkeit geplagt wurden, aber nicht abmagerten. 
Die meisten gingen am 9. oder 7. Tage zu Grunde; andere 
starben später unter unstillbaren Durchfällen, nachdem eine 
heftige Verschwärung im Unterleib (xoilia) eingetreten war. 
Das Uebel fing zuerst im Kopfe an und durchzog dann den 
ganzen Körper, führte auch viel lach zu Verlusten der äusser- 
sten Körpertheile (äxQooTijQicov), insonderheit der Schamtheile 
und der Spitzen der Hände und Füsse. Einzelne büssten 
auch die Augen ein oder verloren das Gedächtniss. Die 
Krankheit war sehr ansteckend, ergriff auch Vögel und vier- 
füssige Thiere, w T elche die unbegrabenen Leichen verzehrten, 
und Hunde, welche mit den Menschen lebten. Dagegen 
wurde Keiner, der von der Krankheit genas, zum zweiten 
Male befallen. Die Seuche nahm nach 2 Jahren an Heftig- 
keit ab, kehrte aber dann nach \ 1 / 2 Jahren mit Einbruch 
des Winters wieder und herrschte noch ein weiteres Jahr. 
Sie raffte 4400 Hopliten, 300 Reiter und eine unbestimmte 
Zahl des übrigen Kriegsvolkes dahin. 

Der Ausschlag bei den Kranken könnte den Gedanken 
an Blattern aufkommen lassen, ist aber doch nur sehr un- 
bestimmt beschrieben. Auch die Ansteckungsfähigkeit der 
Seuche und die Immunität der Genesenen, sowie die Erblin- 
dungen sind Eigenthümlichkeiten der Pocken. Andererseits 
spricht gegen die Annahme dieser Krankheit das vollkommene 
Erlöschen der Seuche nach einigen Jahren, die brandige Ab- 
lösung der äussersten Körpertheile und die Erkrankung von 
Thieren. Ein bestimmtes Urtheil, ob es sich damals um 
eine uns auch in der Gegenwart bekannte Seuche gehandelt 
hat, ist aus der Darstellung des Thukydides nicht herzu- 
leiten. 



22 Ursprung tmd Alter der Pocken. 

Etwa 3 Jahrzehnte nach der attischen Seuche herrschte 
unter den Karthagern während der Belagerung von Syrakus 
(395 v. Chr.) eine Epidemie, „die Pest des Diodor", welche 
ebenfalls aus Lib\ f en kam, sehr ansteckend war, mit Katarrh 
und Geschwulst in der Halsgegend begann, unter Rücken- 
schmerzen und Fieber, mit Dysenterie und Ausschlag ((flvx- 
laivai) am ganzen Körper, Delirien und ünbesinnlichkeit in 
5—6 Tagen zum Tode führte. Krause deutet auch diese 
Krankheit als Pocken, während Haeser mit Recht eine 
sichere Entscheidung über die Art der Seuche nach Diodor's 
Darstellung nicht für möglich hält. Andere Autoren haben 
sowohl in der attischen Seuche wie in der Pest des Diodor 
das Fleckfieber (Typhus exanthematicus) vermuthet. 

In den griechischen und römischen Ueberlieferungen der 
folgenden Jahrhunderte vorchristlicher Zeitrechnung findet sich 
keine Stelle, welche als eine Erwähnung der Pockenkrankheit 
anzusehen wäre. Erst aus der der Geburt Christi folgenden 
Zeit besitzen wir einige Krankheitsbeschreibungen, die viel- 
fach als Zeugnisse der Vertrautheit der alten Aerzte mit der 
Seuche aufgefasst worden sind. So schilderte der jüdische 
Philosoph Philo, der um 40 n. Chr. lebte und zeitweise in 
Rom gefangen gehalten wurde, die im 9. Capitel des 2. Buches 
Mose erwähnte, in Luther's Uebersetzung als „schwarze Blat- 
tern" bezeichnete Seuche als eine Ausschlagskrankheit, bei 
welcher sich mit Eiter gefüllte Phlyktänen bildeten. Die 
Kranken wurden von Schmerzen infolge der Schwärenbildung 
{l'k/MGiQ) und Entzündung gequält, litten aber geistig noch 
mehr als körperlich, aufgerieben von Bekümmernissen. „Denn 
es wird wohl ein einziges zusammenhängendes Geschwür vom 
Kopfe bis zu den Füssen gesehen, indem sich die an Glie- 
dern und Körpertheilen zerstreuten Schwären zu einem und 
demselben Ansehen ausbildeten." 

Nach dieser Beschreibung könnte man allerdings anneh- 
men, dass Philo die confluirenden Blattern gekannt hat; nur 
ist dann nicht verständlich, weshalb er die Krankheit, welche 
im Exodus übrigens nicht näher beschrieben ist und nach der 
dortigen Angabe nicht nur die Menschen, sondern auch das 
Vieh befiel, als eint; merkwürdige, seinen Zeitgenossen augen- 
scheinlich unbekannte Seuche schilderte. 

Grosse Bedeutung ist ferner einem in den 16 ärztlichen 
f3üchern (ßißXia itanr/.ü sxxaidfxa) des Aetius von Amidn 
550 n. Chr.) erhaltenen Bruchstücke einer etwa um 100 



Ursprung und Uter der Pocken. 23 

n. Chr. entstandenen Abhandlung des Arztes Herodotus 
aus Lycien über die Behandlung der Eruptionen in verschie- 
denen Fiebern beigelegt worden. Fs heisst dort nach Hae- 
ser's Uebersetzung: „Im Beginne der Fieber, nicht der ein- 
facheren, sondern der dyskrasischen, erscheinen über den 
ganzen Körper Flecken, ähnlich den durch Flohstiche er- 
zeugten. In den bösartigen und pestartigen Fiebern dagegen 
nehmen diese Ausschläge den schwärigen Charakter an, einige 
werden auch dem Anthrax ähnlich, alJe aber sind Zeichen 
eines verdorbenen Blutes und eines die Gebilde durchfressen- 
den Chymus. Die im Gesichte ausbrechenden Ausschläge 
aber sind die bösartigsten von allen, schlimmer sind ferner 
viele als wenige, und solche, die grösser sind, als die kleinen, 
schlimmer ferner die rasch verschwindenden als die längere 
Zeit beharrenden, schlimmer die, welche brennen, als die, 
welche Jucken erzeugen. Diejenigen aber, welche ausbrechen, 
während der Darm verstopft ist, oder nur massige Durch- 
fälle eintreten, sind günstig. Im Gegenthcil sind diejenigen, 
welche bei heftigem Durchfall und Erbrechen erscheinen, 
schlimm. Wenn aber durch ihren Ausbruch der Durchfall 
beseitigt wird, so ist dies günstig. Es folgen aber auf die 
Exantheme bösartige Fieber, meistens auch Ohnmächten.-' 

Haeser erwähnt aus Herodotus ferner eine Stelle, 
welche zuerst Littre aus einer Pariser Handschrift mitge- 
theilt hat, und welche unvollständig auch bei Paulus von 
Aegina sich findet: „Anthrakcs entstehen aus gewissen epi- 
demischen Ursachen bei der Mehrzahl der Menschen und 
wandern von einem Volke zu dem andern." 

Werlhof hat in eingehender Kritik entschieden be- 
stritten, dass die anthraxähnlichen Ausschläge des Herodot 
die Pocken gewesen seien, während Hahn, Krause und 
auch Haeser gerade auf die Schilderung jenes Autors grossen 
Werth legen. Ohne auf die Gründe und Gegengründe näher 
einzugehen, muss man jedenfalls anerkennen, dass vieles in 
Eterodot's Darstellung auf die Pocken passt; dennoch aber 
könnte man darin höchstens eine sehr unklare Beschreibung 
der Krankheit erblicken, zumal offenbar die verschie- 
densten exanthematischen Krankheiten durcheinander ge- 
worfen sind. 

Es will uns in dev gegenwärtigen Zeit nicht einleuchten, 
dass ein angesehener griechischer Arzt das charakteristische 
Bild der Pocken nicht bestimmt erfasst und aus der Menge 



■2-1 Ursprung und Alter der Pocken. 

anderer, in ihrem Verlaufe doch durchaus abweichender Exan- 
iheme herausgehoben haben sollte. 

Im Jahre 165 brach im Partherkriege unter dem römi- 
schen Heer des Lucius Verus nach der Einnahme von Se- 
leucia am Euphrat eine Seuche aus; nach der Ueberlieferung 
von Ammianus Marcellinus hatten plündernde Soldaten im 
Apollotempel eine Kiste erbrochen, in welche von den Chal- 
däern der Gifthauch der Pest gebannt gewesen war. Die 
Krankheit verbreitete sich über Syrien und Kleinasien, wo 
auch Galen davon betroffen wurde. Schon im Jahre 16(J 
gelangte sie mit den zu Schiff zurückkehrenden Truppen nach 
Rom, worauf sie in Italien rasch um sich griff und derartige 
Verheerungen anrichtete, dass nach Orosius ganze Dörfer und 
Städte entvölkert wurden und den Anblick verlassener Ruinen 
darboten. Das Heer wurde durch die Seuche fast vollkom- 
men aufgerieben, so dass der Kaiser Marcus Aurelius Anto- 
ninus den damaligen Einfällen der Markomannen und Quaden 
gegenüber in grosse Verlegenheit gerieth. Diese in der 
Seuchengeschichte als Antoninische Pest oder Pest des 
Galen oft beschriebene Krankheit zeichnete sich ausser ihrer 
Verderblichkeit besonders durch ihre grosse Ansteckungsfähig- 
keit und die lange Dauer ihres epidemischen Auftretens aus. 
Galen nennt sie %bv ^eyav oder %bv ptanQÖv Xoipov und seufzt: 
„Möchte sie doch einmal aufhören!" (pv tty nori navtitü&ai). 
Mark Aurel selbst starb im Jahre 180 an jener Pest, 15 Jahre, 
nachdem sie zuerst aufgetreten war. Seine Freunde, die er 
an sein Krankenbett berufen hatte, beeilten sich aus Furcht 
vor der Ansteckung, das Zimmer wieder zu verlassen; seinen 
Sohn Commodus schickte er selbst aus gleichem Grunde nach 
kurzem Gespräch wieder hinaus. 

Galen hat von der Krankheit eine genaue Schilderung- 
gegeben; sie war ihm vorher nicht bekannt gewesen; denn 
er vergleicht sie mit der attischen Pest des Thukydides und 
beschreibt die Symptome auch ähnlich, wie dieser Autor. 

Den Beginn bildete eine Entzündung der Mund- und 
Rachenschleimhaut, durch welche der Athcm übelriechend 
wurde. Am 7., 9. oder 10. Tage stellten sich Durchfälle 
ein, zunächst von gelber und rother, dann von schwarzer 
Farbe. Diejenigen, welche entschieden schwarze Galle ent- 
leerten (oo'oi r)>- ()i:y«')uri<;<<f i>)r fii/.ra rar), starben. Bei den 
Ueberlebenden, welche in solcher Weise ausgeleert waren, er- 
schien bei günstigem Verlauf der Ausschlag, von schwarzer Farbe 



Ursprung und Alter der rocken. 25 

und dicht über den ganzen Körper verbreitet, bei den meisten 
schwärenartig, bei allen alter trocken (xal ovtoog rjdi] xexsvco- 
fis'voic /o/c (>mC,}-(>!)cu fjbsXXovßiv t'Sai'U i^tiuu [isXccvci diic 
Tzctvwc iov Gcofiatog älhgöoK a7Tt(fcüvsT0, rolc TtXsiüxoig [i>tr 

kXxwdrj, ttcioi dt 'it]Qcc), Der Ausschlag verschwand bald 
wieder, indem bei der Schwären form das oberste (£ nmoXrjc), 
was man Schorf (tyzXxida) nennt, abfiel, während das übrige 
bereits der Heilung nahe war und nach einem oder zwei 
Tagen vernarbte (snovXovvo). Bei den Andern war der Aus- 
schlag rauh und räudeartig (tqccxv ts yMl ipwQ&feg)] er ver- 
sehwand, indem sich eine Art Schuppe los stiess (otöv u 
Xep.(i,a) 1 worauf Genesung erfolgte. Unter Hinweis auf Thu- 
kydides hebt Galen an anderer Stelle noch besonders hervor, 
dass die Kranken sich äusserlich nicht warm oder brennend 
anfühlten, dagegen von innerlicher Hitze verzehrt wurden. 

Es ist nicht zu leugnen, dass Galen's Beschreibung des 
Ausschlags auf die Pocken ausgezeichnet passt, und dass die 
Antoninische Pest auch durch ihre lange Dauer dem Auf- 
treten der Blattern in späterer Zeit verwandt ist. Die Durch- 
fälle sind eine häufige Compiication der confluirenden Blattern, 
womit die üble Bedeutung der schwarzgalligen (bluthaltigen?) 
Stühle sich erklären könnte. Dagegen fehlen in dem Krank- 
heitsbilde die Kopf- und Kreuzschmerzen und die übrigen 
nervösen Symptome. Das Ausbrechen des Ausschlags ist 
als ein den Durchfällen folgendes Stadium auf den 8. bis 
11. oder auf einen noch späteren Tag verlegt; um die letztere 
Angabe mit dem gewöhnlichen Verlauf der Pocken in Ein- 
klang zu bringen, müsste man unterstellen, dass Galen die 
Entwickelung der Blattern in der Zeit vom 4. bis 8. Tage 
einer besonderen Erwähnung nicht werth gehalten und erst 
den Zeitpunkt vermerkt hat, an welchem die Pocken voll- 
kommen ausgebildet zu sein pflegen. Dann aber ist nicht 
verständlich, dass er das Ausbrechen des Ausschlags als ein 
günstiges, die Genesung einleitendes Krankheitszeichen an- 
sieht; denn mit dem Augenblick, in welchem die Blattern- 
pusteln ihre volle Ausbildung erreicht haben, beginnt mit 
dem Eiterfieber der gefährlichste und qualvollste Abschnitt 
der Krankheit, dessen Beschreibung wir bei Galen ebensowohl 
vermissen, wie einen Hinweis auf die Erblindungen und son- 
stigen nachtheiligen Folgen der Pocken bei den Genesenen. 

In Berücksichtigung dieser von Krause, Haeser und 
Wernher nicht genügend gewürdigten Bedenken kann die 



26 Ursprung und Alter der Pocken. 

viel verbreitete Angabc. dass die Antoriiiiische Pest eine und 
zwar nach Wernher die erste auf europäischem Boden be- 
obachtete Blatternepidemie gewesen sei, als sicher erwiesen 
nicht bezeichnet werden. Noch weniger überzeugend ist eine 
von Haeser citirte Schilderung einer Epidemie aus den 
späteren Lebensjahren des Galen. Die Schwären, welche 
sich damals auf der Haut der Kranken zeigten, waren bald 
erysipelatös, bald phlegmonös, bald herpesartig, bald liehen-, 
Psoriasis- oder lepraartig: bei manchen Kranken wurden sie 
anthraxartig und brandig, in letzterem Falle meist das Leben 
gefährdend. Ausserdem kamen Durchfälle mit Tenesmus 
und Ruhr und mannichfache andere Krankheitserscheinungen 
vor. Es handelt sich, wie Haeser mit Recht bemerkt, 
jedenfalls um verschiedene Krankheiten, die Galen unter 
dem gemeinsamen Begriff der Pest zusammengefasst hat. 

Zu Gunsten der Annahme, dass die Pocken zu Galen 's 
Zeiten zum ersten Male nach Europa gelangt seien, spricht 
vielleicht die Thatsache, dass nicht lange nach der Antonini- 
schen Pest neue Seuchen auftraten, in denen ebenfalls die 
Pocken vermuthet werden können. Schon unter Commodus 
herrschte in den Jahren 188 und 189 in Rom eine grosse 
Epidemie, durch welche an einzelnen Tagen nicht weniger 
als 2000 Menschen umkamen. Damals wie schon früher zur 
Zeit des Domitian (i. J. 92) sollen, wie Dio Cassius er- 
zählt, einige böse Menschen die Krankheit mit kleinen ver- 
gifteten Nadeln eingeimpft haben, was vielleicht als eine In- 
oculation aufgefasst werden kann (ßtlövac ydg [a,ixqccc dmX^- 
rrjqioic ridl (fctQ/jazotc iy/^iovitc, hvisGav dl aviü)V ig sts'qovc 
inl (Jbuf&a) rd öi-ivöv). 

Seitdem folgten viele andere Epidemien von Krankheiten 
die von den alten Geschichtsschreibern gar nicht oder sehr unklar 
beschrieben sind. Hervorzuheben ist vielleichtdievonEusebius 
hinterlassene Schilderung einer Krankheit, welche vomJahre302 
• in in Syrien neben der Pest herrschte, in Form von Schwären am 
ganzen Körper auftrat und bei vielen Tausenden von Männern, 
Weibern und Kindern Blindheit zur Folge hatte. xVllerdin^s 
passt die Beschreibung der Krankheit bei Nicephorus, derzu- 
folgr ein übelriechendes Geschwür auf das andere folgte, 
oder eins das andere nach sich zog, wieder nicht zum Krank- 
heitsbilde der Pocken. Die über die Pest des Justinian, 
welche im 6. Jahrhundert besonders Constantinopel furchtbar 
heimsuchte, erhaltenen Berichte des Prokop, Evagrius u. a. 



Ursprung und Aller der Pocken. 'J7 

erwähnen allerdings, dass die Seuche aus verschiedenen 
Krankheiten zusammengesetzi war (ix dicupogtov voa^fidrwv 
ffvv€xnTo)] was aber Krause aus jenen Darstellungen als 
verrnuthliche Beschreibung der Pocken erwähnt, ist so wenig 
beweiskräftig, dass darüber hinweggegangen werden kann. 

Trutz aller auf das Studium der altgriechischen und 
altrömischen Litteratur verwendeten Mühe ist es nicht ge- 
lungen, mit annähernder »Sicherheit die Annahme zu begrün- 
den, dass die Pocken in den Zeiten des Alterthums in 
Europa bereits bekannt waren. Im günstigsten Falle reicht 
das beigebrachte Beweismaterial aus, um wenigstens die Ver- 
muthung, dass die Seuche schon in der vorchristlichen Zeit 
oder in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt unseren 
Erdtheil heimgesucht habe, als berechtigt erscheinen zu lassen. 
Ob aber diese Vermuthung richtig ist, wird wohl immer eine 
offene Frage bleiben müssen. 

Noch weniger haltbar ist freilich die von Haeser in 
seinen „Historisch-pathologischen Untersuchungen" vertretene 
Auffassung, welche die Vieldeutigkeit in den Beschreibungen 
der alten Aerzte damit erklärt, dass die uns jetzt bekannten 
Hautkrankheiten, Masern, Scharlach, Frieseln, Pocken u. s. w., 
sich allmählich als selbstständige Glieder aus einem gemein- 
samen Urexanthem entwickelt haben und in alten Zeiten 
noch nicht genau von einander unterschieden werden konnten. 
Die neuere Forschung hat ausser Zweifel gestellt, dass die 
Keime der Infectionskrankheiten selbstständige Lebewesen 
sind, die wohl degeneriren oder an Virulenz zunehmen, nie- 
mals aber zu anderen neuen Arten umgezüchtet werden 
können. Aus dem Pestbacillus wird niemals ein Milzbrand- 
baciflus, aus dem Keim der Tuberkulose niemals der der 
Lepra. Ebensowenig können aus Röthein Scharlach, aus 
Masern Pocken geworden sein. Auf welche AVeise die uns 
noch nicht bekannten Keime dieser Krankheiten ursprünglich 
entstanden sind, wissen wir nicht, wie uns auch unbekannt ist, 
auf welche Weise die einzelnen Thier- und Pflanzenarten sich 
bildeten. Diese Vorgänge gehören der- vorgeschichtlichen 
Zeit an. Wenn wir aber für Thicre und Pflanzen annehmen, 
dass ihre Arten entweder von jeher bei uns heimisch 
waren, oder erst in späterer Zeit aus einer älteren Heimath 
zu uns gebracht wurden, so gilt dies in gleicher Weise für 
die Infectionskrankheiten und ihre Keime. 

Sind demnach die Pocken im Alterthum in Europa nicht 



*28 Ursprung und Alter der Pocken. 

bekannt gewesen und erst später dort eingeschleppt worden, 
so müssen sie doch in fernster geschichtlicher Zeit bereits 
an anderer Stelle" geherrscht haben. In der That wird auch 
in allen der Geschichte der Pocken gewidmeten Werken be- 
richtet, dass die Seuche schon ein Jahrtausend und mehr 
vor Christi Geburt in China und Indien bekannt gewesen 
ist. Leider sind die Belegstellen aus den altchinesischen 
und altindischen Ueberlieferungen nirgends in genügender 
Ausführlichkeit wiedergegeben. Auch Moore, welcher diese 
Frage am sorgfältigsten erörtert hat und darin am häufigsten 
als Gewährsmann citirt wird, beschränkt sich darauf, seine 
Quellen zu bezeichnen und die Ergebnisse seiner Studien 
mitzutheilen. Er findet in einem Werke „Memoires concer- 
nant l'Histoire, les Sciences etc. des Chinoises par les Missio- 
naires de P.ekin" eine vom Kaiserlichen Collegium der Me- 
dicin zum Gebrauch der chinesischen Aerzte verfasste 
Denkschrift „Tiu-Aschin-fa" oder „Aus dem Gedächtniss 
niedergeschriebene Abhandlung 1 ) über die Pocken". Darin 
wird die Krankheit „Teh-tu", d. i. "Gift von der Mutter- 
brust" , genannt und das Fieber, die Entwicklung, Eiterung, 
allmähliche Abflachung und Eintrocknung der Pusteln be- 
schrieben. Es findet sich ferner die Angabe, die Seuche sei 
unter der Dynastie Tschi-Hu (1122 v. Chr.) nach China ge- 
langt und seit der Dynastie Ssong (590 n. Chr.) mit der 
Inoculation bekämpft worden. Jenes chinesische Werk stützt 
sich angeblich auf uralte Schriften, was wohl möglich er- 
scheint, da gerade die Werke über Heilkunde neben denen 
über Ackerbau, Rechtspflege und Naturwissenschaften aus den 
ältesten Zeiten erhalten geblieben sind, während alle anderen 
Bücher im Jahre 246 v. Chr. auf Befehl des damaligen 
Kaisers Schi-Hoang-Ti verbrannt werden mussten 2 ). Ferner 
hat der auch von Moore erwähnte Jesuit d'Entrecollcs nach 
einer von Krause angeführten Schrift (Medical essays and 
observations, publ. by a society in Edinbourgh. Vol. I. 1747) 
aus anderen Quellen das hohe Alter der Krankheit bestätigt 



1) Die in den deutschen Werken verbreitete Bezeichnung „Herzens- 
traetat" isl <'ine unrichtige Uebersetzung der Worte „Treatise from the 
1 1 . ■ ; 1. 1 - 1 - - bei .Moore. 

2) Hisloi're ot'-n t'r.i !<• de La Chine par .los. \. M. de Mai IIa. 
Paris L785. Citirl bei Moore. 



Ursprung und Ahn- der rucken. 29 

und die [noculation der Chinesen beschrieben. Endlich ein- 
nimmt Moore einigen Werken jesuitischer Missionare die An- 
gabe, dass die Chinesen eine Gottheit verehren, welcher Macht 
über die Pocken gegeben sein soll. Er sieht dies als einen 
Beweis dafür an, dass die Seuche schon wenigstens 300Ü 
Jahre vor Christi Geburt in Ostasien heimisch gewesen sei. 

Für Japan fällt die älteste Nachricht über das Auftreten 
der Blattern, welche Kempfer dort bei einer Reise im 
Jahre 1(>90 in einer alten Chronik fand und in seinem Ge- 
schichtswerke über jenes Land verwerthete, in das 13. Jahr 
der Regierung des Königs Sianu (737 n. Chr.). Leider haben 
Moore bezw. Kempfer eine nähere Beschreibung der Krank- 
heit nicht mitgetheilt, so dass es nicht sicher ist, ob wirklich 
die Pocken mit der Seuche gemeint waren, welche der Chronik 
zufolge in jenem Jahre allenthalben im Reiche grosse Sterb- 
lichkeit verursachte. Aus dem Wortlaut der Chronik geht 
jedenfalls hervor, dass die fragliche Krankheit damals in 
Japan nicht neu war. 

Leber das Alter der Pocken in Indien besitzen wir nur 
dürftige Nachrichten. In dem bedeutendsten der Sanskrit- 
werke, dem Ayur-Veda des Süsrutas finden sich nur 2 Stellen, 
welche allenfalls als eine Beschreibung der Blattern gedeutet 
werden könnten und in der lateinischen Uebersetzung He ss- 
ler ; s folgendermassen lauten: „Igne cpuasi combusti tumores, 
febriles, a sanguine bileque orti alieubi aut ubique in corpore 
commemorati, pustulae sunt." — „Aestu et febre affeetae 
maculae et pustulae fiavidae in membris et ore intus digno- 
scendae sunt. Hae variolae sunt." Hessler erwähnt, dass 
die Krankheit an der ersten Stelle Visp'hotaka, an der zweiten 
Masürika genannt wird, und bemerkt, dass seine Uebersetzung 
mit „Variola" sich nur auf Vermuthung gründet. 

Bezüglich der Behandlung der „pustulae" (visp'hotä) 
werden an anderer Stelle des alten AVerkes die gleichen Vor- 
schriften gegeben, wie für ..corrupta uicera", „capitis morbi" 
und „ooetio facie't". Unter den durch Dämonen erzeugten 
Krankheiten findet sich keine auf die Pocken passende Be- 
schreibung. Auch wird die gleich zu erwähnende indische 
Pockengöttin dort nicht genannt. 

Moore verdanken wir interessante Erzählungen über 
religiöse Lehren und Sagen der Indier, weiche sich auf die 
Pocken beziehen. Er entnimmt einem Werke von Sonnera t 



30 Ursprung und Alter der Pocken. 

„Voyages aux Indes Orientales et a la Chine par ordre da 
Roi depuis 1774 jusqu'an 1781" die Mittheilnng, dass die 
Indier eine Göttin Mariatale als Pockengottheit verehren. Die 
Sage erzählt, dass Mariatale zur Strafe für ein Vergehen auf 
Befehl ihres Gatten Schamadaguini enthauptet worden war. 
Letzterer wurde jedoch durch die Trauer seines Sohnes Para- 
purama gerührt und gestattete diesem, den Körper wieder 
zusammenzusetzen und neu zu beleben. Versehentlich setzte 
Parapurama seiner Mutter den Kopf eines Mörders auf, worauf 
diese von ihrem Hause vertrieben wurde und überall verab- 
scheuungswürdige Grausamkeiten beging. Schliesslich wurde 
ihr zu ihrer Besänftigung die Macht der Pockenheilung ge- 
geben und das Recht verliehen, in dieser Seuche angebetet 
zu werden. Mariatale ist die angesehenste Göttin der Parias. 
Ihr zu Ehren werden grosse Feste veranstaltet und schreck- 
liche Kasteiungen vorgenommen. 

Der niederländische Geistliche Baldaeus nennt in seinem 
Werke „A true and exact description of the East India coast 
by Philipp Baldaeus, about the year 1664" die Pockengöttin 
Patragali. Sie hat 8 Gesichter und 16 Arme und zeigte sich 
sehr rachsüchtig. Ihren Vater Ixora befreite sie von einem 
furchtbaren Ungeheuer; das ihr dafür vom Vater dargebrachte 
Opfer eines seiner Finger und einer grossen Schüssel seines 
Blutes genügte ihr nicht; im Zorn warf sie ihm einige Perlen 
ihrer goldenen Halskette in's Gesicht, worauf dort zahlreiche 
Papeln (pimples) entstanden. Die Indier glauben, dass sie 
die Pocken sendet. Ihr Name und die Formen ihrer Ver- 
ehrung sind nach einer Mittheilung des englischen Arztes 
Holwell aus dem Jahre 1767 in dem uralten heiligen Buche 

\iiharva Veda erwähnt. 

Moore beschreibt nach der Erzählung eines Augenzeugen 
eine Art dramatische Vorstellung, welche in Benares zu 
Ehren der Pockengottheil abgehalten wurde und jedenfalls 
auf alten Gebräuchen beruht. Er giebt auch eine Abbildung M 
einer solchen Vorstellung nach einer indischen Originalzeich- 
nung. Die Pockengöttin erhebt mit beiden Händen gezückte 
Dolche. Vor ihr stehen ihre Helfer, von denen 2 in rothen, 
grinsenden Masken Schilder und Schwerter schwingen. Von 
den Leibern der Anderen gehen weisse Strahlen ans, welche 

lie Ansteckung versinnbildlichen. Rechts von ihnen stehen 

l Verel. s. 31. 



I Irspvung und Mut der I 'ockcn. 



31 




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32 Ursprung und Alter der Pocken. 

Männer, deren Körper dicht mit Blattern besät sind. Sie 
tragen Glocken am Gürtel und schwingen schwarze Federn 1 ). 
Ihnen voraus zieht eine Musikbande mit Trommeln, welche 
die Gnade der Göttin anruft. Auf der anderen Seite der 
Göttin nahen sich Männer, Kinder und Frauen mit Dank- 
opfern, weil sie von der Krankheit verschont geblieben sind. 

Moore nimmt an, dass die Blattern schon in sehr alter 
Zeit in Indien geherrscht haben und die Seuche waren, welche 
das Heer Alexanders ■ des Grossen vernichtete. Er glaubt 
jedoch, dass die Krankheit im Alterthum sich aus Asien 
nicht nach Westen verbreitete, und erklärt dies damit, dass 
bei ihrem Auftreten die betroffenen Häuser und Ortschaften 
von den gesund gebliebenen Bewohnern sofort verlassen 
wurden, and die Seuche daher beschränkt blieb. Ferner 
hebt er den geringen Umfang des Verkehrs im Alterthum, 
die lange Dauer der Reisen und die weiten Wüstenstrecken 
zwischen den alten Culturländern Asiens und Europas hervor. 

Andererseits verzeichnet Moore selbst die Thatsache, 
dass die portugiesischen Indienfahrer im 16. und 17. Jahr- 
hundert an der Westküste Indiens sowie in Ceylon und Java 
nirgends die Pocken antrafen, und dass die spätere Verbrei- 
tung der Seuche in jenen Landestheilen einer Einschleppung 
durch ihre Schiffe zugeschrieben worden ist. 

In den Ueberlieferungen aus den alten Culturländern 
West-Asiens und Afrikas fehlen Hinweise auf die Pocken 
gänzlich. Die bereits erwähnte, von Philo erläuterte Stelle 
im 2. Buch Mose und andere Stellen des alten Testaments, 
in welchen die hebräischen Krankheitsnamen mit „Blattern" 
übersetzt zu werden pflegen, sind für die Pockenforschung 
nicht zu verwerthen, weil die daselbst verzeichneten Seuchen 
nicht näher beschrieben sind. Das Gleiche gilt von der Er- 
wähnung der Pocken in den egyptischen Papyrusrollen; in 
Ermangelung bestimmterer Mittheilungen über die Art der 
dorl berichteten Krankheiten, ist es unmöglich zu beurth eilen, 
ob unter diesen wirklich die Blattern zu verstehen sind. 

So ist die älteste Geschichte der Pocken überall in 
Dunkel gehüllt. Wir glauben die Seuche unter den Krank- 
heiten, von denen Ueberlieferung und Sage berichten, wieder 



1; Sollte das Dich! auch auf aussätzige bezogen werden können, die 
a auch in Europa früher Schellen tragen mussten? \nm. des Verfassers. 



Ursprung und Alter der Pocken. '■>'.'> 

zu erkennen; aber je mehr wir unseren Blick schärfen, um 
ihr Bild klar zu erfassen, um so sicherer verschwimmen die 
Umrisse wieder im Nebel. Erst im Mittelalter tritt uns die 
Krankheil in ihrer charakteristischen Gestalt unverkennbar 
entgegen. 



Litteratur. 1 ) 

Werlhof, üisquisitio medica et philosophica de variolis et anthraeibus 

ubi de utriusque affectus antiquitatibus signis difl'erentiis medelis 

disserit Paul Gottlieb Werlhof. Hannover 1735. 
Yiolante, De variolis et morbülis traetatus pliysico-mechanicus. 

Dresden 1750. 
Moore, The history of the smallpox. London 1815. 
Krause, Ueber das Alter der Menschenpocken und anderer exanthema- 

tischer Krankheiten. Hannover 1825. 
Wem her, Das erste Auftreten und die Verbreitung der Blattern in 

Europa bis zur Einführung der Yaccination. Giessen 1882. 
Süsrutas Ayurvedas. Herausgegeben von Hessler. Erlangen 1844. 
Haeser, Historisch -pathologische Untersuchungen. Erster Theil. 

Dresden und Leipzig 1839. 
Ausserdem die im Litteraturverzeichniss zu Capitel I angeführten Werke 

von Haeser, Creighton und Woodville. 



1) Vergl. die Anmerkung zudenLitteraturangaben im ersten Capitel. 
welche auch für die späteren Literaturverzeichnisse gilt. 



Kllbler, Geschichte d. Pocken u. d. Impfun 



Capitel III. 

Die Pocken im Mittelalter. 



Die erste sichere Kunde über die Pocken findet sich in 
arabischen Quellen. Zunächst begegnen wir allerdings auch 
hier Erzählungen, welche in das Reich der Fabel gehören. 
Denn die Entstehung der Seuche wird mit einem göttlichen 
Wunder in Verbindung gebracht und gilt als die Ursache der 
Errettung des Heiligthums Kaaba in Mekka vor einem mäch- 
tigen Feinde. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer 
arabischer Schriftsteller — El Wagidi, Abd el Melik ben 
Hischam, El Harnisy und des etwas späteren Chronisten 
Masudi — unternahm der abessynische Fürst und Statthalter 
von Temen, Abrehah im Geburtsjahre Mohammeds (571 n. 
Chr.), einen Kriegszug, um zur Sühne für die Schändung 
christlicher Heiligthümer die Kaaba zu vernichten. Seinem 
Heere standen in Mekka wenige Vertheidiger gegenüber; aber 
als er in die Stadt einreiten wollte, kniete sein Elcphant 
nieder und war auf keine Weise vorwärts zu bringen. Zu- 
gleich kamen vom Meere her wunderbare Vögel mit Namen 
Ababil (<\. i. die persische Bezeichnung der Blattern;; sie 
hatten schwarze oder grüne Flügel und weisse oder gelbe 
Schnäbel; aus ihren Klauen Hessen sie auf die abessynischen 
Streiter erbsengrosse Steine fallen; diese durchbohrten die 
Rüstungen und vernichteten das ganze Heer; Abrehah ent- 
kam, wurde jedoch auf der Flucht von einem der Vögel 
verfolgl und ebenfalls mit einem Steine getroffen, als er dem 
Kaiser von Abessynien das Schicksal seiner Truppen berichtete. 
Er starb an einer furchtbaren pestartigen Krankheit, durch 

he seine Glieder verfaulten. 



Pocken im Mittelalter. 35 

Auf dieses Ereigniss, den sogenannten Elephantenkrieg, 

beziehl sich auch folgende Stelle des Koran: „Hast Du nicht 
gesehen, wie Dein Gott den Reitern der Elephanteu that? 
Wandelte er nicht ihren treulosen Anschlag in Verwirrung 
und sandte gegen sie Schaaren von Vögeln, welche Steine 
von geformtem Lehm auf sie warfen und sie vernichteten, 
wie Aehren, die von den Thicren zertreten werden?" 

Wahrscheinlich war die Seuche, welche das abessynischc 
Heer vernichtete, wirklich mit den Blattern identisch. El 
Hamisy fügt seiner Erzählung hinzu: „Dies geschah zu der 
Zeit, als Pocken und Masern in Arabien ausbrachen und fast 
das ganze Heer Abresah's 1 ) aufrieben." Masucli schreibt: 
„In diesem Jahre erst erschienen zum ersten Male in Ara- 
bien die Pocken und Masern (Al-hasbe), das Nawasel (wahr- 
scheinlich eine Ausschlagskrankheit) und die Kynanthropia 
AI Kalab), von welchen Krankheiten einige schon früher bei 
den Israeliten vorgekommen waren, aber Arabien bis dahin 
niemals heimgesucht hatten." 

Allerdings fehlt in den hier erwähnten Berichten eine 
den Namen Blattern erläuternde Schilderung der Seuche. 
Aber wenige Jahrzehnte später erschien in Alexandrien die 
erste wissenschaftliche Abhandlung, in welcher die Pocken 
beschrieben sind. Leider ist dieses Werk des Arztes Aaron, 
der unter der Regierung des Heraclius in Alexandrien als 
Zeitgenosse Mohammeds (f 632) lebte, verloren gegangen. 
Es wird jedoch in der gleich zu besprechenden Schrift des 
Rhazes über Blattern und Masern als eine Veröffentlichung 
über denselben Gegenstand erwähnt. Die betreffende Stelle 
bei Rhazes lautet: „Nach Aaron sind die Pocken günstiger 
zu beurtheilen, wenn sie weiss und roth sind; bösartige 
Pocken sind grün und schwarz, und später saff ran färben: 
wenn die Pocken und Masern deutlich erscheinen und das 
Lieber abnimmt, ist dies ein gutes Zeichen; die aber, welche 
auf der Höhe des Fiebers (in furore febris) erscheinen, sind 
tödtlich. Und wenn die Blattern zu erscheinen beginnen, 
muss man sich vor abkühlenden Mitteln hüten, weil sie sonst 
in den inneren Organen zurückgehalten werden, vielmehr ist 
der Saft von Fenchel und Sellerie zu geben, damit sie nach 
aussen gezogen werden; auch lasse man mit Abkochungen 
von Linsen und Sumach gurgeln, damit im Munde und in der 



1) Hamisys Schreibweise des Namens. 



36 Pocken im Mittelalter. 

Kehle nichts Schädliches entsteht. Und wenn die Blattern 
verzehrt sind (digestae), soll der Kranke auf Keisraehl liegen 
und Bähungen von Myrthen- und Olivenblättern erhalten, so 
werden sie eintrocknen." Aaron's Arbeit folgten andere 
AVerke über die Pocken, von denen 2, welche den Georgius 
Bachtisua, Leibarzt des Kalifen Almansor (Ende des S.Jahr- 
hunderts) und Mesue den jüngeren, Leibarzt Harun al Ra- 
schids (Anfang des 9. Jahrhunderts) zn A 7 erfassern haben, 
bei Rhazes citirt sind. 

Ferner hatten die Kalifen Jesid (f 683) und AValid (j 714) 
nach geschichtlichen Ueberlieferungen x ) Blatternnarben im Ge- 
sicht, und Kalif AI Saffahus starb im Jahre 750 an den 
Pocken. 

Dass die Pocken unter den Arabern schnell eine allge- 
meine Verbreitung gefunden haben, darf als sicher erwiesen 
angesehen werden. Die erste uns erhalten gebliebene Ab- 
handlung, in der die Krankheit genau beschrieben ist, enthält 
ein Capitel mit der Ueberschrift „de febre variolarum, quae 
fere omnibus accidit." Dieses Werk befindet sich in der 
lateinischen Uebersetzung von Andreas Turrinus: „Isaaci 
Israeliti Salomonis Arabiae Regis filii adoptivi opera omnia. 
Latin, reduct. Andr. Turrin. Piscien. Lugd. 1516" in der 
Collectio Veneta de febribus. A^enet. 1594" und führt den 
Titel: „de febribus". Ein Manus.cript davon befindet sich auch 
in der Mainzer Stadtbibliothek. Der Verfasser, von Rhazes 
als Isaac Judaeus wiederholt citirt, lebte im 9. Jahrhundert, 
und zwar zunächst als Augenarzt in Aegypten, später in 
Alauritanien. zuletzt zu el-Coreiwän im Dienste des x\bu 
Muhammed cl Mahdi (Haeser). Isaa'c unterscheidet als 
strenger Humoralpathologe 4 Arten der Pocken: „Sed variolae 
quatuor modis sunt: aut de puro sanguine, aut phlegmatico, 
aut cholerico, aut melancholico." Er beschreibt die Blattern 
bereits als eine Kinderkrankheit: denn die Pocken .sind 
nach seiner Lehre ein Naturvorgang, durch welchen der kind- 
liche Körper sich der im Fötalzustande aufgenommenen schäd- 
lichen Stoffe aus dem Menstrualblut, nach damaliger Ansicht 
■ Irr Nahrung des Embryos, entledigt. Zur Beförderung dieses 
seiner Meinung nach heilsamen Processes empfiehlt er das 
Einnehmer warmer und flüssiger Arzneien, während er von 



]) Histor. Saracen. Elmacin. Erpin. , citirl bei Moore. Abu] 
pharag. Dyn. Pocock, ebendas. citirt. 



Pocken im Mittelalter. 37 

kalten Arzneien befürchtet, dass sie die schädlichen Flüssig- 
keiten einschliessen und einfrieren würden (humores claudai 
et congelat). 

Auch in den erhalten gebliebenen Werken Serapion's 
des älteren, der gegen Ende des 9. Jahrhunderts als Zeit- 
genosse des Rhazes lebte, sind die Pocken beschrieben. Er 
weist u. a. auf die Gefahr hin, dass die Augen von den 
Pusteln ergriffen werden. 

Der bekannteste Pockenschriftsteller der älteren Zeit ist 
jedoch Rhazes, mit seinem vollen Namen Abu Bekr Mu- 
hammed Ben Zakarijja el-Räzi, von seinen Landsleuten auch 
der arabische Galen genannt. Er wurde etwa um 850 zu 
Raj in der persischen Provinz Chorasan geboren und starb 
im Alter von 70 — 80 Jahren, nachdem er lange Zeit das 
Krankenhaus zu Bagdad geleitet und als Arzt sowohl wie 
als Philosoph und Schriftsteller einen hervorragenden Ruf 
genossen hatte. Sein Werk „de variolis et morbillis" galt 
den Aerzten früherer Jahrhunderte als eine Musterleistung. 

Aus jener Schrift ergeben sich die wichtigen 
Thatsachen, dass die Pocken (arabisch dschedrij) 
und die Masern (hasbah) schon zur Zeit des Rhazes 
Kinderkrankheiten waren, dass fast Jedermann ein- 
mal diese Krankheiten durchmachen musste 1 ), und 
dass ein zweimaliges oder mehrfaches Befallensein 
derselben Personen zu den Seltenheiten gehörte. 

Unter Verwerfung der Theorie Isaacs sieht Rhazes in 
den Pocken und Masern ein Stadium des Gährungsprocesses 
im Blute. Aehnlich wie junger Wein muss seiner Lehre nach 
das Blut eine Gährung durchmachen; in der Jugend ist es 
heiss, flüssig und in Wallung; im Mannesalter hat es sich 
gesetzt und Kraft gewonnen; im Greisenalter ist es abge- 
kühlt und dem Essig vergleichbar. Die Exantheme sind die 
natürliche Folge der Gasentwickelung im brausenden jugend- 
lichen Blul. 

Die Ausnahmefälle, in denen Pocken und Masern bei 
demselben Menschen zum zweiten Male auftreten, werden 
damit erklärt, dass der Gährungsprocess infolge irgend welcher 
Störungen bei der ersten Erkrankung nicht zu Ende geführt 
worden sei. 



1) In der Ueberschrift des ersten Capitels heisst es: Quare fiat, ut 
has non effugiat, nisi unus et alter ex hominibus. 



38 Pocken im Mittelalter. 

In der Beurtheilung der Schwere des einzelnen Falles 
schliesst sich Rhazes im Wesentlichen den Ansichten Aaron's 
an. Den Hauptinhalt des Buches bilden therapeutische Vor- 
schriften. Im Beginne werden Blutentziehungen, kalte Bäder, 
eiskalte Getränke, flüssige Kost, vegetabilische Diät und 
Fruchtsäfte empfohlen, Wein und Fleisch dagegen verboten. 
Bei Beginn des Fiebers sollen entweder Narkotika, wie Opium 
oder Schierling, gegeben oder reichliche Blutentziehungen an- 
gewendet, kühlende Arzneien genommen und grosse Mengen 
kaltes Wasser getrunken werden. Sobald jedoch der Aus- 
schlag sich zeigt, ist dessen Hervorbrechen durch feuchtwarme 
Packungen und Bähungen zu fördern; nur von Zeit zu Zeit 
darf dann noch etwas kaltes Wasser gegeben werden. Mannig- 
fache örtliche Mittel werden zur Heilung der Geschwüre, zur 
Vermeidung ausgedehnter Narben und zum Schutz der Augen 
empfohlen. 

A 7 iel bemerkt worden ist eine Stelle im Beginne der Ab- 
handlung, an welcher Rhazes seine Ansicht ausspricht, dass 
schon Galen die Blattern gekannt habe; der Zusatz, wer dies 
bezweifle, habe Galen nicht gelesen oder seine Werke nur 
flüchtig durchblättert, zeigt jedoch, dass schon zur Zeit des 
Rhazes die Meinungen hierüber getheilt waren. Die von 
Rhazes angeführten Citate aus Galen sind übrigens keines- 
wegs beweisend; sie bestehen lediglich in einzelnen Sätzen, 
in welchen Rhazes das griechische Wort ävÖQaxsc mit Blat- 
tern übersetzt, enthalten aber keine Schilderung der Krank- 
heit. Auch schreibt Rhazes, er habe sich gewundert, dass 
Galen nichts über die Behandlung dieser so verbreiteten und 
so des ärztlichen Eingreifens bedürftigen Krankheit hinter- 
lassen habe. 

Weitere arabische Schriftsteller, welche über die Pocken 
geschrieben haben, sind Haly-Abbas (um 950 n. Chr.), 
Algazirah (920 — 1004) und besonders Avicenna, niil 
-i inem vollen Namen nach Haeser Abu Ali el Hosein Ben 
Abdallah Ben-el Hosein Ben Ali el-Scheich el Reis 1 ) Ibn 
Sina (980 — 1037). Avicenna war zu Buchara in der per- 
sischen Provinz Chorasan geboren und gelangte nicht um 
als Arzt, Philosoph und Mal.hemaiiker zu hohen Khren, son- 
dern spielte vorübergehend auch als Grossvezier des Sultans 
Magdeddulai in Ispahan eine politische Kollo. Sein grösstes 



I) Scheich e] Reis beisl deutsch: Fürst der Merzte 



Pocken im Mittelalter. •'>'•> 

medicinisches Werk ist der Canon medicinae (El Kamm lil 
tebb), in dessen 4. Buch die Fieberlehre und dabei auch die 
Pocken und Masern behandelt weiden. Avicenna nimmt 
wie seine Vorgänger an, dass die Blattern aus einem mir 
dem Menstrualblut aufgenommenen angeborenen Pockenstoff 
entstehen, hat jedoch zugleich die Contagiosität der Krank- 
heil erkannt und sieht in dem Contagium das Ferment, durch 
welches die Krise des Menstrualblutes ausgelöst wird. Er 
trennt die Pocken scharf von den Masern als be- 
sondere Krankheit; die günstige prognostische Bedeutung 
der einzelstehenden diskreten Blattern gegenüber den con- 
tluirenden hebt er besonders hervor; wie schon von Rhazes, 
wird auch von Avicenna die Möglichkeit einer mehr- 
maligen Erkrankung derselben Person in Ausnahmefällen 
zugegeben. Die wesentlichsten Heilmittel des Avicenna 
sind Blutentziehungen und Schwitzkuren. Am 7. Tage sollen 
die reifen Blattern mit einer goldenen Nadel geöffnet werden. 

Ausführliche Erwähnung finden die Pocken ferner in 
den AVerken des Avenzoar, der im 11. und 12. Jahrhundert 
in Spanien lebte und u. a. ein Buch „Altheisir", d. i. Faci- 
litatio s. adjumentum und eine Abhandlung „de febribus'-' 
hinterlassen hat. Auch er glaubt, dass die Pocken auf einer 
Ausscheidung der schädlichen Stoffe beruhen, die der Fötus 
aus dem zu seiner Nahrung bestimmten oder doch in den 
Poren seines Fleisches enthaltenen Menstrualblut mit auf die 
Welt bringt. Nach Rhazes Vorgang warnt er vor dem Honig, 
aber nicht wegen der von jenem gefürchteten gährungserre- 
genden Eigenschaften, sondern weil er selbst als Kind in 
einer Pockenerkrankung die nachtheiligen Folgen des Honig- 
genusses durch besonders ernsten Verlauf der Krankheit em- 
pfunden zu haben glaubt. 

Auch bei den späteren arabischen Aerzten, wie Averroes 
und anderen sind die Pocken vielfach beschrieben, ohne dass 
dort neue Thatsachen erwähnt werden oder neue Avissen- 
schaftliche Auffassungen hervortreten. Die Pocken waren 
gegen Ende des ersten Jahrtausends unserer Zeit- 
rechnung überall, wo der Islam herrschte, bekannt 
und allgemein verbreitet, und zwar nicht nur in den 
afrikanischen und asiatischen Ländern, sondern 
auch im europäischen Spanien. 

Unter solchen Verhältnissen konnte es nicht ausbleiben, 
dass die Seuche sich auch im christlichen Europa verbreitete, 



I 

4:0 Pocken im Mittelalter. 

dessen Völker ja im Krieg wie im Frieden den mannigfachsten 
Berührungen mit den Sarazenen und Mauren ausgesetzt waren. 
Indessen scheinen die Blattern schon vor der Begründung 
des Islam im Abendlande geherrscht zu haben. Krause 
und Haeser vermuthen, dass es sich bei der Pest des 
Justinian, welche in ihrer letzten Periode mit dem Elephanten- 
krieg zeitlich zusammenfiel, um dieselbe Krankheit gehandelt 
hat, welche das abessynische Heer vor Mekka vernichtete. 
Zu derselben Zeit traten auch im heutigen Frankreich Seuchen 
auf, welche in ihrer Art sehr an Blatternepidemien erinnern. 
Nachdem sich dort laut einem Bericht von Sigb er t von 
Gemblours schon im Jahre 541 „malae valetudines cum 
pustulis et vesicis" gezeigt hatten, erschien in den Jahren 
570 und 571 eine ähnliche Krankheit. Der Bischof Marius 
von Avenches 1 ) (Lausanne) schreibt darüber: „A. 570. Hoc 
anno morbus validus cum profluvio ventris et Variola Italiam 
Galliamque afflixit. — A. 571. Hoc anno infanda infirmitas 
atque glandula, cujus nomen est pustula, in snpra scriptis 
regionibus innumerabilem populum devastavit". Die Be- 
zeichnung Variola ist hier zum. ersten Male gebraucht 
und findet sich in den Schriften der nächstfolgenden Jahr- 
hunderte zunächst nicht wieder. Moore vermuthet, dass die 
Worte „et Variola" erst in späterer Zeit von einem Ab- 
schreiber hinzugefügt sind, wohingegen Wernher in der That- 
sache, dass das Wort Variola ohne nähere Erklärung ge- 
braucht ist, gerade einen Beweis dafür erblickt, dass die 
Pocken damals schon allgemein bekannt waren. Der letztere 
Autor citirt auch aus einer anderen Quelle statt des Wortes 
„glandula" die Bezeichnung „grandula" und hält die Seuchen 
beider Jahre 570 und 571 für Pocken. Eine Stütze erfährt 
die letztere Annahme durch die Berichte des Bischofs Gregor 
von Tours über Epidemien, welche bald nach jener Zeit auf- 
traten. Einige davon gehörten der Beulenpest an, welche 
Gregor ,,clades inguinaria" nennt und anschaulich beschreibt: 
'ine andere Seuche, welche im Jahre 580 auftrat, Schilden 
<t wie folgt: „Denn während die Könige haderten und wieder 
zum Bürgerkrieg rüsteten, überzog eine (die?) dysenterische 
Krankheil fast ganz Gallien. Bei den Kranken bestand 
starkes Fieber mit, Krb rec heu und heftiger kreuz- 



1; Marii Aventicensis Episc. Chronic, in Bouque 
T. II. p. 18. 



Pocken im Mittelalter. 41 

schmerz (renumque nimius dolor), Schwere im Kopf oder 
Nacken. Was sie aus dem Munde auswarfen, war gelb- 
lich (croceus) oder geradezu grün (certc viridia, also galliges 
Erbrechen); viele hielten es für ein verborgenes Gift. Aber 
das Volk nannte es „Coralis 1 ) pusculas" (rusticiores vero 
Coralis hoc pusculas nomiuabant): dies ist nicht unglaub- 
würdig, weil viele, denen Schröpfköpfe auf die Schulterblätter 
oder Schenkel gesetzt waren, während der Entwickclung 
und des Ausbruchs der Blasen (vesicis = Blattern?) 
durch das ausgeflossene Blut (decursa sanie) befreit wurden. 
Aber auch Heilkräuter gegen Trifte, welche im Getränk ge- 
nommen wurden, brachten Vielen Schutz. Nachdem diese 
Krankheit zuerst vom Augustmonat an begonnen hatte, 
raffte sie die kleinen Knaben und Mädchen (parvulos 
adolescentes) durch den Tod dahin. Wir verloren die 
süssen und uns lieben Kindlein, die wir auf dem Schoosse 
gewiegt und in den Armen geschaukelt hatten" u. s. w.. An 
dieser Seuche starb Austrigild, die Königin von Burgund. 
Auf ihren Wunsch liess ihr Gatte Guntram ihre Aerzte hin- 
richten. Ihre Leiche wurde schwarz, als wenn sie auf 
glühenden Kohlen gelegen hätte. Ferner erlag der Seuche 
ein Sohn König Chilperichs, nachdem Chilperich selbst und 
sein jüngstes Kind sie glücklich überstanden hatten. Einige 
andre Citate aus Gregor von Tours lauten folgendermaassen : 
Im Jahre 582 herrschte wiederum eine Epidemie (Lues), 
„verschiedene bösartige Krankheiten mit Pusteln (pusulis) 
und Blasen, welche viele Menschen dahinrafften." Felix 
Bischof von Nantes, der ebenfalls an der „Lues cum vesicis" 
erkrankte, legte sich, „als das Fieber nachliess und die Pusteln 
an den Beinen hervorbrachen" (Sed postquam febris discessit, 
tibiae eius pustulas emerserunt. Tum cantharedarum cata- 
plasmam nimium validam ponens computrescentibus tibiis .... 
vitam finivit) — ein Cantharidenpflaster, starb jedoch, da dieses 



1) Die in den hier benutzten (Quellen versachten Erklärungen des 
Wortes Coralis mit der rothen Farbe der Corallen, oder gar von dem 
germanischen Koren = Küren, sehen, ausersehen, absondern sind will- 
kürlich. Wahrscheinlich ist das ursprüngliche Wort bei den Abschriften 
verdorben worden: eine andere Lesart lautet Corales, hoc est, pustulas. 
Vielleicht hiess es ursprünglich „Varolas", was dem französischen Worte 
ve'role entsprechen würde. 



42 Pocken im Mittelalter. 

zu heftig wirkte und „die Beine verfaulten." — Ferner be- 
schreibt Gregor den Ausschlag in seiner Erzählung von den 
Wundern, welche der heilige Martin nach seinem Tode ver- 
richtet hat, wie folgt: „Im vorigen Jahre wurden die Be- 
wohner von Tours von einer schweren Seuche heimgesucht. 
Die Krankheit (languor) war von der Art, dass der Kranke 
von heftigem Fieber ergriffen wurde, und sein ganzer Körper 
von Bläschen und kleinen Pusteln starrte. Es waren dies 
weisse und harte Blasen, welche heftig schmerzten. 
Sobald sie, nach vollendeter Reife, geplatzt waren 
und der Eiter au szufliessen begann, wurde der 
Schmerz durch das Ankleben der bedeckenden Kleidungs- 
stücke noch heftiger. Die Kunst der Aerzte erwies sich 
fruchtlos ohne die Hülfe des Heiligen." — „Die Gattin des Grafen 
Eborin war so sehr von diesen Pusteln zugerichtet, dass 
weder Hände noch Fusssohlen, noch irgend ein Theil ihres 
Körpers frei geblieben, und selbst die Augen von ihnen 
bedeckt waren; als diese schon im Sterben lag, erbat sie 
den Segen des heiligen Grabes, darauf wurde sie mit dem 
Wasser, mit welchem das Grabmal des Heiligen abgewaschen 
war, Übergossen; zuletzt, als die Wunden damit benetzt 
waren, nahm sie auch davon zum Trank. Bald erlosch das 
Fieber, die Eiterung der Pusteln wurde schmerzlos, und die 
Kranke genas." Gregor berichtet, dass er selbst an der 
Krankheit gelitten habe und bemerkt an anderer Stelle, dass 
viele Kranken auch während der Verdickung des Giftes 
fveneno incrassante, das ist nach Krauses Auslegung zur 
Zeit der Borkenbildung) starben. 1 ) Nach einem von Wernher 
angeführten Citat nach von Becker, hat Gregor ferner an- 
gegeben, dass die meisten Kranken am 12. bis 14. Tage 
gestorben seien. 

Fasst man alle diese (Jitate zusammen, so wird es 
wahrscheinlich, dass die von Gregor von Tours be- 
schriebene Krankheit die Blattern waren. Die Zweifel 
Moore 's erklären sich daraus, dass ihm nur die zuerst an- 
geführic Steile aus jenem Chronisten bekannt war. 
Gregors Lues cum vesicis, die namentlich den Kindern ver- 
derblich war, mit Fieber, Erbrechen und Kreuzschmerzen 
begann, dann unter Nachlass des Fiebers einen über den 



1 Quanti ;i pusulis malis, veneno incrassante, praemortui 
-int sanati, \ iritim non potesl '"villi«"!! i. 



Pocken im Mittelalter. 43 

ganzen Körper, namentlich auch auf die Augen verbreiteten 

Ausschlag von weissen, harten, prallen, heftig schmerzenden, 
nach dem Reifen Eiter absondernden Blasen hervorbrachte und 
im ungünstigen Falle etwa am 12. bis 14. Tage den Tod herbei- 
führte, entspricht durchaus dem Bilde der Pocken. 

Leidet- fehlen in der ersten Hälfte des Mittelalters ärzt- 
liche Beschreibungen der Blattern, abgesehen von den ara- 
bischen Werken, so gut wie gänzlich. Die medizinische 
Wissenschaft befand sich in den neu entstandenen christlichen 
Staaten noch auf sehr tiefer Stufe und hat nur eine dürftige, 
kaum verwerthbare Litteratur gezeitigt. Die Seuchenforschung 
ist fast allein auf die Chroniken der geistlichen Schrift- 
steller und deren Erzählungen von Wunderheilungen an- 
gewiesen. Von ihnen sind in den folgenden Jahrhunderten 
allerdings viele verheerende Epidemien erwähnt, aber Krank- 
heitsbeschreibungen, wie bei Gregor von Tours finden sich 
nicht wieder; meist ist es unmöglich, aus den Schilderungen 
zu erkennen, um welche Seuche es sich gehandelt hat. Es 
mag daher der Hinweis auf die sorgfältige Zusammenstellung 
jener Epidemien bei Krause genügen. Nur die Feuer- 
pestilenz oder das heilige Feuer bedarf einer kurzen Er- 
wähnung, weil über diese Krankheit etwas nähere Angaben 
erhalten sind. 1 ) Die Seuche trat in verschiedenen Theilen 
des westrheinischen Europas in den Jahren 923, 994, 1085, 
1089, 1094, 1109, 1128 und 1129 auf und raffte im Jahr 
994 in Aquitanien allein mehr als 40 000 Menschen dahin. 
Die Körper der Kranken wurden von einem unsichtbaren 
Feuer verzehrt (invisibili igni depascebantur). Es war ein 
Elend, die Kranken vor Schmerzen schreien zu hören und 
die verbrannten Theile von ihrem Körper abfliessen zu sehen 
(exustas a corporibus effluere partes videre); unerträglich war 
der Gestank des faulenden Fleisches. Die Kranken jeden 
Alters und Geschlechts wurden an den Füssen und Händen, 
an der Brust und im Gesicht verbrannt; auch Erblindungen 
kamen vor. Man rief in dieser Seuche besonders die heilige 
Genovefa und den heiligen Anton an; die Krankheit wurde 
daher auch als Antonsfeuer bezeichnet. 

Diesen an und für sich wenig verwerthbaren epidemio- 
logischen Notizen sind ergänzend einzelne von Moore und 
Krause erwähnte Textstellen aus schriftstellerischen Kr- 



1) Vergl. die Berichte bei Moore und Krause. 



44 Pocken im Mittelalter. 

Zeugnissen des Mittelalters hinzuzufügen, in denen der Name 
der Pocken genannt ist. Die Sammlung alter irischer 
Schriften von 0' Connor (Rerum Hibernicarum Scriptores 
Veteres Auetore Carolo 0' Connor. Buckingham. 1814) 
in den Annalen von Ulster, enthält zwei derartige Mit- 
theilungen, welche folgen dermaassen lauten: „A. D. 679. 
Lepra gravissima in Hibernia quae vocatur ,,Bolgach" und 
„A. D. 742. In Bolgach. Domhual Mac Murcha regnare 
ineipit." In Brians Irischem Wörterbuch ist das Wort Bol- 
gach mit Pocken übersetzt. Jedoch wurden die Blattern 
später im 14. Jahrhundert in Irland „Galra breac" d. i. 
gefleckte Krankheit genannt, und diese Bezeichnung hat sich 
bis in die neuere Zeit erhalten. An der Galra breac starben 
im Jahr 1368 mehrere in den Chroniken namentlich erwähnte 
Personen des hohen irischen Adels. 

In seiner „Geschichte der Luft und ihres Einflusses auf 
Thiere und Pflanzen" erwähnt Short, dass Prinzessin Elfreda, 
(nach Moore wahrscheinlich eine Tochter Alfreds des Grossen), 
im Jahre 907 die Pocken überstand. Ferner berichtet die 
Chronik Sankt Bertins, dass um Weihnachten 961 Baldwin, 
der Sohn Arnulphs von Flandern und der Enkel Elfreclas an 
den Pocken erkrankte und einen Tag nach dem Tage der 
Beschneidung Christi starb, also etwa am 9. Tage der 
Krankheit, was dem gewöhnlichen Verlaufe der Pocken ent- 
spricht (morbo, quem medici variolas, sive poccas nominant, 
corripitur; et in die Circumcisioni Domini immediate sequente 
cursum finivit vitae). In der Sammlung von Bouquet befindet 
sich ferner die in einer Cisterzienserabtei gefundene 
Genealogie der Grafen von Flandern, in der ebenfalls jener 
Pockentodesfall erwähnt wird. (Arnulphus Magnus genuit 
Bakluinum, qui morbo variolae ante obitum patris obiit et 
apud S. Bertinum sepultus est.) 

Die Harley-Sammlung des Britischen Museums enthält 
eine sehr alte angelsächsische Handschrift von Gebeten, 
darunter auch einen „Exorcismus contra Variolas", in welchem 
es u. a. heisst: „peto Angclorum milia aut (ut) me salveni 
ac defendant doloris igniculo et potestate Variolae, ac protegat 
mortis a. periculo." Am Schlüsse sind die angelsächsischen 
Worte hinzugefügt: „geskyldath nie with de lathan Poccas 
und with ealle yfeln" d.i. „beschützt mich vor den scheuss- 
lichen Pocken und allem Uebel." Die Oottonsche Bibliothek 
enthäll eine Mönchshandscluifl von Auszügen ans den Werken 



Pocker im Mittelalter. 45 

des Cassiodorns und anderer alter Kirchenväter. Dort wird 
ein Gebet an den heiligen Nicasius, verrauthlich den im Jahre 
430 als Märtyrer gestorbenen Bischof von Rheims, wieder- 
gegeben, welches with Poccas, (gegen die Pocken) unter- 
schrieben ist und folgen dermaassen lautet: „Dominus, Domi- 
nus, adjutor sit illi, illis earum liliarum artifex. p. id. poccas. 
Sanctus Nicasius habuit minutam variolam, et rogavit domi- 
num ut quieunque nomen suura secum portare scriptum, 
(fehlt wahrscheinlich liberetur) Sancti Nicasi presul et martir 
egregie ora pro me peccatore, et ab hoc morbo tua inter- 
cessione me defende.'- 

in Bernards Thesaurus: „Liber de Acquisitione Terrae 
Sanctae ab Anno 1095 ad Annum circiter 1230' : wird vom 
Grafen Joscelin, dem Enkel Athos, des Begründers der er- 
lauchten Familie Courtney gesagt, er sei heiteren Antlitzes, 
jedoch pockennarbig gewesen (facie laetus, variolarum tarnen 
signis impressis). 

Aus späterer Zeit sind noch viele Wunderheilungen be- 
richtet, deren Gegenstand durch Pocken erblindete Personen 
waren. So heilte die Sancta Franca im Jahre 1218 nach 
dem im Jahre 1326 geschriebenen Bericht des Bertram 
Reoldus (Acta Sctor. April T. III. p. 384 u. 395) eine der- 
art erblindete Person (Caecitas occasione Vayrorum exorta, 
Caecitas propter multitudinem vayrorarum) ; auch dem heiligen 
Ivo gelang im Jahre 1303 eine ähnliche Heilung an einem 
jungen Mädchen (,,macula nata fuit in oculo puellae post 
assumptam infirmitatem quae vocatur Veyrola" Bolland Tom. 
IV. Maii, p. 572 Miracul. Sti. Ivonis). 

In Beantwortung einer Anfrage der Königlich Britischen 
Regierung im Jahre 1857 theilte das Dänische Gesundheits- 
amt mit, dass die Pocken schon im frühen Mittelalter ver- 
breitet waren und in Island nachweislich in den Jahren 
1241, 1242, 1257, 1258 (mehrere 1000 Todesfälle), 1291 
(ähnlich grosse Sterblichkeit), 13 10 / n (1G00 Todesfälle), 13 i7 / 4S . 
13 79 / 80 , 1430—32, 1462—63 (1600 Todesfälle) und 1472 
grössere Epidemien verursacht haben. 

Es fehlt demnach nicht an Ueb erlief er un gen, in denen 
die Pocken oder die variolae erwähnt sind. Freilich sind 
solche Hinweise in den alten Schriften nicht häufig und auch 
einer mannigfachen Deutung fähig, da die Krankheit niemals 
genügend beschrieben ist. Dennoch ist es gewiss nicht be- 
rechtigt, wenn Creighton jenen Stellen für die Geschichte 



46 Pocken im Mittelalter. 

der Pocken überhaupt keinen Werth beilegt und von vorn- 
herein annimmt, dass die Worte Pocken oder Variolae in 
anderer Bedeutung gebraucht sind. Denn wir besitzen sichere 
Beweise dafür, dass die Blattern gegen Ende des 10. Jahr- 
hunderts im Abendlande bekannt und gefürchtet waren. 

Dies geht besonders aus dem Berichte über eine glück- 
liche Kur hervor, welche dem aus Scheffels Eckehard be- 
kannten Abt Notker von St. Gallen, einem Zeitgenossen 
Ottos des Grossen, zugeschrieben wird. Nach der Erzählung 
Eckehards des jüngeren sagte Notker dem erkrankten Bischof 
Kaminaldus aus dem Geruch seines aus der Nase geflossenen 
Blutes den Ausbrueh der Pocken auf den nächsten dritten 
Tag voraus. Der Bischof gerieth darüber in grosse Er- 
regung und wünschte ein vorbeugendes Mittel. Notker er- 
widerte, dass ein solches Mittel den Tod des Bischofs herbei- 
führen würde. Der Ausschlag trat dann auf, verheilte aber 
unter Notker's Behandlung so gut, dass keine Narben zurück- 
blieben. (Odorato cruore variolarum morbum tertia die ei 
praedixit futurum. Sed pustulas illa die dicta sibi erumpentes 
cum eum restringere peteret. Enim ait medicus facere po- 
tero, sed nolo, quia necis tuae reus karrinas tot ferre non 
potero: quia si restrinxero morti te trado: pustulasque tan- 
dem eruptas ita in brevi sanaverat, ut nee saltem de una 
fuerit signabilis). Nach dieser Erzählung kann ein Zweifel 
nicht bestehen, dass die Krankheit, welche Notker im 10. 
Jahrhunderte behandelte, die Pocken waren, und dass diese 
Seuche auch dem nicht ärztlich geschulten Bischof Kaminaldus 
hinreichend bekannt war, um durch ihr Bevorstehen ihm 
grossen Schrecken zu erregen. Die Pocken waren da- 
mals also sicher in der heutigen Schweiz verbreitet. 

Vom 11. Jahrhundert ab werden die Pocken als solche 
auch in vielen ärztlichen Schriften erwähnt und beschrieben, 
Grüner hat die Pockenbeschreibungen von 16 ärztlichen 
Schriftstellern aus dem 11. bis 16. Jahrhundert gesammelt 
und im Jahr 1790 in Jena unter dem Titel „de variolis el 
raorbillis fragmenta medicorum Arabistarum" herausgegeben. 
Mii der Bezeichnung Arabisten sind diejenigen Aerzte gc- 
meint, welche sich auf ihre arabischen Vorgänger stützen; in 
der Thai begegnen wir mich in jenen Schilderungen im 
Wesentlichen wieder den Lehren von Rhazes, Avicenna 
und Averroös. Aber die Ausführlichkeit, mit welcher der 
Gegenstand behandeli wird, und die Mannigfaltigkeil der 



Pocken im Mittelalter. 47 

prognostischen und therapeutischen Rathschläge lässt auf 

persönliche Erfahrungen der Autoren schliessen und macht 
die Annahme Oreightons, jene Aerzte hätten lediglich von 
den Arabern abgeschrieben und die Krankheit aus eigner 
Anschauung nicht gekannt, unhaltbar. 

Die Autoren der Grrnri er 'sehen Sammlung sind Con- 
stantius Africanus (Ende des 11. Jahrhunderts), Mat- 
thaeus Silvaticus, Bemardus Gordonius, Joannes 
Anglicus de Gaddesden, Gentilis de Fulgineo (An- 
fang des 14. Jahrhunderts), Michael Scotus (erste Hälfte 
des 13. Jahrhunderts), Rolandus Parmensis (13. Jahr- 
hundert), Guido de Cauliaco und Guilielmus Varignana 
(14. Jahrhundert), Valescus de Taranta (Ende des 14. 
Jahrhunderts), Joannes de Concoregio (Anfang des 15. 
Jahrhunderts), Petrus Hispanus (geboren Ende des 12. 
Jahrhunderts), Antonius de Gradis (Mitte des 15. Jahr- 
hunderts), Menghus Faventinüs (unbekannten Zeitalters), 
Blasius Astarius (Ende des 15. Jahrhunderts) und Joannes 
Salicetus (Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts). 

Von ihnen haben eine besondere geschichtliche Berühmtheit er- 
langt: Gon staut ins Africanus, welcher seine Heimath Carthago 
verliess und in Salerno die abendländischen Aerzte zuerst genauer mit 
den arabischen Lehren bekannt machte, Matthaeus Silvaticus, 
Arzt in Mailand, ein tüchtiger Botaniker und Kenner der Arzneipflanzen, 
Gordonius, Lehrer an der Schule zu Montpellier und Verfasser des 
Lilium medicinae, eines guten Compendiums der Arzneiwissenschaft, 
Gaddesden, Professor in Oxford und Verfasser der bekannten Pvosa 
anglica, eines ähnlichen Compendiums, ferner der Anatom und Chirurg 
Guy de Chauliac (Guido de Cauliaco), endlich Valescus von 
Taranta, ein Portugiese, seit 1382 Arzt in Montpellier, Leibarzt 
Karls VI. von Frankreich und Verfasser eines die gesammte Heilkunde 
umfassenden Werkes: „Phüönium". 

Grüner fasst die Lehren der Arabisten ungefähr fol- 
gendermaassen zusammen: Nach einem mehrtägigen Fieber 
bilden sich fast auf der ganzen Haut kleine, contagiöse, runde 
Pustein, die besonders bei Kindern, seltener bei mannbaren 
Personen und am seltensten bei Greisen gefährlich (infensae 
sind, anfangs röthlich erscheinen und bei der Reifung weisse 
Farbe zeigen. Die Pusteln schiessen nach einander auf, und 
zwar schneller bei warmer, langsamer bei kalter Witterung; 
jederzeit meist nach dem dritten oder vierten, manchmal ersl 



48 Pocken im Mittelalter. 

nach dem 7. oder 9. Tag. Die Symptome sind bei den 
Pocken milder, bei den Masern ernster 1 ). Bisweilen wird der 
Mund, die Zunge, der Kehldeckel und die Kehle (Guttur) 
betroffen. Im Anfangsstadium stellen sich Hautjucken 
und Fleckenbildung auf der Haut ein; bei zunehmender 
Krankheit bilden und röthen sich die Pocken: die Höhe 
der Krankheit wird durch Reifung der Blattern und Eiter- 
bildung bezeichnet; die Abnahme äussert sich in Eintrocknen 
und Verschwinden der Pocken. Der Tod wird in der Regel 
durch Kräfteverfall und Angina, seltener durch Diarrhoe her- 
beigeführt. Auf das Bevorstehen der Blattern deuten 
Beängstigungen im Schlaf, heftiges Fieber, Kopf- und 
Rückenschmerzen, Glanz und Röthung der Augen und des 
Gesichts, Thränen, Schwere und Schmerz im Schlund, Athem- 
beschwerden, Husten, Kitzel in der Nase und Niesen, Heiser- 
keit, Zittern der Hände, flohstichähnliche Punkte (punctio). 
später rothe Flecken, weiterhin "Wasserblasen auf der ganzen 
Körperoberfläche. Es ist gut, wenn dem Ausbrechen des 
Ausschlages Fieber vorausgeht, wenn die Bildung und Reifung 
der Blattern schnell vor sich geht, wenn sie wenig zahlreich, 
weich, weiss, röthlich oder gelblich und gross sind, von ein- 
ander getrennt bleiben und nach dem Hervorbrechen sich 
zurückbilden, wenn der Athem leicht und die Stimme gut 
ist, wenn sie im Frühling kommen, wenn der Durst und das 
Fieber massig ist und der Appetit sich erhält. Mittel- 
schwer sind die Fälle, in denen die Blattern langsam her- 
vorbrechen und reifen, gross, weiss, hart, stark gefüllt sind 
und ineinanderfliessen. Von ungünstiger Bedeutung ist 
das Auftreten diarrhoischer, grüner, schwarzer und übel- 
riechender Stühle nach der Entwickelung des Ausschlages. 
ferner ist es ungünstig, wenn die Blattern schwer heraus- 
kommen, klein, grünlich, citroneu- oder bleifarben, schwarz. 
^eschwiirig, zerrissen, trocken oder hart sind, langsam reifen. 
gerunzeH (rugosae), häutig (involutae) und schwammig sind. 
wenn Blutharnen erfolgt oder der Urin schwär/ und verän- 
derlich isi. Für sein- schlimm und tödtlich gelten die 
Pocken, wenn sie bleifarben, grün oder schwarz sind, übel- 
riechende und eitrige Flüssigkeil absondern, bald aussen er- 
scheinen, bald sieh nach innen schlagen, wenn sie zu schnell 



I Dies bezieh! sich, wie '-in Vergleich mil der arabistischen 
Auton i i sriebt, nur auf den Beginn der Krankheil . 



Pocken im Mittelalter. l\) 

eintrocknen und dann von neuem hervorbrechen, wenn der 
.Kranke schwer athmet, das Fieber heftig, die Beängstigungen 
und der Durst gross, die Kräfte schwach sind, der Urin 
blutig, schwarz und grün ist, wenn nach dem Zurücktreten 
der Blattern Zittern (palpitatio) und grosse Erschöpfung ein- 
iriii oder in der Tiefe grosser Schmerz gefühlt wird. 

Die Pocken entstehen aus faulem, verdorbenem Blut, 
vorzüglich ans den Resten des unreinen Menstrualblutes (aus 
diesem im kindlichen oder jugendlichen, seltener im Greisen- 
alter), seltener von schlechter Nahrung, häufiger nach dem 
Auftreten ungesunder Südwinde und nach bösen Krisen, meist 
im Frühling und Herbst, weniger im Sommer und Winter; 
die epidemischen Blattern gehen der Pest voraus und sind 
dann gefährlich. Bisweilen entstehen sie durch Ansteckung von 
aussen. Man nimmt 4 Arten an, die sanguinischen, welche 
röthlich, oben spitz und unten breit sind, schnell reifen und 
eitern, die cholerischen, welche röthlich, gelblich, spitz, 
mehr stichförmig (pungent.es), weniger breit sind, die melan- 
cholischen, diese von brauner, schwarzer, bläulicher oder 
grüner Farbe, gross, hart und warzen ähnlich und die phleg- 
matischen, letztere weisslich, weiss, breit und schwierig 
eiternd. Man nimmt ferner ächte Pocken an, d. i. wirkliche, 
aus dem Menstrualblut hervorgegangene, und un ächte, durch 
Nahrung und die übrigen Ursachen erzeugte Pocken. Sie 
können auch in den i-nneren Organen, den Lungen, der 
Leber, der Milz und den Därmen sich entwickeln, wenn der 
Pockenstoff nicht genügend zur äusseren Haut getrieben wird, 
und sich zuweilen wiederholen: sie treten nicht leicht im 
Foetus auf, sind jedoch fast unvermeidlich bei allen Men- 
schen (fere necessaria in omnibus hominibus). Bisweilen sind 
sie doppelt, gleichsam als wenn in der Mitte der einen sich 
eine andere befindet, und dann bösartig. Für die Krankheit 
prädisponirt sind warme und feuchte Körper. Häufig kommt 
es zu Metastasenbildung, was Erblindung, Diarrhoe, Ohn- 
macht, Abzehrung und den Tod zur Folge hat. 

Die Behandlung ist je nach dem Krankheitsstadium ver- 
schieden, zunächst mit massig warmen, milde schweisstreibenden 
Flüssigkeiten, unter Vermeidung der Kälte, des kalten Wassers 
und öliger Mittel, und strenger Enthaltung von zurücktreibenden 
Umschlägen und um den siebenten Tag auch von Abführ- 
mitteln, damit der Stuhl nicht gelöst hervorkommt. Im An- 
fang helfen kühle Luft und saure Arzneien zum Löschen der 

Kiibler, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. j 



50 Pocken im Mittelalter. 

Gluth, schleimige Abkochungen, milde Abführmittel, Kly stiere, 
beim Krankheitsbeginn ein reichlicher Aderlass, wenn das 
Blut überreichlich und das Fieber hoch ist, oder Skarifika- 
tionen; ferner ist Kampher zu geben; zur Entleerung der 
Blattern sind lauwarme, aus erweichenden Kräutern herge- 
stellte Umschläge anzuwenden, und wenn die Kräfte sinken, 
Suppen zu gewähren. Wenn die Blattern langsam heraus- 
kommen, sind die Mittel, welche den Ausbruch beschleunigen, 
angezeigt. Wenn die Entzündung wieder beginnt, ist die Blut- 
entziehung zu wiederholen. Dem Kranken verbinde man die 
Hände, damit er sich nicht kratzen kann, und vor Allem 
schütze man die Augen. Reife und grosse Pusteln sollen 
mit der Nadel geöffnet werden, obwohl manche dies wider- 
rathen. Auf Pusteln, die eintrocknen und zu zer- 
fliessen beginnen, legt man milde Trockenmittel und Salz. 
Zur Verhütung der Narbenbildung empfiehlt man Bleiglätte 
und sehr viele Schutzmittel nennt man zur Verhütung von 
Geschwürsbildung in der Nase, zur Anwendung bei Flecken 
und Pusteln der Augen, um das Gesicht zu erhalten, 
ferner für die Kehle und den Mund, damit nicht Angina 
oder ein Geschwür in der Kehle folgt, für die Lungen zur 
Verhütung von Erstickung und Schwindsucht, gegen die 
Diarrhoe, vor welcher man sich von Anfang an hüten muss, 
endlich zur Narbenbildung, damit eine Entstellung des Kör- 
pers vermieden wird. 

In Ergänzung von Grün er 's Berichten ist noch ein 
namentlich von Gaddesden gerühmtes Behandlungsverfahren 
hervorzuheben, welches ' in der Anwendung rother Bett- und 
Fenstervorhänge und innerlicher Darreichung rother Arznei- 
mittel bestand und lange Zeit sich bei der Pockentherapie 
grossen Rufes erfreute. • Es beruhte auf der Lehre von 
Averroes und Avicenna, dass alle rothen Farben heiss 
seien infolge der Feucrthcile, an welchen sie augenscheinlich 
Ueberfluss hätten. 

Gruner's Sammlung ist wohl unsere werthvollste Grund- 
lage für die Erforschung der Blattern im späteren Mittelalter. 
Sie beweist, dass das Krankheitsbild damals den einsichti- 
geren christlichen Aerzten in allen wesentlichen Eigenthüm- 
lichkeiten bekannt war, und dass die Ansicht der arabischen 
Aerzte, nach welcher die Blattern und Masern für einen natür- 
lichen, bei den meisten Menschen im Kindesalter eintretenden Kei- 
nigungsvorgang galten, nirgends bestritten wurde. Die damaligen 



Pocken im Mittelalter. öl 

Aerzte kannten die Gefahren und nachth eiligen Folgen der 
Krankheit, insbesondere die Erblindungen, und wandten da- 
gegen mannigfache Mittel an. Ihre Ansichten über die 
Krankheitsursache sind speäter als irrig erkannt, ihre thera- 
peutischen Grundsätze zum grössten Theile verlassen worden; 
aber wir bewundern noch jetzt ihre gute Beobachtung und 
ihr gesundes prognostisches Urtheil, und wir müssen auch 
manchen ihrer Heilmittel Anerkennung spenden. 

Die Geschichte der Pocken im Mittelalter lässt sich 
dahin zusammenfassen, dass die Seuche fast gleichzeitig mit 
der Begründung des Islam bei den Arabern erschien und sich 
schnell über alle Länder ausbreitete, welche von den Be- 
kennen! Muhammeds bewohnt oder erobert wurden. Es ist 
nicht sicher, aber sehr wahrscheinlich, dass die Pocken schon 
im frühen Mittelalter im westrheinischen Europa geherrscht 
haben; jedenfalls sind sie in späteren Jahrhunderten dort 
aufgetreten. Am Ausgang des Mittelalters waren sie in Ita- 
lien, Frankreich und Grossbritannien weit verbreitet und wohl 
bekannt. Es liegt kein Grund vor, zu bezweifeln, dass sie 
damals auch Deutschland heimgesucht haben. 



Litt erat ur. 

Gregorii Turonensis opera. Monumenta Germaniae. 

Grüner, De variolis et morbillis fragmenta medicorum Arabistarum. 

Jena 1790. 
Heck er, Die grossen Volkskrankheiten des Mittelalters. Herausgegeben 

von A. Hirsch. Berlin 1865. 
Rhazes, De variolis et morbillis, Arabice etLatine; cum aliis nonnullis 

eiusdem argumentis. Cura et impensis Johannis Channing. 

London 1766. 
Joannis Freind Opera omnia. Paris 1735. 

S i m o n , Papers relating to the history and practice of vaccination. Lon- 
don 1857. (Bekannt unter dem Namen „Englisches Blaubuch über 

die Impfung".) Mit mehreren Anlagen. 
Report from the select committee on'the vaccination act (1867). 

London 1871. 
Ferner die in der Litteraturübersicht zum zweiten Capitel genannten Werke. 



Gapitel IV. 

Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der 
Reformation. 



Zugleich mit den kirchlichen und staatlichen Umwäl- 
zungen, welche dem Ausgang des Mittelalters folgten, vollzog 
sich auch auf den Gebieten der Wissenschaft ein allgemeiner 
Aufschwung. Das neu belebte Studium des klassischen 
Alterthums förderte die freie geistige Entwicklung; die Ein- 
führung des Buchdruckes erleichterte den Gedankenaustausch. 
Nicht nur in den Klöstern und in den Stuben der Gelehrten, 
auch an den Höfen, unter dem Adel und in den Bürger- 
familien zeigte sich Verständniss für höhere Bildung und für 
die Fortschritte der Wissenschaft. 

Allerdings war auch die damalige Forschung von aber- 
gläubischen Vorstellungen keineswegs frei. Weit verbreitet 
war der Glaube an die Erfolge von Teufelsbeschwörungen; 
wenige waren so aufgeklärt, um die Wirksamkeit von Dämonen 
und die unholde Thätigkeit von Hexen zu bezweifeln. Unter 
den Wissenschaften spielten Alchymie und Magie eine hervor- 
ragende Rolle. 

Von allen diesen Richtungen blieb auch die Medizin 
nicht unbeeinflusst. Schon an der Reichhaltigkeit der ärzt- 
lichen Litteratur im Beginn des 16. Jahrhunderts zeigt sich 
ein neuer wissenschaftlicher Eifer; besonders aber fällt in 
den Werken jener Zeit eine erfreuliche Vertiefung des 
Forschens auf. Neben dem gründlicheren Studium der alten 
Meister yerräth sich ein bei den Schriftstellern drv voraus- 
angenen Jahrhunderte wenig bemerkbares selbstständiges 
Denken. Die Lehren der Griechen, Römer und Araber wurden 



Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 53 

nicht mehr kritiklos hingenommen. Alte Theorien wurden 
abgeändert oder verworfen und durch neue ersetzt, und wenn 
dabei auch vielfach magisch-astrologische Vorstellungen unter- 
liefen, so verdankten die Vertreter der medizinischen Wissen- 
schaft doch der Beschäftigung mit jenen schwarzen Künsten 
auch die Anregung zur Naturbeobachtung. Ihre neu sich 
bildenden Anschauungen wurden nicht mehr allein von theo- 
retisch-spekulativen Erwägungen, sondern in immer weiterem 
Umfange • auch von den eigenen Wahrnehmungen und Er- 
fahrungen geleitet. 

Für unsere Kenntnisse über die Geschichte der Pocken 
ist diese Wandlung von nicht zu unterschätzender Bedeutung. 
Indem sich die Aerzte des 16. Jahrhunderts allmählich von 
den Theorien der Araber losmachten, sahen sie sich zu einer 
gründlichen Beobachtung der Krankheit genöthigt. In ihren 
Berichten werden immer häufiger Einzelfälle und Mittheilungen 
über bestimmte Epidemien erwähnt, und damit erweitert sich 
für uns der Einblick in die Art des Auftretens und die Ver- 
breitung der Seuche in jenem Zeitalter. 

Wenig ergiebig ist zwar das Studium der Werke des 
Paracelsus, den man als den wesentlichsten Vertreter der 
wissenschaftlichen Heilkunde jener Zeit hat ansehen wollen. 
Er führt die Entstehung der Pocken und Masern gleich der 
aller anderen pestartigen Krankheiten auf das Zusammen- 
wirken der ,, Elemente" sulphur, mercurius, sal und der Ge- 
steine zurück und empfiehlt als Heilmittel Gold, Perlen und 
Saphir. Aber es ist nicht ohne Interesse, die Mittheilungen 
anderer hervorragender Aerzte des 16. Jahrhunderts durch- 
zusehen. 

Von dem Veroneser Arzt Girolamo Fracastor (1483 — 
1553) ist uns ein Werk ,,de contagione" hinterlassen, dessen 
zweites Buch ein Kapitel ,,de variolis et morbillis" enthält. 
Fracastor zählt die Pocken, deren volkstümlichen Namen 
,,varollas" (italienisch vaiuolo, französisch veröle, vergl. auch 
den ähnlich klingenden Namen coralis bei Gregor von Tours 
S. 41) er erwähnt, und die Masern zu den kontagiösen 
Krankheiten. Gleichwohl ist er noch in der arabischen 
Anschauung befangen, dass die Pocken und Masern durch 
einen Gährungsvorgang entstehen, durch welchen das Blut 
von den mit dem Menstrualblut übernommenen schädlichen 
Stoffen gereinigt wird. Er sieht daher mit seinen Vorgängern 
in jenen Krankheiten heilsame Vorgänge und trennt sie von 



54 Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 

den wirklichen Pestfiebern. Ferner hebt er hervor, dass die 
Krankheiten bei allen Menschen einmal im Leben vorkommen, 
und zwar meistens im kindlichen Alter, dass sie sich selten 
wiederholen und Erwachsenen gefährlicher sind als Kindern. 
Die letztere, den späteren Erfahrungen über die Pocken 
widersprechende Angabe, beruht jedenfalls darauf, dass Fra- 
castor, der Gewohnheit der älteren Aerzte folgend, beide 
Krankheiten gemeinsam abhandelt. Allerdings weiss er diese 
ihren Symptomen nach wohl zu unterscheiden; auch giebt 
er nützliche Kathschläge, w T ie aus den Prodromal- beziehungs- 
weise Initialerscheinungen auf die Art der bevorstehenden 
Krankheit geschlossen werden kann. Hinsichtlich der Be- 
handlung, welche im 3. Buche des Werkes erörtert wird, 
fällt angenehm auf. dass Fracastor die Blutentziehungen 
und Purgantien nur auf Ausnahmefälle beschränkt. Frei- 
lich wird er dabei allein von der Absicht geleitet, das 
Hervorbrechen des seiner Meinung nach heilsamen Aus- 
schlags nicht zu hindern: in dem Bestreben, hierauf fördernd 
einzuwirken, empfiehlt er sogar massig schweisstreibende 
Heilverfahren, wobei er auch der bereits früher erwähnten 
Farbentheorie Gaddesden's (Einhüllen des Kranken in rothe 
Decken) den Vorzug giebt. 

Zu den strebsamsten Forschern des 16. Jahrhunderts 
gehörte Johannes Fernelius, welcher im Jahre 1497 in 
Ciermont geboren wurde und in seinen späteren Lebensjahren 
bis zu seinem Tode im Jahre 1558 ais Universitätslehrer, 
zuletzt auch als Leibarzt König Heinrichs IL in Paris wirkte. 
Er widmete sich besonders dem Studium der alten griechischen 
und römischen Litteratur, bemühte sich jedoch, das Ver- 
ständniss für das Wesen und die Ursachen der Krankheiten 
zu vertiefen. Er kann in gewissem Sinne als ein Begründer 
der miasmatischen Theorien angesehen werden. Denn im 
XJL Kapitel des zweiten Buchs seines Werkes „de abdilis 
rerum eausis" führt er die Entstehung der Seuchen auf den 
nachteiligen Einfluss der verdorbenen Luft zurück und nennt 
als deren Ursachen n. a. die Ausdünstungen von stehenden 
Gewässern und Sümpfen sowie diu Fäulniss und Zersetzung 
von Auswurfstoffen, Thierkadavern und Leichen. Im ein- 
zelnen unterscheid ei fr drei Arten von Seuchen, die ende- 
mischen, welche durch die Ausdünstungen des Hodens und 
Untergrunds a terrenis inferioribusque exspirationibus) ent- 
stehen, die epidemischen, deren ['rsaelien in gewaltigen zeit- 



Verbreitung der Pochen im Jabrhunderl der Reformation. 55 

liehen Witterungswechseln beruhen (a vehementibus temporum 
tempestatumque mutationibus) und die pestartigen, die durch 
verborgene, bösartige, von der Vorsehung bestimmte Einflüsse 
erzeugt werden (Pestilentem, ab oeculta malignaque qualitate 
coelitus dimissa). Hinsichtlich der Pocken und Masern, 
welche er zu den Pestfiebern zählt und als eethymata und 
exanthemata beschreibt, bekämpft er entschieden die arabische 
Entstehungstheorie. Wenn etwas vom Menstrualblut im 
kindlichen Körper zurückgeblieben wäre, meint er, so könnte 
dies nicht so viele Jahre, so mannigfache fieberhafte Krank- 
heiten überdauern und erst im Manncsalter in Gestalt der 
Ausschlagsfieber ausgeschieden werden, welche er, zum Theil 
mit tödtlichem Ausgange bei vielen 30 bis 40 Jahre alten 
Personen beobachtet habe. Auch sei es nicht richtig, dass 
jedermann unumgänglich einmal an diesen Krankheiten leiden 
müsse, und dass ihre Wiederholung bei demselben Menschen 
ausgeschlossen sei. Dass diese Seuchen aus einer gemein- 
samen, bösen, in der ganzen Luft zerstreuten Ursache ihren 
Ursprung nähmen, müsse einleuchten, da sie nicht nur bei 
Sonnenhitze, sondern auch bisweilen im Winter aufträten. 
Der epidemiologischen Beobachtung reiht er die für die 
Beurtlieilung des Auftretens der Pocken in jener Zeit sehr 
wichtige Mittheilung an, dass die Ausschlagskrank- 
heiten mehrere Jahre zurücktraten und dann wieder 
nach bestimmten Zeiträumen, bald als Masern, 
wie im Jahre 1536, bald als Pocken, wie im Jahre 
1542 in schwerster Form das Volk heimsuchten. 
„Wenn man dies sieht," fährt er fort, „wie möchte man 
dann nicht einsehen und bekennen, dass von oben kommende 
Einflüsse in der Welt verbreitet sind (illam causam superi- 
orem mundo grassari.) Wie also Karbunkel und Pestbeulen, 
so haben auch Masern und Pocken ihre Ursache von oben 
(e sublimi); sie verunreinigen die Luft mit einem besonderen 
bestimmten Miasma (peculiari quadam malignitatis specie), 
welches bei den Karbunkeln und Pestbeulen eine andere Be- 
schaffenheit hat als bei den Masern und bei diesen eine 
andere als bei den Pocken, bei den Ausschlagskrankheiten 
aber weniger verderblich ist als bei der Pest. Als Ursache 
aber, weshalb jene Krankheiten mehr bei Kindern und Kna- 
ben auftreten, könne man anführen, dass das widerstands- 
fähige Alter der Erwachsenen durch so geringe üebel (tantulis 
maus) in der Regel nicht angegriffen wird." 



56 Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 

Die hier folgende Beschreibung des Krankheitsbildes zeugt von 
einer so scharfen Beobachtung, dass sie als ein Zeugniss für die vor- 
geschrittene klinische Auffassungsgabe Fernel's im Originaltext an- 
geführt werden mag: „Haec autem rursum ex ipsorum morborum de- 
scriptione et figura consideremus. In cute ii quidem efflorescunt, non 
ex ambientis contactu, sed ex inspiratu, quo ut cor afflatum delibu- 
tumque fuerit, ipso statim initio Universum corpus, maxime vero caput 
ingravescit, hoc etiam plerumque dolore concutitur, oculi tument et 
illachrymantur, facies C[uasi inflammata rubescit, vox raucescit, Spiritus 
crebrior ac difficilior evadit, pulsus frequens ac celer, febris nuntius. 
Malo dein ingravescente venenum ex humoribus die tertio aut quarto 
foras prosilit, et in cute efflorescens mali speciem detegit. Ecthymata 
pustulis multis toto corpore confertim albo colore extuberant, quae pi- 
tuitae et bilis permistionem prae se ferunt. Exanthemata vero quasi 
pulicum maculis fere rubra apparent, interdum purpurea, interdum vi- 
ridia aut nigra. Tandem compresso furore, soluta alvus humorum qui 
contaminati fuerunt reliquias crisi expurgat. His ita apparentibus nul- 
luni tarnen putredinis indicium (si modo simplices sint morbi) cernitur 
in urinis; argumentum, eos venenata qualitate, virium corporisque nostri 
totam substantiam demoliri. Hoc et morborum foeditas testatur, tarn 
deformis aliquando visa, ut occaecatis oculis, universa cutis in squamas 
foetidas et in crustas ingentes solveretur: corpus omne non aliter con- 
tabesceret et macie nigroreque torreretur, quam si menses quatuor ex 
furca pependisset. Neque vero solius cutis haec vitia, verum etiam 
omnium interiorum, musculorum, viscerum, solidarumque partium omnes 
priusquam cutis labefactatae. Saepe enim deprehensum, praegnantes 
maturos partes edidisse hac lue perfusos, quarum aliae nihil omnino 
foris, aliae non nisi multis post diebus incommoda senserunt. Et quos- 
dam ab interitu dissectos, quibus iecur, lies, pulmones omniaque inte- 
riora haud secus atque cutis, sordidissimis papulis manentibus scate- 
rent. Quin etiam raucitas spiritusque difficilis initio premens, et prima 
ernptio in faucibus et ore, in ano et partibus obscoenis apparens, pla- 
num facit ex intimis partibus haec mala originem habere. In has etiam 
fiuiri argumentum est (|uod sanitas et raucitas et spirandi difficultas 
manet, alias sine tussi, alias cum tussi ad tabem deducta." 

Ferne] hat die Pocken noch an anderen Stellen seiner 
Werke, so in dem den Fiebern gewidmeten 4. Buch seiner 
„Pathologiae Libri Septem" beschrieben. Uebcr ihre Be- 
handlung lässi er sich dorl nicht aus: doch isl seinem Werke 
„febrium curandarum methodus generalis" zu entnehmen, 
dass er l><'i der Fieberbehandluns vom Aderlass nur vor- 



Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 57 

sichtigen Gebrauch machte, in der Anwendung von Abführ- 
mitteln massig war, kühle Getränke gestattete, für Lüftung 
des Krankenzimmers sorgte und empfahl, den Kranken nur 
leicht zuzudecken, auch bei grosser Fieberhitze kalte Um- 
schläge zu machen. 

Aehnlich wie Fernel beurtheilt Petrus Forestus 
(Foreest) aus Alkmaar (1522 — 1597) die Pocken. Von 
diesem niederländischen Arzte, welcher namentlich in Delft, 
Leyden und seiner Vaterstadt thätig war, besitzen wir ein 
umfangreiches Werk über die fieberhaften Krankheiten. In 
7 Büchern ist eine Fülle von klinischen und epidemiologischen 
Einzelbeobachtungen zusammengestellt. An jede derartige 
Mittheilung schliesst sich unter der Bezeichnung „Scholia" eine 
Besprechung, in der je nach Art des Falls die Ursache, der 
Verlauf oder die Behandlung unter Verwerthung der Litte- 
ratur erörtert werden. Foreest zeigt sich dabei nicht nur 
als ein gelehrter und belesener Forscher, sondern er schafft 
uns an der Hand einer reichhaltigen Kasuistik vorzügliche 
Einblicke in die Praxis der damaligen Aerzte. Er bekennt 
sich als Anhänger der miasmatischen Lehren und nimmt an, 
dass die Pocken auf Luftinfektion beruhen. Wenn eine 
Epidemie auftrat, so war die Luft vorher humidus, nebulosus, 
putredinem inferens gewesen. Die arabischen Lehren und 
die Theorien Fracastor's und Fernel's citirt er im Wort- 
laut der Autoren, ohne bestimmt dazu Stellung zu nehmen. 
In der Beurtheilung und der Behandlung des Einzelfalls 
schliesst er sich Fernel an; von besonderem Interesse sind 
die von ihm beschriebenen Fälle von Augenerkrankungen bei 
Pocken. Er vertritt die Ansicht, dass ein wiederholtes Vor- 
kommen der Pocken bei derselben Person nicht selten sei, 
und berichtet, dass sein eigner Sohn 2 mal Pocken und dann 
noch Masern gehabt habe. Aber diese Angaben haben wenig 
Werth, da er die Pocken und Masern nicht genügend aus- 
einanderhält und auch über die Anwendung der volkstüm- 
lichen Bezeichnungen nicht im Klaren ist. Wir erfahren von 
ihm, dass die Morbillen im Volksmund „maeselen", aber auch 
,,rothe Kinderbletterle und Kindtsblattern, auch cleyne pocken", 
die Variola dagegen „Kindtsflecken" und „pockskens" genannt 
werden, führt aber als gleichbedeutend mit den Bezeichnungen 
für Morbillen auch die französische Benennung „petitc veröle" 
an. Der Entstehungsursache nach macht er zwischen beiden 
Krankheiten keinen Unterschied, sie sind ihm nur klinisch 



58 Verbreitung - der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 

verschiedene Ausdrucksformen eines gleichen pathologischen 
Prozesses. Die von ihm mitgetheilten Krankengeschichten 
beziehen sich indessen, wie aus seiner Beschreibung ersicht- 
lich ist, zum grösseren Theil wirklich auf Pocken. 

Beachtenswert)! sind seine Mittheilungen über einzelne 
Epidemien. So erzählt er, dass im Jahre 1551 zahllose 
Kinder allenthalben in Alkmaar theils von Masern, theils von 
Pocken betroffen wurden. Die Krankheiten waren derart 
allgemein verbreitet, dass kaum ein Kind in der Stadt ver- 
schont blieb. Die älteren Personen wurden jedoch damals 
fast gar nicht heimgesucht. Eine weitere grössere Epidemie 
herrschte vom Oktober 1562 den ganzen Winter hindurch und 
auch während des Sommers 1563 inDelft; diesmal überwogen 
die Blattern, während die Masern seltener auftraten; auch 
wurden die Erwachsenen häufiger betroffen. Einige wenige. 
Kinder machten beide Krankheiten durch. 

Eine sehr klare Schilderung der Pocken und Masern 
findet sich im 22. Buch der gesammelten Werke des be- 
rühmten französischen Chirurgen Ambroise Pare (1517 — 
1590); ferner sind die Krankheiten u. a. auch von dem 
deutschen Arzt Sennert (geboren 1572 in Breslau) be- 
schrieben. Neue, für die Geschichte der Pocken wichtige 
Gesichtspunkte sind jedoch diesen und mannigfachen anderen 
Schilderungen der Krankheit aus jener Zeit nicht zu ent- 
nehmen. 

Dagegen tritt in den Schriften des belgischen Arztes 
van Hclmont (1578 — 1644)ein gewisser Fortschritt in der 
Beurtheilung des Wesens der Krankheit hervor, van Hel- 
mont's Anschauungen wurzelten im Wesentlichen in den 
Lehren des Paracelsus, wenngleich er diesem keineswegs 
in allen Einzelheiten zustimmte und sogar vielfach in den 
Grundbegriffen von ihm abwich. Er führte die Krankheiten im 
Allgemeinen auf Veränderungen (passiones, perturbationcs. 
• •Xcirthroses) des von ihm „Archeus" genannten Lebensprinzips, 
d. i. (\rr Kraft (causa efficiens) zurück, auf deren unzertrenn- 
licher Verbindung mit dem Stoff (materia) nach seinen Lehren 
das Leben jedes Naturwesens beruhte. Obwohl hiernach eine 
wenig klare Vorstellung von den Krankheitsursachen erwari« I 
werden darf, zeichnet sich van Helmont doch vor den 
übrigen Aerzten seiner Zeil durch die bestimmte Erkenntniss 
der Uebertragbarkeit der Pocken aus. „Ich bin der Ansicht," 
sagt er, „dass die Pocken aus einem Gift entstehen und 



Verbreitlina- der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 59 

einen Ansteckungsstoff mit sich führen (e veneno scaturire, 
virusque secum ducere), mit ihrem Ferment das Blut inficiren 
und Personen der Umgebung des Kranken (aliosque adstantes) 
namentlich Kinder anstecken (contaminare), und da das innere 
Wesen der Gifte von seinem Ursprung nicht ohne Weiteres 
gezeigt werden kann (a priori demonstrabilis), müssen wir 
die Eigentümlichkeit des Gifts an seinen Wirkungen beur- 
theilen (metiamur), wie den Baum nach seinen Früchten. 

1. Das Gift der Pocken beschränkt sich auf den 
Menschen. 

2. Die Natur ist leicht geneigt, es zu erzeugen. 

3. Es entbrennt (accendi) in der Gegend des Magens 
und in der Mitte des Körpers. 

4. Die von dem Gifte betroffenen Theile stossen es 
eilig von sich nach der Körperoberfläche ab. 

5. Wenn die Zubereitungsstellen (officinae) des Gifts 
einmal seine Tyrannei gefühlt haben, so sind sie späterhin 
von feindlicher Abneigung dagegen und Schrecken erfüllt 
und hindern mit grösster Vorsorge seine Erzeugung von An- 
fang an, damit sie nicht, wie früher, unvorsichtig davon be- 
troffen werden. 

Das Gift entsteht also im Menschen und ist ihm nicht 
vom Menstrualblut her angeboren. Von welcher Beschaffen- 
heit es jedoch ist, kann von Niemandem beschrieben werden, 
weil es einen eigenen Namen, abgesehen von seinen Wir- 
kungen, nicht besitzt." 

In diesen Sätzen van Helmont's sind die Be- 
griffe des Contagiums und der aktiven Immunität 
mit einer in jener Zeit geradezu überraschenden 
Sicherheit festgelegt. Was fast 3 Jahrhunderte später 
durch die Forschungen R.Koch 's und seiner Schüler für die 
Infektionskrankheiten experimentell bewiesen wurde, war jenem 
Paracelsisten aus der Beobachtung der Pockenkrankheit 
bereits klar geworden. Nicht lange währte es, da suchte 
der Jesuitenpater Athanasius Kircher in Rom (1601 — 
1680) das „innere Wesen des Pockengiftes", welches van 
Helmont nicht zu zeigen vermochte, mit seinen primitiven 
Mikroskopen zu ergründen. Freilich sind die „animalcula" 
und „vermicula", welche er im Pockeneiter entdeckte, nicht 
die noch jetzt gesuchten Erreger der Krankheit gewesen. 
Aber wir müssen ihm das Verdienst zuerkennen, dass er 
der erste war, welcher mit dem contagium anima- 



60 Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 

tum einen bestimmten Begriff verband und die Ent- 
stehung der Pocken auf die Wirkung von Mikro- 
organismen zurückführte. 

Das Interesse, welches die medicinische Wissenschaft im 
16. und 17. Jahrhundert den Pocken zuwandte, erweist, dass 
die Krankheit damals der ärztlichen Thätigkeit ein weites 
Feld bot. Die Blattern waren allenthalben wohl bekannt 
und wurden schon zu jenen Zeiten im Volke mit den von 
Foreest erwähnten, uns jetzt noch geläufigen Namen genannt. 
Martin Luther wusste für einige in der Bibel beschriebene 
Seuchen in seiner Uebersetzung keine bessere Bezeichnung 
als „schwarze Blattern" zu finden. Der englische Name 
small pokkes in Verbindung mit mezils (measles, Masern) ist 
schon in einem Briefe vom 14. Juli 1518 genannt, in welchem 
dem Erzbischof Wolsey berichtet wird, dass König Heinrich VIII. 
die Stadt Wallingford in Berkshire verlasse, weil dort viele 
Todesfälle an jenen beiden Krankheiten und an der great sick- 
ness (Pest) vorkämen. 

Ausser der hier erwähnten örtlichen Pocken- und Masern- 
epidemie kennen wir manche andere aus verschiedenen Län- 
dern 1 ). So sollen in Paris schon im Jahre 1445 mehr als 
6000 kleine Kinder der petite veröle erlegen sein. Ferner 
beschrieben Donatus eine grosse Epidemie in Mantua vom 
Jahre 1567, Betera mehrere andere in Brixen in den Jahren 
1570, 1577 und 1588. Im Bericht des Donatus heisst es: 
„Variolas ac morbillos, qui hoc anno 1567 nrbem nostram 
ac circumvicinas invaserunt, epidemialem morbum fuisse ac 
populärem nemini dubium esse debet, cuiusvis enim aetatis, 
sexus ac temperamenti homines fatigarunt, a quibus tarnen 
major pars laborantium evasit; aliae quoque morborum diffe- 
rentiae ab eodem fönte manantes competunt; naraquc inter 
acutos morbos quoque locandae, contagiosae pariter nuncu- 
pandae cum contagii seminaria quibus abundant, et in sc 
inclusa habent transfundcre in alium valent." Donatus 
bekennt sich hiernach, wie van Helmont, als Anhänger der 
Lehre von der Uebertragbarkeit der Pocken. Nichtsdesto- 
weniger führt er in einem späteren Capitel seines Buches die 
Entstehung der grossen Epidemie, die sich nicht, wie sonst, 
auf die Kinder beschränkte, sondern sogar Greise ergrill' und 



li Quellenangaben bei Haeser, Wernher und Creighton. 
Vergl. Litteraturübersichl zum zweiten Capitel. 



Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 61 

anter den Kindern weit heftiger als jemals wüthete, keines- 
wegs auf die Virulenz des Contagiums, sondern auf die 
Wurme und Feuchtigkeit der Luft zurück. 

In der Zeit von 1546 bis 1586 verbreiteten sich sechs 
schwere Epidemien über Italien, Frankreich und Holland, 
die wir zum Theil schon in Fernel's und Foreest's Berichten 
erwähnt fanden. Ueber das Auftreten der Krankheit im Jahre 
1577 schrieb Ballonius (Baillon): „Seit keines Menschen 
Gedenken ist eine solche Niederlage in Frankreich gesehen 
worden, welche der gleich gekommen wäre, welche die Pocken 
in diesem Jahre angerichtet haben. Alle die, welche er- 
krankten, starben auch, ohne dass die ärztliche Kunst etwas 
hätte ausrichten können." 

In England schrieb Phaer in seinem „book of children" 
um die Mitte des 16. Jahrhunderts, die Merkmale der Pocken 
und Masern seien so offenbar, class sie weiterer Erläuterung 
nicht bedürften; schon vorher hatte Elyot in seinem „Castel 
of Health" das Scharlachfieber, die Pocken und Masern als 
allgemein in England verbreitete Kinderkrankheiten bezeichnet. 
In einer 1593 erschienenen Abhandlung von Kellwaye über 
die Pocken heisst es: „Ich habe nicht nöthig, sehr auf die 
Beschreibung der Krankheit einzugehen, da sie den meisten 
Leuten wohl bekannt ist." Kellwaye schildert auch die An- 
steckungsfähigkeit der Krankheit. 

Welche Verbreitung die Pocken in Deutschland und der 
Schweiz hatten, zeigt sich in einer mit dem Jahre 1600 be- 
ginnenden Sammlung von Berichten über Seuchen aus städ- 
tischen Chroniken, die Lammert vor einigen Jahren unter 
dem Titel: „Geschichte der Seuchen, Hungers- und Kriegs- 
noth zur Zeit des dreissigjährigen Krieges" veröffentlicht hat. 
Blatternepidemien sind dort unter anderen erwähnt im Jahre 
1600 in Schlüsselfeld (Oberfranken), 1601 in Bischofswerda 
(Sachsen), wo viele Kinder der Krankheit erlagen, ferner in 
ganz Siebenbürgen, 1602 in Bunzlau (Schlesien), 1606 in 
Prag, woselbst die Seuche 1500 Opfer forderte, 1609 in Lü- 
beck, 1611 in Schaffhausen u. s. w. 

In Dänemark erschienen die Blattern im Jahre 1527, in 
Schweden sind sie zuerst im Jahre 1578 erwähnt. 

Als bezeichnend für die Häufigkeit der Krankheit in 
Europa mag schliesslich noch eine Bemerkung aus einer 
Schrift von Massa aus dem Jahre 1513 angeführt werden, 
welche dahin lautet, dass die Syphilis auf den neu ent- 



62 Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 

deckten westindischen Inseln ebenso verbreitet sei, wie in 
Europa die Blattern. 

Wenige Jahre, nachdem Massa diese Sätze niederge- 
schrieben hatte, gelangten die Pocken auch in die neue Welt. In 
Hispaniola, dem jetzigen San Domingo, der ersten Colonie 
des Columbus, war die Krankheit vorher unbekannt gewesen. 
Im Jahre 1517 brach dort nach dem Bericht des Petrus 
Martyr ab Angleria (de Orbe Novo, decad. IV c. 10) die 
erste Blattern- und Masernepidemie aus; die Bewohner der 
Insel, welche nicht schon durch den Krieg, die Hungersnoth 
und die Frohnarbeit in den Bergwerken dahingerafft waren, 
wurden durch die Seuchen vernichtet. 

Bald verbreitete sich die Epidemie nach Cuba und den 
übrigen Inseln der Antillengruppe. Im Jahre 1520 landete 
Don Narvaez mit einer zur Gefangennahme des Fernando 
Cortez bestimmten Truppenabtheilung einen mit Pocken be- 
deckten Negersklaven aus Cuba in Mexiko; unmittelbar darauf 
begannen auch hier die Verheerungen der Seuche, und kaum 
vermögen wir die Berichte der Zeitgenossen zu fassen, nach 
welchen in kurzer Zeit 3V 2 Millionen Menschen, darunter der 
Kaiser Quetlavaca, der Bruder und Nachfolger Montezumas, 
durch die Pocken umgekommen sein sollen (Toribio) 1 ). Die 
Pocken sind seitdem in Mexiko immer wieder in mörderischen 
Epidemien aufgetreten. Im Jahre 1779 zählte man in der 
Hauptstadt nach Stricker 9000 Todesfälle bei 39000 Er- 
krankungen, 1797 4451 Todesfälle bei 24516 Erkrankungen. 

Aehnlich wie in Mittelamerika haben späterhin die 
Pocken in allen neu entdeckten und neu colonisirten Ländern 
gehaust. Nach Virginien und Garo lina wurden sie im Jahre 
1640, nach Brasilien 1650 eingeschleppt. In Peru herrschten 
in der Zeit von 1720 — 1729 furchtbare Epidemien, in Quito, der 
Hauptstadt Ecuadors, sollen schon 1710 60000 Menschen 
der Krankheit erlegen sein. Ueberall in Amerika waren es 
namentlich die Negersklaven, welche den Ansteckungsstoff 
aus Afrika mitgebracht hatten. Man nimmt an, dass unter 
den Ursachen, welche zur Ausrottung der rothen Race zu- 



li Die Epidemie ist vielfach beschrieben. Quellen an gaben u.a. 
bei Moore und in dem Berichte von Simon in dein englischen „Blau- 
buch". (Vgl. S. 51, Litteratur.) Ferner bei Sarcone. 



Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 63 

sammengewirkt haben, die Pocken eine hervorragende .Stelle 
einnahmen. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde 
berichtet, dass ein Indianer, der den Blatternausschlag an 
einem seiner Stammesgenossen wahrnimmt, dem Kranken sein 
Pferd und seine Vorräthe iiberlässt und weit in die Wälder 
flieht (Moore). 

Auch die Nordlandsfahrten gaben zur Verbreitung der 
Blattern Anlass. Auf den Faröern griff die Seuche im Jahre 
1G50 derart um sich, dass man die Leichen nicht mehr be- 
statten konnte. Die Einschleppung soll durch das Aus- 
waschen des mit Eiter befleckten Hemdes eines dänischen 
Matrosen vermittelt worden sein. In Island herrschten die 
Pocken nach den im dritten Capitel erwähnten Epidemien in 
den Jahren 1511, 1555/56 (2650 Todesfälle), 1574, 1590/91 
(700 Todesfälle), 1616 (mehrere 1000 Todesfälle), 1635/36, 
1655- -58 und 1670 — 72. Die Entstehung dieser Epidemien 
beruhte häufig nachweislich auf frischen Einschleppungen 
durch englische oder dänische Schiffe. 

Die Berichte über die Verbreitung der Pocken durch 
die europäische Einwanderung uud die Negersklaven in den 
neu entdeckten Ländern stimmen in den Zahlenangaben der 
verschiedenen, bei Moore, Wernher, im englischen Blau- 
buch und anderen Werken angeführten Quellen unter ein- 
ander nicht immer überein und mögen vielfach übertrieben 
sein. Ueberall spiegelt sich jedoch darin der gewaltige Ein- 
druck wieder, welchen das reissend schnelle Umsichgreifen 
und die Verderblichkeit der Seuche unter den vorher über- 
haupt oder längere Zeit hindurch unberührt gebliebenen 
Völkern hinterliess. Auch tritt deutlich hervor, dass die 
Pocken, welche in Europa bereits allenthalben als Kinder- 
krankheit beschrieben wurden, in den noch unverseuchten 
Völkern kein Lebensalter verschonten, sondern Erwachsene 
wie Kinder ohne Unterschied zu ihren Opfern erkoren. Alles 
dies darf andererseits als Bestätigung dafür gelten, dass die 
Krankheit im 16. Jahrhundert in Europa eine einheimische 
Seuche der Kinder war; der in der Kindheit überstandenen 
Infektion verdankten die Erwachsenen ihre Widerstandsfähig- 
keit gegen die Ansteckung, vermöge deren sie unter den 
massenhaft erkrankenden Bewohnern der neuen Länder ihre 
Gesundheit bewahrten und ihre kolonisatorischen Aufgaben 
lösen konnten. 



64 Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 

Dennoch geben die historischen Ueberlieferungen kein 
treues Bild von der Verbreitung der Pocken in den ersten 
Jahrhunderten der Neuzeit. Ueberall, wo in den Schriften 
jener Periode von den Blattern die Rede ist, sind stets zu- 
gleich die Masern erwähnt; nur ausnahmsweise, wie in den 
aus Fernel angeführten Beispielen, erfahren wir, dass in 
einem bestimmten Jahre die Blattern, in einem anderen die 
Masern überwogen. Wenn auch einzelne Krankengeschichten 
die uns wohlbekannten Erscheinungen der Pocken naturgetreu 
schildern, wenn ferner aus vielen Berichten die traurigen 
Folgen der Krankheit für Leben und Gesundheit sicher zu 
erkennen sind, so lässt sich doch ein Ueberblick über den 
Schaden, welcher der gesammten Bevölkerung durch die 
Seuche geschah, nicht gewinnen; selbst da, wo bestimmte 
Mittheilungen über die Zahl der Todesfälle vorliegen, bleibt 
die Frage offen, wie viele davon den Pocken und wie viele 
den Masern zuzuschreiben sind. 

Es kommt dazu, dass die Berichte über die Pocken nicht 
gerade zahlreich sind. Hieraus auf ein seltenes oder mildes 
Auftreten der Krankheit schliessen zu wollen, wäre gegen- 
über den mannigfachen, bereits hervorgehobenen Beweisen 
einer allgemeineren Verbreitung und Verderblichkeit der 
Krankheit in jener Zeit nicht gerechtfertigt. Indessen würden 
die Blattern und ihre Folgen zweifellos auch in nichtärztlichen 
Schriften häufiger und eingehender geschildert worden sein, 
wenn der Eindruck der Seuche bei den Zeitgenossen gleich 
tief, die Furcht vor der Krankheit und die Niedergeschlagen- 
heit über ihre Folgen ähnlich gross gewesen wäre, wie dies 
aus späteren Zeiten bekannt ist. Es möchte fast scheinen, 
als ob man den Blattern gegenüber eine gewisse Gleichgültig- 
keit besass. trotz der tiefen Wunden, welche die Krankheit 
schon damals dem Volke schlug, trotz ihres zerstörenden 
Eingreifens in das Glück der Familien. 

Dies erklärt sich zum Theil aus der schon angeführten 
Thatsache, dass man die Pocken nur für eine bösartige Form 
der Masern ansah und bei Vergleichen der Sterblichkeils- 
ziffern mit den Gesammtzahlen der Pocken- und Masern- 
erkrankungen die Häufigkeit des tödlichen Ausgangs der 
Blattern unterschätzte. Nichtsdestoweniger wäre aber der 
Ki'.-inkln'ii sicher weit mehr Beachtung geschenkt worden, 
wenn nicht andere noch furchtbarere Seuchen die allgemeine 
Aufmerksamkeit auf sich gezogen, das Entsetzen aller Volks- 



Verbreitung der Pocken im Jahrhundert der Reformation. 65 

kreise erregt hätten. Dies waren ausser dem englischen 
Schweiss und dem Aussatz die Pest und die Syphilis. Die 
Pest, deren Name auch jetzt nicht ohne Grausen genannt 
wird, war im Mittelalter und zur Reformationszeit allenthalben 
verbreitet: sie zerrüttete und vernichtete im dreissigjährigen 
Kriege ganze Heere und Völker und zeigte sich noch im 
18. Jahrhundert in grösseren Epidemien. Die Syphilis aber 
nahm seit dem Heereszuge König Karls VIII. von Frankreich 
gegen Neapel (1494) eine Entwicklung, deren Heftigkeit in 
späteren Zeiten niemals wieder erreicht worden ist. Die 
pandemische Verbreitung und die Bösartigkeit dieser bis da- 
hin wenig gekannten Seuche, ihr Eindringen in die Familien, 
die grauenvollen Zerstörungen und Entstellungen an den 
Körpern ihrer Opfer, ihr damals meist akuter Verlauf und 
häufig tödtlicher Ausgang verfehlten nicht, die Völker in eine 
Erregung zu A r ersetzen, die erst nachiiess, als die Seuche 
nach einigen Jahrhunderten mildere Formen und einen mehr 
chronischen Verlauf anzunehmen begann. Die Schilderungen 
der Pest und der Syphilis stehen daher in den wissenschaft- 
lichen Werken und in den Chroniken, wie auch in anderen 
literarischen Erzeugnissen des 16. Jahrhunderts unter den 
Krankheitsbeschreibungen an erster Stelle. Nicht nur die 
Pocken, auch andere damals schon häufige Krankheiten, 
wie die Ruhr, die typhösen Seuchen, insbesondere das Fleck- 
fieber, traten hinter ihnen zurück. Erst später, als die Pest 
seltener geworden und die Syphilis nicht mehr neu war, 
wurde das Unheil, welches von den anderen Krankheiten 
und namentlich von den Blattern ausging, in vollem Maasse 
empfunden. 



Litteratur. 

EJieronymi Pracastorii Veron., De uontagione et contagiosis morbis 

et eonim curatione libri tres. Lugduni 1554. 
•In. Pernelii Ambiani, Universa Medicina. Editio sexta. Franco- 

furti 1607. 
Petr. Porestns Alemanianus', Observationum et curationum medici- 

iialimn Libri sept. Lugduni Batavorum 1593. 

Kubier. Geschichte iL Pocken u. i\. [mpfung. ■; 



66 Verbreitung der Poeken im Jahrhundert der Reformation. 

Oeuvres completes d'Ambroise Pare. Par Malgaigne. Paris 
1841. 

Joannis Baptistae van Helmont, Opera omnia. Frankfurt 1682. 

Marcellus Donatus, Mantuanus, De Variolis et Morbillis. Mantua 
1569. 

Lamm er t, Geschichte der Seuchen, Hungers- und Kriegsnöthe zur 
Zeit des dreissigjährigen Krieges. Wiesbaden 1890. 

Petri. Das Mikroskop. Von seinen Anfängen bis zur jetzigen Vervoll- 
kommnung. Berlin 1896. 

Ausserdem die in den Litteraturübersichten zu den früheren Capiteln 
angeführten Werke. 



Capitel V. 

Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



Durch den Beginn regelmässiger statistischer Aufzeichnun- 
gen über Zahl und Art der Todesfälle wurden die Pocken- 
verluste in der Bevölkerung Gegenstand allgemeinerer Be- 
achtung. 

Zu den Städten, welche zuerst derartige Sterberegister 
führten, scheint Genf gehört zu haben, da dort die Blattern- 
todesfälle schon seit 1580 gezählt wurden. In einer in der 
Pockenlitteratur vielfach citirten Abhandlung von Duvillard 
Analyse et tableaux de l'influence de la petite veröle sur la 
mortalite de chaque äge. Paris 1806) sind 6792 in der Zeit 
von 1580 — 1760 in Genf festgestellte Pockentodesfälle nach 
Altersklassen zusammengestellt. Leider ist aus den Citaten 
nicht ersichtlich, wie sich diese Sterbefälle auf die einzelnen 
Jahre vertheilten. Eine werthvolle Blatternstatistik, deren 
Einzelheiten u.a. von Creighton veröffentlicht sind, be- 
sitzen wir dagegen aus London. 

in England hatte schon im Jahre 1610 eine heftige 
Blatternepidemie in Aberdeen geherrscht: während der fol- 
genden Jahre finden wir die Krankheit in Briefen hervorra- 
gender Persönlichkeiten häufig erwähnt. 1613 starb Lord 
Harrington, 1621 der älteste Sohn des Lord Dudley an 
den Pocken. Sehr gross waren die Verluste im Jahre 1628: 
in 3 Wochen im Mai und Juni erlagen der Seuche 137 Per- 
sonen der damals 300000 Köpfe zählenden Bevölkerung der 
Hauptstadt. In einem Briefe des Lords Dorchester vom 
>>0. August werden die Blattern die allgemeine Krankheil 
(populär disease) genannt. Vom Jahre 1629 an begann man 



68 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



die Sterbefälle aus den Kirchenbüchern im Druck zu veröffent- 
lichen, so dass sowohl die Gesammtsterblichkeit, als auch 
die Todesfälle an confluirenden (flox) und gewöhnlichen Blat- 
tern (smallpox) getrennt von denen an Masern für jedes 
einzelne Jahr bekannt sind. In den ersten 8 Jahren ergaben 
sich folgende Ziffern: 





Todesfälle in London 


Jahr 








Gesammtzahl 


an Pocken 


1629 


8771 


72 


1630 


10554 


40 


1631 


3532 


58 


1632 


9535 


531 


1633 


8393 


72 


1634 


10400 


1354 


1635 


10651 


293 


1636 


23359 


127 



Schon in dieser ersten uns erhaltenen Statistik bestätigt 
sich die bereits 100 Jahre vorher von Fernel gemachte 
Wahrnehmung, dass die Pocken in jener Zeit regelmässig 
nach grösseren Epidemien, in denen die Kinder durchseucht 
wurden, einige Jahre zurücktraten, bis durch die dann er- 
folgten Geburten wieder empfängliche Kinder in hinreichender 
Menge vorhanden waren, um eine neue stärkere Verbreitung 
des Ansteckungsstoffes zu ermöglichen. Auch während der 
folgenden Jahre, für welche die Zahlen verloren gegangen 
sind, herrschte eine grössere Epidemie im Jahre 1641; die 
Register beginnen dann wieder mit dem Jahre 1647 und er- 
geben bis 1660 folgende Pockensterbezahlen: 





Pocken- 


Jahr 


Pocken - 


-Jahr 


todes fälle 


todesfälle 


1647 


139 


1654 


832 


1648 


401 


1 655 


1294 


1649 


1190 


1656 


823 


1650 


134 


1 657 


835 


1651 


525 


L658 


409 


1 652 


1279 


L659 


1523 


1653 


139 


1660 


354 



Pockenstatistife im 17. und 18. Jahrhundert. 



69 



Im Jahre 1660 starben an den Pocken auch ein Bruder 
und eine Schwester König Karls IL, nämlich der Herzog von 
Gloucester und Maria von Oranien. Aus den ärztlichen 
Schriften jener Zeit schliesst Cr ei gh ton, dass die Pocken 
damals besonders grossen Eindruck machten, weil sich unter 
den Kranken ungewöhnlich viele Erwachsene befanden. Für 
die folgenden Jahre sind neben den Pockentodesfällen auch 
die Ziffern der Gesammtsterblichkeit wieder verzeichnet. 



Todesfälle in London: 



Jahr 


Gesammt- 
zahl 


an Pocken 


Jahr 


Gesammt- 
zahl 


an Pocken 


1661 


16665 


1246 


1691 


22691 


1241 


1662 


13664 


768 


1692 


20874 


1592 


1663 


12741 


411 


1693 


20959 


1164 


1664 


15453 


1233 


1694 


24100 


1683 


1665 


97306* 


655 


1695 


19047 


784 


1666 


12738 


38 


1696 


18638 


196 


1667 


15842 


1196 


1697 


20972 


634 


1668 


17278 


1987 


1698 


20183 


1813 


1669 


19432 


951 


1699 


20795 


890 


1670 


20198 


1465 


1700 


19443 


1031 


1671 


15729 


696 


1701 


20471 


1099 


1672 


18230 


1116 


1702 


19481 


311 


1673 


17504 


853 


1703 


20720 


398 


1674 


21201 


2507 


1704 


22684 


1501 


1675 


17244 


997 


1705 


22097 


1095 


1676 


18732 


359 


1706 


19847 


721 


1677 


19067 


1678 


1707 


21600 


1078 


1678 


20678 


1798 


1708 


21291 


1687 


1679 


21730 


1967 


1709 


21800 


1024 


1680 


21053 


689 


1710 


24620 


3138 


1681 


23951 


2982 


1711 


19833 


915 


1682 


20691 


1408 


1712 


21198 


1943 


1683 


20587 


2096 


1713 


21057 


1614 


1684 


23202 


1560 


1714 


26589 


2810 


1685 


23222 


2496 


1715 


22232 


1057 


1686 


22609 


1062 


1716 


24436 


2427 


1687 


21460 


1551 


1717 


23446 


2211 


1688 


22921 


1318 


1718 


26523 


1884 


1689 


23502 


1389 


1719 


28347 


3229 


1690 


21461 


778 


1720 


25454 


1442 



Druckfehler bei Creiehton? 



70 Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 

Inwieweit die Aufzeichnungen der alten Kirchenbücher 
der Wirklichkeit entsprochen haben, entzieht sich unserem 
L rtheil. Man wird indessen nicht fehlgehen, wenn man gegen 
die Zuverlässigkeit der Zahlenangaben einige Zweifel hegt. 
Denn noch in neuester Zeit sind die Eintragungen in den 
Sterberegistern bezüglich der Todesursachen in vielen Län- 
dern als unsicheres Material zu betrachten, da sie meist ohne 
ärztliche Leichenschau lediglich auf die Mittheilungen der 
Angehörigen hin erfolgen. Bezüglich der Pocken waren Irr- 
thümer, namentlich zur Zeit des 17. Jahrhunderts, als man 
sich noch nicht gewöhnt hatte, zwischen Masern und Pocken 
sicher zu unterscheiden, nicht ausgeschlossen, abge- 
sehen davon, dass nicht zu ermitteln ist, ob die Sterblich- 
keitsziffern in den Kirchenbüchern wirklich alle Todesfälle in 
der Stadt einschlössen. 

Soviel aber darf man aus den Zahlenreihen entnehmen, 
dass die Pocken damals eine alltägliche Krankheit waren 
und unter den Todesursachen einen bedeutenden Platz ein- 
nahmen, jedenfalls einen höheren, wie z. B. die Diphtherie 
im Deutschen Reich vor Einführung des Heilserums. Jener 
Seuche erlagen nach den Angaben des Kaiserlichen Gesund- 
heitsamts (Gesundheitsbüchlein, 7. Abdruck S. 200) in dem 
Jahrzehnte von 1882 — 91 45 von je 1000 Gestorbenen. Die 
Pocken verursachtenin London in den ersten 8 Jahren der Aufzeich- 
nungen (1629—36) 28, in den 9 Jahren von 1661—70 (ohne 
das Jahr 1665) dagegen 64, und in den folgenden 5 Jahr- 
zehnten je 60, 74, 53, 56 und 81 von 1000 Todesfällen. 
In den eigentlichen Epidemiejahren ergaben sich noch weit 
höhere Zahlen. So waren im Jahre 1674 118, 1681 124,. 
1685 107, 1710 127 und 1719 ebenfalls 127 von je 1000 
Gestorbenen durch Pocken umgekommen. Auch wenn mar 
etwaige Fehlerquellen der Londoner Sterberegister in Betracht 
zieht, bleiben die Pockenverluste in jener Zeit recht be- 
trächtlich. 

An dm Blatten) starben in jenem Zeitraum u. a. ein 
Sohn und ein Enkel König Jakobs II. und des letzteren 
Tochter, Königin Mario (1695). 

I)ic Porkenslcrbliehkeit in London im weiteren Vorlauf 
dos IS. Jaliiiiuiidoils crgiebt sich aus der folgenden Uober- 
sichl : 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



71 



Jahr 


Gesammtzahl 


Todesfälle 


Jahr 


Gesammtzahl 


Todesfälle 


bezw. 


der 


an 


bezw. 


der 


an 


Jahrzehnt 


Todesfälle 


Pocken 


Jahrzehnt 


Todesfälle 


Pocken 


1721 


26142 


2375 


1761 


21063 


1525 


1722 


25750 


2167 


1762 


26326 


2743 


1723 


29197 


3271 


1763 


26148 


3582 


1724 


25952 


1227 


1764 


23202 


2382 


1725 


25523 


3188 


1765 


23230 


2498 


1726 


29647 


1569 


1766 


23911 


2334 


1727 


28418 


2379 


1767 


22612 


2188 


1728 


27810 


2105 


1768 


23639 


3028 


1729 


29722 


2849 


1769 


21847 


1968 


1730 


26761 


1914 


1770 


22434 


1986 


1721-30 


274922 


23044 


1761-70 


234412 


24234 



1731 


25262 


2640 


1771 


21780 


1660 


1732 


23358 


1197 


1772 


26053 


3992 


1733 


29233 


1370 


1773 


21656 


1039 


1734 


26062 


268S 


1774 


20884 


2479 


1735 


23538 


1594 


1775 


20514 


2669 


1736 


27581 


3014 


1776 


19048 


1728 


1737 


27823 


2084 


1777 


23331 


2567 


1738 


25825 


1590 


1778 


20399 


1425 


1739 


25432 


1690 


1779 


20420 


2493 


1740 


30811 


2725 


1780 


20517 


871 


1731-40 


264925 


20592 


1771-80 


214605 


20923 



1741 


32169 


1977 


1781 


20709 


3500 


1742 


27483 


1429 


1782 


17918 


636 


1743 


25200 


2029 


1783 


19029 


1550 


1744 


20606 


1633 


1784 


17828 


1759 


1745 


21296 


1206 


1785 


18919 


1999 


1746 


28157 


3236 


1786 


20454 


1210 


1747 


25494 


1380 


1787- 


19349 


2418 


1748 


23069 


1789 


1788 


19697 


1101 


1749 


25516 


2625 


1789 


20749 


2077 


1750 


23727 


1229 


1790 


18038 


1617 


1741-50 


252717 


18533 


1781-90 


192690 


| 17867 



1751 


21028 


998 


1791 


18760 


1747 


1752 


20485 


3538 


1792 


20213 


156S 


1753 


19276 


774 


1793 


21749 


2382 


1754 


22696 


2359 


1794 


19241 


1913 


1755 


21917 


1988 


1795 


21179 


1040 


1756 


20872 


1608 


1796 


19288 


3548 


1757 


21313 


3296 


1797 


17014 


522 


1758 


17576 


1273 


1798 


18155 


2237 


1759 


19604 


2596 


1799 


18134 


1111 


1760 


19S30 


2181 


1800 


23068 


2409 



1751-60 I 204597 20611 |1791-1800j 196801 



1841 



7*2 Pockenstatistik im 17. and 18. Jahrhundert. 

In den einzelnen hier zusammengestellten 8 Jahrzehnten 
von 1721—1800 kommen auf je 1000 Todesfälle 83, 78, 
73, 101, 103, 97, 93 und 94 solche an Pocken. Es scheint 
hiernach, dass die Grösse der Pockenverluste in London 
innerhalb des 18. Jahrhunderts noch zugenommen hat; in- 
dessen ist zu berücksichtigen, dass die Gesammtzahl der 
Sterbefälle sich nicht vermehrte, in den letzten Jahrzehnten 
z. B. geringer war als in den 5 Jahrzehnten von 1681 — 1730. 
Hiernach ist es sehr wohl erklärlich, dass mit dem Erlöschen 
der Pest, welche früher die grosse Sterblichkeit verursacht 
hatte, die Pockentodesfälle unter den verminderten Mortali- 
tätsziffern mehr auffielen. Ob diese wirklich zahlreicher 
waren, als früher, würde zu erkennen sein, wenn es möglich 
wäre, die Zahlen der Todesfälle auf die Einwohnerzahlen zu 
berechnen. Letztere sind von Creighton nicht mitgetheilt. 
Nach dem amtlichen Bericht der Royal commission appointed 
to inquire into the subject of vaccination (1896) starben in 
der Zeit von 1681 — 90 jährlich 3,139 und in der Zeit von 
1746 — 55 jährlich 3,044 von 1000 Einwohnern Londons an 
Pocken, wonach eine Zunahme der Blatternmortalität nicht 
gefolgert werden kann. Jedenfalls ist die Pockenseuche in 
London dauernd sehr verbreitet gewesen. 

Letzteres wird durch andere Angaben bestätigt. In den 
Schriften jener Zeit sind die Pockennarben häufig erwähnt, 
und wenn auch bei milderem Verlauf der Krankheit eine 
Entstellung des Gesichts oft ausblieb, so fand Creighton 
doch unter 100 Steckbriefen, die in der Zeit von 1 667 — 
1774 erlassen wurden, nicht weniger als 16 Personal- 
beschreibungen, in denen die Blatternnarben ausdrücklich 
hervorgehoben sind. 1 ) In den Jahren 1751 und 1752 
waren die Pocken nach Notizen, welche Dr. Fothergill in 
Gentlemans Magazine veröffentlichte, im Allgemeinen von 
mildem Charakter (1752 3538 Todesfälle!), aber so ver- 
breitet, dass ihnen wenige entgingen, die sie nicht schon vor- 
her durchgemacht hatten. Die Kinder von 1 bis zu 3 Jahren 
wurden am meisten betroffen. Indessen kamen in London 
nach einem anderen Berichte von Lettsom auch Erkrankungen 
Erwachsener nicht selten vor, da die Bevölkerung beständig 
Zuzug vom Lande erhielt, wo die Pockensich um - periodisch 



]) Creighton verwerthel diese Berechnung ;il- Beweis, 
Pockennaiben weniger häufig waren, als man später annahm, 



Poclcenstatistik im 17. und LS. Jahrhundert, 73 

zeigten: die zuwandernden Personen hallen dort zum Theil 
ihre Kindheit durchlebt, ohne die Krankheit durchzumachen, 
und wurden erst in London davon ergriffen. In dem am 
26. September 1746 eröffneten Pockcnhospital, welches 
hauptsächlich erwachsenen Personen Aufnahme gewährte, 
wurden bis zum 24. März 1759 3946 Kranke verpflegt, von 
denen 1030, mehr als ein Viertel, starben. Die meisten in 
London selbst geborenen Kinder machten nach Lettsom die 
Blattern innerhalb ihrer ersten 7 Lebensjahre durch. 

Den Londoner Sterberegistern reihen sich noch mannig- 
fache statistische Angaben aus anderen Städten Gross- 
britanniens an. So verzeichnet Creighton mit genauen 
Quellenangaben die Erkrank ungs- und Sterbeziffern aus 30 Städten 
oder Bezirken für einzelne Jahre des Zeitraums von 1721 — 30; 
die höchsten Zahlen ergeben sich für Salisbury mit 1244 Er- 
krankungen und 165 Todesfällen im Jahre 1723, Chichester 
mit 994 Erkrankungen und 168 Todesfällen im Jahre 1722. 
die geringsten für das Städtchen Kemsey bei Worcester mit 
73 Erkrankungen und 15 Todesfällen im Jahre 1725/26. 
Meist handelt es sich um mehrere hundert Pockenerkrankungen 
in 'einem Jahre; die Zahl der Todesfälle schwankt zwischen 
9,1 (Deal 1725/26) und 36,4 (üxbridge 1727) und wird meist 
auf 15 bis 20 vom Hundert der Erkrankungen angegeben, 
wobei indess zu berücksichtigen ist, dass die Todesfälle in 
der Regel vollständiger ermittelt sein dürften, als die Er- 
krankungen. 

Aus einer schweren Epidemie in Plymouth während der 
Jahre 1724/25 herichtet Huxham, dass auch erwachsene 
Personen, welche früher an den Pocken gelitten hatten und 
jetzt die Pflege von Kranken übernahmen, von den Blattern 
betroffen wurden, indessen in so leichter Form, dass nur 
einzelne Pusteln im Gesicht, an der Brust und den Händen 
auftraten. Eine Frau hatte mehr als 40 Blattern auf der- 
jenigen Seite ihres Gesichts und ihrer Brust, an welche sie 
das von ihr gepflegte Kind beim Tragen angelegt hatte. Im 
Allgemeinen blieben die Erwachsenen verschont, weil sie 
schon in der Kindheit geblättert waren. Höchstens wurden 
bei älteren Personen milde Erkrankungen beobachtet. Der 
Militärarzt Pringle berichtet, die Krankheit sei im Kriege 
niemals von Bedeutung gewesen. Auf dem Kriegsschiff 
„Royal George" herrschte die Seuche im Jahre 1758; es 
starben nur 4 oder 5 Mann der 880 Köpfe starken Mann- 



74 Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 

schaft, und fast 100 blieben verschont. In dem Cheshire- 
Regiment waren im Jahre 1781 von den 600 Mannschaften 
nur 30 noch nicht geblättert. In der Marine fand man 
häufiger Personen, welche die Pocken noch nicht durch- 
gemacht hatten. 

Dass übrigens in einer längere Zeit verschont gebliebenen 
Stadt die Pocken nicht nur als Kinderkrankheit auftraten, 
sondern den nicht geblätterten Erwachsenen ebenfalls ver- 
hängnissvoll wurden, zeigte sich u. a. in den beiden Jahren 
1724/25 in Aynho bei Baxbury in North amptonshire. Nach 
Jurin's Bericht fielen dort von 132 Erkrankungen (und 25 
Todesfällen) 13 (3) auf das Alter von 3 bis 5, 15 (1) von 
5 bis 10, 33 (3) von 10 bis 15, 14 (1) von 15 bis 20, 
25 (6) von 20 bis 30, 22 (7) von 30 bis 50 Jahren und 
10 (4) auf noch höhere Altersklassen. 

In welcher Weise die Gesammtbevölkerung einer Stadt 
sich an den Pockenerkrankungen betheiligte, geht aus einer 
18 Monate dauernden Epidemie in Hastings hervor. Bis 
zum 28. Januar 1732 erkrankten von den 1636 Einwohnern 
705, fast die Hälfte, an den Pocken: 97 davon starben. 
Von den übrigen hatten 725 die Krankheit schon früher über- 
standen, und nur 206 waren bis zu dem genannten Tage der 
Ansteckung entgangen. 

Aehnliches ist für Chester zu berichten: Von den 14713 
Einwohnern dieser Stadt erkrankten im Jahre 1774 1385 
an Pocken; die Seuche verursachte 202 Todesfälle, davon 
180 bei Kindern unter 5, die übrigen 22 bei solchen von 5 
bis 10 Jahren. Am. Ende der Epidemie gab es in der Stadt 
noch 1060 nicht geblätterte Personen. » 

Im Jahre 1736 herrschte in Nothinghain eine Epidemie, 
welche namentlich unter den Kindern bis zu 5 Jahren ver- 
heerend wirkte. Die Zahl der Beerdigungen überstieg die der 
Taufen um 380. In den Jahren 1740—42 traten die Pocken 
namentlich in Norwich, Bland ford, Edinburg und Kilmarnock 
heftig auf. In Edinburg wiesen die Sterberegister in dem 
Jahrzehnt 1744 bis 1753 L2709 Todesfälle überhaupt und 
1256 (99°/ 00 ) davon an Pocken, im folgenden Jahrzehnt 
11613 überhaupt und 1185 (102°/ 00 ) an Poeken auf. 

Nicht ohne [nteresse ist nachstehende üebersicht über 
das \uftreten der Pocken in Boston (Lincolnshire) während 
de,- Zeit von 174ii bis 1800: 



Pockenstatistik im 17. und LS. Jahrhundert. 



75 



Jahr 


Zahl der 
Taufen 


Zahl der 
Beerdi- 
guDgen 


Todes- 
fälle an 
Pocken 


Jahr 


Zahl der 
Taufen 


Zahl der 
Beerdi- 
gungen 


Todes- 
fälle an 
Pocken 


1749 


,, 


120 


48 


1775 


162 


186 


55 


1750 


80 


93 


— 


1776 


165 


176 


7 


1751 


55 


59 


— 


1777 


165 


131 


6 


175-2 


88 


85 


— 


1778 


166 


174 


18 


1753 


79 


73 


— 


1779 


173 


195 


3 


1754 


88 


111 


1 


17 SO 


137 


247 




1755 


74 


102 


19 


17S1 


136 


193 


19 


1756 


66 


110 


34 


1782 


133 


177 


— 


1757 


93 


86 


4 


1783 


162 


149 


— 


175S 


S3 


SS 


4 


1784 


147 


202 


58 


1759 


102 


91 


— 


1785 


16S 


124 


4 


1760 


106 


84 


•2 


1786 


152 


114 


— 


1761 


80 


94 


— 


1787 


16S 


130 


— 


1762 


95 


134 


o 


1788 


181 


145 


— 


1763 


92 


206 


69 


1789 


184 


185 


27 


1764 


130 


102 


5 


1790 


204 


126 


— 


1765 


112 


113 


— 


1791 


218 


93 


2 


1766 


144 


117 


— 


1792 


219 


152 


— 


1767 


129 


95 


— 


1793 


195 


141 


1 


1768 


131 


117 


— 


1794 


197 


148 


— 


1769 


159 


120 


o 


1795 


217 


161 


1 


1770 


140 


166 


78 


1796 


214 


205 


64 


1771 


150 


133 


2 


1797 


240 


166 


— 


1772 


138 


130 


6 


1798 


227 


112 


— 


1773 


157 


143 


27 


1799 


229 


133 


— 


1774 


160 


112 


— 


1800 


225 


147 


1 



Die vorstehenden Zahlen lassen deutlich erkennen, wie 
die Pocken in den kleineren Städten zeitweise epidemisch 
auftraten, dabei zu einer beträchtlichen Erhöhung der an und 
für sich nicht geringen Sterblichkeit beitrugen und dann, 
nachdem sie die Bevölkerung durchseucht hatten, wieder ver- 
schwanden. 

In Industriestädten, wie Kilmarnock (Ayrshire), traten 
die Epidemien häufiger und verderblicher auf; die älteren 
Personen waren jedoch meist geblättert und daher der Er- 
krankung weniger ausgesetzt. Während in Boston 1 Todesfall 
an Blattern auf 11 Sterbefälle der Gesammtheit kam, stellte 
sich das Verhältniss nach dem Bericht von J. C. M'Vail in 
Kilmarnock während der Jahre von 1728 bis 1763 wie 1:6. 
Von 622 Pockentodesfällen in dieser Zeit betrafen nur 27 
das Alter über 6 Jahre, wie folgende Uebersicht zeigt: 



76 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



Pockentodes- 
fälle über- unter 1 1—2 2—3 3-4 4—5 5—6 über 6 Alter nicht 
haupt Jahr Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre bekannt 
622 118 146 136 101 62 23 27 9 

In den Dörfern waren die Pausen zwischen den Pocken- 
epidemien oft ziemlich lang. So hatte Ackworth in Yorkshire 
während der 20 Jahre von 1747 — 1767 nur wenig an den 
Pocken zu leiden. Im ersten der beiden Jahrzehnte waren 
127 Taufen und 107 Todesfälle, davon nur 1 an Pocken, im 
zweiten 212 Taufen und 156 Todesfälle, davon 13 an Pocken 
zu verzeichnen. Auch waren die Verheerungen durch die 
Seuche weniger gleichmässig, als in den Städten. Creighton 
erwähnt noch einige Beispiele, in denen die Zahl der 
Todesfälle ähnlich niedrig blieb wie in Ackworth, führt 
dagegen Ueberlieferungen aus einigen schottischen Gemeinden 
an, denen zufolge z. B. in einem Dorfe in den Jahren 1777 
und 1778 durch die Pocken 70 bis 80 Kinder starben und 
eine Grafschaft geradezu entvölkert wurde. 

In den grossen Städten herrschten die Pocken ebenso, 
wie in London, ohne Unterbrechung und oft noch mörderischer 
als in der Hauptstadt. So hatte Manchester in den 6 Jahren 
von 1769 bis 1774, unter 3807 Todesfällen überhaupt, 589 
(154"/ 00 !) an Pocken, und von den letzteren betrafen alle 
bis auf einen Kinder unter 10 Jahren. 

In Liverpool, welche Stadt im Jahre 1773 34407 Ein- 
wohner besass, kamen in den 3 Jahren 1772 — 74 auf 3559 
Taufen 3634 Beerdigungen und 662 Todesfälle an Pocken. 
Von je 11 Todesfällen waren 2 durch Pocken verursacht. 

Ueber die Pockensterblichkeit in Glasgow am Ende des 
18. Jahrhunderts giebt folgende Tabelle Auskunft: 





Todes- 


Todes- 




Todes- 


Todes- 


Jahr 


fälle 


fälle 


Jahr 


fälle 


fälle 




überhaupt 


au Pocken 




überhaupt 


an Pocken 


1783 


1413 


155 


1792 


1848 


202 


1784 


1 623 


425 


1793 


20 1.") 


389 


! 785 


1 552 


2 1 8 


1794 


1 li:, 


235 


1786 


1622 


348 


1795 


1901 


402 


17S7 


1802 


-110 


1796 


1369 


177 


17 SS 


L982 


399 


1797 


1662 


354 


L789 


17:,:; 


366 


1798 


1603 


309 


17ÜO 


L866 


336 


17'.)!) 


1906 


370 


1791 


21 1<; 


607 


1800 


L550 


257 



Pockenstatistik im 1<. und 18. Jahrhundert. 77 

In den drei 6 jährigen Perioden von 1783 — 1788, 1789 — 
1794 und 1795—1800 kamen auf je 1000 Todesfälle 195, 
182 und 187 solche an Poeken, und da damals 501, 533 und 
510 von je 1000 Todesfällen das Lebensalter unter 5 Jahren be- 
i rufen, die Pockentodesfälle aber, wie anzunehmen ist, über- 
wiegend auf diese Altersklassen entfielen, so war etwa jedes 
dritte Kind, welches starb, den Pocken erlegen! 

Zur Vervollständigung des Gesammtbildes der Pocken- 
heimsuchung Grossbritanniens müssen noch einige Mit- 
theilungen über aussergewöhnlich milde Epidemien wieder- 
gegeben werden. So will Deering um das Jahr 1731 in 
London von 100 Kranken nur 1 und 1737 von 51 Kranken, 
die er behandelte, nur 3 verloren haben; er fügt hinzu, dass 
die Pocken in London damals zeitweise einen milden Charakter 
gezeigt hätten. In Whittington (Derbyshire) genasen im Jahre 
1752 17 pockenkranke Kinder, ohne dass ärztliche Hilfe in 
Anspruch genommen war. Im Findlingspital in London 
starben in der zweiten Hälfte des Jahres 1762 von 60 pocken- 
kranken Kindern nur 4. Auf einem Sklavenschiff soll im 
Jahr 1746/47 von 170 erkrankten Sklaven nur 1 gestorben 
sein. Greighton führt einige Beispiele von Familien an, in 
denen die Krankheit regelmässig einen günstigen Verlauf zu 
nehmen pflegte und stellt diesen andere Familien gegenüber, 
deren Mitglieder stets schwer erkrankten. 

Im Allgemeinen gehörte ein milder Verlauf der Pocken zu 
den Ausnahmen. Dagegen kamen zeitweise so schwere' 
Epidemien vor, dass jeder dritte Kranke starb. Von 
solcher Art war das Auftreten der Pocken in Warrington im Jahre 
1773 und 1774. Zu der grossen Blatternsterblichkeit daselbst 
hat allerdings vielleicht auch die mangelhafte Pflege, welche 
den erkrankten Kindern in der dortigen Fabrikbevölkerung 
zu Theil wurde, viel beigetragen. Aikin, welcher die Epi- 
demie beschrieben hat, hebt hervor, dass die Kranken hin- 
reichend kühl gehalten wurden und abführende, säuerliche 
Getränke erhielten. Wenn sie jedoch genasen, so fährt er 
fort, schien dies eher auf einen geringeren Grad von Bös- 
artigkeit der Krankheit oder auf eine grössere körperliche 
Widerstandskraft zurückgeführt werden zu müssen, als auf 
besondere Pflege. In den ungünstigen Fällen trat der Tod 
gewöhnlich ein, bevor die Pusteln gereift waren: und oft 
zeigten diese keine Neigung zur Weiterentwicklung, nachdem 
sie völlig herausgekommen waren, sondern blieben ganz flach 



78 Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhuodert. 

und blass. In einer Häusergruppe fand Aikin unter 
29 Kranken 12 Todesfälle, also 2 auf 5; in anderen war 
die Sterblichkeit noch grösser, und er nahm an, dass sie in 
der Gesammtheit nicht geringer war. Insgesammt starben 
in Warrington, dessen Bevölkerung im Jahre 1781 9501 
Köpfe betrug, in jener Epidemie 209 Kinder an den Pocken, 
davon 197 im Alter unter 5, die übrigen im Alter von 5 
bis zu 10 Jahren. 

In Carlisle sollen im Jahre 1779 nach der Schätzung Hey- 
sham's von 300 Kranken 90, (also 1:3,3), in Leeds 1781 nach 
dem Bericht von Lucas von 462 130 (1:3,5) gestorben sein. 

Im Anschluss an die englische Pockenstatistik seien end- 
lich noch einige Zahlen aus der amerikanischen Kolonie 
Grossbritanniens angeführt. In Boston erkrankten im Jahre 
1721 von 10565 Einwohnern 5985 an Pocken; 844 von den 
Kranken, d. i. je 1 unter 7 starben. Unter den gesund 
gebliebenen Personen befanden sich nur 750, welche die 
Krankheit früher noch nicht gehabt hatten. In einer späteren 
Epidemie im Jahre 1752 erkrankten 5545 von 15 684 Ein- 
wohnern; es starben 569, also etwa 1 unter 10 Kranken; 
von den gesund gebliebenen Einwohnern waren 5598 früher 
noch nicht geblättert. 

Eine ähnlich vollständige Pockenstatistik, wie sie durch 
Creighton's Fleiss aus den älteren englischen Werken zusam- 
mengetragen ist, steht uns für andere Länder nicht zurVerfügung; 
immerhin ermöglicht das vorhandene Zahlenmaterial auch über 
die Verbreitung der Seuche im übrigen Europa ein Urtheil. 

In Paris sollen nach einer Mittheilung Haeser's im 
Jahre 1716 14000 Personen an den Pocken gestorben sein. 
Andere heftige Blatternepidemien sind von dort aus den 
Jahren 1711, 1720, 1731 und 1739 berichtet. In den Jahren 
1762 und 1763 herrschte die Seuche in ganz Frankreich. 
De la Condamine schätzte in seinem „Memoire sur l'inocu- 
lation de In petite veröle" (1754) die Zahl der Personen, 
welche durch dir Blattern umkamen, verkrüppelt oder cni- 
stelH wurden, auf ein Viertel aller Menscher und nahm an, 
dass jeder 10. Todesfall auf Rechnung jener Krankheil zu 
setzen sei. Im Jahre 1711 starb der Dauphin, im Jahre 
177J König Ludwig XV. an den Pocken. Nach einem 
Bericht des französischen Ministers des [nnern über die 
Pockenstcrblichkeil im Jahre L800, also zur Zeit, als man 



Po&kenstatistili im 17. und 18. Jahrhundert, 



79 



sich zur Einführung der Vaccination anschickte, waren in 
diesem Jahre folgende Zahlen bekannt geworden (Wem her): 




Vaucluse 

Commune von Sambres und 

Meuse 

.Cotes du Nord 

Sarre 

Ourte 

Calvados 

Landes 

Correze 



30 

62 

1862 

497 

3087 

217 

1039 



4 

16 

706 

85 
429 

31 
350 



10 
3 

40 

48 
156 
1 blind 

77 



1:7,5 
1:4 

1:2.5 

1:5 

1:7,5 

1:7 

1:3 



In einzelnen Communen: 



Tournay 

s 



— 2:5 

esia | — — — | 2:5 

Der Bericht schätzte die Zahl der Neugeborenen, welche 
jährlich an Blattern starben, auf 1 / 3 der Gesammtheit. 

Wie sehr die Krankheit in den Niederlanden ver- 
breitet war, geht aus den Bemerkungen hervor, mit welchen 
der berühmte Boerhaave (1668 — 1738) den Abschnitt „Vari- 
olae" in seinen „Aphorismi de cognoscendis et curandis morbis" 
einleitet. Er sagt: „Wegen ihrer Häufigkeit unter den 
Kindern wird die Krankheit, welche Blattern genannt wird, 

hier beschrieben Sie ist meist epidemisch 

Sie betrifft jedes Alter und Geschlecht, am meisten aber die 
Kinder und diejenigen Personen, welche sie vorher noch nicht 
durchgemacht haben. c: 

lieber das Auftreten der Pocken in Dänemark sagt 
der bereits erwähnte amtliche Bericht des dortigen Gesund- 
heitsamtes vom Jahre 1857 *•): „Von grossen Epidemien in 
Dänemark erwähnt die Geschichte die von 1592 (Geschichte 
Christians IV. von Stange, Bd. I S. 62), die von 1656 (be- 
schrieben von Th. Bartholin, in Cista Medica S. 590): die 
von 1716 (Boetticher's Morborum Malisnorum Descriptio 
S. 19) und vielleicht einige andere: aber wir suchen ver- 
gebens nach statistischen Angaben über die Zahl der in 
diesen Epidemien gestorbenen Personen. Die Krankheit 
wüthete Jahr für Jahr in den Stadien sowohl wie auf dem 



1) Vergl. S. 4f>. 



80 



Poclcenstatistik im 17. uucl 18. Jahrhundert. 



Lande, und obwohl sie ihre furchtbare Höhe jedes 4. und 
7. Jahr erreichte, begleitet von Unterleibstyphus, Scharlach 
und besonders Masern, fühlten sich unsere Chronisten doch 
nicht berufen, Eintragungen über ein so gewöhnliches Er- 
eigniss zu machen; der Nutzen der Statistik für Gesundheits- 
zwecke war damals zu wenig geschätzt." Seit dem Jahre 
1750 wurden indessen die Pockentodesfälle in der Haupt- 
stadt verzeichnet. Die Zahlen sind nach der dem Bericht 
beigebenen Tabelle hier wiedergegeben: 

Pockensterblichkeit in Kopenhagen: 











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CD 

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1750 


60000 


4317 


1571 




1457 


1776 




2825 


56 




86 


1751 


— 


2798 


17 





80 


1777 


— 


2894 


— 


292 


7 


1752 


— 


2594 


2 





113 


1778 


_. 


2884 


— 


44 


278 


1753 


— 


2845 


300 


— 


53 


1779 


— 


3159 


138 


— 


283 


1754 


— 


2542 


— 


221 


9 


1780 


— 


2673 


— 


362 


9S 


1755 


— 


3821 


1152 


— 


1117 


1781 


— 


3741 


756 


— 


174 


1756 


— 


2792 


139 


— 


125 


1782 


— 


4122 


1422 


■ — 


332 


1757 


— 


3700 


1100 


— 


13 


1783 


— 


2917 


— 


118 


123 


1758 


— 


4761 


2354 


— 


13 


1784 


— 


3004 


— 


220 


77 


1759 


_ 


4355 


2296 


— 


1079 


1785 





3762 


171 


— 


427 


1760 


— 


3228 


746 


— 


118 


1786 


— 


4001 


867 


— 


193 


1761 


— 


2593 


123 




4 


1787 


— 


34S4 


419 


— 


136 


1762 


— 


4512 


2223 


— 


7 


1788 


— 


3733 


675 


— 


185 


1 763 


— 


5034 


2707 


— 


167 


1789 


— 


3849 


670 


— 


323 


1764 


— 


3675 


1028 


— 


480 


1790 


— 


2313 


— 


1179 


140 


L765 


— 


2973 


432 


— 


138 


1791 


— 


3649 


290 


— 


297 


1766 


— 


3923 


1286 


— 


42 


1792 


— 


2645 


— 


878 


155 


L767 




3361 


404 


— 


6 


1793 


70495 


2433 


— 


851 


139 


176S 




2912 




49 


27 


1794 


— 


3123 


— 


L46 


452 


1769 


70495 


1-13-1 


1525 


— 


1219 


1795 


— 


3524 


475 


— 


248 


1770 


— 


3770 


860 


— 


22 


1796 


83604 


3045 


18 


— 


357 


1771 


— 


31 11 


487 


— 


8 


1797 


— 


3278 


2 


— 


423 


L772 




L209 


1605 


— 


22 


1798 


— 


3717 


366 


— 


386 


1 77:; 




3229 


135 


— 


190 


17!)!) 


.__ 


360 1 


191 


— 


54 


1771 




2273 
3220| 


3 1 1 


647 


i k; 
276 


1X01) 


- 


3689 


308 




35 


177.', 


1776 


1800 


82065 






5408 



1750 7.". |91015 



| 6901 



Po&kenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 81 

Nach vorstehender Tabelle kamen in Kopenhagen in der 
Zeit von 1750—75 76, in der Zeit von 1776—1800 66 
Pockentodesfälle auf 1000 Todesfälle überhaupt. Es starben 
an der Krankheit im ersten Zeitraum jährlich etwa 4, im 
zweiten etwa 3 von je 1000 Lebenden. Sofern die Annahme 
zutrifft, dass die Blatterntodesfälle überwiegend das kindliche 
Lebensalter betrafen, ergiebt sich daraus, dass die Kinder- 
sterblichkeit durch die Blattern ganz erheblich erhöht wurde. 
Die Grösse der Zahlen springt noch deutlicher in die Augen, 
wenn man bedenkt, dass die in unserm Zeitalter verheerendste 
Volkskrankheit, die Tuberkulose, welche nicht nur die kind- 
lichen, sondern alle Altersklassen heimsucht, in den Städten 
Dänemarks in der Zeit von 1880—1897, auf 1000 Lebende 
berechnet, niemals mehr als 2,6 Todesfälle im Jahre verur- 
sacht hat. 1 ) In welch' hohem Grade die Gesammtsterblichkeit 
zeitweise durch die Pocken in Kopenhagen gesteigert wurde, 
zeigen u. a. die Ziffern der Jahre 1750, 1755 und 1769. 

Von dem Auftreten der Pocken in Island ist schon in 
früheren Kapiteln die Rede gewesen. Im Jahre 1707 brach 
dort eine Epidemie aus, welche wohl zu den mörderischsten 
gehört, die jemals stattgefunden haben. Die Krankheit soll 
durch einen isländischen Studenten eingeschleppt worden 
sein, der aus Furcht vor der Ansteckung von Kopenhagen 
geflohen war. Von den 50000 Einwohnern der Insel erlagen 
dem amtlichen Bericht zufolge der Seuche 18 000, mehr als ein 
Drittel. In den dünnbevölkerten Gemeinden des Landes gab es 
solche, in denen täglich 30 bis 40 Leichen beerdigt werden 
mussten. Es sollen auch nicht selten früher geblätterte Personen 
erkrankt und gestorben sein. Seit dieser grossen Epidemie 
traten die Pocken erst in den Jahren 1785, 86 und 87 wieder 
in grösserer Verbreitung auf. 

Die dänische Kolonie in Grönland verlor im Jahre 
1734 infolge der Einschleppung der Pocken durch ein 
dänisches Schiff 2 / 3 der damals vorhandenen 6000 — 7000 
Einwohner. Von 200 Familien, welche etwa 2 bis 3 Meilen 
von der dänischen Niederlassung wohnten, blieben nicht 30 
verschont. 



1) Rahts: Untersuchungen über die Häufigkeit der Sterbefälle 
an Lungenschwindsucht unter der Bevölkerung des Deutschen Reichs 
und einiger anderer Staaten Europas. Arbeiten aus dem Kaiserlichen 
Gesundheitsamte. Bd. XIV. S. 4. 

Kühler. Geschichte d. Pocken vi. d. Impfung. p 



82 Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 

In Kamschatka und auf den Kurilen kamen nach 
Wernher durch die im Jahre 1767 von einem russischen 
Soldaten mitgebrachte Seuche 20000 Menschen um. Viele 
Dörfer waren vollkommen verödet. Von ursprünglich 300 
Einwohnern Paratunkans fand Clerk nur noch 36 am Leben. 
Kapitän Cook (Voyage to the Pacific Ocean London 1785 
p. 365) sagte von der damaligen Epidemie, dass sie Ver- 
wüstungen angerichtet habe, die nicht weniger furchtbar ge- 
wesen seien, als die der Pest, und dass sie den gänzlichen 
Untergang der Bevölkerung anzudrohen schien. 

Für Schweden sind statistische Angaben über die Pocken- 
sterblichkeit seitens des dortigen Gesundheitsamts ebenfalls 
im Jahre 1857 der britischen Regierung zur Verfügung gestellt 
worden. Sie beginnen mit dem Jahre 1749 und ergeben 
die in nebenstehender Tabelle befindlichen Zahlen, die indess 
bis zum Jahre 1773 die Maserntodesfälle mit enthalten. 

Während der 27 Jahre von 1774 bis 1800 wurden 
demnach in Schweden 79 von je 1000 Todesfällen durch 
Pocken verursacht. Von je 1000 Einwohnern starben in dem 
Jahrfünft 1776 — 1780 im Jahresdurchschnitt 2,7 und in 
den folgenden 4 Jahrfünften bis 1800 2,4, 1,9, 1,6 und 2,0 
an der Seuche; in einzelnen Jahren waren die Ziffern weit 
höher; so starben von 1000 Einwohnern im Jahre 1779 7,2, 
1784 5,9 und 1800 5,1 an Pocken! 

Aus Russland fehlen bestimmte statistische Belege 
über die Pockenhäufigkeit. Der Leibarzt Kaiser Alexanders 1. 
Dr. Crighton schätzte in einem bei Moore auszugsweise ab- 
gedruckten Brief vom 12. September 1812 die Zahl der vor 
der Einführung der Vaccination in Russland jährlich an 
Pocken gestorbenen Kinder auf ein Siebentel der Gesammt- 
heit. Die grosse Verbreitung der Seuche hatte schon im 
Jahre 1768 der Kaiserin Katharina Anlass gegeben, die 
Inoculation durch Dimsdale einführen zu lassen und nach- 
drücklich für die Verbreitung dieses Schutzmittels zu wirken. 
Dimsdale behauptet, dass damals jährlich 5 Millionen Ein- 
wohner Russlands an Pocken starben. (?) In einem Dorfe 
fand er von 37 an Blattern erkrankten Personen nur achl 
am Leben. 

Eine Anzahl von Pockenepidemien sind ans Ungarn 
berichtet; ''in«' derselben fiel in das Jahr 1713 und isl von 
Gensf] näher beschrieben: andere erwähnt Haeser ans den 
Jahren L739 und 17 IM 42. 



Pockenstatistik im 17. und L8. Jahrhundert. 

Pockenstcrblichkeit in Schweden. 



83 





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1749 


— 


49516 


4453 


1774* 


2001360 


43609 


2065 


103,2 


1750 




47622 


6180 


1775* 


2020847 


49560 


1275 


63,1 


1751 


1785727 


46902 


5546 


1776* 


2040334 


45692 


1503 


73,7 


1752 


— 


49467 


10302 


1777* 


2059821 


51096 


1943 


94,3 


1753 


— 


43905 


8000 


1778* 


2079308 


5502S 


6607 


317,7 


1754 


1837314 


48645 


6862 


1779* 


2098795 


59365 


15102 


719.6 


1755 


— 


51090 


4705 


1780* 


2118281 


45731 


3374 


159,3 


1756 


— 


52062 


7858 


1781* 


21230S0 


54313 


1485 


69,9 


1757 


1870372 


55829 


10241 


1782* 


2127879 


58247 


2482 


116,6 


175S 


— 


60527 


7104 


1783* 


2132678 


60213 


3915 


183,6 


1759 


— 


49162 


3910 


1784* 


2137477 


63792 


12456 


582,6 


1760 


1893248 


46721 


3568 


1785* 


2142275 


60770 


5077 


237,0 


1761 


— 


49143 


5731 


1786* 


2143919 


55951 


671 


31,3 


1762 


— 


59994 


9389 


1787* 


2145563 


51998 


1771 


82,5 


1763 


1940011 


64180 


11662 


1788* 


2147207 


57320 


5462 


254,4 


1764 


— 


53364 


4562 


1789* 


2148151 


69583 


6764 


314.8 


1765 


— 


54566 


4697 


1790* 


2150493 


63598 


5893 


274,0 


1766 


1981600 


49726 


4092 


1791* 


2176483 


55946 


3101 


142,5 


1767 


— 


51272 


4189 


1792* 


2202473 


52958 


1939 


88,0 


1768 


— 


54751 


10650 


1793* 


2228463 


54376 


2103 


94,4 


1769 


2015127 


54991 


10215 


1794* 


2254453 


53362 


3964 


175.8 


1770 


— 


53071 


5215 


1795* 


2280441 


63604 


6740 


295,6 


1771 


— 


56827 


4362 


1796* 


2293813 


56454 


4503 


196,3 


1772 


2032516 


76362 


5435 


1797* 


2307185 


55030 


1733 


75,1 


1773 


— 


105139 


12130 


1798* 


2320557 


53866 


1357 


58,5 










1799* 


2333929 


59192 


3756 


160,9 










1800* 


2347303 


73928 


12032 


512,6 




1774- 


1800 


1524602 


119073 





* Die Zahlen für die Jahre 1774 — 1800 sind nicht dem englischen Blau- 
buch, sondern der Denkschrift des Kaiserlich Deutschen Gesundheits- 
amtes vom Jahre 1888 „Beiträge zur Beurtheilung des Nutzens der 
Schutzpockenimpfung" entnommen und beruhen auf einer späteren Mit- 
theilung der Königlich Schwedischen Regierung. Sic stimmen nicht ganz 
mit den Zahlen des Blaubuches überein. 



Die 
sich aus 
Landes. 



grosse Verbreitung 



der Pocken in Italien ergiebt 
den Schilderungen der ärztlichen Schriftsteller dieses 
Sarcone schätzte die Zahl der Personen, welche 

6 * 



84 Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 

die Blattern durchmachten, auf 9 / 10 der Gesammtbevölkerung; 
er erwähnt eine grössere Epidemie in Ferrara 1717 und be- 
richtet weiterhin, dass die Pocken 1720 in Turin eindrangen , 
sich in das Piemontesische verbreiteten und wie die Pest 
durch ganz Italien wütheten. „1722 kamen sie nach Turin 
zurück und würgten zum andern Male unter den Erwachsenen. 
Im Jahre 1723 durchzog eine tödtliche Pockenepidemie den 
Erdboden und zehntete Europa, Amerika und einen Theil 
Asiens. 1725 verheerten die Pocken Minorka ganz schreck- 
lich .... 1736 sah Roncalli eine grosse Niederlage unter 
den Kindern durch die Seuche veranlasst . . . Ich selbst 
sah 1753 eine wüthende Epidemie, welche die Hauptstadt 
sowohl, als die Provinzen des Reichs in Trauer versetzte. 
In Rom starben 1754 mehr als 6000 Menschen an den 
Pocken .... Aus einem Sendschreiben, welches Doctor 
Gamucci in die novelle letterarie di Firenza einrücken lassen, 
erhellet, dass eine schreckliche Pockenepidemie entstanden 
gewesen. 1757 und 58 war diese Hauptstadt durch die 
Grausamkeit zweier harter Pockenepidemien ganz mit Trauer 
erfüllt: ich selbst verlor aller durch Herrn Visoni an- 
gewandten besten Mittel ohngeachtet zwei Söhne daran; und 
kaum konnte der dritte gerettet werden .... Schliesslich 
bemerken wir noch, dass wir von 1760 bis 1768 in dieser 
Hauptstadt sechs tödtliche Blatternepidemien auszuhalten 
gehabt, deren traurige Folgen die allermehresten Familien er- 
fahren mussten." Einem amtlichen französischen Bericht 
entnimmt Wernher die Angabe, dass in Turin in den Jahren 
1777 451, 1791 425 und 1794 851 Blatterntote gezählt 
wurden. 

lieber das Auftreten der Pocken in anderen Wclt- 
th eilen ist schon in früheren Kapiteln berichtet worden. 
Die Reiseberichte, denen die Mittheilungen über Ostasien ent- 
nommen waren, stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 
In der asiatischen Türkei und Aethiopien war zu jener Zeit 
die Inokulation gebräuchlich, welche, wie später zu erwähnen 
sein wird, ihren Weg über Constantinopel nach dem christ- 
lichen Europa fand, ('ober das Auftreten der Kränklich in 
Westafrika bringt Sarcone zahlreiche Angaben aus ver- 
schiedenen Heiseberichten. In Guinea wurden zeitweise „ganze 
bewohnte Gegenden entvölkert," an der ganzen Goldküste war 
die Seuche so gut wie einheimisch. „Mina," so schreibl 
Sarcone, ..eine der vornehmsten Städte des Reiches Peta, 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 85 

verlor durch dieselbe eine so grosse Menge Menschen, dass 
es ganz entvölkert wurde. In Angola ist sie oft tödtlich und 
ebensowohl einheimisch wie natürlich. In Mozikongo, wo- 
selbst man die Pocken Kitangas nennt, sind sie gemein, ob- 
schon nicht immer gefährlich. In Congo zählt man die 
Pocken mit unter die drei diesem Königreiche natürlichen 
Krankheiten. Die Einwohner werden von dieser Krankheit 
eben so sehr mitgenommen und hinweggerafTt, als anderwärts 
durch die Pest. Es ist zu bemerken, dass wir unter den 
Ursachen, welche die Wirkungen dieser Ansteckung tödtlich 
und gefährlich machen, die Sorglosigkeit mit angeführt linden. 
Sie brauchen (fährt Labat, Sarcone's Gewährsmann, fort), 
nicht die geringste Vorsicht, um sich dagegen zu verwahren, 
und überlassen die Kranken dem Laufe der Natur. Die, 
welche an der Seuche krank liegen, gemessen mit den Gesunden 
durcheinander eines und desselben Aufenthalts. Wenn das 
Uebel den höchsten Gipfel erreicht hat, ergreifen sie die übel- 
gewählte Parthei, sich öfters am Tage in kaltem Wasser 
unter zu tauchen. Die heftige Wirkung, die dies Mittel auf 
der Haut zu Wege bringt, die schon ganz schmierig von Fett 
und öligen Schmieralien ist, damit sie sich täglich zu salben 
pflegen, bringt die Ausdünstung so sehr zurück, dass die 
Pocken gewöhnlich zusammenfliessend und tödtlich davon 
wurden. Auf Sierra Leone, Riosesto, dem Vorgebirge der 
guten Hoffnung, Ardra, der ganzen Küste von Arorio und 
Gocabra, sind die Pocken einheimisch, oft epidemisch und 
selten gelinde." Aus einem Berichte von William Snell- 
grave, der den König von Dahomey als blatternnarbig schildert, 
entnahm Sarcone, dass die Blattern zu damaliger Zeit auch im 
Innern Afrikas verbreitet waren. 

Nach änderen Angaben sollen die Blattern in die Kap- 
kolonie erst im Jahre 1713 durch ein Schiff aus Indien und 
zum zweiten Male 1755 durch ein Schiff aus Ceylon ein- 
geschleppt worden sein. Die Epidemie von 1755 war be- 
sonders heftig. 



Aus dem Deutschen Reich und der Schweiz waren 
schon im 4. Kapitel einige Blatternepidemien im Beginne des 
17. Jahrhunderts erwähnt worden. Während des dreissigjährigen 
Krieges war dort die Pest die vorherrschende Seuche. Indessen 
sind daneben auch die Blattern in den Chroniken nicht selten 



86 Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 

erwähnt, wie die folgenden Angaben aus dem bereits früher 
eitirten Werke von L a m m e r t x ) erkenn en lassen . Im Jahr 1618 
waren in Basel „die Pocken oder Kindsblattern sehr giftig, 
viele Kinder starben daran; die, so das Leben behielten, waren 
übel zugerichtet und an den Gliedern gelähmt, der Geruch 
war ohnerträglich und einigen sind vor ihrem Tode die 
Backenknüffel abgefallen." Auch in Giessen starben viele 
Kinder, wahrscheinlich bei einer herrschenden Blatternepidemie. 
In Leipzig raffte die Krankheit im Juli des folgenden Jahres 
über 200 Kinder fort. Im Jahre 1621 machten sich die 
Blattern in Nassau bemerkbar, in Weilburg starb daran ein 
24 Jahre alter Sohn des Grafen Ludwig von Saarbrücken. 
Köln wurde von einer Epidemie heimgesucht. Im Jahr 1625 
ist ein Pockenausbruch in Leipzig erwähnt; viele Erwachsene 
und über 200 Kinder erkrankten, „gar manche" zum Tode. 
In Zittau wurden vom Mai bis Juli 109 Kinder von Blattern 
und Masern hingerafft. Ebendort herrschte 4 Jahre später 
eine neue Epidemie. Andere Ausbrüche der Krankheit sind 
u. a. erwähnt 1636 in Frankenberg, Mittweida und Umgebung, 
1646 in Koburg, wo im April und der ersten Hälfte des Mai 
300 Kinder an den Pocken oder „Urschlechten" starben und 
auch Erwachsene erkrankten, sowie in Giessen, wo im Sep- 
tember allein 101 Personen und zwar vorzugsweise Kinder daran 
starben, ferner 1647 in Halle a. S., welche Stadt damals 
254 Kinder an Pocken und Masern verlor, mehreren Städten 
der Umgebung, namentlich Eilenburg, und in Schlüchtern 
(Hessen), 1648 in Freising (Bayern) u. s. w. 

Die Mittheilungen Lammert's sind keineswegs er- 
schöpfend, vielmehr besitzen wir Berichte über noch viele 
andere grössere Pockenausbrüche. Sarcone z. B. erwähnt eine 
heftige, von Hildanus beschriebene Epidemie in Bern im 
Jahre 1626 („wenige entliefen der Grausamkeit dieser Seuche 
und unter denen, die noch davon kamen, fanden sich noch 
die mehresten verstümmelt, oder hatten Schaden im Gesicht,") 
ferner in Württemberg im Jahre 1629 (wo „selbst Sennert, 
der versichert hatte, dass die Pocken oft mit gutem Aus- 
gang abliefen, sie so schrecklich wüthen sah, dass sie 
dem Leben derwenigsten Kranken schoneten und die mehresten 
würgeten" 

Bei Sarcone finden sich auch Angaben über einige 

\ } Vergl. S. 61. 



Pockenstatistih im 17. und 18. Jahrhundert. 87 

Pockenepidemien aus der Zeit nach dem dreissigj ährigen 

Kriege, nämlich in Genf (1686), ßraunschweig (1689), Berlin, 
Augsburg, Stuttgart, Mansfeld, (1696/97), Basel (1697), 
Breslau, Mühlhausen (1700), Berlin, Augsburg (1702), Hol- 
stein und Hamburg (1706 viele tausend Todesfälle), Laibach 
in Kärnthen (1709 und 1714), Augsburg (1715—1718), 
Bern (1735). Haeser berichtet von sehr ausgedehnten 
Blatternepidemien in der Zeit von 1677 — 79 und in den 
letzten Jahren des 17. Jahrhunderts, einer weiteren Ver- 
breitung der Seuche im Jahre 1719, ferner von ihrem Auftreten 
in Berlin (1717), Basel (1755), Göttingen (1761), einzelnen 
Epidemien in Schlesien (1740—42), "'Helmstädt (1745/46), 
grosser Verbreitung in den Jahren 1761, 1766 und 1767. 

Im Jahre 1741 gab der Konsistorialrath Johann Peter 
Süssmilch in Berlin zum ersten Male die von ihm „über 
die Ordnung der göttlichen Weisheit und Güte, welche sich in 
der Geburt, Fortpflanzung und Tode der Menschen klärlich 
zeiget, angestellten Betrachtungen" in Druck. Das Werk 
war der erste grössere Versuch einer systematischen 
Bevölkerungsstatistik in Deutschland und kann als die 
Grundlage der wissenschaftlichen Statistik in unserem Lande an- 
gesehen werden. Bei den Zeitgenossen erregte es ein so 
grosses Interesse, dass es mehrere Auflagen erlebte, deren 
vierte im Jahre 1775 unter dem Titel „Die göttliche Ordnung 
in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts aus der 
Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben er- 
wiesen" erschienen ist und 3 stattliche Bände umfasst. 
Süssmilch gründet seine Erörterungen auf das Material der 
preussischen Regierung und die Kirchenbücher, berücksichtigt 
jedoch daneben die Litteratur des In- und Auslandes in aus- 
gedehntem Maasse. 

Es konnte nicht fehlen, dass Süssmilch die Bedeutung 
der Pocken, deren Verderblichkeit zu beobachten er unaus- 
gesetzt Gelegenheit hatte, unter den Todesursachen erkannte. 
Er schätzte anfangs nur nach den Londoner Sterberegistern 
die Zahl der den Pocken Erlegenen auf y i2 a ^ er Gestorbenen 
und berechnete, dass ohne den Ausfall jener Toten das Ver- 
hältniss der Geburten zu den Todesfällen nicht wie 100000: 
130000, sondern wie 99000:130000 oder wie 10:147 10 
betragen und der Geburten- Ueberschuss sich nicht auf 3 / 10 
sondern auf 4 / 10 stellen würde. Weiterhin bemühte er sich 
dann, zahlenmässiff zu erweisen, dass die Pockenverhältnisse 



88 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



in seiner Heimath nicht andere seien als in England. Das 
von ihm gesammelte Beweismaterial ist zum Theil erst im 
dritten, nach seinem Tode von Baumann herausgegebenen 
Bande mitgetheilt. 

Zunächst giebt er eine Uebersicht der Todesursachen in 
Berlin in den 3 Jahren 1746, 1750 und 1757, während deren 
auf 1000 Todesfälle überhaupt 88, 87 und 118, durch- 
schnittlich 98 solche an Pocken kamen. 



Liste der Gestorbenen in Berlin von 1758- 
M ö h s e n ' s Sammlungen. 



1774 aus 



Jahre 


Totale der 


Summa 


Darunter an Pocli 
gestorben 


en 


Summa 




unter 


15 J. 


über 


15 J. 




M. W. 


M. 


W. M. 


W. 




1758 


2896 


2648 


5544 


102 


102 


_ 


2 


224 


1759 


2340 


2129 


4469 


324 


258 


3 


— 


585 


1760 


2154 


1971 


4125 


175 


187 


— 


1 


363 


1761 


1914 


2010 


3924 


157 


146 


1 


— 


304 


1762 


2485 


2360 1 4845 


219 


225 


2 


3 


449 


1763 


2494 


2462 1 4956 


178 


170 


1 


2 


351 


Sa. 6 Jahre 


14283 | 13580 | 27863 


1155 


1088 | 7 


8 


2276 



1764 


1748 


1778 


3526 


IS- 


12 


2 


— 


32 


1765 


1930 


1785 


-3715 


IS 


29 


— 


— 


47 


1766 


2339 


2314 


4653 


541 


509 


6 


4 


1060 


1767 


1900 


1914 


3814 


168 


159 


3 


1 


331 


1768 


2168 


2098 


4266 


12 


27 


— 


— 


39 


1769 


2098 


1918 


4016 


201 


153 


3 


2 


359 


Sa. 6 Jahre 


12183 


11807 


23990 


958 


SS9 


14 


7 


ISfiS 





1770 


2658 


2465 


5123 


493 


492 


2 


— 


987 




1771 


3152 


2897 


6049 


108 


118 


1 


— 


227 




1772 


4379 


4122 


8501 


167 


134 


1 


— 


302 




1773 


2688 


2518 


5206 


370 


291 


2 


1 


664 




1774 


2296 


• 2105 


4401 


195 


184 


2 


— 


381 


5.1 


•"> Jahre 


15173 


14107 


•J92KO 


1 333 


12 1 9 


8 


1 


2561 


Sa 


17 .laiin; 


41639 


39494 


81133 


3446 


3196 


29 


16 


6705 



Die Liste findel dann später eine Ergänzung durch 
Zahlen aus Möhsen's „Sammlung merkwürdiger Erfahrungen, 
die den Werth und Nutzen der Pockeninokulation bestimmen." 
Danach starben in zwei 6jährigen und einer 5jährigen Periode 

in der Zeit Mm ]7.">x -1771 nach einander 2276, 1868 und 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



S«) 



2561, zusammen 6705 Personen unter 81 133 Toten überhaupt 
oder 83 von 1000 Toten an Pocken, was dem Londoner 
Verhältniss ungefähr entspricht. Unter den an Blattern Ge- 
storbenen befanden sich nur 45 im Alter über 15 Jahre, die 
übrigen 6660 waren jüngeren Alters. Die Tabelle, welche 
das Hervortreten einzelner Epidemiejahre deutlich erkennen 
lässt, siehe nebenstehend (S. 88). 

Günstiger war das Verhältniss in Leipzig, dessen Pocken- 
sterblichkeit sich aus nachstehender Tabelle Süssmilch's 
ergiebt und ein Verhältniss von nur 1 / 24 zur Gesammtsumme 
der Todesfälle erkennen lässt. 



16jährige Liste der Gestorbenen in Leipzig von 1759 — 1774. 



Jahre 


Todes- 
fälle 
über- 
haupt 


Pocken- 
todes- 
fälle 


Jahre 


Todes- 
fälle 
über 
haupt 


Pocken- 
todes- 
fälle 


Jahre 


Todes- 
fälle 
über 
haupt 


Pocken- 
todes- 
fälle 


1759 
1760 
1761 
1762 
1763 


1408 
2025 
2048 
2160 
1614 


263 

32 

9 


1764 
1765 
1766 
1767 
1768 


1052 
1048 
1100 
1270 
1205 


25 
7 
41 
95 
34 


1769 
1770 
1771 
1772 
1773 
1774 


1149 
1042 
1184 
1841 
1306 
1023 


94 
18 

8 
201 
105 

6 


Sa.5J. 


9255 


304 


Sa. 5J. 


5675 


202 


Sa.6J. 


7545 


432 



Totale: 22 475 Todesfälle überhaupt, 938 Pockentodesfälle. 

Der Herausgeber Baumann bemerkt hierzu: „Wie weit 
die Gewalt der Pocken in mittleren und kleinen Städten, wie 
auch auf dem Lande gehe, wird sich so leicht noch nicht 
bestimmen lassen, weil dazu sehr vieljährige Krankheitslisten 
gehören würden, die wir noch nicht haben, indem so viel gewiss 
ist, dass die Pocken, wenn sie in einem Jahre an kleineren Orten 
epidemisch sind, verhältnissmässig mehr Kinder wegnehmen, 
als durch die stärkste Pockenepidemie in grossen Städten 
geschieht, aber es gehen auch oft 10, 15 und mehr Jahre 
hin, ehe die Pocken einmal wiederkommen; dagegen in grossen 
Städten nicht leicht ein Jahr ist, wo nicht etliche daran 
sterben sollten. Berlin hat unter 17 Jahren kein einziges 
gehabt, so ganz frei davon gewesen. Leipzig hat nur in den 
Kriegsjahren zwei gehabt, darin Niemand an Pocken ge- 
storben, seit 1763 aber alle Jahre etliche, und unter zwölf 



90 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



Jahren 3, wo sie epidemisch gewesen. Man kann also aus 
einer 10- oder 20-, ja 30jährigen Liste kleinerer Orte noch 
nichts schliessen; besser könnte es aus dergleichen Listen 
von ganzen Provinzen geschehen, weil die Pocken in einem 
Lande nie an allen Orten zugleich epidemisch sind". 

Unter Wiederholung des in den letzten Sätzen ausge- 
drückten vorsichtigen Vorbehalts giebt Bau mann dann einige 
von Süss milch gesammelte Uebersichten über die Todes- 
ursachen in einigen kleineren Orten wieder, denen die nach- 
stehenden Zahlen entnommen sind: 



Zeitraum 


Ort 


Todes- 
fälle 
über- 
haupt 


Pocken- 
todes- 
fälle 


Unter 1000 
Todten 
Pocken- 
todesfälle 


9 Jahre 

1 J. von 1765—1785 

29 J. von 1766— 1774 


Salzwedel und Arendsee 

Lebus 
140 altmärkische Dörfer 


1680 
1154 
4718 


300 
102 
714 


179 

88 

151 



Die Zurückhaltung, welche sich Baumann in der sta- 
tistischen Verwerthung der erwähnten Ziffern auferlegt, ver- 
dient nur Beifall. Indessen setzen uns anderweitige Angaben 
in die Lage, Süssmilch's Material zu ergänzen. Zunächst 
sind wir über die Blatternsterblichkeit in Berlin auch für den 
Zeitraum von 1782 bis 1800 unterrichtet. Casper giebt 
darüber folgende Uebersicht (s. nebenstehende Tabelle S. 91). 

Ein ausgiebiges statistisches Material hat der Professor 
der Mediän zu Halle a. S. Dr. Joh. Christ. Wilhelm Juncker 
in seinem „Archiv der Aerzte und Seelsorger wider die Pocken- 
noth" zusammengetragen, dessen 6 „Stücke" in der Zeit von 
1796 bis 1798 gedruckt wurden. Zweck des Unternehmens 
war es, der Bevölkerung den ganzen Umfang des damaligen 
Pockenclends durch eine Sammelforschung, zu welcher Aerzte 
und Geistliche ihre Erfahrungen, die letzteren namentlich auch 
ihre Kirchenregister verwerthen sollten, zahlenmässig vor 
Augen zu führen und auf Abhülfe der Noth hinzuwirken. 
Juncker fand in weitesten Kreisen, namentlich auch bei den 
meisten deutschen Fürsten und ihren Regierungen Beifall und 
erhielt von allen Seiten Zuschriften und Berichte. Aus dein 
reichen Schatz seiner Mittheilungen sind die folgenden An- 
gaben entnommen. 

Nach den Tagebüchern des Fürstlichen Leibarztes 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



91 



Sc luxe ff er herrschten die Pocken in Regensburg epidemisch 



iieser 
renden 
.gegen 



zog sich die Epidemie donauaufwärts nach Niederschwaben. 
Blatternsterblichkeit in Berlin. 









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17S2 


138 














1783) 
1784} 


692) 














340>1083 


14994 


1:13 


7747 


1 :7 


14396 


1: 13 


1785) 


5lJ 














1786) 


1077) 














1787} 


29SH428 


16120 


1 : 11 


7537 


1 :5 


14962 


,1 :10 


178S.I 


53J 














1789) 


914) 














1790} 


814HS04 


16253 


1 : 9 


8665 


1 :4 


15469 


1 : 8 


1791J 


76J 














1792) 


698) 














1793} 


545H311 


15950 


1:12 


8650 


1 :6 


16621 


1 : 12 


1794) 


68J 














1795) 


932) 














1796} 


463}1421 


19011 


1 :13 


9873 


1 : 7 


18441 


1:13 


1797J 


26J 














1798) 


133) 














1799} 


359} 621 


16315 


1 :26 


8414 


1 :13 


18525 


1 :30 


isooj 


129 J 















Aus Erlangen berichtet der Geh. Hofrath Dr. Wen dt 
über 2 Epidemien in den Jahren 1790 und 1795. In dem 
letzteren Jahre gab es bei 146 Geburten 220 Todesfälle, 
darunter 54 an Blattern. In seiner eigenen Praxis behandelte 
Wen dt 73 pockenkranke Kinder, von denen 11, also etwa 
der siebente Theil starben. 

Oldenburg war nach den Angaben des Herzoglichen 
Leibarztes Marcard seit einer Epidemie im Winter 1788/89 
blatternfrei gewesen. Im Jahre 1795 trat die Seuche wieder 
heftig auf. Die Zahl der Todesfälle (372) überstieg die der 
Taufen um 142, und 144 Sterbefälle waren durch Pocken 



92 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



bedingt. Marcard schätzt die Zahl der nicht geblätterten 
Kinder beim Beginn der Epidemie, seiner Ansicht nach zu 
hoch, auf rund 600; 136 wurden inokuiirt (darunter 2 Todes- 
fälle); 450 erkrankten an den natürlichen Pocken, und von 
diesen starb etwa der dritte Theil. 

Sehr milde verlief dagegen eine Epidemie in Orlamünda 
(Altenburg) im Jahre 1795. Von 145 erkrankten Kindern 
starben nach dem Bericht des Physikus Winkler nur 2. 
(Windpocken?) 

Der Pfarrer von Hummelshagen erzählt, dass im Jahre 
1781 von 92 Kindern der Gemeinde 84 an Blattern erkrank- 
ten und 14 starben; im Jahre 1789 dagegen starben von 
60 pockenkranken Kindern nur 3. 

Nach einer von Juncker besprochenen Druckschrift von 
Henschel sollen in Schlesien innerhalb 10 Jahren 37084 
Menschen an Blattern gestorben sein. 

Der Landphysikus zu Aurich Siemerling giebt die 
Zahl der in den einzelnen Jahren von 1786 — -1793 an Blat- 
tern verstorbenen Personen in Ostfries- und Harlingerland auf 
20, 706, 451, 33, 79, 285, 74, 12, zusammen auf 1660 an. 

In einer grösseren Epidemie, welche im Jahre 1795/96 
den Thurgau heimsuchte, zählte Dr. Scherb in Bischofszell, 
einem Orte von nicht ganz 1000 Seelen, unter 249 Kindern 
unter 15 Jahren 72 Erkrankungen und 21 Todesfälle; nur 
30 bisher nicht geblätterte Kinder blieben verschont. In 16 
weiteren Schweizer Gemeinden mit einer Bevölkerungszahl 
von 19 692 Köpfen starben gleichzeitig 1201 Personen, davon 
321 an Pocken, während die Zahl der Taufen 781 betrug. 

Nach Ferro ergab die Bevölkerungsstatistik in Wien in 
der Zeit von 1787 — 1796 folgende Verhältnisse: 



Jahr 



Lcbend- 

Geburten 




Bemerkungen 



1787 
1788 
1789 
1790 
1791 
L792 
1793 
1794 
lT'.i:, 
1796 



11827 


12724 


1367 


9376 


12668 


250 


9819 


13261 


356 


10209 


16157 


1569 


10572 


13097 


149 


11005 


13077 


33 


11212 


i. •;(;;,'.) 


508 


1121 -2 


15051 


1510 


IOS 11 


12603 


121 


10984 


L4282 


1098 



1787 



179i; | 



107027 



136579 



6961 



K;ist dieHälfteallerKinder 
erkrankte an den Pocken. 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



93 



Hiernach waren in dem berücksichtigten Jahrzehnt in 
Wien 51 unter je 1000 Todesfällen durch Pocken verur- 
sacht. 

Für Halle a. S. giebt Juncker selbst folgende Zahlen: 





Lebend- 


Ge- 


In der Stadt 
von Civilisten 


Im 1. 


Im 2.-5. 


Jahr 


Geboren 


storben * 


an Pocken 
gestorben 


Lebensj. 

gestorben 


Lebensjahre 
gestorben 


1776 


297 


376 




100 


26 


1777 


364 


358 


34 


105 


42 


1778 


367 


403 


4 


125 


51 


1779 


387 


458 


107 


150 


76 


1780 


377 


375 


7 


85 


25 


1781 


177 


168 


— 


127 


27 


1782 


369 


387 


5 


86 


30 


1783 


374 


525 


S7 


120 


150 


1784 


373 


494 


— 


120 


79 


1785 


344 


552 


3 


123 


78 


1786 


338 


408 


1 


73 


41 


1787 


332 


458 


110 


103 


110 


1788 


375 


441 


2 


87 


35 


1789 


338 


392 


1 


108 


26 


1790 


374 


433 


— 


100 


32 


1791 


382 


623 


195 


151 


139 


1792 


? 





14 


87 


33 


1793 


? 


? 


1 


101 


34 


1794 


? 


? 


— 


99 


24 


1795 


? 


? 


31 


142 


50 


1796 


'j 


'j 


59 


146 


55 



Unter den Gestorbenen sind die Totgeborenen einbegriffen. 



Im Preussischen Antheil der Grafschaft Mansfeld starben 
vom 1. November 1795 bis 1. November 1796 112 Personen 
an den Pocken. In der Stadt Barby erkrankten im Jahre 
1796 etwa 100 Kinder an den Blattern, von denen 30 star- 
ben, zu denen in der übrigen Grafschaft gleiches Namens 
noch weitere 21 kamen. Diese 51 Todesfälle bildeten fast 
den dritten Theil der insgesammt gezählten 157 Sterbefälje. 
Im Fürstenthum Halberstadt ergaben sich in demselben Jahre 
781 Todesfälle an Pocken unter 4228 Sterbefällen überhaupt. 

Aus den vom Generaldirectorium in Berlin mitgetheilten 
Sterbelisten errechnete Juncker folgende Zahlen für das 
Jahr 1796: 



94 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



Verwaltungsbezirk 


Todesfälle 
überhaupt 


Todesfälle 
an Pocken 


Bemerkungen 


Ostpreussisches Kanimerdepar- 
tement 

Litthauisches Kammerdepar- 
tement 

Brombergisches Kammerdepar- 
tement 

Provinz Pommern .... 

Neumärkisches Kammerdepar- 
tement 

Kurmärkisches Kammerdepar- 
tement 

Magdeburgisches Kammerdepar- 
tement 

Fürstenthum Minden und Graf- 
schaft Ravensberg .... 

Fürstenthum Ostfriesland . . 

Grafschaft Tecklenburg . . . 

Grafschaft Lingen .... 


16868 

10806 

9105 
15534 

8502 

9 

? 

5274 

2801 

719 

658 

5157 


1941 

1005 

3058 
3040 

1886 

2984 

1415 

664 
259 
137 
61 
354 


(Die Zahl der über- 
haupt ver- 
storbenen Kinder 
unter 5 Jahren 
betrug 9769) 


10 preussische Verwaltungs- 
bezirke (ohne Kurmark und 
Magdeburg) 


75424 


12405 





Im Jahre 1796 machten die Pockentodesfälle also in 
10 grossen preussischen Verwaltungsbezirken 165 °/ 00 oder 
fast Y 6 der Gesammtsterblichkeit aus. 

In der Grafschaft Wernigerode kamen in dem genannten 
Jahre 817 Pockenerkrankungen vor, von denen 127, also 
mehr als 1 / 1 töcltlich verliefen. In den Stollbergischen Be- 
sitzungen in Schlesien zählte man 551 Erkrankungen mit 
27 Todesfällen. Die Erkrankungen vertheilten sich auf fol- 
gende Altersklassen: 





0—1 
Jahr 


1—2 


2—3 


3—6 


6—10 


11 — 15 


16—20 


Grafschaft 

Scblesi icbe 
Besitzungen 


130 
62 


106 

81 


91 
67 


301 
199 


159 
125 


29 
13 


1 
4 



zusam- 
men 



817 
551 



Aus einigen anderen Verwaltungsgebieten erhieli -I u n e k e r 
von amtlicher Seite h'w das Jahr L796 folgende Zahlen: 



Pockenstatistik im 1/. und 18. Jahrhundert. 



95 



Staat 


Todesfälle 
überhaupt 


Todesfälle an 
Pocken 


Pürstcnth. Anhalt-Dessau . . 
Hcrzogth. Sachsen -Hildburghausen 
Grafschaft Waldeck u. Pyrmont . 
Herzogth. Oldenburg 


944 

909 

1121 

2546 


270 
39 
95 

5S2 


Zusammen 


5520 


986 



In 



diesen 4 Deutschen Staaten betrugen 



Pockentodesfälle 178°/oo °der f as t 1 /e 



demnach die 
aller Sterbe fälle. 



Für das Herzogthum Sachsen -Meiningen wurden die 
Zahlen auch für die dem Jahre 1796 vorausgegangenen 5 Jahre 
gegeben. 



Jahr 


Todesfä 
überhai 


lle 
pt 


Pockentodes- 
fälle 


1791 


849 




77 


1792 


837 




205 


1793 


706 




14 


1794 


743 




9 


1795 


830 




26 


1791—1795 


3965 




331 



Die Pockentodesfälle betrugen also in dem Jahrfünft 
1791 — 1795 83%o oder V12 aller Sterbefälle. 

In der Grafschaft Schaumburg- Lippe zählte man in 
den 26 Jahren von 1791—1796 unter 12 417 Todesfällen 
1344 solche an Pocken. 

Nach einer Mittheilung des Stadt- und Landphysikus 
Dr. Bachmann in Culmbach waren dort vom Februar bis 
Juni 1796 durch die 4 Aerzte der Stadt 265 Pockenfälle 
behandelt worden, von denen 132 Kinder bis zu 3, 96 solche 
von 3 — 7 und 35 solche von 7 — 14 Jahren, die übrigen 2 
Erwachsene betrafen. 25, also etwa der 11. Theil dieser 
Kranken, starben. Ausserdem kamen in der Stadt noch 155 
Pockenerkrankungen mit 34 Todesfällen vor; insgesammt be- 
trug die Zahl der Pockenkranken 420, die der Gestorbenen 59, 
also mehr als den achten Theil von jenen. Im Jahre vor 
der Epidemie zählte Kulmbach 3700 Einwohner, darunter 
770 Kinder unter 10 und 622 über 10 Jahre. Die Blattern 



96 



Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 



traten in der Stadt alle 4 bis 6 Jahre auf; sie hatten zuletzt 
im Jahre 1790 gehaust und damals 71 Kinder fortgerafft. 
Im Februar 1796 wurden sie durch einen Bettelknaben ein- 
geschleppt, der mit Blatternschorfen bedeckt, allenthalben um 
Almosen ansprach. 

In dem Gesammtgebiet der Fränkischen Fürstenthümer 
Ansbach und Baireuth starben im Jahre 1796 1761 Per- 
sonen an Pocken, d. i. nach der auf die Zahlen einzelner 
Gemeinden begründeten Berechnung des Dr. Bach mann etwa 
der 8. Theil der Erkrankten und der 5. Theil der Ver- 
storbenen überhaupt. Im Jahre 1797 betrug die Zahl der 
Pockenkranken 5329, die der an der Krankheit Verstorbenen 
829, d. i. der 16. Theil der Todesfälle überhaupt (13752). 

Mecklenburg-Strelitz hatte nach amtlicher Mittheilung im 
Jahre 1795 130, 1796 296 Pockentodesfälle bei einer Ge- 
sammtsterblichkeit von 11184 bezw. 9020; das Verhältniss 
belief sich also hier nur auf 1:85 bezw. zu 31; unter den 
verstorbenen Kindern war jedes 45. bezw. 15. den Pocken 
erlegen. 

Für die Städte Rawitsch, Bojanowo und Sarne theilte 
Kreisphysikus Schwarts folgende Zahlen aus dem Jahre 
1796 mit: 



Stadt 



Ein 

wohner- 
zabl 



Pocken- 
kranke 



An Pocken 
gestorben 



Von den 
Pocken zu- 
rückgeblie- 
bene Folgen 
bei 



Zusammen | 13329 1250 



199 



17 



Am Ende 
des Jahres 
noch nicht 
geblättert 



Rawitsch . . 


9500 


871 


145 


12 


352 


Bojanowo . 


2495 


180 


19 


•j 


105 


Sarne . 


1334 


199 


35 


3 


67 



524 



Von 1774 beim Beginn der Epidemie noch nicht Ge- 
blatterten erkrankten also mehr als 2 / 3 (1252), von denen 
fasl l / 6 (199) starben und ausserdem 17 siech blieben. 15 
von je 1""" Einwohnern waren in einem Jahre den Blattern 
erlegen. 58 Kranke standen im Aller von 10 — 15, 10 von 
15 — 20 Jahren; älter als 20 Jahre war keiner. Die Sterb- 
lichkeil in den einzelnen Altersklassen verhiell sich wie folgt- 



Pockenstatistik im 17. and 18. Jahrhundert. 



97 



Alter 


erkrankt 


gestorben 


Von je 1000 








Gestorbenen 


0—1 J. 


39 


14 


35,9 


1—2 J. 


145 


42 


29,0 


2—3 J. 


168 


33 


19,6 


3-4 J. 


205 


34 


16.6 


4—5 J. 


1S6 


25 


13,4 


0—5 J. 


743 


148 


19,9 


5-6 J. 


143 


18 


12.6 


6—7 J. 


134 


17 


12,7 


7-8 J. 


75 


4 


5,3 


8—9 J. 


52 


5 


9.6 


9-10 J. 


37 


4 


10,8 


5-10 J. 


441 


48 


10,9 


10—15 J. 


58 


2 


3,4 


15—20 J. 


10 


1 


10,0 



Schwarts fügt seinen Zahlen Übersichten, aus denen die 
vorstehenden Ziffern theils entnommen, theils errechnet sind, 
hinzu, dass die Pocken in IRawitsch auch in den Jahren 
1784 und 1789 in epidemischer Form von ihm beobachtet 
worden waren. 

Juncker 's Archiv enthält noch zahlreiche weitere sta- 
tistische Blatternberichte. Es mag jedoch an den angeführten 
Beispielen genügen. In einer im 4. Stück abgedruckten 
Uebersicht zieht der Herausgeber folgende Summe: 

„Die Pocken Vergiftung tödtete (im Jahre 1796): 

1. In dem Ostpreussischen Kammerdepartement mit Ausschluss 

des Militärstandes 1941 

2. In dem Litthauischen Kammerdepartement ohne den Militär- 

stand 1005 

3. In dem Brombergischen Kammerdepartement 3058 

4. In der Provinz Pommern 3040 

5. Im Neumärkischen Kammerdepartement . . . . . . 1886 

6. In dem Kurmärkischen Kammerdepartement 2984 

7. Im Magdeburgischen Kammerdepartement 1415 

8. In dem Fürstenthum Halberstadt und der Grafschaft Höllen- 

stein 781 

9. Im Fürstenthum Minden und der Grafschaft Etavensberg . 064 

10. Im Fürstenthum Ostfriesland 259 

11. In der Grafschaft Tecklenburff 137 



Kubier, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung 



zu übertragen 
7 



17170 



98 Pockenstatistik im 11 . und 18. Jahrhundert. 

Uebertrag 17170 

12. In der Grafschaft Längen 61 

13. In der Grafschaft Mark 354 

14. Vom Herzogthum Cleve und dem Westpreussischen Kammer- 

departement 88 

15. In Bayreuth und Ansbach 1761 

16. Von Südpreussen aus sind wenigstens angemerkt . . . 428 

17. Im Preussischen Schlesien wenigstens 6784 

In den P reussisch en Staaten sin.d uns also von 
diesem einen .1 a h r e 26 646 Opfer dieser Menschen- 
vergiftung zugezählt worden! (obgleich von 
mehreren Gegen den die Nach richten noch fehlen.) 

18. In der Grafschaft Wernigerode 127 

In den Gräflich Stollberg -Wernigerodeschen Besitzungen in 

Schlesien 27 

Im Hohensteinschen und Hennebergischen 9 

19. Im Fürstenthum Anhalt-Dessau 270 

20. In den Herzoglich Sächsischen Hildburghausischen Ländern 39 

21. Von Sachsen-Coburg aus sind vorläufig angemerkt wenigstens 39 

22. In der Grafschaft Waldeck und Pyrmont 95 

23. Im Herzogthum Oldenburg 582 

24. In der Grafschaft Schaumburg- Lippe ohne den Lippeschen 

Antheil 62 

25. Im Schwarzburg-Rudolstädtischen 57 

26. In den Fürstlich Thurn und Taxis'schen Besitzungen im 

Schwäbischen 111 

27. In einem Theile des Kurfürstenthums Bayern .... 203 

28. In der Reichsstadt Goslar 38 

29. In der Reichsstadt Lübeck mehr als 5*'» 

30. \n der Reichsstadt Nördlingen 2 

31. In der Reichsstadt Hamburg angemerkt 1 

32. In der Reichsstadt Offenburg 1 

33. In der Reichsstadt Weissenburg 112 

34. In der Reichsstadt Dortmund . . . . • 54 

35. In der Gräflich Solm'schen Herrschaft Wildenfels . . . •">."> 

■';•',. Im Oehringischen 153 

37. Im Solms-Lichschen 45 

Im den Fürstlich Constanzischen Ländern 189 

39. In den Herzoglich Mecltlenburg-Strelitzischen Ländern un- 
gefähr -loo 

zu übertragen 29353 



Pockenstatistik im 17. and LS. Jahrhundert. 99 

Uebertrag 29353 

40. In den Herzoglich Mecklenburg-Schwerinsohen Ländern vor- 

läufig angemerkt 296 

41. Im Königreich Böhmen 6689 

42. Im Lande Oesterreich unter der Enns mit Wien .... 41 ">7 

43. In der Hauptstadt Gratz 103 

44. Tyrol wenigstens 76 

45. Triest 695 

46. In den Sachsen-Meiningschen Ländern 189 

47. Osnabrück 118 

48. Schwedisch Pommern 27 

49. Solms-Rödelheim u. s. w 25 

50. Solms-Klitschdorf u. s. w 47 

51. In der Reichsstadt Regensburg ungefähr 31 

52. In der Reichsstadt Ulm 359 

53. In der Reichsstadt Heilbronn 63 

54. In der Reichsstadt Lindau 113 

55. In der Reichsstadt Augsburg wenigstens ...... 3S 

Summa 42379 

Die vielen Unglücklichen, die wegen der Pockenvergiftung 
in der Seuche von 1796 blind oder zu Krüppeln oder sonst 
siech und elend wurden, sind hier noch nicht berechnet. 
Auch fehlen hier, wie man aus dem Obigen sieht, noch aus 
vielen Gegenden Deutschlands (dem grösseren Theile von 
Bayern, Hessen-Cassel und Sachsen u. a.) die erbetenen 
Nachrichten." 

Auf Grund der weiterhin noch eingegangenen Mittheilungen 
berechnete Juncker später die Gesammtsumme der ihm nach- 
gewiesenen Personen, welche im Jahre 1796 an den Pocken 
gestorben waren, auf 65 220. 

Sein Zeitgenosse, Hofrath Faust in Bückeburg, schätzt 
in einem an den Congress zu Kastatt gerichteten Manifest 
über die Ausrottung der Blattern den jährlichen Pocken- 
verlust unter den damaligen 24000000 Einwohnern in Deutsch- 
land auf 67 000; er nahm an, dass ständig etwa 1 / i bis 1 / 5 
aller Orte von der Krankheit heimgesucht wären, dass 4 / 5 
aller Menschen die Krankheit durchmachten, und dass Yio 
der Kranken daran stürben. 



Das statistische Material aus dem 17. und 18. Jahr- 
hundert ist schon vielfach mehr oder minder vollständig zu- 

7* 



100 Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 

samm engestellt und zur Beurtheilung des Nutzens der Schutz- 
pockenimpfung verwerthet worden. Es hat dabei an mannig- 
fachen Schlussfolgerungen nicht gefehlt, denen gegenüber von 
anderer Seite wieder viele Einwände geltend gemacht wurden. 
Unseres Erachtens reicht der Stoff aus, um für die Geschichte 
der Pocken in jener Zeit die erforderlichen Grundlagen zu 
geben. 

Die Blattern waren bereits im 17. Jahrhundert viel und 
allgemein verbreitet. Wir finden sie in den außereuropäischen 
Welttheilen sowie in Westeuropa, Mitteleuropa und Skandi- 
navien. Sie sind jedoch damals in den Berichten weniger 
in den Vordergrund gestellt als später, weil in den schweren 
Zeiten, namentlich in der erstei\Hälfte des 17. Jahrhunderts, 
die Kinderseuche ein geringeres Interesse erregte, als die 
Sterblichkeit der Erwachsenen durch Krieg, Hunger und Pest. 
Wo sie jedoch erwähnt sind, gleicht ihr Auftreten dem in 
späterer Zeit; auch in den als milde beschriebenen Epidemien 
zeigen sie sich uns als eine verderbliche Seuche. Es ist 
möglich, dass ihre Heftigkeit sich später noch gesteigert hat; 
sichere Beweise für diese Annahme sind nicht zu erbringen. 

Im 18. Jahrhundert waren die Blattern in allen den Euro- 
päern damals zugängigen Welttheilen verbreitet. Die statistischen 
Angaben, welche namentlich aus der zweiten Hälfte des Jahr- 
hunderts in reicher Fülle vorliegen, zeichnen allerwärts das 
nämliche Bild. Die Seuche herrschte in den grossen Städten 
ununterbrochen, jedoch derart, dass Epidemiejahre in 4- bis 
6jährigen Perioden mit einer geringeren Pockenhäufigkeit 
wechselten. In den mittleren und kleineren Städten waren 
die Pausen zwischen den Epidemien oft länger, es gab auch 
zeitweise ganz pockenfreie Jahre. Auf dem Lande wurden 
sogar mein jährige ganz pockenfreie Perioden beobachtet, 
denen dann zwar weniger zahlreiche, aber weit ausgedehntere 
und verderblichere Epidemien als in den Städten folgten. 

Ohne bestimmte Zahlen anzunehmen, ist man doch zu 
dem Schlüsse berechtigt, dass weitaus der grösste Theil der 
Menschen die Blattern durchmachen musste. Meist fand die 
Ansteckung schon im Kindesalter statt; man nannte die noch 
nichl geblätterten Kinder „pockenfähig"'. Hatte sich an einem 
Orte eine grosse Zahl solcher poekenfähigen Kinder allmählich 
angesammelt, so kam es durch Einschleppung des Ansteckungs- 
stoffs zu einer grösseren Epidemie, in welcher um- wenige 
der Krankheil entgingen. Die Erwachsenen erkrankten da- 



Pockenstatistik im 17. and 18. .Jahrhundert. 101 

gegen nur ausnahmsweise, weil sie schon geblättert waren, 
ein Verhältniss, das uns gegenwärtig bezüglich der Masern 
wohl bekannt ist und als natürliche Erfahrung nirgends Ver- 
wunderung erregt. 

Von den Masern unterschied aber die Pocken ihre weit 
grössere Gefährlichkeit. Auch auf diesem Gebiete sind be- 
stimmte Zahlen für die Allgemeinheit schwer zu liefern. 
Sieht man jedoch von den seltenen Berichten über ganz 
milde Epidemien ab, welche vielleicht auch zum Theil 
auf Windpocken zu beziehen sind, so war es schon ein 
günstiges Verhältniss, wenn von 12 Pockenkranken 11 ge- 
nasen; oft starb der 8. oder 7., nicht selten der 5., 4. oder 
3. Kranke. 

Unter den Genesenen waren Entstellungen durch Pocken- 
narben häufig; in nicht geringer Zahl sind Erblindungen, 
Störungen des Gehörs oder andere Verstümmelungen, lang- 
dauerndes oder bleibendes Siechthum als Folgen der Pocken 
erwähnt. 

Unter den Todesursachen nahmen die Pocken eine der 
ersten Stellen ein. Die Annahme, dass im Allgemeinen y i4 
bis y i2 der Todesfälle durch Blattern verursacht war, beruht 
kaum auf einer zu hohen Schätzung. Fälle, in welchen 
die Krankheit als Todesursache in weit höherem Grade in 
Betracht kam, waren nicht selten. Auf die Kindersterblich- 
keit aber waren die Pocken von sehr wesentlichem Einfluss. 
Den Verheerungen, welche sie in der Jugend anrichteten, lassen 
sich die Verluste der kindlichen Altersklassen an Diphtherie 
und Scharlach in unserer Zeit nicht an die Seite stellen. 



Litteratur. 

Oesterlen, Handbuch der medi ein i sehen Statistik. Tübingen. 1874. 

Creighton, A History of epidemics in Britain. 2. Bd. Cambridge. 
1894. 

Boerhave, Opera omnia medica. Venedig. 1735. 

Sarcone, Von den Kinderpocken und der Notwendigkeit die Aus- 
rottung derselben zu versuchen. Uebersetzt von Lentin. Göttingen 
1782. 



10"2 Pockenstatistik im 17. und 18. Jahrhundert. 

Süssmilch, Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des mensch- 
lichen Geschlechts aus der Geburt, dem Tode und der Fort- 
pflanzung desselben erwiesen. Ausgabe von Baumann. Berlin. 
1787 und 1788. 

Casper, Beiträge zur medicinischen Statistik und Staatsarzneikunde. 
2. Bd. Die wahrscheinliche Lebensdauer des Menschen. Berlin. 
1835. 

Beiträge zur Beurtheilung des Nutzens der Schutzpockenimpfung 
und Mittheilungen über Maassregeln zur Beschaffung von un- 
tadeliger Thierlymphe. Bearbeitet im Kaiserlichen Gesundheits- 
amte. Berlin. 1888. 



Capitel VI. 

Behandlung und Bekämpfung der Pocken 

im 17. und 18. Jahrhundert. 

Die Inokulation. 



Durch die Erkenntniss, dass die Pocken kein physiolo- 
gischer und heilsamer Vorgang, sondern eine verderbliche 
übertragbare Seuche seien, war denAerzten die Aufgabe ge- 
stellt, sich mit vermehrtem Ernste der Bekämpfung der Krank- 
heit zu widmen. In der Fachliteratur des 17. und 18. Jahr- 
hunderts ist dieses Ziel daher immer bestimmter bezeichnet; 
um es zu erreichen, suchte man mit Emsigkeit neue Wege 
auf, prüfte man mit verdoppeltem Fleisse die gefundenen 
Mittel auf ihre Wirksamkeit und Berechtigung. 

Zunächst begannen sich die wissenschaftlichen An- 
schauungen über die Behandlung der Blattern zu klären, 
vornehmlich durch das Verdienst des englischen Arztes Tho- 
mas Sydenham (1624 bis 1689). 

Sydenham gehörte noch nicht zu den Contagionisten, son- 
dern fasste vielmehr die Krankheiten gleichsam als Heilprozesse 
auf, mittels deren der Körper sich schädlicher Stoffe auf natür- 
lichem Wege entledige. Er unterschied dabei zwischen den 
acuten und den chronischen Krankheiten; während sich 
nach seiner Annahme die Krankheitsstoffe bei den letzteren 
im Körper selbst bilden, werden sie bei den ersteren von 
aussen zugeführt und dann stürmisch, oft nicht ohne Lebensge- 
fahr wieder beseitigt. Die acuten Krankheiten sind epidemisch, 
wenn in der Luft schädliche Stoffe vorhanden sind und vielen 
Menschen zugleich nachtheilig werden. Unter den epidemischen 



104 Behandlung u. Bekämpfung d. Podien im 17. ü. 18. Jahrh. 



Abbildung 3. 







IfO. DO CT. 

' \f \i «-''irWritnus: ^ Ö^S 

^^^^H* ' ' * I T . ■ I ■ I IIB. . ^A^L 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im L7. u. 1> S . JahvL. 105 

Krankheiten überwiegen manche im Frühling, andere im 

Herbst; zu jenen gehören die Masern, zu diesen die Pocken. 
Wählend die Masern im Januar aufzutreten und im Früh- 
ling ihre grösste Ausbreitung zu erlangen pflegen, zeigen sieh 
die Pocken zuerst im Frühling, um während der folgenden 
Monate zuzunehmen und im Herbstäquinoctium ihren Höhe- 
punkt zu erreichen. Die Ursache dafür ist Sydenham 's 
Lehre zufolge nicht in Witterungsverhältnissen zu suchen, 
sondern in Veränderungen der Luftbeschaffenheit, welche 
durch unbekannte Naturgesetze, Ausflüsse aus dem Erdinnern 
u. dgl. bedingt sind. Sydenham bekennt, dass das eigent- 
liche Wesen der Pocken nicht aufgeklärt sei. vermuthet 
jedoch, dass es sich um eine speeifische Entzündung im 
Blute und den übrigen Körperflüssigkeiten handle. Die Natur 
vertheilt (digerirt) und „kocht" die entzündeten Partikel, 
lagert sie an der Körperoberfläche ab und scheidet sie in 
Form kleinster A bscesse gänzlich aus. Demnach zerfällt die 
Krankheit in zwei Hauptabschnitte, das Stadium separationis, 
während dessen sich unter Aufwallung des Blutes und Fieber- 
hitze die Trennung der schädlichen Stoffe vom Blute voll- 
zieht, und das Stadium expulsionis, äusserlich gekennzeichnet 
durch den Ausschlag. 

Werthvoller als diese theoretischen Erwägungen waren 
Sydenham 's unmittelbare Beobachtungen und seine davon 
abgeleiteten Folgerungen. Als Hauptaufgabe seiner wissen- 
schaftlichen Thätigkeit betrachtete er eine möglichst klare 
Begriffsbestimmung der einzelnen Krankheiten und die Fest- 
stellung eines naturgemässen Fleilplans für jede derselben. 
Dies führte ihn dazu, in den Pocken eine besondere von den 
Masern verschiedene Krankheit zu erkennen. Wenn die 
Scheidung auch schon vorher in der Praxis angenommen und 
z. B. in den Londoner Sterberegistern berücksichtigt war, so 
ist es doch Sydenham 's Verdienst, sie in die Wissenschaft 
eingeführt zu haben. 

Erst seitdem wurde die Pockengefahr in ihrem vollen 
Umfange gewürdigt, während man vorher die Bedeutung der 
Seuche unterschätzt hatte, weil man in den Blattern nur eine 
Form der gutartigeren Masern erblickte. Leider beeinträchtigte 
Sydenham indessen seinerseits die Klarheit des gewonnenen 
Pockenbildes, indem er eine während der Jahre 1667 — 1660 
beobachtete fieberhafte Erkrankung unter der Bezeichnung 
„febris variolosa" als „Schwester der Pocken" beschrieb. 



106 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

Die Symptome dieser sich oft über mehrere Wochen hin- 
ziehenden Krankheit waren heftige Schmerzen in der Herz- 
grube und im Kopf, grosse Fieberhitze, Petechien auf der 
Haut, stark weiss, zuweilen schwarz belegte Zunge, profuse 
Schweisse und Diarrhoen. Ihre Uebereinstimmung mit den 
Pocken glaubte Sydenham besonders deshalb annehmen zu 
dürfen, weil beide Krankheiten gleichzeitig auftraten, weil 
bei beiden häufig ein „kritischer" Speichelflnss auftrat, und 
weil er bei beiden mit der gleichen Behandlung günstige Er- 
folge hatte. 

Durch seine Behandlung der fieberhaften Krankheiten 
und insbesondere der Blattern erlangte Sydenham den Ruf, 
eine neue Richtung der Therapie begründet zu haben. Er ver- 
warf alle Verfahren, welche bezweckten, den Ausschlag hervor- 
zutreiben, um eine Störung der natürlichen Entwickelung der 
Krankheit durch stürmische Fiebererscheinungen zu vermeiden: 
auch hatte er sich überzeugt, dass die Fälle, in welchen ein weit 
verbreiteter Ausschlag entstand und die Blatternpusteln dicht 
bei einander standen, viel ernster waren, als die Erkrankungen 
an discreten Pocken. Daher hielt er die Anwendung von 
Wein, schweisstreibenden Mitteln und warmen Bedeckungen 
für schädlich; er liess vielmehr die Kranken aufstehen und 
sich in frischer Luft aufhalten, bis der Ausschlag heraustrat: 
kamen dann nur zerstreute Pockenpusteln zum Vorschein, so 
durfte noch weiterhin während mehrerer Stunden am Tage 
das Aufstehen gestattet werden; bei conlluirenden Blatter]} 
wurden zunächst Aderlass, Brech- und Abführmittel ange- 
wandt und hierauf, wenn die Bettruhe nicht zu umgehen war, 
ein kühles Krankenzimmer empfohlen, dessen Fenster auch 
bei kühler AVitterung geöffnet sein und frische Luft hinein- 
lassen mussten. Gegen Schwäcbeanwandlungen durfte im 
weiteren Verlaufe Wein in massigen Mengen gegeben werden. 

Wenn Sydenham gegen das übertriebene Warmhalten der 
Pockenkranken auftrat, so folgte er damit älteren Vorgängern, 
wie Kernel. Foreesi und anderen. Neu war in seiner Be- 
handlung die rücksichtslose Zulassung der kalten Luft und 
die Beschränkung der Bettruhe. Jedoch dürfte die bis in 
unsere Zeil vielfach wiederkehrende Annahme, als (»I» die 
Verderblichkell der Pocken im 17. und L8. Jahrhunderl nur 
auf der unvernünftig warmen Bedeckung ^\fr Kranken und 
der Fernhaltung frischer Lufl von den Krankenzimmern bc- 
ruhi habe, nichl zutreffen; Sydenham fand vielmehr mit 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 107 

seinen Lehren Beifall und zählte auch in denjenigen Jahr- 
zehnten, in denen die Pockenstatistik eine besonders hohe 
Sterblichkeit nachweist, einen grossen Theil der Aerzte zu 
seinen Anhängern. Ueberdies scheint es, als ob Sydenham 
seine Behandlung einem im Volke bereits verbreiteten Ge- 
brauch angepasst habe. Creighton führt aus einem schon 
im Jahre 1626 erschienenen Theaterstück „Das hübsche 
Schenkmädchen" von Beaumont und Fletcher einen Dia- 
log an, in welchem eine der handelnden Personen sagt: „Ich 
habe eine pockenkranke Dame gekannt, die, um ihr Gesicht vor 
Narben zu schützen,- sich der Kälte aussetzte, die Blattern da- 
durch nach innen trieb und starb". Ferner tadelte der Arzt 
Slatholm in seinem Buche „de febribus" (1657) die An- 
wendung der Kälte, weil dadurch viele an und für sich gut- 
artige Pockenerkrankungen verschlimmert würden und einen 
tödtlichen Verlauf nähmen; in einem namentlich angeführten 
Falle sei die Erkältung durch Ungehorsam des Kranken und 
Widerspenstigkeit der Frauen verschuldet worden. Auch 
Morton, welcher als Gegner der Sydenham'schen Methode 
auftrat und in seinem 1694 geschriebenen Buche erwähnt, 
dass Sydenham selbst später mit seiner Behandlung vor- 
sichtiger geworden sei, bemerkt, dass die Kälte von allen 
alten Weibern und Apothekern empfohlen würde. Von einer 
durchweg gebräuchlichen Quälerei der Kranken mit Hitz- und 
Schwitzkuren war jedenfalls im 17. Jahrhundert nicht mehr 
die Bede, und ebensowenig konnte die hohe Pockensterblichkeit 
nur auf solche Arten der Behandlung zurückgeführt werden. 
Beide Theile, die Anhänger der Wärme und der Kälte, hatten 
zahlreiche Todesfälle zu beklagen und warfen einander die 
Misserfolge ihrer Behandlung vor. 

Viele Aerzte schlugen einen Mittelweg ein, so Ettmüller 
(1644 — 1683), der als Universitätslehrer in Leipzig einen 
grossen Ruf genoss und zahlreiche Schüler ausgebildet hat. 
Im X. Capitel seines Collegium practicum, welches die Pocken 
und Masern noch gemeinsam abhandelt, ist einer gemässigten 
Ausführung von Sydenham 's Vorschriften das Wort geredet. 
Boerhave empfiehlt in seinen Aphorismen 1 ) für das Initial- 
stadium die Zuführung kühler Luft bei guter, die Hautathmung 
jedoch nicht störender Bedeckung des Kranken (aer in pul- 
mones ducendus frigidinsculus; corpus bene tectum et per- 

1) Veröl. S. 79. 



108 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

spirabile), und räth ein ähnliches Verhalten auch für den 
weiteren Verlauf der Krankheit an (regiraine frigidiusculo, 
maxime admissu puri et frigidi aeris, Interim corpore in- 
feriore contra frigus munito). Der Königliche Leibarzt Mead 
in London (1673 — 1754) warnt in seinem Buche über Pocken 
und Masern vor übertriebener Anwendung der Wärme sowohl 
w T ie der Kälte (Media itaque via inceclendum est, et eo modo 
habendus aeger, ut neque calore aut vestimentis stranguletur, 
neque frigore peilendae per cutis meatus materiae exitus 
prohibeatur). Er spricht sich für reichliche Zufuhr kühler 
und frischer Luft und für Verabreichung- kühlender Getränke 
und flüssiger Nahrung (Hafer- und Gerstenschleim) aus. In 
Violante's Tractatus de variolis et morbillis wird zwar der 
Gebrauch schweisstreibender Mittel zur Zeit des Hervor- 
brechens des Ausschlages für nützlich erachtet, jedoch sollen 
nur leichte und sehr gemässigte Arzneien (juvandus est aegrotus 
levibus ac valde temperatis medicamentis expellentibus) in 
kleinen Dosen gegeben werden. Dagegen wird vor zu war- 
men Lagerstätten und Bedeckungen gewarnt, weil sie das 
Blut zu sehr erhitzen. Aehnlich ist der Standpunkt der 
meisten ärztlichen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, unter 
denen u. a. Werlhof, de Haen, van Swieten, Christan, 
Hufeland, Tralles, Juncker, Rechberger zu nennen 
sind. Ueberall werden Sydenham's und Boerhave's Vor- 
schriften anerkennend besprochen und die Notwendigkeit 
frischer Luft, der Nachtheil eines zu warmen Verhaltens be- 
tont. De Haen's Behauptung, trotz Sydenham und Boer- 
have seien die meisten Aerzte „bei dem alten Schlendrian" 
geblieben, findet in anderen Werken jener Zeit, z. B. bei 
Tralles, entschiedenen Widerspruch. In Juncker's Archiv 
wanden sich Aerzte und Laien gemeinsam gegen das warme 
Einpacken der Kranken und beklagen die Unvernunft gewisser 
Volkskreise, welche sich von solchem Verfahren nicht trennen 
können. 

Einen nicht ganz unbedeutenden Platz nahmen in der 
Behandlung der Blattern zuweilen die Blutentziehungen 
ein. her Aderlass wurde auch von Sydenham nicht ver- 
schmäht. .Mead räth sogar zu wiederholten Blutentziehungen, 
ln-lii aber hervor, dass die, meisten seiner Berufsgenossen mii 
diesem Mittel .sehr vorsichtig seien. Ettmüller andererseits 
verwirft Hie Blutentziehungen gänzlich; Hufeland machl 
kaum davon Gebrauch, wohingegen Violantc die Nothwendig- 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jalnh. 109 

keit des Aderlasses im Initialstadium ausführlich zu begrün- 
den sich bemüht. Eine volle Uebereinstimmung über den 
Werth des .Mittels bestand unter den Aerzten nicht; das Ver- 
fahren hatte Anhänger und Gegner; Fälle, in denen durch 
unmässige Blutentnahme geradezu Schaden angerichtet wor- 
den wäre, gehörten kaum zur Regel. 

Im Allgemeinen berechtigen die Berichte aus dem 17. 
und 18. Jahrhundert nicht zu der Annahme, dass die Blattern- 
kranken durch die ärztliche Behandlung geschädigt wurden. 
Entsprechend der damaligen Richtung der Heilkunde beob- 
achtete man die klinischen Symptome mit besonderer Auf- 
merksamkeit, um namentlich prognostische Schlüsse darauf 
zu gründen; andererseits war man mehr als jetzt zu thera- 
peutischen Eingriffen geneigt. Die damaligen Aerzte ver- 
trauten ihrer eigenen Kunst mehr als der Heilkraft der Natur 
und waren von einer wunderthätigen Wirkung ihrer Mittel 
überzeugt. Wir können uns jetzt eine wirkliche Heilwirkung 
der „gelinden Ausleerungen der ersten Wege, der erweichen- 
den und kühlenden Klystiere, häufigen, verdünnenden, das 
entwickelte Centralfeuer ableitenden, hitz dämpfen den Getränke, 
mit einem Worte, der ganzen antiphlogistischen .Kurart" 
(Christan) nicht wohl vorstellen; aber sicher sind rechtzeitig 
angewandte künstliche Darmentleerungen nützlich, und Ge- 
tränke, wie „Emulsionen aus frischen Mandeln und kühlenden 
Samen, Gerstenwasser mit vielem Zucker und Citronenwasser, 
ein gekochter Trank von Grasswurzen, Eibischwurzen. Käse- 
papeln u. dergl., der Aufguss von HimmeJbrandblüthe, -von der 
Hollunderblüthe und wildem Mohn u. dergl.," auch wenn sie mit 
Salpeter oder mit „Violen-, Himbeer-, Johannisbeer- oder einem 
anderen Safte" versetzt waren, dem Kranken nicht schädlich, oft 
erquickend gewesen. Die „erweichenden, warmen Umschläge" 
haben dem innerlich wunden Hals wohlgethan. Die weniger 
harmlosen Mittel, wie Vitriolsäure, Zinkblumen (Hufeland), 
Opiate wurden nicht in derartigen Dosen verwendet, dass 
damit Unheil angerichtet werden konnte. Die Ueberzeugung 
der Aerzte von ihrem Können hatte aber für die Kran- 
ken den Vortheil, dass sie mit Sorgfalt gehütet, dass 
alle ihre Bedürfnisse mit Eifer beachtet und keine ihrer Be- 
schwerden übersehen wurden. Beim Lesen der z. B. von 
Hufeland, Christan, Tralles u. A. überlieferten ausführ- 
lichen Krankengeschichten kann man sich des Eindruckes 
nicht erwehren, dass die Patienten unter der Fürsorge jener 



110 Behandlung n. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

von dem Lichte unserer neuen wissenschaftlichen Aera noch 
nicht erleuchteten alten Aerzte des wohlthuenden Vertrauens 
zu ihren Helfern weniger entbehrt haben als in der Pflege 
mancher Aerzte der Gegenwart, welche im Studium der 
Actiologie und Pathologie zu Skeptikern, wenn nicht zu 
therapeutischen Nihilisten geworden sind. 

Wenn freilich die alten Aerzte die Erfolge ihrer Kuren 
überblickten, so konnten sie sich nicht verhehlen, dass die 
auf ihre Kunst gesetzten Hoffnungen oft unerfüllt blieben. 
War in einer milden Epidemie die Sterblichkeit gering, so 
häuften sich die Todesfälle in späteren Jahren trotz der 
redlichsten Bemühungen um so mehr. Auch Optimisten, 
welche, wie de Haen, mit Hilfe der Sydenham'schen Me- 
thode Grosses ausrichten zu können vermeinten und sich 
rühmten, unter Hunderten von Kranken nur einzelne Wenige 
verloren zu haben, mussten anerkennen, dass es „grassirende 
Pocken giebt, welche jeden Zwölften, Zehnten, Siebenten, 
Fünften, ja auch jeden Dritten ins Grab stürzen". Von 
Anderen aber wurde die Ohnmacht der ärztlichen Kunst 
offen beklagt. „Wahrlich, durch die traurigste Erfahrung," 
so schrieb Tralles im Jahre 1761, „bin ich zu der Ueber- 
zeugung gelangt, dass die Unzulänglichkeit der besten Me- 
thode, welche, abgesehen von Sydenham und Boerhave, 
durch die vorzüglichsten Männer erweitert und zur Höhe ge- 
bracht schien, gleichsam mit lauter Stimme nach einem 
anderen Heilmittel ruft, und dass Kinder und Erwachsene 
durch keine bisher bekannte Kunst vor dem Tode zu retten 
sind, sondern unter unabwendbaren und schrecklichen Qualen 
sterben". 

Unter solchen Umständen drängte sich die Frage auf, ob 
es nicht möglich sei, die Pockenerkrankungen, deren ver- 
derblichen Verlauf man abzuwenden nicht vermochte, gänz- 
lich zu vermeiden. In der Bevölkerung, namentlich bei den 
bemittelten Ständen, finden wir sehr frühzeitig das Bestreben, 
der Seuche aus dem Wege zu gehen. Wir sahen bereits im 
vierten Capitel, wie der englische Hof im Anfange des 16. Jahr- 
hunderts, Orte, an denen die Pocken herrschten, verliess. In 
einem bei Crcighton abgedruckten Briefe an Sir J. Coke 
aus dem Jahre 1628, der über Blatternerkrankungcn in drv 
Familie des Corre^pondentcn berichtet, hcisst es: „Gott weiss, 
wir wurden von vielen aus unserer Freundschaft gemieden, 
welche unsere Nähe aus Furch! vor der Ansteckung Hohen. 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 111 

und in der That brauchten wir grosse Vorsicht und Sorgfalt, 

um zu verhindern, dass irgend Jemand zum Schaden seiner 
Gesundheit zu uns käme". Wenn im Gegensatz hierzu in 
vielen hervorragenden ärztlichen Werken des 17. Jahrhunderts 
Hinweise auf die Notwendigkeit einer Absonderung der 
Pockenkranken fehlen, so erklärt sich dies durch die da- 
malige Anschauung, dass die Pocken unvermeidbar seien. 
Diese Ueberzeugung war auch durch einzelne entgegenstehende 
Beobachtungen nicht zu erschüttern. Wenn vielbeschäftigte 
x\erzte, wie Diemerbroeck, Zwinger, Morgagni trotz 
reichlicher Gelegenheit zur Ansteckung während ihres ganzen 
Lebens von den Blattern verschont blieben, so sah man darin 
nur wunderbare Ausnahmefälle von der allgemeinen Regel. 

Der Standpunkt der Aerzte änderte sich, als die Er- 
kenntniss der üebertragbarkeit der Pocken zunahm. Als 
Nachfolger van Helmont's hatten im Anfang des 17. Jahr- 
hunderts schon Claudius Chauvell in Avignon, Christoph 
Cachet in Lorena und Diemerbroeck in Utrecht die An- 
steckungsfähigkeit der Blattern hervorgehoben. Alle drei 
empfahlen die Krankenabsonderung, Cachet wollte die von 
der Krankheit heimgesuchten Orte sogar vollkommen ab- 
sperren. Aber erst Boerhave verschaffte der Contagiositäts- 
lehre allgemeine Anerkennung. „Diese Krankheit", so sagt 
er von den Pocken, „ist freilich epidemisch (licet epidemicum), 
wird aber durch Mittheilung des Contagiums von einem früher 
betroffenen Menschen erworben; das Contagium scheint zuerst 
in der Luft enthalten zu sein und dann den Lungen, dem 
Mund, der Nase, der Speiseröhre, dem Magen und den 
Därmen mitgetheilt zu werden". 

Von der Mitte des 18. Jahrhunderts ab begegnet man 
dem Verlangen nach Krankenabsonderung in ärztllichen 
Werken häufiger. Sarcone, welcher in seinem werth vollen 
Werke weitgehende Vorschläge für die Durchführung dieser 
Maassregel begründete, konnte auf die gleichgerichteten Be- 
strebungen von Derharding (de facie a variolarum insultis 
praeservanda. 1754), Beer (Leipzig 1762), Rast (Lyon 1763), 
Camus (1767) und Paulet Bezug nehmen. In Deutschland 
trat Bernhard Christoph Faust mit grosser Wärme für 
die Absonderung der Kranken ein. Er verfasste im Jahre 
1794 eine gemeinfassliche kleine Schrift „Versuch über die 
Pflicht des Menschen, jeden Blatternkrankon von der Ge- 
meinschaft der Gesunden abzusondern und dadurch zugleich 



112 Behandlung' u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 



Abbildung; 4. 




Hermann Boerhave. 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pockefi im 17. u. 18. Jahrh. 113 

in Städten und Ländern und in Europa die Ausrottung der 
Blatternpest zu bewirken". Später wandte er sich mit seinen 
Plänen in dem bereits erwähnten Manifest an den Congress zu 
Rastatt. Auch Juncker befürwortete in seinem Archiv der 
Aerzte und Seelsorger wider die Pockennoth eindringlich ähn- 
liche Vorbeugungsmaassregeln. Unter den in jenem Werk be- 
sprochenen Abhandlungen befindet sich ein Aufruf des Medicinal- 
raths Dr. B. J. Schleis von Löwenfeld an den Oberpfälzi- 
schen Staat gegen die Blattern , welcher Vorschriften zur 
Verhütung der Ansteckung fordert. In einer anderen dort er- 
wähnten Arbeit von Grüner „Pockenausrottung ein Problem" 
wird empfohlen, mit den betroffenen Orten den Umgang und 
Handelsverkehr aufzuheben, einen Cordon an der Grenze zu 
ziehen, Ortschaften und Häuser einzuschliessen, und die 
„Durchgeseuchten" einer zwanzig- bis vierzigtägigen Absonde- 
rung nebst den nöthigen Reinigungen zu unterziehen. 

Die Ausrottung oder auch nur eine bemerkenswerthe 
Verminderung der Seuche erreichten jene Aerzte jedoch nicht. 
Zwar blieben ihre Vorschläge nicht ganz unbeachtet. In 
Berlin wurde am 15. October 1795 und in Bayreuth am 
17. März 1796 die öffentliche Ausstellung von Pockenleichen 
verboten; die Bayreuther Verordnung gab noch weitere An- 
weisungen über die Beerdigung der an Blattern Verstorbenen, 
welche die AVeiterverbreitung der Krankheit verhindern sollten. 
Im Erzherzogthum Oesterreich unter der Enns wurde am 
14. Mai 1790 ein schon früher erlassenes Verbot gegen das 
Spazierenführen blatternkranker Kinder in öffentlichen Gärten 
erneut eingeschärft. 

Vereinzelt ist auch von Erfolgen solcher Bemühungen 
berichtet. In Juncker 's Archiv, dem die vorstehenden 
Verfügungen entnommen sind, theilt der Physikus Bucholtz 
mit, in Weimar habe die Ansteckung im Jahre 1793 be- 
trächtlich abgenommen, nachdem den Schülern und Schüle- 
rinnen, in deren Wohnungen sich Blatternkranke befanden, 
der Schulbesuch verboten war. In Brohm ( Me eklen burg- 
Stretitz) wurde die Krankheit ebenfalls unterdrückt. Nach 
einem im Archiv abgedruckten Bericht aus Ungarn gelang 
es im Jahre 1797, den Marktflecken Vukovar durch Ab- 
schliessung von der pockenverseuchten Umgebung blattern- 
frei zu halten. Mehrfach ist in der Litteratur des 18. Jahr- 
hunderts das Beispiel von Rhode-Island erwähnt, wo alle 
Blatternkranke in ein Absonderungshospital auf der Insel 

Kühler. Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. ^ 



114 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

Coasters Harbour überführt wurden, und dabei in der Zeit 
von 1740 — 1765 niemals eine eigentliche Pockenepidemie 
zur Entwicklung kam. 

In neuerer Zeit ist namentlich von Böing der Mangel 
einer genügenden Krankenabsonderung als Hauptursache der 
Pockenverbreitung im 18. Jahrhundert bezeichnet worden. 
Zahlreiche Beispiele aus Juncker 's Archiv zeigen in der 
That, mit welch' unverzeihlicher Nachlässigkeit man oft die 
Kinder der Ansteckung aussetzte, wie man blatternkranke 
Bettler von Haus zu Haus ziehen Hess, und wie wenig man 
that, um den Ansteckungsstoff an den Kleidern und der 
Wäsche der Kranken zu vernichten. Es kann nicht in Ab- 
rede gestellt werden, dass durch vorsichtigeres Verhalten 
manche Erkrankung und mancher Todesfall hätte vermieden 
werden können. Freilich würden damit die der Ansteckung ent- 
gangenen Personen eine dauernde Sicherheit nicht erlangt haben. 
„In den neueren Zeiten," schreibt Dr. Krüger zu Bromberg 
im Archiv (V, 26), „suchten viele Eltern ihre Kinder dadurch 
vor der Ansteckung zu schützen, dass sie alle Gemeinschaft 
mit anderen vermieden, von welchen sie befürchteten, das 
Pockengift bekommen zu können. Dadurch erhielten sie selbige 
einige Zeit, nachher wurden sie aber doch meistens ange- 
steckt, wenn sie es am wenigsten befürchteten, weil in der 
Stadt keine Pocken waren, aber in der umliegenden Gegend 
sich wieder eingefunden hatten." Ermisst man die gewaltige 
Verbreitung der Pocken in den früheren Jahrhunderten, die 
ausserordentlich grosse Virulenz des Ansteckungsstoffes und 
die hohe Empfänglichkeit der überwiegend meisten Menschen 
für die Infektion, so konnte ein Versuch, die Krankheit mittelst 
Sperrmaassregeln auszurotten oder erheblich einzudämmen, 
wenig Aussicht auf Erfolg haben. Auf Inseln oder an ab- 
gelegenen Orten, in welche der Verkehr den Ansteckungsstoff 
nur ausnahmsweise einschleppte, verging zuweilen nach einer 
grösseren Epidemie lange Zeit, bevor die Krankheit wieder 
ausbrach, und gelang es ein und das andere Mal, die Ein- 
schleppung erfolgreich zu bekämpfen. War jedoch die Krank- 
heil erst wieder eingedrungen, so erfolgte stets eine neue 
furchtbare Durchseuchung. Anderwärts aber war es fast un- 
möglich, sich dauernd zu schützen. Nach Sarcone (§ 111) war 
es an vielen europäischen Höfen allen Personen, welche die 
Krankheit kürzlich überstanden oder mii Blatternkranken Be- 
rührung gehabl hallen, verboten, sich dem fürstlichen Aufent- 



Behandlung n. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 115 

halt zu nähern. Und doch war die Seuche in den Fürstenhäusern 
ein häufiger Gast, und 'die Liste der an ihr gestorbenen Könige, 
Prinzen und Prinzessinnen verzeichnet ausser den in den 
früheren Capiteln erwähnten noch viele andere Namen, so 
Kaiser Joseph I. von Deutschland, 2 deutsche Kaiserinnen, 
6 österreichische Erzherzöge und Erzherzoginnen, einen Kur- 
fürst von Sachsen und den letzten Kurfürst von Bayern 
Maximilian, dessen Krankheitsgeschichte von Christan in 
einem besonderen Buche ausführlich überliefert ist. 

So kam es, dass ein grosser Theil der Bevölkerung den 
Versuch, die Kinder der Pockenansteckung zu entziehen, 
gänzlich aufgab und statt dessen dahin strebte, die nun doch 
einmal unvermeidbare Krankheit zu möglichst gele- 
gener Zeit und in th unlichst milderForm durchmachen 
zu lassen. Nach Sydenham's Lehre waren die Pocken im 
Herbst am heftigsten, im Frühjahr dagegen milder; im Allge- 
meinen wurde . angenommen, dass strenge Kälte und grosse 
Sommerhitze dem Verlauf der Krankheit nicht günstig wären. 
Ueber den Einfluss des Lebensalters auf die Gefährlichkeit der 
Blattern waren die Ansichten getheilt; vielfach hielt man die 
Erkrankungen der Säuglinge für weniger ernst, als bei älteren 
Kindern; andere hofften bei Kindern im Alter von 4 bis 7 
Jahren am ehesten auf einen günstigen Ausgang. Weit ver- 
breitet und auch berechtigt war die Ueberzeugung, dass der 
Charakter der Epidemien verschieden war. Man hielt es 
daher für vorteilhaft, wenn die Kinder in dem am meisten für 
passend gehaltenenl^ebensalter und ohne Beeinträchtigung durch 
bereits bestehende andere Krankheiten in einer milden Epidemie 
im Frühjahr oder in der Uebergangszeit zwischen Herbst und 
Winter erkrankten. Trafen alle diese Umstände zusammen, 
so scheute man sich nicht, die Infektion künstlich herbeizuführen. 
Creighton erwähnt mehrere Berichte aus dem Anfang des 
18. Jahrhunderts über die schon damals in Schottland vielfach 
verbreitete Sitte, die Kinder -mit Pockenkranken verkehren, bei 
solchen schlafen zu lassen oder ihnen geradezu Pockenkrusten 
auf der Haut zu verreiben. Er führt auch an, dass der von 
englischen und deutschen Schriftstellern des 18. Jahrhunderts, 
namentlich auch in Juncker's Archiv oft geschilderte Gebrauch 
des Pockenkau fens schon im Jahre 1671 von Dr. Vollgnad 
aus Warschau und 6 Jahre später von Dr. Schultz aus 
Thorn beschrieben ist. Man schickte die Kinder, welche die 
Krankheit durchmachen sollten, in ein Blatternhaus, wo sie 



116 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

gegen Entgelt etwas Blatternschorf empfangen und in der 
Hand fest zusammendrücken mussten. Glaubte man auf 
solche Weise die Ansteckung bewirkt zu haben, so versuchte 
man von vornherein auf den Verlauf der Krankheit günstig 
einzuwirken, indem man schon im Inkubationsstadium eine 
leichte Diät durchführte, für Leibesöffnung sorgte und sogar 
ßlutentziehungen anwandte. Letzteres Mittel hielt selbst der 
sorgsame de Haen bei Kindern für angebracht, welche mit 
Blatternkranken Berührung gehabt hatten und daher ver- 
mutlich bereits angesteckt waren. 

Von ärztlicher Seite sind solche künstlichen Ueber- 
tragungen der Pocken wohl nur selten unterstützt worden, 
weil ihr Ausgang allzu unsicher war; jene Gebräuche be- 
schränkten sich wesentlich auf die weniger gebildeten Volks- 
kreise und wurden von der Geistlichkeit vielfach als „Volks- 
aberglauben" verurtheilt. Dagegen erwarb sich ein anderes 
Verfahren absichtlicher Infektion ein bedeutendes Ansehen 
bei vielen Aerzten jener Zeit, nähmlich die Inokulation 
oder Variolation, deutsch das Einpfropfen oder Beizen 
der Blattern genannt. 

Der Ursprung der Inokulation reicht in sehr alte Zeiten 
zurück. Ihre Anwendung war, wie im zweiten Capitel bereits 
erwähnt wurde, vielleicht schon in den ersten Jahrhunderten 
der christlichen Zeitrechnung in Rom und wahrscheinlich um das 
Jahr 590 n. Chr. in China bekannt. Freilich handelte es 
sich in China nicht um die später in Europa gebräuchliche 
Art der Inokulation. Die Blatternkrusten wurden dort mit 
Moschus vermischt und in der Umhüllung eines Baumwolle- 
bäuschchens in die Nase eingeführt, nachdem sie zur Milderung 
der Wirkung Jahre lang aufbewahrt und mit Dämpfen von 
Heilkräutern durchräuchert waren. 

Dagegen fand Holwell im -lahre 1767 die wirkliche 
Inokulation in Indien als einen alten Brauch einer besonderen 
Klasse der Brahminen vor. AVer sich dem Verfahren unter- 
ziehen Avollte, durfte einen Monat lang weder Milch noch 
Butter zu sich nehmen. Bei der Operation selbst ritzte der 
Brahmine den vorher mit einem Kleidungsstück tüchtig ge- 
riebenen Oberarm einige Male leicht mit einer Nadel, legte 
ein schon längere Zeit vorher in Blatternstoff getauchtes 
Bäuschchen Baumwolle darauf, befeuchtete dieses mit einem 
"der zwei Tropfen heiligen Grangeswassers und band es 
schliesslich fest, während er ununterbrochen Gebete an die 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 117 

Pockengöttin murmelte. Nach 6 Stunden wurde der Verband 
entfernt; der Inokulirte musste gewisse regelmässige 
Waschungen vollziehen, sich im übrigen frei in der Luft 
bewegen und nur während des Fiebers zuweilen in einer 
Matte an der Thür liegen; als Nahrung durfte er nur leichte, 
möglichst erfrischende Zubereitungen von Früchten, Mohnsaft, 
Reis und dergleichen gemessen. Nach überstandener Kur 
musste er der .Pockengöttin opfern. 

Auch in Afrika scheint ein Inokulationsverfahren schon 
seit langer Zeit bekannt gewesen zu sein. Bei den Massai- 
negern ist die Einimpfung ächten Pockenstoffs in die Stirn 
noch jetzt weit verbreitet; sie sehen darin ein ihrem Stamme 
eigentümliches Geheimmittel, welches sie vor den benach- 
barten Negerstämmen sorgfältig hüten. In Tripolis, Tunis 
und Algier war die Inokulation nach dem Zeugniss des da- 
maligen Gesandten in London Cassem Aga im Anfang des 
18. Jahrhunderts ein viel geübter, aus undenklicher Zeit her 
überlieferter Brauch. 

In Europa wurde die Inokulation zuerst in Griechen- 
land und in Oonstantinopel angewendet, und von dort aus 
gelangte die Nachricht von dem Verfahren nach England. Im 
Jahre 1714 erschien in den von der Königlichen Gesellschaft der 
Wissenschaften in London herausgegebenen „Philosophical 
Transactions" ein Brief des zu Oxford ausgebildeten grie- 
chischen Arztes Timoni an Professor Woodward unter dem 
Titel „An Account or History of the Procuring the Small 
Pox by Incision, or Inoculation; as it has for some time 
been practised at Constantinople." Timoni gab darin an, 
dass die Inokulation etwa 40 Jahre zuvor von den Cirkassiern, 
Georgiern und anderen Asiaten nach Oonstantinopel gebracht 
worden sei. Während der 8 Jahre seiner Anwesenheit in 
dieser Stadt seien Tausende von Personen damit behandelt 
worden. Man nähme flüssigen Blatternstoff von einem Falle 
diskreter Pocken, mische diesen mit dem Blute einiger 
leichten Stichwunden, die mit einer dreikantigen chirurgischen 
Nadel am Ober- oder Vorderarm angelegt würden, und bände 
zum Schutz eine Wallnussschale über die Operationsstelle. 
Es folge dann eine sehr leichte Erkrankung, bei der die 
Inokulirten sich kaum unwohl befänden. Bei einigen bildeten 
sich nur eitrige Knötchen an der Impfstelle; gewöhnlich ent- 
ständen 20 bis 30 über den Körper verstreute Blattern, 
welche schnell abheilten. Schwerere Erkrankungsfällc seien 



118 Behandlung- u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

äusserst selten und wohl auf eine neben der Inokulation 
erfolgte natürliche Infektion zurückzuführen. Aber Alle, 
welche sich dem Verfahren unterworfen hätten, seien für die 
Zukunft sicher gegen eine neue .Pockenerkrankung geschützt. 

Kurz darauf iin Jahre 1715 beschrieb der schottische 
Arzt Peter Kennedy, welchen seine Reisen ebenfalls nach 
Constantinopel geführt hatten, das Einpfropfen der Pocken 
(ingrafting thc smallpox) in seiner Abhandlung über fremde 
Heilmittel (An Essay on External Remedies) als einen im 
Peloponnes, in der Türkei und in Persien verbreiteten Ge- 
brauch. In Persien verabreiche man den Pockenstoff inner- 
lich in einem getrockneten Pulver, in Constantinopel würde 
er in kleine Schnitte an der Stirn, den Handgelenken und 
Knöcheln eingestrichen. Nach 8 oder 10 Tagen entwickelten 
sich die Pocken weit milder und nicht annähernd in so 
grosser Zahl als auf natürlichem Wege. Ueber die Frage, 
ob hierdurch ein sicherer Schutz gegen eine natürliche Er- 
krankung an Pocken erreicht würde, äussert sich Kennedv 
nicht mit voller Bestimmtheit. 

Im folgenden Jahre liess Sir Hans Sloane in den 
Philosophical Transactions einen weiteren schon 1715 in 
Venedig veröffentlichten Bericht des Arztes Pylarini ab- 
drucken, welcher als venezianischer Konsul in Smyrna gelebt 
und vorher in den ersten Jahren des Jahrhunderts in Con- 
stantinopel praktizirt hatte. Nach Pylarini ist die Inokulation 
im Jahre 1701 aus Griechenland, namentlich aus Thessalien 
nach Constantinopel gebracht worden, wo sie indessen mehr 
bei den christlichen Einwohnern, als bei den Türken selbst 
Eingang fand. Das Verfahren wurde meist von alten Frauen 
ausgeübt. Abgesehen von vereinzelten ernsten Fällen ver- 
ursachte die künstliche Einimpfung der Pocken stets nur 
ganz leichte Erkrankungen; die Zahl der Blattern beschränk! e 
sich meist auf 10, 20 oder 30; selten kamen 100, sehr 
-rlien 200 Pusteln zur Entwicklung. Von den 4 Kindern 
einer griechischen Familie, bei denen Pylarini die Inoku- 
lation zum ersten Male selbst beobachtete, war das eine 
allerdings Lebensgefährlich erkrankt, während die anderen 
nur sehr milde von den Pocken betroffen wurden. 

Die Mittheilungen der drei genannten Arzte gaben in 
London \nhis> zu lebhaften wissenschaftlichen Erörterungen; 
die wirkliche Einführung der tnokulation war jedoch einer 
Dame aus der englischen Aristokratie vorbehalten. Am 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 11!) 

1. April 1717 richtete die jugendlich schöne und geistreiche 
Gemahlin des britischen Botschafters bei der Pforte Lady 
Mary Wortley Montagu aus Adrianopel einen Brief an 
ihre Freundin Miss Sarah Chiswcll, welcher folgende Mit- 
theilung enthielt: 

„Die Pocken, bei uns so verheerend und allgemein verbreitet, sind 
hier infolge der sogenannten Impfung vollkommen harmlos. Eine Masse 
alter Frauen vollzieht diese Operation gewerbsmässig alljährlich im 
Herbst, im Monat September, wenn die grosse Hitze vorüber ist. Als- 
dann schicktEiner zum Andern, um zu fragen, ob vielleicht eine Familie 
Pocken haben möchte, es bilden sich Gruppen, und wenn dieselben, 
gewöhnlich 15—16 an der Zahl beisammen sind, kommt die alte Frau 
mit einer Nussschale, gefüllt mit Stoff der besten Gattung von Pocken. 
Sie sagt: „welche Ader soll ich Ihnen öffnen?" öffnet dieselbe sofort 
mit einer langen Nadel, was nicht mehr Schmerz verursacht, als wenn 
man sich einfach ritzt, bringt in die Wunde so viel Stoff, als auf dem 
Nadelknopf haftet und verbindet die kleine Wunde mit einem Stückchen 
Nussschale. In dieser Weise öffnet sie 4— 5Adern. Die Griechen lassen 
sich gewöhnlich aus Aberglauben eine an der Stirn, je eine an jedem 
Arm und eine auf der Brust öffnen, um ein Kreuz zu markiren; dies ist 
iedoch zu verwerfen, da diese kleinen Wunden Narben hinterlassen; wer 
nicht abergläubisch ist, wählt lieber die Beine oder den bedeckten Theil 
des Arms. Kinder und junge Personen spielen den Rest des Tages wohl 
und munter mit einander, bis zum S.Tage. Dann werden sie von Fieber 
ergriffen und hüten zwei, sehr selten drei Tage das Bett. Im Gesicht 
treten sehr selten mehr als 20—30 Pusteln auf, die keine Narben hinter- 
lassen, und in 8 Tagen sind die Kranken so munter wie vor der Impfung. 
Die Impfstellen bleiben während der Krankheitsdauer eiternde Geschwüre, 
was zweifellos eine grosse Erleichterung schafft. Alljährlich lassen Tau- 
sende diese Operation an sich vollziehen, und der französische Bot- 
schafter sagte scherzweise, man nehme hier die Pocken zur Zer- 
streuung, wie man in anderen Ländern Brunnen trinke. Ein tödtlicher 
Verlauf ist noch niemals beobachtet worden, und glaube mir, ich bin 
von der Sicherheit des Experimentes so vollkommen befriedigt, dass 
ich die Absicht habe, dasselbe an meinem lieben kleinen Sohn zu ver- 
suchen. 

Ich bin Patriotin genug, um mich zu bemühen, dieser heilsamen 
Entdeckung in England Verbreitung zu verschaffen, und werde nicht 
verfehlen, einigen unserer Arzte ganz ausführlich darüber zu schreiben, 
sobald ich irgend einen unter ihnen kennen lerne, den ich für hin- 
reichend selbstlos halte, einen ihrer beträchtlichsten Krwerbszweige zum 



120 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrb. 



Abbildung 5. 




Lady Mary Wortley Montagu. 
1720. 

Nach einem Gemälde von Sir Godfroj Ivneller in der Sammlung des 
Marquis of Butc. 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. Ls. Jahrh. 121 

"Wohle der Menschheit zu vernichten. Doch diese Krankheit ist \\\v sie 
zu einträglich, als dass sie nicht ihren ganzen Groll auf jenen ver- 
wegenen Wicht ausschütten sollten, der es unternähme, sie auszurotten. 
Vielleicht dürfte ich aber, wenn ich meine Rückkehr erlebe, dennoch 
Muth genug haben, mich mit ihnen auf einen Kampf einzulassen. Bis 
dahin bewundern Sie den Muth Ihrer Freundin". 

Lady Montagu führte die in dem vorstehenden Briefe 
kundgegebene Absicht aus und konnte sich dabei davon über- 
zeugen, dass sie den Aerzten mit dem Misstrauen in ihre 
Selbstlosigkeit unrecht gethan hatte. Noch in Constantinopel 
wurde im März 1718 ihr 5 jähriger Sohn unter Aufsicht des 
Gesandtschaftsarztes Maitland durch eine griechische Frau 
inokulirt; nach der Rückkehr vollzog Maitland selbst im 
April 1721 die Operation an ihrer 4jährigen Tochter, der 
späteren Gräfin Bute. Drei Aerzte des Royal College of 
physicians beobachteten den Verlauf, der so günstig war, 
dass einer derselben, Dr. Keith, seinen eigenen 6jährigen 
Sohn durch Maitland inokuliren liess. 

Der gute Erfolg erweckte in der Prinzessin von Wales, 
Caroline, welche kurz vorher ihre Tochter Anna an den 
Pocken verloren hatte, den Wunsch, ihre Kinder ebenfalls 
inokuliren zu lassen. Auf Befehl des Königs Georg I. wurde 
jedoch zunächst noch eine Probeimpfung an 6 zum Tode 
verurtheilten Verbrechern vorgenommen. Maitland. weigerte 
sich anfangs, die Operation auszuführen, weil er bei einem 
etwaigen üblen Ausgang fürchtete, als Stellvertreter des 
Henkers verspottet zu werden, liess sich jedoch durch den 
Leibarzt Sir Sloane schliesslich bestimmen. 5 der Versuchs- 
personen überstanden die Pocken sehr leicht, bei der sechsten, 
welche bereits früher geblättert war, schlug die Operation 
fehl; allen 6 wurde das Leben geschenkt und ferner auch 
einer siebenten, ebenfalls zum Tode verurtheilten jungen Frau, 
der auf Meads Veranlassung einige Blatternkrusten nach 
chinesischer Art in die Nasenlöcher eingeführt wurden, worauf 
unter starkem Kopfschmerz und heftigem Fieber eine übrigens 
gutartige Blatternerkrankung entstand. Hierauf wurden 11 
Waisenkinder geimpft, 4 ohne und 7 mit Erfolg; in einem 
Falle soll 11 Wochen später eine leichte natürliche Pocken- 
erkrankung gefolgt sein. Ferner inokulirte Maitland einige 
andere Personen, darunter in der Nähe von Hertford das 
2Y2 Jahre alte Kind eines Mr. Batt. Dieses Kind bekam nur 



122 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahih. 

•20 Pusteln und war kaum 3 — 4 Tage krank; seine Erkrankung 
wurde jedoch zum Ausgangspunkt einer Gruppenerkrankung 
an natürlichen Pocken in der Dienerschaft des Hauses, wo- 
bei ein Mädchen starb. Leider zog man aus dieser Erfahrung 
nicht die Lehre, die Inokulirten in Zukunft abgesondert zu 
halten; überdies Hess sich Maitland durch den Arzt 
Nettleton in Halifax bestimmen, statt leichter Stiche lange 
und tiefe Schnitte anzulegen und in diesen Baumwollenbäusche 
mit Pockeneiler festzubinden. 

Im April 1722 entschloss sich der Leibarzt Sloane, 
freilich nur ungern und erst auf den bestimmten Wunsch des 
Königs, dessen Enkelinnen, die Prinzessinnen Amalia und 
Carolina, durch den Wundarzt Am y and in seiner Gegenwart 
inokuliren zu lassen. Der günstige Verlauf der künstlichen 
Blattern bei den königlichen Kindern ermuthigte mehrere 
Familien der Aristokratie, dem gegebenen Beispiele zu folgen. 
Da aber noch in dem gleichen Monate ein 2y 2 Jahre alter 
Sohn des Earl of Sunderland und ein 19 Jahre alter Diener 
des Lord Bathurst kurz nach der Inokulation starben, machte 
die Einführung des Verfahrens nur langsame Fortschritte. 
Die Zahl der in den 8 Jahren bis 1729 in England voll- 
zogenen Inokulationen betrug nach Jurin 897; erfolgreich 
waren 845, 17 mal wurden Todesfälle beobachtet. In Boston 
(Neu- England), wohin die Blatternimpfung gleichfalls ihren 
AVeg fand, wurde sie bald wieder verboten, weil man dort 
auf je 47 Inokulationen einen Todesfall zu beklagen hatte. 
i'Unter 282 in den Jahren 1721 und 1722 Inokulirten starben 
6, dagegen zählte man gleichzeitig unter 5759 natürlichen 
Erkrankungen 844 Todesfälle). In England kam die Ein- 
pfropfung in der Zeit von 1730 bis 1740 fast ganz ausser 
Gebrauch. In Schottland hatte Maitland sie nicht einzu- 
führen vermocht, weil er schon unter den ersten 1 dort 
\ Mrgenommenen Inokulationen einen Todesfall zu verzeichnen 
gehabt hatte (1726). In Irland starben unter 16 von einem Arzte 
inokulirten Personen 3. Auf dem Festlande hatte Maitland 
schon 1724 in Hannover den Prinz Friedrich erfolgreich in- 
"kulii!: indessen fand er daseJbst wenig Nachahmung, obwohl 
der dortige Arzl Wreden noch in demselben .lahm in einer 
Schrifl „Vernünftige Gedanken von der Inokulation der Blat- 
tern" lüi' das Verfahren eintrat. 

Gleich nach den ersten Versuchen hatte sich überall 
i ii die [iiokulation ein heftiger Widerspruch erhoben, welcher 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im li. u. 18. Jahrh. 123 

späterhin während des ganzen Jahrhunderts auf dem Festlande 
immer von neuem hervortrat und sich im Wesentlichen stets 
auf die nämlichen Gründe stützte. Englische Geistliche, wie 
Massey 1 ) und später de la Faye 2 ) betrachteten es als 
sündige Vermessenheit, in das Walten der Vorsehung einzu- 
greifen, warnten vor der Gewissensschuld, welche die Eltern 
der inokulirten Kinder bei tödtlichem Ausgang der künstlichen 
Blattern auf sich lüden, verglichen die Folgen der Inokula- 
tion mit der Krankheit des Hiob und sahen darin ein Werk 
des Satans. Ihre Predigten und Schriften machten beim Volke 
tiefen Eindruck, wenn auch andere Männer der Kirche, wie 
Maddox, der Bischof von Worcester, es im Gegentheil für 
die Pflicht der Christen erklärten, jenes lebensrettende Ver- 
fahren zu unterstützen. 

Auch unter den Aerzten blieben die Ansichten getheüt. 
Sparham, Massey, Clinch und Warren verunglimpften die 
Einpfropfung der Blattern, nicht ohne Uebertreibungen der 
nachtheiligen Folgen und unrichtige Darstellungen der That- 
sachen zu Hilfe zu nehmen und ihre eigenen vermeintlichen 
Erfolge bei der Behandlung der Pocken in das hellste Licht 
zu setzen. Aber selbst hochgeachtete Vertreter der Wissen- 
schaft, wie Wagstaffe und Freincl konnten sich mit der 
Inokulation nicht befreunden, und diese bot in der That 
empfindliche Angriffspunkte. 

x4bgesehen von den zuweilen beobachteten Fehlerfolgen 
forderte namentlich die Unberechenbarkeit des Verlaufs 
die Kritik heraus. Meist waren die künstlichen Blattern in der 
That harmlos und jedenfalls sehr viel milder, als die natür- 
liche Krankheit; immer wieder aber kamen doch auch Fälle 
ernsterer Art und sogar confluirende Blattern vor, von denen 
ein Theil tödtlich verlief. Von den Inokulationen der ersten 
8 Jahre hatte in England je eine unter 50 den Tod herbei- 
geführt; wenn Jurin, einer der eifrigsten Vertheidiger des 
Verfahrens, dagegen nach den Londoner Sterberegistern nach- 
wies, dass den natürlichen Blattern jedes 14. in der Maupt- 



1) A sernion against the dangerous and sinful practice of In- 
oculation. 

2) A discourse against inoculating the smallpox with a parallel 
between the Scripture notion of Divine Resignation and the modern 
practice of Inoculation. 1751. Inoculation an indefensible practice. 1753. 

3) Sermon for the benefit of the Smallpox Hospital. 1752. 



124 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 1*. u. 18. Jahrh. 

stadt geborene Kind und jede 5. oder 6. daran erkrankte 
Person erlag, so war der Bevölkerung der Unterschied doch 
nicht augenfällig genug, um das Vertrauen zur Einpfropfung 
der Pocken zu fördern. Von den Gegnern im Aerztestande 
wurde sogar die Thatsächlichkeit eines gefahrlosen Verlaufs 
der künstlichen Blattern bezweifelt, da man sich eine Er- 
klärung dafür nicht zu bilden vermochte. Man erhob den 
Einwand, die Verschiedenheit der künstlichen und natürlichen 
Pocken sei dadurch vorgetäuscht, dass nur völlig gesunde 
Kinder zur Inokulation ausgewählt, in der günstigsten Jahres- 
zeit geimpft und während ihrer Erkrankung, ja schon vor 
Ausbruch derselben aufs sorgfältigste gepflegt und ärztlich 
überwacht würden. Unter solchen Voraussetzungen seien auch 
die natürlichen Blattern in der Regel weniger verderblich. 

Demgegenüber haben freilich die späteren Erfahrungen 
nicht nur mit grosser Regelmässigkeit die Seltenheit eines 
ungünstigen Verlaufs der Inokulation bestätigt, sondern auch 
zu Verbesserungen des Verfahrens geführt, welche die Gefahr 
des Eingriffs verminderten. Auch ist es nach den neuerdings 
in das Wesen der Immunität gewonnenenen Einblicken nicht 
schwierig, sich die Ursache des meist guten Ausgangs der 
künstlichen Blattern zu erklären. Der Pockenstoff wurde bei 
der Einpfropfung in geringer Menge und wohl auch vielfach 
mit abgescliAvächter Virulenz in eine oder wenige oberfläch- 
liche Hautverletzungen gebracht; es verging daher längere Zeit, 
bevor der Krankheitserreger in die Blutbahn selbst gelangte; 
während des Kampfes, den die natürlichen Widerstandskräfte 
des Körpers bis zu diesem Zeitpunkte mit dem Eindringling 
führten, konnten Antikörper in ausreichender Menge gebildet 
werden, um den Verlauf der eigentlichen Krankheit günstig 
zu beeinflussen. Wurde der Infektionsstoff dagegen auf natür- 
lichem Wege, sei es durch die Athmungsorgane, sei es durch 
die Verdauungsorgane dem Körper zugeführt, so fand seine 
Aufnahme in reichlicherer Menge, oft in grösserer Virulenz, 
und wohl immer an vielen Stellen zugleich oder doch von 
einer grösseren Angriffsfläche aus statt. Der Körper wurde 
gleichsam überrumpelt und das Blut überschwemmt, bevor 
der Organismus sieh zum Widerstände gerüstet halle. 
Aehnliehe Vorgänge beobachten wir jetzl noch bei anderen 
Krankheiten. Der Milzbrand und die Pest führen fast stets 
zum Tode, wenn die [nfektion von den Lungen aus statt- 
findet, wählend die eitlere Krankheit in Form des Milzbrand- 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 1"_'5 

karbunkels und die Pest bei Ausgang der Infektion von der 
Hautoberfläche weniger gefährlich sind. Die Tuberculose kann 
geheilt werden, so lange sie local bleibt, wird dagegen 
verhängni ssvoll, wenn die Bacillen in den Kreislauf einge- 
schwemmt werden und Miliartuberculose erzeugen. Die Eiter- 
erreger gefährden meist erst dann das Leben, wenn sich ihnen 
die ßiutbahn eröffnet und die Entstehung von Pyämie und 
Septikämie ermöglicht. 

Nach dem Briefe der Lady Montagu wurden nun aller- 
dings bei der Inokulation in der Türkei „Adern geöffnet"; 
die Beschreibung des Verfahrens seitens der Aerzte lässt je- 
doch keinen Zweifel darüber, dass dies nur ein bildlicher 
Ausdruck der Impffrauen war; in Wirklichkeit handelte es 
sich um oberflächliche Stiche in die Haut. Erst N ettleton 
begünstigte durch seine tiefen Schnitte das unmittelbare Ein- 
dringen des Blatternstoffes in das Blut und hat damit jeden- 
falls viel zu dem ungünstigen Verlaufe der künstlichen Blattern 
und zu der Diskreditirung des Verfahrens beigetragen. 1 ) 

Ein weiterer Einwand gegen die Blatterneinpfropfung 
war die Unsicherheit des Schutzes gegen eine spätere 
Erkrankung an natürlichen Blattern. Seit der Ein- 
führung der Inokulation wurde die Frage, ob man mehrmals an 
denPocken erkranken könnte, zu einem wissenschaftlichen Streit- 
punkt, welcher bis in die neueste Zeit zu den lebhaftesten 
Erörterungen Anlass gegeben hat. Gegenwärtig zweifelt wohl 
Niemand mehr daran, dass die Frage zu bejahen ist, aber 
die Erfahrung hat hinlänglich gelehrt, dass die Fälle wieder- 
holter Pockenerkrankungen selten sind. Die Berichte der 
Aerzte aus den früheren Jahrhunderten gestatten zwar ein 
sicheres Urtheil nicht, weil die Möglichkeit offen bleibt, dass 
bei ihren Beobachtungen Verwechselungen mit Masern unter- 
gelaufen sind. Im 18. Jahrhundert wurde das mehrfache 
Erkranken derselben Person an den Blattern von einem Theil 
der Aerzte, wie Diemerbroeck, Sarcone, Violante, de 
Haen u. a., als ein nicht allzu seltenes Vorkommniss an- 



1) Auch Jenner missbilligte später jene Operationsmethode. Er 
sagt in seiner ersten Veröffentlichung über die Kuhpocken hinsichtlich 
der Inokulation : „Ich habe den stärksten Grund zu der Annahme, dass 
die Gefahr, eine heftige Krankheit zu erzeugen, sehr vermehrt wird, 
wenn die Stiche oder Schnitte so tief angelegt werden, dass sie die 
Haut ganz durchdringen und das Fettgewebe verwunden." 



126 Behandlung' ü. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrb. 

gesehen, von vielen anderen wie Mead, Tr alles, Hall er, 
Watson, Archer, Dimsdale, Heberden, Werlhof, van 
Swieten, Rechberger gänzlich in Abrede gestellt. In- 
dessen sind in der damaligen Eitteratur vielfach Erkrankungen 
sogenannter „falscher Pocken" , die auch als Wind- und 
Wasserblattern, Spitz-, Recidiv-, Hühner-, Schweine- oder 
Hundspocken bezeichnet werden, beschrieben, welche nach 
den Beschreibungen sicher zum Theil ächte Pocken waren 
und nur wegen des milden Verlaufs als solche nicht aner- 
kannt wurden. Es lag nahe, dass diejenigen Aerzte, welche 
theoretisch ein wiederholtes Erkranken an Blattern nicht für 
möglich hielten, Fälle, in denen dies Ereigniss doch ein- 
mal eintrat, mit der Annahme erklärten, dass die erste Er- 
krankung durch falsche Blattern verursacht war, 1 ) während 
ihre Gegner umgekehrt auch Windpocken zu den Blattern 
rechneten und selbst Masernerkrankungen als solche aus- 
gaben. 2 ) Andererseits beriefen sich Mead, Rechberger 
u. a. auf einige Fälle, in denen Frauen während der 
Schwangerschaft der Ansteckung ausgesetzt wurden, zwar 
selbst, nicht erkrankten, weil sie die Pocken schon früher 
überstanden hatten, dagegen Kinder zur Welt brachten, deren 
Körper mit Blattern bedeckt war. 

Dass in der That das einmalige Ueb erstehen der Blattern 
die Empfänglichkeit für den Ansteckungsstoff nicht dauernd 
und nicht für immer tilgt, ergiebt sich aus der oft, z. B. 



1) Dimsdale schrieb von den unächten Pocken : „Sie haben 
gemeiniglich nicht viel, aber doch bisweilen auch ein merklich es Fieber; 
sie sehen oft genau so aus wie die ächten, fassen Eiter, zeugen den 
pockenartigen Schorf, ätzen Narben ein ; sie verlaufen ordentlich ge- 
schwinder: aber bisweilen halten sie auch längere Perioden und ent- 
stehen von einer ächten Ansteckung. Wir haben schlechterdings kein 
pathognomonisches Merkmal davon; blos alle zusammengenommen, und 
das nur noch für ein gut gelerntes und schon tieferes Auge geben sie 
ein festes Unterscheidungszeichen." Rechberger, dem vorstehendes 
Citat entnommen ist, sagt: „Ich selbst muss gestehen, dass ich einige- 
male berufen wurde, um den Umstand wegen der wahren und falschen 
Blattern zu entscheiden, ich fand falsche den wahren so ähnliche 
Pocken, dass ich nebsl der Erkenntniss der Blattern alle Umstände 

u zusammenhalten musste, am mich nicht, zu läuschen." 

2) Ein solcher Fall is1 z. B. ron Dimsdale glaubwürdig mit- 

L r Klifilt. 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. ]2t 

von Sarcone, Huxham und Juncker erwähnten Beob- 
achtung, dass früher geblätterte Mütter und Wärterinnen bei 
der Pflege pockenkranker Kinder an den Stellen der Brusl 
und des Halses, an welche das Kind den Kopf Jehnte, zu- 
weilen örtliche Blatternpusteln bekamen. Jedoch war es 
selten, „dass ein und derselbe Mensch an dem Pocken- 
gifte mehr als einmal ernstlich und allgemein leiden 
musste." 1 ) Hierfür spricht schon die vorwiegende Bethei- 
ligung der Kinder an der Pockensterblichkeit. Trat irgend- 
wo eine Pockenepidemie auf. so hielten sich die geblätterten 
Erwachsenen nicht für gefährdet, und in der That weisen 
die Sterbelisten, welche die Altersverhältnisse wiedergeben, 
nur selten Todesfälle bei Erwachsenen auf. 2 ) Böing ver- 
muthet, dass die älteren Personen nicht wirklich geschützt 
waren, aber infolge der häufigen Gelegenheit zur Ansteckung 
von Zeit zu Zeit immer wieder neue, wenn auch noch so 
milde Infektionen durchmachten und so einerseits wieder 
einen vorübergehenden Schutz erlangten, andererseits nur 
selten ernsthafte Pocken bekamen. Allein der Mangel einer 
Minderempfänglichkeit der geblätterten Erwachseneu ist auch 
aus Epidemien in Orten berichtet, welche Jahrzehnte lang 
von den Pocken verschont geblieben waren. Wenn wir da- 
her aus dem 18. Jahrhundert zwar keine brauchbaren stati- 
stischen Nachweise über die Seltenheit oder Häufigkeit der 
wiederholten Pockenerkrankungen besitzen, so zeigen jene 
Thatsachen und die zahlreich überlieferten Einzelbeobachtungen 
zur Genüge, dass das einmalige Ueberstehen der Pocken 
in der Regel vielleicht keinen vollkommenen Schutz, 
aber doch eine starke Widerstandsfähigkeit gegen- 
über einer Neuinfektion verlieh. 3 ) 

Immerhin kann es keinem Zweifel unterliegen, dass auch 
inokulirte Personen zuweilen später an natürlichen Blattern 
erkrankt sind. Zum Theil mag dies darauf zurückzuführen 
gewesen sein, dass nicht ordnungsgemäss geimpft worden, 
unwirksamer Blatternstoff oder gar der Inhalt von Varicellen- 
pusteln verwendet war; manche Berichte erwiesen sich auch 
als unwahr, so ein von Clinch beschriebener Fall, in welchem 



1) Juncker 's Archiv. I. S. 38. 

2) Vergl. Capitel V. 

3) Aus neueren Pockenepidemien sind u. a. folgende Zahlen be- 
kannt (s. folgende Seite unter dem Strich): 



128 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

der Gewährsmann Jones von Jurin zu dem schriftlichen 
Bekenntniss genöthigt wurde, dass das an Blattern erkrankte 
Kind niemals inokulirt worden war; in anderen Fällen, deren 
einen Mead erwähnt, war die vorausgegangene Inokulation 
nachweislich erfolglos gewesen. Aber einzelne Darstellungen 
in der Litteratur 1 ) sind in der That für das Vorkommen von 
Pockenerkrankungen bei Inokulirten beweisend. Wenn daher 
auch von den Freunden der Einpfroplüng hervorgehoben 
wurde, dass die inokulirten Personen vielfach der Ansteckung 
ausgesetzt würden, pockenkranke Kinder pflegten, mit solchen 
das Bett theilten, erneut geimpft wurden und doch gesund 
blieben, so machten doch selbst vereinzelte entgegengesetzte 
Wahrnehmungen tiefen Eindruck in ärztlichen und nichtärzt- 
lichen Kreisen. 

Geringere Bedeutung legte man anfangs der bald all- 
gemein anerkannten Thatsache bei, dass die künstlichen 
Blattern ebenso leicht übertragbar waren, wie die 
natürlichen Pocken, und bei der Sorglosigkeit, mit welcher 
man die inoculirten Kinder frei verkehren liess, zur Verbreitung 
der Krankheit beitrugen, ja hier und dort Todesfälle bei den 
angesteckten Personen nach sich zogen. Blatterninfektionen 
waren damals auch ohne Inokulation so alltäglich, dass man 
solche beklagenswerthen Ereignisse wohl erwähnte, aber hinter 



Stadt und Jahr 



Geblät- 
terte Ein- 
wohner od. 
Personen 



Davon 

erkrankt an 

Blattern 



Nicht ge- 
blättert 

und nicht 
geimpft 



Davon 

an Blattern 

erkrankt 



Kreis DewsburvlSOl - 
92, 544 Häuser 

AVarrington 1S91/92, 
437 Häuser 

Leicester 1S92/93, 
193 Haushaltungen 

Gloucester 1895/96 
399 Haushaltungen 



126 



41 



19 



6(4,8 

5(12,2 

0(0,0 

4(5,2 



477 



107 



345 



822 



291(61,0 

60(56,1 

146 (42,3 

604(73,5 



) 



Weilen. - Material zu der Häufigkeit wiederholter Blattern erkran- 
I ung habe ich in meiner Arbeit : ,, (Jeher die Dauer der durch die 
Schutzpockenimpfung bewirkten [mmunitäl gegen Blattern" mitgetheilt. 
Vrbeiten an dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. Bd. XIV. S. 407. 

I) Vergl. Creighton. II. S. 487. 



Behandlung' u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 129 

den übrigen Einwänden gegen das Verfahren zurücktreten 
Hess. Die meisten Vertheidiger der Einpfropfung würdigten 
dieses Bedenken kaum einer ernsthaften Abwehr. Gerade 
die allgemein eingewurzelte Ueberzeugung, dass nahezu jeder- 
mann doch einmal die Blattern bekommen müsse und damit 
der Lebensgefahr ausgesetzt sei, hatte ja die Einführung der 
Inokulation erst ermöglicht und wurde auch die Ursache, dass 
dieses immerhin bedenkliche Schutzmittel nach einem Jahr- 
zehnt der Vernachlässigung erneut in Aufnahme kam. 

Im Sommer 1738 entwickelte sich in Charleston, Süd- 
Carolina, eine heftige Pockenepidemie, unter deren Eindruck 
es dem dortigen "Wundarzt Mowbray möglich wurde, trotz 
des Einspruchs der dortigen medizinischen Fakultät Inokula- 
tionen vorzunehmen. Ihm schloss sich der Arzt Kilpatrick 1 ) 
an, welcher selbst einen Sohn an den Blattern verloren hatte 
und seine übrigen Kinder gegen die Krankheit zu schützen 
wünschte. Beide glaubten, die Gefahr der Blatternimpfung 
zu vermindern, indem sie das Impfmaterial von einer nur 
leichtkranken Person entnahmen und dann von Arm zu Arm 
fortimpften, also die Virulenz ihres Pockenstoffs abzu- 
schwächen suchten. Nach Kirkpatrick wurden von ihm, 
Mowbray und 5 anderen Aerzten damals rund 800 Per- 
sonen inokulirt; 9 davon starben, doch war dieser ungünstige 
Ausgang bei einigen vielleicht durch eine neben der künst- 
lichen erfolgte natürliche Ansteckung verursacht. Von je 20 
Inokulirten erkrankten 19 so leicht, dass sie das Verbot, aus- 
zugehen, als lästig und überflüssig betrachteten. 

Auch anderwärts in Amerika hatte die Inokulation 
günstige Erfolge. Mead hörte von einem Pflanzer auf St. 
Christophers, welcher 300 schwarze Sklaven eigenhändig geimpft 
hatte, ohne nur einen davon zu verlieren. In Philadelphia 
fand das Verfahren ebenfalls neue Anhänger. In Para liess 
sich der französische Mathematiker La Condamine von 
einem Karmeliterpriester berichten, dass dieser seine Konver- 
titen unter den Indianern durch die Einpfropfung mit Erfolg 
gegen die Pocken zu schützen pflege. 

Inzwischen hatten auch in Süd-England, namentlich in 
Portsmouth, Chichester, Guildford, Petersfield und Winchester 



1) Er änderte später seinen Namen in Kirkpatrick. Kill heisst 
„Lödten", kirk „Kirche" und Patrick ist der Name des irischen Schutz- 
heiligen. 

Kühler. Geschichte J. Pocken u. il. Impfung. o 



130 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrb. 

einige Wundärzte etwa seit dem Jahre 1740 wieder zu hupfen 
begonnen. Einer derselben, Frewen, berichtete später (1749) 
in seiner Schrift „The Practice and Theory of Inoculation", 
dass er nach Nettleton's Vorgang Schnitte angelegt, diese 
aber weniger tief geführt und die Wunden während der Dauer 
der künstlichen Blattern offen gehalten habe, um eine Ab- 
leitung nach aussen zu scharfen. Kirkpatrick zufolge sollen 
in Süd-England während mehrerer Jahre 2000 Einpfropfungen 
vorgenommen worden seien, wobei nur 2 Todesfälle bei 
schwangeren Frauen vorkamen (?). Jedenfalls lauteten die 
Berichte von auswärts so günstig, dass auch die Bevölkerung 
von London, wohin Kirkpatrick im Jahre 1743 seinen 
Wohnsitz verlegt hatte, sich aufs neue mit der Einpfropfung 
zu befreunden begann. Für die Inokulation traten neben 
Mead der Generalstabsarzt der Armee Middleton und die 
Militärärzte Hawkins und Ranby mit grosser Wärme ein. 
Uas Verfahren wurde ein geschätzter Erwerbszweig der Wund- 
ärzte (Chirurgen), welche zum Verdruss der eigentlichen Aerzte 
(medici, physicians) sich nicht mit der Operation begnügten, 
sondern auch die Behandlung leiteten und A 7 orbereitungskuren 
mit Brech- und Abführmitteln, Blutentziehungen u. dgl. damit 
verbanden. Einige Jahre beschränkte sich die Anwendung 
der Inokulation fast ausschliesslich auf die bemittelten Stände, 
im Jahre 1746 begann man die Wohlthat des Pocken- 
schutzes jedoch auch der ärmeren Bevölkerung zugängig zu 
machen. Neben einem Hospital zur Aufnahme von 44 Pocken- 
kranken wurde ein Unterkunftshaus für 15 Inokulirte er- 
öffnet, in dem freilich bis 1750 im Ganzen nur 34 Personen 
verpflegt worden sind. Im Jahre 1754 veröffentlichte das 
College of physicians ein Gutachten, in welchem der Werth 
der Inokulation ausdrücklich anerkannt wurde. 

Der Ruf des Verfahrens stieg mehr und mehr und wurde 
durch Uebertreibungen genährt. So behauptete Bischof Maddox 
in seiner bereits erwähnten Predigt (1752), dass die Todes- 
fälle an Pocken seit Einführung der Inokulation um ein Fünftel 
abgenommen hätten; er irrte sich darin erheblich, denn aller- 
dings war die Sterblichkeit in den vorausgegangenen Jahren 
etwas geringer gewesen, aber gerade im Jahre 1752 wurde 
'ine ausnahmsweise hohe Morfalitäi von 3538 Blutferntodes- 
fällen erreicht. Unter dem Eindruck dieser Verluste wirkte 
man indessen mii verdoppeltem Eifer für die Inokulation. 
Es wurde zunächsl ein neues grosses Hospital rail L 30 Betten 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrb.. 131 

für Poekenkranke und für Personen, welche sick in der Vor- 
bereitung der Inokulation befanden, errichtet, spater im Jahre 
1768 den letzteren ein eigenes grosses Hospital eingeräumt. 
Die Listen dieser Pockenhäuser weisen nach Creighton 
folgende Zahlen von Inokulationen auf: 



Jahr 


Zahl der 
Inokulationen 


Jahr 


Zahl der 
Inokulationen 


Vor dem October 


1749 


17 


17581 


446 


Oct. 1749 bis Oct. 


1750 


29 


1759) 


Oct. 1750 bis Oct. 


1751 


85 


1760 


372 




1752 


112 


1761 


429 




1753 


129 


1762 


496 




1754 


135 


1763 


439 




1755 


217 


1764 


383 




1756 


281 


1765 


394 




1757 


247 


1766 
1767 
1768 


633 

653 

1084 



Zusammen 1746 bis 1768 6581 Inokulationen. 

Um eine wesentliche Ermässigung der Pockensterblich- 
keit zu erreichen, war diese Zahl von Inokulationen viel zu 
gering; auch liess man im Spital nur Kinder zu, welche das 
7. Lebensjahr überschritten hatten, während die meisten 
Pockensterbefälle die jüngeren Altersklassen betrafen. Regel- 
mässige Inokulationen kleiner Kinder wurden erst seit 1766 
alljährlich an einigen hundert Pfleglingen des Findlings- 
hospitals vorgenommen. Spätere Bestrebungen von Maty 
(1767) und Lettsom (1775), die Inokulation in London all- 
gemein durchzuführen, blieben fast ergebnisslos. 1 ) In einigen 
anderen Städten, wie Chester, Liverpool, Leeds u. a. und in 
manchen Dörfern von Hertfordshire, Gloucestershire u. a. gelang 
es, unter dem Eindruck grösserer Epidemien die Mehrzahl 
oder doch einen grossen Theil der blatternfähig gebliebenen 
Personen für die Einpfropfung zu gewinnen, was dazu beige- 
tragen haben soll, dass die Pocken längere Zeit verschwan- 
den oder erheblich abnahmen. Am meisten Erfolg hatte der 
Arzt John Clark in Newcastle. Durch Prämien von fünf 



1) Aehnlich ging es Haygarth mit seinem Poclcenausrottungs- 
plan (1784), welcher die allgemeine Inokulation in Verbindung mit 
Krankenabsonderung zum Ziele hatte. 

9 * 



132 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

Shilling (für^ein Kind) bis zu 10 Shilling (für eine ganze 
Familie) wurden die Einwohner der Blatternimpfung geneigt 
gemacht; in der Zeit von 1786 — 1801 betrug die Zahl der 
Inokulirten 3268: von 1056 Impfungen in den 4 J / 2 Jahren 
1786—1790 betrafen 460 Kinder unter 1 Jahr, 270 von 1 bis 
2 Jahren, 253 von 2 — 5, die übrigen Kinder bis zu 15 Jahren. 

Die Bemühungen, die Inokulation zu einem vollkommen 
gefahrlosen Eingriff zu machen, dauerten inzwischen fort. Zu- 
nächst hatte der Amsterdamer Arzt Tronchin in Frankreich 
ein Verfahren eingeführt, bei welchem man die Infection der- 
art bewirkte, dass ein in Blatternstoff getränkter Faden durch 
eine am Arm angelegte Hautblase gezogen wurde. Beddoe 
suchte die Gefahr dadurch zu verringern, dass er den 
Pockeneiter zur Hälfte mit Wasser verdünnte. Weiter- 
hin verwendete Gatti, ebenfalls in Frankreich, den Inhalt 
noch unreifer Pusteln zur Inokulation; er hatte damit eine 
Reihe von Misserfolgen , namentlich bei der Herzogin von 
Bouffiers, welche seiner Ansicht nach erfolgreich inokulirt war, 
nach ihrer eigenen Beschreibung aber zweifellos nur eine Haut- 
entzündung durchmachte und dann 2 1 / 2 Jahre später an natür- 
lichen Blattern erkrankte (1765). Dennoch fand sein Impf- 
verfahren auch in England, wo Maty dafür wirkte, viel An- 
hänger. Besonders eignete sich Daniel Sutton, ein An- 
hänger des Wasserheilverfahrens, welcher zwar Sohn eines 
Arztes, aber selbst als Arzt nicht ausgebildet war, jene Me- 
thode an, unterstützte sein Vorgehen durch Verabreichung von 
Geheimmitteln, die in Brechweinstein und Calomel enthalten- 
den Pillen bestanden, und erlangte mit Hülfe von markt- 
schreierischen Anpreisungen einen gewaltigen Zulauf. In der 
Zeit von 1764 — Qß impfte er mit seinem Assistenten an 
20000 Personen, was ihm in 2 Jahren 2000 Guineen und 
8300 Pfund Sterling (208000 Mark) einbrachte. „Die In- 
okulation, schreibt Moore, wurde schliesslich durch die Künste 
eines Kurpfuschers populär. Denn Daniel Sutton verbreitete 
mir seinen ( reheinamitteln die Inokulation in einem halben 
Dutzend Jahren mehr, als die beiden Facultäten der Medicin 
n inl Chirurgie mit Hilfe der Kirche und dem Beispiel des 
Hofes in einem halben Jahrhundert yermochl hatten". 

Sutton seheint mit seinem Verfahren, welches später 
von Dimsdale genau beschrieben worden t ist, nur wenige 
Todesfälle zu beklagen gehabt zu haben; er legte nur ober- 
flächliche Ritzwunden an und führte während der folgenden 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. l<s. Jahrb. 133 

Krankheit die Anwendung der Kälte im Sinne Sydenham's 
streng durch. Sein Vorbild bewirkte wohl auch, dass man 
den Verlauf der künstlichen Blattern sorgsamer überwachte und 
die Behandlung der inokulirten Personen besser regelte. Aber, 
da er sich, wie Gatti, eines unsicheren Impfstoffes bediente, 
war seine Inokulation oft unwirksam, auch wenn er einen 
positiven Erfolg festgestellt hatte; der Pockenschutz wurde 
nicht erreicht, und die später eintretenden natürlichen Pocken- 
ei'krankungen trugen nicht dazu bei, das Vertrauen zur Ein- 
pfropfung zu fördern. 

Auf dem europäischen Festlande wurden die ersten 
Versuche mit der Inokulation in Frankreich gemacht, wo 
de la Costa in seinem „Lettre sur l'inoculation" im Jahre 
1723 für das Verfahren eintrat. Obwohl jedoch die Sorbonne 
in einem Gutachten Versuche befürwortete und auch der Regent, 
Herzog von Orleans, der Angelegenheit sein Interesse zu- 
wendete, drangen die Gegner, unter denen sich namentlich 
Hecquet hervorthat, mit ihrer Meinung durch. Selbst 
Voltaire, der im Jahre 1727 in einem später veröffentlichten 
Briefe aus London für die Inokulation zu wirken suchte, 
hatte keinen Erfolg. Die medicinische Fakultät in Paris er- 
klärte sich gegen die Einpfropfung, welche dann etwa 30 Jahre 
lang in Vergessenheit gerieth. 

Im Jahre 1755 nahmen sich mehrere angesehene Mitglieder 
der Akademie, besonders der Mathematiker de la Condamine, 
der Inokulation von neuem mit grosser Wärme an. Der spätere 
Finanzminister Turgot veranlasste die Impfung eines Kindes. 
Auf den Rath Senacs liess der Herzog von Orleans seinen Sohn 
und seine Tochter durch Tronchin inokuliren, und der glück- 
liche Ausgang der Blattern bei den fürstlichen Kindern ermuthigte 
zahlreiche Familien der Aristokratie dem Beispiele zu folgen. Die 
Inokulation breitete sich in vielen grösseren Städten des Landes 
aus, wurde dann in Paris wieder verboten, weil man die 
Entstehung einer verheerenden Epidemie im Jahre 1763 den 
in der Stadt vorgenommenen Impfungen zuschrieb. Im Jahre 
1769 erhielt indessen Gatti vom Könige die Erlaubniss, in 
der Militärschule zu impfen, und nachdem Ludwig XV. selbst 
in hohem Alter an den Blattern gestorben war, unterwarf sich 
sein Nachfolger Ludwig XVI. mit seiner Familie selbst der Inoku- 
lation, worauf dem Verfahren überall freie Bahn eröffnet war. 

In den Niederlanden blieb die Inokulation nach Moore's 
Bericht im Wesentlichen auf die bemittelten Volksklassen 



134 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

beschränkt; in Spanien wurde sie viele Jahre lang nur in 
einem kleinen Theil von Andalusien ausgeübt und erst im 
Jahre 1774 durch Don Miguel Gorman nach Madrid ge- 
bracht, ohne indessen eine weitere Verbreitung zu finden. 
Auch in Italien, wo die Aerzte seit dem Jahre 1754 für das 
Verfahren eintraten, ging seine Anwendung kaum über die 
Angehörigen der wohlhabenden Stände hinaus. 

In Dänemark gelang es den Anhängern der Inokulation 
nach dem amtlichen Berichte im englischen Blaubuch trotz 
der Unterstützung der Regierung nicht, die zuerst im Jahre 
1754 eingeführte Blatternimpfung populär zu machen, obwohl 
Callisen damit günstige Erfolge erzielte und unter 900 
Fällen von künstlichen Blattern keinen Todesfall zu ver- 
zeichnen hatte. Im Jahre 1760 wurde der Kronprinz 
Christian VII. inokulirt, aber in demselben Jahre mussten 
einige Inokulationshospitäler in Kopenhagen aus Mangel an 
Pfleglingen geschlossen werden, nachdem sie 5 Jahre be- 
standen hatten. Dasselbe Schicksal widerfuhr einem im 
Jahre 1770 ausserhalb der Stadt errichteten grösseren In- 
okulationshause für 16 zahlende und 32 unbemittelte Pfleg- 
linge im Jahre 1783. 

Nach Böing soll die Einpfropfung in Schweden eine 
besonders begeisterte Aufnahme gefunden haben, woselbst 
der König seit dem Jahre 1756 auf den Rath des Medicinal- 
kollegiums persönlich dafür zu wirken begonnen hatte. 
Moore berichtet dagegen, dass auch in jenem Lande die 
ärmeren Klassen der Bevölkerung nicht zu gewinnen ge- 
wesen seien, und bei Lotz u. a. findet sich die Angabe, die 
Inokulation sei in Schweden weit weniger verbreitet gewesen 
als in England. 

In Russland liess sich die Kaiserin Katharina mit ihrem 
Sohne im Jahre 1768 durch Dimsdale inokuliren, worauf 
letzterer eine grosse Impfpraxis in St. Petersburg und Moskau 
erwarb, ein Inokulationsspital gründete und die russischen 
Aerzte in seiner Methode unterwies. 

Oft beschrieben ist die Einführung der Inokulation in 
Oesterreich. Dorl halle die Kaiserin Maria Theresia bald 
nach einander mehrere Todesfälle in ihrer Familie durch die 
Blattern zu beklagen gehabt und selbst, im Alter von 50 
Jahren, eine schwere Pockenerkrankung durchmachen müssen, 
in welcher sie Tage hing zwischen Tod und Leben schwebte. 
Der Wunsch, die furchtbare Seuche aus ihrem Lande zu 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 1*. a. 18. Jahrb. 135 

bannen, veranlasste sie, im Jahre 1768 den Arzt Ingenhousz 
zur Einführung der Inokulation aus England zu berufen. 
Schon vor seiner Ankunft wurden durch v. Leber und 
Eechberger mit Zustimmung des Leibarztes van Swieten 
im Waisenhause 40 neugeborene und 67 ältere Kinder geimpft. 
Nur 2 der neugeborenen Kinder starben, jedoch erst nach 
dem Ablauf der künstlichen Blattern, das eine an Ruhr, 
das andere an Krämpfen. Ingenhousz selbst inokulirte 
dann 2 junge Erzherzöge und eine Erzherzogin und impfte 
mit Blatternstoff von den kaiserlichen Kindern viele andere 
Kinder, die alle die Blatternkur gut überstanden. Später liess 
die Kaiserin alljährlich im Frühjahr in ihrem Lustschlosse 
Hetzendorf durch Freiherr von Störck Inokulationen vor- 
nehmen, und im Jahre 1786 begründete Kaiser Joseph IL 
eine besondere Impfanstalt für Kinder unbemittelter Familien, 
welche dem Leibarzt Quarin unterstellt wurde. Nichtsdesto- 
weniger scheint die Inokulation eine allgemeine Ausdehnung 
in Oesterreich nicht erlangt zu haben. Rech berger, der 
eine zahlenmässige Zusammenstellung der von ihm der 
Blatternkur unterzogenen Kinder überliefert hat, brachte es 
in den 19 Jahren von 1769 bis 1787 nur auf 384, also im 
Jahresdurchschnitt auf etwa 20 Einpfropfungen; die meisten 
Patienten hatte er in den Jahren 1773 (42) und 1784 (40); 
in den Jahren 1774 bis 1777 blieben die Zahlen unter 10: 
er klagt, dass trotz öffentlich vorgenommener Prüfungen des 
Verfahrens und gemeinfasslicher Belehrungen durch an- 
gesehene Personen selbst in Epidemiejahren der erwartete 
Zulauf ausblieb. Noch geringeren Anklang fand die Inoku- 
lation im benachbarten Ungarn; in Juncker' s Archiv (II 
S. 212) schreibt Dr. Hussty aus Pressburg unterm 23. Fe- 
bruar 1797, dass in dieser Stadt seit 20 Jahren keine Ein- 
impfung vorgenommen sei. „Die sogenannten Grossen gehen 
in dieser Absicht mit ihren Kindern nach Wien, und die 
mittlere Klasse hat noch zu viel Vorurtheil gegen die 
Impfung." 

Auch im Gebiete des jetzigen Deutschen Reichs er- 
langte die Inokulation bei weitem nicht die grosse Verbreitung, 
welche ihr von Böing u. a. zugeschrieben worden ist. In 
Preussen erfolgte zwar auf einen Bericht des Landphysikus 
Kessler in Magdeburg (1755) über 3 von ihm glücklich vor- 
genommene Inokulationen eine gnädige Allerhöchste Ent- 
scheidung Friedrichs des Grossen, in welcher der König sein 



136 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jalirh. 

Verwundern aussprach, dass die Herren Meclici von Waisen- 
nnd Armenhäusern nicht schon dergleichen vorgenommen 
hätten, da von dem glücklichen Success der Inokulation doch 
fast alle gelehrten Zeitungen benachrichtigten. Allein in Berlin 
hatten die beiden Aerzte Meckel und Muzel im Jahre 1765 
bei 9 Einpfropfungen in vornehmen Familien 6 Todesfälle, 
wodurch das Vertrauen der Bevölkerung längere Zeit gänzlich 
erschüttert wurde. Dennoch berief 'der Vater von zwei der 
verstorbenen Kinder, Minister Freiherr v. d. Horst, auf den 
Rath des Herrn v, Arnim-Boizenbnrg im Jahre 177-1 den 
englischen Arzt Baylies, welcher in Dresden des letzteren 
einzigen Sohn glücklich geimpft hatte, nach Berlin, worauf 
dieser mit des Königs Erlaubniss zunächst 17 Patienten in- 
okulirte. Die künstlichen Blattern verliefen gut; aber einer 
der Geimpften, der 5 Jahre alte August von Blumenthal, 
starb im Februar des folgenden Jahres an einer Krankheit, 
welche der behandelnde Arzt Dr. Muzel für die Pocken 
hielt, währene Baylies dies auf Grund des Krankheits- und 
Obduktionsberichts und gestützt auf Gutachten seiner eng- 
lischen Kollegen Dimsdale und Watson bestritt. Als 
Baylies nun auf Befehl des Königs einige Physiker in der 
Inokulation unterweisen sollte, fand sich Niemand bereit, seine 
Kinder impfen zu lassen. Mehrfach wiederholte Versuche 
mit der Inokulation an Pfleglingen des Friedrichs-Waisen- 
hauses schlugen fehl, vermuthlich weil die Kinder schon ge- 
blättert waren, und Baylies musste unverrichteter Sache 
wieder abreisen. Friedrich der Grosse und sein Nachfolger 
Friedrich Wilhelm II. fuhren indessen fort, für die Inokulation 
zu wirken, unterstützt von den Bestrebungen geachteter 
Männer der Wissenschaft, wie Süssmilch und Möhsen, 
welche in Wort und Schrift für die Blatternimpfung ein- 
1 raten. Die von den Medicinal-Kollegien und Verwaltungs- 
behörden eingeforderten Berichte vermochten jedoch meisl 
nur vereinzelte Fälle von Inokulationen nachzuweisen. ■ Im 
Jahre 1790 meldete das Provinzial-Medicinal-Kollegium in 
Magdeburg, dass in der dortigen Provinz die Impfung niemals 
beliebt war. In Ostfriesland waren unter dem Eindruck einer 
dreijährigen heftigen Pockenepidemie (1786 — 88) 460 unter 
den '.in l ooooo Einwohnern geimpft worden, von denen 5 
starben. Nach einem Bericht in Juncker's Archiv I (231) 
zählte man in Ostfriesland und Harlingerland in 8 Jahren 
'. , "_'ö Impfungen, während L660 Todesfälle au natürlichen 



Behandlung- n. Bekämpfung d. Pocken im 1<. a. 18. Jahrh. 137 

Blattern vorkamen. In der Grafschaft Mark waren in den 
9 Jahren von 1779 — 1787 nur 51 Kinder inokulirt worden: 
als später eine Pockenepidemie ausbrach, wurden von 5 
dortigen Aerzten 199 Personen geimpft (88 mit 8 Todesfällen 
von einem einzelnen Arzt). Im Fürstenthum Ansbach- 
Bayreuth wurden im Jahre 1796, als die Zahl der Pocken- 
toten 1761 betrug, nach der Zusammenstellung in Juncker's 
Archiv (III. S. 110) insgesammt in nur 4 Orten 52 Inokula- 
tionen vorgenommen, welche sämmtlich gut verliefen. Dr. 
Meier in Rathenow (Archiv V S. 96) impfte in 15 Jahren 
nicht mehr als 83 Personen. In Berlin scheint die Ein- 
pfropfung später mehr in Aufnahme gekommen zu sein; 
wenigstens wird in der medicinischen Topographie von Berlin 
des Oberstabsmedikus Formey (1796) von den im Frühjahr 
und Herbst gewöhnlichen Impfungen berichtet. 

Bei den Aerzten in Deutschland und Oesterreich 
fand die Inokulation anfangs entschiedene Abneigung. Goethe 
schreibt im ersten Capitel seiner „Wahrheit und Dichtung": 
„Die Einimpfung der Pocken wird bei uns noch immer für 
sehr problematisch angesehen, und ob sie gleich populäre 
Schriftsteller schon fasslich und eindringlich empfohlen, so 
zauderten doch die deutschen Aerztc mit einer Operation, 
welche der Natur vorzugreifen schien. Spekulirende Engländer 
kamen daher aufs feste Land und impften gegen ein an- 
sehnliches Honorar die Kinder solcher Personen, die sie wohl- 
habend und frei von Vorurtheil fanden. Die Mehrzahl jedoch 
war noch immer dem alten Unheil ausgesetzt; die Krankheit 
wüthete durch die Familien, tödtete und entstellte viele 
Kinder, und wenige Eltern wagten es, nach einem Mittel zu 
greifen, dessen wahrscheinliche Hülfe- doch schon durch den 
Erfolg mannigfaltig bestätigt war". Juncker's Mitarbeiter 
und Gewährsmänner sprechen sich zum Theil günstig über 
die Inokulation aus, meist jedoch mit gewissen Ein- 
schränkungen; oft, so auch bei Hufeland, wird das Inoku- 
liren an blättern freien Orten verurtheilt und die Vornahme 
der Operation nur in bestimmten Fällen empfohlen. In Wien 
hatte sich der Leibarzt van Swieten keineswegs ohne Zögern 
den Bestrebungen der Kaiserin Maria Theresia angeschlossen: 
der von ihm auf einen Lehrstuhl der Universität berufene 
wissenschaftlich bedeutende Arzt de Haen war einer der 
eifrigsten Gegner der Einpfropfung. 

Er leitet seine „Abhandlung von der sichersten Heilungs- 



138 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrb. 

art der natürlichen Pocken" (1775) mit den Worten ein: 
..Schon seit 18 Jahren habe ich von den natürlichen sowohl 
als eingeimpften Kinderpocken öfters gehandelt. Während 
dieser Zeit hat die Einimpfungsmethode verschiedene Schick- 
sale erfahren: bald wurde sie, wie z. B. in Frankreich und 
den Niederlanden, aufgenommen und angerühmt; bald schrie 
das Volk dawider, oder die Gerichtshöfe setzten ihrem fer- 
neren Fortgänge Verordnungen entgegen: hier wurde sie aus 
den Städten aufs platte Land verwiesen, dort auf einige 
Zeit gar eingestellt. Bald wusste man nicht mehr, was 
man von der ganzen Methode zu sagen oder zu glauben 
hätte; weil es heute schien, als wenn sie ganz sicher durch- 
aus würde angenommen werden, und in kurzer Zeit aber sie 
doch nur sehr selten angewandt wurde: kaum war sie ver- 
dammt und verworfen, kam sie wieder in ihr voriges An- 
sehen". 

Das häufig ablehnende Verhalten der Bevölkerung war 
durch die Befürchtung eines ungünstigen Ausgangs der künst- 
lichen Blattern zu erklären; aber es gereicht den deutschen 
Aerzten zur besonderen Ehre, dass sie nicht die Besorgniss 
jener leicht mit dem Verlust ihrer Vertrauensstellung ver- 
knüpften Möglichkeit in den Vordergrund stellten, sondern 
vornehmlich die Gefahren für die allgemeine öffentliche Ge- 
sundheit geltend machten. Die Verbreitung der natürlichen 
Pocken durch die von den inokulirten Kindern ausgehende 
Ansteckung war, wie erwähnt, in England weniger hervor- 
gehoben worden, fand aber am Ausgang des Jahrhunderts 
infolge einiger auf die Inokulation zurückzuführender Epidemien 
immer mehr Beachtung. So hatte sich im Jahre 1788 nach 
ßjähriger Pause eine Blatternepidemie in Weimar nach Hufe- 
land 's Bericht im Anschluss an Einpfropfungen entwickelt, 
welche zuerst von Starke an den beiden fürstlichen Kindern, 
dann auch in Familien der Stadt vorgenommen waren. Eine 
aus ähnlichem Anlass entstandene Epidemie im Jahre 1794 
in Hamburg ist von Wolff beschrieben. Formey führt eine 
Epidemie in Berlin Im Jahre 1795 ebenfalls auf die Ein- 
impfung zurück. Besonnene Aerzte, wie Faust, erklärten, 
sie würden zu [nokulationen nur bereit sein, wenn Abson- 
derungshäuser zu solchen Zwecken errichtet winden. Mehr- 
fach wurde die Inokulation in epidemiefreien Zeiten verboten. 

Auf Grund einer Berechnung, nach weichet- in London in 
den ersten :'>o Jahren des 18. Jahrhunderts 71, in 30Jahren gegen 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 139 

Ende des Jahrhunderts dagegen 95 unter je 1000 Todes- 
fällen durch Pocken verursacht wurden, hat Heb erden (1801) 
gefolgert, die Inokulation habe zur Vermehrung der Blattern- 
sterblichkeit beigetragen. Hierüber weit hinausgehend hai 
man später unter Bezugnahme auf die in der Litteratur des 
18. Jahrhunderts, namentlich in Juncker's Archiv über- 
lieferten Berichte über die Ansteckungsfähigkeit der künst- 
lichen Blattern und über die von solchen thatsächlich aus- 
gegangenen Uebertragungen die Behauptung aufgestellt, dass 
die Häufigkeit der Pocken im vorigen Jahrhundert überhaupt 
eine Folge der Einpfropfungen gewesen sei. Dies ist jedoch 
durch geschichtliche Thatsachen nicht zu erweisen. Gerade 
das verheerende Auftreten der Blattern war die Ursache ge- 
wesen, dass die Inokulation eingeführt wurde; den durch die 
Impfungen erzeugten Epidemien standen zahlreiche andere 
gegenüber, während deren keine oder doch nur ganz verein- 
zelte Inokulationen vorgenommen worden waren. Juncker's 
Archiv liefert dafür viele Beispiele. In Städten mit grosser 
Pockensterblichkeit, wie Berlin, ist die Inokulation erst sehr 
spät, in anderen, wie Kopenhagen, niemals wirklich auf- 
gekommen. Hätte man jene Inokulations-Epidemien vermie- 
den, so wäre der Ansteckungsstoff in einem anderen Jahre 
auf natürlichem Wege in die betreffenden Orte gelangt. 

Vergegenwärtigt man sich die traurigen Aussichten, welche 
den Eltern durch die Blattern gefahr für die Gesundheit und 
das Leben ihrer Kinder bereitet wurden, so begreift man, 
dass sie den Muth fanden, den nicht gefahrlosen Eingriff vor- 
nehmen zu lassen. Man versteht auch, dass die Fürsten, 
denen die Erhaltung des Lebens ihrer Unterthanen und die 
Vermehrung der Bevölkerung am Herzen lag, die Impfungen 
begünstigten. Unrecht ist es, solche Bestrebungen als eine 
Art Modethorheit der Höfe hinzustellen; sie wurden von ge- 
reifter Ueberlegung und treuer Fürsorge für das Volkswohl 
geleitet und gingen von den bedeutendsten Persönlichkeiten 
des Jahrhunderts aus. Zu ihren wärmsten Förderern ge- 
hörten Goethe, Kaiserin Maria Theresia und Friedrich 
der Grosse. 



Am Ausgang des 18. Jahrhunderts gab es in Europa kein 
Volk, das nicht schwer unter den Blattern litt. Allerwärts 
sah man die Kinder der Krankheit preisgegeben, deren ver- 



140 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jalirh. 

derblichen Verlauf man fürchtete, aber nicht abzuwenden 
vermochte. 

Man könnte die dadurch hervorgerufene Volksstimmung 
mit der Bewegung vergleichen, welche 100 Jahre später in 
unserer Zeit durch ganz Europa gegangen ist, als die Ver- 
heerungen der Tuberculose immer empfindlicher fühlbar wur- 
den. Aber der Eindruck der Blattern war doch noch un- 
mittelbarer und tiefer. Die Krankheit verlief nicht allmählich 
und durch lange Perioden der Besserung und Erwerbsfähig- 
keit unterbrochen, wie die Tuberculose. Die Fälle folgten 
sich nicht vereinzelt in dieser oder jener Familie, in dem einen 
oder dem anderen Hause und durch zeitliche Pausen ge- 
trennt. Plötzlich und schonungslos brachen die Pocken her- 
ein, gewaltsam trafen sie die Familien, massenweise for- 
derten sie ihre Opfer. Die Kinder, welche fröhlich heran- 
wuchsen und sichtlich gediehen, die Freude und der Stolz 
ihrer Eltern, waren in wenigen Tagen auf's entsetzlichste ent- 
stellt und bald nach Schmerzen und Qualen dem Tode ver- 
fallen. Manche Familien sahen sich in kurzer Frist aller 
ihrer Kinder beraubt. Die Seuche trug die Sorge in jedes 
Haus; oft gab es am Orte wenige Wohnungen, aus denen 
unter dem Fluche der Krankheit sich nicht Klage und Jammer 
zum Himmel erhob. 

Es war wirklich eine Pockennoth, ein Blatternelend, von 
dem uns unsere Vorfahren erzählen. Stumpfe Gleicbgiltig- 
keit gegen das Unglück hatte schliesslich in weiten Volks- 
kreisen Platz gegriffen; sie ergaben sich in das unvermeid- 
liche Schicksal. Es ist nur ein Pockenkind, sagte man dem 
Professor Juncker, als er im December 1795 auf dem Fried- 
hofe zu Halle an ein frisches Grab kam und sich über die 
geringe Bewegung der Leidtragenden verwunderte. 

Um so mehr sträubten sich die gebildeten Stände gegen 
das V erhängniss. Es schien unfasslich, dass nicht sollte geholfen 
werden können. Jede neue Behandlungsart der Krankheit 
erregte weites Aufsehen. Sydenham's Lehren wurden mit 
Begeisterung aufgenommen. Gelehrte, Geistliche, Regierungen 
und Fürsten wirkten vereint für die Inokulation. In einem 
im Jahre L768 in Leipzig veröffentlichten „ Verzeichniss der 
vornehmsten Schriften von den Kinderpocken und deren Ein- 
pfropfung" konnte Krünitz 817 Schriften aufführen. In der 
Fortsetzung „Beiträge zur Litteratur der Blattern und dnen 



Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 141 

Einpfropfung 1768-1790" (Erster Band Halle 1791) fügte 
Olberg 310 weitere hinzu. 

Immer wieder schlugen die Hoffnungen fehl; immer von 
neuem folgten sich verheerende Epidemien. Aber unermüd- 
lich wurde die Notwendigkeit der Abhülfe erörtert. In nicht 
geringer Zahl sind uns Kanzelreden und längere Gedichte über 
die Pockennoth erhalten geblieben. Mit Aerzten wie Sar- 
cone, Scuderi, Möhsen, Faust und Juncker wetteiferten 
gebildete Männer anderer Stände, wie der Consistorialrath 
Süssmilch und der hannoversche Leutnant F. L. v. Pufen- 
dorf im Ersinnen von Vorschlägen zur Ausrottung der Blattern- 
pest. Nicht jenen war es beschieden, das Werk zu voll- 
bringen : aber die Ergebnisse ihrer Arbeiten sind nicht ohne 
Einlluss geblieben auf jenen schlichten englischen Landarzt, 
in dessen erfinderischem Kopfe damals langsam die Ent- 
deckung des gesuchten Schutzmittels reifte. Ihr Streben war 
aufrichtig und edel; es zeugte von jenem Ernste der Auf- 
fassung, dem unser grosser König Friedrich Ausdruck gab, 
als er am 18. April 1778 die folgenden Worte niederschrieb: 1 ) 
„Schwierigkeiten müssen, um ein für die 
Menschheit so heilsames Werk zu beschleu- 
nigen, den Muth eher anfeuern als ab- 
schrecken. Kann man sie nicht überwinden, 
so fordert doch die Menschenliebe, dass man 
es versuche". 



Litteratur, 



Thomas Sydenham, Opera universa. Editio novissima. Lugduni 

Batavorum. 1741. 
M. Ettmüller, Collegium practicum doctrinale. Operum Tom. II. 

Frankfurt a. M. 1708. 
Richardi Mead, De Variolis et Morbillis. Op. omnia. Tom. I. Editio 

tertia. Göttingen. 
Anton von Haen, Abhandlung von der sichersten Heilungsart der 

natürlichen Pocken, welche auf die glückliche Heilungsart der 

Eingeimpften sich gründet. In das Deutsche übersetzt von Franz 

Xaver von Wessenbers;. Wien 1775. 



1) Junckers Arch. II. S. 230. 



14*2 Behandlung u. Bekämpfung d. Pocken im 17. u. 18. Jahrh. 

B. L. Tralles, De methodo medendi variolis hactenus cognita saepe 
insufficiente magno pro inoculatione argumenta. Yratislaviae 1761. 

Th. Christan, Beiträge zur Geschichte und Behandlung der natür- 
lichen Pocken. Wien 1781. 

Bernhard Christoph Faust, Versuch über die Pflicht der Menschen, 
jeden Blatternkranken von der Gemeinschaft der Gesunden abzu- 
sondern. Bückeburg 1794. 

H. Böing, Neue Untersuchungen zur Pocken- und Impf frage. Berlin 
1898. 

Crookshank, History and pathology of vaccination. London 1889. 

B ehrend, Ueber Yariolation. Ein historischer Pvückblick bei Gelegen- 
heit der Hundertjahrfeier der Entdeckung Edward Jen n er 's. 
Deutsche med. Wochenschr. 1896. S. 307. 

J. Kirkpatrick, Erläuterung der Einpfropfung, welche die Geschichte, 
Theorie und Ausübung derselben nebst bei Gelegenheit gemachten 
Beobachtungen von den merkwürdigsten Erscheinungen der Kinder- 
blattern in sich begreift. Aus dem Englichen von Heineken. 
Zelle und Leipzig 1756. 

A. J. Rechberger, Vollständige Geschichte der Einimpfung der Blat- 
tern in Wien nebst der besten Art, selbe vorzunehmen. Wien 1788. 

W. Baylies, Nachrichten über die Pocken-Inokulation zu Berlin. Aus 
dem Englischen von Krünitz. Dresden 1776. 

H. Wolff, Bemerkungen über die Blattern. Altana 1795. 

Von den bereits in den früheren Capiteln angegebenen Werken sind be- 
sonders benutzt die Bücher u.s.w. von Creighton, Boerhave, 
Violante, Juncker, Hufeland, Moore, Sarcone, Werl- 
hof, Wem her und der Report from the select committee on 
vaccination. 



Capitel VII. 

Die Entdeckung der Kuhpoekenimpfung. 



In der Zeit des pandemischen Auftretens der Blattern 
zeigte sich in manchen Gegenden eine eigenthümliche Krank- 
heit der Milchkühe. Am Euter, und zwar namentlich' an den 
Warzen und in ihrer unmittelbaren Umgebung, bildeten sich un- 
regelmässige Blasen von bleigrauer oder bläulicher Farbe 
auf geröthetem Grunde. Bei schonender Behandlung und bei 
Anwendung adstringirender Mittel, wie Salben von Zink- oder 
Kupfervitriol, trockneten diese Blasen in einigen Tagen ein: 
wurden sie jedoch beim Melken gerieben, der Verunreinigung 
ausgesetzt oder auf andere Weise gereizt, so platzten sie und 
hinterliessen Geschwüre, die erst nach einiger Zeit heilten. 
Das Allgemeinbefinden der Thiere war wenig gestört, die 
Milchabsonderung litt meist unerheblich: aber die Krankheit 
verbreitete sich, wenn einmal in eine Molkerei eingeschleppt, 
schnell auf alle Milchkühe und ging auch auf die Melker 
und Melkerinnen über. Die Bläschen bildeten sich bei diesen 
vornehmlich an den beim Melken gebrauchten Fingern, aber 
auch an anderen Körperstellen, welche mit diesen Fingern 
berührt waren, und hatten, wenn die erkrankten Theile nicht 
geschont wurden, vielfach leichte oder ernstere, zum Theil 
rosenähnliche oder phlegmonöse Entzündungen im Gefolge. 

Dass es sich um keine gewöhnliche, durch die Reizung 
der Warzen beim Melken entstandene Entzündung handelte, 
wie noch in neuester Zeit von Creighton und Crookshank 
behauptet wird, sondern dass eine specifische Erkrankung 
vorlag, ergab sich aus der stets bedeutenden Ansteckungs- 
fähigkeit, dem regelmässigen Verlauf und der charakte- 



144 Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 

ristischen Form der Blasen. Die Aehnlichkeit mit den Pusteln 
der Menschen blättern war so auffallend, dass der Volksmund 
der Krankheit den Namen Kuhpocken beilegte. Von den 
Thierärzten wurde die Krankheit, in der man nur eine schnell 
vorübergehende Gesundheitsstörung des Milchviehs sah, kaum 
beachtet. Auch die medicinische Wissenschaft scheint lange 
Zeit kein besonderes Interesse daran genommen haben. Erst 
die Beziehungen zwischen den Kuh- und Menschen pocken 
verschafften jener Thierkrankbeit ernstere Beachtung. 

Ob die Krankheil mit der von einigen Schriftstellern des 17. und 
18. Jahrhunderts, wieLancisi, Ramazzini und Sauvages, unter 
der Bezeichnung Pestis bovina und Lues vaccarum beschriebenen Thier- 
seuche identisch ist, erscheint nach der Darstellung jener Autoren, 
welche sich auf eine schwere Krankheit der Rinder bezieht, sehr zweifel- 
haft. Eine zutreffende Schilderung der Kuhpocken soll in einer im 
Jahre 1713 zu London erschienenen Abhandlang eines deutschen Stu- 
denten Salger: „De lue vaccarum" enthalten sein. 

In verschiedenen Ländern wurde seitens der Land- 
bevölkerung wahrgenommen, dass Personen, welche an den 
Kuhpocken gelitten hatten, beim Auftreten von Pocken- 
epidemien von der Ansteckung verschont blieben. In den 
allgemeinen Unterhaltungen von Göttingen von 1769 be- 
zeichnete der Amtmann Jobst Böse diese Schutzkraft der 
Kuhpocken als eine von vielen achtbaren Personen behaup- 
tete Thatsache. r ) In Holstein verwendete ein Pächter 



1) Herr Professor v. Esmarch in Göttingen war so freundlich, mil- 
den Wortlaut der Sätze aus den in der Göttinger Universitätsbibliothek 
vorhandenen ., Allgemeinen Unterhaltungen vom Jahre 1769" mitzu- 
i heilen. Sie finden sich im 39. Stück vom 24. Mai unter dem Titel: 
,,Von der Seuche unter den Kindern: über Stellen aus dem Livio" und 
lauten: ,,Ich werde an die hier zu Lande nicht unbekannten Kuhpocken 
denken, die für die Milchdirnen noch heutigen Tages ansteckend sind 

Im Vorbeigehen muss ich doch sagen, dass hier zu Lande, 

die die Kuhpocken gehabt haben, sich gänzlich schmeicheln, vor aller 
Ansteckung von unseren gewöhnlichen Blattern gesichert zusein, wie ich 
elbst, wenn ich mich genau nach dieser Sache erkundigte, mehrmalen 
von gar reputirlichen Personen ihresMittels gehört habe." Der Aufsatz. 
aus dessen Texi hevorgeht, dass der Verfasser ein ,, vieljähriger Kaus- 
". in 1 ii ist, ist nur mii der Abbildung einer Krone unter- 

zeichnet. 



Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 145 

Jensen auf Bockhorst 1 ) und ein Schullehrer Plett bei Kiel 
bereits im Jahre 1791 den Inhalt von Kuhpocken zu 
Impfungen. (AVendt.) Die von Plett geimpften 3 Kinder 
blieben im Jahre 1794 gelegentlich einer Pockeuepidemie 
allein unter ihren Geschwistern gesund; aber die Impfung 
hatte bei dem einen Kinde eine heftige Entzündung des 
Armes nach sich gezogen, weil als Impfstelle der hierfür 
sehr wenig geeignete Zwischenraum zwischen den Rückseiten 
des Daumens und Zeigefingers gewählt worden war. Nach 
dieser Erfahrung wurden die Impfversuche dort wieder ein- 
gestellt. 

Auch in Südfrankreich war damals die Schutzkraft der 
Kuhpocken schon bekannt; der protestantische Geistliche zu 
Montpellier, Rabaut-Pommier, soll im Jahre 1781 brieflich 
die künstliche Verimpfung der Krankheit einem Freunde 
Jenners, Dr. Pew, mitgetheilt haben. (Husson.) 

Die Aufmerksamkeit der Aerzte erregte das Verhältniss der 
Kuhpocken zu den echten Pocken, soweit bekannt, zuerst in 
England, wo die erstere Krankheit namentlich in der Grafschaft 
Gloucestcrshire häufig vorkam. Fewster, ein Mitarbeiter 
Sutton's, erstattete schon im Jahre 1765 der medicinischen 
Gesellschaft in London darüber Bericht, legte indessen selbst 
später wenig Werth auf seine Wahrnehmungen, obwohl er 
in einem Aerzteverein zu Alveston oft mit Jen n er zusammen- 
kam und dessen Interesse an den Kuhpocken kannte. Nach einer 
späteren Aeusserung des Arztes Rolph in Gloucestershire war 
es dort keinem erfahrenen Arzt unbekannt, dass die Inokulation 
bei Personen, welche die Kuhpocken überstanden hatten, in 
der Regel misslang. Aehnliche Angaben finden sich in den 
hinterlassen en Aufzeichnungen des im Jahre 1785 verstorbenen 
Arztes Nash, der bereits den Gedanken einer Impfung mit 
Kuhpocken erwogen hatte. 2 ) Im Inokulationshospital zu London 



1) Das Nähere hierüber enthält ein Bericht des Arztes Hell wag 
in Eutin, der aus Bd. III des nordischen Archiv's für Natur- u. Arznei- 
wissenschaft (v. Pfaff u. Scheel) in den Annalen der Knhpocken- 
impfung (Wien 1802) abgedruckt ist. 

2) Die in der Litteratur vielfach erwähnte Angabe, dass Nash 
selbst mit Kuhpocken geimpft habe, beruht auf einer Verwechselung. 
Bei Nash 's Imptungen handelte es sich lediglich um Inokulationen. 

Ktibler. Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. in 



146 Entdeckung der Kubpockenimpfung. 

hatte Dr. Archer ungefähr um die gleiche Zeit einer Frau, 
welche sich jene Krankeit beim Melken zugezogen hatte, ver- 
suchsweise ohne Erfolg die ächten Blattern eingeimpft. Aehn- 
Jiche Beobachtungen wurden später von Pulteney, Downe, 
Bragge, Tucker und Barry, zum Theil durch Pearson's 
Vermittlung, zur allgemeinen Kenntniss gebracht, als die 
aufsehenerregende Veröffentlichung Jenner's über die Kuh- 
pocken erschienen war. Es wurde dabei unter anderem be- 
hauptet, dass hier und da schon früher Versuche mit der 
Einimpfung jener Krankheit im Volke stattgefunden hätten; 
in Irland soll sich nach ßarry's Erzählung ein Gärtner die 
Kuhpocken in die Haut eingerieben haben. Gut bezeugt ist 
der Impfversuch des Pächters Jesty in Yetminster, einem 
Dorfe der Grafschaft Dorsetshire. Jesty hatte im Jahre 1774, 
als die Pocken in seiner Heimath herrschten, seiner Frau am 
Unterarm und seinen beiden Söhnen am Oberarm die Kuh- 
pocken künstlich eingeimpft. Alle 3 blieben von den ächten 
Pocken 'verschont und wurden fünfzehn Jahre später, einer 
der Söhne sogar nochmals nach weiteren 16 Jahren, erfolg- 
los mit ächten Pocken inokulirt; aber Frau Jesty erlitt in- 
folge der Impfung eine ernste Entzündung des Arms, was 
bei den übrigen Bauern einen derartigen Eindruck hinterliess, 
dass ein benachbarter Wundarzt, der weitere Versuche mit 
der Kuhpockenimpfung anregte, in Gefahr kam, seine Praxis 
zu verlieren. Jesty, ein biederer, aber durchaus ungebildeter 
Bauer, kam auch auf seine Impfung erst wieder zurück, 
als Jenner's Ruf in sein Dorf gedrungen war. In der Hoff- 
nung, eine öffentliche Belohnung zu erlangen, wandte er sich 
durch Vermittelung eines Geistlichen an die Jenner-Gesell- 
schaft, deren Vorstand damals zu Jenner in einem gewissen 
Gegensatz stand, erlangte aber nur eine Einladung nach London 
und eine ehrenvolle Aufnahme in jener Gesellschaft. Er 
wurde auch in London porträtirt und beschenkt und lebte 
noch bis IS 16 in VVorth Matravers bei Swanage. Die In- 
schrift auf seinem Grabstein verzeichnet die nicht ganz den 
Thatsachen entsprechende Angabc, er sei (\or erste gewesen, 
welcher die Kuhpockenimpfung „eingeführt" habe. 

V.uch in jüngster Zeit hat man, um das Vordienst 

Jenner's, der vor seinen Veröffentlichungen nichts von 

Jcstj gewussl hat, zu verkleinern, diesen Bauern als den 

ntlichen Entdecker der Schutzpockenimpfung hinzustellen 

sucht. Welcher Nutzen damit erreicht worden soll, isl 



Entdeckung der Kuhpockeuimpfung. 1-17 

oicht verständlich. Es giebt wohl wenige Erfindungen oder 
Entdeckungen von einiger Bedeutung-, nach deren Bekannt- 
werden nicht eine Anzahl Personen mit Prioritätsansprüchen 
aufgetreten wäre, weil sie schon früher die gleichen Beobachtun- 
gen gemacht oder den Arbeiten des Entdeckers nahe gestanden 
zu haben behaupteten. Was die Kuhpockenimpfung betrifft, so 
sind die hier, erwähnten Beobachtungen und Versuche, welche 
erst in späterer Zeit mühsam gesammelt wurden, sämmtlich 
ohne weitere Folgen geblieben. Gleich den Personen, von 
denen sie unternommen wurden, ging auch Jenner ursprüng- 
lich von den Volksüberlieferungen aus. Während aber jene 
dabei stehen blieben, ihre Gedanken aufzuzeichnen oder einen 
einmaligen Versuch zu unternehmen, verschaffte sich Jenner 
durch ein gründliches und langdauerndes Studium die Ueber- 
zeugung von der Thatsächlichkeit des Impfschutzes und von 
der Unschädlichkeit der Impfung. Ein klarer Verstand und 
ein fester Charakter Messen ihn das dadurch gegebene Ziel 
bestimmt erfassen und ruhig aber sicher verfolgen. Unbe- 
irrt durch Zweifel und spätere Anfeindungen Anderer ging 
er seinen Weg, um der Pockenseuche Halt zu gebieten und 
dadurch allen Völkern eine grosse Wohlthat zu erweisen. 
Deshalb nennen wir Jenner den Entdecker der Schutz- 
pockenimpfung. 

Edward Jenner war der Sohn eines Geistlichen; auch 
seine Mutter stammte aus einer Pastorenfamilie. Seine bei- 
den Brüder widmeten sich ebenfalls jenem Berufe. Die 
Familie war durch Landbesitz vermögend und schon seit 
langer Zeit zu Berkeley in der Grafschaft Gloucestershire 
ansässig. Hier wurde Jenner am 17. Mai 1749 geboren. 
Seine Erziehung leitete nach dem schon im Jahre 1754 er- 
folgten Tode des Vaters sein ältester Bruder. Im Alter von 
8 Jahren kam er in die Schule zu Wotton-under-Edge, wo 
unter der Führung des Geistlichen Washbourn in Cirencester 
sein Sinn für das klassische Alterthum, aber zugleich auch 
seine naturwissenschaftliche Beobachtungsgabe geweckt wurde! 
Er zeigte namentlich ein lebhaftes Interesse für die in der 
Umgebung von Cirencester häufig zu findenden Versteinerungen. 
Im Alter von 14 Jahren kam er nach dem damaligen Brauch 
zu dein Wundarzt Lud low zu Sodbury bei Bristol in die 
Lehre; 6 Jahre später wurde er ein Hausgenosse des be- 
rühmten John Hunter in London. Die Leitung und Unter- 
weisung durch diesen hervorragenden Forscher, welcher da- 
to- 



148 



Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 
Abbildung 6. 




Edward Jenner. 

X . i • • I i i i i Besitze der Mcdicinischen Gesellschafl zu Plj ath 

befindlichen Gemälde von X or1 bcc-1 e. 



Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 145) 

mals im Alter von 42 Jahren stand und als Chirurg am 
St. Georges Hospital wirkte, war für Jenner's wissenschaft- 
liche Entwicklung von entscheidendem Einfluss. Er lernte 
hier beobachten, prüfen und urtheilen und schloss sich eng 
an seinen Lehrer an, mit welchem er auch später einen sehr 
freundschaftlichen Briefwechsel unterhielt. Im Jahre 1771 wurde 
Jen n er mit der Ordnung der durch Cook von seiner ersten 
Entdeckungsreise mitgebrachten Sammlung beauftragt. Er- 
zeigte dabei ein so vorzügliches Verständniss und präpara- 
torisches Geschick, dass ihm nahegelegt wurde, als natur- 
wissenschaftliches Mitglied in die zweite Expedition einzu- 
treten. Jenner lehnte jedoch diesen Ruf und mehrere an- 
dere ehrenvolle Anträge ab, um sich vom Jahre 1773 als 
Arzt in Berkeley niederzulassen. Was ihn dorthin zog und 
dort festhielt, auch als man ihn in die Ostindien-Compagnie 
berufen wollte und ihm später eine Professur in einer neu zu 
gründenden Hochschule für Naturwissenschaften in London an- 
bot, war neben der Liebe zu seinem ältesten Bruder hauptsäch- 
lich die Freude am Landleben. Er besass einen lebhaften 
Sinn für Naturschönheit und verband damit einen ausser- 
ordentlich scharfen Blick für das Thier- und Pflanzenleben. 
Neben seiner ausgedehnten Praxis, zu welcher er gleich zu 
Anfang durch die geschickt ausgeführte Operation einer ein- 
geklemmten Hernie den Grund gelegt hatte, fand er doch 
noch Zeit, um eine werthvolle naturwissenschaftliche Samm- 
lung anzulegen und fern vom Getriebe der Hauptstadt in der 
Stille mancherlei Vorgänge in. der Natur zu erforschen. 
Mehrere seiner Aufzeichnungen wurden von Hunter beifällig 
beurtbeilt und dem Druck übergeben, namentlich Arbeiten 
über den Winterschlaf des Igels und eine Abhandlung über 
die Naturgeschichte des Kuckucks, welche am 13. März 1788 
in der Royal society zur Verlesung kam und Jen n er ein 
höchst anerkennendes Schreiben des berühmten Naturforschers 
Blumen b ach und die Mitgliedschaft jener hochangesehenen 
Gesellschaft eintrug; die Arbeit erschien noch in demselben 
Jahr in den Philosophical transactions. 

Jenner liebte die Geselligkeit und unterhielt mit seinen 
Kollegen und anderen gebildeten Persönlichkeiten in seiner 
Umgebung einen lebhaften Verkehr. Seine Freunde be- 
wunderten seine umfassende Bildung und sein klares Urtheil; 
seine Unterhaltung 'wurde so sehr geschätzt, dass er auf 
seinen weiten Ritten in die Praxis häufig Begleiter fand. 



150 Entdeckung der Kuhpookeninipfung. 

Besonders anziehend war an Jenner seine künstlerische Be- 
gabung. Er trieb gern Musik, spielte Violine und Flöte und 
hat eine Anzahl Gedichte hinterlassen, welche sich durch 
poetische Empfindung, wohllautende Sprache und abgerundete 
Formen auszeichnen, namentlich auch viele schöne, der 
Natur entnommene Bilder und Gleichnisse enthalten. 
Aeusserlich wohlgebildet, von geistvollen Zügen und freund- 
lichem Gesichtsausdruck erschien Jenner stets sorgfältig 
gekleidet; bei aller Offenheit und Herzlichkeit seines 
Wesens beobachtete er tadellose Formen im Verkehr. In 
seiner Familie zeigte er einen regen verwandtschaftlichen 
Sinn; er war ein guter Sohn und Bruder, ein treuer Berather 
und Helfer seiner entfernteren Verwandten und, nachdem er 
im März 1788 Miss Catharina Kingscote, die Tochter einer 
angesehenen Familie, geheirathet hatte, ein musterhafter Gatte 
und Vater. 

Das hier kurz entworfene Bild der Persönlichkeit 
Jenner's gründet sich nicht nur auf die persönliche Auf- 
fassung seines Biographen Baron, dessen Darstellung man 
neuerdings als gefärbt hat verdächtigen wollen, sondern es 
ergiebt sich aus zahlreichen erhalten gebliebenen Zeugnissen von 
Freunden und Bekannten aus der Zeit seiner ärztlichen Wirk- 
samkeit in Berkeley und aus seinen eigenen Aufzeichnungen 
und Briefen. Der Mann, welcher zur Einführung der Schutz- 
pockenimpfung ausersehen war, stand hoch über dem inoku- 
lator Fewster und dem Bauer Jesty. Kein roher Empiriker, 
der um Goldeslohn oder aus Eitelkeit die Wahrnehmungen 
anderer sich zu eigen machte und als Wunderarzt verbreitete, 
sondern ein mit der Gabe des Forschers und Entdeckers be- 
gnadeter und hochgebildeter Mann der Wissenschaft und ärzt- 
licher Menschenfreund erwarb den Ruhm, der Welt das Mittel 
übergeben zu haben, durch welches der Pockennoth seines 
Zeitalters ein Ende gemacht werden konnte. 

Neben den allgemeinen naturwissenschaftlichen Studien 
vernachlässigte Jcnner seinen ärztlichen Beruf nicht. Kr 
beschränkte seine Wirksamkeit jedoch nicht allein auf dir. 
Ausübung der Heilkunst, sondern suchte mit dem Blick des 
Forsehers tiefer in das Wesen und die Ursachen der Krank- 
heiten einzudringen. Namentlich Interessirten ihn die Herz- 
krankheiten; seine Beobachtungen über die Angina- pectoris 
sind in ein Buch seines damaligen Freundes Parry über- 
angen: später hal Jenner diese Krankheil au seinem 



Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 151 

Lehrer H unter zu seinem Schmerze als erster der diesem 
befreundeten Aerztc entstehen und sich entwickeln gesellen. 
Glaubwürdig ist bezeugt, dass er vollkommen selbständig den 
Zusammenhang zwischen Gelenkrheumatismus und Herzer- 
krankung richtig erkannt hat. Sehr eingehend beschäftigte er 
sich ferner mit cystischen Geschwülsten. In einem von ihm 
gegründeten Aerzte-Verein zu Rodborough gaben seine Vorträge 
und Aufsätze reichen Stoff für eine anregende Diskussion. r j 

Im Jahre 1792 erhielt Jenner eine besondere An- 
erkennung seiner Leistungen, indem er von der St. Andreas- 
Universität zum Doktor der Physik ernannt wurde. 

Jenner's Interesse an den Blattern wurde bereits in 
seiner Kindheit geweckt. Kurz bevor er in die Schule kam. 
war er im Alter von 8 Jahren inokulirt worden. Die Vor- 
bereitung mit „Blutentziehungen bis das Blut dünn war; mit 
Abführmitteln, bis der Körper zum Skelett wurde, und mit 
einer Hungerkur bei fleischloser Kost, um mager zu bleiben 2 )", 
dann die Krankheit selbst, welche nicht leicht verlief, machten 
einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er sich schon damals 
vornahm, keine Gelegenheit zum Studium der Pocken vorüber- 
gehen zu lassen. Als er später in Sodbury ausgebildet wurde, 
hörte er von einer jungen Bäuerin, die ärztlichen Rath begehrt 
hatte, dass sie sich vor den Blattern nicht fürchte, weil sie 
die Kuhpocken durchgemacht hätte. Jenner hat diese 
Aeusserung, durch welche ihm zum ersten Mal der im Land- 
volk verbreitete Glauben an die Schutzkraft der Kuhpocken 
zu Ohren kam, nicht wieder vergessen und ist seit jenem 
Tage mit immer wachsendem Eifer bemüht gewesen, die 
Wahrheit jener Annahme zu ergründen. Er selbst hat später 
erzählt, dass er schon als Schüler Hunter's seinem Lehrer 
seine Gedanken mitgetheilt habe; vermuthlich ist er von 



\) Jenner nannte diesen Verein scherzweise Medico-Convivial 
„Aerztliche Gesellschaft" im Gegensatz zu der anderen, bereits erwähnt cm 
Vereinigung in Alveston, welche er ihrer geringeren wissenschaftlichen 
Bestrebungen wegen nur unter dem Namen Convivio-Medical „Gesell- 
schaft von Aerzten" gelten lassen wollte. Diese Gesellschaft von 
Aerzten, welche bis zum Jahre 1789 bestanden hat, zeigte auch kein 
Verständniss für Jenner's Beobachtungen über die Kuhpocken, son- 
dern drohte ihm mit dem Ausschluss, wenn er fortführe, sie mit einer 
so aussichtslosen Sache zu ermüden. 

2) Jenner's eigene Worte. 



152 Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 

diesem auf den Weg des Versuchs gewiesen worden. In 
seinem spcäteren Wirkungskreise konnte er sich oft davon 
überzeugen, dass nach vorausgegangenen Kuhpocken weder 
die Inokulation haftete, noch eine natürliche Blattern- 
erkrankung entstand. Aber seine Berufsgenossen, mit denen 
er seine Beobachtungen durchsprach, führten Fälle an, in 
denen der Schutz versagt hatte, und neigten der Annahme 
zu, dass in Jenner's Beispielen eine angeborene, natürliche 
und nicht eine erworbene, den Kuhpocken zu verdankende 
Immunität vorgelegen hätte. So sah sich Jenner dem ersten 
und bedeutendsten Einwand gegenüber, dessen Beseitigung 
erst nach seinem Tode gelingen sollte. Er selbst liess sich 
nicht beirren ; zu zahlreich und zu sicher waren seine Beob- 
achtungen, als dass er an eine Selbsttäuschung glauben 
konnte; daher festigte sich seine Ueberzeugung, dass nicht 
er, sondern die andern irrten. Er hatte gesehen, wie ein 
Wundarzt zur Inokulation verdorbenen und in Fäulniss über- 
gegangenen Pockenstoff verwendete und damit eine Phlegmone 
aber keine Blatternerkrankung erzeugte. Konnten die an- 
geblich beobachteten Kuhpockenerkrankungen nicht auch nur 
entzündliche Prozesse gewesen sein, verursacht durch unreinen 
oder in nicht wirksamem Zustande an die Hände der Melker 
gelangten Pustelinhalt? Konnten nicht auch entzündliche 
Vorgänge am Euter der Kuh, welche mit den Kuhpocken 
nichts gemein hatten, mit dieser Krankheit verwechselt 
worden sein? 

Um solche Irrthümer ausschliessen zu können, suchte 
Jenner das Bild der Krankheit bestimmter zu umgrenzen; 
er konnte auf die durchaus charakteristische Form der 
Bläschen hinweisen, bemühte sich aber darüber hinaus, auch 
eine besondere, anderen Entzündungen nicht zukommende Ur- 
sache der Kuhpocken zu ermitteln. Dabei wurde seine Auf- 
merksamkeit durch ähnliche bläschenförmige Ausschläge er- 
regt, welche zuweilen an der Fcsselbcugc der Pferde vorkamen 
und im Volksmund als „grease" (deutsch „Mauke") be- 
kannt waren. Er beobachtete das Auftreten der Kuhpocken 
wiederhol! auf Gütern und Bauernhöfen, unter deren Pferde- 
bestand die grease sich bemerkbar gemacht halle, zumal 
dann, wenn die Pferdeknechte zum Melken herangezogen 
wurden. Hieraus folgerte er, dass die ächten Kuhpocken 
ihren Ursprung in der grease hallen und sah die Ahslai ung 

dieser Pferdekrankheil als ein wesentliches diagnostisches 



Entdeckung der Kuhpoclcenimpfung. 153 

Erforderniss an. Er verkannte die Verwandtschaft beider 
Krankheiten mit den ächten menschlichen Pocken nicht und 
vermuthete, dass alle drei Vorgänge ursprünglich von einer 
gemeinsamen Infektion ausgegangen seien; aber zu dem 
Sehluss, dass die Pferde- und Kuhpocken beide Abkömm- 
linge der Menschenpocken seien, gelangte er nicht, weil er 
in jener Zeit, als die Blattern und Inokulationen zu den ge- 
wöhnlichen Vorkommnissen gehörten, nicht Gelegenheit hatte, 
das Verschwinden der Thierpocken beim Aufhören der 
Blatternepidemien zu beobachten. 

Die Mauketheorie ist später lebhaft bekämpft worden, 
aber Jenner schöpfte daraus neue Kraft, um die Thatsache 
des Kuhpockenschutzes festzuhalten und praktisch zu ver- 
werthen. Seine volle Ueberzeugung von der Bedeutung seiner 
Wahrnehmungen hat er schon im Jahre 1780 seinem Freunde 
Gardner auf einem gemeinsamen Spazierritt ausgesprochen. 
Jm Jahre 1787 eröffnete er seinem Neffen Georg Jenner 
seine Gedanken über die Beziehungen zwischen Pferde- und 
Kuhpocken. In den folgenden Jahren wurden seine Beob- 
achtungen und Schlussfolgerungen theils von ihm persönlich, 
theils durch Vermittelung von Freunden auch einigen an- 
gesehenen Aerzten in London mitgetheilt, von denen der 
Chirurg Cline, ein Studienfreund Jcnner's sich im Jahre 
1796 brieflich in ermunterndem Sinne äusserte, während der 
durch seinen Pockentilgungsplan bekannte Haygarth 1 ) vor 
einer vorzeitigen und nicht genügend begründeten Veröffent- 
lichung warnte. 

Dieser Warnung bedurfte es bei Jenner nicht. Erst 
nach einer mehr als 20jährigen Zeit der Beobachtung und 
Prüfung hielt er den Augenblick für gekommen, um den ent- 
scheidenden Versuch der künstlichen Uebertragung der Kuh- 
pocken am Menschen zu wagen. „Ich wählte," so schreibt 
er selbst, „einen gesunden, etwa 8 Jahre alten Knaben" 
(Namens James Phipps) „zur Impfung der Kuhpocken. Der 
Impfstoff wurde von einer Pustel an der Hand einer Melkerin" 
(Sarah Nelines), „welche von ihres Herrn Kühen angesteckt 
war, entnommen und mittelst zweier oberflächlicher, kaum 
die Lederhaut verletzender, je etwa l j 2 Zoll langer Ein- 
schnitte in den Arm des Knaben übertragen. Am 7. Tage 
klagte dieser über ein unbehagliches Gefühl in der Achsel- 



1) Verffl. S. 131, Anmerlt. 



154 



Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 



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•§ 3 



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Entdeckung der Kulipoclcenimpfung. 155 

höhle und am 9. fror er ein wenig, verlor seinen Appetit 
und hatte etwas Kopfweh. Wahrend des ganzen Tages war 
er sichtlich unwohl und verbrachte die Nacht einigermaassen 
unruhig; aber am folgenden Tage befand er sich völlig wohl. 
Das Aussehen der Schnitte war in ihrer Entwicklung bis zum 
Reifezustand ganz das nämliche, als ob es in ähnlicher Weise 
durch Blatternstoff verursacht worden wäre. Der einzige 
Unterschied, den ich wahrnehmen konnte, betraf den Zustand 
der unter der Wirkung des Virus sich bildenden durchsichtigen 
Flüssigkeit, welche eine etwas dunklere Farbe annahm, und 
die Art der sich um die Schnitte ausbreitenden Ent- 
zündung (efflorescence), welche mehr rosenähnlich erschien, 
als wir gewöhnlich wahrnehmen, wenn Blatternstoff in gleicher 
Weise verwendet wird: aber das Ganze verschwand (unter 
Zurücklassung von Schorfen und dann folgenden Krusten auf 
den Impfstellen), ohne mir oder meinem Kranken die min- 
deste Unruhe zu verursachen. 

Um festzustellen, ob der Knabe nach einer so gering- 
fügigen Erkrankung des Organismus unter dem Kuhpocken- 
virus gegen die Ansteckung mit Pocken geschützt sei, wurde 
er am 1. Juli darauf mit frisch aus einer Pustel entnommenem 
Blatternstoff inokulirt. Auf seinen beiden Armen wurden 
einige leichte Stiche und Einschnitte gemacht, und der Stoff 
sorgfältig eingebracht: aber es folgte keine Erkrankung. An 
den Armen waren die gleichen Erscheinungen zu beobachten, 
welche wir gewöhnlich sehen, wenn ein Patient nach über- 
standenen Kuhpocken oder wirklichen Pocken Blatternstoff 
verwendet hat. 1 ) Einige Monate später wurde er wieder mit 
Blatternstoff inokulirt: aber es wurde damit keine merkliche 
Wirkung auf die Konstitution hervorgebracht." 

Aus Mangel an wirksamem Impfstoff konnte Jenn ei- 
serne Impfversuche erst im Frühjahr 1798 fortsetzen. Sie 
gelangen durchaus nach Wunsch; auch wurde das Bestehen 
des Impfschutzes in mehreren Fällen durch erfolglose Inoku- 
lation nachgewiesen. Creighton's Angabe, Jenner habe 
nur in 2 Fällen die Inokulationsprobe angeschlossen, ist nicht 
zutreffend; ebensowenig stichhaltig ist die Unterstellung, das.s 
der geringe Erfolg der Inokulationen bei den Versuchspersonen 
auf der Methode beruht und sich von den Ergebnissen der 



1) Von Jen am- an anderem Orte als stechende Empfindung der 

Impfstelle und Rötlie der Umgebung bezeichnet. 



156 Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 

gemilderten Einpfropfungsart Sutton's nicht unterschieden 
habe. Jenner führt in seiner ersten Veröffentlichung Fälle 
an, in denen die Inokulation bei früher an Kuhpocken er- 
krankten Personen erfolglos blieb, bei anderen gleichzeitig 
und auf dieselbe Weise behandelten Personen dagegen die 
künstlichen Blattern mit allgemeinen Ausschlägen hervor- 
brachte. 

Nach dem Versuche an James Phipps hatte Jenner 
seine Abhandlung über die Kuhpocken abgeschlossen und 
der Royal society in London vorgelegt, das Manuscript jedoch 
mit der Warnung zurückerhalten, den durch seine früheren 
Aufsätze erlangten wissenschaftlichen Ruf nicht durch eine 
solche Veröffentlichung zu gefährden. Nach dem günstigen 
Ausfall seiner weiteren Versuche gab er seine denkwürdige 
Arbeit selbst in Druck. Sie erschien Ende Juni 1798 unter 
dem seitdem berühmt gewordenen Titel: 

An Inquiry 
into 

The Causes and Effects 

of 

The VarioJae Vaccinae, 

A Disease 

Discovered In Sorae Of The Western Counties Of England, 

Par ti cularl y 

Gloucestershire, 

And Known By The Name Of 

The Cow Pox. 



By Edward Jenner, M. D. F. R. S. &c. 



Quid Nobis Certius Ipsis 
Sensibus Esse Botest, Quo Vera Ac Falsa Notemus 

Lucretius 



London. 

Printed For The Authoi 

By Sampson Low, No. 7 Berwick Street, Soho: 

VndSoldB) Law. Ave-Marin Dane: Arid Murray And Highley, FleetStreet. 

1798. 



Entdeckung- der Kuhpockenimpfung. 15 < 

Jenner beginnt nach einer an Dr.Parry in Batb, einem Mitglied e 
•der Aerztevereinignng in Rodborough, gerichteten Widmung und einigen 
einleitenden Sätzen mit einer Beschreibung der Pferdepocken und 
schliesst daran eine kurze aber sehr klare Schilderung der Kuhpocken 
und der Symptome, welche diese nach zufälliger Uebertragung beim 
Menschen hervorbringen. Er hebt das Ausbleiben allgemeiner Haut- 
ausschläge besonders hervor, nur einmal habe er einige wenige Erup- 
tionen beobachtet, welche aber bald verschwanden, ohne zur Blattern- 
form zu reifen. Die örtlichen Impfpusteln schildert er genau so, wie sie 
noch jetzt nach jeder Impfung bei Kindern beobachtet werden; die zur 
Veranschaulichung beigegebenen Abbildungen sind mustergültig. Er 
erwähnt dann kurz die volksthümliche Annahme des Kuhpockenschutzes 
und lässt ohne weitere Erörterungen 12 eigene Beobachtungen folgen, 
in denen Personen, welche die Kuhpocken, aber niemals die ächten 
Blattern durchgemacht hatten, sich unempfänglich für die Pocken 
zeigten, sei es, dass die Ansteckung durch Inokulation oder auf natür- 
lichem Wege versucht worden war. Er erwähnt in einer Anmerkung- 
ausdrücklich, dass er absichtlich mehrere Fälle ausgewählt habe, in 
welchen die Kuhpocken lange Zeit vor der Inokulation oder der ge- 
botenen Gelegenheit zur natürlichen Infektion mit Blattern durchgemacht 
worden waren. Ferner betont er, dass er bei der Inokulation sehr wirk- 
samen Impfstoff verwendet habe (Fall III). Zugleich wird die Beobach- 
tung verzeichnet, dass vorausgegangene ächte Pocken eine spätere Kuh- 
pockeninfektion nicht ausschliessen, aber sichtlich mildern (Fall VII), 
und dass die Kuhpockeninfektion selbst mehrmals im Leben erfolgreich 
sein kann (Fall IX). Die Beobachtungen XIII bis XV beziehen sich auf 
Uebertragungen derPferdepocken auf den Menschen; in den beiden ersten 
Fällen zeigten sich die betroffenen Personen einige Jahre später der 
Inokulation gegenüber widerstandsfähig, aber im Fall XV verhinderten 
die Pferdepocken bei einem Pächter 20 Jahre später eine natürliche 
Pockenerkrankung nicht, die freilich einen aussergewöhnlich milden 
Verlauf nahm. 

Fall XVI betrifft die Melkerin Sarah Xelmes, bei welcher die Kuh- 
pocken sich an einer vorher zufällig von einem Dorn geritzten Stelle 
des Handrückens zwischen Daumen und Zeigefinger und am Handgelenk 
entwickelt hatten. In Fall XVII folgt die bereits wörtlich wiedergegebene 
Schilderung der Impfung des Knaben James Phipps. Daran schliessen 
sich 5 weitere Beobachtungen über Impfungen, die zum Theil an 
mehreren Personen zugleich ausgeführt wurden; so im Fall XXII, welcher 
den Bericht über 3 erfolgreiche und eine erfolglose Impfung enthält. 
Die letztere war an Jenner's eigenem Sohn Robert vorgenommen worden. 
Als dieser später gelegentlich einer Pockenepidemie der Ansteckung?- 



158 Entdeckung der Kuhpocken impfung. 

gefahr ausgesetzt war, wurde er von seinem Vater inokulirt. Der Be- 
weggrund hierfür war durch den Fehlerfolg der Pockenimpfung gegeben 
und beruhte keineswegs in einemMisstrauen Jenner's gegen den Schutz - 
werth einer erfolgreichen Impfung, wie ihm von seinen Gegnern unter- 
gelegt worden ist. 

Im Anschluss an die Mittheilung seiner persönlichen Beobachtungen 
erörtert Jenn er seine Theorie von dem Ursprung der Kuhpocken aus der 
grease; er warnt vor Verwechselungen mit falschen Kuhpocken und vor 
unrichtiger Beurth eil ung von Erkrankungen nach der Impfung oder Ueber- 
tragung verdorbenen oder nicht specifisch wirksamen Kuhpockenstoffs. 
Bezüglich der Ausführung der Impfung empfiehlt er dringend die An- 
legung oberflächlicher Hautverletzungen; er beruft sich auf die Gefahr 
tiefer Schnittführung bei der Inokulation und spricht die Vermuthung 
aus, dass der wirksame Pockenstoff von der Haut geliefert wird, da die 
Inokulation mit dem der Ader entnommenen Blut von Blatternkranken 
nicht von Erfolg sei. Schliesslich fasst er seine Schlussfolgerungen 
dahin zusammen, dass die Impfung der t Kuhpocken der Inokulation vor- 
zuziehen sei. weil sie bei dem Impfling eine besondere Vorbereitung 
nicht erfordert und eine nur kurz dauernde, leichte und gefahrlose Er- 
krankung erzeugt, die Personen seiner Umgebung der Ansteckung nicht 
aussetzt und gleichwohl einen nicht geringeren Schutz gegen das Er- 
kranken an Blattern gewährt, als die Einpfropfung ächten Blattern- 
stoffs. Der letzte Absatz lautet: „So weit bin ich in einer Untersuchung 
fortgeschritten, die, wie einleuchten muss, auf die Basis des Experiments 
gegründet ist. bei der indessen gelegentlich auch Vermuthungen (con- 
jeeture) zugelassen wurden, um den zu solchen Erörterungen befähigten 
Personen den Anhalt (objeets) zu einer genaueren Prüfung (investigation) 
darzubieten. Inzwischen werde ich selbst fortfahren, diese Untersuchung 
zu verfolgen, ermuthigt durch die Hoffnung, dass sie für viele eine 
wesentliche Wohlthat werden wird". 

Die wenig ansehnliche, nur 75 Seiten enthaltende Druck- 
schrift sollte eine Bewegung hervorrufen, welche keinen Arzt 
der daraaligenZeit unberührt liess und in die weitesten Schichten 
der Bevölkerung übergriff. Aber anfangs schien es, als ob durch 
jene Mit i bedungen nicht einmal bei den Acrzten in London, 
für die sie niedergeschrieben waren, ein tieferes Interesse 
erregi weden könnte. Des Druckes seiner Arbeil wegen war 
Jenner Ende April LT98 nach der Hauptstadt gekommen: 
als er am l L. Juli wieder abreiste, hatte er nicht eine einzige 
neue [rapfung zu verzeichnen. Niemand war zu dem Versuch 
bercil gewesen. Ersl nach der Rückkehr in seinen Wohnorl 



Entdeckung der luihpuekenimpfung. 151) 

Berkeley erhielt er die ersehnte Bestätigung seiner Beobach- 
tungen durch einen von seinem Freunde Olinc ausgeführten 
Versuch. Mit dem von Jenner hinterlassend! Stoff hatte 
Cline einen Knaben, dessen Hüftgelenk erkrankt war, die 
Haut über dem Gelenk geimpft, um durch das entsprechende 
Geschwür nach Art einer Fontanelle eine Ableitung zu be- 
wirken. Am 2. August schrieb er an Jenner: 

„Der Kuhpockenversuch ist bewunderungswürdig gelungen. Das 
Kind erkrankte am 7. Tag; und das nur massige Fieber legte sich am 
11. Tage. Die Entzündung dehnte sich dann 4 Zoll im Durchmesser 
aus und Hess dann allmählich nach, ohne dass Schmerzen oder anderes 
Unbehagen dabei auftraten. Das Geschwür war nicht gross genug, um 
einer Erbse Raum zu bieten; daher habe ich es nicht geöffnet, wie ich 
ursprünglich beabsichtigte. Seitdem habe ich den Knaben an 3 Stellen 
mit Pockenstoff inokulirt; es entstanden lediglich leichte Entzündungen 
am 3. Tage, welche dann zurückgingen. 

Dr. Lister, der früher Arzt am Pockenliospital war, behandelte 
das Kind mit mir zusammen und ist überzeugt, dass es nicht möglich 
ist, ihm die Pocken zu übertragen. 

Meiner Ansicht nach verspricht der Ersatz der Pocken durch das 
Kuhpockengift eine der grössten Verbesserungen zu werden, welche 
jemals in der Heilkunst gemacht sind; denn er ist nicht nur an sich 
gefahrlos, sondern gefährdet auch andere Personen nicht durch die An- 
steckung, mittelst welcher die Pocken unendliches Unglück angerichtet 
haben. Je mehr ich über den Gegenstand nachdenke, um so mehr er- 
halte ich den Eindruck seiner Bedeutung 1 '. 

Leider musste es zunächst bei diesem einen Versuch 
bleiben. Als Cline eine Woche später 3 andere Kinder 
impfte, stellte sich heraus, dass der ihm übergebene Stoff 
unwirksam geworden war. Die Abimpfung von dem ersten, 
erfolgreich vaccinirten Knaben hatte er versäumt. Jenner 
vermochte für den Augenblick keinen neuen Stoff zu be- 
schaffen, so sehr es ihm daran liegen musste, den von Cline 
und auf die Kunde von dessen erfolgreichem Versuch auch 
von anderen Aerzten ausgesprochenen Wünschen zu ent- 
sprechen. Auch lehnte er den Vorschlag, sich in London 
als Impfarzt niederzulassen, ab, obwohl Cline glaubte, ihm 
eine Jahresein nähme von 10000 Pfund Sterling (200000 M.) 
garantiren zu können. „Soll ich, der ich am Morgen meiner 
Tage die bescheidenen und abgelegenen Lebenspfade, das 
Thal und nicht den Berg suchte, jetzt, wo mein Lebens- 



160 Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 

abend sich nähert, nach Reichthum und Ruhm haschen?", 
so antwortete er auf die Einladung. Er fügte hinzu, dass er 
sich der seiner wartenden Kämpfe wohl bewusst sei. Er 
sah voraus, dass man bei der Nachprüfung der A^ersuche 
seine Vorschriften nicht beachten und auf Grund irrthümlicher 
Beobachtungen seine Schlussfolgerungen angreifen würde. 

In der That Hessen solche Anfechtungen nicht lange auf 
sich warten. Bereits im Oktober erhielt Jenner von seinem 
einst zur Einführung der Inokulation nach Wien berufenen 
Landsmann Ingenhousz die briefliche Mittheilung, dass 
nach seinen Ermittelungen Fälle von wirklichen Pocken bei 
Personen beobachtet worden seien, welche früher die Kuh- 
pocken überstanden hätten. Jenner gab in seiner Antwort 
dem Zweifel Ausdruck, dass die vorausgegangene Krankheit 
wirklich die Kuhpocken gewesen seien, vermochte Ingen- 
housz jedoch nicht von der entgegengesetzten Ansicht abzu- 
bringen. Bei dem Vermittelungsversuch eines Freundes 
äusserte jener sich zwar sehr anerkennend über Jenner's 
Fähigkeiten und Leistungen, warnte jedoch vor vorzeitigen 
weiteren Veröffentlichungen. Auch von anderer Seite wurden 
abfällige Urtheile laut, die geeignet waren, Jenner's wissen- 
schaftlichen Ruf zu erschüttern und der Fortsetzung der 
Impfversuche Abbruch zu thun. Die Notwendigkeit, neues 
ßeweismaterial für die Theorie des Kuhpockenschutzes zu 
sammeln, wurde immer dringender. Glücklicherweise fand 
Jenner Ende November wieder einige Fälle von Kuhpocken, 
welche ihm frischen Impfstoff lieferten. 

Aber schon fast gleichzeitig erhielt seine Sache eine 
kräftige Stütze durch eine Abhandlung des Arztes am Londoner 
Pockenhospital George Pcarson: „An inquiry concerning 
the history of the cowpox." Pcarson hatte Jenner's Ver- 
öffentlichung mit lebhaftem Interesse aufgenommen; seine 
weitreichenden Verbindungen im Lande ermöglichten ihm , 
Erkundigungen über die Kuhpocken einzuziehen, wobei sich 
ergab, dass die Krankheit an vielen Orten bekannt war, und 
<Jass die Inokulationen an Personen, welche sie durchgemacht 
hatten, erfolglos blieben. Mit seinem Kollegen Woodville 
hatte Pearson solchen Inokulationsversuchen selbst bei- 
gewohnt und das Ausbleiben der l'ockcnerkrankung bestätigen 
können. Mit Wärme und voller Anerkennung trat er daher 
für Jenner ein. „Vielleichl mag es recht sein," so schreib! 
er, ..zu erklären, dass ich nicht die entfernteste Erwartung 



Kntdeckung' der KuhpocKoninipfung. 161 

liege, im geringsten an der Ehre der Entdeckung der That- 
sachen thcilnehmen zu dürfen. Diese Ehre gebührt mit 
vollem Recht ausschliesslich Dr. Jenner; und ich würde 
nicht ein Lorbeerreis aus dem Kranz reissen wollen, welches 
seine Stirn e ziert." 

Leider gerieth die Sache der Impfung bald darauf gerade 
durch Pearson und Woodville, ihre eifrigsten Förderei', in 
ernste Gefahr, und es entwickelte sich daraus ein betrübender 
Gegensatz zwischen Jenner und jenen Aerzten, welche bei 
ihrem Vorgehen von wissenschaftlichem Eifer erfüllt waren, 
aber der zur Fortsetzung der wichtigen Untersuchungen not- 
wendigen Urteilsfähigkeit und Umsicht entbehrten. Ende 
Januar 1799 war Woodville das Auftreten von Kuhpocken 
in dem Viehstande eines Besitzers zu London gemeldet 
worden; er impfte am 21. Januar einige Personen unmittelbar 
von der Kuh und einige Tage später andere von Kuhpocken, 
welche sich bei den Melkerinnen gebildet hatten. Der Ver- 
lauf entsprach bei den ersten beiden Fällen Jen n er 's 
Schilderung; auch war die unmittelbar angeschlossene Inoku- 
lation erfolglos. Im dritten Falle entstand ausserdem ein 
pustulöser, von Woodville nicht genau beschriebener Haut- 
ausschlag, nachdem sich in der Nähe der Impfstelle Neben- 
pocken entwickelt hatten. Vom fünften Falle an hatte 
Woodville die Inokulation vorgenommen, bevor die Kuh- 
pockenblattern sich gebildet hatten, ein Schutz also noch 
nicht eingetreten war. Auch fanden seine Beobachtungen im 
Pockenhospital statt. Unter diesen Umständen konnten 
wesentliche Abweichungen des Impfverlaufs nicht ausbleiben. 
In zahlreichen Fällen entstanden Blatternausschläge, die 
zweifellos von den theils inokulirten, theils durch natür- 
liche Ansteckung erworbenen ächten Blattern herrührten, von 
Woodville aber den Kuhpocken zugeschrieben wurden. 
Bei seinen Weiterimpfungen entnahm er das Material keines- 
wegs nur den Impf blättern, sondern auch den sonst am 
Körper zerstreuten Pusteln, was natürlich nur einer Inokulation 
der ächten Blattern entsprach. Schliesslich kam er zu der 
Ansicht, dass Jen n er' s Angabe von einer lediglich örtlichen 
Wirkung der Kuhpocken nicht zuträfe. 

Jenner war über Woodville's erste Mittheilungen sehr 
erfreut gewesen und zeigte sich befremdet, als er von dem eigen- 
tümlichen Verlauf der Impfversuche hörte. Er gab bald in einem 
Briefe seinem Verdacht Ausdruck, dass die Londoner Kuhpocken 

Kubier, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. 11 



162 Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 

in irgend einer Weise mit ächten Pocken vermischt sein 
müssten. Wenngleich Woodville wegen des überwiegend 
milden Verlaufs seiner Fälle an dem Werth der Kuhpocken 
festhielt, so lag bei seiner Versuchsanordnung für Jen n er 
Grund zu ernsten Besorgnissen für die Zukunft der Kuh- 
pockenimpfung vor, zumal Pearson und Woodville den 
von ihnen gesammelten nicht einwan eisfreien Impfstoff inner- 
halb Englands und auch nach dem Auslande versandten. 
Eine Probe, welche Jenner selbst Anfangs März erhielt, 
scheint aus reinem Kuhpockenstoff bestanden zu haben; denn 
die damit geimpften 12 Personen bekamen nur örtliche Impf- 
blattern. 

Jen n er hielt nunmehr den Zeitpunkt für gekommen, um 
mit einer neuen Veröffentlichung hervorzutreten. Sie erschien 
am 5. April 1799 unter dem Titel: „Further observation.s 
on the variolae vaccinae." 

Anknüpfend an die Mittheilungen von Ingenhousz erörtert 
Jenner nochmals eingehend seine Theorie von den ächten und 
falschen Kuhpocken; nur Erkrankungen, welche von der ersteren 
Affektion herrühren, können gegen diePocken schützen. Er geht sogar noch 
weiter und stellt unter Anführung von eigenen und fremden Beobach- 
tungen den Satz auf, dass eine Kuhpockenansteckung erst dann einen 
schützenden Erfolg haben könne, wenn neben den Impfpusteln auch 
eine örtliche Entzündung und eine fieberhafte Störung des Allgemein- 
befindens einträte; nur dann sei Sicherheit vorhanden, dass die zum 
Schutze gegen die Blattern erforderliche Reaktion des Körpers zustande 
gekommen sei. 

Weiterhin vertheidigt er seine Annahme von der ursächlichen Be- 
deutung der Pferdepocken. 

Bei Erwähnung einiger neuer, von ihm mit Erfolg vollzogener 
Impfungen führt er Fälle an, in welchen die Entzündungserschei- 
nungen unerwünscht heftig waren. Er kommt dabei zu dem in dem 
späteren Streit über die Impfschädigungen für die Anhänger der Impfung 
maassgebend gebliebenen Satz, dass solche Nebenerscheinungen 
„nichl von der ersten Wirkung des Virus auf die Konsti- 
tution herrühren, sondern oft als eine Secundärkrankheü 
hinzutreten, wenn die Pustel nichl mit der nöthigen Sorg- 
fall behandelt wird (if the pustule is Lefl to chance)." 

K- i'uim-n Mittlieilungen über den Verlauf der Inokulation bei 
Vaccinirten, aus denen hei vorgeht, dass Jenn er selbst das Auftreten eini r 
örtlichen Pustel an der [nokulationsstellc lieobachtei und deren Pähig- 
keil zur Uebertragnng wirklicher Blattern nachgewiesen hat, diesen 



Entdeckung der ICuhpockenimpfung. L63 

übrigens nicht gewöhnlichen Fall aber dennoch nicht als erfolgreiche 
Inokulation rechnete, weil eine Allgemeinerkrankung ausblieb. Im 
übrigen giebt er zu, dass die Möglichkeit einer Pockenerkrankung nach 
den Kuhnocken ebensowenig wie nach den wirklichen Pocken gänzlich 
ausgeschlossen sei. aber doch immer nur zu den seltenen Ausnahmen 
gehören würde. 

Zum Beweise für den Schutzwcrth der Kuhpocken beruft er sich 
ferner auf eine Anzahl ihm von anderer Seite mitgetheilter Beobachtun- 
gen, namentlich auf die Berichte mehrerer Militärärzte, welche bei 
den Inokulationen in ihren Regimentern Fehlerfolge hatten, wenn die 
betreffenden Mannschaften früher mit Kuhpocken auf natürlichem Wege 
angesteckt gewesen waren. Auch berichtet er mehrere neue Fälle aus 
der eigenen Praxis, in denen der Schutzwerth der Kuhpocken durch die 
Inokulationsprobe erwiesen wurde, sowie einen ähnlichen Fall aus 
der Praxis seines Neffen Henry Jenner, welcher die sehr leicht 
verlaufene. Impfung eines Säuglings unmittelbar nach der Geburt betraf. 
Das Auftreten allgemeiner Blattern nach der Kuh pocken- 
impfung bestreitet Jenner im Gegensatz zu Woodville's Beob- 
achtungen auf Grund seiner eigenen Erfahrung. Im Schlussabsatz, wie 
auch in dem an Dr. Parry in Bath gerichteten Vorwort giebt er der, 
Hoffnung Ausdruck, dass die Nachprüfung seiner Untersuchungen mit 
der Ruhe und Mässigung vorgenommen werden möge, welche stets phi- 
losophische Forschungen begleiten sollten. 

Bald nach dieser neuen Veröffentlichung Jenner's er- 
schienen Woodville's „Berichte über eine Reihe von 
Impfungen mit Variolavaccine oder Kuhpocken, nebst Be- 
merkungen und Beobachtungen über diese Krankheit, als 
Substitut der Kinderpocken betrachtet." Woodville bestritt 
lebhaft die Pferdepockentheorie Jenner's, trat jedoch für 
den Schutzwerth der Kuhpocken ein, deren Verlauf beim 
Menschen er freilich weniger harmlos als Jenner schilderte. 
Er berichtete sogar über einen Todesfall bei einem Säugling, 
der indess nach der gegebenen Beschreibung — es ent- 
standen 80 bis 100 Pusteln — zweifellos durch eine Er- 
krankung an ächten Pocken und nicht durch Kuhpocken 
verursacht war, und verzeichnete die Häufigkeit allgemeiner 
Blatternausschläge nach der Vaccination. 

Jenner klärte in einer neuen Schrift „A continuation 
of facts and observations relative to the variolae vaccinae or 
cowpox," gestützt auf eigene Erfahrungen und zahlreiche, 
inzwischen von anderen Acrzten gesammelte Beobachtungen, 

11* 



1 (3-4 Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 

Woodville's Irrthum auf und hatte die Genugthuung, dass 
dieser sowohl wie Pearson bald die von ihnen beobachteten 
allgemeinen Ausschläge selbst auf Ansteckung mit ächten 
Pocken während der Impfversuche zurückführen mussten. 

Uebrigens war der Eindruck der Mittheilungen Woodville's 
nicht ungünstig. Das in zahlreichen Fällen bestätigte Fehl- 
schlagen der nach den Impflingen vollzogenen Inokulationen 
wurde nicht als Folge jener Blatternansteckungen angesehen, 
sondern dem Schutze durch die Kuhpockenerkrankungen zu- 
geschrieben. Jenner's Sache fand immer mehr Anhänger, 
unter denen sich besonders der Generalinspekteur der 
Militärlazarethe Knight durch sein Wirken für die 
Impfung hervorthat. Auf Anregung des Arztes Ring ver- 
öffentlichten 33 angesehene Aerzte, darunter Baillies, Cline, 
Cooper, Lettsom, Willan, Pearson und Moore, sowie 
40 Chirurgen eine Erklärung zu Gunsten der Kuhpocken- 
impfung. 

Auch ausserhalb der ärztlichen Kreise fand Jenner 
Beifall. Knight hatte schon im Sommer 1799 zwei Kinder 
des Herzogs von Clarence geimpft. Nicht lange darauf 
begannen sich mehrere Persönlichkeiten der Aristokratie leb- 
haft für die Vaccination zu interessiren , namentlich Lady 
Pevton, welche selbst Impfungen vornahm, Lord Berkeley 
und vor allem der Herzog von York, welcher schon im 
Beginn des Jahres 1800 die Einführung der Kuhpocken- 
impfung in der Armee anregte. Auf Veranlassung dieses 
Prinzen arbeitete .Jenner einen Plan zur Errichtung einer 
Anstalt in London aus, in welcher unentgeltliche Impfungen 
vorgenommen und ausreichende Mengen Impfstoff zur Ver- 
sendung in die Provinzen hergestellt werden sollten. Einem 
früheren Plane Pearson 's zur Errichtung eines Impfinstituts, 
in welchem ihm selbst die Leitung, Jenner dagegen die be- 
scheidene Rolle eines korrespondirenden Ehrenmitglieds zu- 
gedacht war, hatte letzterer seine Zustimmung versagt, worauf 
sieh die für das Unternehmen bereits gewonnenen hohen 
Protektoren zurückzogen. Am 1. März wurde Jenner vom 
Herzog von York, eine Woche später vom König selbst in 
Audienz empfangen, wobei er die zweite Ausgabe seiner 
[nquiry überreichen durfte. Im Juni desselben Jahres sprach 
sich die Fakultäl der Universität Oxford durch eine 
öffentliche Erklärung für die Impfung aus. Am 2. Juni L802 
bewilligte das Parlameni nach einer sehr eingehenden 



Entdeckung der Ituhpoekenimpfung. 165 

kommissarischen Prüfung Jenner auf eine von ihm ein- 
gereichte Petition eine Dotation von 10000 Pfund Sterling. *) 
Am 3. Februar 1803 konnte Jenner zum ersten Male einer 
Sitzung der unter dem Protektorat des Königspaares und der 
Herzöge von York, CJarenee und Cumberland gegründeten 
Royal Jennerian Institution präsidiren, welche seinem 
Plane gemäss eine Impfanstalt in London errichtete. 

In einer bereits im März 1801 veröffentlichten, wenige 
Seiten umfassenden Mittheilung „on the origin of the Vaccine 
iuoculation" hatte Jenner den Verlauf seiner Studien und die 
erreichten Erfolge kurz zusammengefasst. Er schloss nicht 
ohne Stolz mit den Worten: 

„Das Misstrauen und die Zweifel, welche natürlich auf 
meine erste Mittheilung einer so unerwarteten Entdeckung 
bei den Aerzten entstehen mussten, sind jetzt fast gänzlich 
verschwunden. Viele Hunderte von ihnen haben auf Grund 
thatsächlieher Erfahrungen bestätigt, dass die Kuhpocken- 
impfung einen vollkommenen Schutz gegen die Pocken ver- 
leiht; und ich übertreibe jedenfalls nicht, wenn ich sage, 
dass 'Pausende bereit sind, ihrem Beispiel zu folgen; denn 
die Verbreitung, welche diese Impfung genommen hat, ist 
unermesslich gross. Nach der geringsten Schätzung sind 
100000 Personen in diesem Reiche geimpft worden. Die 
Zahl derer, die in Europa und anderen Erdtheilen dieser 
Wohlthat theilhaftig geworden sind, ist nicht abzuschätzen: 
und nun zeigt es sich mit einer über jeden Streit erhabenen 
Deutlichkeit, dass die Ausrottung der Pocken, der furcht- 
barsten Geissei des Menschengeschlechts, das Endergebniss 
der Impfung sein muss." 



Litteratur. 

E. Jenner, An Inquiry into the causes and eflects of the variolae 
vaccinae. London 1798. 



1) Der Bescliluss wurde nur mit 3 Stimmen Mehrheit gefassl, weil 
die Minderheit eine höhere Summe hatte bewilligen wollen. Jn der vor- 
ausgegangenen Debatte war initgctheilt worden, dass Jenner durch 
seine Reisen, mehrfache längere Aufenthalte in London, Einbusse an 
Praxis und Kosten für die Verbreitung der Impfung Ausgaben im Be- 
trage von mindestens 6000 Lfd. St. entstanden seien. 



166 Entdeckung der Kuhpockenimpfung. 

Dieselbe Abhandlung, Neudruck, London 1896, in The practitioners 
library of medical classics, sowie bei Crookshank, Vol. II. 

Baron, The life of Edward Jenner. London 1838. 

Wen dt, Beiträge zur Geschichte der Menschenpocken, Kuhpocken und 
modificirten Menschenpocken im Dänischen Staate. Mit Zusätzen 
des Verfassers aus dem Dänischen übersetzt. Kopenhagen 1824. 

Dictionnaire des sciences medicales. Tom. 56 et 57. „Vaccina- 
tion" von Husson. ,,Variole'' von Monfalgon. Paris 1821. 

Klinger, Die Blatternepidemie des Jahres 1871 und die Impfung in 
Bayern. Nürnberg 1873. 

G. Pearson's 1 ) Untersuchung über die Geschichte der Kuhpocken in 
besonderer Hinsicht auf die Ausrottung der Kinderpocken. Aus 
dem Englischen übersetzt von J.Fr.Küttlinger. Nürnberg 1800. 

Woodville, Beschreibung einer Reihe von Kuhpockenimpfungen nebst 
Bemerkungen und Beobachtungen über diese Krankheit, als Sub- 
stitut der Kinderpocken betrachtet. Aus dem Englischen über- 
setzt und mit einigen Anmerkungen und einem Anhang begleitet 
von J. G. Friese. Breslau 1800. 

E. .Tenner, Fortgesetzte Beobachtungen über die Kuhpocken. Deutsch 
von Ballhorn. Hannover 1800. 

E. Jenner, Continuatio disquisitionis et observationum in variolas 
vaccinas. Ex Anglico in Latinum conversa ab Aloysio Careno. 
Wien 1801. 

E. Jenner u. Woodville, Observationes et facta variolarum vacci- 
narum inter se comparata. Latine ab Careno. Wien 1801. 

Paget, Edward Jenner. Zur 100jährigen Gedenkfeier. Deutsche med. 

Wochenschr. 1896. No. 20. S. 305. 
E. v. Leyden, Zur 100jährigen Gedenkfeier der Schutzpockenimpfimg 

durch Edward Jenner. Gedächtnissrede. Wiesbaden 1896. 
Von anderen, schon in den Literaturverzeichnissen der früheren Capitel 
erwähnten Werken wurden namentlich die Bücher von Creighton, 
Crookshank und Eimer benutzt. 



1) Von den liier mit. deutschen Titeln angeführten englischen 
Werken wurde auch der in Crookshank's Werk, Band [I, wörtlich 
abgedruckte englische Originaltext benutzt. Auch die „Continuatio" 
Jenner's findet sich dorl imUrtext 3 ferner die im Litteraturverzeichniss 
nicht erwähnte h'beil Jenner's: On the origin of the Vaccine inocu- 
lation. 



Capitel VIII. 

Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 



Die Bedeutung" wichtiger Entdeckungen wird nicht immer 
sogleich erkannt. Namentlich bedarf es bei Fortschritten 
auf wissenschaftlichem Gebiete oft einiger Zeit, bevor die 
praktische Anwendung Erfolge aufweist , welche ausser- 
halb der Fachkreise bemerkt und gewürdigt werden. Auch 
in der Geschichte der Pocken sahen wir Jahrzehnte vergehen, 
bis die Sydenham'sche Behandlung der Krankheit und das 
Inokulationsverfahren eine weitere Verbreitung erlangt hatten. 
Noch nach nahezu einem vollen Jahrhundert fehlte viel daran, 
dass wenigstens die gebildeten Volkschichten durchweg zu 
einem klaren Urtheil darüber gelangt wären. 

Anders wurden Jenner's Mittheilungen über den Schutz- 
werth der Kuhpocken aufgenommen. Fast einem Sturmwinde 
vergleichbar, der mit gewaltiger Schnelligkeit von Land zu 
Land fortschreitend an seinen Wirkungen von Jedermann ge- 
fühlt, und dessen Brausen auch in den wohl verschlossenen 
Räumen des festesten Hauses wahrgenommen wird, verbreitete 
sich die neue Kunde über alle Kulturvölker, dass ein ein- 
faches und gefahrloses Mittel gefunden sei, mit dessen Hilfe 
man die Blattern vermeiden, die Kinder vor Siechthum und 
Tod schützen, das Land vor dem Verlust zahlloser Menschen- 
leben bewahren könne. Grosse politische Umwälzungen er- 
schütterten damals die Welt. Hier Bewunderung, dorr Schrecken 
und Hass erzeugend glänzte der Stern Napoleon's. Im Innern 
durch Zwietracht zerrissen und von Feindschaft gegen einander 
erfüllt standen sich die Völker gegenüber. Aber so tief empfand 
man die Aussicht auf Erlösung von der Pockennofh, dass 



168 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

miB-i 

auch die geschichtlich ewig denkwürdigen Ereignisse jener 
Zeit das Erwachen eines allseitigen Interesses an den ersten 
Versuchen mit der Impfung nicht zu verhindern vermochten. 

Die Bewegung, welche durch Jenner's Arbeiten unter 
den zur Nachprüfung berufenen Angehörigen des ärztlichen 
Berufs verursacht wurde, gab sich in zahlreichen Veröffent- 
lichungen und Berichten kund. Die Büchersammlung der 
Kaiser Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungs- 
wesen zu Berlin besitzt nicht weniger als 89 Bücher und 
Abhandlungen über die Kuhpockenimpfung aus den Jahren 
1799 bis 1814, und diese bilden nur einen Theil der 
damaligen Litteratur. Das Generalregister zu den ersten 
40 Bänden von Hufeland 's „Journal der praktischen Arzney- 
kunde und Wundarzneykunst", dessen 6. Band im Jahre 1798 
erschienen war, enthält 20 Seiten mit den Stichworten Schutz- 
pocken und Schutzpockenimpfung: kein anderes Stichwort 
nimmt nur annähernd einen solchen Raum ein. 

Die Durchsicht dieser Litteratur ergiebt für alle Länder das 
gleiche Entwickelungsbild. Zunächst enthusiastisches Eintreten 
für die neue Entdeckung bei einzelnen Aerzten, heftiger, bis zum 
Fanatismus gesteigerter Widerspruch bei anderen, Zweifel, 
Bedenken und Zurückhaltung bei der Mehrheit. Dann ruhige 
Prüfung im Wege des Versuchs und Bestätigung der Gefahr- 
losigkeit der Impfung wie derThatsache des Impfschutzes. End- 
lich volle Anerkennung und schnelle Verbreitung derVaccination. 

Ol'i wirkten mit den Aerzten Angehörige anderer Berufe für die 
Verbreitung der Impfung. Namentlich Hessen viele Geistliche es sich 
angelegen sein, nicht nur durch Zuspruch und in ihren Predigten, son- 
dern auch mit der That die Aerzte zu unterstützen. In England ver- 
breitete der Geistliche Plump Ire eine Predigt im Druck, welche er im 
Jahre 1805 über den 48. Vers des 16. Kap. 4. Buchs Mose: „Und stund 
zwischen den Todten und Lebendigen. Da ward der Plage gewehret" 
gehalten hatte. Ein anderer Geistlicher, flow] and Hill, pflegte Sonn- 
tags nach der Predigt selbsl [mpfungen vorzunehmen. Mit besonderer 
Lebhaftigkeit trat der katholische Clerus in Frankreich für das neue 
Schutzmittel ein. Bei seiner Anwesenheit in Paris sprach sich der Papsl 
sehr günstig darüber aus. In Deutschland betheiligte sich die pro- 
antische Geistlichkeil ebenfalls frühzeitig an der [mpfung. 
Von dm Gegnern der Impfung ist nicht ganz mit (Jnrech! hierin 
eine Ungebühr erblicld wurden. Unserer gegenwärtigen Anschauung 
widerstreb! es, dass Fragen, welche das religiöse Gebiet nicht berühren, 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 169 

m die Predigten hineingezogen werden, und dass Personen, welche 
fremden Berufen angehören, ärztliche Handlungen vornehmen. Auch isl 
von mancherlei Missgriffen der Geistlichen in ihrer Thätiglteit für die 
Impfung berichtet: ihr Vorgehen forderte den Widerspruch anders- 
denkender Amtsbrüder heraus; in Cambridge predigte Ramsden gegen 
die Impfung, nicht ohne persönliche Angriffe auf Jenner zu vermeiden, 
so dass die englischen Geistlichen zum Aergerniss ihrer Gemeinden 
sich jenes Schutzmittels wegen offen auf der Kanzel befehdeten. 

Das Verhalten der damaligen Geistlichen wird verständlich, wenn 
man sich vergegenwärtigt, wie gerade sie in ihrem Berufe die Pocken- 
noth täglich vor Augen hatten und den Kummer in ihre Gemeinden ein- 
ziehen sahen. Schon Juncker hatte sich deshalb mit seinen Be- 
strebungen an die Seelsorger gewandt; musste es jetzt nicht den gläu- 
bigen Geistlichen wie eine Gebelserhörung erscheinen, dass ein wunder- 
bares Mittel gefunden sei, mit Hülfe dessen allem jenem Elend ein Ende 
gemacht werden könne? Sie waren es ja auch nicht allein, welche sich 
mit den Aerzten verbündeten. Alle, die durch Amt oder Lebensstellung 
zur Förderung der Volkswohlfahrt berufen waren — Gutsherrn, Beamte, 
die Angehörigen der gebildeten Stände überhaupt — machten sich um die 
Impfung verdient. Nicht zum Geringsten verdanken wir es dem persön- 
lichen Eintreten der damaligen Fürsten, dass das neue Schutzmittel sich 
schon nach wenigen Jahren der Fürsorge der staatlichen Organe erfreuen 
durfte. 

In den aus Englands einstigem Kolonialbesitz hervor- 
gegangenen Vereinigten Staaten von Amerika wurde die 
Aufmerksamkeit weiterer Kreise schon im Frühjahr 1799 durch 
einen Zeitungsartikel des Prof. Waterhouse in Cambridge 
(Massachusets) auf Jen n er 's Veröffentlichung gelenkt. Noch 
in demselben Jahre impfte Waterhouse 7 seiner Kinder mit 
Jenner'scher Lymphe, von denen 6 die Kuhpocken bekamen. 
Bei allen war die darauf vorgenommene Inokulation erfolg- 
los. Das Beispiel entfachte den Eifer anderer Aerzte. Der 
Erfolg war anfangs ungünstig, weil man in der Auswahl des 
Impfstoffes grobe Fehler beging; man verwandte Stoff von 
einem an ächten Pocken erkrankten Neger und Faden aus 
einem Hemdsärmel, der mit Eiter von einem nach den Kuh- 
pocken entstandenen Geschwür durchtränkt war. Aber als 
Waterhouse im Frühjahr 1801 von Jenner frischen Impf- 
stofferhalten und der hiervon erzeugte Stamm dem Präsident 
Jefferson selbst und dessen Schwiegersohn Stoff zu fast 200 
Impfungen in ihrer Familie und in ihrer Freundschaft geliefert 



170 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

hatte, war die Anerkennung des neuen Verfahrens gesichert. 
Im Juli 1802 erging an Jen n er ein Schreiben des neuen 
Präsidenten der Vereinigten Staaten Adams, in welchem ihm 
seine einstimmig erfolgte Wahl zum Mitgliede der Amerika- 
nischen Akademie für Kunst und Wissenschaften angezeigt 
wurde. 

In Frankreich waren die ersten Berichte über Jenner's 
Veröffentlichung während des Jahres 1799 von Odier in der 
.,Bibliotheque Britannique" und von Desoteux und Valentin 
in ihrem „Traite Historique et Pratique de l'Inoculation" ver- 
öffentlicht worden. Im folgenden Jahre begab sich eine Ab- 
ordnung des National-Instituts und der Universität Paris, 
bestehend aus Aubert und Pinel, zum Studium der Kuh- 
pockenimpfung nach England. Schon vor ihrer Rückkehr war 
mit Hilfe einer von de Larochefoucault Liancourt ver- 
anstalteten Subscription, an der sich auch der Minister des 
Innern Lucien Bonaparte betheiligte, im Mai 1800 durch 
ein nationales Impfcomite eine Impfstelle in Paris gegründet 
worden. ■ Einige Fehlimpfungen und Aubert's Bericht, 
welcher die allgemeinen Ausschläge nach Woodville's 
Impfungen verzeichnete, riefen Misstrauen gegen das neue 
Mittel hervor. Als indessen Woodville selbst nach Paris 
gekommen war, und de la Roque in Lyon eine französische 
Uebersetzung von Jenner 's Inquiry hatte erscheinen lassen, 
nahmen die Versuche ihren Fortgang. Im Jahre 1801 konnte 
eine von Thouret unterzeichnete Veröffentlichung des Impf- 
comites bereits 150 erfolgreiche Impfungen berichten, nach 
welchen die Inokulation negativ ausgefallen war. Nur in 
fünf Fällen war an der Inokulationsstelle ein kleines Ge- 
schwür entstanden, dessen eitriger Inhalt bei Fortimpfung 
ächte Blattern erzeugt hatte, womit zugleich der Beweis er- 
bracht war, dass das Fehlschlagen der Inokulation auf dem 
Impfschutz und nicht etwa auf der Verwendung ungeeigneten 
Pockenstoffes beruht hatte. Die Mittheilung wies auf 600 
ähnlich ausgefallene Impfversuche Odier's in Genf hin; die 
dort geimpften Kinder waren in einer heftigen Pockenepidemie 
der Ansteckung entgangen bis auf einige wenige, die erst im 
Fnkubationsstadiun] der Blattern, also nach bereits erfolgter 
[nfektion, yaccinirl worden waren. Mehrere öffentliche Er- 
klärungen der Aerzte Vaume und Götz, welche anter Be- 
rufung aul die letzteren Fälle und auf die bei einigen ln- 
okulationsproben beobachteten örtlichen Reizungen den Schutz- 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 171 

vverth der [mpfung in Abrede stellten, veranlassten Erwide- 
rungen des Comites und fanden in vielen Erfolgen dw 
Impfung ihre Widerlegung. Als in demselben Jahre in 
Rheims unter 700 Todesfällen bei Kindern allein 500 den 
Blattern zugeschrieben werden mussten, erklärten sich mehrere 
Aerzte der Stadt öffentlich bereit, unentgeltlich zu impfen. 
Sie verschafften sich frischen Impfstoff im Wege des Retro- 
vaccine Verfahrens, indem sie mit dem Inhalt der bei 
ihren Impfungen entstandenen Pusteln am Euter von Kühen 
frische Impfblattern erzeugten und von diesen wieder auf 
Menschen impften. Nach kurzer Zeit konnten sie über 200 
Impfversuche berichten; in 27 Fällen war die Inokulation an- 
geschlossen worden und erfolglos geblieben. Bald darauf 
wurde auch in S.t. Q.uentin und in fast allen Mairien von 
Paris den Unbemittelten die unentgeltliche Impfung gewährt; 
noch im Jahre 1801 konnte Colon 105 Städte anführen, in 
welchen die Vaccination bereits Verbreitung gefunden hatte. 
An Jenner erging unterm 16. Thermidor -des 9. Jahres der 
Republik ein von Coulomb, Cuvier und de Lambre unter- 
zeichnetes Schreiben des Nationalinstituts der Wissenschaften 
und Künste, zu dessen auswärtigem Mitgliede er später (1808) 
ernannt wurde. Im Jahre 1804 wurde nach den Vorschlägen 
des nationalen Impfinstituts im Ministerium des Innern eine 
Centralstelle (societe centrale etablie pour I'extinction de la 
petite veröle en France, par Ja propagation de la Vaccine) 
errichtet, an welche über die in Frankreich vollzogenen 
Impfungen berichtet werden musste. Im Jahre 1805 wurde die 
Vaccination aller Soldaten der Armee befohlen, welche 
die Blattern noch nicht durchgemacht hatten. Im Jahre 1811 
Hess Napoleon seinen Sohn, den König von Rom > mit 
Kuhpocken impfen. Dem Central comite wurden in den 
Jahren 1808—1811 nacheinander 368405, 269367, 364016 
und 712 151 Impfungen nachgewiesen, womit freilich dielmpfung 
sämmtlicher Kinder bei weitem noch nicht erreicht war. 
Denn im Jahre 1811 betrug die Zahl der Geburten in Frank- 
reich den Berichten jenes Comites zufolge 1410078. 

Aehnliche Fortschritte wie in Frankreich machte die 
Vaccination in den Nachbarländern. Aus Brüssel berichtete 
Fournier schon im Jahre 1801 über mehr als 400 von 
ihm selbst erfolgreich vollzogene Impfungen und über eine 
rege impft hätigkeit anderer Aerzte. In Antwerpen hatte 
Vrancken im Februar 1801 zu impfen begonnen. Sein 



172 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

Beispiel hatte schnell Nachahmung gefunden. Bis zum 
11. Mai betrug die Zahl der geimpften Kinder 300. Aehn- 
lich günstige Nachrichten waren Colon in demselben Jahre 
aus Holland zugegangen. Ungefähr gleichzeitig erschien 
in Harlem eine holländische Uebersetzung der „Inquiry" von 
Davids. 

In Spanien, wo einst die Inokulation nur wenig An- 
hänger gefunden hatte, zeigte sich bald ein lebhafter Eifer 
für die Impfung. Nach einigen glücklich ausgefallenen Ver- 
suchen des Arztes Francesco Piguilem in Puigcerda trat 
die Regierung energisch für die Verbreitung des Schutzmittels 
ein und sandte sogar mehrere Expeditionen aus, um die 
Impfung auch in den spanischen Kolonien einzuführen. Die 
Königliche Oekonomische Gesellschaft ernannte Jenncr zum 
Ehren mitgliede. 

Nach Italien wurde die Impfung zuerst durch den eng- 
lischen Arzt Mars hall gebracht: bald fand Jen n er dort 
zahlreiche Anhänger. Besonders machte sich Aloysio Sacco 
in Mailand um die Vaccination verdient; er fand im Jahre 
1801 unter den Rinderheerden der Lombardei natürliche 
Kuhpocken und konnte schon am 16. September an Jenner 
über 8000 mit dem gewonnenen Material vollzogene erfolg- 
reiche Impfungen berichten, von denen mehrere Hundert bei 
der Inokulationsprobe ihren Schutzwerth bewährt hatten. 
Sacco war einer der begeistertsten Anhänger Jenner's. 
In den 8 Jahren nach seiner ersten Impfung soll er nicht weniger 
als eine halbe Million Menschen geimpft haben (Kussmaul). 
Auch trat er schriftstellerisch lebhaft für die Impfung ein. 
Ausser ihm wirkten dafür in Italien Scarpa in Pavia, 
Flajani in Rom, Scasso in Genua, Moreschi in Venedig 
und viele andere Aerzte. 

Auch auf der Balkanhalbinscl fanden schon im Jahre 
1800 Versuche mit der Vaccination statt, welche in der 
Türkei namentlich durch den britischen Botschafter Lord 
Elgin, in Griechenland durch den Arzt Moreschi. in 
der .Moldau durch den Fürsten Mourousi, in der Wal- 
lache] durch den Fürsten Konstantin Ypsilant.i gefördert 
wurden. Lord Elgin versah auch die englischen Konsuln in 
Persien und Mesopotamien, sowie den Gouverneur von 
Bombay Sir Duncan mil Impfstoff, worauf namentlich in 
Indien und Ceylon viele [mpfungen vorgenommen wurden. 
I - i-i später behaupte! worden, dass die Kuhpockenimpfung 



Ausbreitung' und Erfolge der hnpfung. 17;> 

in .Indien schon von Alters her bekannt und in den Sanscrit- 
schriften erwähnt gewesen sei. Nach einer Mittheilung des Sir 
John Malcolm an Jenner' s Biograph Baron scheint diese 
Angabe darauf zu beruhen, dass einige englische Aerzte in 
Indien, um den Einwohnern die Impfung annehmbarer zu 
machen, diese angeblichen Sanscritschriften künstlich her- 
gestellt hatten. Im Anfang des 19. Jahrhunderts war jeden- 
falls die Vaccination der Bevölkerung Indiens, soweit bekannt, 
etwas ganz Neues. 

In Russland fanden die ersten Impfungen im Herbst 
1801 mit Impfstoff statt, den Dr. Friese ans Breslau nach 
Moskau gebracht hatte. Die verwittwete Kaiserin Marie 
wendete dem Verfahren ihr grösstes Interesse zu und gab 
dem ersten Kinde, das geimpft wurde, den Namen Vacci- 
nol! Der Erfolg war auch hier so günstig, dass Kaiser 
Alexander die Impfung bis in die entlegensten Theile seines 
Reiches verbreiten Jiess. Nach einer Angabe von Körb er's 
sind in den 10 Jahren von 1804—1814 in Russland 1 899260 
Personen geimpft worden (Casper). Kaiserin Marie sandte 
Jenner im Jahre 1802 einen Diamantring mit einem aner- 
kennenden Begleitschreiben. 

Ungefähr gleichzeitig wie in Russland begannen die Impf- 
versuche in Schweden. Prof. Munk af Rosenschiöld impfte 
in Lund am 23. Oktober 1801 ein Kind mit Erfolg. Bereits 
im nächsten Jahre konnte er in einer Druckschrift berichten, 
dass er selbst über 200 Personen geimpft und an 'mehr als 
80 Aerzte Lymphe abgegeben hatte. Inzwischen war auch 
in Stockholm die erste Impfung vorgenommen worden, 
worauf sich das Verfahren schnell im mittleren und nörd- 
lichen Schweden verbreitete. Auf ein vom Collegium medicum 
im Jahre 1802 zu Gunsten der Vaccination abgegebenes 
Gutachten wurden in den folgenden Jahren durch mehrere 
Königliche Briefe wirksame Maassregeln zur Förderung der 
Impfung angeordnet. Bis zum Mai 1805 waren dem Colle- 
gium medicum bereits 250000 Personen als geimpft an- 
gemeldet worden. Im Jahre 1810 Wurden eingehende Be- 
stimmungen über die Ausführung der Impfungen herausgegeben, 
und unterm 6. März 1816 erliess der König ein Reglement, 
welches den Impfzwang für Kinder unter 2 Jahren ein- 
führte. 1 ) 



1) Nähere Angaben über die Einführung der Impfung in Schweden 



174 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

In Norwegen wurde der Impfzwang schon im Jahre 
1811 vorgeschrieben. 

Die erste Impfung in Dänemark vollzog Prof. Win slow 
am 6. Juli 1801 mit von Jenner selbst übersandtem Impf- 
stoff. Er fand in den gebildeten Kreisen von Kopenhagen 
viel Interesse, in dem Divisionschirurg H erholdt, der schon 
vorher in Zeitschriften für die Impfung gewirkt hatte und 
bereits im Jahre 1801 erfolgreich Retrovaccine züchtete, einen 
eifrigen Mitarbeiter. Bis zum 28. September waren meh- 
rere Hundert Kinder geimpft. Es bildete sich ein Verein von 
34 Aerzten zur Verbreitung des Verfahrens, und im Ok- 
tober setzte der König eine Kommission zur Prüfung der 
Frage ein. Als im Spätherbst .eine Pockenepidemie ausbrach, 
bewährte sich bei den geimpften Kindern der Impfschutz so 
auffällig, dass das Vertrauen zu dem Vorbeugungsmittel er- 
heblich wuchs. Zahlreiche Fälle, in denen der Versuch einer 
Ansteckung geimpfter Personen mit künstlichen oder natür- 
lichen Pocken misslang, bestärkte die Aerzte und die Be- 
völkerung in ihrer Ueberzeugung zu Gunsten der Impfung. 
Die Zahlen der nachgewiesenen Impfungen in den folgenden 
Jahren seit 1802 (einschliesslich) betrugen 4610, 8726,6243, 
16679, 15991, 5357, 25421, 8012. Am 3. April 1810 er- 
ging eine Königliche Verordnung, welche einen mittelbaren 
Impfzwang einführte, insofern die Aufnahme in die Schulen, 
die Zulassung zur Konfirmation und die kirchliche Trauung nur 
nach Beibringung des Impfscheins bewilligt werden durften. 
Bei epidemischem Auftreten der Pocken waren Zwangs- 
impfungen vorgeschrieben. Beim Eintritt in das Heer sollten 
alle noch nicht geimpften oder geblätterten Rekruten vaccinirt 
werden. Eine ähnliche Verordnung wurde am 21. September 
1811 für Schleswig und Holstein erlassen. Die Zahl der 
Impfungen stieg in Dänemark im Jahre 1810 auf 32086; 
sie schwankte dann in den folgenden Jahren bis 1822 zwischen 
21 251" (1813) und 29321 (1822). 

Ein reger Eifer für die Impfung zeigte sich allenthalben 
in Deutschland und Oesterreich. In Wien impfte Careno 
schon im April 1799 4 Kinder mit Erfolg; im Mai verschaffte 



enthäll die Denkschrift des Kaiserlichen Gesundheitsamtes zu Berlin 
„Beiträge zur Beurtheilung des Nutzens der Schutzpocltenimpfung." 
S. 75 ir. Berlin L888. 



Ausbreitung und Erfolge der [inpfung. L75 

sich der Arzt de Carro Impfstoff von Pearson; er impfte 
damit mehrere Kinder, auch seine beiden Söhne, und bewies 
durch eine 3 Monate später vorgenommene Inokulationsprobe 
den eingetretenen Impfschutz, de Carro setzte später seine 
Versuche fort und konnte in seinem im Jahre 1802 veröffent- 
lichten Buche über die Impfung die Namen von 18 öster- 
reichischen Städten anführen, in welchen mit dem von ihm 
■übersandten Stoff zahlreiche weitere Impfungen stattgefunden 
hatten. Eine im 16. Kapitel des Buches zusammengestellte 
Liste wies 200 von ihm selbst vorgenommene Impfungen auf. 
Zur Versendung der Lymphe verwendete er Elfenbeinlanzetten, 
an welchen der Impfstoff angetrocknet wurde. Ausser Garen o, 
welcher Jenner's Werke übersetzte und in den Zeitschriften 
und Tagesblättern für die Impfung eintrat, und de Carro 
wirkten Ferro, Guldener von Lobes, Karger, von 
Portenschlag und viele andere Aerzte, ferner angesehene 
Persönlichkeiten, wie der Feldzeugmeister von Mack, Graf 
Apponyi und Graf von Salm für die Einführung der 
Vaecination. 

In Böhmen hatte Hofrath Meyer zu Prag nach einigen 
misslungenen Versuchen im Oktober 1799 eine erfolgreiche 
Impfung zu verzeichnen; aber erst im Jahre 1801 fand das 
Verfahren in weiteren Kreisen Beifall; in dem genannten 
Jahre wurden in Böhmen 1910, im folgenden 8180 Impfungen 
nachgewiesen. 

Ungefähr gleichzeitig mit de Carro 's Versuchen in Wien 
führten die Aerzte Stromeyer und Ballhorn, von denen der 
letztere auch Uebersetzungen der Abhandlungen von Jenner, 
Pearson und Woodville veröffentlichte, im Frühjahr 1799 
die Vaecination in Hannover ein; auch sie bewiesen den 
Impfschutz in zahlreichen Fällen durch die Inokulationsprobe. 
Im Beginn des Jahres 1801 berichteten sie im Magazin von 
Hannover über mehr als 2000 erfolgreiche Impfungen; sie 
konnten hinzufügen, dass die Geimpften in einer inzwischen 
ausgebrochenen Blatternepidemie auch bei absichtlich herbei- 
geführter Ansteckungsgefahr durch Zusammenbetten mit 
Pockenkranken und dergleichen gesund geblieben waren. 

Von Hannover kam die Impfung nach Göttingen, wo 
Prof. Oslander im Jahre 1801 seine viel erwähnte „aus- 
führliche Abhandlung über die Kuhpocken" herausgab. Neben 
ihm waren Wardenberg und Arnemann thätige Förderer 
der Impfung. 



176 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

In Hamburg und Altona wurden die ersten Impfungen 
im November 1800 durch den eingewanderten englischen 
Arzt Macdonald vollzogen; das Verschontbleiben der Impf- 
linge in einer Pockenepidemie trotz ihres Verkehrs mit den 
Kranken erregte die Aufmerksamkeit der Aerzte, welche nun 
zahlreiche Kinder vaccinirten. Im Juni 1801 bot eine „Ge- 
sellschaft der patriotischen Aerzte zu Hamburg" ihre Dienste 
zur unentgeltlichen Impfung der Kuhpocken und zur Be- 
streitung etwaiger Arzneikosten bei den Geimpften an. 

Lebhafte Erörterungen über die Impfung fanden in Frank- 
furt a. M. statt. Dort hatten die Aerzte am Senkenberg'- 
schen Institut Soemmering und Lehr mit von Stromeyer 
bezogenem Impfstoff Versuche angestellt, welche nach Wunsch 
verliefen. Indessen entwickelten die Aerzte Ehrmann. 
Joh. Val. Müller und Markus Herz eine lebhafte Agitation 
gegen das neue Mittel; namentlich schlug der erstgenannte 
Ehrraann dabei jenen unwürdigen Ton an, welcher leider 
bis in die neueste Zeit hinein eine Eigenthümlichkeit vieler 
impfgegnerischer Schriften geblieben ist. 

Das erste Heft in Ehrmann 's Schrift „Ueber den Kuhpocken- 
schwindel" beginnt mit den Sätzen: 

„Der Kuhpockenschwiudel ist eine neue Krankheit, die mit 
der Anglomanie in einiger Verwandtschaft steht, am nächsten an die 
Art Tollheit (Insania) grenzt, deren entfernte Ursache nach Home 
eine allzustarke und anhaltende Richtung des Geistes auf einen einzelnen 
Gegenstand ist, auch durch ausgetrocknetes Gehirn und durch die An- 
erbung entsteht. 

Nach dem Brownischen System kann der Kuhpockenschwindel 
entweder eine Krankheit von Stärke (sthenische) oder eine Krankheit 
von Schwäche (asthenische) sein u. s. w." 

Noch anstössiger sind die einleitenden Sätze des 2. Heftes 

..In meiner Jugend habe ich nie 

„Das Oech seiein und Eselein 
Die loben Gott den Herren fein" 
ohne Aergerniss mitgesungen. 

\l- JÜDgling musste ich manchen Ochsenstoss von meinem 
Leibe ab\i enden. 

.Ann bin ich im Alter mit den Kühen und meinen Kollegen 
geplagt". — 

Markus Herz verdanken wir die wenig geistreiche Bezeichnung 
.. I! in t ;i I i m h fu ne". 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 177 

Es gehörte Ueberwindung dazu, sich mit solchen Wider- 
sachern in einen Streit einzulassen. Sinn ine ring und Lehr 
verschmähten es indessen nicht, mehrfache Widerlegungen von 
unrichtigen, durch Ehrmann verbreiteten Nachrichten über 
Todesfälle nach der Impfung und Blatternerkrankungcn Ge- 
impfter zu veröffentlichen. Im April 1801 nahmen sie im 
Beisein von 13 angesehenen Aerzten an 14 vorher geimpften 
Kindern eine Anstecknngs- und Inoknlationsprobe vor, durch 
welche lediglich örtliche Pusteln an der Inokulationsstelle 
erzeug! wurden. Ihr Bericht über diese Versuche enthielt den 
Vorschlag, das Wort Vaccination als Impfung mit Schutz- 
blattern zu übersetzen, eine Bezeichnung, welche seitdem 
allgemein gebräuchlich geworden ist. Sie theilten am Schluss 
mit. dass durch den von ihnen abgegebenen Impfstoff in Frank- 
furt a. M. selbst und vielen anderen deutschen Städten in 
kaum 6 Monaten mehrere 1000 Personen gegen die Pocken 
geschützt worden seien. 

Unter den vielen Aerzten, welche sich in den ersten Jahren 
des 19. Jahrhunderts um die Einführung der Schutzimpfung 
in Deutschland verdient machten, seien noch erwähnt: Friese 
in Breslau, Hufeland in Jena, Marcus in Bamberg, Hessert 
in Giessen, Goldschmidt in Frankfurt a. M., Roller in 
Pforzheim, Schweikhard in Karlsruhe, Ecker in Freiburg 
i. B., Giel in München, Küttlinger in Erlangen, Jäger in 
Stuttgart, Hunold in Cassel, Faust in Bückeburg, Buchholz 
in Schwerin, Wiedemann in Braunschweig, Schmiedtgen 
in Leipzig, Reil in Halle a, S., Sachse in Parchim. 

Eine besonders warme Aufnahme fand die Vaccination in 
Berlin. Hier vollzog der Köm gl. Leibarzt Heim im Dezember 
1799 und im Februar 1800 bei 2 Töchtern und einem Sohn 
des Stahlfabrikanten Voigt die ersten Impfungen. Der 
Stoff stammte von Pearson und war durch die Prinzessin 
Friederike von Preussen, Gemahlin der Herzogs von York, 
an die Prinzessin Louise, Gemahlin des Prinzen ßadziwill, 
übersandt worden. Die Impfungen hafteten zunächst nur bei 
der jüngeren, nach der Wiederholung nur bei der älteren 
Tochter des Voigt; am 24. März wurden die jüngere Tochter 
und der Sohn inokulirt, worauf letzterer an künstlichen Blattern 
erkrankte, seine beiden vorher geimpften Schwestern jedoch 
trotz unausgesetzten Verkehrs mit ihm gesund blieben. Heim 
hatte von dem Kuhpockenschutz bereits viele Jahre 
vorher durch Erzählungen seines Vaters, eines Land- 

Kttbler, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. io 



178 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

predigers in Sachsen-Meiningen gehört und interessirte 
sich nun lebhaft für die Impfung. Aber in Ermangelung von 
Impfstoff kam es erst im Oktober 1800 zu einem neuen Ver- 
suche, welchen Leibarzt Brown mit frisch aus London be- 
zogener Lymphe an der Tochter des Banquier's Jouanne aus- 
führte. Durch Abimpfung von diesem Kinde auf andere wurde 
hinreichender Stoff gewonnen, so dass nun die Impfungen 
nicht mehr unterbrochen wurden. Zwar fehlte es auch in 
Berlin nicht an Aeusserungen des Zweifels gegen den Werth 
derVaccination; sie verstummten jedoch, als König Friedrich 
Wilhelm III. seinen jüngstgeborenen Prinzen impfen 
liess. Es war die erste Impfung in der engeren 
Familie eines regierenden Fürsten. 

Auf Anordnung des ersten Staatsministers und Chefs des 
Ober-Medicinalkollegiums Grafen von der Schulenburg- 
Kehnert wurde am 5. Dezember 1802 eine Impfstelle unter 
Leitung der Leibärzte und Geh. Räthe Hufeland und Forme y 
(von denen der letztere Garnisonarzt von Berlin war) eröffnet, 
in welcher Hofrath Bremer mit Unterstützung des Stadtwund- 
arztes und mehrerer vom Königlichen General- Chirurgus 
Goercke kommandirten Chirurgen aus der Königlichen Pepi- 
niere den Dienst versah. Die Anstalt sollte ursprünglich im 
Charite-Krankenhause eingerichtet werden, fand aber dann 
ihre Stätte in dem Friedriehs-Waisenhause an der jetzigen 
Waisenbrücke, weil man die Nähe der Kranken scheute und 
eine mehr in der Mitte der Stadt gelegene Oertlichkeit vor- 
zog. Die Impfungen fanden an jedem Sonntage statt. Den 
Eltern, welche die Abimpfung von ihren Kindern gestatteten, 
wurden Denkmünzen als Prämien überreicht. 1 ) 

Bremer hatte schon vor der Eröffnung der Anstalt 497 
Kinder geimpft; in den ersten 17 Monaten des Bestehens 
wurden durch die Ausfall seihst 1558 Impfungen vorgenom- 
men und 144.'] Lyinphseiidungen nach auswärts abgegeben, 
welche zu je 10 Impfungen genügten und hierdurch reich- 
lichen Stoff zu Weileriinpfungen lieferten. Bis zum 2. April 1804 
hatte Prof. Zenker in Berlin 1184, Geh. Rath II ei in 817 



li hie Prägung der Denkmünzen zeigte auf der vorderen Seile ein 
geimpftes Kind mil der Umschrift: „Eduard Jenner's wohlthätige Ent- 
deckung vom L4.Mai 1796", auf der Rückseite die Aufschrift: „Zum 
Andenken an erhaltenen and mitgetheilten Schutz gereichl \"n 
Dr. Bremer. Berlin 1803." 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung, 171* 

Kinder geimpft. Von Zenker wurden 296 Fäden mit Impf- 
stoff zu je 50 Impfungen versandt Insgesamnit berechne!. 
Bremer die Zahl der bis zu jenem Tage im Königreich 
Preussen vollzogenen Impfungen auf 100000, was annähernd 
einem Viertel der Geburtsziffer für den betreffenden Zeitraum 
entsprach. Die Zahl der in der Berliner Anstalt bis Ende 
1801, also innerhall) von 20 Jahren vorgenommenen Impfungen 
betrug nach Casper 33 780. 

Die Regierungen der grösseren deutschen Staaten 
versäumten nicht, der Schutzpockenimpfung ihre' Aufmerksam- 
keit zuzuwenden. Ueberall wurden die Medizinalbehörden ver- 
anlasst, das neue Mittel zu prüfen und nach günstigem Aus- 
fall dieser Prüfung seine Verbreitung zu fördern. In Bayern 
wurde der Impfzwang durch K. Verordnung vom 26. August 1807 
eingeführt; die Regierungen von Baden und Württemberg 
trafen ähnliche Anordnungen in den Jahren 1815 und 1818, 
nachdem in Württemberg die Impfung schon im Jahre 1803 
den Amtsärzten durch ein Reskript zur Pflicht gemacht und im 
Jahre 1814 durch Errichtung öffentlicher Impfanstalten und 
unentgeltliche Gewährung der Vaccination an die Kinder der 
Armen gefördert war. Auch in Kurhessen (1815), Nassau 
(1818) und Hannover (1821) wurde die einmalige Impfung 
der Kinder den Eltern gesetzlich zur Pflicht gemacht. In 
Preussen wurde von einem Zwangsgesetz abgesehen; doch 
erliess König Friedrich Wilhelm III am 31 /Oktober 1803 
ein Reglement, durch welches „die Beförderung der Schutz- 
blatternimpfung zu einem besonderen Augenmerk der Staats- 
verwaltung" gemacht wurde. Die Eingangssätze enthielten 
die Mittheilung, dass dem Königlichen Ober-Coll. med. et 
Sanitatis innerhalb Jahr und Tag von praktischen Aerzten und 
Regimentschirurgen 17 741 veranstaltete und sorgfältig be- 
obachtete Impfungen einberichtet und der Schutzwerth der 
Kuhpocken durch 8000 Ansteckungsversuche mit ächten 
Blattern bestätigt worden sei. in welcher Weise die Behörden 
des Landes auch in der Folge zur Verbreitung der Impfung 
angehalten wurden, und wie man hierbei auch die Hülfe von 
Geistlichen und Lehrern in Anspruch nahm, zeigen die in der 
Denkschrift des Kaiserlichen Gesundheitsamts zu Berlin 
..Beiträge zur Beurtheilung des Nutzens der Schutzpocken- 
impfung" S. 100 ff. zusammengestellten Verordnungen. 

Als ein Zeichen der Anerkennung für Personen, welche 
sieh um die Förderung der Impfung verdient machten, stiftete 

12* 



180 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 



der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- 
Angelegenheiten eine grosse silberne Medaille, deren eine Seite 
mit dem Bildniss des Königs geziert war, während die an- 
dere ein von Rauch 's Meisterhand entworfenes Relief zur 
Verherrlichung der Impfung trug. Diese Medaille ist noch 
in neuester Zeit mehrfach als Anerkennung für Verdienste 
um die Impfung verliehen worden. 

Abbilduno; 8. 




Medaille mit der Aufschrift: 
Dem Verdienste um die Schutzimpfung. 

Gestiftet im Beginn des 19. Jahrhunderts. 



Am 12. September 1801 richtete der berühmte Natur- 
forscher Blumenbach aus Göttingen an Jenncr für die Ucber- 
sendung der Inquirv einen Dankbrief, welcher mit den Worten 



1) An- dem Englischen bei 1 
\\ ortlanl des Briefes war mir nich 



Ja ro ii zurückübersetzt. Der deutsche 
i zugänglich. 



Ausbreitung- und Erfolge der Impfung. 181 

„Nehmen Sie meinen wärmsten und herzlichsten Dank 
für das sein' freundliche Geschenk jenes unsterblichen Wer- 
kes, mit welchem Sie einer der grössten Wohlthäter der 
Menschheit geworden sind: denn Ihre grosse Entdeckung ist 
bei weitem das wirksamste Gegenmittel für die Menschen- 
verluste, welche durch Kriege und ähnliche Ursachen der 
Vernichtung unserer Mitbrüder erzeugt werden." Mit noch 
grösserer Begeisterung äusserte sich Cuvier in Paris: „Quand 
La decouverte de la Vaccine serait la seule que la medecine eüt 
obtenue dans la periode actuelle, eile suffirait pour illustrer 
a jamais notre epoque dans l'histoire des sciences, commc 
pour immortaliser le nom de Jenner, en lui assignant une place 
eminente parrni les principaux bienfaiteurs de l'humanite". 

Diese Zeugnisse zweier hervorragender Gelehrter, deren 
Namen weit über die Kreise ihrer Fachgenossen bekannt ge- 
worden und in den Büchern der Weltgeschichte verzeichnet 
sind, spiegeln nur das Urtheil der meisten Aerzte und Männer 
von Bildung aus jener Zeit wieder. Die Impfung hatte sich 
die Anerkennung der Wissenschaft errungen; ihre Schutzkraft" 
war durch viele Tausende von Versuchen und durch zahllose 
Beobachtungen erwiesen. Jetzt musste sich zeigen, ob die 
auf das neue Mittel gesetzten Hoffnungen sich auch in der 
Praxis erfüllen, ob wirklich mit der Vaccination die Pocken 
ausgerottet werden sollten. 

Als Jenner mit seinen Veröffentlichungen hervortrat, 
war die überwiegende Menge der jugendlichen Personen und 
der Erwachsenen infolge der damaligen allgemeinen Verbrei- 
tung der Pocken bereits geblättert und gegen eine Neuerkran- 
kung geschützt. Durch die Impfungen in den folgenden 
Jahren wurde ein nicht unbeträchtlicher Theil der Kinder der 
Infektion entzogen. Aber eine noch grössere Menge der- 
selben blieb zunächst ungeimpft und der Ansteckung zugänglich. 
War unter solchen Umständen ein Verschwinden oder auch 
nur eine bedeutende Verminderung der Blattern möglich? 

Von den Gegnern der Impfung ist jene Frage oft auf- 
geworfen und bald bejaht, bald verneint worden, beides zu 
dem Zwecke, um die Erfolge des Schutzmittels in Zweifel 
zu ziehen. Viel zu gering war die Zahl der Impfungen, sagten 
die einen, als dass dadurch die Verbreitung der Pocken hätte 
beeinflusst werden können; kam es dennoch zu einer Abnahme 
der Seuche, so müssen andere Ursachen zu Grunde gelegen 
haben. Massenweise wurde geimpft, sagten die anderen, mil 



182 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

allen Mitteln der Ueberredung, ja mit Zwang wirkte man auf 
die Bevölkerung ein, und doch verschwanden die Pocken nicht. 
Sind das die viel gerühmten Erfolge der Impfung? 

Beide Arten der Folgerung sind unrichtig; die Wirklich- 
keit liegt in der Mitte. Da nur ein Theil der Kinder geimpft 
oder geblättert war, konnten die Blattern nicht verschwinden; 
aber der Theil war immerhin gross genug, um die Zahl der 
Pockenfälle zu vermindern und dadurch der Weiterverbreitung 
entgegenzuwirken. Jede Blattern erkrankung war ja geeignet, 
der Ausgangspunkt neuer Fälle zu werden, durch jede ver- 
hütete Blatternerkrankung wurde also der Ansteckungsstoff 
vermindert. 

In kleinen Orten konnte unter Umständen eine ganze 
Epidemie vermieden werden, wenn gerade, diejenige Person ; 
an welche der eingeschleppte Poekenstoff (z. B. durch einen 
durchreisenden Verwandten) gelangte, unempfänglich war; in 
grösseren Städten konnte das Gleiche für ein einzelnes Haus, 
eine Strasse, ein Stadtviertel zutreffen. Je häufiger die Kette 
der Ansteckungen durch die Einschaltung geschützter Per- 
sonen unterbrochen wurde, um so grösser war die Aussicht, 
dass die Krankheit erlosch, und wenn der Ansteckungsstoff 
in zahlreichen Fällen schliesslich auf Umwegen doch die 
nicht Geschützten erreichte, so war das Fortschreiten der 
Seuche wenigstens verlangsamt und die Zahl der Fälle in 
einem bestimmten Zeitraum vermindert. Die Beschränkung 
der pocken fähigen Kinder auf 3 / 4 , 2 / 3 °d er die Hälfte der gc- 
Avöhnlichen Zahl war daher wohl geeignet, die Blatternhäufig- 
keit derart herabzusetzen, dass die Zahl der Erkrankungen 
weit unter 2 / 4 , 2 / 3 oder die Hälfte der gewöhnlichen Ziffern 
sank. Die Widerstandsfähigkeit der Geschützten gegen die 
Ansteckung gereichte auch den Ungeschützten zum Vortheil. 

Dies hatte sich schon vor der Impfzeit an dem cykli- 
schen Verlauf der Pocken in den grossen Städten gezeigt. 
Es kam immer erst, wieder zu einer epidemischen Verbreitung 
der Seuche, wenn die Zahl der Ungeblatterten erheblich an- 
gewachsen war. In den epidemiefreien Jahren griff die Krank- 
heit weniger um sieh, weil die immerhin ansehnliche Zahl 
<\cv geblätterten Kinder das Fortschreiten der Ansteckung 
häufiger unterbrach. Als dann nach Jenner's Veröffent- 
lichungen zahlreiche blättern fähige Kinder geimpfi wurden, 
blieb die Anhäufung von Ungeschützten bis zu den in früheren 
Epidemiejahren erreichten Graden aus. 



Ausbreitung and Erfolge der Impfung. L83 

Die wiederholt, kürzlich z. B. von Böing, angestellten Berech- 
nungen, durch welche bewiesen werden soll, dass die Impfungen nicht 
ausreichten, um die Poekenerkrankungen zu vermindern, stützen sich 
auf meist sehr anfechtbare Unterlagen. Die Feststellung der Zahl der 
geschützten Kinder berücksichtigt nur die listenmässig nachgewie- 
senen Impfungen einzelner Länder, welche sicher den Gesammtzahlen 
nicht entsprechen , und bestimmt die Menge der ausserdem durch 
Blatternerkrankungen Geschützten im Wege der Schätzung. Die hier- 
bei zu Grunde gelegte Zahl der Todesfälle an Pocken giebt keinen 
genügenden Anhalt für die Errechnung der Erkrankungsziffern; denn 
wenn wir auch wissen, dass in einer Epidemie jeder vierte, in 
einer anderen jeder siebente, zehnte oder zwölfte Kranke starb, so ist 
zugleich auch bekannt, dass bei den durch Inokulation Geschützten 
oft unter Hunderten kein Todesfall vorkam: es ist also willkürlich, ein 
beliebiges Multiplum der Todesfälle als vermeintliche Zahl der Er- 
krankungen in jener Zeit anzunehmen. Noch unsicherer ist der Vergleich 
solcher Zahlen mit den Lebenden der jüngsten Altersklassen. Statistische 
Bedenken stehen z. B. dem Verfahren Böing's entgegen, welcher 
die geschätzten Zahlen der Geimpften und Geblätterten den ebenfalls 
nur geschätzten Ziffern der Angehörigen der ersten 10 Lebensjahre 
gegenüberstellt; denn wir wissen aus den Altersstatistiken des 18. Jahr- 
hunderts, dass die meisten Kinder die Blattern schon in den ersten 
5 Lebensjahren durchmachten. Auch die Schätzung der Zahl der 
Kinder in den ersten 10 Lebensjahren auf 1 / 5 der Einwohner überhaupt 
entbehrt einer genügenden Grundlage, und endlich ist die grosse Zahl 
der anderen Krankheiten als den Pocken erlegenen Kinder (im Deutschen 
Reiche noch in jüngster Zeit — im Jahre 1892 — 1 / 3 aller Kinder des ersten 
Lebensjahres) nicht von der Anzahl der Blattern fähigen in Abzug ge- 
bracht. Eine aus so vielen Faktoren zusammengesetzte Rechnung, deren 
Zahlen fast sämmtlich in Wirklichkeit nicht bekannt sind, sondern nach 
dem Belieben des Rechners auf Grund willkürlicher Schätzungen einge- 
setzt werden, ist kein zuverlässiges Beweismittel; im vorliegenden Falle 
erfüllt die Rechnung vollends schon aus dem Grunde ihren Zweck nicht, 
weil sie nur den Schutz der Geimpften und Geblätterten, nicht aber 
den durch diese auch für die übrigen Kinder bedingten mittelbaren 
Schutz in Betracht zieht. 

Von der regen Inipfthätigkeit im Beginn des 19. Jahr- 
hunderts durfte demnach eine Rückwirkung auf die Pocken- 
häufigkeit wohl erwartet werden, und in der That sahen die 
Angehörigen jener Zeit mit Staunen die Blatternerkrankungen, 
welche ihnen vorher als unabwendbare Plage gegolten hatten, 
überall seltener werden. Eine deutliche Abnahme der Seuche 



184 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 



zeigte sieh zunächst in London, wo man am frühesten mit 
der Impfung begonnen hatte. Die Zahlen der dortigen 
Todesfälle und der Pockensterbefälle im Besonderen betrugen 
seit dem Jahre 1801 : 



Jahr 


Todesfälle 


Pocken- 


Jahr 


Todesfälle 


Pocken- 


überhaupt 


todesfälle 


überhaupt 


todesfälle 


1801 


19374 


1461 


1811 


17043 


751 


1802 


19379 


1579 


1812 


18295 


1287 


1803 


19582 


1202 


1813 


17322 


898 


1804 


17034 


622 


1814 


19283 


63S 


1805 


17565 


1685 


1815 


19560 


725 


1806 


17938 


1158 


1816 


20316 


653 


1807 


18334 


1297 


1817 


19968 


1051 


1808 


19954 


1169 


1818 


19705 


421 


1809 


166S0 


1163 


1819 


19928 


712 


1810 


19983 


1198 


1820 


19348 


722 


1801-1810 


185823 


12534 


1811-1820 


190768 


7858 



Ein Vergleich mit den vorausgegangenen Jahrzehnten er- 



giebt folgende Ziffern 



ry ., Todesfälle 


Pocken- 




Todesfälle 


Pocken- 


Zeitraum 


überhaupt 


todesfälle 


Zeitraum 


überhaupt 


todesfälle 


1721—1730 


274922 


23044 


1771 — 1780 


214605 


20923 


1731—1740 


264925 


20592 


1781—1790 


192690 


17867 


1741—1750 


252717 


18533 


1791—1800 


196801 


18477 


1751—1760 


204597 


20611 


1801—1810 


185823 


12534 


1761—1770 


234412 


24234 


1811—1820 


190768 


7858 



Bei der Durchsicht dieser Zahlen ist freilich nicht zu verken- 
nen, dass die Londoner Sterberegister in den letzten hier berück- 
sichtigten Jahrzehnten nicht sorgfältig geführt sein können. Denn 
da die Einwohnerzahl Londons erheblich zunahm (in der Zeit 
von 1801—1831 von rund 750000 auf rund 1180000 Köpfe). 
war naturgemäss eine Erhöhung und nicht eine Erniedrigung 
der Gesammtsterblichkeitsziffern zu erwarten. Immerhin isi 
die Abnahme der Blattern todesfälle in den letzten beiden 
Jahrzehnten so erheblich, dass die ünzuverlässigkeit ^v 
Listen als Erklärung dafür nicht ausreicht. 

Dass in jener Zeil wirklich eine- Abnahme der Pocken 
in London stattfand, isi auch von den Zeilgenossen oft her- 
vorgehoben wurden und bestätigt sieh an Einzelbeispielen. So 



Ausbreitang und Erfolge der Impfung, 



185 



kam in dem Erziehungshause für Soldatenkindcr seil der 
Einführung der Impfung im Jahre 1803 bis zum Jahre 1811 
nur ein Pockentodesfall bei einem ungeimpft gebliebenen Kinde, 
im Findlingsspital, wo die Impfungen schon 1801 begonnen 
hatten, seitdem überhaupt kein Todesfall an Blattern vor. 
Auch fand man weit häufiger als vormals Personen, welche 
die Krankheit noch nicht durchgemacht hatten. 

Dies ergab sich namentlich bei Zählungen, die gelegentlich späterer 
Poclcenepidemien in einigen anderen englischen Städten vorgenommen 
wurden. Im vorausgegangenen Jahrhundert waren am 1. Januar 1775 in 
einer Stadt von 14713 Einwohnern (Chester) nur 7pCt. der Bevölkerung 
als bisher nicht geblättert gezählt worden, und wenn man die im vor- 
ausgegangenen Jahre Geblätterten (1202) hinzuzählt, so waren bis zum 
I.Januar 1774 15pCt. der Krankheit entgangen ; in Ware(2515Einwohner) 
waren beim Beginn der Epidemie 1722 36pCt., nach Erlöschen der da- 
maligen Seuche 18pCt. noch nicht geblättert. Als dagegen nach Ein- 
führung der Impfung in dem Chester an Einwohnerzahl (14142 Ein- 
wohner) ungefähr gleichen Cambridge im Jahre 1826 ähnliche Zählungen 
vorgenommen wurden, fanden sich nur 3560 Personen, die in den letzten 
25 Jahren geblättert waren; von den in dieser Zeit Geborenen (8112) 
waren trotz der aussergewöhnlich heftigen Epidemie in den Jahren 
1823/24 65,6 pCt. noch nicht geblättert und weitere 12,7 pCt. hatten 
die Pocken nur durch Inokulation bekommen. Beim Beginn einer Epi- 
demie in Norwich im Jahre 1820, von welcher noch später die Rede sein 
wird, waren von 1377 Personen unter 20 Jahren, die zu 500 bei einer 
Zählung von Cross berücksichtigten Familien gehörten, 74pCt, noch 
nicht geblättert. 

Besonders deutlich trat die Abnahme der Pockensterb- 
lichkeit in der schottischen Stadt Glasgow hervor, wie 
die nachstehenden Ziffern zeigen: 



Jahr 


Todesfälle 


Poeken- 


Jahr 


Todesfälle 


Pocken- 


überhaupt 


todesfälle 


überhaupt 


todesfälle 


1801 


1434 


245 


1807 


1806 


97 


1802 


1770 


156 


1808 


2623 


51 


1803 


1860 


194 


1809 


2124 


159 


1804 


1670 


213 


1810 


2111 


28 


1805 


1671 


56 


1811 


2342 


109 


1806 


1629 


28 


1812 


2348 


78 



Die Glasgower Listen scheinen sorgfältig geführt zu sein: es muss 
jedoch bemerkt werden, dass mit der Abnahme der Pocken- eine starke 



186 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

Zunahme der Masernsterblichkeit in einzelnen Jahren einhergi ng. Die 
Todesfälle an dieser Krankheit waren am zahlreichsten in den Jahren 
1802 (168), 1808 (787), 1811 (267) und 1812 (304). 

Für Frankreich steht nur wenig statistisches Material 
zur Verfügung. Die in den Berichten des Centralimpfcomites 
enthaltenen Zahlen sind meist zu unvollständig, als dass 
daraus ein Urtheil über die Bewegung der Seuche erlangt 
werden könnte. Dies gilt auch für die in einzelnen Städten 
nachgewiesene Abnahme der Blattern, weil zu wenige Jahre 
berücksichtigt sind. In Nantes starben z. B. an Pocken 
in den 4 Jahren 1809—1812 233, 189, 77 und 49 Per- 
sonen, in Strassburg 1803 518, 1807 284, 1811 14 und 
1812 1. Jedoch ist in den Berichten des Comites oft davon 
die Rede, dass die Krankheit im Beginn des Jahrhunderts 
seltener wurde und dass an vielen Orten beginnende Epidemien 
durch Massenimpfungen unterdrückt wurden. In der General- 
versammlung des Comites vom 16. Juli 1814 fasste dessen 
Präsident Jadelot sein Urtheil über die Erfolge der Impf ang- 
in nachstehenden Worten zusammen: „Durch den Schrift- 
wechsel der Herren Präfekten mit Seiner Excellenz dem Mi- 
nister ist jetzt bewiesen, dass die grossen Blatternepidemien 
aufgehört haben, dass die allgemeine Sterblichkeit sich ver- 
mindert hat, und dass sich die Bevölkerung in den Departe- 
ments in dem Maasse vermehrt hat, wie das Schutzmittel 
dort allgemein Anwendung fand". 

In Italien hatte Sacco ebenfalls die Genugthuung, dass 
die Pockenseuche wesentlich abnahm. Die Stadt Bologna 
beschenkte ihn mit einer goldenen Medaille, weil er daselbst 
durch seine Impfungen eine Epidemie zum Erlöschen ge- 
bracht hatte. Aehnliche Erfolge konnte er in Brescia, Venedig 
und vielen kleinen Städten und Dörfern verzeichnen. Von 
500 Personen, die er in der Gemeinde Concesio anlässlich einer 
verheerenden Epidemie vaccinirte, erkrankten nur noch 11, 
welche schon vor der Impfung angesteckt waren. Die Krank- 
heit nahm aber bei ihnen einen leichten Verlauf. 

Als ein werthvoller Beweis i'üv den Erfolg dov Impfung 
ist die Pockenstatistik in Schweden oft verwerthet worden. 
Die dortigen Zahlen bis zum Ende (\rs 18. Jahrhunderts 
wurden schon im 0. Capitel angeführt. Von je 100000 Ein- 
wohnern, waren im Jahrzehnl 1782 bis 1791 221,9 an 
Pocken erlegen, ferner in den Jahren: 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung 



187 



1792 
1793 
1794 
1795 
179G 



SS,0 

94,4 

175,8 

295,6 

190,3 



1797 
1798 
1799 
1S00 
1S01 



75,1 

58,5 

160.9 

512.6 

256,6* 



also durchschnittlich jährlich 191,4. 

* In diesem Jahre betrug die Zahl der Einwohner 2 360 397, die 
der Todesfälle überhaupt 61 323 und die der Pockentodesfälle 6 057. 

Schweden befand sich im Jahre 1801, als die ersten 
Impfungen in Lund vorgenommen wurden, am Ausgang einer 
heftigen Pockenepidemie. Wie wir sahen, waren im Laufe 
des nächsten Jahres mehr als 80 Aerzte von Rosenschiöld, 
der selbst über 200 Personen geimpft hatte, mit Impfstoff 
versehen und auch in Stockholm, sowie im mittleren und 
nördlichen Schweden viele Impfungen vorgenommen worden. 
Ihre Zahl stieg bis zum Mai 1805 auf 25000, abgesehen 
von den nicht angezeigten Impfungen, und vermehrte sich 
dann noch weiter. Im Jahrfünft 1806 bis 1810 kamen auf 
100 Lebendgeborene jahrlich 25,5, in den folgenden beiden 
Jahrfünften 44,0 und 68,0 nachgewiesene Impfungen. Im 
Jahre 1816 wurde der Impfzwang eingeführt. Die Poeken- 
statistik ergiebt für die Zeit von 1802 bis 1821 folgende 
Zahlen : 



1 V 
n , Ein- 


Todesfälle 


Von 100000 




Ein- 


Todesfälle 


Von 


100000 


ü wohn er- 
zähl 


über- 
haupt 


an 
Pock. 


Einw. starben 
an Pocken 


Jahr 


wohner- 
zahl 


über- an 
haupt Pock. 


Einw 
an 


-.starben 
Pocken 


180212373491 


56232 


1533 


64,6 


1812 


2412737 


73095 


404 




16,7 


18032386585 


56577 


1464 


61,3 


1813 


2430180 


66266 


547 




22,5 


18042399679 


59584 


1460 


60.8 


1814 


2447623 


60959 


308 




12,6 


1805:2412772 


56663 


1090 


45,2 


1815 


2465066 


57829 


472 




19,1 


180612405098 


65728 


1482 


61,6 


1816 


2488991 


56225 


690 




27,7 


1807 


2397424 


62318 


2129 


88.8 


1817* 


2512916 


60863 


242 




9,6 


1808 


23S9750 


8231 lj 1814 


75,9 


1818* 


2536841 


61745 


305 




12,0 


1809 


2382075 


93532 2404 


100.9 


1 8 1 9 * 


2560766 


69881 


161 




6,3 


1810 


2377851 


75607 


824 


34,7 


1820* 


2584690 


62930 


143 




5,5 


1811 


2395294 


69246 


698 


29,1 


1821* 


2622002 


66416 


37 




1,4 








14S9S 


^Jahres- 
durch- 


1802-1811 






330!) 


imJahres- 
durch- 










schnitt 62,3 










sch 


litt 13.3 



im Jahresdurchschnitt 1817 — 182 1 7.0. 



Jahre nach Einführung der Zwangsimpfung. 



188 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 



Während sich die Impfung in Schweden auszubreiten be- 
gann, erfolgte nach der grossen Epidemie ein Abfall der 
Pockensterblichkeit, der vielleicht auch unter gewöhnlichen 
Verhältnissen hätte eintreten können. Aber es war etwas 
ganz Ungewöhnliches, dass dieser Abfall nun dauernd blieb, 
und dass abgesehen von der massigen Erhebung im Jahr 1809 
eine Mortalität von 100 auf 100000 Einwohner in einem 
ganzen Jahrzehnt nicht mehr erreicht wurde. Noch weit 
deutlicher zeigte sich die Abnahme der Seuche im folgenden 
Jahrzehnt, und in den der Einführung des Impfzwanges un- 
mittelbar folgenden Jahren schien das Land nahezu voll- 
kommen von den Blattern befreit. 

In Kopenhagen, wo wir die Pockenstatistik bis zum 
Jahre 1800 verfolgt hatten, war die Pockensterblichkeit zur 
Zeit der ersten Impfungen im Jahre 1801 sehr gross. Wie 
im unmittelbaren Anschluss an die Vertheilung des neuen 
Schutzmittels in den folgenden Jahren eine Wendung zum 
Besseren sich vollzog, zeigt die nachstehende Zahlenübersicht, 
welche einer besonderen Erläuterung; nicht bedarf. 



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^H 


3 _ T3 



1801 



1802 



1803 

] 804 
1805 

1806 

1807 

1808 
1809 

1810 



91631 


4542 




1357 


486 




3262 


— 


353 


73 


i 


3442 


— 


237 


5 


~ 


3688 
3585 
3529 


145 


265 

361 


13 
5 
5 


— 


4307 


597 


— 


2 


— 


4606 
3872 


1120 

647 


— 


46 
5 


— 


2975 


— 


810 


4 



Erste Impfung. 

Einsetz, der 

Kgl. Komm. 
Gründung der 

Impfanstalt. 
Die Kommiss. 

erkennt den 
Impfschutz an. 



Bombardement 
\ ou Kopenhagen 



1811 


100975 


3604 


154 


— 


1812 


— 


3410 


101 


— 


1813 


— 


3764 


493 


— 


1814 


— 


3711 


458 


— 


1815 


— 


3409 


216 


— 


1816 


— 


2956 


— 


169 


1817 


— 


2907 


— 


152 


1818 


— 


2554 


— 


398 


1819 


— 


2319 


— 


862 


1820 




2576 




501 



Erlass d. [mpf- 
reglements. 

Anmerkung: Der Regierung wurden auf je 100 Lebendgeborene im 
J. l -Ol' 14,5 Impfungen nachgewiesen, in den folgenden Jahren bis 1809 
23,3, 14,4, 19,6, 19,0, 16,4, 80,7, 26,4, nach Einführung des Impfzwangs 
. .1. 1810 101,5 und im Jahresdurchschnitt desZeitraums 1811 1823 77,9. 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 



18 ( J 



In dem mehrfach erwähnten englischen Blaubuch von 
Simon findet sich eine Tabelle der Pockensterblichkeit 
in verschiedenen Ländern vor und nach Einführung 
der Impfung, deren Zahlen aus Mittheilungen der Regierun- 
gen an die Britische Epidemiologische Gesellschaft entnom- 
men sind. Nach dieser Uebersicht ist die folgende Zusam- 
m en st eil u n g ge f er ti gt : 









Von 1 000 000 Einw. 








starben j 


ihr] ich an 


Zeitraum 


Verwaltungsgebiet 


Pocken (rundeZahlen) 








vor der 


nach der 


vor 


nach 




Einführg. 


Einführg. 


der Impfung 


der Impfung 




d. Impfung 


d. Impfung 


1777—1806 


1807—1850 


Nieder-Oesterreich 


2484 


340 


1777— 1SOG 


1807-1850 


Ober-Oesterreich u. 
Salzburg- 


1421 


501 


1777—1806 


1807—1850 


Steiermark 


1052 


446 


1777—1806 


1807—1850 


Illyrien 


518 


244 


1777—1803 


1807—1850 


Tirol und Vorarlberg 


911 


170 


1777—1806 


183S-1850 


Triest 


14046 


182 


1777—1806 


1807—1850 


Böhmen 


2174 


215 


1777—1806 


1807—1850' 


Mähren 


5402 


255 


1777—1806 


1807—1850 


Oesterreich. Schlesien 


5812 


198 


1777—1806 


1807—1850 


Galizien 


1194 


676 


1787—1806 


1807—1850 


Bukovina 


3527 


516 


1776—1780 


1810—1850 


Ostpreussen 


3321 


556 


1780 


1810—1850 


Westpreussen 


2272 


356 


1780 


1816—1850 


Provinz Posen 


1911 


743 


1776—1780 


1810—1850 


Provinz Brandenburg 


2181 


181 


1776—1780 


1816—1850 


Westfalen 


2643 


114 


1776—1780 


1816-1850 


Rheinprovinz 


908 


90 


1781 — 1805 


1810-1850 


Berlin 


3422 


176 


1776—1780 


1816—1850 


Provinz Sachsen 


719 


170 


1780 


1810—1850 


Pommern 


1774 


130 


1774—1801 


1810—1850 


Schweden 


2050 


158 


1751—1800 


1801—1850 


Kopenhagen 


3128 


286 



Die meisten unter den vorstehenden Zahlen können hin- 
sichtlich ihrer Genauigkeit nicht anders beurtheilt werden als 
die Londoner Ziffern auf S. 184. Sie geben wieder, was den 
Behörden der betreffenden Verwaltungsgebiete über die Pocken- 
sterblichkeit zur Kenntniss kam; aber es unterliegt kaum 
einem Zweifel, dass die Berichterstattung nngleichmässig war und 
irrthümliche Meldungen, sowie oft unvollständige Nach Weisungen 
enthielt. Dies kommt u. a. in den auffälligen Verschieden- 



190 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 



heiten der Zahlen in benachbarten, zu denselben Ländern ge- 
hörenden Provinzen zum Ausdruck. Ueberall aber zeigt sich 
eine zwar mehr oder weniger grosse, aber doch durchweg so 
erhebliche Verminderung der Pockensterblichkeit in der 
zweiten Periode der Tabelle, dass danach auch bei Aner- 
kennung der Unregelmässigkeiten, welche überdies im 19. Jahr- 
hundert weniger gross gewesen sein dürften als im 18., die 
Herabsetzung der Mortalität als eine Thatsache anerkannt 
werden muss. 

Einen etwas besseren statistischen Anhalt gewähren die 
Aufzeichnungen über die Pockensterblichkeit in Württemberg 
und in Berlin. Die vom Württembergischen Medicinalcollegium 
angefertigten Zusammenstellungen aus den Kirchenlisten der 
Jahre 1780 — 1810 sind zwar ebenfalls nicht vollständige Ver- 
zeichnisse; aber die Lücken darin sind gerade vom Anfang 
des 19. Jahrhunderts an weniger gross, so dass die folgenden, 
Cless entnommenen Zahlen für den Zeitraum vor 1800 weit 
weniger, die späteren Zahlen dagegen mehr als die Hälfte 
der wirklich vorgekommenen Pockentodesfälle angeben. 

Pockentodesfälle in Württemberg nach den Kirchenlisten: 



Jahr 


Zahl der 


Jahr 


Zahl der 


Jahr 


Zahl der 


Todesfälle 


Todesfälle 


Todesfälle 


1780 


1012 


1790 


3421 


1S01 


2060 


17S1 


1501 


1791 


1679 


1802 


2225 


1782 


1519 


1792 


973 


1803 


5669 


1783 


844 


1793 


1255 


1804 


1538 


1784 


832 


1794 


2415 


1805 


794 


1785 


2399 


1795 


3775 


1806 


1339 


1786 


2141 


1796 


3630 


1807 


1826 


1787 


SOI 


1797 


2918 


1808 


1128 


1788 


851 


1798 


3255 


1809 


255 


1789 


1494 


1799 

1S00 


8867 
4745 


1810 


184 


1 7 so- 89 


13364 


1790-1800 


36933 


1801—1810 


17018 



Seil dein Jahre L810 sind fortlaufende Aufzeichnungen 
niclii mehr vorhanden; es ist jedoch ermittelt, dass die Pocken 
vor L870 nur noch 5 mal in grosser Verbreitung aufgetreten 
sind und dabei niemals wieder ähnliche .Menschern erlusi e 
srerursachl haben, wie früher, nämlich in den Jahren 1814 17 



Ausbreitung und Erfolge der hnpfung. 191 

einige Hundert Todesfälle, 1827-30 etwa Hundert, L831 — 36 
198, 1848—50 615 und 1863—67 804. 

In Stuttgart (ohne Vorstädte) sind aus den vollständig 
erhalten gebliebenen Kirchenlisten durch Schübler folgende 
Zahlen ermittelt: 1772—76 102 Pockentodesfälle, 1777—81 
252. 1782—86 177, 1787 — 91 189, 1792 — 96 399, 
1797—1801 274, 1802—06 154, 1807—11 2, 1812-16 0. 
1817—21 10 und 1822—27 0. 

Ucber die Pockensterblichkeit in Berlin geben die beiden 
auf der nächstfolgenden Seite (S. 192) abgedruckten, den 
.■Beiträgen zur medicinischen Statistik und Staatsarzneikunde 
von Gas per entnommenen Tabellen Auskunft. 

Der in den hier angeführten Beispielen vergegen- 
wärtigte bedeutende Rückgang der Pockenseuche im Beginn 
des 19. Jahrhunderts ist in den Ueberlieferungen aus jener 
Zeit so oft erörtert und bezeugt, dass auch von den Gegnern 
der Impfung nur wenige an jener Thatsache zweifeln. 
Jedoch hat es nicht an Versuchen gefehlt, das Verdienst 
davon anderen Umständen, als der Impfung zuzuschreiben. 

Wie jedesmal beim Verschwinden grosser Seuchen, ver- 
muthete man auch hier, dass Verbesserungen der socialen 
Verhältnisse und der hygienischen Lebensbedingungen 
zu. Grunde gelegen hätten; indessen konnte damals von einem 
so erfreulichen Umschwung in den durch die Napoleonischen 
Kriege mitgenommenen Ländern, namentlich in dem bis zur 
völligen Verarmung erschöpften Königreich Preussen, schwer- 
lich die Rede sein. 

Dann hob man hervor, dass die Impfung die Inoku- 
lation verdrängt und damit eine ergiebige Quelle der An- 
steckung beseitigt habe. Dass die Inokulation thatsächlich bei 
der Verbreitung der Pocken bis zu einem gewissen Grade 
mitgewirkt hat, ist schon im 6. Capitel festgestellt worden. 
Ebendort wurde jedoch zugleich darauf hingewiesen, dass die 
Pocken schon vor der Verbreitung der Inokulation herrschten 
und später an Orten vorkamen, wo nicht inokulirt wurde. 
Das Verfahren hatte ferner zahlreiche Personen vor einer 
ernsten tödtlichen Erkrankung geschützt und verschwand 
a,uch keineswegs sogleich nach Beginn der Impfungen, sondern 
erfreute sich noch eine Zeit lang eines gewissen Ansehens. 
Gerade zur Prüfung des Schutzwerths der Impfung nahm 
man überall zahlreiche Inokulationen und Austeekungsver- 
suche vor. Das Seltenwerden der Inokulationen kann daher 



192 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 



höchstens als ein Nebenumstand bei der Beschränkung der 
Blatternepidemien in Betracht gekommen sein. 

Uebersicht der in Berlin in 41 Jahren an den 
Menschenpocken Gestorbenen. 



Jahr 


Pocken- 
todesfälle 


Jahr 


Pocken- 
todesfälle 


Jahr 


Pocken - 

todesfälle 


Jahr 


Pocken- 
todesfälle 


1782 


138 


1792 


698 


1S02 


194 


1812 


12 


1783 


692 


1793 


545 


1803 


280 


1813 


8 


1784 


340 


1794 


68 


1804 


65 


1814 


147 


1785 


51 


1795 


932 


1805 


947 


1815 


264 


1786 


1077 


1796 


463 


1806 


490 


1816 


15 


1787 


298 


1797 


26 


1807 


100 


1817 


50 


1788 


53 


1798 


133 


1808 


455 


1818 


34 


1789 


914 


1799 


359 


1809 


388 


1819 


15 


1790 


814 


1800 


129 


1810 


30 


1820 


S 


1791 


76 


1801 


1646 


1811 


6 


1821 
1822 


1 
1 


10 J. 


4453 


10 J. 


4999 


10 J. 


2955 


10 J. 


555 



Verhältniss der in Berlin an den Menschenpocken 

Gestorbenen zu den geborenen und gestorbenen 

Kindern, und zu den Gestorbenen überhaupt. 



In den Jahren 





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1783- 

1786- 

1789- 

1792- 

1795- 

1798- 

1801- 

1 804 

1 808- 

1 8 1 1 

1814 

1817 

1820 



-1785 

-1788 

-1791 

-1794 

-1797 

-1800 

-1803 

-1807 

-1810 

1813 

1816 

1819 

-1822 



1083 


14994 


1 


13 


7747 


1428 


16120 


1 


11 


7535 


1804 


16253 


1 


9 


8665 


1311 


15950 


1 


12 


8650 


1421 


19011 


1 


13 


9873 


621 


16315 


1 


26 


8414 


2120 


19658 


1 


9 


11445 


1537 


22465 


1 


14 


12225 


873 


♦22244 


*] 


25 


— 


26 


* 18241 


*] 


702 


— 


426 


17270 


1 


40 


8854 


99 


17771 


1 


17!) 


9082 


10 


ir,.",4S 


1 


1635 


7X52 



1 :7 

1 : 5 

1 :4 

1 :6 

1 :7 

1 : 13 

1 :5 

1 :8 



1 .20 

1 : 92 

1 : 785 



14396 
14962 
15469 
16621 
18441 
18525 
19219 
18138 



L8059 

18970 

206(14 



13 

10 

8 

12 

13 

30 

9 

12 



42 

192 

2066 



Die mit * bezeichneten Zahlen sind nicht ganz sicher verbürgt. 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. L93 

Noch geringere thatsächliche Unterlagen können für die 
neuerdings durch ßöing vertretene Annahme beigebracht 
werden, dass man im 19. Jahrhundert durch eine bessere 
Isolirung der Pockenkranken der Verbreitung der Epi- 
demien entgegengewirkt habe. Wohl hatten am Ende des 
18. Jahrhunderts in England Haygarth, in Deutschland 
Juncker, Faust, und zahlreiche gleich gesinnte Männer die 
dringende Forderung erhoben, dass die Pockenkranken vom 
Verkehr abgesperrt werden müssten. Aber abgesehen von 
einigen wenig zahlreichen Beispielen, die zum Theii bereits 
im 6. Capitei erwähnt wurden, giebt es keine Beweise dafür, 
dass jene Bestrebungen durch allgemeinere Erfolge belohnt 
wurden. Was Böing für seine Ansicht anführt, gehört fast 
Alles in das Reich der Vermuthungen. Dagegen finden wir 
in den Berichten über die Impferfolge häufig die Angabe, 
dass die vaccinirten Personen im engsten Verkehr mit Pocken- 
kranken blieben und doch den Blattern entgingen. Wie an- 
gesehene Aerzte nach dem Bekanntwerden der Impfung über 
Juncker's Vorschläge dachten, mögen 2 der Litteratur jener 
Tage entnommene Beispiele zeigen. 

H. J. Goldschmidt in Frankfurt a. M. schrieb im 
Jahre 1801: „Auch der Plan des unlängst verstorbenen Herrn 
Professor Juncker zur Ausrottung der Blattern möchte 
wohl, bei dem jetzigen gesellschaftlichen Verhältniss der 
Menschen, unausführbar sein. Nicht alles, was theoretisch 
richtig ist, ist auch deswegen praktisch in iVusführung zu 
bringen. Und wie Herr Professor Hufeland sehr richtig 
bemerkt, ist noch besonders die grosse Inkonvenienz dabei, 
dass, da diese Ausrottungstheorie nicht auf die Empfäng- 
lichkeit fürs Blatterngift, sondern nur auf die Absonderung 
der Angesteckten von den nicht Angesteckten berechnet ist, 
es nur einen einzigen Atom Blatterngift bedarf, um das ganze 
menschliche Geschlecht wieder zu inficiren. (S. Hufeland. r s 
praktisches Journal der Heilkunde, 10. Bandes 2. St., 
pag. 192.)" 

Ganz in demselben Sinne schrieb Hofrath Bremer in 
Berlin im Februar 1801: „Der neue Vorschlag eines menschen- 
freundlichen Arztes, des ohnlängst verstorbenen Dr. Juncker 
in Halle: „dass man die Pocken-Kranken wie Verpestete be- 
handeln, sie, abgeschnitten von aller Gemeinschaft mit denen, 
welche die Pocken noch nicht überstanden haben, nach einem 
eigenen isolirten Hause schaffen, und sie dort, wie in einem 

Kubier, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. ja 



19-4 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

Pestlazareth, kuriren solle, damit auf diese Weise die An- 
steckung verhindert werde" — und so diese Krankheit end- 
lich von selbst aufhören möge, wie, wenn ringsumher alle 
Häuser niedergerissen werden, die weitere Ausbreitung un- 
möglich wird und der Brand in sich selbst erlischt — dieser 
gutgemeinte Vorschlag blieb unausgeführt, weil er — wirklich 
unausführbar war." 1 ) 

Wenn die bisher erörterten Erklärungen für die Abnahme 
der Pockenhäufigkeit nicht genügend begründet und zum Theil 
sicher nicht zutreffend sind, so ist die Behauptung des Impf- 
gegners Oidtmann, dass die Blattern im 18. Jahrhundert 
von den Pocken der Schafe ausgegangen und später in 
Folge der Unterdrückung dieser Viehseuche erloschen seien, 
geradezu ein Kuriosum. Die Schafpocken sind den Menschen- 
pocken ähnlich und wahrscheinlich nahe verwandt. Man kann 
beim Schaf auch die Kuhpocken zum Haften bringen und 
damit, abweichend von den Impfergebnissen bei anderen 
Thieren und beim Menschen, allgemeine Ausschläge erzeugen, 
ja sogar jene Thiere dadurch gegen die ihnen selbst eigen- 
tümlichen Schafpocken schützen; für das Gift der Menschen- 
pocken besitzen die Schafe eine geringe Empfänglichkeit; 
dass jedoch ein Mensch durch Ansteckung von einem Schafe 
ächte Pocken erhalten habe, ist nach dem Zeugniss einer 
Autorität wie Bollinger niemals beobachtet worden. 

Will man sich nach alledem nicht mit der Annahme 
eines unerklärlichen Zufalles begnügen, so kann die Ab- 
nahme der Blattern im Beginn des 19. Jahrhunderts nur als 
Folge der Impfungen angesehen werden. Ob die Pocken im 
einzelnen Falle im unmittelbaren Anschluss an die ersten 
Impfungen seltener wurden, ob ihre Abnahme schon früher 
bemerkbar geworden war, oder ein bedeutender Nachlass der 
Seuche erst einige Zeit später eintrat, ist von geringem Be- 
lang. Im Allgemeinen entsprach der Rückgang der Blattern 
der Verbreitung der [mpfungen. Wo indessen gerade eine 
grosse Epidemie kurz vorausgegangen war, begann das Sinken 
der Sterblichkeit wohl schon etwas früher. Gab es umge- 
kehrt ausnahmsweise viele noch nickt geblätterte Personen 
in einem Bezirk, und war der AnsteckungsstofT in besonders 
grosser Menge und Wirksamkeit vorhanden, so dauerte es 
länger, bis der Einfluss der Impfungen erfolgreich hervortrat. 



1 Vcrgl. auch die Veusserung von Hufeland, S. 212. 



Verbreitung und Erfolge der [mpfung. 1!)."> 

robcraJl aber, wo das neue Schutzmittel in einiger Ausdehnung 
angewendet wurde, verminderten sich die Pockenfälle. 

Hätte man damals die von vielen Aerzten geforderte 
[mpfung aller nicht geblätterten Personen in Europa durch- 
setzen können, so wäre zweifellos Jenner's Hoffnung auf 
eine Ausrottung der Pocken in unserem Erdtheil für den 
Augenblick in Erfüllung gegangen. Dies geschah nicht und 
war auch unter den damaligen Verhältnissen unmöglich. Aber 
schon an die Abnahme der Seuche knüpften sich weitgehende 
Hoffnungen; denn man wusste noch nicht, dass der Wirksam- 
keit des erlösenden Mittels Grenzen gesteckt sind. Weil 
jedoch die Impfung die Blattern nur zurückgedrängt und 
nicht vertilgt hatte, erhob sich die gefürchtete Seuche schon 
wenige Jahre später von neuem. Erst nach Jahrzehnten, als 
die Unvollkommenheiten des Impfschutzes tiefer erforscht 
waren, gelang seine Verwerthung in demjenigen Umfange, 
welcher nothwendig war, damit das von Jenner für alle 
Länder vorgesteckte Ziel wenigstens in einem Theile von 
Europa erreicht wurde. 



Litter atur. 

II ecueil de memoires rl'observations et d'experiences sur l'inocu- 
lation de la Vaccine. Paris. An. IX. 

Colon . Histoire de l'introduction et des progres de la Vaccine en France. 
Paris. An. IX. 1801. 

Rapports du comite central de Vaccine sur les väccinations pratiquees 
en France pendant les annees 1806 — 1822. Paris. 

Fournier, Essai historiqne et pratiqno sur l'inoculation de la Vaccine. 
Bruxelles. An. IX. 

Vaume, Nouvelles preuves des dangers de la Vaccine pour servir i]r 
Supplement et de conclusion a toul ce qui a ete publie contre ce 
nonvean genre d'inoculation. Paris. An. IX. 

Sacco, Trattat o di yaccinazione con osservazioni sul giavardo e vajuolo 
pecorino. Milano. 1809. Andere Abhandlungen desselben Ver- 
fassers in deutscher Uebersetzung in den 

Annalen der Kuhpoclcenimpfung. Herausgegeben von einer Gesell- 
schaft. Erstes Heft. Wien. 1802. 

13* 



196 Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 

Kussmaul, Zwanzig Briefe über Menschenpocken- und Kuhpocken- 
impfung. Freiburg i. B. 1870. 

Vrancken, Le Oinquantaire. Notice historique et statistique sur la 
Vaccine depuis son introduction ä Anvers en 1801 jusqu'ä ce jour. 
Antwerpen. 1851. 

de Carro, Observations et experiences sur la vaccination. Wien. 1802. 

Careno, Ueber die Kuhpocken. Eine Volksschrift. Wien. 1801. 

Geschichte der Vaccination in Böhmen, auf hohen Befehl heraus- 
gegeben von der in Schutzpockenimpfungsanstalten niedergesetzten 
k. medicinischen Polizeicommission. Prag. 1804. 

Osiander. Ausführliche Abhandlung über die Kuhpocken, ihre Ur- 
sachen, Zufälle, Einimpfung, Behandlung, Verhältnisse zu anderen 
Hautausschlägen der Menschen und Thiere u. s. \v. nach eigenen 
und anderer Beobachtungen. Göttingen. 1801. 

Husemann, Vortrag über die Impfung in Göttingen, gehalten in 
Göttingen. 

Voigt, Das erste Jahrhundert der Schutzimpfung und die Blattern in 
Hamburg. Leipzig. 1896. 

Ehrmann, Ueber den Kuhpockenschwindel bei Gelegenheit der abge- 
nöthigten Vertheidigung gegen die Brutalimpfmeistere, den Herrn 
Dr. und Hofrath Sömmering und den Herrn Dr. Lehr. Frank- 
furt a. M. 1801. 

Joh. Val. Müller, Beweis, dass die Kuhpocken mit den natürlichen 
Kinderblattern in keiner Verbindung stehen, und also ihre Ein- 
impfung kein untrügliches Verwahrungsmittel gegen die natür- 
lichen Blattern sein könne, dem Publicum zur Beherzigung ge- 
widmet. Frankfurt a. M. 1801. 

D. Markus Herz an den D. Dohmeyer, Leibarzt des Prinzen August 
von England, über die Brutalimpfung und deren Vergleichung mit 
der humanen. Zweiter, verbesserter Abdruck. Berlin. 1801. 

Sömmering und Lehr, Prüfung der Schutz- oder Kuhblattern durch 
Gegenimpfung mit Kinderblattern. Frankfurt a. M. 1801. 

Meyer Abramson, Einige Worte ans Publicum über die Wichtigkeit 
der Kuhpockenimpfung und deren, durch so viele Erfahrungen 
als hinlänglich befundene Eigenschaft, Menschen, welche die 
Kinderblattern noch nicht gehabt haben, davor zu verwahren; 
allen Eltern, welchen das Leben und die von der Natur erhaltene 
Bildung ihrer Kinder wichtig ist, vorzüglich zur Beherzigung ab- 
gefasst. Hamburg. 1801. 

II. .1. Goldschmidt, Allgemeine Uebersichi der Geschichte der Kuh- 
pocken und deren Einimpfung als das sicherste und heilsamste 
Mittel zur gänzlichen Ausrottung der Menschenblattern allen ge- 



Ausbreitung und Erfolge der Impfung. 197 

fühlvollen und zärtlichen Eltern, denen das Leben und die Ge- 
sundheit ihrer Kinder lieb ist, nahe ans Herz gelegt. Frank- 
furt a. M. 1801. 

Becker, Die Pocken sind ausgerottet! An Deutschlands Fürsten und 
Regierungen, an Volkslehrer, Aerzte, Erzieher und an Alle, die in 
der gegenwärtigen und künftigen Welt das Wohl der Völker und 
einzelneu Familien durch die Impfung der Schutzblattern wahr- 
haft befördern wollen. Erfurt. 1802. 

Giel, Die Schutzpocken-Impfung in Bayern, vom Anbeginn ihrer Ent- 
stehung und gesetzlichen Einführung bis auf gegenwärtige Zeit, 
dann mit besonderer Betrachtung derselben in auswärtigen Staaten. 
München. 1830. 

Bremer, Die Kuhpocken. Kurzgefasste Uebersicht dessen, was wir von 
der Geschichte, von dem Verlauf und der Wirkung der Kuhpocken 
wissen, und was in Berlin angestellte Erfahrungen und Versuche 
darüber gelehrt haben. Für Eltern und Nichtärzte. Nebst einer 
vollständigen Beschreibung der Impfungs-Methode. Dritte Auflage. 
Berlin. 1810. 

Aikin, Kurze Darstellung der wichtigsten, die Kuhpocken betreffenden 
Thatsachen. Aus dem Englischen übersetzt von F. G. Friese. 
Breslau. 1801. 

Vergl. ferner die in den früheren Litteraturverzeichnisseu angeführten 
Werke von Baron, Casper, Wendt, Böing, Creighton, den 
Report from the select committee u. s. w., den Final report of 
the royal commission u. s. w. und die Denkschrift: Beiträge zur 
Beurtheilung des Nutzens der Schutzpockenimpfung. 



Capitel IX. 

Uüvollkomiiieiiheiten des Impfschutzes. 
Wiederimpfung. 



Als Jenner seine Inquiry veröffentlichte, glaubte er mit 
der Theorie des Ursprungs der Kuhpocken von der Mauke 
und mit der Annahme eines lebenslänglichen Impfschutzes 
seine Lehre so fest begründet zu haben, dass ihm ihr Sieg 
in der Wissenschaft und ihre allgemeine Anwendung in der 
Praxis gesichert schien. Er selbst hatte erst dadurch die 
Kraft der Ueberzeugung erlangt, deren er bedurfte, um seine 
Sache öffentlich zu vertreten, und kaum würde ihm die 
freudige Zustimmung seiner Zeitgenossen in gleichem Maasse 
zu Theil geworden sein, wenn er gelehrt hätte, dass die 
Impfung nur für einen bestimmten Zeitraum sicher gegen die 
Pocken schütze. Jener Theil seiner Begründung trug in der 
That dazu bei, dass die Sache der Impfung eine so schnelle 
und vielseitige Anerkennung fand; aber gerade die Mauke- 
theorie und die Lehre von der Dauer des Impfschutzes hatten 
zur Folge, dass die Verwerthung des segensreichen Schutz- 
mittels schon wenige Jahre später ernstlich in Frage gestellt 
wurde. 

Die Bedeutung der Mauke \'üv die Kuhpocken wurde 
frühzeitig in Zweifel gezogen. Weder Woodvillc noch 
Pearson konnten sich von der Richtigkeit der Ansicht 
Jenner's überzeugen. Ihnen schlössen sich viele Aerzte an, 
so auch Anlicr! in Frankreich, Oslander, Goldschmidt 
ii. \. in Deutschland. Versuche, die Mauke künstlich auf 
Kühe zu übertragen, welche von dem Professor d^ Thier- 
heilkunde Coleman und von dem Wundarzi Simmons in 



Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. lil!) 

Rngland sowie auch von dem Thierarzt Pilger in Giessen 

und von Sacco in Mailand ausgeführt wurden, misslangcn. 
Jenner selbst hatte zunächst keine besseren Erfolge. Wood- 
ville's erster Impfstoff stammte von einer Kuhpockenepidemie, 
deren Ursprung sich nicht auf vorausgegangene Mauke-Er- 
krankungen zurückführen Hess. Aehnliche Wahrnehmungen 
wurden auch von anderer Seite berichtet. Jenner's Irrthnm 
in diesem Punkte schien erwiesen, der Glaube an die Zuver- 
lässigkeit seiner Beobachtungen erschüttert. 

Inzwischen fand Jenner neue Stützen für seine Lehre. 
In seinen „Further observations" konnte er sich auf die 
Zeugnisse eines Predigers Moore und des schon mehrfach 
erwähnten Arztes Fewster berufen, dass Personen, welche 
sich bei maukekranken Pferden angesteckt hatten, später 
gegen die Pocken bezw. gegen die Inokulation geschützt er- 
schienen. Bald darauf kam ihm eine Beobachtung des Thier- 
arztes Tanner zur Kenntniss, welcher mit Maukestoff an 
den Euterwarzen einer Kuh eine Vaccinepustel erzeugt und 
bei dieser sich selbst angesteckt hatte. Im Jahre 1801 ver- 
öffentlichte der Arzt Loy einen Bericht über eine grössere 
Reihe gelungener Versuche. 

Loy hatte an den Händen einiger bei maukekranken Pferden be- 
schäftigten Personen Pusteln beobachtet und den Inhalt einer solchen 
auf das Euter einer Kuh verimpft; am 9. Tage entstand eine von einem 
rothen Entzündungshofe umgebene Blase, welche nach einigen Tagen , 
unter Schorfbildung verheilte. Durch Abimpfung von dem Euter der 
Kuh wurde bei einem Kinde eine regelmässige Vaccinepustel erzeugt. 
Einen ähnlichen Erfolg erzielte Loy auch durch unmittelbare Verimpfung 
des Inhalts von Pusteln eines beim Pferde angesteckten Mannes auf ein 
weiteres Kind. Es gelang ihm ferner, mit frisch vom Pferde entnom- 
menem Maukestoff Vaccinepocken bei der Kuh und bei einem dritten 
Kinde zu erzeugen und durch Fortimpfung von diesem, mit heftigen 
Fieber- und Entzündungserscheinungen erkrankten Kinde bei 5 anderen 
Kindern mildere Schutzpockenerkrankungen hervorzubringen. In allen 
Versuchen wurde der Pockenschutz der geimpften Kinder durch die 
Inokulationsprobe bestätigt. 

Die Inokulation war bei einigen Kindern schon am ö. Tage, also 
eigentlich zu früh, bei den anderen jedoch erst nach Eintritt des Impf- 
schutzes am 10. Tage oder später vorgenommen worden. In keinem 
Falle kam es zu einem allgemeinen Ausschlag. 

Ende März 1803 schrieb Sacco an Jenner, dass er 



'200 Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

von den Pusteln eines bei der Mauke angesteckten Kutschers 
Stoff entnommen, durch mehrere Reihen von Kindern fortge- 
impft und den eingetretenen Impfschutz durch die Inokulation 
nachgewiesen habe. Nach wenigen Monaten berichtete auch 
de Carro von ähnlich günstig verlaufenen Versuchen eines 
Arztes la Font in Saloniki. Einige Jahre später (1813) er- 
hielt Jenner selbst von einem Wundarzt Melon Maukestoff. 
der sich in einer Reihe von Impfungen der Vaccine gleich- 
werthig erwies. Er verwendete in den letzten Jahren seines 
Lebens solchen Stoff wiederholt mit Erfolg zu Impfungen 
und pflegte ihn im Gegensatz zur Vaccine „Equin e" zu nennen. 
Ueber eine Kette solcher Impfungen sei sein eigener vom 
1. April 1817 datirter Bericht in Uebersetzung wieder- 
gegeben: 

„Ursprung und Fortzüchtung des Equinestoffs von dem Gutshof 
Allen beiWansell. Vom Pferd auf Allen ; von Allen auf 2 oder 3 seiner 
Milchkühe; von den Kühen auf James Cole, einen jungen Melker im 
Hofe; von James Cole auf John Powell, durch Impfung von einer Blase 
an der Hand des Cole, sowie auf Anne Powell, ein Kind; von Powell 
auf Samuel Rudder; von Rudder auf Sophia Orpin und auf Henry 
Martin; von H. Martin auf Elizabeth Martin. All dies ging mit voll- 
kommener Regelmässigkeit 8 Monate lang; dann wurde der Stoff mit 
anderer Lymphe vermischt, so dass später kein Journal mehr darüber 
geführt wurde. Es wurde der Beweis erbracht, dass die Patienten 
wirklich geschützt waren". 

Im Jahre 1518 züchtete Kahlert in Prag aus Equine 
Vaccine und in späterer Zeit haben, wie hier vorweggenommen 
werden darf, die Wahrnehmungen von Lafosse in Rieumes 
bei Toulouse (1860), von Amyot und ßouley in Alfort 
(1863), von Peuch in der Umgebung von Toulouse (1880) 
und in Algier (1882) das Vorkommen von bläschenförmigen 
Ausschlägen, welche durch Uebertragung bei Kühen und 
Menschen eine der Vaccine gleichartige Krankheit hervorbringen, 
bestätigt. Die Ausschläge beschränkten sich nicht auf die 
FesseJbeuge, sondern wurden auch an den Augenhöhlenrändern, 
in der Nasen- und Kinngegend und besonders in der Um- 
gebung dar Geschleehtstheile beobachtet, auch bei der Be- 
gattung von einem Thier auf das andere übertragen. Ihre 
Unterscheidung von ähnlichen Eauterkrankungen des Pferdes, 
namentlich anderen, nicht selten vorkommenden liläsclionaus- 
ilägen an den Geschlechtstheilen, dc\- Stomatitis aphthosa 



(Jnvollkominenheiten des [mpfschutzes. Wiederimpfung. 201 

und mannigfaltigen Geschwüren an den Fesseln (Schrunden- 
mauke) war nicht immer leicht, wurde jedoch durch das 
ßrgebniss der Impfungen sichergestellt. Die Equine wird 
auch von Autoritäten auf dem Gebiete der Thierheilkunde, 
wie Bollinger, Friedberger und Fröhner unter dem 
Namen „Schutzmauke" als eine thatsäehlich beobachtete 
Pferdekrankheit anerkannt. Dagegen besteht gegenwärtig 
darüber kein Zweifel mehr, dass diese Krankheitsform sehr 
selten vorkommt und mit den gewöhnlich als Mauke bezeich- 
neten Erkrankungen der Pferde nichts gemein hat. Auf die 
Forschungen über den wahrscheinlichen Ursprung der Equine 
wird an späterer Stelle einzugehen sein. 

Hier genügt es festzustellen, dass Jenner nur insofern 
fehlging, als er aus seinen an und für sich richtigen Beob- 
achtungen zu allgemeine Schlussfolgerungen ableitete. So wenig- 
em Zweifel gerechtfertigt ist, dass er wirklich Kuhpocken- 
epidemien aus dem Infektionsstoff der Equine hat entstehen 
sehen, so sicher bestand ein solcher Zusammenhang in vielen, 
wahrscheinlich den meisten anderen Fällen nicht. Dem Be- 
gründer der Schutzimpfung zog sein Festhalten an seiner 
grease-Theorie empfindliche Angriffe zu, und noch in unserer 
Zeit ist es ein beliebtes Mittel der Impfgegner, Jenner deshalb 
der Oberflächlichkeit zu zeihen und seine wissenschaftliche 
Befähigung in Zweifel zu ziehen. 

Immerhin handelte es sich bei der Equinefrage nur um 
einen wissenschaftlichen Streit, dessen Ausgang für das Ur- 
t.heil über den praktischen Werth der Impfung nicht von Be- 
deutung war. Letzterer beruhte auf der Gefahrlosigkeit 
und der schützenden Kraft der Kuhpocken; erwiesen 
sich Jenner's Angaben hierüber nicht als zutreffend, so ge- 
riethen die Grund vesten seiner Lehre ins Wanken. 

Der Kampf gegen diese Hauptpunkte in Jenner's. Be- 
weisführung wurde fast unmittelbar nach dem Erscheinen 
seiner zweiten Mittheilung eröffnet. Im Jahre 1800 verbreitete 
ein ungenannter Verfasser eine Druckschrift mit dem Titel: 
„Eine besonnene Prüfung der Umstände und Vorgänge be- 
züglich der Kuhpockenimpfung", in welcher der Versuch ge- 
macht wurde, aus Jenners eigenen Darlegungen den Beweis 
zu führen, dass- weder die Gefahrlosigkeit der Impfung, noch 
die Sicherheit des Impfschutzes genügend verbürgt seien. 
Die maasslose Sprache dieser Veröffentlichung wurde aber 
bei weitem überboten durch die Schmähschriften, welche in 



202 l'nvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung'. 

rascher Folge ans den Kreisen der besonders an der Inoku- 
lationspraxis betheiligten Aerzte und Heilbeflissenen stammten. 
Der Verdruss über die ihrem Erwerbe drohende Gefahr liess die 
wunderlichsten Anschuldigungen entstehen. Da warnte das Mit- 
glied des hochangesehenen Aerzte-Collegiums (royal College of 
physicians) Moseley vor den schrecklichen Krankheiten und den 
unabsehbaren Folgen für Körper und Seele, welche die Einverlei- 
bung einer thierischen Flüssigkeit nach sich ziehen müsse. Sei es 
ausgeschlossen, dass den Geimpften Hörner wachsen würden, 
und dass in dem durch ein thierisches Fieber erhitzten Körper 
Yierlüsslerneigungen entstehen könnten, wie einst bei Pasiphae, 
der Mutter des Minotaurus? Da eiferten das Mitglied der 
Universität Oxford Rowley und der AVundarzt vom Thomas- 
Hospital ßirch gegen die Vermessenheit, Gottes Ebenbild 
durch Vermischung mit thierischen Geschöpfen zu beflecken 
und den Pocken ihre Opfer zu entreissen, durch deren Tod 
Gottes allmächtige Vorsehung den Armen die Last der 
Familiensorge erleichtere. Da verbreiteten der Wundarzt 
Lipscomb und der Arzt Jones, letzterer unter dem Pseu- 
donym Squirrel, Wundermären von schrecklichen Folgen der 
Impfung. Ein Kind in Peckham hatte angefangen, auf allen 
Vieren zu laufen, wie eine Kuh zu brüllen, und wie ein Stier 
mit dem Kopf zu stossen. Das Gesicht eines Mädchens be- 
gann dem eines Ochsen ähnlich zu werden. Die Tochter 
einer vornehmen Dame hustete wie eine Kuh und bekam 
Haare am ganzen Leib. Andere Geimpfte schielten, wie nur 
Ochsen schielen können; noch andere hatten die Nägel und 
Fingerspitzen verloren. Ausschläge, Geschwüre, Räude, Ab- 
scesse, Krätze und Flecken, Drüsengeschwülste, Gelenk- und 
Knochenerkrankungen, Fieber und Blindheit, Brand, Krämpfe 
und zahlreiche Todesfälle waren nach äev Impfung vorge- 
kommen. Squirrel war von solchem Entsetzen darüber er- 
füllt, dass er „als Mann von Ehre und Gefühl" sich der 
Impfung nicht unterwerfen, ihr nichl zustimmen konnte. Er 
forderte alle, die geimpft waren, auf, sich von ihm retten zu 
lassen: mit Quecksilber wollte er jedes Partikelchen des Kuh- 
pockengiftes aus dem Blute vertreiben. Smith Stuart 
brachte ein Bild der Vaccination „als ein mächtiges und 
schreckliches Ungeheuer mil den Hörnern eines Stiers, den 
hinteren Hufen eines Pferdes, den Kinnladen eines Kraken. 
den /ahnen und Klauen eines Tigers, mil allen Hebeln aus 
Pandoras Büchse im Leihe, welches in <\>'v Well erschienen 



L'nvolllvonimenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 203 

sei, um das menschliche Geschlecht zu verschlingen, vor 
Allem die armen hilflosen Kinder, nicht nach Dutzenden oder 
'rausenden, sondern nach Hunderttausenden". 

Von Angriffen solcher Art war allerdings ernsthafter 
Schaden für die Sache der Impfung nicht, zu befürchten; 
aber die Thatsache, dass Mitglieder der angesehensten ärzt- 
lichen Körperschaften sich zu einer so fanatischen Bekämpfung 
des neuen Verfahrens hinreissen liessen, blieb doch nicht ganz 
ohne Eindruck auf die Bevölkerung. Ueberdies wurde von 
den Gegnern die Schutzkraft der Vaccine unablässig mit 
grösster Entschiedenheit bestritten. Sie beriefen sich zum 
Beweise auf Einzelfälle, in welchen trotz voraufgegangener 
Impfung Pockenerkrankungen eingetreten sein sollten. Zwar 
konnten die Freunde der Impfung solche Vorkommnisse in 
der Regel zunächst dadurch aufklären, dass von Jenners 
..goldener Regel", nur flüssige, aus reinen Pusteln entnommene 
Lymphe zu verwenden, abgewichen und nach einer von 
anderer Seite im Druck verbreiteten Instruktion Krusten von 
den eintrocknenden Blattern vom 13. Tage des Impfverlaufs ab 
benutzt worden waren, wobei, wie jetzt jeder Impfarzt weiss, 
eine erfolgreiche Impfung kaum zu Stande kommen konnte. 
Im Jahre 1804 begannen jedoch die Berichte über Pocken- 
erkrankungen bei Geimpften häufiger zu werden und selbst 
unter Jenner's Freunden Zweifel hervorzurufen. Schon 
damals vermutheten einzelne Aerzte, dass die Dauer des 
Impfschutzes begrenzt sei; aber diese Erklärung drang nicht 
durch, weil Jenner selbst sie verwarf. Seine und seines 
Freundes Dunnings Versuche, das Ausbleiben des Impf- 
schutzes auf ungenügende Entwickelung der Pusteln, Kom- 
plikation des Impfverlaufs durch Herpesausschläge u. dergl. 
zurückzuführen 1 ), genügten andererseits nicht, um die Gegner 
zu entwaffnen. Unter diesen Umständen entschloss sich das 
Königliche Jenner-Institut, eine Kommission von 25 ihrer .Mit- 
glieder einzusetzen, deren Aufgabe es war, zu prüfen, ob der 
Impfschutz sich wirklich trügerisch erwiesen habe, und ob 
nach der Impfung thatsächlich nachtheilige Folgen beobachtet 
worden seien. 

Der unterm 2. Januar 1806 erstattete Bericht der Kom- 
mission lautete günstig für die Impfung. 



1) Vergl. Jenner's Schrill: „Varieties and Modifications of the 
Vaccine Pnstule, occasioned by a State of the Skin." 



204 Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

Die meisten Angaben über Ausbleiben des Impfschutzes hatten 
sich als ganz unbegründet erwiesen, beruhten auf Missverständnissen 
oder waren von den ursprünglichen Berichterstattern selbst nicht auf- 
recht erhalten worden. Die Häufigkeit derselben konnte darauf zurück- 
geführt werden, dass Gegner der Impfung die bereits widerlegten Be- 
hauptungen immer von neuem vorgebracht hatten. Vielfach war nicht 
zu erweisen gewesen, dass die vor den Pocken überstandene Krankheit 
mit den Kuhpocken identisch gewesen, oder dass eine vorausgegangene 
Impfung erfolgreich verlaufen war. Für einige wenige Fälle 
musste zugegeben werden, dass nach wohl überstandenen 
Kuhpocken wirkliche Pockenerkrankungen eingetreten 
seien. 1 ) Aber diesen Fällen konnten andere gegenüber- 
gestellt werden, in denen auch die ächten Pocken oder 
die Inokulation nicht gegen eine zweite, oft schwere Er- 
krankung an natürlichen Blattern geschützt hatte. Als eine 
wohlbeglaubigte Thatsache galt es der Kommission, dass in einigen be- 
sonderen Zuständen gewisser Constitutionen die Impfung mit Kuhpocken 
oder ächten Pocken nur eine örtliche, die Constitution nicht beein- 
flussende Krankheit erzeugt, dass jedoch der Inhalt der dabei entstan- 
denen Pusteln, je nach Art des erst verwendeten Impfstoffs, gleichwohl 
bei Fortimpfung regelrechte Kuhpocken oder Pocken hervorbringt. Ein 
solcher Verlauf hatte sich insbesondere bei der Inokulation Geblätterter 
als möglich erwiesen. Ausdrücklich wurde hervorgehoben, 
dass die Fälle, in denen die Schutzkraft der Impfun g ver- 
sagte, äusserst selten gewesen seien, daher nur als Ab- 
weichungen von der Regel betrachtet werden und die Impf- 
thätigkeit nicht beeinträchtigen dürften. Die Kommission 
hui) dann die grossen Erfolge der Impfung hervor und erklärte diese 
schliesslich für einen im Allgemeinen milden und unschädlichen Ein- 
griff. Einige wenige Fälle, welche man als Beweise des Gegentheils an- 
geführt habe, könnten wohl Eigenthümlichkeiten der Constitution zuge- 
schrieben werden. Man habe viele wohlbekannte Hautkrankheiten und 
einige skrophulöse Leiden als Folgen der Impfung dargestellt, wäh- 
rend diese in Wirklichkeit andere Ursachen gehabt hätten und in 
vielen Fällen erst lange nach der Impfung eingetreten seien; auch 
seien solche Krankheiten sehr viel seltener nach der Impfung als 
nach den wirklichen Pocken oder nach der Inokulation beobachtel 
den. 



1) Eine ungefähr gleichzeitige Schrift voujWillan weisl 17 eigene 
derartige Beobachtungen des Verf. und 24 weitere Fälle von Blair, 

< ; o 1 .1 son o. a. nach. 



Unvolllcommenheiten des lnipr.sclmty.es. Wiederimpfung. 205 

Die Schlusssätze lauteten: „Die Aerzte-Kommission kann 
ihren Bericht über einen so hochwichtigen und alle Klassen 
der Bevölkerung interessirenden Gegenstand nicht schliessen. 
ohne feierlich zu erklären: — dass nach ihrer auf eigenen 
Erfahrungen und auf Mittheilungen von Anderen beruhenden 
Meinung die Menschheit infolge der Entdeckung der Impfung 
schon grosse und unschätzbare Wohlthaten genossen hat; und 
es ist ihre volle Ueberzeugung, dass die sanguinischen Er- 
wartungen auf Vortheil und Sicherheit, welche durch die Ein- 
impfung der Kuhpocken erzeugt worden sind, sich schliess- 
lich vollkommen erfüllen werden." 

Die Gegner wurden durch diese Erklärung nicht zum 
Schweigen gebracht; namentlich griff Birch den Bericht 
in einer längeren, sehr scharf, aber im Allgemeinen doch 
sachlich gehaltenen Erwiderung an, welche die Zuge- 
ständnisse der Kommission verwerthete, die Seltenheit der 
Fehlerfolge der Impfung bestritt und die Schädlichkeit der 
Impfung behauptete. Neues Beweismaterial lieferte Birch 
indessen nicht; ein grosser Theil seiner Darlegung bestand 
in der Vertheidigung seines eigenen von der Mehrheit seiner 
Berufsgenossen abweichenden Verhaltens, und schliesslich 
gipfelten seine Ausführungen in der Empfehlung der In- 
okulation als eines vollkommen wirksamen und vorwurfs- 
freien Schutzverfahrens. 

Birch und seine Gesinnungsgenossen hatten jetzt nur 
noch geringen Erfolg. Durch den Kommissions-Bericht wurde 
das Ansehen Jenner 's wesentlich gehoben, und als ein Jahr 
später das Königliche Collegium der Aerzte ein gleich gün- 
stiges Gutachten für die Impfung abgab, bewilligte ihm das 
Parlament gemäss einer Vorlage des Kanzlers des Schatz- 
amtes Lord Pettv am 29. Juli 1807 eine zweite Dotation 
von 20000 Pfund Sterling (400000 Mark) für seine Verdienste 
um die Verbreitung der Schutzimpfung. 

Auch später sah sich Jenner noch oft genöthigt, den 
Schutzwerth der Impfung zu vertheidigen. Im Jahre 1808 
gab ein Pockenausbruch in Ringwood in der Grafschaft 
Hampshire den Gegnern Anlass zu neuen Angriffen, die erst 
nachliessen, als der Nachweis erbracht war, dass die Ent- 
stehung der Epidemie die Folge einer Vernachlässigung der 
Impfung daselbst gewesen, und dass keine einzige erfolgreich 
geimpfte Person erkrankt war. In demselben Jahr wurde zu 
London eine öffentliche Versammlung abgehalten, deren 



*20G Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

Tagesordnung lautete: Was ist ein schlagenderes Beispiel für 
die Leichtgläubigkeit der Menge gewesen, die Gaslaternen des 
Herrn Winsor, oder die Kuhpockenimpfung?" 

Ein weit grösseres Aufsehen als jene Vorkommnisse er- 
regte die Pockenerkrankung eines etwa 10 Jahre vorher von. 
Jen n er selbst erfolgreich geimpften Sohnes des Lord Gros- 
venor in London 1811; die Krankheit verlief Anfangs unter 
bedrohlichen Erscheinungen, nahm dann aber unerwartet 
schnell eine günstige Wendung, was die behandelnden Aerzte 
der vorausgegangenen Impfung zuschrieben ; auch blieben die 
ebenfalls erfolgreich geimpften Geschwister des Kranken ge- 
sund. i\_ber ungefähr gleichzeitig wurden auch einige andere 
Fälle ähnlicher Art bekannt, und die Nationalimpfanstalt 
musste in einem besonderen Bericht die öffentliche Meinung 
beruhigen. Jenner hatte den jungen Grosvenor selbst be- 
sucht und ohne Rückhalt seinen Misserfolg zugestanden; er 
litt unsäglich unter der allgemeinen Aufregung, die in einer 
Fluth von Anfragen und Kundgebungen des Zweifels ihren 
Ausdruck fand und Jenner um so unmittelbarer traf, als er 
sich damals in geschäftlichen Angelegenheiten in London befand. 

Im Jahre 1813 erkrankten in einer von Adams be- 
schriebenen Epidemie zu Forfar 150 geimpfte Personen an 
Pocken, von denen freilich die meisten von unwissenden Per- 
sonen vaccinirt, viele aber doch dem Anscheine nach erfolg- 
reich geimpft waren. Später erlangten die Pocken in Gross- 
britannien, namentlich in Edinburg, wieder eine weitere Ver- 
breitung; auch hörte man häufiger von Pockenerkrankungen 
bei Geimpften, was Jenner veranlasste, im Jahre 1821 an 
die angesehensten Aerzte des Königreichs ein gedrucktes 
Rundschreiben zu versenden, welches die Aufforderung ent- 
hielt, Beobachtungen darüber anzustellen, 1) ob die Schutz- 
pocken sich beim Bestehen von Herpes- oder anderen Aus- 
schlägen ebenso regelmässig entwickeln wir. auf der gesunden 
Haut, 2) ob das Bestehen solcher Ausschlagskrankheiten 
der Wirksamkeit der eingeimpften Lymphe Eintrag thue, 
:; oli dm Beobachtern Fälle von Pockenerkrankungen bei Ge- 
impften \orgekoimnen seien, und zutreffendenfalls ob als Ur- 
sache davon Unregelmässigkeiten des [mpfverlaufs unter dem 
Einfluss solcher Hautkrankheiten zu ermitteln gewesen seien. 
In seiner I eberzeugung von der Thatsache des Impfschutzes 
blieb er unerschüttert, ohne die bereits im Jahre 1799 in seinen 
Further Observations zugestandene Möglichkeif einzelner Ans- 



Unvollkommenheiten des [mpfschutzes. Wiederimpfung. '207 

nahmefälle zu bestreiten, [mmer wieder bestätigte seine un- 
mittelbare Beobachtung die Richtigkeit seiner Lehre, immer 
von neuem berichteten ihm hervorragende Berufsgenossen im 
eigenen Lande und aus der Fremde über gleiche Wahrneh- 
mungen. Auf dem Umschlage eines ihm 12 Tage vor seinem 
Tode zugegangenen Briefes fand man die von seiner Hand 
niedergeschriebenen Worte: „Meine Ansicht von der 
Impfung ist genau dieselbe wie zur Zeit, als ich 
die Entdeckung zuerst bekannt gab. Sie ist nicht 
im geringsten durch irgend ein seither einge- 
tretenes Ereigniss gestützt worden, weil sie keine 
weiteren Stützen erhalten konnte. Sie ist nicht 
im geringsten erschüttert worden, denn wenn die 
Misserfolge, von denen Sie sprechen, sich nicht 
ereignet hätten, so würde die Wahrheit meiner 
Lehren bezüglich der Ursachen derselben nicht 
offenbar geworden sein". 

Neben der durch die Zweifel am Impfschutz nc-thwendig gewor- 
denen Abwehr musste Jenner durch die Einführung seiner Entdeckung 
noch mancherlei Kämpfe bestehen und Widerwärtigkeiten erleiden. 
Nach der Bewilligung der ersten Dotation im Parlament hatte er sich 
in London niedergelassen, musste aber bereits nach wenig über einem 
Jahre zu seiner Landpraxis zurückkehren, weil seine Einnahmen hinter 
seinen Erwartungen zurückblieben. In dem Jenner-Institut sah er sich 
genöthigt, die Absetzung des Sekretärs und Impfarztes für London. 
Walker, zu fordern, weil dieser die Impfungen nicht nach den ihm 
gegebenen Vorschriften ausführte und sich auch andere Unregelmässig- 
keiten zu Schulden kommen liess. Zerwürfnisse innerhalb der Gesell- 
schaft veranlassten ihn später, sich gauz davon zurückzuziehen. Bald 
stellte das Institut aus Mangel an Mitteln seine Thätigkeit fast voll- 
kommen ein: im Jahre 1813 lehnte Jenner die Annahme seiner Wahl 
als Präsident ab. Im Jahre 1808 errichtete die Legierung selbst 
eine Nationalimpfanstalt, zu deren Direktor .Jenner ernannt 
wurde; er gab auch diese Stellung schon nach wenigen Jahren wieder 
auf, weil man ihm eme zu geringe Selbständigkeit in der Leitung be- 
liess und seine Vorschläge bei Anstellung des Unterpersonals nicht be- 
rücksichtigte. An seine Stelle trat Moore, den wir als Verfasser der 
Geschichte der Pocken schon in früheren Kapiteln kennen lernten. 

Auch Sorge und Kummer in der Familie, der Verlust seines 
ältesten Sohnes Edward, der im Jahre 1810 an der Lungenschwindsucht 
starb, seiner Schwester und seiner Gattin trübten die Jahre seines Alters. 

Aber er hatte andererseits die schöne Genugthuung, dass trotz aller 



208 Unvollkoromenkeiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

Anfeindungen sein Name hochgeachtet blieb. Von mehreren Städten, 
wie Dublin und Edinburg, wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Die 
Universität Oxford verlieh ihm im Jahre 1813 den Grad des Ehren- 
Doktors, nachdem er schon 7 Jahre vorher vom Königlichen Aerzte- 
Collegium zu Edinburg einstimmig zum Ehrenmitglied erwählt worden 
war. Im Jahre 1814 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Königlichen 
Akademie der Wissenschaften zu München ernannt. Aus Indien wurde 
ihm im Jahre 1812 eine durch Subskription aufgebrachte Ehrengabe von 
fast 10000 Pfund Sterling übersandt. Selbst die Häuptlinge der fünf 
bedeutendsten Indianerstämme richteten an ihn ein Dankschreiben. In 
den südamerikanischen Staaten war die Impfung wie ein Gottesgeschenk 
aufgenommen und allgemein verbreitet worden. Die mächtigsten Fürsten 
Europas zeichneten Jenner wiederholt aus. Napoleon und der König 
von Spanien gaben Gefangene auf seine Fürsprache frei. Kaiser 
Alexander von Pvussland und König Friedrich Wilhelm III. empfingen 
ihn bei ihrer Anwesenheit in London im Jahre 1814 in Audienz; auch 
mit Feldmarschall v. Blücher traf er damals zusammen. Seine letzten 
Jahre brachte er in Zurückgezogenheit theils in Berkeley, theils auf seinem 
Landsitz Cheltenham zu, unablässig beschäftigt mit der Förderung seines 
Lebenswerks. Im Jahre 1818 schenkte er seinem ersten Impfling, James 
Phipps, ein Haus, dessen Garten er durch eigenhändig gepllanzte Rosen- 
stöcke zierte. Sein Tod erfolgte am 26. Januar 1823 infolge eines 
Schlaganfalls. 

Jenner starb im Bewusstsein des unvergänglichen Werthes 
seiner Entdeckung und in der festen Zuversicht, dass diese 
ihre weiteren Proben auch ohne seine Hülfe bestehen würde. 
Schon die folgenden Jahre sollten ihm Recht geben; denn 
gerade jetzt überwand die Impfung ihre schwerste Krise. 

In dem Maasse, wie die Pocken im Anfange des Jahr- 
hunderts seltener geworden waren, hatte sich auch der An- 
theil der Geblätterten unter dem Nachwuchs der Bevölkerung 
im Vergleich zu früher vermindert. Dabei war Jenner's 
Wunsch, dass alle Kinder geimpft werden möchten, keines- 
wegs in ErfülluDg gegangen; nach den im 8. Capitel ge- 
gebenen /mIiIcii konnte es in jener Zeit schon ein günstiges 
Verhältniss genannt werden, wenn in einem Ort oder Bezirk 
annähernd die Hälfte der Kinder des Impfschutzes theilhaftig 
wurde. Gerade in den vereinigten Königreichen Grossbri- 
tanniens hatte der Eifer für die [mpfung unter dem Gefühl 
der durch die Abnahme der Pocken gegebenen Sicherheit und 
infolge der unablässigen Agitation der [mpfgegner nachge- 



UnvoUlcommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 20') 

lassen. In Glasgow z. B. hatte man in den Jahren von 
1801 — 1811 im Jahresdurchschnitt 1400 Kinder geimpft, in 
den folgenden 7 Jahren zählte man nur noch durchschnittlich 
909, im Jahre 1818 nur 650 Impfungen. In Norwich hatte 
man bei einem Pockenausbruch im Jahre 1812 zu dem Mittel 
gegriffen, unvermögenden Personen, welche ihre Kinder impfen 
Hessen, ein Geldgeschenk von einer halben Krone (2,50 M) zu 
geben, worauf in diesem Jahre 1300 Personen geimpft wurden; 
aber schon im folgenden Jahre sank die Zahl auf 511, 1814 
und 1815 auf 47 und 11; im Jahre 1816 stieg die Ziffer 
infolge des Neuauftretens der Blattern nochmals auf 348, um 
dann in den beiden nächsten Jahren nur noch eine Höhe von 
49 und 64 zu erreichen. 

Unter solchen Umständen sammelten sich allmählich un- 
geschützte Kinder und halberwachsene Personen in solchen 
Mengen an, dass diese im Verhältniss zu der Gesammtbe- 
völkerung hinter den im 18. Jahrhundert nach epidemiefreien 
Jahren errechneten Zahlen von Pockenfähigen zum mindesten 
nicht zurückblieben. Bei dieser Zunahme der Emp fänglich - 
keit für die Pocken konnte ein Wiederauftreten grösserer 
Epidemien nicht ausbleiben. Schon frühzeitig, wie 1808 in 
Ringwood, 1813 in Forfar, 1812 und 1816 in Norwich, wurde 
das Volk durch ernstere Blattern aus bräche gewarnt; aber es 
gelang jedesmal durch vermehrte Impfthätigkeit schnell wieder 
der Seuche Herr zu werden, worauf die Anwendung des Schutz- 
mittels von neuem vernachlässigt wurde. Die Strafe blieb 
nicht aus; denn gegen das Ende des zweiten Jahrzehnts seit 
der Entdeckung der Impfung begannen die Blattern einen 
neuen Verheerungszug. Die Seuche trat schon im Jahre 1816 
mit ungewöhnlicher Heftigkeit in Montpellier auf, verbreitete 
sich dann über viele Städte in der Proverice und griff auch 
auf andere Theile Frankreichs über. Vom Jahre 1817 ab 
erschienen in den französischen Rapports statt der Mit- 
theilungen über Einzelfälle nur noch die Gesammtzahlen der 
Todesfälle. Ungefähr gleichzeitig kam es auch in Italien 
wieder zu grösseren Pockenepidemien. In der Zeit von 1816 
bis 1819 wurde die Seuche in stärkerer Verbreitung in Ant- 
werpen beobachtet. Vom Jahre 1817 ab wurde Schottland, 
dann England heimgesucht; bald darauf griff die Krankheit 
von den Seehäfen aus in Mittel- und Nordeuropa, ferner in 
Amerika um sich. Ihren Lauf im einzelnen zu verfolgen ge- 
stattet das überlieferte Material nicht; dass es sich jedoch 

Kubier, Geschichte d. Pocken n. d. Impfung. i i 



210 Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

um eine weitverbreitete Epidemie, wenn nicht um eine allge- 
meine Pandemie gehandelt hat, kann bei der Fülle der aus den 
verschiedensten Städten und Verwaltungsgebieten in den Biblio- 
theken gesammelten Sonderberichte und Abhandlungen nicht 
bezweifelt werden. Besonders eingehend ist u. a. das Auf- 
treten der Pocken in folgenden Städten beschrieben worden: 
Edinburg 1817 — 18 (Monro und Thomson), Rotterdam 1818 
(Hodenpyl), Marseille, Bordeaux und andere französische 
Städte 1818 und folgende Jahre (Husson), Norwich 1819 
(Gross), New- York, Philadelphia und andere amerikanische 
Städte 1820 und folgende Jahre (Mitchell, Jameson, 
Gerson), Eckernförde " 1822 (Luders), Utrecht 1822—24 
(Tueshink, Brvde, Colin), Genf 1822—23 (Ooindet), 
Dublin 1823—24 (Clarke), Gothenburg, Stockholm und 
Schweden überhaupt 1823 und folgende Jahre (van Booch), 
Berlin 1823—24 (Hufeland, Bremer), Mailand 1823 und 
1825 (Sacco), Kopenhagen und Dänemark überhaupt 1824 
bis 1827 (Moni, Wendt), Lausanne 1827 (Zink), Marseille 
und Digne 1827—28 (Robert). 

Das Wiedererscheinen der Pocken wirkte allerwärts über- 
raschend. „Mir war es von höchstem Interesse," schrieb 
Hufeland im Jahre 1824, „Gegenstände, die vor 30 und 40 
Jahren, begünstigt durch die damals allgemein herrschende 
Pockenkrankheit, meine ganze Aufmerksamkeit und sorg- 
fältigste Prüfung auf sich gezogen hatten, nachher aber 
zwanzig Jahre lang durch die eingeführte Vaccination der 
Beobachtung fast ganz entrückt worden waren, mir wieder 
vor Augen gestellt zu sehen, und zwar mit den merkwürdigen 
Veränderungen, die eben diese Vaccination in ihnen hervor- 
gebracht hatte." 

Das Verhalten der Geimpften, worauf Hufeland 
hinweist, war in der Tliat geeignet, die Aufmerksamkeit der 
Aerzte auf sich zu ziehen und Erörterungen hervorzurufen, 
deren Endergebnisse die Grundlagen der gegenwärtigen 
wissenschaftlichen Anschauungen über den Impfschutz geliefert 
haben. Auszüge aus der sehr umfangreichen Litteratur finden 
sich, Leider in wenig übersichtlicher Anordnung, in dem Buche 
Wernher's ..Zur Empffrage." liier können nur die wesent- 
li'-lMeii Vorgänge jenes Abschnittes der Pockengeschichte zu- 
sammengestellt und die wichtigsten Entwickelungsphasen ver- 
folg! werden, in welchen sich (\cv Wandel (\cv wissenschaft- 
lichen Anschauungen vollzog. Das meiste, was damals nieder- 



Uli Vollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. "21 1 

geschrieben wurde, hat jetzt nur noch geschichtlicher Werth, 

wenngleich der zusammengetragene Schatz von Einzelbe- 
obachtungen ein bleibendes Material für wissenschaft- 
liche Arbeiten liefert. Unter den vielen begabten, eifrigen 
und gewissenhaften Aerzten, die im zweiten und dritten Jahr- 
zehnt des 19. Jahrhunderts das Verhältniss der Pocken zur 
Impfung erforschten, gab es leider keinen einzigen, der Scharf- 
blick und Kraft genug besessen hätte, um den Kernpunkt der 
Frage nicht nur sicher zu erfassen, sondern auch unbeirrt 
festzuhalten. 

Gleich in den ersten neuen Epidemien war die That- 
sache aufgefallen, dass sich unter den Kranken viele geimpfte 
Personen befanden; die gleiche Beobachtung wiederholte sich 
bei allen späteren Pockenausbrüchen. In Edinburg waren 
von 70 durch H. Devar beobachteten Pockenkranken 34 
geimpft, von 556 Kranken Thomson's 310; besonderes Auf- 
sehen erregte die Erkrankung des erfolgreich geimpften Sohnes 
eines Arztes Hennen. In Philadelphia sollen 4000 — 5000 
Geimpfte erkrankt sein. In Dublin zählte man 1823 und 
1824 unter 584 Kranken 94 Geimpfte. Im Kopenhagener 
Blatternspital behandelte Möhl in den Jahren 1825 — 1827 
unter 988 Blatternkranken 659, bei denen eine Impfung statt- 
gefunden hatte. In Marseille zählte man im Jahre 1828 
unter rund 6000 Kranken ungefähr 2000 Geimpfte. Im 
Londoner Pockenhospital sah Gregory die Zahl der Ge- 
impften unter seinen Kranken von Jahr zu Jahr steigen. 
Im Jahre 1809 gab es dort unter 146 Pockenkranken 
4 Geimpfte, d. i. 36,5:1, 1819 schon unter 97 17, d. i. 
5:1, 1822 unter 194 57, d.i. 4:1, 1825 unter 305 gar 
147, d. i. fast 2 : 1. 

Es ist verständlich, dass Gregory nach solchen Beob- 
achtungen an der Schutzkraft der Impfung zu zweifeln be- 
gann. Aber die überwiegende Mehrheit der Aerzte aller 
Länder Hess sich nicht beirren. Als Dr. Chambon i. J. 
1819 in der Pariser Akademie der Wissenschaften eine Ab- 
handlung verlas, welche den Impfschutz in Abrede stellte, 
entstand eine solche Unruhe, dass er seine Vorlesung unter- 
brechen musste. Mit Recht hielt man es eines Forschers 
nicht für würdig, eine wissenschaftlich geprüfte und oft be- 
wiesene Lehre aufzugeben, ohne den Versuch gemacht zu 
haben, für die damit nicht übereinstimmenden neueren Be- 
obachtungen eine Erklärung zu linden. Dieser Versuch durfte 

14* 



"212 Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

um so weniger unterbleiben, als die Thatsache des 
Impfschutzes auch in den [neuen Pockenepidemien 
durch mannigfache Beobachtungen erwiesen wurde. 

Gross hatte in Nor wich die Pockenkranken in 112 
Familien mit insgesammt 603 Personen behandelt. In diesen 
Familien gab es nur 57 Personen, welche früher geimpft 
waren; 55 davon blieben gesund, obwohl sie mit den Kranken 
das Zimmer und oft das Bett theilten, nur 2 erkrankten in 
ganz milder Form; von 34 anderen, welche während der 
Epidemie geimpft wurden, bekamen 3 Kinder einen Ausschlag, 
der im ernstesten Falle aus 11 Pusteln bestand. Von den 
übrigen 512 Familienangehörigen hatten 297 die Krankheit 
schon früher durchgemacht, einige davon erkrankten jetzt zum 
zweiten Male (die genaue 'Zahl giebt Cross nicht an); aber 
von den 215 verbleibenden, welche weder geimpft noch ge- 
blättert waren, starben 46 an der Seuche und nur 15 blieben 
von der Krankheit gänzlich verschont. 

In Marseille gab es nach einer Schätzung der dor- 
tigen ärztlichen Gesellschaft unter 40 000 Einwohnern, die 
jünger als 30 Jahre waren, 30 000 Geimpfte, 2000 Ge- 
blätterte und 8000 ungeschützte Personen; von der ersten 
Klasse erkrankten 2000, von der zweiten 20 und von der 
dritten 4000. 

Einige weitere Beispiele sind von Lüders zusammen- 
gestellt, 

Mehrfach, z. B. aus Norwich und Würzburg, ist be- 
richtet, dass die Epidemien durch Vornahme von Massen- 
impfungen unterdrückt wurden. 

Das Verhältniss der Erkrankten unter den Geimpften 
wurde verschieden hoch eingeschätzt, z. B. von Will an auf 
1 : 500, von Genfer Äerzten auf 1 : 60, von Morton auf 
4 : 100, von Cross (bei intensivster Ansteckungsgefahr) auf 
1:20; darin aber stimmen die Berichterstatter überein, dass 
die Ungeschützten überall verhältnissmässig viel häufiger Von 
den Blattern betroffen wurden, als die Geimpften und die 
Geblätterten. 

Als die rocken im Jahre 1823 nach Berlin kamen, 
konnte, wie Hufeland erzählt, die Verschleppung des Giftes 
in alle Quartiere der Stadt nicht verhütet werden, weil die 
Sperre sich als nicht ausführbar erwies. Trotzdem daher viele 
Menschen täglich raif den Angesteckten und den Personen 
ihrer Umgebung in Berührung kamen, theilte sieh die Krank- 



Unviillkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 213 

heit nur solchen mit, die entweder gar nicht vaccinirt waren 
oder meistens die Sehutzpocken nur ungewiss und unvoll- 
kommen überstanden hatten. 

Der hier von Hufeland geäusserte Zweifel bezüg- 
lich der vorausgegangenen Impfung bildete bei der 
grossen Zahl neuer und überzeugender Beweise für die Wirk- 
samkeit des Impfschutzes die nächstliegende und daher an- 
fangs auch am meisten beliebte Erklärung der Erkrankungen 
bei Geimpften; er war auch keineswegs ungerechtfertigt. 
Namentlich in der ersten Zeit der Impfung hatte es an guter 
Lymphe gemangelt; die von England versandten, mit Impf- 
stoff bestrichenen Lanzetten kosteten anfangs eine Guinee 
eil M.), später immer noch die Hälfte. Natürliche Kuh- 
pocken fand man in Preussen erst im Jahre 1812 auf einem 
Gute Below bei Berlin, aber schon in halbverkrustetem Zu- 
stande. Vielfach wurde mit der Impfung Betrug getrieben; 
in Paris verkaufte man noch im Jahre 1802 angebliche Vac- 
cinelymphc in den Galanterieläden. In Oberhessen impften 
umherreisende Vaccinateure, ohne den Erfolg abzuwarten, der 
stets ausblieb. Man wusste anfangs nicht, dass die Haltbar- 
keit der Lymphe gering war; die Aufbewahrung an Fäden, 
Baumwolleflocken oder Läppchen war unzweckmässig und 
führte vielfach zu Verunreinigungen, welche heftige Hautent- 
zündungen zur Folge hatten, ohne class sich wirkliche Sehutz- 
pocken entwickelten. Ueber die Impfmethode bestand anfangs 
keine Einigkeit. Viel gebräuchlich war das Verfahren von 
Bryce, nur eine Impfstelle anzulegen und aus der entstan- 
denen Pustel nochmals zu impfen, bis keine neuen Pusteln 
mehr aufgingen. Andere Aerzte legten mehrere flache Schnitte 
an. Oft wurden auch weniger zuverlässige Verfahren ge- 
wählt. Man befestigte mit Lymphe imprägnirte und durch 
das Trocknen steinhart gewordene Fäden mit Pflaster auf 
einer Ritzwunde, zog solche Fäden durch Vesikator-Blasen 
u. dergl. Zahlreiche Impfungen wurden von Personen vor- 
genommen, denen die Fähigkeit abging, den Verlauf zu con- 
statiren und den Erfolg zu beurtheilen, und dabei handelte 
es sich keineswegs nur um Angehörige der gebildeten Stände, 
wie Damen der Aristokratie, Geistliche, Lehrer u.s.w., sondern 
oft genug um unwissende Barbiere, Kurpfuscher u. dergl. 
Vielfach begnügte man sich mit der Impfung und kümmerte 
sich dann weiter nicht mehr um die vaccinirten Kinder. In 



214 Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

den Inipfanstalten beklagte man sich, class nur ein Theil der 
Kinder zur Nachschau gebracht wurde. 

Die Aerzte vermutheten daher mit gutem Grunde, dass 
bei vielen Personen, die durch die Vaccination geschützt zu 
sein glaubten, eine erfolgreiche Impfung nicht stattgefunden 
hatte. Allein hiermit konnte nur ein Theil der Erkrankungen 
erklärt werden; denn allerwärts fanden sich Pockenkranke 
in mehr oder weniger grosser Zahl, bei welchen der regel- 
mässige Verlauf einer vorausgegangenen Impfung gut verbürgt 
oder durch deutliche Blatternnarben erwiesen war. Bald 
schien auch die Lösung dieses Käthsels gefunden zu sein. 
Hatten die Kranken die wahren Schutzpocken durchgemacht, 
so konnte die spätere Erkrankung nur in einer pockenähn- 
lichen, nicht in der echten Pockenkrankheit bestehen. Es 
ergab sich die Lehre von den falschen Pocken, den Vario- 
loiden. 

Auch hierfür lieferten die Beobachtungen thatsächliche 
Grundlagen. Zwar hatte es schon vor der Einführung der 
Impfung in Ausnahmefällen milde Pockenepidemien ge- 
geben; was man aber jetzt zu Gesicht bekam, war oft so 
abweichend von dem gewöhnlichen Bilde der Blattern, dass 
man darin kaum die alte gefürchtete Krankheit wiedererkannte. 
Schon im Jahre 1813 beobachtete Adams einen solchen 
atypischen Verlauf in Forfar, einem schottischen Städtchen 
von 2000 Einwohnern, wo 150 zum Theil nicht einwandsfrei, 
zum Theil aber auch gut geimpfte Personen erkrankten; die 
nach dem Ausbruchsfieber entstandenen Pusteln trockneten in 
wenigen Tagen zu harten, hornigen Krusten ein; das Eiterungs- 
lieber blieb aus. Aehnliche Hornblattern sah Black in 
Newton-Stewart bei 44 von 62 erkrankten Geimpften, wäh- 
rend 8 weitere an „Varicellen" und nur 10 wirklich an 
Pocken erkrankten. Auch aus anderen britischen Städten ist 
über derartige Wahrnehmungen berichtet. Als eigentlicher 
Begründer der Theorie von den Varioloiden ist Thom- 
son zu bezeichnen, der in der Edinburger Epidemie die Be- 
obachtungen von Adams bestätigte »um! durch reichhaltige 
eigene Eiiahnni.uen ergänzte. Seine Mitl bedungen liefern indessen 
kein klares, scharf umgrenztes Krankheitsbild; es gelang ihm 
so wenig die Begriffe Varicellen, Varioloiden und Variola von 
einander zu trennen, dass er sie nur als verschiedene Formen 
derselben, aus der Dämlichen Ursache entstandenen Krankheit 
auffasste. In der Thal sind unter den von ihm geschilderten 



I ii\ ollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 215 

krnnkenbeobachtungen unverkennbare Falle von Windpocken 
mit aufgeführt, wodurch die Uebersicht stark beeinträchtigt 
wird. Als eine sichere Thatsache ist jedoch nach seinem 
Berichte der fast stets auffallend leichte Verlauf der Krank- 
heit bei den Geimpften festzustellen. „Ms war unmöglich", 
schreibt er selbst, „die allgemeine Milde der Varioloiden- 
Epidemie bei den Geimpften und den Ernst, die Bösartigkeit 
und Tödtlichkcit derselben Krankheit bei den Nichtgeimpften 
zu sehen, ohne von der grossen und heilkräftigen Macht der 
Kuhpocken zur Umwandlung der Pocken bei den später da- 
ran Erkrankten überzeugt zu werden." 

Eine bestimmtere Darstellung der Varioloiden findet sich 
bei Lüders, der in seinem im Jahre 1824 erschienenen 
Buche nach einer eingehenden Litteraturübersicht und unter 
Berücksichtigung mehrerer von ihm selbst in Eckernförde be- 
obachteter Fälle zu dem Resultat kommt, dass ein grosser 
Theil der als Blattern Vaccinirter beschriebenen Exantheme 
reine Varicellen gewesen seien; in den anderen Fällen handele 
es sich um ächte, durch die Vaccine modificirte Blattern. Von 
der Variola vera unterscheiden sich nach seinen Mittheilungen 
diese Varioloiden durch folgende Hauptmerkmale: „1. Der Aus- 
bruch geschieht in successiven Haufen und nicht in den den 
Blattern eigenen regelmässigen Zeitabschnitten. 2. Es folgt ferner 
keine vollkommene Eiterung, sondern die später gekommenen, 
noch unvollkommenen Blattern vertrocknen und die weiter ge- 
diehenen gehen in Warzenpocken über. 3. Das seeundäre Fieber 
fehlt daher und 4. Das Stadium der Abtrocknung und ße- 
schorfung ist jedesmal weit kürzer als bei den regelmässigen 
Blattern, auch in den Fällen, da die ersten Stadien sich in die 
Länge zogen". An dem Exanthem bemerkt man entweder: 
.,1. Die wesentlichen Charaktere der Blattern a) in ihrem Sitze 
im Coriura, der sich durch die nachbleibende warzenförmige Er- 
höhung ihrer Basis und ihres Umfangs verräth: b) in ihrer 
Erzeugung regelmässiger ächter Blattern bei Individuen, welche 
die volle Empfänglichkeit für das Blattcrnkontagium haben. 
Durch Inokulation geschieht diese allemal, durch spontane 
Ansteckung weniger häufig." 

Diese Art der Blattern Vaccinirter — Variolois vaeeinica 
— findet Lüders am seltensten beschrieben und in ihrer Exi- 
stenz erwiesen. Häufiger zeigten die Varioloiden die Form und 
wesentlichsten Eigenschaften der Varicellen, welche sich ver- 
riethen a) durch den oberflächlichen Sitz zwischen der Epi- 



216 Unvolllcomineuheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

dermis und Cutis; b) negativ durch die Flüchtigkeit ihrer 
Erscheinung und den Mangel der nachbleibenden tuberkulösen 
Erhöhungen; c) vielleicht auch durch die Erzeugung von 
Varicellen durch spontane Ansteckung. Es sei nicht erwiesen, 
dass diese Form durch Inokulation Blattern hervorbringe. 

In der weiteren Litteratur jener Jahrzehnte finden sich 
immer neue Versuche einer klinischen Umgrenzung des Bildes 
der Varioloiden, bei Robert, dem Berichterstatter der Marseiller 
Epidemie, in Form einer mehrere Seiten umfassenden Tabelle, 
in welcher die einzelnen Symptome der 4 Perioden der Pocken 
den entsprechenden Erscheinungen bei den Varioloiden gegen- . 
übergestellt sind. Als Hauptmerkmale geben die meisten 
Autoren jener Zeit an: Abkürzung der Krankheitsdauer, ge- 
ringere Zahl und Grösse der Pusteln, schnelles Eintrocknen 
derselben ohne Eiterung, leichteren Verlauf und günstigen Aus- 
gang. Die durch Einbeziehung der Varicellen in den Begriff der 
Blattern bedingte Verwirrung dauert jedoch fort und findet 
ihre Begründung in Blatternerkrankungen, welche man auf 
Ansteckung von Varicellen, und in Windpockenerkrankungen, 
welche man auf Ansteckung von Variola zurückführte. In der 
That ist einige Jahre später durch Reiter der Beweis ge- 
führt worden, dass die Pocken bei Geimpften unter einem 
den Varicellen sehr ähnlichen Bilde verlaufen können, und 
dass in solchem Falle die Inokulation mit dem Inhalt der 
Bläschen bei anderen, nicht geschützten Personen Variola er- 
zeugt. Reiter war jedoch weit entfernt, aus diesem Grunde 
die Varicellen mit der Variola für identisch zu erklären. Es 
gelang ihm niemals, wirkliche Windpocken durch Impfung zu 
übertragen; das Auftreten derselben beobachtete er häufig zu 
Zeiten, in denen ächte Pocken nicht vorkamen, und zwar 
ausschliesslich bei Kindern. 

Da indessen viele Aerzte abweichender Ansicht waren 
und alle von ihnen beobachteten Variccllenerkrankungen zu den 
Pocken rechneten, so würde nach den damaligen Berichten 
ein sicheres Urtheil darüber, inwieweit die Pocken bei den 
Geimpften wirklich milder verliefen als bei den Ungeschützten, 
ni'-hi zu gewinnen sein, wenn nicht die überlieferten statisti- 
sfheu Angaben über die Mortalität der Krankheit eine hier- 
für vollkommen ausreichende Unterlage lieferten. Sie er- 
weisen mii Bestimmtheil den Schutz, den die [mpfung auch 
bei einer späterer Erkrankung an Pocken verleih!. 

I nter den von Thomson in Edinburg beobachteten 



(Jn Vollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 217 

Kranken starben von 205 Ungeschützten 50. von 71 Ge- 
blätterten (einschliesslich von 30 Kranken, von denen Thom- 
son durch andere Aerzte Kenntniss erhielt) 3, von 310 Ge- 
impften nur 1. In Norwich starben im Jahre 1819 530 
Personen an Pocken; trotz eifriger Bemühungen konnte Cross 
.nur 2 Fälle in Erfahrung bringen, in denen der Tod bei Ge- 
impften erfolgt war, obwohl es unter den 40000 Einwohnern 
der Stadt 10000 Personen gab, die vor oder während der 
Epidemie geimpft waren. Die beiden betreffenden Kinder 
standen im Alter von 7 und 11 Jahren und hatten 6y 2 Jahre 
vorher bezw. in frühester Kindheit die Schutzpocken regel- 
recht durchgemacht. In Philadelphia wurde in den Jahren 
1823 und 1824 kein Todesfall bei Geimpften verursacht, 
während 474 Ungeschützte der Seuche erlagen. In Kopen- 
hagen verlor Möhl in denselben Jahren unter 659 erkrank- 
ten Geimpften nur 5; von 158 Ungeimpften starben dagegen 
35. In Digne starb vom Januar bis August 1828 unter 478 
erkrankten Geimpften 1, während von 162 Nichtgeimpften 93 
den Pocken erlagen. In Marseille zählte man in demselben 
Jahre nach Robert's Berechnung unter 2000 geimpften Pocken- 
kranken 45, unter 8000 ungeimpften 1488 Todesfälle. Favart 
wies in seinem Bericht an die Academie de medecine, der sich 
jedoch nur auf die ersten 6 Monate der Epidemie bezog, 4000 
Erkrankungen und 1180 Todesfälle bei Nichtgeimpften, 2000 
Erkrankungen und 20 Todesfälle bei Geimpften nach. Unter 
den Kranken im Londoner Pockenhospital hatte Gregory 
im Jahre 1824 bei 45 Geimpften keinen, bei 148 Ungeimpften 
54 Todesfälle, im Jahre 1825 bei 147 Geimpften 12, bei 
263 Ungeimpften 107 Todesfälle. 

Auf Grund solcher Erfahrungen wurde die Varioio'iden- 
theorie immer weiter ausgebildet. In Frankreich hatte 
Moreau de Jonnes schon im Jahre 1821 die Annahme ver- 
treten, es handle sich um eine neue aus China eingeschleppte 
Pockenform, gegen die die Geimpften nicht geschützt seien. 
In Deutschland sahen Jäger und später Schönlein 1 ) in den 
Varioloi'den schlechtweg eine neue Krankheit. Eine Mittel- 
stellung nahm Hufeland ein; er betrachtete die „Variola 
vaccinica s. modificata oder VarioloTs vaccinica" als eine ganz 
neue und erst durch die Vaccination möglich gewordene 



1) Schönlein's Ansichten sind u. a. von Eimer in seinem 
Buche ,,Die Blatternlcrankheit" ausführlich erörtert. 



"218 Unvollkommenlieiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 



Pockenform". Bei einem „schon vorher Vaccinirten, bei 
welchem aber entweder durch den nicht vollkommen durch- 
dringenden Process der Vaccination, oder durch Mangel der 
allgemeinen Receptivität gegen die Vaccine, die Empfänglich- 
keit gegen das variolöse Contagium nicht vollkommen ver- 
nichtet ist", konnte seiner Ansicht nach „zwar Ansteckung 
(Infektion) der Variola stattfinden, aber die Entwickelung des 
Keimes" geschah „auf einem vaccinirten, also für die Vege- 
tation mehr oder weniger unfähig gemachten Boden", „sie" 
konnte „also nicht zur vollkommensten Reife kommen", 
wurde „folglich sowohl in der Form als im Grade modificirt 
und gemildert"; es war „eine Art von Bastardpflanze, welche 
von beiden Faktoren, dem Samen und dem Boden, Eigen- 
schaften" vereinigte. An anderer Stelle empfahl Hufeland 
baldige Wiederholung der Impfung, um dem mit einem Nähr- 
boden verglichenen Organismus den dann noch vorhandenen 
letzten Rest der Empfänglichkeit für das Pockencontagium zu 
benehmen. Die hieraufhin von den Aerzten vorgenommenen 
Revaccinationen blieben jedoch vielfach erfolglos, weil sie zu 
kurze Zeit nach der Erstimpfung vollzogen wurden. 

Inzwischen begannen die Pocken bei den Geimpften zuweilen 
auch einen weniger milden Charakter zu zeigen. Schon .die 
letzterwähnte Zahl im Londoner Pockenspital für das Jahr 
1825 wies 8 pCt. Sterbefälle bei den geimpften Kranken auf, 
im Jahre 1835 waren es 5, 1838 9 pCt., denen allerdings 33 
bezw. 25 pCt. Todesfälle bei den Ungeimpften gegenüber- 
standen. Den medicinischen Jahrbüchern des österreichischen 
Staates für 1836 sind u. a. folgende Zahlen zu entnehmen: 





Erkrankt 


Gestorben 


pCt. der 
Erkrankt. 


fcerreich unt. d. Enns vaccinirt . 


176 


32 


18 




Dicht vaccinirt 


2S0 


84 


30 


Böhmen . . . 


. vaccinirt . 


274 


26 


9 




nicht vaccinirt 


215 


54 


25 


Galizien . . . 


. vaccinirt . . 


253 


13 


5 




Dicht vaccinirt 


506 


190 


37 


i . . 


vaccinirl . 


230 


11) 


!) 




Dicht vaccinirl 


493 


1)7 


19 


i »ber-i 


vaccinirt . 


350 


16 


5 




nichl vaccinirt 


72:; 


76 


n 



Die vorstehenden österreichischen Zahlen können 
kaum als sehr zuverlässig angesehen werden. Im L 



frcilh 



Unvollkömmenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 219 

Pockenspital andererseits war das Sterblichkeitsverhältniss ^\^v 
Geimpften ungewöhnlich hoch, weil man dort nur ernstlich er- 
krankte Personen behandelte und namentlich im Jahre 1838 
viele Leichtkranke abgewiesen hatte. Auch war in London wie 
in Oesterreich die Mortalität der Ungeimpften erheblich höher. 
Dennoch war eine Sterblichkeit von 8 — 9 pCt. der Kranken, 
welche den Verhältnissen in den weniger schweren Epidemien 
früherer Zeiten gleichkam, wohl geeignet, beunruhigend zu 
wirken und Zweifel zu rechtfertigen, ob denn die Varioloi'den 
wirklich so verschieden von den früheren Pocken seien. 

In dieser neuen Verlegenheit kam man wieder 
auf die Yermuthung zurück, dass die vorausge- 
gangene Impfung nicht vollen Erfolg gehabt haben 
könne. Man suchte nach einem Merkmal zur Beurtheilung 
der Qualität der Impfung und fand ein solches in der Zahl 
und Beschaffenheit der Narben. Gregory glaubte an- 
fangs nachweisen zu können, dass die später an Pocken er- 
krankten Geimpften nur ungenügende Narben zeigten, gab jedoch 
später diese Ansicht wieder auf. Dagegen führte namentlich 
sein Nachfolger Marson im Londoner Pockenspital die Narben- 
theorie fort. Er betrachtete als Merkmale einer regelrecht ver- 
laufenen Impfung das Vorhandensein von Narben, welche gut be- 
grenzt, eingesunken, gesprenkelt (dotted) oder ausgekerbt (in- 
dented) sein mussten, oft auch strahlig und scharfumrandet 
erschienen. 

In einem im „Blaubuch" abgedruckten Bericht über die 
in den 16 Jahren von 1836 — 1851 im Hospital behandelten 
Kranken führt Marson 5982 Pockenerkrankungen mit 1279 
Todesfällen (21 pCt.) auf. 2654 Kranke waren nicht geschützt 
und hatten 996 (37 pCt.) Todesfälle, 47 mit 9 (17 pCt) Todes- 
fällen waren geblättert (die meisten durch Inokulation) und 
3094 mit 268 (9 pCt.) Todesfällen waren geimpft. Bei 2 
mit 1 Todesfall war nicht zu ermitteln, ob sie geimpft oder 
inokulirt waren. Bei den übrigen handelte es sich um andere 
Krankheiten als Pocken. Die Geimpften unterschied Marson 
in solche mit guten oder weniger guten Narben und berech- 
nete nach Zahl und Beschaffenheit der Narben statistisch die 
schweren und leichten Eälle. Hier sei nur die Mortalität's- 
berechnung auf die Zahl, aber ohne Rücksicht auf die Be- 
schaffenheit der Narben wiedergegeben, wobei abweichend von 
dem Vorgange Marson's, welcher bei der Procentberechnung 
die an Komplikationen der Blattern Gestorbenen in Abzug 



220 Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

bringt, alle Todesfälle in Rechnung gesetzt werden sollen. 
Dabei ergeben sich folgende Zahlen: 

Eine Narbe hatten 1357 Kranke, davon starben 125, d. i. 9pCt. 

Zwei Narben ,, 888 ,, ,, ,, 53 ,, ,, 6 ,, 

Drei „ „ 274 „ „ „ 10 „ „ 4 „ 

Vier od. mehr Narb. ,, 268 ,, ,, ,, 3 ,, .,, 1 ,, 

Ohne deutliche Narben 307 ,, ,, ,, 77 ,, ,, 25 ,, 

Berechnungen dieser Art sind namentlich in späterer Zeit 
oft ausgeführt worden und haben im wesentlichen überein- 
stimmende Ergebnisse gehabt; im Londoner Pockenspital fand 
man in den 16 Jahren 1852 — 67 bei 1 Narbe 15, bei 2 9, 
bei 3 4, bei 4 und mehr Narben 2, bei keiner Narbe 40 pCt. 
Mortalität. Weitere Beispiele aus noch späterer Zeit finden 
sich in dem bereits früher citirten Final report on the royal 
commission u. s. w. London 1896 S. 71 ff. In Deutschland 
hat namentlich Oppert in Hamburg ähnliche Zusammen- 
stellungen veröffentlicht. Aber es fehlt bisher noch an 
einem genügenden Material, welches neben der Zahl und der 
Beschaffenheit der Narben auch die seit der Impfung ver- 
strichene Zeit in Betracht zu ziehen gestattet. Obwohl daher 
Marson'sLehre gewisser statistischer Unterlagen nicht entbehrt, 
und die Annahme, dass mit der Intensität der Schutzpockener- 
krankung auch der Impfschutz zunimmt, den neueren Unter- 
suchungen über die Immunisirung im Allgemeinen nicht wider- 
spricht, so kann jene Theorie als voll erwiesen noch nicht 
bezeichnet werden. 

Bei den Zeitgenossen Gregory's und Marson's fand 
die Narbenlehre vielen Beifall. Man folgerte daraus, 
dass Geimpfte mit ungenügenden oder wenig zahlreichen 
Narben mehrmals geimpft werden müssten, und hielt bei der 
ersten Impfung eine möglichst grosse Zahl von Impfstellen 
für nothwendig. Stromeyer, Robert, Dufrcsne, Gre- 
gory, Heim, Fansher und viele andere verlangten minde- 
stens 12 Pusteln. Man legte besonders lange Schnitte an 
und fn-ute sich der daraus entstandenen grossen »Narben, 
die wir auch jetzt noch bei vielen Geimpften zu Gesicht be- 
kommen. 

Aber mii der Auffassung jener Aerzte stand die Erfah- 
rung niehi im Einklang, dass gerade in der ersten Zeit der 
Impfung von Jenner und seinen Nachfolgern in der Regel 
nur sein- wenige Stiche oder Schnitte angelegl waren, und 



Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 221 

dass der Impfschutz sich dennoch weit über ein Jahrzehnt hinaus 
bei den damals vaccinirten Personen gut bewährt hatte. Dies 
führte zu der Annahme einer Degeneration der Lymphe. 
Schon Jenner und Aikin hatten empfohlen, die Vaccine 
möglichst oft von den wirklichen Kuhpocken aufzufrischen. 
Nun verwandte man im 4. Jahrzehnt des Jahrhunderts in 
London immer noch die Lymphe, welche zuerst durch Wood- 
ville im Jahre 1799 von den Kühen des Besitzers Harrison 
abgenommen und seither durch zahllose Generationen von 
Menschen fortgezüchtet war. Dabei wurde der Verlauf der 
Schutzpocken immer milder. Gregory fand im Jahre 1838, 
dass 8 oder 10 Impfschnitte nicht mehr Reizerscheinungen 
verursachten, als 15 Jahre vorher 3 bis 4. Aehnliche Beob- 
achtungen hatten Brisset schon im Jahre 1818 und Meyer 
in Kreuzburg im Jahre 1825 gemacht. Lüders äusserte sich 
im Jahre 1824, dass die Kuhpocken, welche noch aus der 
alten englischen Lymphe stammten, öfter als früher fehl- 
schlügen, kleiner ausfielen und von geringerer Röthe und 
schwächerem Fieber begleitet wären. Dies bestätigten viele 
andere Beobachter. 

Man begann nun, die Wirksamkeit der Vaccination wieder 
häufiger durch die Inokulation zu prüfen und glaubte dabei 
öfter als vormals die Entwicklung künstlicher Blattern zu 
beobachten. Eine Uebersicht über solche Versuche zahlreicher 
Aerzte hat Seeger im Jahre 1832 in seinen Beiträgen zur 
Geschichte der Pocken bei Vaccinirten veröffentlicht. Ihre 
Ergebnisse fielen aber wohl nur deshalb anders aus, als zu 
Jenner's Zeiten, weil man jetzt schon kleine örtliche Pusteln 
an der Impfstelle als positive Erfolge rechnete, während früher 
nur ein allgemeiner Ausschlag als Kriterium einer erfolg- 
reichen Inokulation angesehen worden war. 1 ). 

Jedenfalls schien die Noth wendigkeit gegeben, neue 
kräftigere Stämme von ächter Kuhpockenlymphe zu 
gewinnen. In Württemberg wurde im Jahre 1825 ein Preis 
von 2 Kronenthalern für jede als richtig erwiesene Anzeige 
des Vorkommens von natürlichen impffähigen Kuh- 



1) Eingehendere Mittheilungen über die damaligen Inokulationen 
finden sich in meiner bereits früher 'citirten Abhandlung: „Ueber die 
Dauer der durch die Schutzpockenimpfung bewirkten Immunität gegen 
Blattern". S. 420 \)\ 



222 Unvolllcommenheiten des Impfschutzes. "Wiederimpfung. 

pocken ausgesetzt, worauf bis zum Jahre 1868 241 zu- 
treffende Anzeigen erstattet worden sind. 

Hering berichtete schon im Jahre 1839 über 69 Aus- 
brüche von Kuhpocken; 170 von 210 Uebertragungsversuchen 
auf den Menschen waren geglückt. Die entstandenen Pusteln 
zeichneten sich meist durch Grösse, stärkere örtliche Entzün- 
dung, heftigeres Fieber und langsameren Verlauf aus, was 
noch bis in die 3. Impfgeneration zu beobachten war. Weniger 
erfolgreich war man in Baden bei den Versuchen, natürliche 
Kuhpocken zu ermitteln. Dagegen wurden auch in Frank- 
reich mit Impfstoff von der Hand eiuer Melkerin in Passy 
im Jahre 1836 Impfungen vorgenommen, deren Wirksamkeit 
kräftiger war, als mit der vorher dort verfügbaren alten hu- 
manisirten Lymphe. Ferner fand Estlin auf einem Gutshof 
in Gloucestershire im Jahre 1837 ebenfalls Kuhpocken; Ab- 
impfungen von Personen, die damit auf natürlichem Wege 
inflcirt waren, führten zur Beschaffung eines neuen Lymph- 
stammes. Reiter hatte schon im Jahre 1830 frischen Stoff 
von Ritter aus Kiel mit Erfolg zu Impfungen benutzt. 

Die Berichte über die Wirkung der originären Kuh- 
pockenlymphe stimmen im Wesentlichen mit den Angaben 
Hering 's überein, aber die Entzündung, welche durch den 
neuen Impfstoff erzeugt wurde, führte nicht selten zu Eite- 
rungen, Drüsenschwellungen in der Achselhöhle u. s. w.; 
auch waren die Fieberbewegungen und die Schmerzen bei 
den Impflingen oft so heftig, dass die Lymphe sich nur ge- 
ringer Beliebtheit erfreute. Die Nationalimpfanstalt in Lon- 
don und die Glasgower medicinische Fakultät erstatteten 
Gutachten, welche zu Ungunsten der Estlin 'sehen Lymphe 
ausfielen und deren Gleich werthigkeit mit den alten vorhan- 
denen Stämmen bezweifelten. In Frankreich kam Bousquet, 
im Elsass Steinbrenner zu dem Resultat, dass die Lymphe 
von Passy nach häufiger Regeneration beim Mensrhcn schon 
nach kurzer Zeit nicht anders wirke, als der alte, bisher 
\ erwendete Impfstoff. 

Inzwischen drang dir Erkenntniss, dass die wesentlichste 
l'rsache der hnkenerkrankungen hei Geimpften in einer mii 
der /eil fortschreitenden Abnahme des erlangten [mpf- 
schutzes zu linden sei. allmählich durch. Unter den Ersten, 
welche mii dieser Ansichi hervortraten, befanden sich Hoden- 
py] in Rotterdam (1818) und Elsässer in Stuttgart (1820). 
Fasl alle Autoren drr folgenden Jahre verwarfen jene Er- 



Unvolllvoinnienlieiten des Impfschutzes. \\ ied erimpf ung. 223 

klärung. Den Beweis für deren Richtigkeit lieferten jedoch 
die Wahrnehmungen hinsichtlich der Altersverhältnisse 
d er Pockenk ranken. 

Es fiel frühzeitig auf, dass die Pockenerkrankungen der 
Geimpften in der Regel solche Personen betrafen, bei denen 
seit der Vaccination schon eine Reihe von Jahren verstrichen 
war. und dass hingegen die kürzlich geimpften Kinder meisl 
der Ansteckung entgingen. Man vermochte diese Wahr- 
nehmungen jedoch nicht genügend zu würdigen, weil in den 
zwanziger Jahren des Jahrhunderts, wie einst die Masern, So 
jetzt die Windpocken mit den Blattern zusammengeworfen wurden, 
die natürlich durch die Impfung nicht verhütet werden konnten 
und daher zuweilen auch bei frisch geimpften Kindern vorkamen. 

So befanden sich nach einer von Thomson veröffentlichten Zu- 
sammenstellung Gib son 's von 251 geimpften Pockenkranken in New 
Lanark 10 im Alter unter einem Jahr, 69 von 1—4 Jahren, 74 von 5 — 
9, 69 von 10—14, 28 von 15 — 19 Jahren, und nur einer war älter 
als 20 Jahre; bei 2 erfolgte die Erkrankung einen Monat, bei 14 
2—6, bei 36 7 — 12 Monate nach der Impfung. In keinem Falle trat 
bei einem geimpften Kranken der tödtliche Ausgang ein. Auch bei 
nichtgeschützten Personen kamen gleichzeitig Erkrankungen mit den 
Erscheinungen der Windpocken (chicken pox) vor. Gibson war wie 
Thomson der Meinung, dass wirkliche und modificirte (Varioloiden) 
Pocken durch denselben Ansteckungsstoff wie die Windpocken erzeugt 
werden. Dufresne beobachtete den Eintritt der Pockenkrankheit unter 
106 Fällen lmal 2 Monate, 2 mal 2—6 Monate, 4 mal 6— 12 Monate, 
34mal 1—5 Jahre, 36mal 5—10, 20 mal 10 — 15 und 9 mal 15— 20 Jahre 
nach der Impfung. 

Von impfgegnerischer Seite verwerthet man noch in ge- 
genwärtiger Zeit die Windpockenerkrankungen gegen den 
Impfschutz; man bezweifelt die Beweiskraft der Pocken- 
statistik, weil in neuerer Zeit die Varicellen aus den Zusammen- 
stellungen ausgeschieden sind. Demgegenüber genügt es, daran 
zu erinnern, dass die Vergleiche der Pockenhäufig- 
keit in der Gegenwart und in der Vergangenheit sich 
fast durchweg nicht au f die Erkrankungs- , sondern auf 
die Sterblichkeitsziffern stützen, in denen bei der 
Gutartigkeit der Varicellen früher ebensowenig wie 
jetzt Fälle dieser Krankheit eingeschlossen waren. 
Wenn in den Kinderabtheilungen grösserer Krankenhäuser in 
seltenen Ausnahmefällen einmal ein windpockenkrankes Kind 



224 Unvollkoramenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

stirbt, so handelt es sich stets um hinzugetretene andere 
Krankheiten, wie Rose, Diphtherie, Masern, Scharlach u. dergl. 
Selbst wenn man diese wenigen Fälle den Pockentodesfällen 
zuzählen dürfte, würde der grosse Unterschied zwischen der 
Blatternsterblichkeit von einst und jetzt kaum in merkbarer 
Weise verändert werden. 

Im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts kam man 
von der Verwechselung beider Krankheiten allmählich zu- 
rück. Namentlich in Pockenspitälern, wo die Aufnahme von 
Kranken, die nur die leichten Erscheinungen der Wasser- 
blattern zeigten, zu den Ausnahmen gehörte, wurden Pocken- 
erkrankungen kurz nach der Impfung nicht beobachtet. 

In einer von Gregory im Jahre 1822 herausgegebenen Uebersicht 
über 137 geimpfte Pockenkranke des Londoner Spitals finden sich nur 
5 im Alter unter 10, 10 im Alter von 10 — 14, dagegen 48 im Alter von 
15 — 19, 74 im Alter von 20 Jahren und darüber. Unter 72 Blattern- 
kranken, welche sich im Jahre 1825 im Mailänder Spital befanden, 
waren je einer 2, 5 und 7 Jahre, 5 11, 35 12—18 und 29 18—24 Jahre 
vorher geimpft. In Kopenhagen starben in den Jahren 1823 und 1824 
von 653 geimpften Pockenkranken 14 im Alter von 4—5, 102 von 6 
bis 10, 173 von 11—15, 187 von 16-20, 156 von 21-25, 19 von 26 
bis 30 und 2 von 30—32 Jahren. 

Eine Reihe ähnlicher Zusammenstellungen ist u. a. in den Büchern 
von Möhl und Reiter enthalten. 

Da hiernach bei vaccinirten Personen in der Regel erst 
»•ine Reihe von Jahren verstrich, bevor eine Pockenansteckung 
Erfolg hatte, waren die Pocken der Geimpften im Beginn 
des 19. Jahrhunderts noch eine ungewöhnliche Erscheinung; 
erst gegen Ende des zweiten Jahrzehnts und in Ländern, in 
denen die Schutzimpfung später eingeführt war als in Eng- 
land, sogar meist erst im dritten Jahrzehnt wurden sie häu- 
figer beobachtet. Durch diese Krankheitsfälle, welche über- 
wiegend Personen des heranwachsenden und erwachsenen 
Alters betrafen, änderte sich zugleich das Bild der Epidemien; 
die Blattern traten jetzt nicht mehr ausschliesslich als Kinder- 
krankheit auf, aber die Todesfälle waren unter den jüngsten 
Utersklassen, in denen fast nur ungeimpfte Kinder ergriffen 
wurden, im Verhältniss sehr viel häufiger als in den älteren 
Jahrgängen, unter denen auch zahlreiche durch Impfung ge- 
schützte Personen erkrankten. In impfgegnerischeii Schriften 
li;it mar später hieraus folgern wollen, dass die »Seltenheit 



Unvollkommenhoiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 225 

des tödtlichcn Ausgangs der Blattern bei Geimpften nur eine 
Folge der mit den Jahren erlangten Widerstandskraft des 
Körpers sei, und dass die grosse Sterblichkeit der Unge- 
impften in dem zarten Alter der erkrankten Kinder ihre Er- 
klärung linde. Diese Annahme widerlegt sich jedoch durch 
den namentlich in neuerer Zeit oft geführten Nachweis, dass 
bei gleichalterigen geimpften und nichtgeimpften Personen 
auch im erwachsenen Lebensalter die Blatternerkrankung 
für die letzteren weit häufiger verderblich ist als für die 
ersteren. 1 ) 

Zur Veranschaulich ung der Verschiebung der Alt er s v-erh ältn i s s e 
der von den Pocken betroffenen Personen soll die nachfolgende 
Tabelle dienen. 1252 Pockenerkrankungen in 3 preussischen Städten vor 
Einführung der Impfung sind dort 1677 solchen im Königreich Württem- 
berg nach Einführung der Impfung gegenübergestellt. Von jenen fallen 
94,5, von diesen nur 18,4 pCt. in das Alter unter 10 Jahren; älter als 
20 Jahre war dort keiner der Kranken, hier noch 42 pCt. Auch in 
Württemberg waren jedoch nur 9,1 pCt. der Kranken älter als 30 Jahre; 
denn die Personen dieses Alters hatten fast alle noch die Zeit vor der 
Impfung erlebt und waren daher zum grossen Theil als Kinder geblättert. 
Zur Vergleichung der Altersverhältnisse der Verstorbenen sind 
6705 Todesfälle in Berlin vor der Impfung 1473 solchen in Marseille 
nach Einführung der Impfung gegenübergestellt, wobei freilich nicht 
übersehen werden darf, dass für genauere Schlüsse weniger verschieden 
grosse Zahlen erwünscht gewesen wären. Der Unterschied ist hier nicht 
so auffallend, wie zwischen den Zahlen der preussischen Städte und des 
Königreichs Württemberg, einmal, weil in Marseille der Impfzustand der 
Bevölkerung weniger gut war als in dem unter einem Impfgesetz stehen- 
den Königreich Württemberg, und die ungeimpften Kinder daher dort, 
wie in früheren Jahrhunderten, einen grossen Antheil der Kranken aus- 
machten, ferner aber, weil die älteren Kranken meist geimpft waren und 
daher nur leicht von den Blattern betroffen wurden. Immerhin ist auch 
in Marseille die Verschiebung der Altersverhältnisse zu erkennen. .Das 
Alter bis zu 10 Jahren lieferte in Berlin vor der Impfung 98,7, in Mar- 
seille nach der Impfung 85,8, das Alter über 15 Jahre dort nur 0,7, hier 
9,3 pCt. der Todten. 



1) Vergl. meine Abhandlung ,,Ueber die Dauer der durch die 
Schutzpockenimpfung bewirkten Immunität gegen Blattern". S. 442 IV. 

Kubier, Geschichte tl. Pocken u. d. Impfung. ig 



226 Unvollkommcnheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 



Altersverhältnisse der an Pocken Erkrankten und Gestorbenen 
vor und nach Einführung der Impfung. 



Alter der 
Kranken und 

Verstorbenen 



Pockenerkrankungen in 



Rawitsck, 

Bojanowo u. 

Sarne 

(Juncker- 

Schwartz) 

1796 

überh. pCt. 



Württem- 
berg 
(Heim) 
1831 
bis 
1836 
überh. pCt. 



Pockentodesfälle in 



Berlin 

(Möhsen) 

1758 

bis 

1774 

überh. pCt. 



Marseille 

(Robert) 

1828 

üb erb. j pCt. 



0—1 J. 
1—5 J. 
0—5 J. 
5—10 J. 
— 10 J. 
10—15 J. 
15—20 J. 
11-20 J. 
20—30 J. 
Aelter als 30 J. 
A elter als 1 5 J 
Unbekannt. Alter 



39 

704 

743 

441 

1184 

58 

10 

68 





10 





3,1 


'{ 


56,2 


V 


59,3 


y 


35,2 


2 


94,5 


309 


4,6 


2 


0,8 


? 


5,4 


445 





551 





153 





? 





219 


100 


1677 



18,4 

2 

? 

26,5 

32,9 

9,1 

? 

13.1 



1790 

4086 

5876 

742 

6618 

42 



y 

45 




26,7 


209 


60,9 


710 


87,6 


919 


11,1 


345 


98,7 


1264 


0,6 


72 


y 


56 


? 


128 


V 


62 


y 


19 


0,7 


137 









14,2 

48.2 

62,4 

23,4 

85, S 

4,9 

3,8 

8,7 

4,2 

1,3 

9,3 





Zusammen 



1252 



100 



6705 100 1473 100 



Zu den Aerzten, welche auf Grund ihrer Wahrnehmungen 
zu der Ueberzeugung von der zeitlichen Abnahme des Impf- 
schutzes gelangten, gehörten Wendt, Möhl, Gregory, 
Robert, Krause und Heim (Stuttgart). Die ersteren davon 
hielten zwar noch an der Ansicht fest, dass diese Abnahme 
nur bei einer Minderheit, nach Gregory z. ß. bei 35 pCt. 
der Geimpften einträte, aber es mehrten sich von Jahr zu 
Jahr die Stimmen, welche nicht aliein zur Ergänzung einer 
alten unvollkommen ausgefallenen Erstimpfung, sondern auch 
zur Wiederherstellung des im Laufe der Zeit verminderten 
Schutzes die Revaceination forderten. 

Dass die Impfung mehrmals im Leben mit Erfolg vor- 
genommen werden kann, hatte schon Jenner gelehrt. Als 
man jedoch nunmehr mit den Wiederimpfungen begann, waren 
viele Aerzte mil ihren Impfcrfolgen wenig zufrieden. Zum 
Theil haue man wohl zu frühzeitig revaccinirt; aber auch 
bei Wiederimpfungen von Personen, deren Erstimpfung viele 
Jahre zurücklag, wollten sich keine regelrechten Schutzpocken 
entwickeln. Es entstanden nur Papeln, höchstens aus ein- 



ünvollkommenheiten des [mpfschutzes. Wiederimpfung. 221 

/einen Schnitten hin und wieder eine Pustel, bei welcher aber 
der Entzündungshof fehlte, oder es kam zu einer entzünd- 
lichen Röthe ohne Pustel; der Impi'verJauf war von kürzerer 
Dauer, das Fieber fehlte ganz. Eine ausführliche Uebersieht 
über die damaligen Untersuchungen, um welche sich u. a. 
Schneider, ßeuss, Heilborn, de Carro, Gittermann, 
Pieper, Lüders, Bourdet, Dufresne, Robert, Wolfers, 
Dornblüth, Härder und Hesse verdient machten, findel 
sich in Seeger's „Beiträge zur Geschichte der Pocken bei 
Vaccinirten". Sie führten schliesslich zu dem Ergebniss, dass 
die Wiederimpfung in den ersten Jahren nach der Impfung 
in der Regel misslingt, später jedoch von Erfolg ist und 
zwar um so mehr einen der Erstimpfung ähnlichen Verlauf 
zeigt, je längere Zeit seit dieser verstrichen ist. „Vaccinez 
un sujet variole de trois, quatre, cinq, six ans et soyez sür 
que vous echouerez; mais attendez qu'il ait quinze, vingt, 
trente ans, et certainement reussirez quelquefois", schrieb 
Bousquet im Jahre 1848. 

Auch in unserer Zeit sehen wir zwischen den Erfolgen der Erst- 
impfung und der Wiederimpfung wesentliche Verschiedenheiten, nicht 
allein in der Zahl der Impfblattern, sondern weit mehr noch in deren 
Beschaffenheit. Was bei der Kevaccination als Erfolg registrirt wird. 
würde bei der Erstimpfung oft kaum befriedigen. Selbst Böing, der 
aus der Wiederempfänglichkeit der Geimpften für die Vaccine seine 
Ansicht von einem schnellen und vollkommenen Verschwinden des Impf- 
schutzes begründet, erkennt das im Grossen und Ganzen an, erklärt es 
aber mit dem erschwerten Haften des Giftes in der viel stärker ent- 
wickelten Epidermis. Letztere Annahme trifft nicht zu, weil eine bei 
älteren Personen vorgenommene Erstimpfung genau so verläuft, wie 
beim Kinde, und der unvollkommene Verlauf nur bei den durch Erst- 
impfung früher geschützten Personen eintritt. Der Unterschied im Ver- 
laufe der Erst- und Wiederimpfung ist vielmehr eine Folge des zwar 
abgeschwächten aber noch vorhandenen Impfschutzes und entspricht der 
Milderung, welche eine Pockenerkrankung bei einem vor einer Reihe 
\un Jahren Geimpften durch die grössere Widerstandsfähigkeit desselben 
erfährt. Dass übrigens die Wiederempfänglichkeit für die Vaccine kein un- 
bedingter Beweis für die Wiederempfänglichkeit für die natürliche Blattern- 
infektion ist, hat schon Eimer im Jahre 1853 hervorgehoben; die Alters- 
statistiken der Pockenkranken weisen nach, dass die grösste Erkrankungs- 
häufigkeit der Geimpften in eine spätere Zeit fällt, als dem zur Vor- 
nahme der Wiederimpfung nach den Erfahrungen festgesetzten Zeit- 
punkte entspricht. 

1 :» * 



"228 Unvollkomnienheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

Während die Revaccination in Frankreich, wo sie noch 
im Jahre 1839 von der Akademie als unnütz und Misstrauen 
erregend verworfen wurde, und in England nur geringe Fort- 
schritte machte, ist es deutsches Verdienst, die Notwendig- 
keit des Verfahrens frühzeitig erkannt und durch erfolgreiche 
Anwendung erwiesen zu haben. Die Regierungen von Württem- 
berg (1829 und 1833), Preussen (1835) und Bayern (1836) 
empfahlen den Behörden die Verbreitung des Verfahrens. In 
Württemberg wurden wahrend der Jahre 1831 — 36 44000 
Personen revaccinirt und zwar 20000 mit gutem, 9000 mit 
modificirtem Erfolge. Wie Heim berichtet, empfahl sich die 
Revaccination „als ein grosses, ja wohl als das einzige Mittel, 
die Pocken mehr und mehr auszurotten, was durch Sperr- 
anstalten nie erreicht werden konnte, obwohl sie, wenn gleich 
der erste Fall, oder die ersten bekannt wurden, allerdings 
Ansteckung verhinderten 1 )." Kein mit gutem Erfolge revacci- 
nirtes Kind erkrankte in jenen Epidemiejahren an Pocken. 
Fast ausnahmlos sprachen sich die Districtsärzte für die ge- 
setzliche Einführung des Revaccinationszwanges aus. 

Schon bevor die Wiederimpfung die amtliche Anerkennung 
der Civilbehörden gefunden hatte, waren mehrere deutsche 
Militärverwaltungen damit in ihrem Bereiche vorgegangen. 

In der Preussischen Armee hatten sich die Pocken, 
gleichzeitig mit ihrem Erscheinen in der (Zivilbevölkerung, 
in wachsender Ausdehnung gezeigt. Schon im Jahre 1819 
wurde in Folge des Todes zweier ungeimpfter Landwehr- 
männer an den Pocken die Ermittelung und nachträgliche 
Impfung der bisher weder geimpften noch geblätterten Mann- 
schaften angeordnet. Infolge Verfügung des Generalstabs- 
arztes der Armee Wie bei vom 10. April 1820 wurde diese 
Maassnahme zur dauernden, allerdings zunächst noch fakulta- 
tiven, an die Einwilligung der Mannschaft gebundenen Ein- 
richtung. Durch Allerhöchste Kabinctsordre vom 30. Mai 



1; Böing beruft sich auf Heim als Zeugen dafür, dass nicht die 
Impfung, sondern die Sperrmaassregeln die Abnahme der Pockenepide- 
rnien verursacht hätten, und stellt das Urtheil des „in der Praxis er- 
grauten .Mcilizinalbeamten" (Heim war damals 44 Jahre alt und Militär- 
arzt) <\'-r ..flachen und .•inseitigen Arbeit" des „theoretisirenden Pro- 
■ Kussmaul gegenüber. Aid' des letzteren Volksschrifl iibei 
Pocken and Impfung wird noch später zurückzukommen sein. 



Unvollkommenheitendes Impfschutzes. Wiederimpfung. 229 

1826 wurde sie jedoch zwangsweise vorgeschrieben. In 
Bayern wurden entsprechende Vorschriften im Jahre 1807 
fakultativ, 1827 obligatorisch eingeführt. In Württemberg 
waren im Jahn 1 1818 ebenfalls Impfungen der noch nicht ge- 
schützten Mannschaften angeordnet worden; im Jahre 1821) 
wurde die Wiederimpfung der mit mangelhaften Impfnarben ver- 
sehenen Soldaten befohlen, und in den folgenden Jahren wurden 
beim Auftreten der Pocken in Stuttgart, Ulm und Ludwigs- 
lust die gesammten Truppen dieser Garnisonen ohne Rücksicht 
auf ihren früheren Impfzustand wiedergeimpft. Der rastlosen 
Tnätigkeit ihrer Aerzte, unter denen sich vor allen der Stutt- 
garter Regimentsarzt Professor Heim hervorthat, verdankte 
es die Württembergische Armee, dass das Umsichgreifen der 
Blattern überall abgeschnitten wurde. Dies gab Anlass, dass 
unterm 7. Februar 1833 die Wiederimpfung sämmtlicher 
Rekruten beim Diensteintritt befohlen wurde. Heim 's vor- 
züglicher Bericht konnte im Jahre 1836 die Thatsache ver- 
zeichnen, dass keiner der in der Zeit von 1827 bis 1835 
Wiedergeimpften erkrankt war. 

Inzwischen hatten die Pocken in der Preussischen Armee 
weiter um sich gegriffen. In den Jahren 1825 — 30 zählte 
man 146, also im Jahresdurchschnitt 25 Todesfälle, im Jahre 
1831 stieg die Zahl auf 108. Der Generalstabsarzt der Armee 
v. Wiebel empfahl daher den- Corpsärzten, auf die Wieder- 
impfung sämmtiieher Rekruten beim Diensteintritt hinzuwirken. 
Auf eigene Initiative des Prinzen Wilhelm, unseres 
nachmaligen grossen Kaisers, wurde die Maassregel 
in dem ihm unterstellten III. Armeecorps mit glän- 
zendem Erfolge zuerst durchgeführt. Bei einer Epi- 
demie in Erfurt erkrankte kein einziger Mann des nach dieser 
Stadt gesandten Füsilier-Bataillons des 20. Infanterie-Regiments. 
Auf den Vorschlag des Generalstabsarztes wurde schliess- 
lich die Revaccination durch Allerhöchste Kabinetsordre vom 
Iß. Juni 183-1 für alle Soldaten eingeführt. 

Hannover folgte mit einer gleichen Vorschrift im Jahre 
1837, Baden 1840, Bayern 1843, Mecklenburg-Strelitz 
1849, Sachsen-Coburg-Gotha 1852, Mecklenburg- 
Schwerin und Anhalt-Dessau 1864, Sachsen-Weimar- 
Eisenach 1866, Königreich Sachsen 1868, Hessen 1869. 

In allen Armeen, welche sich des Schutzes der Revacci- 
nation erfreuten, hörten mit der Einführung der Maassreffe] 



230 Unvollkommenlieiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

Abbilduno- 9. 




Generalstabsarzt v. Wiebel. 

\';i'-|i einem Gemälde von Ternite, im Besitze der Kaiser-Wilheln 
emie für da militärärztliche Bildungswesen in Berlin. 



Qnvolllcommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 231 

die Pocken auf, von nennenswerthem Einfluss auf die Er- 
kraükungs- und Sterbeziffern zu sein. In der Preussischen 
Armee hatte man folgende Zahlen zu verzeichnen: 

Todesfälle an Pocken. 





Vor Ein- 




Nach Ein- 


Jahr 


führung der 


Jahr 


führung der 




Wieder- 




Wieder- 




impfung 




impfung 


1825 


12 


1835 


5 


1S26 


16 


1836 


9 


1827 


23 


1S37 


o 



1828 


35 


1838 


7 


1829 


33 


1839 


2 


1830 


27 


1840 


2 


1831 


108 


1841 


3 


1832 


96 


1842 


2 


1833 


108 


. 1843 


3 


1834 


38 


1844 


3 


10 Jahre 


496 


10 Jahre 


35 



In Bayern, wo die Pocken die Armee vor dem Jahre 
1843 häufig stark heimgesucht und im Jahre 1840 — 42 unter 
der 4000 Mann starken Garnison München nicht weniger 
als 417 Erkrankungen verursacht hatten, sank die Er- 
krankungsziffer nach Einführung der Wiederimpfung ganz be- 
deutend; die Gesammtzahl der Todesfälle betrug bis zum Jahre 
1869 nur noch 6. In Württemberg ist seit Einführung der 
Wiederimpfung kein Soldat mehr an Blattern gestorben, Baden 
hatte 2 Todesfälle in den Jahren 1840 und 1859. 

Die Behauptung Vogts, die Blatternsterblichkeit unter den wieder- 
geimpften preussischen Truppen sei nicht geringer gewesen, als in der 
gleichaltrigen männlichen Civilbevölkerung, beruht auf einer willkür- 
lichen und zum Theil sogar falschen Berechnung. 1 ) 

Böing's Versuch, die Abnahme der Seuche in der Armee durch 
ein mit der Hebung des militärärztlichen Standes erreichtes besseres 



1) Vergl. meine Arbeit „Statistisches zur Wirkung des Impfge- 
setzes." Deutsche med. Wochenschr. 1896. No. 6. 



232 IJnvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

Yerständniss für hygienische Maassregeln, namentlich für die Kranken- 
absonderung zu erklären, entbehrt des Nachweises, dass die „ganz 
rücksichtslos und mit eiserner Strenge durchgeführte Isolirung aller mit 
ansteckenden Krankheiten befallenen Soldaten" gerade mit dem Jahre 
1835 eingesetzt habe. Der auf amtliche Quellen gestützte „Sanitäts- 
Bericht über die Deutschen Heere im Kriege gegen Frankreich", in 
welchem die Geschichte der Pocken und Impfung im Heere ausführlich 
behandelt ist, weiss davon nichts zu berichten; aber er hebt hervor, 
dass vor dem Jahre 1834 keine Maassregel der Verbreitung der Seuche 
gesteuert habe, obwohl man es an Energie in der Handhabung der 
Sicherheitsmaassregeln nicht hatte fehlen lassen. Ebendort finden sich 
auch die Mittheilungen über die Armeen anderer deutscher Bundesstaaten, 
welche das Fehlen von Todesfällen in Württemberg und die Abwehr der 
Pocken in Bayern und Baden verzeichnen, wo die Truppen trotz der 
•Wiederimpfung nach Böing noch Verluste durch die Krankheit gehabt 
haben sollen. Das aber kann Böing nicht in Abrede stellen, dass auch 
bei den bayerischen, württembergischen und badischen Truppen die 
Pockenhäufigkeit nach Einführung der Revaccination gesunken ist. Es 
dürfte nicht anzunehmen sein, dass man dort gerade in den Jahren 1840, 
1833, bezw. 1843 angefangen haben sollte, die Pockenkranken besser zu 
isoliren, als vorher. 

In der deutschen Armee ist zuerst erwiesen worden, dass 
das aus England gekommene Schutzmittel bei vervollkommneter 
Anwendung einen geschlossenen Theil des Volkes in einer 
verseuchten Umgebung der verderbenbringenden Macht der 
Pocken entzieht. Der wissenschaftlichen Begabung und dem 
Fleiss eines württembergischen Regimentsarztes, der Umsicht 
und dem Scharfblick eines preussischen Generalstabsarztes 
verdankt die Heilkunde diesen Fortschritt des Seuchenschutzes. 
Mit besonderem Stolze aber dürfen die deutschen Aerzte in 
der Geschichte ihrer Wissenschaft die Thatsache verzeichnen, 
dass ihr einstiger unvergesslicher Kaiser Wilhelm es war, 
weicher zuerst den Versuch im Grossen unternommen und zu 
einem glücklichen Ende geführt hat. 



Litteratur. 

.1. II. Loj . An \ ccimi ii i of sinne experiences od the origin of tue cow- 

pox. Wliiiliy. 1801. Neudruck bei Crookshanlc. Vol. II. 
Anonymus, A conscious nevi of circumstances and proeeedings 



[Jnvolllcommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 233 

respecting Vaccine inoculation. Bai li. 1800. Neudruck bei Crook- 
shank. Vol. II. 

Cross, A history of the variolous epidemic, which occurred in Nonvicli 
in the year 1819, and destroyed 530 individuals, with an estiinate 
of the protection afforded by vaccination, and a review of past 
and present opinions upon chicken-pox and modified smallpox. 
London. 1820. 

Thomson, An account of the varioloid epidemic, which has lately 
prevailed in Edinburg and other parts of Scotland, with obser- 
vations on the identity of chicken-pox with modified smallpox. 
London. 1820. 

Vernher, Zur Impffrage. Resultate der Vaccination und Revaccination 
von Beginn der Impfung bis heute nach den Quellen bearbeitet. 
Mainz. 1883. 

Lüders, Versuch einer kritischen Geschichte der bei Vaccinirten 
beobachteten Menschenblattern, nebst Untersuchungen über 
die Natur, die Ursachen und die Verhütung dieser Krankheit. 
Alton a. 1884. 

Hufeland, Die Pockenepidemie der Jahre 1823 und 1824 nebst ihren 
Resultaten, besonders in Beziehung auf modificirte Pocken. Berlin. 
1824. 

Möhl, Ueber die Varioloiden und Varicellen. Aus dem Lateinischen 
übersetzt und mit Anmerkungen und Zusätzen herausgegeben von 
Krause. Hannover. 1828. 

Robert, Blattern, Varioloiden, Kuhpocken und ihr Verhältniss zu ein- 
ander, auf Grund neuer, in der jüngsten Epidemie von Marseille 
gewonnener Erfahrungen dargestellt. Nach dem Französischen 
bearbeitet und mit Zusätzen und Noten versehen von Güntz. 
Leipzig. 1830. 

Seeger, Beiträge zur Geschichte der Pocken bei Vaccinirten mit einer 
besonderen Darstellung der Pockenepidemien, welche in den 
Jahren 1827 bis 1830 in Württemberg geherrscht haben. .Stutt- 
gart. 1832. 

Reiter, Beiträge zur richtigen Beurtheilung und erfolgreichen Impfung 
der Kuhpocken. München. 1846. 

Heim, Historisch-kritische Darstellung der Pockenseuchen, des ge- 
sammten Impf- und Revaccinationswesens im Königreiche Württem- 
berg innerhalb der 5 Jahre 1831 — 1836. Nach den beim König- 
lichen Medicinalkollegium vorliegenden Berichten bearbeitet. 
Stuttgart. 1838. 

Heim, Resultate der Revaccination in dem Königl. Württembergischen 
Militär in den Jahren 1833, 1834 und 1835. Ludwigsburg. 1836. 



"234 Unvollkommenheiten des Impfschutzes. Wiederimpfung. 

Protokolle über die Verhandlungen der Kommission zur Berathung 
der Impffrage. Reichstagsdrucksache No. 287. 6. Legislatur- 
periode. I. Session. 1884/85. 

Cless, Impfung und Pocken in Württemberg. Stuttgart. 1871. 

Estlin, Account of a supply of fresh Vaccine virus from the cow. 
Medical Gazette. 1837 — 38. Neudruck bei Crookshank. Vol. II. 

Bousquet, Traite de la Vaccine et des eruptions varioleuses ou variolo- 
formes. Paris. 1833. 

Bousquet, On Cow Pox discovered at Passy (new Paris). 1836. Aus 
den Memoires de l'Academie de medecine. Tome 5. pp. 600 bis 
632. Ins Englische übersetzt bei Crookshank. Vol. IL 

Bousquet, Nouveau traite de la Vaccine et des eruptions varioleuses. 
Paris. 1848. 

Blattern und Schutzpockenimpfung. Denkschrift zur Beurthei- 
theilung des Nutzens des Impfgesetzes vom 8. 4. 1874 und zur 
Würdigung der dagegen gerichteten Angriffe. Bearbeitet im 
Kaiserlichen Gesundheitsamte. 3. Auflage. Berlin. 1900. 

Sanitätsbericht über die Deutschen Heere im Kriege gegen Frank- 
reich 1870/71. Herausgegeben von der Militär-Medicinal-Abthei- 
lung des Königl.Preussischen Kriegsministeriums unter Mitwirkung 
der Militär-Medicinal-Abtheilung des Königl. Bayerischen Kriegs- 
ministeriums, der Königl. Sächsischen Sanitäts-Direction und der 
Militär-Medicinal-Abtheilung des Königlich Württembergischen 
Kriegsministeriums. VI. Bd. IV. Medicinischer Theil. A.Seuchen. 
Berlin. 1886. 

Werner, Die Schutzpockenimpfung in der Preussischen Armee. Deutsche 
med. Wochenschr. 1896. S. 311. 

Feiner die bereits früher citirten Werke von Baron, Crookshank, 
Sacco, Creighton, Wendt, Bremer, Kussmaul, Eimer, 
.Tenner, Aikin, Juncker, Böing und die Berichte der eng- 
lischen Parlamentskommissionen (Blaubücher) 1854 und 1867. 



Oapitel X. 

Weitere Erfahrungen mit der Impfung 
bis zum Jahre 1870. 



Beim Ausgang des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts 
war die Pflicht zur einmaligen Impfung der Kinder innerhalb 
Deutschlands in Bayern, Württemberg, Hannover, Baden, 
Kurhessen, Nassau und Holstein, im übrigen Europa nur in 
Schweden, Norwegen und Dänemark, im letzteren Staate 
mittelbar, durch das Gesetz vorgeschrieben. In Deutschland 
führten in der Zeit bis zum Jahre 1870 noch das Gross- 
herzogthum Hessen, ferner Oldenburg, Braunschweig, Sachsen- 
Meiningen, Anhalt, Schwarzburg-Rudolstadt, Reuss j. L. und 
Hamburg die Impfpflicht ein. 

In den meisten Ländern hatte man sich gescheut, der 
Bevölkerung einen Zwang zuzumuthen. Man begnügte sich 
damit, Gelegenheit zur unentgeltlichen Impfung zu gewähren 
und durch öffentliche Belehrung, gütliches Zureden und dergl. 
auf die Anwendung des Schutzmittels hinzuwirken. Allen- 
falls wurde beim Auftreten örtlicher Pockenepidemien einmal 
ein stärkerer Druck ausgeübt; in England hatte man, wie 
wir sahen, in solchem Falle den impfbereiten Eltern sogar 
Geldprämien gezahlt. 

Man musste dabei überall die gleiche Erfahrung machen, 
dass eine allgemeine Durchimpfung der Bevölkerung nicht er- 
reicht wurde. Maassnahmen der öffentlichen Wohlfahrt, welche 
Allen zum V ortheil gereichen sollen, können nicht dem freien 
Ermessen des Einzelnen überlassen werden. Auch die wohl- 
tätigste Einrichtung bleibt nicht ohne Widersacher, die ihre 
Stimme um so lauter dagegen erheben und sich in der Wahl 



236 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

ihrer Kampfmittel um so weniger Schranken auferlegen, so- 
bald sie sich einer Mehrheit von einsichtigen Förderern des 
Gemeinwohls gegenübersehen. Sie suchen vor Allem Auf- 
sehen zu erregen, das Vertrauen in die gute Absicht, die Be- 
fähigung und Gewissenhaftigkeit ihrer Gegner zu erschüttern; 
sie schrecken vor der Beschuldigung des Eigennutzes und vor 
noch schlimmeren persönlichen Angriffen nicht zurück. Die 
grosse Masse, leichtgläubig und unfähig, sich über die That- 
sachen und den wirklichen Zusammenhang zu unterrichten, 
ist stets bereit, jeder gegen die Autorität, sei es der Wissen- 
schaft, sei es der Kegierungsgewalt gerichteten Anklage Ge- 
hör zu schenken; sie erwägt nicht, ob der Ankläger seine 
Behauptungen auf gründliches Wissen und selbständige 
Untersuchungen oder nur auf hohle Schlagwörter und ver- 
kehrte Vorstellungen, vielleicht nur auf Entstellungen und 
Erfindungen gründet. Wenn auch nicht Alles geglaubt wird, 
was er vorbringt, so bleibt zum mindesten Zweifel und Miss- 
trauen zurück. 

Vielleicht noch gefährlicher ist die Gleichgültigkeit. Je 
geringer die Bildungsstufe einer Bevölkerungsklasse ist, um 
so weniger Verständniss für nutzbringende Anordnungen kann 
von ihr erwartet werden, namentlich auf Gebieten, in welche 
der Einblick nur mit Hülfe ernster und gründlicher wissen- 
schaftlicher Arbeit erlangt werden kann. Die dem Kundigen 
nicht verborgene Gefahr entzieht sich dem Auge des Un- 
wissenden ; er vermag das Bedürfniss zu Vorbeugungsmaasregeln 
erst zu ermessen, wenn es zu spät ist, und unterlässt den 
Gebrauch der ihm gerathenen Mittel, sobald deren Anwen- 
dung, wenn auch nur vorübergehend, weniger dringlich er- 
scheint. 

Auch der Verbreitung der Impfung wurden durch feind- 
liche Angriffe auf der einen und Gleichgültigkeit auf der 
anderen Seite Hindernisse in den Weg gelegt. Die Anhänger 
der Inokulation hatten das neue Verfahren in den ersten 
Jahren heftig bekämpft und seine Einführung dadurch nicht 
wenig verzögert. Allmählich verstummten sie, weil die Vor- 
theile der Impfung gegenüber denen der Inokulation allzu deutlich 
erkennbar waren; mit dem Erlöschen des Streits nahm aber 
auch das allgemeine Interesse ab, zumal im Volke bei dem 
Seltenerwerden der Pocken das Bedürfniss eines Schutzes 
gegen die Seuche weniger empfunden wurde. Eine grössere 
Bereitwilligkeil zu Impfungen machte sieh noch zeitweise be- 



Weitere Erfahrungen mil der [mpfung bis zum Jahre 1870. 237 

merkbar, wenn eine Blatternepidemie die Bevölkerung in 
Furcht versetzte. In epidemiefreien Jahren hatten dagegen 
die öffentlichen Impfanstalten ruhige Zeiten. 

In Berlin kamen im Jahre 1840 auf je 100 Ge- 
burten 83,49, im Jahre 1843 89,46 Impfungen, seitdem be- 
trug der Jahresdurchschnitt bis 1863 66,34. *) Im Jahre 1864 
veranlasste eine Pockenepidemie eine Zunahme der Impfungen 
auf 102,12 pCt. der Geburten, dann sank die Zahl in den 
folgenden 6 Jahren wieder auf 45,07 pCt. Wie wenig er- 
freulich der Impfzustand in anderen TheilenPreussens war, 
ergiebt sich aus dem Inhalt der zur Förderung der Impfung 
erlassenen Ministerialverfügungen. Im Jahre 1825 hatte eine 
derselben den Provinzialregierungen die Anwendung von Zwangs- 
mitteln empfohlen, jedoch wurde diese Verfügung auf Allerhöchste 
Weisung des Königs schon im Jahre 1829 wieder aufgehoben. 
Unterm 28. Mai 1841 musste der Minister der geistlichen, 
Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten hervorheben, dass sich 
einzelne Kreise, Bürgermeistereien oder andere Gemeinden fort- 
während weigerten, dielmpfung als eine Angelegenheit des Ganzen 
zu betrachten und durch Einigung mit bestimmten Aerzten 
das Impfwesen mit dem Verfahren in den übrigen Bezirken 
übereinstimmend und den Anordnungen der Regierung ent- 
sprechend einzurichten. Die nachtheilige Folge davon sei 
gewesen, dass in solchen Bezirken wegen der grossen Zahl 
der ungeimpft Gebliebenen in gleichem Maasse ächte Menschen- 
blattern und durch Uebertragung auf Geimpfte die Vario- 
loi'deu überhand genommen und in die benachbarten Kreise 
sich verbreitet hätten. Die Bemühungen der Regierungen, 
diese Schwierigkeiten zu überwinden, seien erfolglos gewesen. 
Trotz solcher Erfahrungen entschloss sich die Königlich 
Preussische Regierung nicht zur Einführung des Impfzwangs. 
Nach den sanitätspolizeilichen Vorschriften (Regulativ) vom 
8. August 1835 war die Anwendung von Zwangsimpfungen 
nur bei epidemischem Auftreten der Pocken zur Unterdrückung 
der Seuche zulässig (§ 55). Ferner sollten Eltern oder 
Vormünder, deren Kinder oder Pflegebefohlenen bis zum Ab- 
lauf des ersten Lebensjahres ohne ersichtlichen Grund unge- 
impft geblieben waren, im Falle einer Pockenerkrankung 
derselben wegen der versäumten Impfung „in Hinsicht der 
dadurch hervorgebrachten Gefahr der Ansteckung" in Polizci- 



1) Für die Jahre 1855 und J859 fehlen die Angaben. 



"238 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

strafe genommen werden. (§ 54). Endlich hiess es in dem 
Regulativ: „Schulvorsteher, Handwerksmeister, andere Ge- 
werbetreibende und Dienstherrschaften werden wohl thun, 
sich die Ueberzeugung zu verschaffen, dass die bei ihnen in 
Unterricht, Lehre oder Dienst tretenden Personen geimpft 
sind. Personen, welche für ihre Kinder oder Pflegebefohlenen 
die Aufnahme in öffentliche Anstalten des Staats, Stipendien 
oder andere ßenefizien nachsuchen, sind abzuweisen, wenn 
sie den Nachweis über die geschehene Impfung nicht führen 
können." 

Hiermit waren die Machtmittel der preussischen Behörden 
zur Ausübung eines Drucks auf widerstrebende oder gleich- 
giltige Eltern erschöpft. Sie reichten bei weitem nicht aus, 
um eine gleichmässige Durchimpfung der Kinder herbeizu- 
führen ; überall im Lande gab es viele ungeschützte Personen 
und damit auch die Pocken. Die Zahl der Sterbefälle blieb 
zwar weit hinter der Mortalität des 18. Jarhunderts zurück. 
Hatte die Allerhöchste Cabinets-Ordre vom 31. October 1803 1 ) 
den früheren jährlichen Pockenverlust des Staates auf 40000 
Todesfälle geschätzt, was etwa dem Verhältniss von 4 auf 1000 
der damaligen Einwohnerzahl entsprach, so blieb jetzt die Mor- 
talität mit Ausnahme des Jahres 1833, wo sie 0,6 p. M. be- 
trug, bis zum Jahre 1870 dauernd unter 0,5 p. M., meist 
war sie noch erheblich geringer. Immerhin bezifferten sich 
die Opfer der Seuche alljährlich auf mehrere Tausend 
Menschenleben, und besonders blieb es zu bedauern, dass ein 
weiterer Fortschritt zum Besseren nicht erfolgte. Der 
Statistiker Engel stellte auf Grund einer Statistik über die 
Jahre 1816 bis 1860 fest, dass der Tod an Pocken noch 
ebenso häufig vorkomme, als vor 40 Jahren 2 ) (1820 10,56 
Todesfälle an Pocken p. M. Einwohner, 18G0 18,95 p. M.i. 

Gegenüber der impfgegnerischen Angabe, in Preussen habe schon 

' im Jahre 1870 der Impfzwang bestanden, aber nicht vermocht die 

Pocker zu beseitigen, darf auf die in den Denkschriften des K'aiscrl. (ie- 



L) Vergl. s. 179. 

2) Die Darstellung \ ogt's und anderer [mpfgegner, als ob Engel 
die Pockensterblichlceil der Zeil um 1860 mii den Zuständen des vori- 
gen Jahrhunderts verglichen habe, isl oichl zutreffend. Dass die 
Verbältnisse vor Einführung der [mpfung noch weit schlimmer waren. 
in Ibrede gestellt. 



Weitere Erfahrungen mit der hnpfung bis zum Jahre \ütO. 239 

sandheitsamtes, „Beiträge zur Beurtheilung des Nutzens der Schutz- 
pocken hnpfung" und „Blattern und Schutzpockenimpfung"abgeclruckten 

Auszüge aus den preussischen Gesetzen und Verordnungen hingewiesen 
« erden. 

In einer Erwiderung auf die letztere dieser beiden Denkschriften 
lialte der Impfgegner Gerling im Jahre 1896 behauptet, es gäbe 
eine von dem Kaiserl. Gesundheitsamte verschwiegene Verfügung der 
Preussischen „Regierung", durch welche der Impfzwang angeordnet 
worden sei. Er musste jedoch später in öffentlicher Gerichtsverhandlung 
selbst seinen Irrthum zugeben; denn es handelte sich um eine Ver- 
ordnung in einem einzelnen Regierungsbezirk, welche nur kurze Zeit zu 
Recht bestanden hat. 

Aehnlich wie in Preussen lagen die Verhältnisse im 
Königreich Sachsen. Dort sollten die Kreisärzte nach 
dem Mandat vom 23. März 1826 nach Kräften dahin 
wirken, dass kein Kind in ihrem Bezirke nngeimpft blieb; 
zur Erfüllung dieser Aufgabe war ihnen anempfohlen, die 
Eltern „durch bewegliches Zureden" zur Impfung ihrer 
Kinder zu bestimmen. Indessen wurde namentlich der ärmere 
Theil der Fabrikbevölkerung von gegnerischer Seite stark be- 
einftusst; im Jahre 1870 gab es z. B. in Chemnitz nach 
Flinzer unter 

Ungeimpfte Geblätterte 
942 Schülern der höheren Schulen l,7pCt. 4,0 pCt. 

1793 ,, ,, mittleren ,, 4,2 ,, 6,4 ,, 

4450 ,, ,, Volksschulen 15,9 ,, 13,5 ,, 

den Schülern der sogen. Fabrikschule in 

Stolberg 53,2 ,, 38,1 ,, 

In den Ländern, in welchen die Impfpflicht bestand. 
wurden die Bewohner von den Gegnern zum Ungehorsam 
gegen das Gesetz verleitet. Namentlich entwickelte sich in 
Württemberg eine starke impf feindliche Bewegung, 
zu welcher sich zwei einander sonst stark befehdende poli- 
tische Parteien, die Demokraten unter ihrem Führer Hopf 
und die Pietisten verbanden. Auch Aerzte, namentlich 
Nittinger und Betz, traten als impfgegnerische Schrift- 
steller auf. 

Nittinger stellte in seinem Buche „Ueber die 50jährige hnpf- 
ra'giftung des württembergischen Volkes" die Sätze auf: 



240 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

1. Die Impfung erscheint vor dem Tribunal der Vernunft als 

Unsinn; 

2. Die Impfung erscheint vor der Leuchte der Wissenschaft als 
eine traurige Illusion; 

3. Die Impfung erscheint Vor der Geschichte der Menschheit als 
das grösste Verbrechen, das seit fünfzig.Jahren begangen worden ist. 

In der Ausführung behauptete Nittinger nichts Geringeres, als 
dass das ganze Schwabenvolk durch dielmpfung degenerirt wäre, dass der 
Rekruten ersatz nicht mehr aufgebracht werden könne, dass Keuchhusten, 
Croup, Magenerweichung, Schwindsucht durch die Impfung verbreitet 
würden, und dergleichen Ungereimtheiten mehr. Einzelne thatsächlich 
beobachtete Impfschäden wurden von ihm als Grundlage benutzt, um 
jede bei Geimpften auftretende Erkrankung, auch wenn deren ander- 
weite Ursache klar zu Tage lag, als Folge der Impfung zu bezeichnen. 
Von der aufreizenden Art seiner Schreibweise zeugt u. a. folgende 
Probe: „Doktor: Bringen Sie mir Ihren Gustav zum Impfen. Mutter: 
Ach Gott, wie erschrecken Sie mich in die Seele hinein; ich zittre am 
ganzen Leibe. Doktor: Warum denn? Mutter: Nehmen Sie mir's nicht 
übel, ich habe ein Aber gegen das Inokuliren, seit mein Carl daran 
gestorben. Doktor: Carl ist nicht durch das Impfen gestorben, glauben 
Sie das ja nicht. Er bekam die Zahnruhr. Mutter: Ich bitte, warten 
Sie noch ein Jahr, Gustav ist gar zu zart. Doktor: Um so besser, 
auch besitze ich gerade ganz frische Lymphe. Mutter: In Gottes Namen! 
aber Herr Doktor, ich gebe es Ihnen aufs Gewissen. Doktor: In alle- 
wege. Neun Tage später wurde Gustav begraben, mit zwei Impfbläschen 
auf jedem Arme." 

Die lebhafte Agitation verfehlte ihre Wirkung nicht. 
Nach dem Generalimpfbericht für das Geschäftsjahr 1856/58 
zogen in Stuttgart hunderte von Familienvätern die Erlegung 
einer Geldbusse der Impfung ihrer Kinder vor. Im Jaxt- 
kreise sank die Zahl der Revaccinirtcn, welche 3 Jahre vor- 
her noch 9077 betragen hatte, auf 4960. Im Jahre 1858 
wurde den Ständen eine mit 1042 Namen unterzeichnete 
Petition auf Abschaffung des Impfzwangs eingereicht. Nach 
lebhafter Diskussion, in weicher u. a. Minister von Linden 
und die Deputirten Schott und MohJ i'üv^ der Deputirte 
Hopf gegen die Impfung sprachen, wurde endlich MohJ 's 
Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung von der zweiten 
Kammer mit ."> I gegen 22 Stimmen angenommen, worauf die 
erste Kammer einstimmig beitrat. 



Weitere Erfahrungen mit der [mpfung bis zum Jahre 1870. 2.41 

Die Ausführung des Impfgesetzes liess indessen vieles 
zu wünschen übrig. Die Vorschriften hatten an und für sich 
dm Nacht heil, dass sie den Zeitpunkt der Impfung erst in 
das dritte Lebensjahr rückten und dadurch den grössten Theil 
der kleinen Kinder ungeschützt Hessen. Hierzu kamen all- 
jährlich zahlreiche „Impfrestanten", die sich mit oder ohne. 
Entschuldigung der Impfung entzogen. In Stuttgart gelang 
es dem Centralimpfarzt, ihre Zahl im Jahre 1859/60 auf 
250 herabzudrücken; aber sie stieg dann wieder, bis sie im 
Jahre 1862/63 die Höhe von 513 erreichte. In den beiden 
folgenden Jahren war die Bereitwilligkeit zur Impfung unter 
dem Eindruck einer Pockenepidemie etwas grösser; aber 
die Agitation ruhte nicht. Im Jahre 1863 wurde u. a. 
eine Schrift mit dem Titel „Gott und Abgott oder die impf- 
hexe" verbreitet. Die Restanten mehrten sich von neuem; 
im Jahre 1868 zählte man deren 608. Im Lande nahmen 
die Restantenziffern von 182 im Jahre 1860/61 auf 1628 
im Jahre 1868 zu. In dem Zeitraum von 1854 bis 1868 
wurden nur 64,5 pOt. der Lebendgeborenen geimpft. 

So hatten Hopf, Nittinger und die übrigen Impfgegner 
den Erfolg, dass die Pocken in Württemberg nicht völlig zum 
Erlöschen gebracht wurden. In den 5 Jahren 1864 — 68 
zählte Württemberg bei einer Bevölkerung von 1 760 000 Ein- 
wohnern 11 042 Pockenkranke mit 800 Todesfällen, was jähr- 
lich einer Erkrankungsziffer von 1,2 und einer Mortalität von 
0j09 °/ 00 Einw. entsprach. 

Von AVürttemberg aus wurde die Agitation auch in das 
benachbarte Grossherzogthum Baden hinübergetragen, wo der 
katholische. Pfarrer Hansjakob in Waldshut mit seinem 
„Büchlein über das Impfen" die Lehren Nittinger 's ver- 
breitete. Ihm antwortete der Assistenzarzt im Gr. Bad. 6. 
Lin.-Inf.-Reg. Zimmern mit einer im Jahre 1870 in Kon- 
stanz veröffentlichten Streitschrift „Zur Impffräge". Zugleich 
brachte die Freiburger Zeitung Kussmaul's 20 Briefe über 
die Menschenpocken- und Kuhpocken -Impfung, w 7 elche 
später gesammelt erschienen und durch die Gründlichkeit in der 
Behandlung des Stoffes, die Sicherheit des Urtheils und die 
Klarheit, mit welcher die impfgegnerischen Irrlehren wider- 
legt wurden, tiefen Eindruck machten. Obgleich die wissen- 
schaftlichen Anschauungen sich seitdem in einzelnen Punkten 
geändert haben, muss Kussmaul's Schrift auch heute ohne 
Zweifel als die beste Volksschrift bezeichnet werden, welche 

Kubier, Geschichte ä. Pocken u. d. Impfung. iij 



242 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

jemals über die Impfung geschrieben worden ist. Die 
Badener hatten guten Grund, sieh nicht beirren zu lassen; 
denn die Pockensterblichkeit war in ihrem Lande unter dem 
Schutze der Impfung auf ein sehr geringes Maass gesunken. 
Die meisten (251 — 0,2 %o Einvv.) Todesfälle fielen in 
das Jahr 1850, nachdem die Impfung in den beiden Revo- 
lutionsjahren 1848 und 1849 vernachlässigt worden war; im 
übrigen waren die höchsten Blatternster beziffern in den Jahren 
1810 (113), 1814 (75), 1815 (149), 1816 (127), 1848 (44), 
1849 (70) und 1851 (54) zu verzeichnen. In keinem anderen 
Jahre wurde die Zahl von 40 erreicht; in den 8 Jahren 
1820—28, dann 1831, 1832 und 1853 starb Niemand an 
den Blattern. Auf 100 000 Einwohner kam im Jahresdurch- 
schnitt von 1810 — 1855 1 Pockentodesfall. 

In Bayern hatte die impfgegnerische Bewegung weniger 
Erfolge als in Württemberg. Immerhin gab es auch hier 
viele Impfrestanten ; in den Jahren 1862 — 1871 zählte man 
z. B. nur 70,25 Impfungen auf je 100 Lebendgeborene des 
Vorjahres, so dass auch nach Abzug der im ersten Lebens- 
jahre Verstorbenen ein Theil der Kinder ungeimpft blieb. 
Wiederimpfungen waren selten; auf 100 Impfungen in den 
Jahren 1857 — 1866 kamen nur 14 Revaccinationen. Da das 
Impfgeschäft indessen im Allgemeinen geordnet verlief, hatte 
Bayern viel weniger Pockentodesfälle als andere Länder 
(vergl. Tabelle S. 253). 

In Österreich war im Jahre 1811 eine strenge Ver- 
ordnung über das Isoliren der Blatternkranken erlassen worden. 
Im Jahre 1817 wurde die Aufnahme in öffentliche Erziehungs- 
anstalten, die Erlangung von Stipendien, die Beziehung des 
Naturaliendeputats bei Salzarbeitern, die Aufnahme in Stiftungen 
und Klöster und die Entlassung aus öffentlichen Spitälern von 
der Vaccination abhängig gemacht. Das Hofkanzleidekret 
vom 2. Juli 1836 fasste alle diese Bestimmungen zusammen 
und gilt noch gegenwärtig als Norm für die Durchführung 
der [mpfung. Das Ergebniss der erlassenen Vorschriften 
war. dass die Impfling in den ersten 5 Lebensjahren häufig 
unterblieb und günstigen Falls erst beim Eintritt des schul- 
pjflichtigen Alters nachgehoH wurde. In Ary Zeit von 1819 
bis L837 entbehrten 290 000 von 770 000 iebendgeborenen 
Kindern, also nahezu 2 / 5 derselben, des Impfschutzes. Wenn 
daher die Pocken auch weniger Verheerungen anrichteten als 
im 18. Jahrhunderl (Vergl. S. 189), so blieb die Zahl d^v 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 243 

Sterbefälle doch immer noch erheblich höher, als in besser 
durchgeimpften Bevölkerungen (vergl. Tabelle S. 253). Die 
Blatternmortalität in Oesterreich ist hiernach mit Unrecht von 
impfgegnerischer Seite als Beweis für das Nichtbestehen des 
Impfschutzes verwerthet worden. 

Das Gleiche gilt von der vielberufenen Statistik des Wiener all- 
gemeinen Krankenhauses, über welche in einer im englischen ,, Blau- 
buch" abgedruckten Mittheilung der Kaiserlichen Aerzte-Gesellschaft zu 
Wien durch Skoda und Hebra berichtet ist. In diesem Krankenhause 
wurden in den 20 Jahren von 1837—1856 5217 geimpfte und nur 996 
unge impfte Kranke behandelt; zieht man aber die Fälle von Windpocken 
ab, so bleiben nur 2014 Geimpfte und 784 Ungeimpfte übrig. Von 
ersteren waren 732, von letzteren 591 an Variola vera, die übrigen an 
Variolois erkrankt; von den geimpften Blatternkranken starben 271, von 
den ungeimpften 300. Die nachstehende Tabelle über die Altersver- 
hältnisse der Kranken ist nur von geringem Werth, weil sie die Wind- 
pockenfälle nicht getrennt aufführt; jedoch zeigt sie nichtsdestoweniger 
das Ueberwiegen der Ungeimpften bei den Erkrankungen der jüngeren 
Jahrgänge und die grosse Sterblichkeit bei diesen in allen Altersklassen. 



Es standen 
im Alter 


Pocken- und 
Windpocken- 


Geimpfte 


Nichtg 


eimpfte 


von Jahren 


kranke 
überhaupt 


Kranke Gestorben 


Kranke 


Gestorben 


1—10 


41S 


234 


35 


184 


74 


11-20 


2634 


2228 


83 


406 


S3 


21—30 


2671 


2329 


128 


342 


115 


31—40 


406 


354 


21 


52 


24 


41 u. mehr 


34 


72 


4 


12 


4 



Von 100 Erkrankungen in den einzelnen Altersklassen endeten mit 
dem Tode 

1-10 J. 11— 20 J. 21— 30 J. 31— 40 J. 40 u. mehr J. 
unter den 

Geimpften 14,9 3,7 5,6 5,9 5,5 
unter den 

Nichtgeimpften 40,0 20,4 33,6 46,2 33,3 

In einer späteren Epidemie während der Jahre 1861 — 63 musste 
das Allgemeine Krankenhaus, wie Kussmaul berichtet, 2162 Blattern- 
kranke aufnehmen, welche zu neun Zehnteln geimpft waren. Die Epi- 
demie verlief verhältnissmässig milde; im Krankenhause gab es nur 
113 Todesfälle. Aber während von den ungeimpften Mcännern 17,24 und 

16* 



244: Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

von den ungeimpften Weibern 19,60 pCt. starben, betrugen die ent- 
sprechenden Zahlen bei den Geimpften nur 2,4 und 5,32 pCt. 

Auch Oesterreich hatte seine Impfgegner. Namentlich 
bekannte sich als solcher Professor Hamernijk in Prag, der 
seinen Standpunkt auch in einem im englischen „Blau buch" 
abgedruckten Gutachten niederlegte. Er setzte sich damit 
in Gegensatz zu der gesammten medicinischen Fakultät seiner 
Universität, deren Gutachten ebenfalls in jenem Buche ver- 
öffentlicht ist. Nach der dort gegebenen Berechnung waren 
in den 21 Jahren von 1835 — 55 in Böhmen bei einer Durch- 
schnittsbevölkerung von rund 4y 4 Millionen 3 Millionen 
Impfungen vorgenommen und 90 000 lebendgeborene Kinder 
der Impfung entzogen worden. Es erkrankten 8 178 geimpfte 
und 7 462 ungeimpfte Personen an Blattern; von den ersteren 
starben 423, von den letzteren 2224. Je 1 Pockenfall kam 
auf 367 geimpfte und 12 nichtgeimpfte Personen, je ein 
Pockentodesfall auf 7166 Geimpfte und 41 Ungeimpfte; von 
den geimpften Kranken starb jeder 19., von den ungeimpften 
jeder 3. 

In den skandinavischen Ländern zeigte man sich bei 
der Ausführung der Impfgesetze vielfach lässig. In D an em ark 
hatte der Eindruck der Epidemie im Anfang der 20er Jahre 
eine vermehrte Impfthätigkeit zur Folge gehabt. In den 
Jahren 1824 und 1825 zählte man auf 67 972 Geburten 
77 613 Impfungen; aber schon im Jahre 1826 blieb die Zahl der 
Impfungen (28 775) wieder weit hinter der der Geburten (39 826) 
zurück, und in den folgenden 3 Jahren nahmen die Impfungen 
noch weiter ab. Eine Epidemie im Jahre 1829 verur- 
sachte wieder eine Zunahme im Jahre 1830 (31 075 auf 
37 204 Geburten); in den Jahren 1831—1837 ist die Zahl 
der Impfungen nicht festgestellt; im Jahre 1838 betrug sie 
nur 25 000 bei 39 509 Geburten, und ähnlich blieb das Ver- 
hältniss in den folgenden 11 Jahren. In den Jahren 1833 
bis 1836 wurde das Land wieder von einer schweren Pocken- 
epidemie heimgesucht, welche in Kopenhagen im Jahre 1835 
434 Todesfälle, d.i. 3,6 % Einw., verursachte. Man nahm 
jetzl -eine Zuflucht zur lievaccination, welche, namentlich in 
den gebildeten Kreisen gebräuchlich wurde und im Jahre 1836 
in <\cv Armee allgemein zur Einführung gelangte. In den 
folgenden Jahren blieb die Hauptstadl fasl ganz von der 
Seuche verschont, obwohl die Quarantäne für Pocken aufge- 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 245 

hoben wurde; aber die im gen (igen de Durchimpfung der Be- 
völkerung bestrafte sich in den Jahren 1842 — 1845 mit einer 
neuen Epidemie, der in Kopenhagen 236, also im Jahres- 
durchschnitt fast 60 Menschen zum Opfer fielen. Im Jahre 
1845 wurde die Revaccination auch in der Marine durchge- 
führt. In der Zeit von 1846 — 1850 starben in Kopenhagen 
nur 9 Personen an den Pocken. 

In Schweden musste schon im Jahre 1833 durch 
Königliche Bekanntmachung zur sorgfältigeren Beobachtung 
der gesetzlichen Vorschriften wegen der Schutzpockenimpfung 
gemahnt werden. Im Jahre 1839 machte das Gesundheits- 
kollegium die Aerzte auf die Vortheile der Wiederimpfung 
aufmerksam; 10 Jahre später wurde die Revaccination in der 
Armee eingeführt. Neue Vernachlässigungen in der Impfung 
führten im Jahre 1853 zum Erlass eines verschärften Regle- 
ments für die Schutzpockenimpfung im Reiche; aber auch 
seitdem stiess die allgemeine Durchführung der Impfung auf 
manche Schwierigkeiten; die Kontrole blieb unvollständig, und 
die Wiederimpfung war in das Belieben des Einzelnen ge- 
stellt. Die Pockensterblichkeit erreichte daher in Schweden 
zwar niemals wieder den Grad früherer Zeiten (vergl. S. 83), 
steigerte sich aber in mehr oder weniger regelmässigen Zeit- 
abschnitten zu immerhin nennenswerthen Ziffern und hatte 
dann iedesmal wieder eine freilich nur vorübergehende Ver- 
mehrung der Impfungen zur Folge. Es ist lehrreich, dies 
Verhältniss an den in der umstehenden Tabelle (S. 246) ge- 
gebenen Ziffern zu verfolgen. 

Im Allgemeinen war der Impfzustand der schwedischen 
Bevölkerung namentlich im 7. Jahrzehnt des Jahrhunderts 
besser als in den meisten anderen europäischen Ländern; 
jedoch war dies nicht überall im Lande der Fall. Wie die 
nachstehenden Vergleichszahlen zeigen, blieb z. B. in der 
Hauptstadt Stockholm fast die Hälfte der Kinder ungeimpft. 

Auf je 100 Lebendgeborene des Vorjahres entfielen Impfungen: 
im Jahre 1861 1862 1863 1864 1865 1866 1867 1868 1869 
in Schweden über- 
haupt 77 74 76 73 78 76 70 67 71 

in Stockholm ... 45 46 50 58 57 61 52 40 44 

Die Pocken fanden daher hier genügenden Nährboden, 
so dass die Sterblichkeit an Blattern trotz des Impfgesetzes 



246 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

noch eine gewisse Höhe erreichte, welche naturgemäss auch 
in den Zahlen für das ganze Land zum Ausdruck kam. 







O . 03 








O . 03 






Pocken- 








Pocken- 


i— 1 03 — 




Jahr 


tode 
über- 


stalle 

7oo 


pf. auf 

ebendg 
Vorjal: 


Be- ' 
merkungen 


Jahr 


todesfälle 
über- % 


pf. auf 

ebendg 

Vorjal: 


Be- 
merkungen 




haupt 


Einw. 








haupt 


Einw. 


M ^^ 




1816 


690 


0,28 


73,4 


Einführung d. 
Impfpflicht 


1843 
1844 


9 
6 


0,003 
0,002 


72,9 
75,4 




1817 


242 


0,01 


86,0 




1845 


6 


0,002 


74,6 




ISIS 


305 


0,12 


58,3 




1846 


2 


0,0006 


71,7 




1819 


161 


0,06 


58,5 




1847 


13 


0,004 


71,1 




1820 


143 


0,05 


62,8 




1848 


71 


0,02 


75,3 




1821 


37 


0,01 


66,4 




1849 


341 


0,1 


86,7 




1822 


11 


0,004 


71,5 




1850 


1376 


0,39 


93,2 




1823 


39 


0,01 


71,2 




1851 


2488 


0,71 


88,1 




1824 


618 


0,23 


88,1 




1852 


1534 


0,43 


77,5 




1825 
1826 


1243 
625 


0,45 
0,22 


74,0 

63,8 




1853 


279 


0,08 


76,9 


Neues Impf- 
reglement 


1827 


600 


0,21 


66,2 




1854 


204 


0,06 


87,2 




1828 


257 


0,09 


64,2 




1855 


41 


0,01 


80,9 




1829 


53 


0,02 


64,9 




1856 


52 


0.01 


80,2 




1830 


104 


0,04 


68,3 




1857 


560 


0,15 


81,0 




1831 


612 


0,21 


72,1 




1858 


1289 


0,34 


S4,3 




1832 


622 


0,21 


75,4 




1859 


1470 


0,39 


80,2 




1833 


1145 


0,39 


81,7 




1860 


708 


0,18 


78,7 




1S34 


1049 


0,35 


61,9 




1861 


193 


0,05 


77,4 




1835 


448 


0,15 


70,2 




1862 


148 


0,04 


74,0 




1836 


138 


0,04 


79,2 




1863 


307 


0,08 


76,4 




1837 


301 


0,10 


72,5 




1864 


741 


0,18 


75,5 




1838 


1805 


0,58 


76,8 




1865 


1336 


0,32 


76,6 




1839 


1934 


0,62 


70,5 




1866 


1217 


0,29 


77,9 




1840 


650 


0,21 


75,9 




1867 


1061 


0,25 


70,7 




1841 


237 


0,07 


67,5 




1868 


1429 


0,34 


66,7 




1842 


58 


0,02 


73,6 




1869 


1474 


0,35 


71,3 





In der Schweiz wurde die Impfimg nicht gleichmässig 
gehandhabt. In der Zeit von 1804 — 1806 zählte man z. B. 
im Kanton Zürich 4018, 1807—1809 8119 Impfungen; im 
.Jahresdurchschnitt von 1819 — 1848 wurden 5468, 1849 bis 
L858 5660 und 1859—1869 6119 Kinder geimpft. Unter 
dem Eindruck einer grossen Pockenepidemie im Jahre 1835 
führten die meisten Kantone den Impfzwang ein, jedoch mit 
wenig gleichmässigen Vorschriften über das impfpflichtige 
Uter, die zur Vornahme von Impfungen berechtigten Personen, 
die Zulässigkeil yon Impfbefreiungen u. dergl.. Namentlich 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 247 

waren die Kontrolbestimmungen in vielen Kantonen unzu- 
länglich; jedenfalls waren die Verhältnisse nicht günstiger als 
in den süddeutschen Staaten, und dieselben Ursachen, wie 
dort, verhinderten die gänzliche Ausrottung der Pocken, im 
Kanton Zürich zählte man von 1821—30 etwa 230, 1831 
bis 1840 etwa 900, 1841—50 etwa 1060, 1851—60 etwa 
930 und 1861 — 70 etwa 1300 Pockenerkrankungen, also ab- 
gesehen von dem Jahrzehnt 1821 — 30 im Jahresdurchschnitt 
etwas mehr oder weniger als 100. 

In Frankreich blieb der Impfzustand der Bevölkerung 
während des zweiten Drittels des Jahrhunderts wenig befriedi- 
gend. Das Gesetz bot keine Handhabe zur Anwendung eines 
Drucks auf die Eltern, welche ihrerseits durch impfgegnerische 
Einflüsse an dem Nutzen der Vaccine irre gemacht wurden. Ein 
im Jahre 1839 in Paris erschienenes Buch von Verde „de 
la petite veröle considere comme agent therapeutique des 
affections scrofuleuses et tuberculeuses, suivi de considerations 
nouvelles sur la nature de ces maladies et sur les resultats 
funestes de la Vaccine" stellt folgende Sätze auf: 1. Die 
Blattern sind nothwendig, um das Blut von gewissen Be- 
standteilen zu befreien (!). 2. Die Impfung vernichtet nicht 
den Keim der Blattern, sondern stört nur für bestimmte Zeit 
gewisse Funktionen und verstopft die Wege, welche zur Aus- 
scheidung der schädlichen Stoffe bestimmt sind. 3. Der im 
Körper zurückgehaltene Keim der Menschenpocken bedingt 
lymphatische Anschwellungen und Tuberkelablagerungen, 
welche durch ihre Erweichung die verschiedenen Formen der 
Phthisis hervorbringen. 4. Die Impfung muss abgeschafft 
werden, da sie nichts zur Folge hat, als eine Unterdrückung 
der Menschenblattern, des Kopfgrindes, der Flechten u. s. w. 

Ein Artilleriehauptmann Carnot veröffentlichte in den 
Jahren 1849 und 1851 2 Arbeiten, in welchen er das Zu- 
rückgehen der Bevölkerungszunahme in Frankreich der Vaccine 
zur Last legte. 

Den Aerzten wurde die Förderung der Impfung durch 
das Verhalten der Akademie erschwert, welche weit länger 
als die wissenschaftlichen Körperschaften anderer Länder an 
der Lehre von der lebenslänglichen Dauer des Impfschutzes 
festhielt und immer wieder die Möglichkeit einer Degeneration 
der Lymphe erörterte. War die Lymphe degenerirt, so 
hatte sie ihre Wirksamkeit eingebüsst; es war den Aerzten 
nicht zu verdenken, wenn sie sieh um die Verbreitung der 



248 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

Impfung mit derartigem Stoff nicht bemühten. Erst im Jahre 
1840 erkannte Serres in einem an die Academie des Sciences 
erstatteten Berichte die zeitliche Abnahme des Impfschutzes 
und die Notwendigkeit der AViederimpfung an. Die prak- 
tische Anwendung der Revaccination blieb aber auch weiter- 
hin sehr beschränkt. Es gab ganze Distrikte, in denen sogar 
die Erstimpfungen fast vollkommen unterblieben. 

Frankreich hatte daher unablässig unter den Pocken zu 
leiden, im Laufe des Jahrhunderts griff die Seuche sogar 
immer weiter um sich. Während in den Jahren 1852 bis 
1858 28 unter 86 Departements von Blatternepidemien heim- 
gesucht wurden, waren in den folgenden 10 Jahren 75 be- 
troffen; im Departement Morbihan verbreitete sich die Krank- 
heit in 170 Kommunen. Eine weitere Steigerung erfolgte im 
Jahre 1869, in welchem die nur unvollständige Liste der 
Akademie 26240 Erkrankungen und 4164 Todesfälle an 
Pocken nachwies. 723 der letzteren kamen allein auf 
Paris. 

In England beschränkte sich die staatliche Fürsorge 
für das Impfwesen bis zum Jahre 1840 auf die Zahlung einer 
Jahresbeihülfe von zuletzt 2000 Pfund Sterling an das Na- 
tional-Impfinstitut, dessen Aufgaben hauptsächlich in der Ge- 
winnung des Impfstoffs bestanden. Die Impfthätigkeit der 
Anstalt reichte keineswegs aus, um den Pocken Einhalt zu 
thun. In dem Epidemiejahr 1838 wurden durch ihr Per- 
sonal 18 659 Personen geimpft, („6241 mehr als in irgend 
einem früheren Jahr in London und seiner Umgebung geimpft 
worden waren" Blaubuch), während die Zahl der Geburten 
sich auf 55 000 belief. Wie unbefriedigend die Impfergebnisse 
im zweiten und dritten Jahrzehnt waren, ergiebt sich aus der 
Thatsache, das von den damals geborenen Kindern männlichen 
Geschlechts ein grosser Theil später beim Diensteintritt in 
die Armee als nicht geimpft befunden wurde. Von 136113 
Rekruten der Jahre 1846—55 hatten 96545 (71 pCt.) Impf- 
narben, 29 220 (21 pCt.) Blatternnarben und 10348 (8 pCt.) 
weder Impf- noch Blatternnarben. 

\ls die Pockenmortalität in London entsprechend der 
Vernachlässigung der Impfung von 6990 Todesfällen im 
Jahrzehnt L821 -30 auf 10307 im Jahrzehnt. 1831—40 ge- 
stiegen, und im ganzen Lande in den 3 Jahren 1837—39 
rund 36000 Blatterntodesfälle, und zwar zu drei Vierteln unter 
den meist angeimpften Kindern (\<<v ersten •"> Lebensjahre, zu 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 249 

beklagen waren, wurde im Jahre 1840 ein Gesetz erlassen, 
demzufolge die Gemeindebehörden die Impfung der Unbe- 
mittelten auf öffentliche Kosten vornehmen lassen durften, 
ohne dass die Eltern der Geimpften dadurch in die Klasse 
der eingeschriebenen Armen versetzt wurden. In den folgenden 
Jahren war die Sterblichkeit um wenig geringer, wie die 
nachstehenden Zahlen zeigen, bei deren Würdigung übrigens 
die Bevölkerungszunahme nicht übersehen werden darf. 

Zahl der Todesfälle an Pocken. 



1828—1840 (13 Jahre) 


1841- 


-1853 


(13 Jahre) 






In England und 




a 


In England 






Wales 






T3 


und Wales 


Jahr 


In London 




o . 


Jahr 


O 


o 








O S- 




u3 




2 & 






absolut 


o ^ 




C 


absolut 


o % 


1828 


598 


? 


? 


1841 


1053 


6368 


0,4 


1829 


736 


? 


y 


1842 


360 


2715 


0.2 


1830 


627 


? 


y 


1843 


438 


y 


y 


1S31 


563 


? ' 


y 


1844 


1804 


y 


y 


1832 


771 


? 


'? 


1845 


909 


y 


y 


1833 


574 


? 


y 


1846 


257 


y 


y 


1834 


334 


? 


y 


1847 


955 


4227 


0,25 


1835 


863 


y 


y 


1848 


1620 


6903 


0,4 


1836 


536 


y 


y 


1849 


521 


4644 


0,3 


1837 


217 


y 


y 


1850 


499 


4665 


0,3 


763(6 Mon.) 


581 1(6 Mon.) 


y 


1851 


1062 


6997 


0,4 


1838 


3817 


16268 


1,1 


1852 


1159 


7320 


0,4 


1839 


634 


9131 


0,6 


1853 


211 


3151 


0,2 


1840 


1235 


10434 


0.7 











1828-1840 12268 



41644 



1841-53 10139 46990 



Simon hat im Blaubuch berechnet, dass die Pocken- 
sterblichkeit in England und Wales, auf eine Million Lebender be- 
rechnet, von 770 Todesfällen 
304 in den folgenden Jahren 
rücksichtigen, dass gerade in 
schwere Epidemie herrschte 
wesentliche Besserung 

der grossen Seltenheit der Wiederimpfungen trotz des Ge- 
setzes von 1840 der Impfzustand der Bevölkerung den Er- 
wartungen nicht entsprach. In dem Jahrfünft 1848 — 52 
fanden bei einer Geburtenzahl von 568811 nur 180960 



garnicht 



in den Jahren 1838 — 40 auf 

sank. Aber dabei ist zu be- 

enen 3 Jahren eine besonders 

In Wirklichkeit konnte eine 

eintreten, da abgesehen von 



250 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

öffentliche Impfungen des ersten Lebensjahres und 185139 
bei älteren Kindern statt; die Gesammtzahl der öffentlichen 
Impfungen betrug daher nicht ganz 2 / 3 der Geburtsziffer, 
und namentlich blieben die jüngsten Kinder zum über- 
wiegenden Theil längere Zeit ungeschützt. Letztere waren 
auch unter den Pockentodten stark vertreten. Im Jahre 
1845 z. B. kamen von 909 Pockentodesfällen in London 209 
(23 pCt.) auf das erste und 133 (15 pCt.) auf das zweite 
Lebensjahr. 

Im Jahre 1853 wurde die Impfung in England 
gesetzlich eingeführt; Eltern, deren Kinder nicht 
innerhalb der ersten 4 Lebensmonate geimpft 
wurden, sollten einer Geldstrafe unterliegen, welche- 
20 Schilling nicht übersteigen durfte. 

Im Jahre 1854 vermehrten sich die Impfungen; aber 
bald liess der Eifer wieder nach, weil es im Gesetz keine 
Bestimmung darüber gab, auf welche Weise und von wem 
die Bestrafung säumiger Eltern veranlasst werden sollte. 

Im Jahre 1854 kamen auf 623699 Geburten 408829 Impfungen im 
ersten Lebensjahr, 290111 Impfungen in höheren Lebensjahren; im Jahre 
1855 kamen auf 623181 Geburten 354979 Impfungen im ersten Lebens- 
jahr, 109120 Impfangen in höheren Lebensjahren; im Jahre 1856 kamen 
auf 640840 Geburten 350847 Impfungen im ersten Lebensjahr, 84165 
Impfungen in höheren Lebensjahren. 

Die Kontrole des Impferfolges war unzulänglich. Auf 
der Centralimpfstation in London wurden vom September 1853 
bis zum April 1857 4044 Kinder geimpft; aber nur 852 
wurden zur Nachschau gebracht und nur 142 erhielten Be- 
scheinigungen der erfolgreichen Impfung. So blieb die Zahl 
der ungeschützten Personen auch weiterhin recht ansehnlich. 

Die Vorschriften über die Impfung wurden in den fol- 
genden Jahren nach mancher Richtung ergänzt und vervoll- 
kommnet. Im Jahre 1861 wurde den Gemeindebehörden das 
Recht ertheilt, Polizeibeamte anzustellen, denen es oblag, 
Kontrole darüber auszuüben, dass die impfpllichligen Kinder 
wirklich geimpft würden, und die Bestrafung säumiger 
Eltern zu veranlassen. Die Impfung sollte in den drei eisten 
Lebensmonaten stattfinden. Im Jahre 1867 wurden jene Be- 
hörden verpflichtet, das Strafverfahren bei Vergehen gegen 
das [mpfgesetz einzuleiten; zugleich enthiell das Gesetz dieses 
Jahres Bestimmungen über die Anstellung von Impfärzten, 
die indessen so wenig befolgi wurden, dass es im Jahre 1870 



Weitere Erfahrungen mil der Impfung bis zum Jahre 1870. 251 

in 121 von 260 Bezirken noch keine Impfärzte gab. Im 

Jahre 1871 wurde die Anstellung von Impfärzten und Po- 
lizeibeamten für die Kontrole (vaccination officers) obligato- 
risch gemacht und das gesammte Impfwesen der Aulsicht 
des Ministeriums für die Mcdizinalangelegenbeiten (local go- 
vernment board) unterstellt, zugleich aber die Bestimmung 
aufgenommen, dass eine wiederholte Bestrafung wegen unter- 
lassener Impfung unzulässig sei (ne bis in idem), sofern der 
gesetzlich zulässige Höchstbetrag der Geldstrafe bereits er- 
legt sei. 

Die englischen Impfgesetze bestimmten sonach, dass die 
Impfpiiicht in einem frühen Lebensalter vorgenommen werden 
musste; dagegen sahen sie- keinen Zwang zur Wiederimpfung 
vor, sondern begnügten sich, die Möglichkeit zur Revacci- 
nation aus öffentlichen Mitteln zu gewähren. 

Die Aufnahme des Grundsatzes „ne bis in idem" bei 
den Strafbestimmungen machte es jedermann möglich, sein 
Kind für 20 Schillinge von der Impfung loszukaufen. Am 
ungünstigsten für die Impfung wirkte bei der Anwendung 
des Gesetzes der Umstand, dass trotz des Aufsicbtsrechtes 
des Ministeriums die Ausführung auch in der Folge im 
Wesentlichen dem guten Willen der Gemeindebehörden über- 
lassen wurde, welche sich vielfach impfgegnerischen Ein- 
flüssen zugängig zeigten. Die Kontrole der Impferfolge liess 
bis zum Jahre 1871 viel zu wünschen übrig. Die Zahl der 
Todesfälle an Pocken in London und im ganzen Königreich 
während der Jahre 1854 bis 1870 ergiebt sich aus der nach- 
stehenden Uebersicht: 





London 


England und 




Lor 


don 


England und 




Todesfälle 


Wales 




Todesfälle 


Wf 


les 


Jahr 


an P 


ocken 


Todesf. a. P. 


Jahr 


an Poeken 


Todes 


'. a. P. 




überh. 


Einw. 


überh. °J 00 




überh. 


%o 


überh. 


%o 






Emw. 






Emw. 




Einw. 


1854 


694 


0,3 


2808 


0,1 


1863 


1996 


0,7 


5964 


0,3 


1855 


1039 


0,4 


2525 


0,1 


1864 


547 


0,2 


7684 


0,4 


1856 


531 


0,2 


2277 


0,1 


1865 


640 


0,2 


6411 


0,3 


1857 


156 


0,1 


3936 


0,2 


1866 


1391 


0,5 


3029 


0,1 


1858 


242 


0,1 


6460 


0,3 


1867 


1345 


0,4 


2513 


0,1 


1S59 


1158 


0,4 


3848 


0,2 


L868 


597 


0,2 


2052 


0,1 


1860 


898 


0,3 


2749 


0,1 


L869 


275 


0.1 


1565 


0,1 


1861 


217 


0,1 


1320 


0,1 


1870 


973 


0,3 


2620 


0,1 


1862 


366 


0,1 


1628 


0,1 













252 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 



In Schottland wurde im Jahre 1863 ein Gesetz er- 
lassen, nach welchem alle vom 1. Januar 1864 ab geborenen 
Kinder innerhalb der ersten 6 Lebensmonate geimpft werden 
mussten. Die Sterblichkeit an Pocken verhielt sich in den 
7 Jahren vor und nach dem Impfgesetz, wie folgende Zahlen 
zeigen : 





Vor dem 




Nach 


dem 




Impfgesetz Sterbe- 




Impfgesetz 


* Sterbe- 


Jahr 


fälle an Pocken 


Jahr 


falle an 


Poeben 




1 °/ 
überhaupt ,-,• ' °, 

1 1 hinwohn. 




überhaupt 


°/oo 








Ein wohn. 


1857 


845 0,3 


1864 


1741 


0,6 


1858 


332 0,1 


1865 


383 


0,1 


1859 


682 0.2 


1866 


200 


0,1 


1860 


1495 0,5 


1867 


100 


0,03 


1861 


766 0.3 


1868 


15 


0,005 


186-2 


426 0,1 


1869 


64 


0,02 


1863 


1646 0.5 


1870 


114 


0.03 


1857—63 


6192 


1864— 70* 


2617 





* Einschliesslich des TJebergangsjahrs 1864. Alle i. J. 1863 geborenen 
Kinder, also alle, welche im Jahre 1864 ihr erstes Lebensjahr vollendeten, 
fielen nicht unter das Gesetz. 

In Irland wurde die Impfpflicht mit ähnlichen Vor- 
schriften wie in Schottland vom Jahre 1864 ab eingeführt. 
Vorher war zur unentgeltlichen Impfung Gelegenheit gegeben 
worden. Man hatte dort in dem Jahrzehnt 1831 — 40 0,7 p. M. 
Einw. Todesfälle durch Pocken gezählt, in den folgenden 
beiden Jahrzehnten 0,5 und 0,2. In den Jahren von 1864 
bis 1870 betrugen die Ziffern 0,15, 0,08, 0,03, 0,003, 0,004, 
0,003 und 0,006. — 

Zum Vergleich über die Pockenverhältnisse mehrerer 
Länder mit und ohne Impfzwang im 2. Drittel des 19. Jahr- 
hunderts sei die folgende vom Kaiserlichen Gesundheitsamte 
in der Denkschrift „Blattern und Schutzpockenimpfnng" ver- 
öffentlichte Tabelle hier (S. 253) eingefügt. 

Nach dieser Uebersicht war die Pockensterblichkeit 
in den 3 Ländern mit Impfzwang geringer als in den 
.'» anderen; jedoch ist der Unterschied nur für Bayern sehr 
auffallend, in den anderen Ländern dagegen weniger 
stark bemerkbar, wie j;i mich bereits mitgetheilt wurde, dass 
in den [mpfzwangsstaaten viele Kinder (\cs Impfschutzes 
niehi theilhaftig wurden und l!e\arrina!i<men mir in geringer 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 253 



Zahl stattfanden. Es fehlte damals noch viel daran, üass 
die Verhältnisse wirklieh als erfreulich hätten bezeichnet 

Es starben von 100000 Einwohnern an Pocken: 



I. In Ländern mit Zwangsim 


pfung 


II. Ii 


l Ländern oh 


ne Zwangsim 


pfung 


A 


] 


B 


< 




, 


\ 




B 




C 


in 


in 


in 


in 


in 


in 


Bayern 


Eng 


and 


Schw 


eden 


Preussen 


Oesterr. 


Bei 


gien 


im Jahre 


im Jahre 


im J 


ahre 


im Jahre 


im J 


ahre 


im ._ 


ahre 


1844/45 5,5 






1844 


0,2 


1844 


27,00 










1845/46 3,2 






1845 


0,2 


1845 


15,85 










1846/47 2,8 






1846 


0.06 


1816 


15,28 










1S47/4S 5,0 






1847 


0,4 


1847 


9,53 


1847 


16,00 






1848/49 13,1 






1848 


2,1 


1848 


13,69 


1848 


21,50 






1849/50 23.8 






1849 


9.9 


1849 


10,78 


1849 


29,29 






1850/51 10,6 






1850 


39,5 


1850 


15,69 


1850 


16,08 






1851/52 13,2 


- 


- 


1851 


70,7 


1851 


12,95 


1851 


11,06 


1851 


15,6 


1852/53 10,3 






1852 


43,3 


1852 


18,94 


1852 


11,60 


1852. 




1853/54 12,9 


1853 


17,4 


1853 


7,8 


1853 


39,51 


1853 


23,81 


1853 


11,4 


1854/55 6,6 


1854 


15,3 


1854 


5,7 


1854 


43,64 


1854 


28,40 


1854* 




1855/56 10,7 


1855 


13,6 


1855 


1,1 


1855 


9,67 


1855 


47,57 


1855 


9,7 


1856/57 3,4 


1856 


12,1 


1856 


1,4 


1856 


7.32 


1856 


16,44 


1856 




1857/58 6,9 


1857 


20,6 


1857 


15,2 


1857 


13,29 


1857 


12,26 


1857/ 




1858/59 3,2 


1858 


33,5 


1858 


34,5 


1858 


26,44 


1858 


21,78 


1858 


24,1 


1859/60 2,8 


1859 


19,7 


1859 


38,8 


1859 


19,62 


1859 


26,18 


18591 




1860/61 1,6 


1860 


14,0 


1860 


18,3 


1860 


18,95 


1860 


26,85 


1860 




1861/62 2,6 


1861 


6,6 


1861 


4,9 


1861 


30,17 


1861 


24,33 


) Keine An- 
| gaben 


1862/63 2,3 


1862 


8,1 


1862 


3,7 


1862 


21,06 


1862 


33,27 


1863/64 2,3 


1863 


29,3 


1863 


7,6 


1863 


33,80 


1863 


35,15 


1864/65 4,6 


1864 


37,3 


1864 


18,2 


1864 


46,25 


1864 


36,41 


1864 


50,0 


1865/66 12,0 


1865 


30,9 


1865 


32,5 


1865 


43,79 


1865 


22,83 


1865 


116,5 


1866/67 25,0 


1866 


14,4 


1866 


29,3 


1866 


62,00 


1866 


35,92 


1866 


21,2 


1867/68 19,0 


1867 


11,8 


1867 


25,3 


1867 


43,17 


1867 


46,88 


1867 


11,1 


1868/69 10,1 


1868 


9,6 


1868 


34,2 


1868 


18,81 


1868 


35,49 


1868 


17,0 


1869/70 7,5 


1869 


7,8 


1869 


35,4 


1869 


19,42 


1869 


35,18 


1869 


32,9 


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werden können. Immer noch sammelten sich die Unge- 
schützten allmählich zu solchen Mengen an, dass in gewissen 
Zeitabschnitten neue Durchseuchungen stattfinden konnten, die 
dann auch den schon vor längerer Zeit geimpften Personen 
verhängnissvoll wurden. Namentlich zeigte sich im letzten 



254 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

Jahrzehnt fast überall ein Anschwellen der Pocken 
zu epidemischer Verbreitung, welche auf eine Zu- 
nahme der Empfänglichkeit in den Bevölkerungen 
schliessen liess. 

Vergleicht man indessen das Auftreten der Pocken um die 
Mitte des 19. und um dieMitte des 18. Jahrhunderts mit einander, 
so ist eine erhebliche Abnahme in der Verbreitung der Seuche, 
eine Verminderung der von ihr geforderten Opfer nicht zu 
verkennen, und zwar besonders in denjenigen Ländern, in welchen 
kräftig auf die Anwendung der Impfung hingewirkt wurde. 

Hierin und in der Wahrnehmung, dass die Pocken nicht 
mehr, wie vormals, ausschliesslich als Kinderkrankheit auf- 
traten, haben die meisten Autoren eine Wirkung der Impfung 
gesehen. Aber es hat auch nicht an Einwänden gefehlt. 

Ein Theil der Gegner hat zunächst die Richtigkeit 
der angeführten Thatsachen bestritten. Man bemühte 
sich, statistisch nachzuweisen, dass die Pockenverluste 
gegen früher sich nicht vermindert hätten; aber man 
ging dabei von einem Vergleich einzelner besonders schwer be- 
troffener Epidemiejahre des 19. mit günstigen Jahren oder 
höchstens Durchschnittsverhältnissen des 18. Jahrhunderts aus 
und vermied eine Gegenüberstellung der Durchschnittszahlen 
beider Jahrhunderte. Ferner focht man die Angaben über 
die Unvollkommenheiten im Impfzustande der von 
den Pocken heimgesuchten Gebiete an. Z. ß. be- 
hauptete Vogt, dass in Berlin, wo, wie erwähnt, in den 
20 Jahren von 1844 bis 1863 auf 100 Geburten 
66,34 Impfungen kamen, in Wirklichkeit 99,7 pCt. der Impf- 
fähigen geimpft seien, da die im ersten Lebensjahre ge- 
storbenen Kinder in Abzug zu bringen, die im ersten Lebens- 
jahre wirklich lebenden Kinder aber im Jahresdurchschnitt 
auf 12454 zu berechnen seien, und die jährliche Durch- 
schnittszahl der Impfungen 12 412 betragen habe. Dieser 
Berechnung liegt zunächst die irrthümliche Voraussetzung zu 
' I runde, daas in Berlin alle Impfungen im ersten Lebens- 
jahre vorgenommen worden seien; in Wirklichkeit vertheilten 
sie sich gemäss den Vorschriften des Regulativs von 1835 
auf die ersten ('. Lebensjahre vor dem Schuleintritt. Vogt's 
Berechnung kann aber garnicht richtig sein. Wäre sie es, 
könnten die auf S. 211 mitgetheilten schwedischen Zahlen 
oder die gegenwärtige [mpfstatistik des Deutschen Reichs, 
welche z. B. für das Jahr 1897 rund 7(i Impfungen auf 100 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 255 

Lebendgeburten des Vorjahrs nachweist, ohne die Annahme 
von Doppelzählungen nicht erklärt werden. Die Bestrebungen, 
die Wirkung des Impfzwanges in Abrede zu stellen, weil der 
Beginn der Pockenverminderung nicht immer zeitlich 
genau mit dem Erlass solcher Vorschriften überein- 
stimmt, sind schon an früherer Stelle bei Erörterung des 
schwedischen Gesetzes zurückgewiesen worden. Es muss je- 
doch noch kurz auf die bezüglichen Wahrnehmungen in 
Schottland eingegangen werden, welche von impfgegnerischer 
Seite, namentlich von Vogt und Böing, als Beweis gegen die 
Thatsache der pockenvermindernden Wirkung eines Impfge- 
setzes und auch in der Erörterung der Altersverschiebung 
bei den Pockenkranken vielfach verwerthet worden sind. 

Vogt äussert sich nicht zu der Thdtsache, dass die Pocken- 
sterblichkeit in Schottland nach Einführung des Impfgesetzes abnahm, 
sucht jedoch örtliche, von der Impfung unabhängige A r erschiedenheiten 
der Pockenverbreitung im Lande nachzuweisen. Nach den von ihm mit- 
getheilten Zahlen sind in dem Jahrzehnt 1864 — 73 in Schottland ge- 
storben : 

an nachgewiesenen Todesursachen davon an Pochen 

1. In den Inselbezirken: 20512 91, d. i. 4,4 % 

2. In den Landbezirken : 

275149 1887, d.i. 6 ; 9% 

3. In den Stadtbezirken : 

410331 5656, d.i. 13,8 % 

Hieraus folgert er, dass ein rationelles Wohnverhältniss und eine 
gesunde Lebensweise die geringere Sterblichkeit an Pocken auf den 
Inseln und auf dem Lande gegenüber den Städten herbeigeführt habe. Der 
Beweis wird in der Wahrnehmung gesucht, dass auch das A r erhältniss 
der übrigen Todesfälle an nachgewiesenen Ursachen zur Einwohnerzahl 
in den 3 Bezirksklassen verschieden war und, wie eine Berechnung aus 
Yogt's Zahlen ergiebt, in den Inselbezirken 12,9, in den Landbezirken 
15,3 und in den Stadtbezirken 32,6 °/ 00 betrug. Diese Zahlen dürften 
indessen eine wesentliche Veränderung erleiden, wenn statt der Todes- 
fälle an bekannten Ursachen alle Todesfälle in das Verhältniss zur 
Einwohnerzahl gebracht würden. Dass eine Sterblichkeit von 12.9 °/ 00 
und 15,3 °/ 00 in jener Zeit nicht in das Gebiet der Wirklichkeit gehört, 
kann Niemandem, der mit der Bevölkerungsstatistik vertraut ist, zweifel- 
haft sein. Die günstigen Zahlen für die Insel- und Landbezirke beruhen 
also, wenigstens zum Theil, sicher darauf, dass die Todesursachen dort 
seltener festgestellt wurden als in den Städten, und es erscheint daher 
nicht ausgeschlossen, dass auch die dort verzeichnete Pockensterblidi- 



256 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

keit hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben ist. Bei Vogt fehlt über- 
dies jeder Nachweis, dass die günstigen Bezirke hinsichtlich der Lebens- 
Aveise und der Wohnverhältnisse ihrer Bevölkerung vor den Stadtbezirken 
so wesentlich im Vortheil waren, und dass die Einwohner der ersteren 
Bezirke der Pockenansteckung ebenso ausgesetzt waren, wie die Ein- 
wohner der letzteren. Besonders aber ist der Impfzustand deranPocken 
Verstorbenen nicht berücksichtigt. Dass unter der fortwährend wechseln- 
den Bevölkerung der grossen Hafenplätze in Schottland sich trotz des 
Impfgesetzes viele Ungeimpfte befanden, ist sicher. Nach Vogt's Zahlen 
waren ferner von je 1000 an Pocken Gestorbenen in den Städten 137 
jünger als 6 Monate und 567 älter als 10 Jahre. 1 ) Da nun nach dem 
Gesetz Kinder unter 6 Monaten nicht geimpft zu sein brauchten, und 
da am Ende des berücksichtigten Zeitraums nur die ersten, infolge des 
Gesetzes geimpften Kinder das Alter von 10 Jahren erreicht hatten, 
befanden sich unter je 1000 an Pocken Verstorbenen mindestens 704, 
welche den Vorschriften des Gesetzes nicht unterworfen gewesen waren, 
zu denen ferner die 9jährigen Kinder, welche vor Ende 1872, die 
8jährigen, welche vor Ende 1871 starben, u. s.w., hinzuzurechnen sind. 
Durch Vogt's Berechnung wird die Verminderung der 
Pockenhäufigkeit nach Erlass des Gesetzes nicht im ge- 
ringsten widerlegt, und diese hat auch in der Folge angehalten. 
Obwohl Schottland von der später zu besprechenden grossen 
Epidemie im Anfang der 70er Jahre nicht verschont wurde, 
zählte man in dem 24jährigen Zeitraum von 1864 bis 1887 
9240 Todesfälle an Pocken, d. i. wenig mehr als in dem 
2 1 / 2 mal kürzeren 9 jährigen Zeitraum von 1855 bis 1863, in 
welchem 8807 Menschen der Seuche erlegen waren. Dabei 
ist zu berücksichtigen, dass in den 2. Zeitraum das Ueber- 
gangsjahr 1864 fällt, in welchem alle beim Beginn desselben 
auch nur 1 Tag alten Kinder noch nicht impfpflichtig waren, 
und dass während der Epidemiejahre 1871 bis 1873 erst die 
bis 7, 8 und 9 Jahre alten Kinder der Impfpflicht imtcrworlen 
gewesen waren, die ältere Bevölkerung dagegen dem Impf- 
zwange noch nicht unterlegen hatte. Wie das Gesetz that- 
sächlich gewirkt hat, , lehrt ein Blick auf die Altersverhält- 
nisse der Todtcn vor und nach Erlass der Zwangsvorschriften. 
Aus der nachstehenden Uebersicht geht deutlich hervor, wie 
nach dem Gesetz gerade in den ersten 10 Lebensjahren eine 



l ) Nach Vogt (Für und wider die K'uhpockeiiiinid'uiig u. s. \v. 
S. 20 waren von 5656 an Pocken gestorbenen Personen 776 jünger al 
6 Monate und 3209 älter als in Jahre. 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 257 









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Wirkliche Zahl 


























der Todes- 


























fälle 


8807 


1227 


1345 


2572 


3639 


795 


222 


627 


688 


256 


s 




Todesfälle in 


























jeder Alters- 
























1855—1863 


klasse auf 
























9 Jahre vor 


1000 der Ge- 
























dem Impf- 


sammtheit 
























berechnet 


1000 


139 


153 


292 


413 


90 


25 


71 


78 


29 





gesetz. 


Todesfälle auf 
eine Million 
Lebender je- 
der Alters- 
klasse be- 


























rechnet 


321 


— 


— 


3175 


1243 


244 


77 


119 


99 


48 


— 




Wirkliche Zahl 


























der Todes- 


jj. 






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... Ä .•- 














1864—1887 


fälle 


9240 


1276 


437 


1713 


1265 


881 


749 


1867 


2137 


624 


12 


24 Jahre 


Todesfälle in 
























nach dem 


jeder Alters- 
























Impfgesetz 


klasse auf 
























einschliesslich 


1000 der Ge- 
sammtheit 
























des Ueber- 


berechnet 


1000 


138 


47 


185 


137 


95 


81 


202 


231 


67 





gangsjahres 


Todesfälle auf 
























1864 und der 


eine Million 
























Epidemiejahre 


Lebender je- 
























1871— 73. 


der Alters- 
klasse be- 


























rechnet 


108 




— 


679 


139 


86 


81 


115 


100 


38 





* Einschliesslich 59 Todesfälle an Windpocken. 

» 38 „ „ ,, , 
Alter unter, und 18 über 6 Monate. 

*** Einschliesslich 19 Todesfälle an Windpocken. 

" ■i w ., .. 



davon 20 im 



erhebliche Verminderung der Pockentodesfälle eingetreten ist, 
nämlich auf 1 Million Lebender berechnet, im 1. Lebensjahr 
von 3175 auf 679, im 1. bis 5. von 1243 auf 139 und vom 
5. bis 10. von 244 anl 86. In den übrigen Altersklassen 

Kühler, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. in 



258 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

ist die Sterblichkeit gegen früher nicht gesunken, aber auch 
nicht gestiegen, wie von impfgegnerischer Seite oft behauptet 
worden ist; daher ergiebt sich als Gesammterfolg eine Herab- 
setzung der allgemeinen Sterblichkeit von 321 auf 108. 
Würde man die Jahre nach 1873, also die Zeit, in welcher 
alle in Schottland geborenen Kinder bis zu 10 Jahren bereits 
das Impfgesetz erlebt hatten, in Betracht ziehen, so wären 
die Verhältnisse noch weit günstiger; denn von den 9240 
Pockentodesfällen des zweiten Zeitabschnittes gehörten nicht 
weniger als 7633 der vorhergehenden Zeit von 1864 bis 1873 
an; im Jahre 1874 kamen noch 358 Todesfälle auf 1 Million 
Einwohner, aber schon 1875 nur 22, in den beiden 
folgenden Jahren je 11, im Jahre 1885 10 und in allen 
anderen Jahren des Zeitraums weniger als 10. 

Wenn Böing, um den Nachweis des Pockenschutzes der ersten 
Lebensjahre zu entkräften, das Jahr 1864 dem Jahre 1872 gegenüber- 
gestellt hat und dabei fand, dass in jenem Jahre 419 von 100000 Kin- 
dern des ersten Lebensjahres, in diesem 384, also fast ebensoviel den 
Blattern erlegen sind, so verglich er ein Uebergangsjahr, in welchem die 
V ortheile der Impfung sich bereits bemerkbar machten, mit einem ausser- 
gewöhnlich schweren Epidemiejahre. Allein der Pockenschutz war auch 
in diesem sehr deutlich ; denn im Lebensalter von 6 — 12 Monaten, in 
welchem die Kinder dem Gesetz zufolge in Schottland bereits geimpft 
sein sollten, starben (nach Böing's Zahlen) 1864 360, 1872 nur 171, 
im Alter von 1—5 Jahren 1864 213, 1872 65 Kinder von 100000 Leben- 
den der Altersklasse. Ob die Gestorbenen aber wirklich geimpft waren, 
ist natürlich nicht bekannt. Auf Vogt's Berechnungen der Alters- 
verhältnisse der schottischen Pockentodten kann hier nicht näher ein- 
gegangen werden. Die dabei entstandenen Fehlschlüsse sind bereits 
von Lotz in seinem Buche „Pocken und Vaccination" aufgedeckt wor- 
den, und auch Böing hebt hervor, dass Vogt's Beweisführung von 
,, statistischen Fehlgriffen" nicht frei ist. 

Auch in anderen Staaten zeigten sich wesentliche Ver- 
schiebungen des Alters der von den Blattern Betroffenen gegen 
dir einstmaligen Zeiten, in denen die Altersklassen über 20 Jahre 

gut wie gänzlich von der Seuche verschont gewesen waren, 
und fasi alle Todesfälle sich auf die ersten 5 Lebensjahre 
vertheilt hatten. In Bayern, wo die Kinder in der Hegel 
während des zweiten Lebensjahres geimpfl wurden, betrafen 
/ B. von 8606 Todesfällen in den Jahren 1840 1860 nach 

Bulmerincq 



Weitere Erfahrungen mü der Impfung bis zum Jahre 1870. 259 

das Alter von 0—1 Jahr (meist ungeimpfte 

Kinder) 3532 d. i. 410 von 1000 

das Alter von 1—5 Jahren 1163 ,, ,, 135 ., ,, 

n jj jj 5 — 10 ,, 303 ,, ., 35 ., ,, 

„ i, i, 10-20 „ 303 „ „ 35 „ „ 

„ „ „ 20-30 „ 593 „ „ 69 „ „ 

„ „ ,, 30-40 „ 1029 „ „ 120 „ „ 

,, ,. .. 40 und mehr Jahren . . . 1683 ., ,. 196 ., ,, 

Zusammen 8606 d. i. 1000 von 1000 

Dass die- Pocken auch in den jüngeren Altersklassen 
Opfer forderten, kann bei der immerhin ansehnlichen Zahl 
der Kinder, welche trotz des Gesetzes ungeimpft blieben oder 
ohne Erfolg geimpft waren, nicht auffallen. Von impf- 
gegnerischer Seite ist oft eingeworfen worden, einem Schutz- 
verfahren, welches lediglich den Tod eine Reihe von Jahren auf- 
geschoben, die Sterblichkeit „deplacirt" und dadurch der 
menschlichen Gesellschaft nur die Erziehungskosten derdoch dem 
Verhängniss verfallenen Opfer der Seuche aufgebürdet habe, sei 
nur geringer Werth beizumessen. Dieser Einwand würde viel- 
leicht begründet sein, wenn die Pockentodesfälle in allen 
Altersklassen zusammengenommen dieselbe Höhe, wie früher, 
erreicht hätten. In Wirklichkeit war ihre Zahl jedoch be- 
deutend geringer geworden; die meisten Personen, welche 
des Impfschutzes theilhaftig wurden, entrannen damit dem 
Pockentode nicht nur in ihrer Kindheit, sondern dauernd. 

Die drei Thatsachen — geringere Häufigkeit der 
Pockentodesfälle überhaupt, erheblich geringere 
Häufigkeit derselben in den dem impfpflichtigen 
Alter folgenden Jahrgängen und besonders deut- 
liches Hervortreten dieser Erscheinungen in den 
am besten durchgeimpften Bevölkerungen — sind durch 
keinen Gegenbeweis zu entkräften. .Aber die Gegner 
haben nicht ganz Unrecht, wenn sie diese Thatsachen als voll- 
giltige Beweise für den Nutzen der Impfung nicht anerkennen. So 
lange der Impfzustand der gestorbenen, erkrankten und ver- 
schont gebliebenen Personen nicht im Einzelnen bekannt ist, 
bleibt die Möglichkeit bestehen, dass die Abnahme der Pocken- 
todesfälle auf anderen Ursachen als dem Impfschutz beruht 
hat; würde sich z. B. für je 1000 Kinder der bevorzugten 
Altersklasse, also etwa vom 3. bis 10. Lebensjahr, ergeben, 
dass 800 geimpft waren und dass 5, und zwar 4 geimpfte 



260 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

und 1 ungeimpftes Kind, an Pocken starben, so wäre zwar 
diese Pockensterblichkeit gering; sie vertheilte sich aber 
gleichmässig auf geimpfte nnd ungeimpfte Kinder, wäre daher 
den Geschützten nicht minder verhängnissvoll als den Un- 
geschützten, und es müsste untersucht werden, ob nicht andere 
Umstände, z. B. Verhinderung der Seuchenverbreitung durch 
Schliessung der Schulen, gute Krankenabsonderung u. dergl., 
wirksam gewesen sind. Ein statistischer Beweis für den 
Impfschutz ist erst dann nach jeder Richtung unan- 
fechtbar, wenn er in einer bestimmten Bevölkerung oder noch 
besser in einem der Ansteckung wirklich ausgesetzten ab- 
geschlossenen Theile derselben für jede Altersklasse berück- 
sichtigt: 1. den Procentsatz der Geschützten und Ungeschützten, 
2. die Erkrankungen an Pocken unter den Geschützten und 
Ungeschützten, 3. die Todesfälle in diesen beiden Klassen. Er- 
giebt sich dabei eine auffallend grössere Häufigkeit der Er- 
krankungen und Todesfälle bei den Ungeschützten, so ist der 
Impfschutz für die Geschützten der betreffenden Altersklasse 
erwiesen; wiederholt sich die gleiche Beobachtung in einer 
Reihe fortlaufender Altersklassen, so können darauf Schluss- 
folgcrungen über die Dauer des Impfschutzes basirt werden. 

Vor dem Jahre 1870 fehlte das Material für eine so 
bestimmte Beweisführung fast gänzlich. Man wusste nur, dass 
überall eine mehr oder weniger grosse Menge ungeschützter 
Personen vorhanden war; wie hoch sich die Zahl der Leben- 
den in den einzelnen Altersklassen belief, wie viele von diesen 
geimpft oder nicht geimpft waren, entzog sich der Kenntniss. 
AVenn man auch wohl annehmen darf, dass die Zahlen der 
Pockenmortalität allmählich mit grösserer Sorgfalt festgestellt 
wurden, so waren die Erkrankungsziffern entweder unbekannt oder 
doch nicht verlässlich; über den Impfzustand der Erkrankten 
und Gestorbenen wurden Aufzeichnungen meist nicht veran- 
lasst, oder sie beruhten auf unzuverlässigen Angaben der Kran- 
ken und ihrer Angehörigen. Nur ausnahmsweise wurden 
solche Erhebungen von sachkundigen Personen vorgenommen. 

Abgesehen von einigen Krankenhausstatistiken und ärzt- 
lichen Zusammenstellungen, deren Vorzüge und Mängel bereits 
beleuchte! wurden, bleiben daher nur die drei erwähnten That- 
sachen als statistische I h- weise für die Infolge der Impfung indem 
hier betrachteten Zeitabschnitt übrig. Aber zu ihnen gesellt 
sich das aus eigener Wahrnehmung gewonnene Urthei] 
der damaligen /Vcrzte. Sie waren, ausser Nittinger, IIa- 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 261 

mernijk und einigen wenigen Autoren, alle darüber einig, 
dass die ungeschützten Personen in Pockenepidemien selten 
von der Seuche verschont blieben, und dass ihre Erkrankungen 
schwerer verliefen als die der Geimpften, welche ihrerseits 
dt! der Ansteckung entgingen und, sofern überhaupt, nur dann 
erkrankten, wenn der Impfschutz durch die seit der Impfung 
verstrichene Zeit sich abgeschwächt hatte. Hierin sehen die 
Freunde der Impfung ein festeres Fundament für die wissen- 
schaftliche Erörterung, als in den mannichfachen Berechnungen 
aus unsicherem Material unter Zuhülfenahme von geschätzten 
Zahlen, besonderen Coefüzienten, Logarithmentafeln u. dergl.. 
Vertheidiger der Impfung, wie Lotz, sind zuweilen gezwungen 
gewesen, ihren Gegnern auf jenes Gebiet der Conjunkturen 
zu folgen, nicht um selbst neues Beweismaterial zu sammeln, 
sondern um die Nichtigkeit der gegnerischen Schlüsse dar- 
zuthun. Im Allgemeinen ist es aber den Impigegnern vorbehalten 
geblieben, ihre Angriffe durch eine solche Verwendung des 
von ihnen selbst bemängelten Materials zu begründen und 
sich dabei in gewagte Wahrscheinlichkeitsberechnungen zu 
verlieren. Dem Berner Professor der Sanitätsstatistik Vogt 
ist dabei von Lotz und Anderen nachgewiesen worden, dass 
er nicht einmal, sondern oft mit unrichtigen Zahlen gearbeitet 
und bei der Ausrechnung nicht nur in den Dezimalstellen 
Irrthümer begangen, sondern sogar noch schlimmere Versehen 
nicht vermieden, z. B. die Pockensterblichkeit in Genf in 
früheren Jahren um das 25 fache und die Sterblichkeit in 
Besaneon vor Einführung der Impfung um das 8 fache zu 
niedrig angegeben, dagegen die Pockenmortalität in Schott- 
land nach der Impfung um das lOfache zu hoch berechnet 
hat 1 ). Leider hat Vogt Nachfolger gefunden. Den 
gegenwärtigen Impfgegnern gilt er als erste Autorität auf 
dem Gebiete der Impfstatistik. 

Wesentlich auf statistischem Gebiete bewegten sich auch die An- 
griffe des bereits erwähnten französischen Impfgegners Carnot. Sie 
wurden durch Simon im englischen Blaubuch, durch Haeser in der 
Schrift „die Yaccination und ihre neuesten Gegner", durch Dupin, 
Bertillon u. a. bald zurückgewiesen. Carnot leugnet den Impfschutz 
nicht, behauptet aber namentlich, dass die Sterblichkeit des Lebens- 



1) Vog.t's Angabe nach sind die betreffenden Zahlen auf 10000, 
in "Wirklichkeit auf 100000 Lebende berechnet. 



"262 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

alters von 20 — 30 Jahren seit der Impfung zugenommen hätte, und zwar 
namentlich infolge der grösseren Häufigkeit des Unterleibstyphus, 
welchen er als eine durch die Kuhpockenimpfung bewirkte Modifikation 
der Variola interna ansah. Ueber die Verkehrtheit der letzteren Auf- 
fassung bedarf es gegenwärtig keiner Erörterung mehr; auch wissen wir 
jetzt zur Genüge, dass Paris, dessen Bevölkerungsbewegung Carnot 
das Beweismaterial lieferte, seine früher erhebliche und auch jetzt noch 
nicht unbeträchtliche Typhussterblichkeit nicht der Impfung, sondern 
der hygienisch bedenklichen Wasserversorgung verdankt. Aber schon 
Haeser wies Carnot nach, dass auch die hohe Betheiligung der er- 
wähnten Altersklassen an der Gesammtsterblichkeit ihren Grund in der 
im Vergleich zu anderen Städten grossen Zahl der Pariser im Alter von 
20—30 Jahren hatte. Die Menge der Todten dieses Alters betrug in 
Paris 10 — 14 pCt., dagegen in Belgien z. B. nur 7,1 pCt. der Gesammt- 
sterblichkeit, weil in Paris 1 / i — Vs menr J un §' e Leute auf eine gleich 
grosse Menge Einwohner kamen als in Belgien. Carnot und der Arzt 
Bayard, welch' letzterer für Wiedereinführung der Inokulation ein- 
trat, behaupteten, dass auch andere Infektionskrankheiten, wie Masern, 
Scharlach u. s. w. infolge der Impfung zugenommen und die Sterblich- 
keit erhöht hätten. Ihr Beweismaterial hierfür kann jedoch statistischen 
Anforderungen nicht genügen, da die damalige Todesursachenstatistik 
hierfür nicht ausreichend entwickelt war. Simon, dessen ausführliche 
Widerlegung im Blaubuch die Frage erschöpfend erledigt, kommt über- 
dies auf Grund sorgfältiger Prüfung zu entgegengesetzten Resultaten. 



Während die Regierungen aller europäischer Staaten sich 
die Förderung und Verbreitung der Schutzpockenimpfung an- 
gelegen sein liessen, nahmen sie früher oder später sämmtlich 
Anlass, die Anwendung des älteren Verfahrens, der Inoku- 
lation der ächten Blattern, zu verbieten. In Bayern 
geschah dies schon im Jahre 1807, in Preussen durch 
das Regulativ von 1835, in England erst im Jahre 1840. 
Dort hatte bereits Jenner sich vergeblich bemüht, das Ver- 
bot zu erwirken. Nach seinem Tode kam die Inokulation in 
verschiedenen Theilen <le.s Landes wieder mehr in Aufnahme, 
und in der Erkenntniss der damit verbundenen Gefahren, 
namentlich der .Möglichkeit der Seuchen Verbreitung, entschloss 
sich das Parlamenl unter dem Eindruck der Epidemiejahre 
von 1838 L840 zu der Maassregel, welche von den ange- 
sehensten Aerzte- Vereinigungen dringend gefordert worden war. 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 263 

Nach der Beseitigung der Inokulation wandte sich die 
allgemeine Aufmerksamkeit, mehr als bisher den durch die 
Kuhpockenimpfung bedingten Gesundheitsstörungen 
zu. Schon die Vertheidiger des alten Verfahrens hatten die Ge- 
fahrlosigkeit des Ersatzmittels bestritten; mit dem Seltener- 
werden der Pocken empfanden die Angehörigen der geimpften 
Kinder die mit dem Verlaufe der Schutzpockenimpfung 
verbundenen Krankheitserscheinungen weniger leicht, als in 
den Zeiten der Blatterngefahr. Es wurde den Gegnern der 
Impfung nicht schwer, bei besorgten Eltern die schlimmsten 
Befürchtungen zu erregen. Bald gab es keine Krankheit des 
kindlichen Alters mehr, die nicht eine Folge der Impfung 
sein sollte. Fiel vollends eine Erkrankung zeitlich mit den 
Schutzpocken zusammen, so galt das Verschulden der Impfung 
ohne weiteres für erwiesen. 

Auch von den impffreundlichen Aerzten wurde den Be- 
gleiterscheinungen der Impfung vermehrte Beachtung ge- 
schenkt; sie waren sich ihrer Pflicht bewusst, den Eingriff, 
welchen sie zum Schutze gegen die Pocken als nothwendig 
erklärten, möglichst gefahrlos zu gestalten. Es finden sich 
daher in der Litteratur jener Zeit viele Berichte über den 
Impfverlauf und seine Störungen. Heim z. B. widmet den 
„Bemerkenswerthen Komplikationen der Kuhpocken mit 
anderen Exanthemen und Krankheiten" 30 Seiten seines 
Buches. Neben mancherlei Kinderkrankheiten, welche sich 
zufällig neben der Impfung entwickelten, wie Masern, Keuch- 
husten, Diarrhoe, Krämpfe u. dergl., sind auch Impfaus- 
schläge, ungewöhnlich heftige Fieberbewegungen, stärkere Ent- 
zündungen der Impfstelle, der Lymphgefässe und Lymphdrüsen, 
einige Fälle von Rose und ein Todesfall an Pyämie 1 ) ver- 
zeichnet. Auch bei Eimer und anderen Autoren jener Zeit 
sind die Impfschädigungen erörtert. 

Auf die Impfausschläge in Form des Erythems, der 
Urticaria, der masernähnlichen Flecken u. s. w., von Jenner 
als „raeasleslike rash" bezeichnet, wurde im Allgemeinen 
wenig Gewicht gelegt. Grösseres Interesse erregte die „ge- 
neralisirte Vaccine", die auch heute noch ein beliebtes 
Thema in der Impfdiskussion bildet. Viel erwähnt wurden 

1) Von Kussmaul wird diese Erkrankung, welche das Kind des 
impffreundlichen Arztes Bauer betraf, nicht als Folge der Impfung, 
sondern als zufällig entstandene Osteomyelitis angesehen. 



264 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

die Fälle von Richard und Cazal aus den Jahren 1809 
und 1810, in denen angeblich bei Kindern, welche Vaccine- 
lymphe innerlich eingenommen bezw. aus der Impfwunde aus- 
gesogen hatten, ein regelrechter Pockenausschlag entstanden 
war und bei Fortimpfung aus dem Inhalt der Pusteln bei 
anderen Kindern wieder Vaccine erzeugt hatte. Diese Be- 
obachtungen sind vereinzelt geblieben, obwohl im Laufe des 
Jahrhunderts impfgegnerisch gesinnte Personen noch oft bei 
ihren Kindern die Impfschnitte ausgesaugt, Homöopathen die 
Vaccine innerlich verabfolgt haben und Lachmund im Jahre 
1851 die Vaccineschorfe in zahlreichen Fällen als innerliches 
Mittel gegen Keuchhusten angewendet hat (!). Wahrscheinlich 
lag bei den von Richard und Cazal behandelten Kindern 
natürliche Ansteckung mit Variola vor. Allgemeine Ausschläge 
von ächten Kuhpocken sind später mehrfach in Folge unmittel- 
barer Uebertragung des Pustelinhalts auf wunde Hautstellen, 
z. B. nach dem Baden geimpfter ekzematöser Kinder, beob- 
achtet worden; in anderen Fällen handelte es sich um 
Windpockenansteckung oder Miliaria. Dass in Ausnahme- 
fällen nach der Impfung ein allgemeiner Ausschlag von wirk- 
lichen Vaccinepusteln möglich ist, ohne dass die betreffenden 
Hautstellen von aussen her inficirt werden, kann auch jetzt 
noch nicht als erwiesen angesehen werden, da die Angaben 
in den zuweilen über solche Vorkommnisse veröffentlichten 
Berichten nicht vollständig genug sind, um ein Urtheil zu 
ermöglichen. 

Ein weites Feld für Angriffe gegen die Impfung lieferten 
die skrophulösen und tuberkulösen Erkrankungen, 
da bei deren oft schleichender Entwickelung ein Zusammen- 
hang mit der Impfung vermuthet werden konnte, auch wenn 
die ersten ernsteren Krankheitszeichen geraume Zeit nach 
dieser hervortraten. Es lag nahe, dass Eltern, deren Kinder 
abgesehen von dem Fieber bei den Schutzpocken scheinbar 
stets gesund waren, in der Impfung die Ursache vermntheten, 
wenn sich das Kind im Laufe der nächsten Wochen oder 
Monate nicht mehr nach Wunsch fortentwickelte, wenn sich 
Drüsenscliwellungen, chronische Hautausschläge, Knochen- 
oder Grelenkerkrankungen einstellten. Bei der Häufigkeil 
solcher Leiden im kindlichen Alter konnte es nicht ausbleiben, 
dass der Schein in einer Reihe von Fällen wegen der Gleich- 
zeitigkeit oder schnellen Aufeinanderfolge von Impfling und 
Erkrankung stark gegen die erstere sprach. Solche Fälle 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 265 

wurden von den Gegnern der Impfung durch Wort und Schrift 
verbreitet und ohne den Versuch einer Kritik der Wahr- 
scheinlichkeit des Zusammenhangs mit der Vaccine oder einer 
Berücksichtigung etwaiger anderer ursächlicher Umstände 
nach dem Grundsatz „post hoc, ergo propter hoc" als schwere 
Impfschädigungen gebrandmarkt. Der fast gänzliche Mangel 
von verwertbbaren statistischen Aufzeichnungen über Skrophu- 
lose und Tuberkulose in jener Zeit machte es Nittinger 
und seinen Gesinnungsgenossen leicht, ohne Befürchtung einer 
Widerlegung die Behauptung aufzustellen, dass jene Leiden 
seit der Impfung in erschreckendem Grade zugenommen 
hätten, und dass es sich um eine Impfvergiftung des ganzen 
Volkes handele. 

Die Frage des Einflusses der Impfung auf die Entstehung 
oder Verschlimmerung der Skrophulose wurde daher von den 
Aerzten vielfach und gründlich erörtert. Kussmaul hat die 
Ergebnisse im neunzehnten seiner 20 Briefe klar und 
erschöpfend zusammengestellt. Gegen die Annahme eines 
besonderen schädlichen Einflusses der Impfung sprachen 
namentlich zahlreiche Fälle, in denen skrophulose oder skro- 
phulös veranlagte Kinder die Schutzpocken ohne jeden Nach- 
theil durchgemacht hatten, und ferner die skrophulösen Er- 
krankungen bei nicht geimpften Kindern. Im Franz Joseph-Spital 
in Prag hatte z. B. Löschner unter 127 ungeimpften und 
91 geimpften Kindern bei dem siebenten Theil der letzteren, 
dagegen bei der Hälfte der ersteren konstitutionelle Krank- 
heiten wie Skropheln, Beinfrass, Tuberkeln, Rachitis u. s. w. 
festgestellt. Ferner gab es ganze Länder und Gegenden, in 
welchen trotz guter Verbreitung der Impfung Skrophulose und 
Tuberkulose nicht gefunden wurde, so in Island, auf den 
Faröer Inseln, in den Hochthälern des Engadin und in Grau- 
bünden. Bei der Nachprüfung von Einzelfällen, in welchen 
eine skrophulose oder tuberkulöse Erkrankung auf die Impfung 
zurückgeführt wurde, fanden sich neben dieser andere wahr- 
scheinlichere Entstehungsursachen, die man nicht beachtet 
oder verschwiegen hatte. 

Wenn trotzdem von der Mehrzahl der Aerzte die Mög- 
lichkeit einer Mitwirkung der Impfung bei Entwicklung der 
Skrophulose und Tuberkulose nicht ganz in Abrede gestellt 
worden ist, so geschah dies wesentlich ans theoretischen 
Gründen. Da jene Leiden sich erweislich oft im Anschluss 
an Infektionskrankheiten, wie die ächten Blattern, die Maseru, 



266 Weitere Erfahiungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

das Scharlachfieber, die Diphtherie u. a. entwickeln, war es 
immerhin nicht unmöglich, dass auch die leichte Schutzpocken- 
infektion ähnlich wirken konnte. Sie war dann aber nicht 
als Ursache der weiteren Erkrankung, sondern nur als be- 
günstigender Umstand anzusehen, insofern sie den Reiz 
darstellte, durch welchen die bereits latent im Körper sich ent- 
wickelnde Dyskrasie zum offenen Ausbruch gebracht wurde. 
Man berief sich darauf, dass man sogar nach viel gering- 
fügigeren Reizen, wie nach dem Erbohren der Löcher für 
Ohrringe, chronische allgemeine Ausschläge habe auftreten 
sehen, was nach unserer gegenwärtigen Ansicht allerdings 
wohl als Folge einer Infektion der kleinen Stichwunden auf- 
zufassen sein dürfte, und nahm daher an, dass auch schon 
die kleinen Impfschnitte ähnliche Reize darstellen könnten. 
Daneben aber lag es bei der damaligen Methode der Impfung 
von Arm zu Arm nicht ausserhalb des Bereichs der Möglich- 
keit, dass von einem latent skrophulösen Kinde die Krank- 
heit auf ein gesundes Kind übertragen wurde. Man hatte 
Analogien in den nachweislich erfolgten Uebertragungen der 
Syphilis, welche die traurigsten Ereignisse in der Geschichte 
der Impfung bilden. 

Die ältesten Mittheilungen über Impfsyphilis finden sich 
in einer im Jahre 1814 von Cerioli vor der Akademie von 
Mailand verlesenen Abhandlung Monteggia's, in welcher be- 
hauptet wird, dass die Pusteln vaccinirter syphilitischer Per- 
sonen sowohl den Ansteckungsstoff der Vaccine als das sy- 
philitische Contagium enthalten 1 ). Im Jahre 1824 berichtete 
Marcolini, dass durch Abimpfung von einem Kinde syphi- 
litischer Eltern in Udine einige andere Kinder mit Syphilis 
inlicirt worden und zum Theil gestorben seien, und 
dass auch in einem anderen Falle die Impfung mit Pusteln- 
inhalt von einer anscheinend gesunden, aber in Wirklichkeit 
mit Syphilis behafteten Person bei einem Mädchen die letztere 
Krankheit erzeugt habe. Aehnliche Beobachtungen sind von 
Cerioli überliefert. Im Jahre 1821 wurden von einem 3 
Monate alten Findelkinde aus Sospiro 46 andere Kinder in 



1 i In einer älteren, viel erwähnten Beobachtung von Mosoley, 
welcher bei geimpften Soldaten im Chelsea Hospital einen von ihm „cow 
pos ilch" bezeichneten Ausschlag beobachtete, schein! es sich lediglich 
um Krätze gehandell zu haben, die mil der Impfung nichts zu thun 
haue 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 267 

Mailand abgeimpft; bei 6 davon verliefen die Schutzpocken 
normal, bei den übrigen 40 bildeten sich aus den meisten 
Stichen Geschwüre, welche sich verhärteten und mit Krusten 
bedeckten; nach einigen Wochen stellten sich sekundäre und 
tertiäre Erscheinungen der Syphilis ein, an welchen 19 von 
den Kindern starben. Die Krankheit theilte sich auch den 
Müttern und Ammen mit, welche die Kinder nährten. Eerner 
erfolgte im Jahre 1841 die Erkrankung von 64 Kindern und 
der Tod von 8 Kindern und 2 Frauen in Grumello (Provinz 
Cremona) nach Abimpfung von einem hereditär syphiliti- 
schen Kinde. Andere Berichte über Fälle von Impfsyphilis 
sind durch Ewertzen in Fredericksborg (1832), Bidart in 
Paris (1831), Pitton (1844), Miliard (1865) und Depaul 
(1866) ebendort, Glatter in Oesterreich (1853 und 1857), 
Whitehead in Manchester (1859) u. a. berichtet. 

In Deutschland erregten namentlich folgende Fälle viel 
Aufsehen. In Köln hatte ein Wundarzt Baudrin im Jahre 
1849 bei der Impfung die Lymphe von einem anscheinend 
gesunden unehelichen Kinde, welches aber bereits eine Woche 
später an Gehirnwassersucht starb, erst am 11. bis 12. Tage 
entnommen, weil die Entwickelung der Pusteln nur langsam 
vor sich gegangen war; bei 19 von 44 damit vaccinirten 
Personen brachen die Narben nach 3- — 4 Wochen wieder auf, 
worauf sich später deutliche syphilitische Krankheits- 
erscheinungen einstellten. Baudrin wurde gerichtlich be- 
straft, Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Landgerichts- 
arzt Hübner zu Hollfeld in Bayern, welcher im Jahre 1852 
13 Kinder durch die Impfung inficirt hatte, indem er die 
Lymphe von dem mit einem Ausschlage behafteten Kinde 
einer früher syphilitischen Mutter entnommen hatte. Die Gut- 
achten der Sachverständigen Heyfelder und Heine in der 
Gerichtsverhandlung gegen Hübner wurden lebhaft erörtert. 

Die Ueberzeugung von der Uebertragbarkeit der Syphilis 
auf dem Wege der Impfung drang bei den Aerzten erst allmählich 
durch. Bousquet hielt noch im Jahre 1833 die Ueber- 
impfung anderer Krankheiten mit der Vaccine für unmöglich 
und erklärte es für strafbare Schwäche, wenn man bei drohen- 
der Gefahr in Zeiten einer Pockenepidemie die Impfung unter- 
liesse, weil nur die Lymphe von kranken Personen zur Ver- 
fügung stände. Er sowohl wie in Deutsehland Heim 
scheuten sich sogar nicht, mit vollem Bewusstsein die Schutz- 
pockenlymphe von syphilitischen Personen zur Fortimpfung 



268 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

zu benutzen, angeblich ohne nachtheilige Folgen. Auch 
später verschlossen sich viele Aerzte unter dem Einfluss der 
Lehren des berühmten Syphilidologen Ricord, welcher die se- 
kundäre Syphilis nicht für ansteckend oder überimpfbar hielt, 
der richtigen Auffassung. Die Pariser Akademie erkannte 
erst im Jahre 1869 das Vorkommen der Impfsyphilis an. 

Inzwischen hatten in Deutschland neben den Erfahrungen 
aus der Praxis die von dem Wiener Syphilidologen Siegmund 
bestätigten Beobachtungen von Friedinger in Wien bereits 
während der fünfziger Jahre wesentlich zur Klärung bei- 
getragen. Friedinger hatte im Wiener Findelhause unter 
den der angeborenen Syphilis verdächtigen Kindern, welche 
infolge ihrer Lebensschwäche schon in den ersten Monaten 
zu sterben pflegten, ausnahmsweise einige geimpft; er beob- 
achtete eine verzögerte und ungenügende Pustelentwickelung 
bei schnellem tödtlichen Verlauf der Grundkrankheit. Ferner 
fand er bei bereits syphilitisch kranken älteren Personen, 
dass durch Verimpfung der mit dem Sekret ihrer eigenen 
primären und sekundären Affektionen (Ulcus durum, exulce- 
rirte Condylomata lata n. s. w.) vermischten Vaccine nicht 
Schutzpocken sondern spezifische luetische Pusteln entstanden. 
Gonorrhoisches Sekret veränderte dagegen die Wirkung der 
Vaccine nicht. Friedinger hat durch seine Versuche die 
zulässigen Grenzen der Forschung überschritten und seine 
Berufspflichten als Arzt verletzt. Jedenfalls aber konnte nun 
kein Zweifel mehr über die Verwerflichkeit der Abimpfung 
von offen oder latent syphilitischen Personen bestehen, und 
dadurch war den Aerzten die peinlichste Vorsicht bei der Aus- 
wahl des Impfstoffs zur Pflicht gemacht. 

In den erwiesenen Fällen von Impfsyphilis gestaltete sich der Ver- 
lauf in der Regei derart, dass eine oder die andere der anfangs gut ent- 
wickelten Vaccinepusteln sich zu einem Geschwür mit verhärtetem, 
speckigem Grunde und scharfen Rändern umwandelte, und Schwellungen 
der Lymphdrüsen in der Achselhöhle und am Halse folgten. Zuweilen 
bemerkte man auch, dass die [mpfnarben sich verhärteten oder wieder- 
aufbrachen. Die sekundären Symptome — Aussoh läge, Condylome u. s.w. — 
< Uten sich etwa 6—8 Wochen später ein. Bei jüngeren Kindern war 
der tödtliche Ausgang durch Schwäche und Abmagerung nicht selten, 
auch bei Erwachsenen bedrohte die Krankheil das Leben. 

Es war »'in Glück, dass die syphilitische [nfektion auch 
bei Verwendung syphilitischer Stammimpflinge oft ausblieb. 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 269 

Beobachtungen dieser Art sind nichl nur von Bousquet und 
Heim, sondern auch von Taupin in Paris, von Schreyer 
in Regensburg und vielen anderen glaubwürdig berichtet; sie 
erweisen, dass die Gefahr der Impfsyphilis immerhin gewisse 
Grenzen harte. 

Jene Beobachtungen haben andererseits eine der Grundlagen für 
die von Creigh ton und Crookshank vertretene sonderbare Theorie 
geliefert, welche lehrt, dass die Kuhpocken, wenn nicht die Syphilis 
selbst, so doch eine der Syphilis nahe verwandte Krankheit sind. 
Creigh ton sieht sogar in der Zunahme der Todesfälle von hereditärer 
Syphilis in England und Wales von 255 im ersten und 310 in anderen 
Lebensjahren im Jahre 1847 bis auf 1422 und 436 im Jahre 1870 (1733 
und 547 im Jahre 1884) eine Folge der Schutzpockenimpfung, da diese 
die wirkliche Ursache jener Todesfälle sei. Freilich hat es Todesfälle 
an hereditärer Syphilis schon längst vor der Entdeckung der Kuhpocken 
gegeben, und ausserhalb Englands, z. B. in Deutschland, pflegen die 
Impfungen in einem Lebensalter vorgenommen zu werden, in welchem 
die hereditär syphilitischen Kinder sich bereits nicht mehr unter den 
Lebenden befinden. Unsere deutschen Impfgegner gehen daher noch 
weiter. Ein Arzt Namens Cr ü well behauptet, allerdings ohne irgend 
einen Beweis anzuführen, dass Sarah Nelmes, von deren Hand 
Jenner den Stoff für seine erste Impfung entnahm, syphilitisch gewesen 
sei, wonach also die in Jenner' s Inquiry angeführten Fälle von Kuh- 
pocken in Wahrheit Erkrankungen an Syphilis gewesen wären. In 
vielen impfgegnerischen Schriften wird es als eine unbestrittene That- 
sache hingestellt, dass die Uebertragung der Syphilis durch die Impfung 
ein sehr häufiges, oder gar gewöhnliches Ereigniss sei. 

Im Ganzen war die Impfsyphilis sehr selten. Simon 
veröffentlichte im „Blaubuch" 1857 542 Antworten bedeuten- 
der Aerzte auf eine Umfrage über das Vorkommen der Krank- 
heit. Sehr wenige berichteten über eigene Beobachtungen. 
Die überwiegende Mehrzahl, darunter autoritative Persönlich- 
keiten, denen die ausgedehntesten Erfahrungen zu Gebote 
standen, wie Chomel, Moreau, Rayer, Ricord, Rostan, 
Yelneau, Hebra und Stromeyer hatten niemals einen 
Fall von Impfsyphilis gesehen. In Baden waren bis zum Jahre 
1870 unter weit über 2 Millionen Impfungen und Wiederimpfungen 
nur einmal im Jahre 1836 in Lahr einige Kinder inficirt worden, 
aber nicht durch die Lymphe, sondern wahrscheinlich infolge 
der Nachlässigkeit des Chirurgen, welcher mit einer vorher 
zur Operation bei Syphiliskranken benutzten Lanzette geimpft 



270 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

hatte. In Württemberg war bei rund 790 000 Impfungen in 
den Jahren 1846 — 1867 nicht ein einziger Fall der Syphilis- 
übertragung bekannt geworden. 

Als Heyd im Jahre 1867 eine Zusammenstellung aller 
in der Litteratur verzeichneten Fälle der Krankheit veröffent- 
lichte, vermochte er bei mindestens 100 bis 120 Millionen 
Impfungen in Frankreich, Italien, Oesterreich, England, Däne- 
mark und Schweden insgesammt 26 Fälle nachzuweisen, in 
welchen eine Syphilisverimpfung mit Gewissheit oder Wahr- 
scheinlichkeit festgestellt war; die Zahl der dabei betroffenen 
Personen belief sich auf annähernd 500. In Wem her 's im 
Jahre 1883 erschienenen Briefe „Zur Impffrage" wird unter 
Mitberücksichtigung der in Deutschland beobachteten Fälle 
von Impfsyphilis die Zahl der Vorkommnisse auf 36, die 
Zahl der erkrankten Einzelpersonen auf etwa 500 angegeben. 

Einen weniger breiten Raum nehmen in der damaligen 
Litteratur die Berichte über die Wundkrankheiten nach der 
Impfung ein. Dies erklärt sich mit der in jenen Zeiten ver- 
breiteten Auffassung, dass ein gewisser Grad von Entzündung 
in der Umgebung der Impfpusteln zum regelmässigen Verlauf 
der Schutzpocken gehöre. Leichtere Fälle des sogenannten 
„Impfrothlaufs" erregten wenig Beachtung, und wirklich 
ernste Erkrankungen waren, wie auch jetzt, selten. In Württemberg 
wurden z. B. nach Cless in den 14 Jahren von 1854 bis 1868 
unter mehr als einer halben Million Impfungen nur 4 Todes- 
fälle an Rothlauf beobachtet. Es ist nicht mitgetheilt, ob es 
sich dabei um Erkrankungen von „Frührothlauf", d. i. um 
Lebertragung des Contagiums mit der Vaccine, gehandelt hat. 
Die Frage, ob solche Fälle damals häufiger vorkamen, ist 
nach den älteren Ueberlieferungen nicht zu entscheiden; 
aber nach späteren Erfahrungen gehört der Frührothlauf zu 
den seltensten Ausnahmen. Die meisten Fälle wirklicher Rose 
und anderer Wundkrankheiten nach der Impfung entstehen 
durch nachträgliche Verunreinigung der Impfstellen oder durch 
unmittelbare Ansteckung von anderen bereits erkrankten 
Personen und können daher der Impfung als solcher nicht 
zur Last gelegi werden. 

Die gewissenhafte Prüfung einsichtiger Aerzte ergab 
hiernach regelmässig, dass die Mittheilungen der impfgegne- 
rischen Litteratur über [mpfschädigungen, gleichviel welcher 
Ari. sehr stark, ofl maasslos übertrieben und bei ruhiger I >«*- 
urtheilung auf einige zwar beklagenswerthe, aber doch sehr 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 271 

vereinzelte Vorkommnisse zurückzuführen waren. Oft hatte 
strafbare Nachlässigkeit bei Ausführung der Impfung zu 
Grunde gelegen; noch häufiger war zwar dem Impfarzl keine 
Schuld beizumessen, aber es lag eine ungünstige Verkettung 
von Umständen vor, deren Wiederholung für die Zukunft ver- 
meidbar erschien. Es folgte daraus die Noth wendigkeit, die 
Impfung mit neuen, etwaige Unglücksfälle ausschliessenden 
Vorsichtsmassregeln zu umgeben. 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Arm zu 
Arm-Impfung das gebräuchlichste Verfahren. Der Aus- 
gangsstoff wurde den Impfärzten, falls diesen eigene Stamm- 
impflinge nicht zur Verfügung standen, von bestimmten Cen- 
traistellen (Impfanstalten) geliefert. Er war dort den Pusteln 
eines frisch vaccinirten Kindes entnommen, auf Fischbein- 
stäbchen oder Glastafeln angetrocknet oder in Haarröhrchen 
eingefüllt; letztere pflegte man in die geöffnete Pustel ein- 
zuführen, worauf sie sich vermöge ihrer Canliarität mit 
Lymphe füllten; dann wurden ihre Enden zugeschmolzen oder 
mit Siegellack verklebt. Die Impfung erfolgte mittelst 
Schnitt oder Stich, ausnahmsweise auch durch Auftragen 
der Lymphe auf die durch Blasenpflaster und dergl. von 
der Epidermis entblösste Haut; als Impfstelle wurde fast 
durchweg der Oberarm gewählt. Ueber das für die Impfung 
am meisten geeignete Lebensalter w T aren die Meinungen ge- 
theilt. In England schrieb das Gesetz die Impfungen in den 
ersten 4, in Schottland in den ersten 6 Lebensmonaten vor, 
in den übrigen Staaten wurde das 2. Lebensjahr gewählt. 

Die erste Bedingung einer gefahrlosen, üble Neben- 
wirkungen ausschliessenden Impfung war die Beschaffung 
eines einwandfreien Impfstoffes. Die Lymphe der Impf- 
anstalten wurde aber vielfach von Waisen- und Findelkindern 
abgenommen, deren Herkunft nicht bekannt oder nicht ge- 
nügend geprüft war. Die Kinder in Gebäranstalten und Findel- 
häusern lieferten in Bayern z. B. bis zum Jahre 1835, in 
Oesterreich noch lange über das Jahr 1870 hinaus den grössten 
Theil des Stoffs für die Ausgangsimpfungen. Dazu waren 
die Impfärzte im Lande bei der W T ahl ihrer Stammimpflinge 
anfangs an bestimmte Vorschriften nicht gebunden; ihre ein- 
mal armirten Lanzetten benutzten sie ohne eine Säuberung 
zwischen den einzelnen Impfungen bei einer Reihe von Kin- 
dern nacheinander, da der werthvolle Stoff möglichst lange 
ausreichen musstc. Die Nothwendisrkeit einer Desinfektion 



272 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

der Impfinstrumente war in jener voran tiseptischen Zeit noch 
imbekannt. Nicht überall wurden die Impfungen von Aerzten 
ausgeführt. 

Unter dem Eindruck der im Anschluss an die Impfung 
erfolgten Erkrankungen kam man später mehr und mehr zur 
Einsicht, dass nur die Verwendung der von zweifellos ge- 
sunden Stammimpflingen abgenommenen Lymphe ohneBe- 
denken sei; man forderte nicht nur eine sorgfältige Unter- 
suchung der zur Lymphentnahme bestimmten Kinder, sondern 
auch den Nachweis der Gesundheit ihrer Eltern. Ferner 
beanstandete man die Lymphe, wenn sie nicht vollkommen 
klar war; namentlich erschien eine sichtbare Färbung durch 
Blut oder Eiter nachtheilig, weil an solche Beimengungen 
fremde Krankheitsstoffe gebunden sein konnten. Endlich hieltman 
es für nothwendig, dass Nichtärzte von der Berechtigung 
zur Vornahme von Impfungen auszuschliessen seien. 

Nicht in allen Ländern trug die Gesetzgebung diesen 
Forderungen frühzeitig Rechnung. In England wurden in der 
ersten Hälfte des Jahrhunderts zahlreiche Impfungen durch 
Geistliche, Droguisten, alte Frauen, Hebammen u. dergl. vor- 
genommen; das Gesetz von 1853 forderte die Impfung durch 
einen praktischen Arzt, verbot aber nicht ausdrücklich ihre 
Vornahme durch andere Personen. In Preussen wurden die 
Wundärzte 2. Klasse erst im Jahre 1875 vom Impfgeschäft 
ausgeschlossen. Dagegen bestimmte in Bayern schon das 
Gesetz von 1807, dass die Chirurgen nur unter ärztlicher 
Aufsicht beim Impfgeschäft helfen durften. In Württemberg 
und in Schweden wurde lange Zeit hindurch neben den 
Aerzten auch anderen Personen, welche ihre Befähigung nach- 
weisen konnten, die Berechtigung zur Impfung amtlich zuge- 
standen. 

Eine Vorschrift, dass die Lymphe nur von gesunden 
Kindern abgenommen werden dürfe, wurde im Laufe der Zeit 
in die Impfordnungen der meisten deutschen Staaten auf- 
genommen. Sic findet sich u. a. im Preussischen Regulativ 
von 1835, in der Uayerischen Instruktion vom 27. Dezember 
1830 und in der Württembergischen vom April 1<S(>4. Aber 
auch in Landein, deren Gesetzesvorschriflcn nicht; ausdrück- 
lich die Abimpfung von gesunden Kindern vorschrieben, wur- 
den sich die Aerzte ihrer Pflicht in dieser Beziehung mehr 
und mehr bewusst Es darf wohl als die allgemeine An- 
schauung der damaligen Aerzte angesehen werden, wenn 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 273 

Eimer in seinem im Jahre L853 erschienenen Buche die For- 
derung erhebt, dass der Impfstoff nur „von völlig legitimen 
Schutzpocken gesunder und vorzugsweise älterer Kinder ent- 
nommen- und wo möglich in frischem Zustande von Ann 
zu Arm eingeimpft werden solle, und dass dem Stammimpf- 
linge nur wenige Pocken und nur solche, in denen der Eite- 
rungsprocess noch nicht begonnen habe, zu öffnen seien. 
Ueber die Abnahme des Stoffes von den Pusteln der Wieder- 
geimpften äussert sich Eimer nicht. Heim hatte nament- 
lich bei den Militärimpfungen davon viel Gebrauch gemacht. 
In der Preussischen Armee war die Anwendung solcher 
Lymphe durch Verfügung vom 12. Mai 1837 ebenfalls anem- 
pfohlen worden. 

Neben den Bemühungen, den menschlichen Impfstoff, 
die „humanisirte Lymphe", in möglichst reiner Form zu ver- 
wenden, dauerten die auf den gänzlichen Ersatz desselben 
durch ächten Kuhpockenstoff gerichteten Versuche fort. Die 
älteren ungünstigen Erfahrungen bei der Verwendung des 
Stoffes von natürlichen Kuhpocken, der „originären Kuh- 
pockenlymphe ", bestätigten sich durch Beobachtungen 
Ceely's, welcher die Krankheit im Jahre 1838 zuerst im 
Thale von Aylesbury fand und ihre Wirkung in den folgenden 
Jahren an Kühen und Menschen studirte. 

Die originäre Lymphe haftete nicht zuverlässig und er- 
zeugte sowohl bei der Verimpfung als auch bei zufälliger 
Ansteckung der Melker heftige Entzündungserscheinungen, 
hohes Fieber u. s. w. Durch fortlaufende Uebertragungen 
beim Menschen besserte sich das Haftungsvermögen unter 
gleichzeitiger Abnahme der entzündlichen Nebenerscheinungen. 
Ceely erläuterte seine trefflichen Abhandlungen durch Ab- 
bildungen der schlimmsten Entzündungen, welche er nach 
den zufälligen Uebertragungen bei Melkern gesehen hatte. 
Diese Bilder sind von den Impfgegnern verwerthet worden, 
um die nachtheiligen Folgen der Kuhpocken zur Darstellung 
zu bringen, wobei indess verschwiegen zu werden pflegte, 
dass gerade auf Grund von Ceely's Erfahrungen die origi- 
näre Lymphe zur Impfung nirgends mehr benutzt wird. Die 
Frage, ob jene Entzündungen eine Folge der stärkeren Viru- 
lenz oder einer Verunreinigung der natürlichen Vaccine durch 
Infektion mit Keimen accidenteller Wundkrankheiten waren, 
harrt noch der endgiltigen Beantwortung. 

Kubier, Geschichte d. Pocken n. d. Impfung, ig 



274 'Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 



Abbildung; 10. 





Natürliche Kuhpocken nach Ceely. 
Fal'l des Melkers Joseph White. 



Weitere Erfahrungen mit der hnpfung bis zum Jahre 1870. 275 

Ceely's Beobachtungen waren auch nach einer anderen 
Richtung von grossem Werth; denn sie förderten die Erkennt- 
niss der ätiologischen Beziehungen zwischen Thier- und 
Menschenpocken. Schon Jenner hatte einen Zusammen- 
hang zwischen beiden Krankheiten angenommen; sein Schüler 
Baron erklärte die Kuhpocken bereits als Abkömmlinge der 
Menschenpocken. Kreisphysikus Sonderland in Barmen 
beobachtete den Ausbruch von Kuhpocken bei jungen Thieren, 
denen wollene Decken aus dem Bette eines Blatternkranken 
aufgelegt wurden; er nahm an, dass die Kuhpocken stets 
durch Uebertragung von den Menschenblattern entständen und 
selten geworden seien, weil auch die menschliche Krankheit 
nicht mehr in gleicher Häufigkeit wie früher vorkäme. Ceely 
kam zwar bei Nachprüfung von Sonderland's Versuchen zu 
negativen Ergebnissen und zweifelte an der Regelmässigkeit 
der Beziehungen zwischen beiden Krankheiten; aber er beob- 
achtete im Dorfe Oakley bei mehreren Kühen und Kälbern, 
welche auf einem Platze geweidet hatten, wo Bettzeug von 
Pockenkranken ausgebreitet war, das Auftreten der Kuh- 
pocken, ohne dass eine Einschleppung von einem fremden 
Thiere nachzuweisen war. Alle Thiere erkrankten gleich- 
zeitig, während die Kuhpocken sonst in der Regel zunächst 
bei einem einzelnen infolge der Einschleppung erkrankten 
Thiere und dann entsprechend der Dauer des Inkubations- 
stadiums erst nach einiger Zeit bei anderen Kühen des be- 
troffenen Bestandes sich gezeigt hatten. Als Ceely später 
im Jahre 1839 ein Kalb in der Umgebung der Vulva mit 
achtem Pockenstoff inokulirte, entwickelten sich bis zum 
9. Tage zunächst nur Knötchen. Ceely gab die Hoffnung 
eines positiven Erfolges auf und legte einige weitere Impf- 
schnitte an, welche mit humanisirtcr Lymphe inficirt wurden ; 
schon am folgenden Tage wandelten sich einige der Knötchen 
in Bläschen um, welche bald alle Eigenschaften der Kuh- 
pocken zeigten. Später entwickelten sich auch die Vaccinc- 
schnitte zu Pusteln, um am 16. Tage zugleich mit den Variola- 
pusteln einzutrocknen. Auch bei einem anderen Kalbe ent- 
standen nach einem ersten vergeblichen Versuch bei der 
AViederholung der Inokulation, diesmal nicht mit Vaccine, son- 
dern mit ächter Pockenlvmphe, neben einigen Knötchen auch 
kleine Pusteln. Die von den beiden Kälbern abgenommene 
Lymphe erzeugte beim Menschen in zahlreichen Impfver- 
suchen Kuhpocken und konnte durch eine Reihe von Gene- 

1 s * 



276 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

rationen fortgezüchtet werden. Bei Ceely's Assistenten, 
Taylor, der sich selbst mit der möglicherweise noch Variola- 
stoff enthaltenden Originallymphe von dem ersten Kalbe 
impfte, entstand ein allgemeiner pustulöser Ausschlag. Nach 
Ceely hatte in England auch Badcock positive, wenn auch 
weniger sichere Erfolge bei der Pockenübertragung auf die 
Kühe. Aus Kasan berichtete Thiele schon im Jahre 1838 
über ähnliche \ T ersuchsergebnisse. 

In Deutschland gelang es Reiter in München im Jahre 
1839, die Menschenpocken bei der Kuh zum Haften zu brin- 
gen. Er hatte 2 Kühe an den Euterzitzen mit Pockenstoff 
von einem blatternkranken Kinde geimpft. Bei einer Kuh 
entwickelten sich zwei Knötchen und eine Blatter. Durch 
Fortimpfung aus letzterer entstand bei einem Kinde ein allge- 
meiner Ausschlag. "Weitere Y ersuche Reiter 's fielen weniger 
befriedigend aus. Bei den geimpften Kühen entwickelten sich 
nur Knötchen; aber andere mit denselben im gleichen Stall unter- 
gebrachte Kühe bekamen Kuhpocken ohne vorausgegangene 
Impfung. 

Eine Kommission in Lyon, bestehend aus Chauveau, 
Viennois und Meynet, kam zu abweichenden Ergebnissen. 
Ihrem 1865 veröffentlichten Berichte zufolge war es nur ge- 
lungen, mit Variolastoff bei den Kühen Knötchen oder Papeln 
zu erzeugen, die schon in der zweiten Generation erloschen und, 
auf den Menschen zurückverimpft, wieder Variola hervorbrachten. 

In späterer Zeit ist die Uebertragbarkeit der Menschcn- 
blattern auf die Kühe und die dabei sich vollziehende Um- 
wandlung in Kuhpocken so oft und überzeugend nachge- 
wiesen worden, dass Chauveau's Lehren fast allgemein auf- 
gegeben wurden. Aus den Versuchen von Voigt in Hamburg 
(1881), Haccius in Genf (1890), King (1891), Fischer in 
Karlsruhe, Klein und Copeman in London, Simpson, 
Birne (1892) und auch von Freyer in Stettin (1895) geht mit 
Sicherheit hervor, dass die Menschenpockeniymphe nur schwer 
bei der Kuli zum Haften gelangt, unter besonderen, noch 
nid)! genügend geklärten Bedingungen indessen dort, Papeln 
und Pusteln erzeugt und von solchen aus dann leichter auf 
andere Kühe übertragen wird. Der durch mehrere Kälber 
fortgezüchtete Stoff bring! heim Menschen typische Vaccine- 
pustelrj hervor, die .sich kräftiger entwickeln, als nach Ver- 
impfung humanisirter Lymphe, aber niemals von einem allge- 
meinen Blatternausschlag begleite! sind. Hierdurch ist der 



Weitere Erfahrungen mit der [mpfung bis zum Jahre 1870. 277 

Beweis erbracht, dass die Kuhpocken, wie schon Jen ner ver- 

muthete, nichts anderes sind, als eine abgeschwächte Modi- 
fikation der Menschenpocken; der von ihnen bewirkte Impf- 
schutz entspricht der von Pasteur mit Hilfe von abge- 
schwächten Vaccins gegen Hunds wuth bewirkten Immunität 
und bildet einen Ersatz für den durch einmaliges Ue her- 
stellen der Blattern erreichten Schutz. Während im 18. Jahr- 
hundert die meisten Menschen in der Kindheit die Pocken 
überstanden und dann in der Kegel nicht wieder daran er- 
krankten, machen jetzt die Geimpften die milderen Kuhpocken 
durch und erlangen dadurch ihre Widerstandskraft gegen die 
wirklichen Blattern. Aber während früher ein grosser Theil 
der erkrankten Kinder erlag, werden solche Todesfälle jetzt 
erspart, weil an .Stelle der lebensgefährlichen Blattern die 
harmlosen Schutzpocken getreten sind. 

Durch das Gelingen einer Uebertragung von Variola auf 
Kühe ist zugleich die Annahme sehr wahrscheinlich geworden, 
dass auch Jenner's grease eine Modifikation der Menschen- 
blattern gewesen ist. 1 ) Hierfür spricht ferner der Sitz dieser 
Krankheit an den von den Pflegern besonders häufig berührten 
Fesseln der Pferde und ihr fast vollkommenes Verschwinden 
nach der Abnahme der Pockenhäufigkeit. 

Für die Impfstoffgewinnung wurden die Versuche 
Ceely's und seiner Nachfolger zunächst noch nicht ver- 
werthet. Aber die Ueberzeugung von dem Vortheil, welchen 
die Beschaffung thierischer Lymphe in grossen Mengen für 
das Impfgeschäft haben musste, gewann doch mehr und mehr 
Raum. In manchen Staaten hatten schon die älteren Vor- 
schriften bestimmt, dass der Impfstoff zeitweise bei der Kuh 
aufgefrischt werden müsse. Nach der Württemberger Ver- 
ordnung vom Jahre 1818 sollten „in jedem der vier Kreise 
jährlich zwei Kühe zum Behufe der Gewinnung frischer 
Lymphe geimpft" werden. In Bayern erwarb sich Reiter 
das Verdienst, das Verfahren bei der Herstellung des rege- 
ncrirten Impfstoffes oder der Retrovaccine derart zu vervoll- 
kommnen, dass er vom Jahre 1835 ab sämmtlichen Impfärzten 
des Landes derartigen Stoff zu ihren Ausgangsimpfungen 
liefern konnte. Er versuchte auch bereits, diesen Stoff, 
welcher immerhin zuweilen noch unliebsame Reizerscheinungen 
bewirkte, durch Verdünnung abzuschwächen, und fand, dass er 

1) Vergl. S. 201. 



278 Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 

noch haftete, wenn er in wässeriger Emulsion von 1 : 1600 
in Charpie auf eine Vesicatorwunde gebracht wurde. In 
Österreich gründeten Meyer in St. Florian in Steiermark 
im Jahre 1840 und Lowy in Wien im Jahre 1850 Lymphe- 
regenerirungsanstalten. Immer aber handelte es sich in 
solchen Instituten, deren auch in anderen Ländern einige vor- 
handen waren, nur um Gewinnung des Ausgangsstoffs; die 
meisten Impfungen wurden mit Kinderlymphe vorgenommen, zu 
welcher jedesmal ein mit Retro Vaccine geimpfter Stammimpf- 
ling den Stoff lieferte. 

Negri in Neapel fand im Jahre 1840 den Weg, 
auf welchem es gelang, thierischen Impfstoff in 
genügender Menge für alle Impfungen zu beschaf- 
fen. Man hatte vorher zur Thierimpfung nur Kinderlymphe 
benutzt, weil die Fortimpfung aus der bei der Kuh ent- 
standenen Pustel oft erfolglos blieb. Nun erzielte Negri 
eine bessere Haftbarkeit des thierischen Stoffes, wenn er die 
noch nicht vollkommen entwickelten Pusteln etwa am 4. bis 
6. Tage nach der Impfung in ihrer ganzen Masse' zur Fort- 
impfung bei weiteren Kühen benutzte. In Frankreich folgte 
im Jahre 1864 Lanoix zu Paris, in Belgien im Jahre 1865 
Warlomont in Brüssel dem Verfahren Negri's. In Deutsch- 
land trat namentlich Pissin für die „Reform der Schutz- 
pockenimpfung durch die Vaccination direkt von Kühen" seit 
dem Jahre 1865 mit Wärme ein. Aber erst in späterer Zeit 
wurden seine Bestrebungen von vollem Erfolge gekrönt. 

So arbeitete man damals nach mannigfacher Richtung an 
der Vervollkommnung der rmpfung. Die Bekämpfung der 
Pocken blieb bei dem zwar verminderten, aber keineswegs be- 
seitigten Auftreten der Krankheit ein beliebter Gegenstand ärzt- 
licher Erörterungen. Mit ganz vereinzelten Ausnahmen ver- 
traten alle Angehörigen des Heilberufs die Ansicht, das nur 
die allgemeine Impfung im Stande sei, die Völker von der 
Seuche zu befreien. Die „Sperre", d. i. die Absonderung der 
Pockenkranken, war in den meisten Staaten, namentlich in 
Deutschland, durch das Gesetz streng vorgeschrieben und wurde 
von den Behörden nach Kräften durchgefühn ; aber immer wieder 
linden sich in der medizinischen Litteratur Klagen über den ge- 
ringen Erfolg dieser Maassrege]. Eichhorn in Hannover, 
Eimer und andere Autoren jener Zeil verlangten geradezu ihre 
Beseitigung. Der Letztgenannte schrieb im Jahre 1853: „Die 
bisher zur Verhütung der Verbreitung des Blatternkontagiums 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 279 

bei uns noch bestehenden Sperrmaassregeln sind jetzt bei ihrer 
offenkundigen Unzweckmässigkeit und bei der allgemeinen Un- 
bedeutendheit unserer heutigen Pocken nutzlos und nicht mehr 
durchführbar; sie sind vexatorisch und selbst direkt schäd- 
lich schon dadurch, dass sie Zweifel erregen über den Werth 
der Schutzpocken. Es wäre nun an der Zeit, die Sanitäts- 
polizei würde die Sperren . . . jetzt völlig fallen lassen und 
im Vertrauen auf die Vaccination und Retrovaccination, als 
der einzig praktischen und genügenden Schutzmittel vor den 
von den Blattern zu befürchtenden Nachtheilen und Ge- 
fahren, diese Institutionen mit aller Sorgfalt und Strenge 
durchführen." 

Die damalige Litteratur über Pocken und Jmpfung war 
sehr umfangreich. Auf zahlreiche Autoren jener Jahre wurde 
bereits Bezug genommen. Von allen darunter hat Simon 
zweifellos das bedeutendste Werk in seinem klassischen „Blau- 
buch" geliefert, welches dem englischen Parlament im 
Jahre 1857 vorgelegt wurde. Viele Jahre hindurch hat diese 
grosse Arbeit allen Schriftstellern für und wider die Impfung 
als ergiebige Fundgrube des Materials gedient und ebenso 
leidenschaftliche Angriffe, wie bewundernde Zustimmung er- 
fahren. Auch jetzt noch sehen wir darin eins der wichtig- 
sten Aktenstücke in der Geschichte der Impfung. 

Im Jahre 1870 war die Lehre von der Vaccination so weit 
gefördert, dass die Aerzte aller Länder fast übereinstimmend 
die allgemeine Verwerthung des Schutzmittels durch die Ge- 
setzgebung für gerechtfertigt und geboten erklärten. Aber 
es bedurfte noch der überzeugenden Beweiskraft einer furcht- 
baren und weit verbreiteten Pockenepidemie, um auch den 
Bevölkerungen und den Regierungen der bis dahin eines Impf- 
gesetzes entbehrenden Staaten die Notwendigkeit gesetzlicher 
Abwehr klar vor Augen zu führen. 



Litteratur. 

Guttstadt, Die Pockenepidemie in Preussen, insbesondere in Berlin 
1870/72. Zeitschr. des Königl. Preuss. Statist. Bureaus. Jahrg. 
1873. S. 119. 

Nittinger, Ueber die 50jährige Impfvergiftung des Württembergischen 
Volkes. Stuttgart 1850. 



280 Weitere Erfahrungen mit der Impfung- bis zum Jahre. 1870. 

Germann, Historisch-kritische Studien über den jetzigen Stand der 
Impffrage. Leipzig 1875. 

Stricker, Studien über Menschenblattern, Vaccination und Revacci- 
natiou. Eine von der societe medicale zu Genf gekrönte Preis- 
schrift. Frankfurt a. M. 1861. 

Zimmern, Zur Impffrage: Streitschrift gegen Dr. theol. Heinrich Hans- 
jakob. Dem badischen Volke vorgelegt. Konstanz 1870. 

v. Bulmerincq, Das Gesetz der Schutzpockenimpfung im Königreich 
Bayern in seinen Folgen und seiner Bedeutung für andere Staaten. 
Leipzig 1862. 

Paul, Die Entwickelung der Schutzpockenimpfung in Oesterreich. 
Wien 1901. 

Hamernijk, Ueber die sogenannte Vaccination und Variola. Separat- 
abdrack aus der „Politik". Prag 1884. Vergl. auch die gutacht- 
liche Aeusserung dieses Verfassers im englischen „Blaubuch". 1857. 

Conference medicale de Paris. Discussion sur la variole et la 
Vaccine. 1870. Paris 1872. 

Haeser, Die Vaccination und ihre neuesten Gegner. Mit besonderer 
Rücksicht auf Garn ot 's „Essai de mortalite comparee avant et 
depuis l'introduction de la Vaccine en France". Berlin 1854. 

Lotz, Pocken und Vaccination. Bericht über die Impffrage, erstattet 
im Namen der schweizerischen Sanitätskommission an den schwei- 
zerischen Bundesrath. Basel 1880. 

Paul. Studie über die Aetiologie und Pathogenese der sogenannten 
generalisirten Vaccine bei Individuen mit vorher kranker oder 
gesunder Haut. Sonderabdruck aus dem Archiv für Dermatologie 
und Syphilis. IL Bd. 1. Heft. Wien u. Leipzig 1900. 

Heyd, Zur Frage der Uebertragung der Syphilis durch die Schutz- 
pockenimpfung u. s. w. Stuttgart 1867. 

Creighton, The natural history of cow-pox and vaccinal Syphilis. 
London, Paris, New York und Melbourne 1887. 

Cruewrll, Fibel der Gesundheitslehre. 

Ceely, Obser'vations on the variolae vaccinae. 1840. Neudruck nach 
den „Transactions of the Provincial Medical and Surgical Asso- 
ciation". Vol. VIII. bin Croolcshank. Vol. II. — Further obser- 
ations od the variolae vaccinae. 1842. Ebendort. 

Baron, Reporl of the vaccination section of the provincial medical and 
surgical association. 1840. Ebendort. 

Badcock, \ detail of experiments confirming the power of cow pox 
io protecl the Constitution from a subsequenl attack of small pox. 
1845. Ebendort. 

' ' h ;i ii \ i- ;i ii . Vaccine el \ ariole. 1865. 



Weitere Erfahrungen mit der Impfung bis zum Jahre 1870. 281 

Eternod et llaccius, Note sur des recherches concernaul la variolo- 

vaccine. La Semaine medicale. 1890. No. 58. 
ETaccius, Variolo-Vaccine. Contribution ä l'etudc des rapports qui 

existent entre la variole et la Vaccine. Reponse a Chauveau. 

Geneve et Paris 1892. 
Fischer, Ueber Variola und Vaccine und Züchtung der Variola-Vaccine- 

Lymphe. Karlsruhe 1892. 
Hirne, Successful transformation of small pox into cow pox. British 

med. Journal. 1892. p. 116. 
Copeman, Variola andVaccinia, their rnanifestation and interrelation 

in the lower animals. Journ. f. path. and bact. Mai 1894. 
Voigt, Der Impfschutz der Hamburger Variolavaccine des Jahres 1881. 

Deutsche Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundheitspfl. 1896. S. 355. 
Freyer, Die Uebertragung von Variola auf Kälber behufs Erzeugung 

von Vaccine. Zeitschr. f. Hygiene u. Infektionskrankheiten. 21. Bd. 

1895. S. 277. — Ueber den heutigen Stand der Variola- Vaccine- 

Frage. Eine kritische Beleuchtung der dualistischen Auffassung 

über die Art beider Virus. Ebendort. 23. Bd. 1896. S. 322. 
Pissin, Reform der »Schutzpockenimpfung durch die Vaccination direct 

von Kühen in ihrer praktischen Bedeutung. Berlin 1868. 
Ausserdem wurden benutzt die bereits citirten englischen und deutschen 

amtlichen Veröffentlichungen sowie die früher bezeichneten Bücher 

u. s. w. von Wernher, Vogt, Cless, Kussmaul, Bousquet. 

Cr ei gh ton, Böing, Klinger, Eimer, Reiter, Heim und 

Voigt. 



Capitel XI. 

Die letzte Blatternpandemie im 19. Jahrhundert 
und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 



Zu den Ländern, in welchen die Vernachlässigung der. 
Impfung den höchsten Grad erreicht und die Verbreitung der 
Pocken am meisten zugenommen hatte, gehörte Frankreich. 
In den Jahren 1860 — 69 hatten dort nach Vacher der Ge- 
sammtzahl der Geburten nur 59 pCt. Kinderimpfungen ent- 
sprochen. Infolge des Umsichgreifens der Blattern war im 
Jahre 1869 eine Steigerung dieser Zahl auf 71 pCt. einge- 
treten; aber in mehreren Departements" wurden auch in jenem 
Jahr auf 100 Geburten nur 30, ja sogar nur 17 bis 
18 Kinder geimpft. Die Wiederimpfung war naturgemäss 
noch weit weniger im Gebrauch. In der ungenügend ge- 
schützten Bevölkerung erlangte die Pockenepidemie, welche 
gegen Ende der sechziger Jahre weite Theile des Landes 
heimgesucht hatte, eine immer gewaltigere Ausdehnung. In 
Paris hatte man im Dezember 1869 bereits 119 Pocken- 
todesfälle gezählt. Im Jahre 1870 steigerte sich die Blattern- 
sterblichkeil von Monat zu Monat; im Juli forderte die 
Seuche 983 Opfer. In der Bretagne, in den Departements 
Ardeche, Vaucluse, Haute Saune, im Innern des Landes Nievre, 
in den Städten Bourg, Lyon und Orleans bildeten sieh ge- 
fährliche Seuchenherde. In Bordeaux, einet- Stadt von 
195 000 Einwohnern, starben nach Duvignaud im Mai und 
Juni täglich '.» bis 10 Personen an der Krankheit. Die amt- 
lichen Berichte jenes Jahres waren in dev Unruhe der Kriegs- 
zeiten lückenhaft; aber sie wiesen dennoch das epidemische 
Auftreten der Pocken in 53 Departements und eineGesammt- 



Letzte Blatternpandemie nnd ihre Folgen in der Gesetzgebung. 283 

summe von 13 674 Blatterntodesfällen nach. Am 25. Mai 
versammelte sich in Paris ein Kongress von Aerzten aus 
allen Theilen des Landes zur Verständigung über die Maass- 
regeln, welche das immer bedrohlichere Zunehmen der Pocken 
erheischte. Nur einen halben Monat, nachdem der Kongress 
am 29. Juni auseinandergegangen war, traten Ereignisse ein, 
welche die Epidemie nicht nur für Frankreich noch weit 
furchtbarer gestalteten, sondern zu einer für ganz 
Europa verderblichen Seuche steigerten und eine Blattern- 
noth, nicht unähnlich den Zuständen im 18. Jahrhundert, her- 
vorriefen. 

Am 14. Juli beschloss der französische Ministerrath die 
Einberufung der Reserven der Armee, und wenige Tage später 
erfolgte die Mobilmachung des ganzen Heeres. Aus zahl- 
reichen Seuchenorten eilten die Ersatzmannschaften zu den 
Fahnen, führte die Eisenbahn kleinere oder grössere Trans- 
porte in andere noch pockenfreie Städte und Dörfer. Truppen- 
theile, die bisher noch unberührt geblieben waren, mussten 
in fremden, von den Blattern heimgesuchten Orten Quartier 
beziehen. Die Versammlung der Armeen vereinigte auf 
engem Räume gewaltige Menschenmassen, unter denen es 
an kranken oder doch schon infitirten Personen nicht mangelte. 

Der Impfzustand der damaligen französischen Truppen 
war wenig befriedigend. Unter der Regierung Napoleons I. 
war wiederholt auf die Impfung der Soldaten hingewirkt 
worden; später, im Jahre 1818/19, wurden die früheren Vor- 
schriften in Erinnerung gebracht. Am 31. Dezember 1857 
hatte der Kriegsminister die Impfung aller Rekruten beim 
Diensteintritt ohne Rücksicht auf etwa vorhandene Impfnarben 
angeordnet, mit dem Erfolge, dass die Pockensterblichkeit, 
welche in den Jahren 1832" bis 1859 39 pCt. aller Todesfälle 
in der Armee betragen hatte, im Jahrzehnt 1862 — 1872 (aus- 
schliesslich Kriegsjahre) auf 19 pCt. sank. Immerhin blieb 
die Zahl der an den Pocken Verstorbenen beträchtlicher, als 
in anderen gut revaccinirten Armeen, weil der Strenge der 
Irapfvorsohriften die Ausführung keineswegs entsprach. Nach 
den amtlichen Berichten wurden von 45064 Rekruten des 
Jahres 1866 nur 33 513, von 82 203 im Jahre 1868 nur 
47 324 und von 115876 im Jahre 1869 nur 54720 (weniger 
als die Hälfte) geimpft, bezw. revaccinirt; von den Impfungen 
verliefen die meisten ohne Erfolg, so dass sogar bei den 
Erstimpfungen nur 37 bis 49 pCt., bei den Wiederimpfungen 



284 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

nur 32 bis 35 pCt. zur Entwicklung der Schutzpocken 
führten. Die im Jahre 1870 nach der Kriegserklärung ein- 
gezogenen Ersatzmannschaften konnten aus Mangel an Zeit 
überhaupt nicht geimpft werden, und diese bildeten nach den 
anfänglichen Verlusten der Armee in den späteren Monaten 
des Krieges 2 / 3 des Gesammtheeres. Allerdings waren etwa 
96 pCt. der in den Jahren 1866 — 1869 eingetretenen Re- 
kruten entweder geblättert oder in der Kindheit geimpft; aber 
abgesehen davon, dass die Ermittelungen über diese Impfungen 
als sicher nicht angesehen werden können, war in der inzwischen 
verstrichenen langen Zeit die Widerstandsfähigkeit gegen die 
Infektion auf ein geringes Maass gesunken. Sie verminderte 
sich noch mehr unter den Entbehrungen und Strapazen des 
Feldzuges, während bei der wachsenden Zunahme der Seuche 
in der Civilbevölkerung die Menge und Wirksamkeit des An- 
steckungsstoffes sich fort und fort erhöhte. 

Bald nach Ausbruch des Krieges steigerte sich die 
Häufigkeit der Blattern unter den Truppen in bedrohlichem 
Grade. Wenngleich für alle Theile der französischen Armee 
ein bestimmtes Zahlenmaterial nicht vorliegt, so lässt sich die 
Grösse der Verluste doch nach Einzelberichten, namentlich 
nach den Mittheilungen aus den belagerten Plätzen, wohl er- 
messen. In Metz wuchsen die Erkrankungsziffern seit dem 
14. August unablässig; am 28. August reichten die vorhan- 
denen 42 Betten für Pockenkranke nicht mehr aus; bei der 
Uebergabe der Festung fanden sich dort 200 mit Blattern 
behaftete Mannschaften; bis zum Jahresschluss erlagen der 
Krankheit 176 Mann der Besatzung, was bei der Annahme 
einer Sterblichkeit von 12 pCt. einer Krankenziffer von an- 
nähernd 1500, d. i. 100 auf 10 000 Kämpfer und einen Ver- 
lust von 11,7 Toten auf 10000 Mann der Metzer Armee 
entspricht. In Beifort wütheten die Blattern nach dem Be- 
richte von Thicrs und de la Laurcncie „schrecklicher als 
der Krieg selbst". In Paris trat die Krankheit namentlich 
seil dem September mit grosser Heftigkeit auf. Colin ver- 
zeichnete während seiner Thätigkeil als Chefarzt des Hos- 
pitals Bicötre in der Zeil vom 12. Oktober 1870 bis Ende 
März 187] 757s Erkrankungen und 1074 Todesfälle an 
Pocken unter den dorl aufgenommenen Angehörigen der Ar- 
mee; \'üv die gesammte Besatzung, welche sich aus 70000 
Mann regulärer Truppen und 10(M,(M) Mobilgarden zusammen- 

'■. schätzte er den Blatternzugang auf LI 500 und den 



Letzte Blattempandemie mul ihre Folgen in der Gesetzgebung. 285 

Blatternverlust auf 1600. Unter der 14629 Mann starken 
Besatzung von Langres waren 2334, also mehr als der 
siebente Theil von den Pocken betroffen; 334 davon erlagen 
der Krankheit. 

Sicher waren die ungünstigen Bedingungen, unter denen 
sich die Besatzungen jener Städte befanden, nicht ohne Ein- 
lluss auf die Pockenverbreitung; indessen gehen Oidtmann, 
Vogt, Böing u. a. zu weit, wenn sie darin die eigentliche 
Ursache der Epidemie und ihrer Sterblichkeit erblicken, denn 
der Höhepunkt der Seuche liel nicht mit der Zeit der 
grössten Bedrängniss der Truppen zusammen. Im Pariser 
Hospital Bicetre wurden im Oktober 1162, im November 
2301 und im Dezember 1836 pockenkranke Soldaten aufge- 
nommen, im Januar dagegen, als Kälte und Hunger den 
höchsten Grad erreichten, und andere Krankheiten, insbe- 
sondere der Typhus, sich immer mehr ausbreiteten, nur 
noch 1517. Die Besatzung von Langres wurde nur vorüber- 
gehend Ende Dezember und später Ende Januar eingeschlossen 
und befand sich jedenfalls unter günstigeren Umständen, als 
viele andere Theile der Armee, litt aber gleichwohl schon im 
Dezember beträchtlich unter den Blattern. 

Nach Colin wurden die französischen Feldarmeen nicht 
weniger von den Pocken heimgesucht als die Besatzungen der 
festen Plätze. In Le Mans fanden die vorrückenden 
deutschen Truppen die Hospitäler mit Pockenkranken der 
Loire-Armee angefüllt; in dem nordwestlich davon gelegenen 
Lager von Conlic hatte die Krankheit unter den Mobilen 
und Nation algarden furchtbar gehaust. Von 90314 Mann 
der Ost- Armee, welche am 1. Februar auf Schweizer Gebiet 
übertraten, starben allein während der 33tägigen Internirung 
daselbst 156, d. i. 17,3 von je 10000 an den Pocken. Die 
Behauptung Vogt's und Oidtmann's, dass die französische 
Nordarmee von den Blattern weniger heimgesucht wurde, 
gründet sich lediglich auf die Wahrnehmungen des letzteren 
Arztes, welcher unter den französischen Verwundeten von St. 
Quentin keine Pockenkranken fand, ist jedoch wenig wahr- 
scheinlich, denn das Verzeichniss der infolge dieser Krankheit 
invalide gewordenen 89 Mannschaften der Gesammtarmee weisl 
(> Angehörige jenes Heerestheiles nach, der nach seiner Kopf- 
stärke von nur 50000 Mann jedenfalls viel kleiner war, als 
die mit 10 Pockeninvaliden betheiligte Besatzung von Paris. 

Der Gcsammtverlust der französischen Armee durch 



286 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

Pocken ist in einem Bericht des Kriegsministers an den Prä- 
sidenten der französischen Republik vom 17. 6. 1889 auf 
23400 Todesfälle angegeben; allein diese Zahl gründet sich 
nicht auf amtliches Rapportmaterial, sondern auf eine beim 
Petersburger statistischen Kongress i. J. 1872 erfolgte Mitthei- 
lung von anderer Seite und ist daher wohl nur durch Schätzung 
gewonnen. Jedenfalls war die Sterblichkeit der Armee durch 
Pocken sehr gross; durch die Kranken, deren Zahl wohl 
mindestens auf das Zehnfache der Todesfälle angenommen 
werden darf, wurde die Seuche weithin im Lande verschleppt, 
so dass die schon im Juli 1870 sehr bedeutende Epidemie auch 
in derCivilbevölkerung immer gewaltigere Dimensionen annahm. 
Nach Sneur starben in Paris allein während des Jahres 1870 
10456 und bis Mitte März 1871 noch 2496 Personen an den 
Pocken. Den Gesammtverlust des Landes durch die Seuche 
schätzt Vacher auf 90000 Todesfälle. 

Die Blatternepidemie in Frankreich blieb -nicht ohne 
nachtheilige Folgen für die Nachbarländer; vielmehr ver- 
breitete sich die Seuche in den folgenden Jahren über ganz 
Europa. Die hier eingeschaltete Uebersicht über die Blattern- 
Pockentodesfälle in 



Jahr 



Belgien ') 
Es starben 



Niederlande 2 ) 
Es starben 



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Württem- 
berg 3 ) . 

Es starben 



Baden 3 ) 
Es stai'ben 



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Hessen 3 ) 
Es starben 



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England 4 ) 
Es starben 



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4163 81,8 
21315 I 16,8 

8074 I 56,0 
1749 33,3 
L968 36,9 



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15787 
3731 
351 



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102 

16 



2 9,5 

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0,3 

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2620 
312611 

9094! 

2:;<M 
2162 

H.') 2 



Quel len: 

Beiträge zur Beurtheilirng des Nutzens der Schutzpockenimpfung. Beai'beitei 
im l\';i fj undheitsamte. 1888. 

'; Lotz: Pocken und Vaccination. 1880. Bezw. De Pokkenepidemic in \'< 
land in l^To i -7:;. Uitgeven d Ih-i Departmenl van binnenlandsche Zaken. 1 



der- 
875. 



Letzte Blatternpandemie and ihre Folgen in der Gesetzgebung. 281 

Sterblichkeit in 1*2 Ländern während der Zeit von 1870 bis 
L875 lässt deutlich erkennen, wie zuerst die Frankreich 
nächstgeiegenen Staaten ergriffen wurden, und wie dann 
später auch die entfernteren Gebiete ihre Epidemien durch- 
machten. Zur Ergänzung darf mitgetheilt werden, dass die 
Pocken in der Schweiz und Italien in den Jahren 1870 bis 
1872, in Dänemark 1871 und 1872, in Russland seit 1872 
in ungewöhnlich starker Verbreitung herrschten und Spanien, 
Portugal, die Coloniälgebiete der europäischen Staaten in 
fremden YVelttheilen und die Länder Amerikas in den ersten 
der siebziger Jahre mit grosser Heftigkeit heimsuchten. Von 
35000 Einwohnern der Stadt Brunei auf ßorneo starben, um 
ein Beispiel anzuführen, im Winter 1872/73 4000 an der 
Krankheit. Auch die Bevölkerung der Goldküste litt im 
Jahre 1871 sehr stark unter der Seuche. 

Einige Autoren haben den Einfluss des Krieges in Frank- 
reich auf das Zustandekommen der pandemischen Verbreitung 
der Pocken in Abrede gestellt und sich darauf berufen, dass 
die Krankheit schon vor dem Jahre 1870 überall in Europa 
in mehr oder weniger grosser, aber im Ganzen doch wachsen- 

verschiedenen L ä n d e r n. 



Schott- 
land 4 

Es starben 



Irland 4 ) 
3s starben 





1 










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Preussen 1 ) 

Es starben 



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Bayern *) 
Es starben 



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Oesterreich x ) 

Es starben 



Schweden 1 ) 
Es starben 



114 


3 


30 


0.6 


4200 


1442 


44 


660 


12,0 


59839 


2448 


74 


3243 


60,0 


65109 


1126 


33 


496 


9.0 


8929 


1246 


37 


566 


11.0 


2417 


76 


2 


531 


10.0 


926 



17,52 

243,21 

262.37 

35,65 

9.52 

3,60 



5 


18,5 


6177 


5070 


104.5 


8074 


29 9 2 


61,1 


89368 


869 


17.6 


65274 


236 


4,7 


36442 


87 


1.7 


12151 



30,25 

39,19 

18 9,92 

314.72 

174,34 

57.57 



764 18,3 

329 7.S 

346 8,1 

1122 26,1 

4063 93,6 

2019 46,1 



3 ) Reissner: Zur Geschichte und Statistik der Menschenblattern und der 
Schutzpockenimpfung im Grossherzogthum Hessen. 1888. 

4 ) Final reporl of fche royal commission appointed to inquire into the subjeel 
bf vaccination. 1896. 



288 Letzte Blatternpandeniie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

der Häufigkeit auftrat. In der letzteren, an und für sieh un- 
bestrittenen Thatsache kann jedoch nur ein Beweis dafür ge- 
sehen werden, dass die Pockenempfänglichkeit infolge der 
früher geschilderten Mängel des Impfwesens im Steigen be- 
griffen war. Dass jedoch die eigentliche Epidemie ihren Aus- 
gang vom westlichen Europa nahm, zeigt ihr zeitlicher und 
räumlicher Verlauf; und in welcher Weise die kriegerischen 
Ereignisse bei ihrer Entstehung mitwirkten, ist an mannig- 
fachen Einzelbeobachtungen zu verfolgen. So wird berichtet, 
dass die Seuche durch Personen, welche aus Frankreich ge- 
flüchtet waren, nach Amsterdam, durch Mannschaften der 
Armee von Sedan auf belgisches Gebiet, und durch die aus 
Frankreich zurückkehrenden Garibaldianer nach Italien mit- 
gebracht worden sei. In dem letzteren Lande herrschte 
allerdings schon vor Ausbruch des Krieges in Genua eine 
schwere Epidemie, welche ihren Höhepunkt im August und 
September erreichte und bis zum März 1871 1255 Menschen 
das Leben kostete; auch in Turin begannen die Pocken schon 
im Mai sich zu verbreiten; in Rom und den südlichen Theilen 
des Landes fiel der Beginn der Seuche erst in den Oktober. 
In den Niederlanden nahm die Epidemie als solche ebenfalls 
im Oktober ihren Anfang. 

In der Pockenlitteratur ist oft und eingehend erörtert 
worden, welchen Antheil die Armee Bourbaki's nach 
ihrem Uebertritt in die Schweiz und die kriegsgefan- 
genen französischen Soldaten in Deutschland an der 
Verbreitung der Pocken gehabt haben. Namentlich hat 
man von impfgegnerischer Seite einerseits die Verschleppung 
der Krankheit durch jene eines vollkommenen Impfschutzes ent- 
behrenden Franzosen bestritten, andererseits daraufbingcwiesen, 
dass die Kriegsgefangenen in Deutschland geimpft wurden und 
dennoch zahlreiche Pockenerkrankungen aufzuweisen hatten. 

Nach den aus jener Zeit selbst vorliegenden Berichten 
darf die Frage bezüglich der Schweiz wohl daliin beant- 
worte! werden, dass die französischen Soldaten dort die 
Pocken schon vorfanden, alter insofern zu ihrer Verbreitung 
noch wesentlich beitrugen, als manche von ihnen schon im 
Entwickelungsstadiuro der Krankheil eintrafen, andere in 
der Schweiz bald angesteckl wurden und bei ihrer Ueberführung 
zon ( >n zu Ort in \ie|en vorher pockenfreien [nternirungsorten 
vur Entstehung neuer Pockenausbrüche Anlass gaben. 

In der Schweiz hatte die Pockenepidemie schon im Ver- 



Letzte Blattempandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 289 

laufe des Jahres 1870 begonnen, nachdem die meisten Kan- 
tone während des voraufgegangenen Jahres nahezu blattern- 
frei gewesen waren, im Kanton Zürich zeigten sich die ersten 
Vorläufer bereits im Frühjahr, worauf sieh die Seuche seit 
dem Juli zunächst in einigen Dörfern, dann immer weiter 
im Lande ausbreitete. Die Art der Einschleppung und des 
Fortschreitens ist von Brunner bis ins Einzelne verfolgt 
worden; verschiedentlich, aber keineswegs ausschliesslich waren 
aus Frankreich zugereiste Personen die Träger des Ansteckungs- 
stoffes. Die Gesammtzahl der Erkrankungen belief sich bis 
zum Jahresschluss auf 85, welche sich auf 25 Gemeinden in 
6 Bezirken vertheilten. Im Januar 1871 erfolgten mehrere 
neue Einschleppungen, darunter je eine aus Weissenburg und 
BesaiKjon; aber es gelang, die Herde sämmtlich zu ersticken. 
Erst vom 4. Februar ab, nach dem Eintreffen von 
11533 Soldaten und 450 Offizieren der Bourbakischen 
Armee entwickelte sich die allgemeine Epidemie. 
Gleich unter den ersten Ankömmlingen befanden sich Pocken- 
kranke, und täglich erfolgten neue Erkrankungen unter den 
Soldaten; bald wurden auch einige Leute der schweizerischen 
Wachtmannschaft inficirt. Die Räume des Absonderungshauses 
reichten nach kurzer Zeit für die Kranken nicht mehr aus, 
sodass Hilfslazarethe eingerichtet werden mussten. In dem 
einzigen Monat vom 5. Februar bis zum 5. März zählte man 
unter den Franzosen 180 Erkrankungen und 31 Todesfälle; 
von je 1000 waren 15 erkrankt und 3 gestorben. 

Infolge des lebhaften Verkehrs der Bevölkerung mit den 
Internirten, deren bedauernswerthe Lage das Mitgefühl wach- 
rief, zeigten sich plötzlich die Pocken an den verschiedensten 
vorher verschonten Landorten; besonders wurden Personen 
des Wirthspersonals, Cigarren-, Tabakhändler, Bauern und 
Wäscherinnen inficirt; vielfach vermittelten Decken und Tep- 
piche, welche von den Franzosen gebraucht waren, die Ueber- 
tragung. Im Januar 1871 hatte man in 13 Gemeinden 44 Kranke 
gezählt, im Februar waren 18 Gemeinden mit 147 Kranken, 
im März 53 mit 200, im April 69 mit 202, im Mai 48 mit 
100 Kranken betroffen; dann nahm die Epidemie allmählich 
ab, bis sie im Juni 1872 ihr Ende erreichte. Insgesammt 
wurden vom Juni 1870 bis Juni 1872 rund 1350 Pocken- 
kranke einschliesslich der 180 Franzosen gezählt. Bei einer 
Bevölkerung des Kantons von 284000 Einwohnern waren, ab- 
züglich der 180 erkrankten Internirten, 412 oder in jedem der 

Kttbler, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. in 



290 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

beiden Jahre 206 von je 100000 Lebenden an Pocken er- 
krankt. Von den Kranken wurden 923 in Spitälern be- 
handelt, darunter starben 129 =■ 13,9 pCt. 

Auch in anderen Kantonen der Schweiz breiteten sich 
die Pocken aus. Genf hatte eine schwere Epidemie. In 
Baselstadt begann das Auftreten der Seuche im November 
1870; im Jahre 1871 wanden nach Lotz etwa 450 Erkran- 
kungen und 64 Todesfälle, 1872 ungefähr 100 Erkrankungen 
und 13 Todesfälle gezählt. Im Kanton Bern war die Krank- 
heit nach Vogt im September 1870 aufgetreten; im Dezember 
zählte man 39, im Januar 1871 204 Blatternfälle. Im Fe- 
bruar nach dem Eintreffen der französischen Soldaten erfolgte 
eine weitere Steigerung auf 387, die auch noch anhielt, als 
die Internirten Anfangs März in ihre Heimath zurückkehrten; 
erst im April liess die Epidemie nach. Man zählte im März 
470 Erkrankungen, im April 399, im Mai 319, im Juni 202, 
im Juli 86, insgesammt vom Oktober 1870 bis September 
1872 2748 Pockenfälle. Voti den 22091 französischen Inter- 
nirten waren 160 erkrankt 1 ). 

Auf deutschem Gebiete herrschte zur Zeit des Aus- 
bruchs des Krieges eine grössere Epidemie nur in Chemnitz. Ein 
heftiger Pockenausbruch, von welchem im vorausgegangenen 
Winter die Stadt Stuttgart betroffen worden war, hatte mit 
Eintritt der wärmeren Jahrzeit wesentlich nachgelassen. Im 
übrigen wurden in allen Bundesstaaten während des Juni und 
Juli nur hier und dort vereinzelte Pockenfälle beobachtet, 
nirgends traten die Erkrankungen in grösserer Zahl auf. 
Unter den Hunderttausenden von eingezogenen Mannschaften 
und in der gesammten immobilen Armee kamen im Juli nur 
14 Blatternkranke in Zugang. 

In diesen günstigen Verhältnissen trat ein we- 
sentlicher Umschwung ein, als die französischen 
Kriegsgefangenen den deutschen Boden betreten 



1) Auf Vogt's Vergleiche der Krankheitshäufigkeit bei den Fran- 
zosen und Schweizern, aus welchen Schlüsse über den Impfschutz ge- 
zogen werden sollen, wird hier nicht eingegangen, weil Vogt's Zahlen, 
soweit sie rüe Schweizer betreffen, auf willkürlicher Schätzung beruhen, 
und weil irgend eine zuverlässige Angabe über deren [mpfzustand fehlt. 
Bei den Franzosen, welche Vogl selbsl sah, will er alte Impf- und 
ben bemerk! haben, wodurch mir bewiesen wird, dass sie, als 
Kinder, also etwa 20 Jahre vorher geimpfl oder geblatterl waren. 



Letzte Blatternpandemie and ihre Folgen in der Gesetzgebung. 291 

li a 1 1 on. I n Königsberg, Graudenz, Thorn. Danzig, Stettin, Stral- 
sund, Greifswald, Sehneidemühl, Swinemünde, Frankfurt a. 0., 
Magdeburg, Torgau, Mühlhausen i. Th., Münster und in zahl- 
reichen anderen Orten liess sich die Entwicklung von Epidemien 
im Anschluss an Erkrankungen unter den Gefangenen unmittel- 
bar nachweisen. Jene Städte waren Wochen und Monate lang 
pockenfrei gewesen, oder es waren dort nur einige wenige zer- 
streute Fälle vorgekommen. Bei den Franzosen dagegen traten 
die Pocken fast unmittelbar nach ihrem Eintreffen auf, bald 
folgten Erkrankungen unter den Mannschaften der Bewachung 
und in der Civil bevölkerung. Zur Infektion der Civilpersonen 
bedurfte es nicht der Vermittelung des einheimischen Militärs; 
denn überall drängte sich das Volk zu den Bahnhöfen und 
den Gefangenenlagern, um die fremden Soldaten zu sehen, 
ihnen Lebensmittel zu bringen und mit ihnen zu plaudern. 
Diese ihrerseits verkauften einen Theil ihrer Habseligkeiten, 
tauschten ihre eigenen Kleidungstücke gegen andere aus und 
gingen meist gern auf den ihnen gebotenen freundschaftlichen 
Verkehr ein. In Stettin wurde z. B. ermittelt, dass die 
Sachen der französischen Kriegsgefangenen Träger des An- 
steckungsstoffes gewesen waren. Andere Fälle der Ver- 
schleppung sind durch Guttstadt und im Sanitätsbericht 
über die Deutschen Heere im Kriege gegen Frankreich in so 
grosser Zahl mitgetheilt, dass demgegenüber die seit jener 
Zeit von impfgegnerischer Seite immer wieder vorgebrachten 
Einwände Vogt's belanglos sind. 1 ) 

Diese Einwände gipfeln in der Behauptung, dass das Auftreten der 
Pocken unter den Kriegsgefangenen in Danzig dem Erscheinen der 
Krankheit in der Civilbevölkerung zeitlich folgte, und dass in anderen 
Städten, Z.B.Berlin, der Höhepunkt der Epidemie erst erreicht wurde, 
„als sich Krieg und Kriegsgefangene längst verzogen hatten". In Danzig 
seien französiche Gefangene am 25. August pockenfrei eingetroffen: aber 
erst im November hätten sich die Pocken unter ihnen eingestellt. Jn 
Wirklichkeit kamen nach dem von Vogt benutzten Bericht Lievin's 
vom 25. August bis 1. September nur die ersten 1335 Gefangenen in 
Danzig an: ihnen folgten dann weitere Nachschübe und zwar in der 



1) Der impfgegnerische Arzt idtmann sieht seinerseits in der 
Verschleppung der Pocken durch die Kleidungsstücke französischer 
Kriegsgefangener die wesentlichste Ursache der Epidemie in Deutsch- 
land. 

19* 



292 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

Zeit vom 1. September bis 1. November 1101, vom 1. November bis 
1. Februar 1871 noch 6753 Mann. Von einzelnen zerstreuten Fällen im 
Civil abgesehen ging die epidemische Entwicklung der Pocken bei 
den Gefangenen der grösseren Verbreitung in der Stadt zeitlich voraus; 
sie liess bei jenen nach, sobald die Impfung allgemein vollzogen war, 
erreichte dagegen in der Civilbevölkerung erst später ihren Höhepunkt. 
Zur Vergegenwärtigung seien die Zahlen nach Lievin und dem Sanitäts- 
bericht über die Deutschen Heere im Kriege gegen Frankreich hier ein- 
gerückt. Es erkrankten : 

in der unter den in der 

Civilbevölkerung Kriegsgefangenen Garnison 
■ (83224 Einw.) (9189 Köpfe) *) (7376 Köpfe) *) 
im September 1870 2 — 

,, Oktober ,, 4 1 

,, November ,,12 9 3 

,, Dezember ,, 31 37 5 

., Januar 1871 113 76 7 

,, Februar „ 108 33 13 

,, März ,, 186 24 9 

,, April-August ,, 1562 8 8 



Zusammen 2018 188 45 

Auf je 100000 berechnet 2425 2046 610 

Wie in Danzig, so erreichte die Epidemie auch anderwärts ihre 
Höhe erst nach dem Feldzuge, weil es zur Verbreitung des einge- 
schleppten Krankheitsstoffes einer gewissen Zeit bedurfte. Dieses traf in 
solchen Städten, welche den Kriegsgefangenen nicht zum dauernden 
Aufenthalte angewiesen waren, wie Berlin, noch mehr zu. Die Krank- 
heit griff hier erst stärker um sich, als die Einschleppungen aus 
anderen vorher inficirten Orten häufiger und in grösseren Mengen er- 
folgten. 

Im Ganzen sind unter den 372 918 in Deutschland 
untergebrachten Kriegsgefangenen 14178 oder 380,2 von je 
10000 an Pocken erkrankt und 1963 oder '52,6 von je 100Ö0 
gestorben. 2 Erkrankungen fielen in den Juli 1870, 27 in 
den August, 76 in den September, 264 in den Oktober (18 
weitere in den September und Oktober), 1041 in den November, 
3107 in den Dezember, 113'.) in den Januar 1871, 3151 in 
den Februar, 1521 in den März, 586 in den April, 209 in 
den Mai, •"><; in den Juni und 1 in einen unbekannten Monat. 



I Diese Zahlen sind dem Sanitätsberichte entnommen. 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 293 

Die meisten Erkrankungsfälle trafen also in die Zeit vom 
November bis zum März, in welcher die Mehrzahl der eintreffen- 
den Gefangenen aus den nach dem Falle von Sedan und 
Metz aufgestellten Volksheeren kam und daher wohl sicher 
beim Diensteintritt einer Impfung nicht unterzogen worden 
war. Die von der deutschen Militcärverwaltung befohlene 
Impfung der Gefangenen konnte vielfach erst im Laufe einiger 
Wochen durchgeführt werden und kam in zahlreichen Fällen 
zu spät, weil die Infektion schon in Frankreich stattgefunden 
hatte. 

Aus den von den Gefangenen inficirten Orten schritten 
die Pocken nach anderen fort. Ueberall gab es in der Bevöl- 
kerung un geimpfte Personen, und bei vielen anderen war in 
der seit der Impfung verstrichenen Zeit der Schutz hinreichend 
abgeschwächt; um eine Wiederempfänglichkeit nicht auszu- 
schliessen. Mit der Masse der Erkrankungen mehrte sich 
die Gelegenheit zur Infektion; der Häufigkeit und Intensität 
der Ansteckung gegenüber versagte die etwa noch vorhandene 
Widerstandskraft. An allen Orten flammte die Epidemie auf; 
das Jahr 1871 häufte zu den Opfern, mit welchen das 
Deutsche Reich in blutigem Kriege seine Einheit erkauft 
hatte, Myriaden von anderen, welche die vom Kriegsschau- 
platze in das Land gedrungene Seuche forcierte. 

Allerdings hatten in Deutschland wie im Auslande nicht 
alle Staaten in gleichem Grade zu leiden. Auch ergaben 
sich innerhalb der Länder mancherlei örtliche Verschieden- 
heiten, deren Ursachen zum Theil in den hygienischen Ver- 
hältnissen und den sanitätspolizeilichen Maassregeln bezüglich 
der Krankenabsonderung, der Krankenpflege, der Häufigkeit 
der Einschleppung u. dergl. begründet gewesen sein mögen, 
wie solches bei allen Epidemien beobachtet würd. Was in- 
dessen hierüber von impfgegnerischer Seite vorgebracht wird, 
beruht zum Theil nur auf Vermuthungen, wie die Annahme 
Vogt's, dass die gesundheitlichen Bedingungen in den preussi- 
schen Festungen viel schlechter gewesen seien als in den 
übrigen Städten, und reicht jedenfalls zur Erklärung der auf- 
fälligen Verschiedenheiten zwischen den ganzen Ländern 
nicht aus. 

Ein Blick auf die Tabelle S. 286 u. 287 lässt erkennen, um 
wie viel höher die Pockensterblichkeit während der Epidemie- 
jahre in Belgien, den Niederlanden und Oesterreich war, als 
in den britischen und süddeutschen Ländern sowie in Schwe- 



294 Letzte Blatternpanderaie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

den, und wie andererseits Preussen in jener Richtung eine 
Mittelstellung einnahm. Diese Gegensätze können um so 
weniger auf Zufälligkeiten beruhen, als sie für 6 der bethei- 
ligten Staaten nur in gesteigertem Grade die bereits in der 
Tabelle S. 253 kenntlich gemachten Wahrnehmungen der vor- 
ausgegangenen Jahrzehnte wiederspiegeln. Es fehlt jeder An- 
halt dafür, dass die Hygiene in den schwerer betroffenen 
Ländern so wesentlich ungünstiger, die Sanitätspolizei so viel 
weniger geordnet gewesen sei als in den anderen Staaten, wie 
dies angenommen werden müsste, wenn man darauf die grossen 
Blatternverluste zurückführen wollte. Wohl aber bestanden 
in den Impfverhältnissen wesentliche und zur Erklä- 
rung ausreichende Verschiedenheiten. In England, 
Schottland, Irland, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen und 
Schweden war seit mehr oder weniger langer Zeit die Impfpflicht 
eingeführt, in Belgien und den Niederlanden fehlte es ganz 
an der gesetzlichen Durchführung der Impfung, in Oesterreich 
waren die Vorschriften unzulänglich und ihre Handhabung lässig, 
in Preussen bemühten sich wenigstens die Behörden mit Eifer 
für die Förderung der Impfung, wenn sie auch nicht berech- 
tigt waren, einen Zwang auszuüben. Dementsprechend waren 
in den erstbezeichneten Ländern namentlich die jüngeren 
Kinder der Mehrzahl nach geschützt, and bei den älteren 
Personen, deren Impfung längere Zeit zurücklag, ein milder 
Verlauf der Erkrankungen nicht selten, während in Belgien 
und den Niederlanden in allen Altersklassen zahlreiche des 
Impfschutzes entbehrende Personen vorhanden waren, und 
Oesterreich, namentlich aber Preussen auch in dieser Beziehung 
die Mitte hielten. 

Aus einigen Ländern sind Angaben über die Altersver- 
hältnisse der an Pocken Verstorbenen vorhanden, 
welche hierfür Belege liefern. Die folgende danach gefertigte 
Zusammenstellung zeigt deutlich, wie die jüngeren Altersklassen 
vom 2. Lebensjahre an in den Niederlanden, in Berlin und 
Leipzig einen weit höheren Antheil zur Pockensterblichkeit 
gestellt haben als in Bayern, Hessen und Schottland, in 
den Niederlanden war der [mpfzustand unter den Kindern 
bei dem Mangel einer gesetzlichen [mpfpflicht sehr wenig be- 
friedigend, in Berlin hatte man die [mpfung der Kinder, wie 
im vorhergehenden Kapitel S. 2)57 mitgetheilt wurde, gerade 
in den Jahren vor <\*'r Epidemie stark vernachlässigt, und 
das gleiche war. wie ebenfalls schon S. 239 angeführi worden 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 295 



Pockcntodesfälle nach Altersklassen. 

i. 
Absolute Za h Len. 



Wirr 

naeli 

Jahren 


Nieder- 
lande 1 ) 
1870-73 


Berlin 2 ) 
1.1. 1S71 

bis 
31.7.72. 


Leipzig 3 ) 

Land- 
bezirk 
1870-71 


Bayern 4 ) 

ohne 
Oberpfalz 

1871 


Hessen 5 ) 
1870-72 


Schott- 
land 6 ) 

1865-74 


0—1 
1—5 
5—10 
10—20 
20—30 
30—60 
älter 


3263 

6551 
2277 
1957 
2000 
4084 
440 


1322 
1515 
310 
219 
763 
2064 
281 


451 
627 
67 
26 
39 
245 
30 


601 

250 

20-501919 


222 

43 

15 

35 

179 

763 

184 


1223 

670 

680 

1356 

1585 

1496 

125 


Zus. 


20572 


6474 


14S5 


4371 


1441 


7135 



2 ) Nach De Pokkenepidemie in Nederland in 1870—73, ui'tgegeven 
door het department van binnenlandsche Zaken te's Gravenhage. 1875. 

2 ) Nach Guttstadt: Die Pockenepidemie in Preussen, insbesondere 
in Berlin in den Jahren 1870 — 72. Zeitschrift des Königl. Preuss. 
Statist. Bureaus 1873, XIII S. 127. 

3 ) Nach Siegel: Die Pockenepidemie von 1870/71 aus dem Um- 
kreise von Leipzig. Wagner 's Archiv für Heilkunde 1873, H. 2. 

4 ) Nach Klinger: Die Blatternepidemie des Jahres 1871 und die 
Impfung in Bayern. 

5 ) Nach Reissner: Zur Geschichte und Statistik der Menschen- 
blattern (Variola) und der Schutzpockenimpfung im Grossherzogthum 
Hessen. S. 145. 

6 ) Nach Lotz: Pocken und Vaccination. S. 131. Citat aus Detailed 
annual reports of the registrar general of births, deaths and marriages 
in Scotland. Edinburgh. Jahrgänge 1865 — 1874. 

IL 
Von 1000 Pockentodesfällen fielen auf die einzelnen Alters- 
klassen: 



Uters- 
klasse 

nach 


Nieder- 
lande ') 
J870 73 


Berlin 1 ) 

1. 1.1871 

bis 


Leipzig 1 ) 
Land- 
bezirk 


Bayern 2 ) 

ohne 
Oberpfalz 


Hessen 1 ) 
1870-72 


Schott- 
land J ) 
1865-74 


Jahren 




31.7.72. 


1870-71 


1871 






0—1 


162 


204 


304 


138 


154 


171 


1—5 


323 


234 


422 


} « 


30 


94 


5—10 


110 


48 


45 


10 


95 


10—20 


92 


34 


IN 


24 


190 


20—30 


95 


118 


26 


20-50 439 


124 


222 


30—60 


196 


319 


164 


lüber .,,.,, 
/ 50 366 


529 


210 


älter 


20 


43 


21 


128 


18 



>> Nach Tabelle I berechnet, 

2 ) Klinger S. 10. 



296 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

III. 

Pockentodesfälle auf je 1000 Lebende der Altersklasse be- 
rechnet. 1 ) 



Alters- 
klasse 


Nieder- 
lande 2 j 
1870-73 


Berlin 
1. 1.1871 


Bayern 


Hessen 2 ) 


Schottland 


nach 
Jahren 


bis 
31.7.72. 


1871 


1870-72 


1865-74 


0—1 


30,7 


44,1 


5,6 


9,4 


12,3 


1—5 


18.2 


13.83 


J 


0,5 


0,2 


5—10 
10—20 


5,8 
2,9 


2 8 
10-15 o'ö 
15-20 1,2 


0,15 


0.2 
10-15 0,1 
15-20 0,3 


0,2 
0,2 


20—30 


3.5 


2,33 


i 


1,2 


0,3 






30-40 3,6 


20-501,03 


30-40 2,2 


30-40 0,2 


30—60 


3.4 


40-50 4.8 


40-50 3,1 


40-50 0,1 






50-60 7,7 


}tr v» 


50-60 3,3 


50-60 0,1 


GOu.mehr 


1,5 


6.0 


2.6 


60-70 0,1 



Ueberh. 



5,7 



4,97 



0,99 



1,7 



0,2 



a ) Quellen wie in Tabelle I. 

2 ) Die Zahlen sind auf die bekannte Bevölkerung eines Jahres be- 
rechnet, müssen also für die Niederlande durch 4, für Hessen durch 3 
dividirt -werden, um den Jahresdurchschnitt zu ergeben. Letzteres ist 
unthunlich, weil die Verhältnisse der Epidemie veranschaulicht werden 
sollen, welche in den Niederlanden namentlich die Jahre 1871 (15 787 
Todesfälle) und 1872 (3731 Todesfälle), in Hessen hauptsächlich das 
Jahr 1871 (1028 Todesfälle) betraf. Jedoch ist infolgedessen ein Ver- 
gleich zwischen der Pockenhäufigkeit der einzelnen Länder über- 
haupt auf Grund vorstehender Tabelle nicht zulässig; es muss in 
dieser Richtung auf die Tabelle S. 286 und 287 verwiesen werden. Hier 
sollte nur gezeigt werden, wie sich die Betheiligung der Alters- 
klassen an der Pockenmortalität gestaltete. 



ist, im Königreich Sachsen der Fall. Unter den 3 Ländern mit 
Impfpflicht vergegenwärtigen die Zahlen für Schottland etwas 
ungünstigere Verhältnisse, als für Bayern und Hessen hervor- 
treten, weil in den ersteren Ziffern die Todesfälle in den ersten 
Jahren nach Einführung des Impfgesetzes (1865 — 70) mit 
enthalten sind, in welchen in den bezüglichen Altersklassen 
mehr dem Gesetz nicht unterworfene und daher nicht geimpfte 
iVrsniii'ii vorhanden waren als in den beiden deutschen 
Staaten. Die Entlastung der kindlichen Altersklassen \<>n 
der Pockensterblichkeit in den 3 Ländern mit [mpfpflicht 
hatte jedoch, wie Tabelle III zeigt, keineswegs eine erhöhte 
Belastung der alleren Jahrgänge zur Folge. Wenn in diesen 
der Impfschutz entsprechend der mit der Zeil erfolgten Ab- 



Letzte Blattempandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 297 

Schwächung nicht mehr die gleiche Wirksamkeit besass wie 
bei den Kindern, so war doch die Pockensterblichkeit der 
Erwachsenen durchaus nicht grösser als in den Ländern ohne 
Impfpilicht, womit die namentlich von Löhnert vertretene Be- 
hauptung, dass die Impfung die Empfänglichkeit für die 
Blattern gesteigert und daher zahlreiche Erkrankungen in den 
früher weniger betroffenen Altersklassen zur Folge gehabt 
habe, in sich zusammenfällt. Dank der Impfung, und zwar 
namentlich durch deren lebenserhaltende Kraft bei den un- 
längst geimpften Kindern wurde die Gesammtsterblich- 
keit in dem Grade herabgesetzt, wie dies aus der Tabelle 
auf S. 286 und 287 ersichtlich ist. 

Zur vollkommen beweiskräftigen Erhärtung dieser Folge- 
rung fehlt noch der Nachweis des Impfzustandes der in 
den Tabellen zahlenmässig angegebenen Opfer der 
Pocken. Es hat an Bemühungen nicht gefehlt, hierüber 
Aufschlüsse zu erhalten; aber leider ist das überlieferte Ma- 
terial in dieser Richtung vielfach so lückenhaft und anderer- 
seits so reich an ungenauen oder unzuverlässigen Angaben, 
dass bei der Verwerthung grosse Vorsicht geboten erscheint. 

Dieses gilt besonders von den viel erörterten Statistiken 
über die Impfverhältnisse der in Preussen oder einzelnen 
Preussischen Landestheilen an den Pocken erkrankten und ver- 
storbenen Personen. Das Preussische Regulativ vom Jahre 
1835 (vergl. S. 237) verhängte Polizeistrafen über Eltern, 
deren Kinder von den Blattern betroffen wurden und sich 
dabei als ungeimpft erwiesen. Der Impfzustand der Blattern- 
kranken musste daher amtlich festgestellt werden; aber 
die Ermittelungen beschränkten sich oft auf Anfragen bei 
den Eltern, welche, um der Strafe zu entgehen, vielfach 
ihre Kinder als geimpft bezeichneten, auch wenn diese es 
in Wirklichkeit nicht waren. Andererseits wurde in den amt- 
lichen Einsendungen nicht vermerkt, ob die angeblich statt- 
gehabte Impfung von Erfolg gewesen war. Die Zahlen der 
Geimpften enthielten daher auch solche Kinder, die ohne Er- 
folg vaccinirt und daher nicht geschützt waren. Ferner er- 
schienen in den amtlichen Verzeichnissen alle Personen als 
geimpft, bei welchen die Impfung nach bereits erfolgter In- 
fektion im Inkubationsstadium der Pocken vorgenommen war 
und einen Schutz nicht mehr hatte gewähren können. 

Die Listen der Polizeibehörden hatten hauptsächlich als 
Unterlage für die Strafverfügungen gegen impfsäumige Eltern 



298 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

und keineswegs für wissenschaftliche Zwecke dienen sollen. 
Die Eintragungen waren vielfach von untergeordneten Polizei- 
organen bewirkt und wohl nur selten von Sachverständigen 
kontrolirt worden. Als daher später namentlich Böing auf 
Grund einiger solcher „Urpockenlisten" die Lehre vom 
Impfschutz angriff, konnten seine Beweismittel nicht als ein- 
wandsfrei anerkannt werden. Eine in den Jahren 1884 — 1888 
im Kaiserlichen Gesundheitsamte vorgenommene eingehende 
Bearbeitung jener Verzeichnisse bestätigte deren Unzuverlässig- 
keit und stellte überdies fest, dass die Angaben derselben 
sehr unvollständig waren und in Wirklichkeit nicht einmal 
durchweg den Impfzustand der an Blattern Erkrankten und 
Verstorbenen nachwiesen. Die Ergebnisse jener Arbeiten sind 
in den beiden mehrfach erwähnten Denkschriften der genannten 
Behörde ausführlich mitgetheilt und haben die Hinfälligkeit 
der auf die Urpockenlisten gegründeten, der Impfung ungün- 
stigen Schlussfolgerungen dargethan. 

Die Verhältnisse in Berlin waren schon bald nach der 
Epidemie infolge einer Veröffentlichung des Geheimen Medicinal- 
raths Müller Gegenstand lebhafter Erörterungen geworden. 
Müller berichtete über 17074 Erkrankungen und 3352 Todes- 
fälle an Pocken im Jahre 1871; in den Altersklassen über 
10 Jahre waren von 570 nachweislich nicht geimpften Kran- 
ken 139 (24 pCt.), von den übrigen 12501 Kranken 1785 
(14 pCt.) gestorben. Unter 1628 Verstorbenen, die der 
Altersklasse von — 10 Jahren angehörten, hatten die Er- 
mittelungen 994 nachgewiesen, welche nicht geimpft waren ; sie 
bildeten mehr als den dritten Theil der nachweislich nicht 
geimpften 2161 Kranken der Altersklasse. Die übrigen 634 
Gestorbenen vcrtheilten sich auf 1842 Kranke, was demnach 
einen fast gleich hohen Mortalitätsprocentsatz ergab. 

Müller •bezeichnete in seiner Statistik die Personen, 
bei welchen die Unterlassung der Impfung nicht nach- 
gewiesen war, schlechthin als Geimpfte, bemerkte aber 
dabei, dass die Angaben über die Impfverhältnisse aus den 
für Preussen bereits dargelegten Gründen nicht für voll- 
kommen richtig zu erachten seien. Auf dem internationalen 
Kongress für die medizinischen Wissenschaften zu Wien im 
Jahre 1873 betonte er nochmals mit Nachdruck die Unzu- 
erlässigkeil der Angaben über die Impfung mii dem Einzu- 
fügen, dass bei einer von ärztlicher Seife vorgenommenen 
Kontrole in einem vorausgegangenen Jahre 1 kein Todesfall bei 



Letzte Blattempandemie and ihre Folgen in «Irr Gesetzgebung. 299 

einem ordnungsgemäss geimpften Kinde in Berlin halte fest- 
gestellt werden können. Dessenungeachtet sind die Zahlen 
Müller's von impfgegnerischer Seite, namentlich von 
Lorin ser und Vogt, als willkommenes Beweismittel gegen 
den Impfschutz verwerthet worden. Die bald darauf ver- 
öffentlichte sehr sorgfältige Arbeit Guttstadt's über die 
Pockenepidemie in Berlin erwies indessen den geringen sta- 
tistischen Werth jener Zahlen. Die beim Polizeipräsidium ge- 
sammelten Todtenscheine ergaben, dass rund 1500 Personen 
mehr an Pocken gestorben waren 1 ), als Müller verzeichnet 
hatte. Die Zahlen der Ungeimpften waren zu klein. Nach 
Guttstadt's übrigens auch nur sehr unsicherer Schätzung 
gab es beim Beginn der Epidemie in Berlin 20000 nicht ge- 
impfte, 530000 geimpfte und 270000 revaccinirte Ein- 
wohner. Würden Müller's Erkrankungszahlen richtig ge- 
wesen sein, so hätte sich für die Ungeimpften immer noch 
ein sehr ungünstiges Verhältniss ergeben, denn es wären 
danach 14 pCt. der Ungeimpften, 2 pCt. der Ge- 
impften und y 2 pCt. der Revaccinirten pockenkrank 
gewesen. Einer statistischen Nachprüfung halten indessen 
alle diese Berechnungen nicht Stand; angesichts der vielen 
bedeutenden Fehlerquellen muss auf Schlussfolgerungen aus 
den Angaben über den Impfzustand der in Berlin im Jahre 
1871 an den Blattern erkrankten und gestorbenen Personen 
überhaupt verzichtet werden. 

Aus denselben Gründen wie in Berlin sind die Ergeb- 
nisse der Statistik in einer ebenfalls oft erwähnten Arbeit des 
Geh. Sanitätsraths v. Pastau über die Pockenepidemie 1871/72 
in Breslau als unzuverlässig zu bezeichnen.' 7319 Erkran- 
kungen und 1213 Todesfälle in jener Stadt vertheilten sich 
folgendermaassen auf die einzelnen Altersklassen: 

— 1 Jahr 478 Kranke 233 Verstorbene 



1— 5 


,, 891 


ii 


279 


5-10 


„ 496 


ii 


76 


10-20 


„ 1674 


ii 


70 


20-30 


„ 1857 


ii 


184 


30—65 


„ 1846 


ii 


351 


65 u. mein 


' „ 57 


ii 


20 



1) Nach dem Berliner Statistischen .Jahrbuch sogar 1664. 



300 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

Von 7054 Kranken, deren Impfzustand ermittelt wurde, 
waren 

nicht geimpft . . . 1181, davon starben 484 = 40,98 pCt. 

einmal geimpft . . 5523, „ „ 690 = 12,67 pCt. 

wiedergeimpft . . 248, „ „ 26= 10,48 pCt. 

früher geblättert . . 102, ,, ,, 13 = 12,75 pCt. 1 ) 

Von den Geimpften, welche starben, standen 19 im 
ersten Lebensjahre; bis zum 5. Lebensjahre starben von den 
Geimpften 22,97 pCt. Unter den Kranken des ersten Lebens- 
jahres befanden sich 10 mal, innerhalb der ersten 5 Jahre 
3 mal soviel Nichtgeimpfte als Geimpfte. Es könnte in der 
That nahe liegen, hiernach die hohe Sterblichkeit der Nicht- 
geimpften mit der geringeren Widerstandsfähigkeit des zarten 
Alters zu erklären, wenn nicht mit Rücksicht auf die darge- 
legten Verhältnisse in Preussen die Glaubwürdigkeit der An- 
gaben über den Impfzustand der Kranken und Verstorbenen 
zu berechtigten Zweifeln Anlass gäbe. 

In anderen Ländern, in welchen die Eltern keine 
Strafe zu gewärtigen hatten, wenn sie die Unter- 
lassung der Impfung ihrer erkrankten Kinder zuge- 
standen, zeigen die Berichte über die Impfverhält- 
nisse der Pockenkranken ein wesentlich anderes 
Bild. 

In Leipzig entwickelte sich Ende 1870 nach Wunder- 
lich eine heftige Pockenepidemie. Nach fast viermonatlicher 
blatternfreier Pause erkrankte am 22. Oktober zuerst ein 
französischer Kriegsgefangener; am 7. Dezember folgte ein wei- 
terer Fall bei einer W T äscherin des Hospitals, am 10. ein dritter 
in der Stadt. Bis zum 20. Februar 1872 wurden im städtischen 
Krankenhause insgesammt 1727 Pockenkranke behandelt, 
unter denen sich 139 nicht geimpfte, 22 geblätterte und 
1504 geimpfte Personen befanden; bei 62 anderen konnte 
der Impfzustand nicht festgestellt werden. Von den Unge- 



1) Aehnliche Procentzahlen lieferten die Ermittelungen Pistor's 
Eibei die [mpf Verhältnisse der Pockenkranken im Regierungsbezirk 
Oppeln. Von 31030 Krkrankun^i'ii ln'trafen 3047 un geimpfte, 28001 
einmal geimpfte und 162 wiederhol! geimpfte Personen. Von den erste- 
ren starben L329 =43,62pCt., von der zweiten Klasse 3371 L2,03pCt., 
der dritten 20 = 12,34 p< t. 



Letzte Blatternpandcmie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 301 

impften starben 99 — 71 pCt, von den Geblätterten 6 = 
23 pCt, von den Geimpften 116 = 8 pCt., von 13 Wieder- 
geimpften keiner. Von 116 Kindern unter 15 Jahren starben 
73-63 pCt, von 1611 Personen im Alter von 15 und 
mehr Jahren 184 — 11 pCt. Die Erkrankungen und Todes- 
fälle bei den Personen verschiedenen Impfzustandes ergaben 
nach den Altersklassen, soweit diese bekannt waren, folgende 
Zahlen : 

Ungeimpfte Geimpfte 

Alter Kranke Verstorbene Kranke Verstorbene 

0— 1 Jahr 29 27 (93 pCt.) 

1— 2 „ 31 27 (82 pCtO 

3 „ 

4- 8 „ 

9-14 „ 

15—16 „ 

17-18 ., 

19-21 „ 

22-24 ., 
25 Jahre und mehr 18 

Nach Thomas sind vom 28. Oktober, an welchem 
Tage der erwähnte französische Kriegsgefangene starb, bis 
Ende März 1872 in Leipzig 1075 Personen, darunter 48 Nicht- 
einheimische, und zwar 21 Soldaten und 27 andere Personen, 
den Pocken erlegen. Von den rund 107000 Einwohnern der 
Stadt starben also fast 10 pM. ! Die Pockentodesfälle ver- 
theilen sich nach Altersklassen wie folgt: 

der Altersklasse der Altersklasse 

% der Lebenden' Jalue o/ 00 der Lebenden 

0— 1 273 144 20-30 70 3 

1— 5 407 61 30-60 194 7 
5—10 29 4 60 u. mehr 31 7 

10—20 23 1 

Von den Verstorbenen unter 15 Jahren war keiner 
geimpft. 

In der Distriktspoliklinik wurden 688 Kranke behandelt, 
deren Alter und Impfzustand sich aus folgender Tabelle 
ersieht : 



15 


8 (55 pCt.) 








23 


7 (30 pCt.) 








11 


4 (36 pCt.) 


20 








— 


67 


2 (3 pCt.) 


4 


2 (50 pCt.) 


146 


4 (3 pCt.) 





— 


336 


6 (2 pCt.) 


7 


2 (29 pCt.) 


252 


11 (5pCt.) 


18 


18 (100 pCt.) 


673 


89 (13 pCt. 



302 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 





Un geimpfte 








(einschliesslich der er- 








folglos Geimpften und der 


Geh 


npfte 


Alter 


nach bereits erfolgter 

Ansteckung, also zu spät 

Geimpften) 








Kranke 


Verstorbene 


Kranke 


Ver- 
storbene 


0—1 J. 


69 


35 





• 


1—2 J. 


56 


26 








2—3 J. 


57 


24 








3—4 J. 


35 


14 








4—5 J. 


23 


3 


2 





5—10 J. 


20 


7 


25 





10—20 J. 


8 


2 


143 





20—30 J. 








89 


3 


30—60 J. 


2 


2 


151 


14 


GO u. mehr J. 


1 


1 


t 


1 


Zusammen 


271 


114 


417 


18 



Nach Siegel wurden vom Oktober 1870 bis Juni 1872 
in 106 Ortschaften der Umgegend von Leipzig 3881 Er- 
krankungen und 721 Todesfälle an Pocken ärztlicher- 
seits angemeldet; die Gesammtzahl der durch Totenscheine 
nachgewiesenen Blatternsterbefälle betrug 1485; 15 von je 
1000 der 97100 Bewohner des Medizinalbezirkes waren der 
Seuche erlegen. Die von den Aerzten gemeldeten Kranken, 
über deren Impfzustand nähere Mittheilungen vorlagen, ver- 
theilten sich auf die Altersklassen wie in der nebenstehenden 
(S. 303) Tabelle angegeben ist. 



Unter den . 3846 statistisch ver-wertheten Pockenkranken befan- 
den sich : 

1384 = 36,0 pCt. ungeimpfte Kinder unter 15 Jahren \ 1664 = 43,3 pCt. 
280= 7,3 pCt. geimpfte ,, ,, 15 ,, j Kinder 

45= 1,2 pCt. ungeimpfte Erwachs, über 15 ,, \ 2182 = 56,7 pCt. 
2137 = 55,5 pCt. geimpfte Erwachs, über 15 ,, j Erwachsene 
Unter den 705 Pockentodten befanden sich : 
188 = 69,2 pCt. ungeimpfte Kinder I 

1.1 pCt. geimpfte „ / 496 = 70,o pCt. Kinder 

20 = 2,9pCt. ungeimpfte Erwachsene ) „„ .„ _ „ 
, q . ;r ' ' ... . ' 209 = 29,7 pCt. Erwachs. 

189= 26,8 pl i. geimpfte ,, ) ' ' 



\iiiiint 



ninii Uli' nur durch 



Todtenscbeine nachgewiesenen 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. ;>().'> 





Ungeimpfte 








(einschliesslich der er- 








folglos Geimpften und der 


< reimnftc 


Alter 


nach bereits erfolgter 

Ansteckung, also zu spät 

Geimpften) 








Kranke 


Verstorbene 


Kranke 


Ver- 
storbene 


0—1 .1. 


280 


159 








1—2 .1. 


308 


126 


2 





2—3 .1. 


315 


97 


8 





3—4 .1. 


153 


44 


17 


1 


4—5 .1. 


119 


27 


13 


1 


5—10 J. 


143 


30 


92 


4 


10—20 J. 


40 


7 


319 


6 


20—30 .). 


13 


9 


557 


25 


30-60 J. 


17 


7 


1166 


145 


60 n. mehr .1 . 


7 


2 


öd 


15 


Zusammen 


1395 


508 


2230 


197 


Ohne nähere 










Altersangabe : 










Kinder 


34 





30 





Erwachsene 








157 






Verstorbenen hinzu, so sind 78 pCt. Kinder und 22 pCt. Er- 
wachsene den Pocken erlegen, woraus sich ergiebt, dass die 
schwerkranken Kinder häufiger ohne ärztliche Behandlung 
geblieben sind als die schwerkranken Erwachsenen. 

In Chemnitz, einer anderen Stadt des Königreichs 
Sachsen, waren die Pocken bereits seit Ende 1869 aufge- 
treten; die Epidemie erreichte im Dezember 1870 ihren Höhe- 
punkt. Um über die Wirksamkeit des Impfschutzes bestimm- 
teren Aufschluss zu erhalten, wurde auf Flinzer's Veran- 
lassung eine Zählung aller Einwohner unter Feststellung 
des Impfzustandes durch besonders ausgewählte, ärztlicherseits 
unterwiesene Organe des Stadt-Polizei-Amtes vorgenommen. 
Von 64255 dabei ermittelten Einwohnern waren 53891 
(83,87 pCt.) geimpft, 5712 (8,89 pCt.) nicht geimpft und 4652 
(7,24 pCt.) bereits früher geblättert. 1928 der ersteren 
(3 pCt. der Gesammtheit) waren revaccinirt. 

Von den einmal erfolgreich geimpften Einwohnern er- 
krankten 935, von den revaccinirten 16, von den ungeschütz- 
ten 2643 und von den geblätterten 2. Es kamen also 



Alter 


Geimpfte 


Ungeimpfte 


0— 1 Jahr 


8 


372 


1— 2 


)j 


15 


527 


2— 3 


11 


30 


442 


3— 4 


11 


31 


329 


4- 5 


11 


43 


220 


5—10 


11 


138 


535 


10—20 


11 


127 


134 


20-30 


11 


130 


29 


30—60 


11 


237 


14 



304 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

auf 58543 geschützte Personen 953, d.i. 1,6 pCt., auf 5712 
nicht geschützte Personen 2643, d. i. 46,3 pCt. Erkrankungen. 
Die Kranken, deren Alter und Impfzustand bekannt war, 
verth eilten sich folgen dermaassen auf die einzelnen Alters- 
klassen: 

Von den Geimpften waren 

ganz leicht erkrankt 

7 

13 
25 
27 
30 
97 
59 
50 
14 73 

60 und mehr Jahre 10 1 3 

Von 3596 Kranken starben 249 — - 69,2 pM., und zwar 
von 2643 Ungeimpften 243 = 92 pM., von 951 Geimpften 
7 = 7 pM. Die Geimpften, welche starben, gehörten sämmt- 
lich dem erwachsenen Alter an; ein geimpftes Kind ist nicht 
gestorben. Im Uebrigen vertheilten sich die Verstorbenen auf 
die Altersklassen, wie folgt: 

0— 1 Jahre 102 20—30 Jahre 8 

1— 5 „ 107 30—60 „ 14 
5 — 10 ,, 11 60 und mehr Jahre 3 

10-20 „ 4 

Unter 9464 Haushaltungen, welche nur aus Geimpften 
bestanden, wurden 371, d. i. 3,92 pCt, von den Blattern 
heimgesucht, dagegen von 4417, in welchen auch Ungeimpfte 
sich befanden. 1732 = 39,11 pCt.. 21 Strassen und Plätze, 
deren Häuser nur je 16 Bewohner und insgesammt nur 
4,26 pCt. nicht Geschützte enthielten, blieben ganz verschont ; 
45 Strassen und Plätze mit je 20,23 Bewohnern der einzelnen 
Häuser und 6,81 pCt. nicht Geschützten hatten Pocken- 
erkrankungen, aber keine Todesfälle aufzuweisen; aus 69 
Strassen mit je 33,04 Bewohnern der einzelnen Häuser und 
'.|.I7 |)f'i.. nicht Geschützten wurden sowohl Erkrankungen 
als Todesfälle nachgewiesen. 

Pur das K ön igreich Bayern ist der Tabelle auf S. 295 zu 



Letzte Blattempandemic und ihre Polgen in der Gesetzgebung. 305 

entnehmen, dass die Todesfälle überwiegend das 1. Lebens- 
jahr, in welchem die Kinder noch nicht geimpft zu sein 
pflegten, und das erwachsene Lebensalter, in dem der Schutz 
der Kinderimpfung bereits zurückgetreten war, betrafen, in 
noch höherem Grade zeigte sich dies an den Erkrankungen. 
Von 28081 Blattern fällen kamen nach Klinger 906 unter 
den Kindern des 1. Lebensjahres und 23047 bei den Er- 
wachsenen, nur 4128 bei den Personen im Älter von 1 bis 
20 Jahren vor. 1251 Kranke, von denen 752, d. i. 60,1 pCt. 
starben, waren nicht geimpft; 26830, von denen 3619, d. i. 
13,5 pCt. starben, waren geimpft. Leider ist nicht bekannt, 
wie sich die Geimpften und Un geimpften auf die Altersklassen 
verth eil ten. 

In auffälligem Gegensatze zu den erwähnten Wahrneh- 
mungen im Deutschen Reiche steht eine Statistik, welche 
der Chefarzt der k. k. priv. österr. Staatseisenbahn- 
gesellschaft Keller über die Blatternerkrankungen 
unter den Bediensteten dieser Gesellschaft und ihren 
Familien veröffentlichte. In den 3 Jahren 1872 — 74 
waren nach Keller's Angaben 3385 Kranke behandelt worden, 
von denen 625 = 18,46 pCt. starben. Es kamen: 

auf 2069 Geimpfte 317 Todesfälle = 15,32 pCt. 
,,• 1095 Ungeimpfte 276 ,, =24,74 ,, 

,, 92 Revaccinirte 16 ,, = 17,34 ., 

., 19 Geblätterte 5 ,, ' = 26,31 ,, 
„ 110 Zweifelhafte 16 „ =14,54 ,, 

War hiernach schon der Unterschied in der Sterblichkeit 
der Geschützten und Ungeschützten sehr gering, so ergab der 
Vergleich nach Altersklassen noch merkwürdigere Resultate, 
da dabei auch in den ersten Lebensjahren in der Mortalität 
der Geimpften und Nichtgeimpften nur unwesentliche Ver- 
schiedenheiten zu Tage traten, wie die Uebersicht auf S. 306 
zeigt. 

Keller's Zusammenstellungen haben von jeher eins 
der hauptsächlichsten impfgegnerischen Beweismittel gebildet. 
Lorinser schrieb darüber an Vogt: Ich halte Dr. Keller's 
Angaben „für die richtigsten und gewissenhaftesten, welche 
über Impfung überhaupt erhalten werden können, da mir 
Dr. Keller's Gewissenhaftigkeit und die strenge Organisation 
des Sanitätsdienstes der Staatsbahn ganz genau bekannt sind." 
In Deutschland haben sich Kolb und Reichen sperger, in Eng- 

Kühler, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. .»0 



306 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 



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Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 301 

land Waliace mit der grössten Anerkennung über jene Ver- 
öffentlichung geäussert. Aber den Freunden derlmpfung erschien 
die Zuverlässigkeit der im schärfsten Gegensatz zu allen früheren 
Erfahrungen stehenden Angaben um so mehr fragwürdig, weil 
Keller auch auf anderen wissenschaftlichen Gebieten, ins- 
besondere bei der Bekämpfung der Quecksilberbehandlung der 
Syphilis, einer ungenauen Wiedergabe der Thatsachen durch 
Bäum ler überführt worden war. In weit späterer Zeit ist 
es durch Körösi's und Stöhr's Verdienst gelungen, die Un- 
richtigkeit der Zahlen Kell er 's zu beweisen. Körösi hatte 
bereits im Jahre 1887 auf Grund einer Correspondenz mit 
den damals noch lebenden Bahnärzten und nach Einsicht der 
Akten mittheilen können, dass die Krankenprotokolle des 
Jahres 1872 Vermerke über den Impfzustand überhaupt nicht 
enthalten hatten, und dass die von Keller durch Umfrage bei 
den Bahnärzten erhaltenen Angaben über den Impfzustand sich 
mit den von ihm veröffentlichten Zahlen nicht in Uebereinstim- 
mung befunden hatten. Im Jahre 1895 fand Stöhr, der Nach- 
folger Kell er 's fast das ganze von letzterem benutzte Material 
des Jahres 1872 und einen Theil des Materials aus dem Jahre 
1873 im Staatsbahnarchiv wieder, nachdem die betreffenden 
Akten lange Zeit als verloren gegolten hatten. Ein Vergleich des 
Inhaltes der Originalberichte der Bahnärzte mit Keller's 
Veröffentlichungen ergab, dass letzterer nicht nur rechnerische 
Fehler begangen, sondern auch an den ihm vorgelegten Be- 
richten eigenmächtig Abänderungen vorgenommen hatte, durch 
welche die Sterblichkeit der Ungeimpften erniedrigt, die der 
Geimpften und Revaccinirten erhöht wurde. In Szegedin 
waren 4 geimpfte Personen erkrankt, keine davon gestorben ; 
Keller setzte einen Todesfall ein und erhielt eine Mortalität 
von 25 pCt. In Kolin starb von 6 Geimpften 1; Keller 
verwandelte die Zahl 6 in 2, wodurch die Sterblichkeit auf 
50 pCt. erhöht wurde. In Stegendorf waren von 38 Unge- 
impften 13 gestorben; Keller machte aus der 38 eine 68 
und stellte dadurch das Mortalitätsverhältniss als viel gün- 
stiger dar. Die Station Olmütz,. in welcher alle Geimpften 
genasen, wurde in Keller's Verzeichniss fortgelassen. In 
den Protokollen der Station Stadlau hatte Keller für alle 
Erkrankte, deren Impfzustand der Streckenarzt als unbe- 
kannt unausgefüllt Hess, eigenhändig und nachträglich ein 
„revaccinirt" hinzugefügl . 

Stöhr hat auf Grund des gefundenen Materials die Zu- 

20* 



308 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

sammenstellungen für das Jahr 1872 erneut bearbeitet und 
dabei die von Kell er 's Hand hinzugefügten Eintragungen als 
richtig angenommen und berücksichtigt, obwohl deren Glaub- 
würdigkeit sehr fraglich erscheint. Dennoch weichen die Re- 
sultate erheblich zu Gunsten der Impfung von Kell er 's 
Zahlen ab. Es starben unter den Personen im Alter von 
über 2 Jahren: 

bei den Geimpf- 
ten untex . . 290 (nachKeller313)KrankenlO(37) = 6,66(ll,82)pCt. 

bei denRevacci- 
nirten unter . 22 (nach ,, 30) „ 3 (5) 

bei den Geblät- 
terten unter . 3 (nach ., 2) „ 1 (1) 

bei d. Geschütz- 
ten überhaupt 
unter .... 315 (nach „ 315) „ 24(43) = 7,62(12,46)pCt. 

bei den Unge- 
schützten unter 128 (nach „ 150) „ 21 (18) = 16,41 (12) pCt, 

bei den Zweifel- 
haften unter . 9 (nach ,, 22) „ 2 (2) 

Im ersten Lebensjahre erkrankten nach Stöhr 42 Kin- 
der, von denen 11 starben; nur 3 davon waren geimpft, und 
von diesen starb keines. Im zweiten Lebensjahre erkrankten 
10 geimpfte und 24 ungeimpfte Kinder; von ersteren starb 
keines, von letzteren erlagen den Pocken 7. Im Lebensalter 
von 2 — 15 Jahren waren 62 geimpfte und 83 ungeimpfte 
Kinder erkrankt; 17 Todesfälle betrafen ausschliesslich die 
Ungeimpften, während kein geimpftes Kind starb. 

Keller's Zahlen sind hiernach nicht nur als un- 
zuverlässig, sondern geradezu als unrichtig erwiesen. 
Soweit aus dem noch vorhandenen Material ein Ueberblick über 
das Auftreten der Pocken unter den Angestellten der Oester- 
reichischen Staatsbahnen in der grossen Epidemie gewonnen 
werden kann, bestätigt sich auch in dieser Gruppe die günstige 
Wirkung der Impfung. Namentlich ergiebt sich in Ueberein- 
stimmung mit den Erscheinungen in Chemnitz und Leipzig 
die Thatsache, dass bei den Kindern, deren Impfung erst wenige 
Jahre zurücklag, Todesfälle an der Krankheit überhaupl oichl 
vorgekommen sind, wohingegen die Seuche unter den nichl 
geimpften Altersgenossen zahlreiche Opfer forderte. 

In Ergänzung der uns dem Gebiete des Deutschen Reichs 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 309 

und Oesterreichs gesammelten Ueberlieferungen muss mit 
einigen Worten mehrerer aus anderen europäischen 
Ländern erstatteter Berichte gedacht werden, welche in den 
späteren Erörterungen über den Impfschutz verwerthet worden 
sind und daher ein besonderes geschichtliches Interesse in An- 
spruch nehmen. 

In der Schweiz ist namentlich die Epidemie des Kan- 
tons Zürich (vgl. S. 289) durch Brunner und Zehnder zum 
Gegenstand sorgfältiger wissenschaftlicher Untersuchungen ge- 
macht worden. Die von dem letzteren Arzte berechneten und 
von Lotz nachgedruckten Ziffern der Verstorbenen weisennach, 
class von 139 Pockentodesfällen 2 auf unbekannte Alters- 
klassen entfielen; von den übrigen 137 betrafen 21 (153 pM.) 
das erste, 4 (29) das 2. — 5., 1 (7) das 6. — 10., 7 (51) das 
11.-20., 12 (88) das 21.— 30., 82 (599) das 31.— 60. 
Lebensjahr und- 10 (73) höhere Altersklassen. Brunner 
konnte in seinen Nachweisungen unter Ausschluss von 180 
Erkrankungen und 32 Todesfällen bei den französischen In- 
ternirten 923 Erkrankungen mit 129 Todesfällen der Kanton- 
bevölkerung anführen, von welchen nur 52 bezw. 15 Kinder 
unter 15 Jahren betrafen. 16 erkrankte Kinder unter 1 Jahr 
mit 13 Todesfällen entbehrten sämmtlich des Impfschutzes, 
von den 36 älteren waren die beiden Verstorbenen und 6 
andere, welche genasen, ebenfalls ungeimpft. Von den übrigen 
Kranken waren, soweit bekannt, 388 nachweislich einmal ge- 
impft, 50 ohne Erfolg revaccinirt, 24 zu spät (nach bereits 
erfolgter Ansteckung), 27 wahrscheinlich geimpft; aber unter 
diesen 489 Personen befanden sich nur 4, bei welchen seit 
der Impfung weniger als 10 Jahre verstrichen waren. Es 
starb kein Geimpfter, der jünger als 19 Jahre war. Von 
10 erfolgreich Wiedergeimpften, welche erkrankten, wurden 
9 leicht betroffen und genasen sämmtlich. 1, welcher starb, 
war aus anderer Ursache am Oberarm amputirt und fieberte 
bereits beim Beginn der Blatternerkranknng. 

Vogt hat versucht, die Beweiskraft der Brunner sehen 
Zahlen abzuschwächen, indem er die Zahlenreihen für allgemeine 
Schlussfolgerungen als zu klein erklärt, und die Zahl von 52 
Erkrankungen bei Kindern verdreifachen will, um einen Ver- 
gleich mit der Betheiligung der Erwachsenen zulässig zu 
machen, weil die Kinder nur den 3. Theil der Bevölkerung 
ausmachten. Es erübrigt, dieser Art der Untersuchung, 
welche überdies für die Kinder immer noch günstige Ergeb- 



310 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

nisse liefern würde, zu folgen, da ein Blick auf die Tabelle 
S. 295 zeigt, dass die jüngeren Altersklassen in anderen 
Ländern weit stärker an der Pockensterblichkeit betheiligt 
waren. Die Züricher Bevölkerung verdankte das Verschont- 
bleiben ihrer jüngsten Altersklassen der guten Regelung des 
Impfwesens. Nach Brunner waren zur Zeit der Epidemie 
ungeimpfte Personen, von den ganz kleinen Kindern abge- 
sehen, im Kanton sehr selten. 

Um wie viel schwerer die unvollkommen geimpfte 
Bevölkerung der Niederlande und namentlich deren jüngste 
Altersklassen von den Pocken betroffen wurden, ist schon 
bei der Erläuterung der Tabelle S. 286 u. 287 hervor- 
gehoben worden. Einer im Jahre 1875 vom Ministerium des 
Innern herausgegebenen Denkschrift „De Pokkenepidemie in 
Nederland in 1870 — 73" sind noch mannichfache erwähnens- 
werthe Einzelheiten zu entnehmen. Den Mittelpunkt der 
Seuche bildete Utrecht. Ihre Verbreitung wurde ausser durch 
die ungenügenden Irapfverhältnisse auch durch die Nach- 
lässigkeit bei der Krankenabsonlerung gefordert; im Rijks- 
spital zu Utrecht lagen die Pockenkranken in gemeinsamen 
Sälen mit den übrigen Kranken. Zu früh entlassene Kranke 
haben die Seuche von dort nachweislich mehrfach in andere 
Orte verschleppt. Südholland war mit 13,15, Utrecht 
mit 13,51 Todesfällen pM. Einw. am stärksten heimge- 
sucht; in den übrigen Provinzen schwankte die Blattern- 
mortalität zwischen 6,38 (Nordholland) und 0,3 pM. (Fries- 
land). In den Städten war die Sterblichkeit doppelt so gross 
als auf dem Lande. Von 146'21 Verstorbenen, deren Alter 
und Impfzustand bekannt war, waren 6401 jünger, 8220 
älter als 10 Jahre; unter den crsteren waren nur 1256 oder 
20 pCt, von den letzteren 5870 oder mehr als 71 pCt. geimpft. 
Von 4152 Kranken unter 5 Jahren waren nur 543 geimpft. 
Wie es sich übrigens mit dem Impfzustande der „Geimpften" 
erhielt, mag an einigen Einzelbeispielen erläutert werden. 
In 11 Gemeinden von Nordholland waren von 1582 gestor- 
benen Kindern TS als geimpfl bezeichnet; aber 18 davon 
waren nachweislich ohne Krfolg, 27 mit unbekanntem Krfolg 
geimpft, bei den übrigen hatte die [mpfung nach geschehener 
Infektion, also zu späl stattgefunden. In Utrecht fand Posl 
bei 229 „Geimpften", von denen 52 starben, keine [mpfnarben. 
Vogl schliessl aus einer Ingabe in einer späteren Veröffent- 
lichung Mm Carstens, der die amtliche Denkschrift mitver- 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 311 

fasst hat, in den Niederlanden seien die Kinder im Alter von 
1 — 5 Jahren gut geimpft gewesen, wohingegen dorl nur ge- 
sagt ist, dass die Impfung, wenn sie überhaupt stattfand, 
ersl nach dem dritten oder vierten Lebensjahre vorgenommen 
wurde. Dem amtlichen Berichte zufolge wurde die Impfung 
in den ersten Kinderjahren „schändlich" vernachlässigt; über- 
dies kamen bei dem Impfgeschäft viele Betrügereien vor. 
Ein Impfarzt hatte mit Milch, ein anderer mit Brechweinstein- 
lösung geimpft; ein dritter hatte 200 Impfungen mit einem 
einzigen Stäbchen vorgenommen. Die Feststellung des Er- 
folges unterblieb häufig, so dass viele Kinder fälschlicher- 
weise für geimpft galten. 

Unterdem Eindruck der Epidemie steigerte sich der An- 
drang zur Impfung. Im Jahre 1870 wurden 64501, 1871 276804, 
1872 59 234 und 1873 133931 Impfungen angezeigt, während 
die Zahl der Pockentodesfälle in den 4 Jahren nacheinander 
706, 15 787, 3731 und 351 betrug. Vogt will daraus folgern, 
dass die Impfung Ursache der Blatternsterblichkeit gewesen sei, 
eine Auffassung, welche durch die Zahlen selbst widerlegt wird. 

Vergleiche über die Sterblichkeit bei Geimpften' und Un- 
geimpften liegen nur in beschränktem Umfange vor und sind 
nach den vorstehenden Mittheilungen über die Unsicherheit 
der Angaben bezüglich der Impfung sicher für die Klasse 
der Geimpften noch zu ungünstig, da darunter in Wirklich- 
keit viele erfolglos oder zu spät Geimpfte mitgezählt sind. 
Immerhin zeigen auch diese Ziffern, dass die Geimpften den 
l'ngeimpften gegenüber im Vortheil waren; denn es starben 
von 3012 erkrankten Geimpften 431 oder 14 pCt., von 3154 
Ungeimpften 1299 oder 40 pCt. 

Ueber die Epidemie in England hatSeaton einen vom 
Ministerium für Medizinalangelegenheiten (Local Government 
Board) veröffentlichten ausführlichen Bericht erstattet. Da- 
nach war schon im Frühjahr 1870 das Steigen der Pocken- 
sterblichkeit in London derart aufgefallen, dass die Lords des 
Staatsrats,' denen die Aufsicht über das Impfwesen oblag, 
die Gemeindebehörden auf die nachtheiligen Folgen hinwiesen, 
welche die sträfliche Vernachlässigung der Impfung in der 
Hauptstadt nach sich ziehen musste; aber erst im letzten 
Viertel des Jahres erfolgte der wirklich epidemische Ausbruch. 
Die Pockentodesfälle betrugen in den 4 Vierteljahren des 
Jahres 1870 in London 99, 118, 157 und 584. in ganz Eng- 
land 405, 446, 500 und 1229. Neben der Hauptstadl 



312 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

bildete Liverpool den Ausgangspunkt für die Seuche. Von 
den 1229 Todesfällen des letzten \ 7 ierteljahres fielen 879 
auf die beiden genannten Städte. Die Blattern schritten dann 
über das ganze Land fort und erreichten im Winter 1871/72 
die grösste Verbreitung. Den Antheil der einzelnen Bezirke 
des Landes zeigt die folgende Uebersicht: 





Be- 


Pocken- 


Pockentodesfälle 




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nach der 


todesfälle 


auf 1000 Lebende 


Bezirk 








Mittel 




Zählung 
von 1871 


1871 


1872 


1871 1 1872 


aus den 
beiden 
Jahren 


I. London .... 


3254260 


7912 


1786 


2.43 


0,54 


1,48 


IL South Eastern 


2167726 


993 


1050 


0,45 


0,48 


0,46 


III. South Midland . 


1442654 


617 


878 


0,42 


0,61 


0,51 


IV. Eastern .... 


1218728 


759 


1067 


0,62 


0,87 


0,74 


V. South Western . 


1880777 


896 


1142 


0,47 


0,61 


0,54 


VI. West Midland . 


2720669 


1044 


3838 


0,38 


1,41 


0,89 


VII. North Midland . 


1406935 


554 


1853 


0,39 


1,31 


0,85 


VIII. North Western . 


3389044 


3597 


864 


1.06 


0.25 


0,61 


IX. York* 


2395569 


1023 


2443 


0,47 


1,01 


0,74 


X. Northern . . . 


1414234 


4646 


2040 


3,28 


1,44 


2,36 


XL Welsh .... 


1421670 


1085 


2133 


0,76 


1,50 


1,13 


Ganz England 


22712266 


23126 


19094 


1,024 


0,833 


0,928 



Von den grösseren Städten hatten im Jahre 1871 die 
meisten Pockentodesfälle: Sunderland (Sß pM. Einwohner), 
Newcastle on Tyne (5,4), Wolverhampton (4,14), Liver- 
pool (3,9) und London (2,43), die wenigsten: Bradford (ver- 
einzelte 5 Fälle), Leicester (0,11 pM.), Leeds (0,16) und 
Birmingham (0,17): ira Jahre 1872 die meisten: Ports- 
mouth (4,39), Norwich (3,9) und Leicester (3,15), die wenig- 
sten: Liverpool (0,1) und Manchester (0,21). 

Von England grifi die Epidemie im Jahre 1871 auch 
nach Schottland und Irland über (vgl. Tabelle S. 286 u. 287). 

I eber die Altersverhältnisse <\n- in Schottland an den 
Pocken Verstorbenen hat bereits die Uebersicht S. 29."» 
Auskunft gegeben. Die nachstehende Tabelle Soaion's 
zeigt, in wieviel geringeren] Grade die Kinder unter 5 Jahren 
in den Städten Schottlands und Englands von den Poeken 
heimgesucht wurden als in den Städter des Festlandes, in 
welchen es eine [mpfpflichl nichl gab. 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung-. 313 



Städte und Zeitabschnitte 



Durch- 

schnitts- 
bevölkerung 



Pockentodesfällc 
während der Epidemie 

bei den Kindern 
unter 5 Jahren 



absolut 



a. 1000000 
Einwohner 



Die 8 grössten Städte Schottlands 

1871— 74 

London (1870— 72) 

17 englische Gemeinden, ent- 
sprechend den 17 grössten 
Städten des Landes (1871—74) 

Berlin 1871—72 

Hamburg 1871—72 

Leipzig 1871 

Die grössten Städte Hollands 1870 
— 72 



1083750 
3254260 



2446353 
882569 
338974 
106925 

693080 



750 
3842 



28S8 

2837 

1938 

659 

4474 



692 
1180 



1180 
3448 
5717 
6200 

6455 



Der Unterschied zwischen den Zahlen für England und 
Schottland entsprach der verschiedenen Ausführung der Impf- 
gesetze in beiden Ländern. In England war das Gesetz vom 
Jahre 1867 zur Zeit der Epidemie nur theilweise durchgeführt. 
Von 42 220 Pockentodesfällen der Epidemiejahre betrafen dort 
5817 Kinder unter 1 Jahr, 7711 solche von 1—5, 6566 von 
5—10, 2535 von 10 — 15 Jahren. Insgesammt starben 
16812 Kinder von 1 — 15 Jahren an den Pocken. Nach 
Seaton dürften sich darunter nur wenige Geimpfte befunden 
haben. Als Beispiel für den Schutz der Geimpften führt er 
an, dass im Stockwell- und im Homerton -HospitaL von 
420 pockenkranken Kindern unter 15 Jahren, die erfolgreich 
geimpft waren, nur 2 starben, während dort 179 Todesfälle 
dieser Altersklasse gezählt wurden; unter letzteren betrafen 
noch 12 Kinder mit undeutlichen Impfnarben und die 
übrigen 165 sämmtlich ungeimpfte Kinder. — Im Alter von 
15 — 20 Jahren standen 3288 der an den Pocken Ver- 
storbenen und in höherem Alter 16303, von denen die Mehr- 
zafil geimpft war. In den Londoner Hospitälern waren von 
1358 an Blattern Verstorbenen über 20 Jahre 799 oder 
60 pCt. geimpft, die übrigen 599 nicht geimpft. 



Unter den Aerzten, welche während der Blatternpandemie 
ihren Beruf ausübten, war, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, 
allgemein die Ueberzeugung von der "Wirksamkeit des Impf- 



314 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

Schutzes bestärkt worden. Auch die Berichterstatter der 
Epidemien in preussischen Landestheilen, denen ein sehr un- 
zuverlässiges statistisches Material vorlag, v. Pastau, Müller, 
Gu tt stadt, Pistor, Lievin u. a. erklärten sich sämmtiich 
mit Bestimmtheit für die Impfung. Auf dem Wiener inter- 
nationalen Congress für die medicinischen Wissenschatten im 
Jahre 1873 vermochten die Angriffe der Impfgegner, von denen 
Reitz-St. Petersburg, Hermann-Budapest und Germann- 
Leipzig das Wort nahmen, nicht zu verhindern, dass auf 
Kaposi' s Schlussreferat mit einer Mehrheit von 155 gegen 
6 Stimmen der Satz angenommen wurde: „Der 3. inter- 
nationale medicinische Congress erklärt die Kuh- 
pockenimpfung für nothwendig und empfiehlt den 
Regierungen die Durchführung der allgemeinen Impf- 
p flicht." 

Dennoch konnte man sich nicht verhehlen, dass mehrere 
Länder trotz der bereits vorgeschriebenen Impfpflicht von 
der Epidemie nicht verschont worden waren. Blieb auch die 
Zahl der Opfer der Blattern beträchtlich hinter den Verlusten 
anderer Länden zurück, so hatte die Krankheit doch grosse 
Mengen von Personen fortgerafft, welche nach erfüllter Impf- 
pflicht sich geschützt wähnten. Angesichts dieser Erfahrungen 
war neben dem Nutzen auch die Unvollkommenheit der 
Impfung nicht zu verkennen. Eine Gesetzgebung, durch 
welche den Ländern neue Verheerungen erspart werden 
sollten, konnte mit den bisher angewendeten Mitteln das Ziel 
nicht erreichen. Es bedurfte der Ergänzung durch die 
Wiederimpfung. 

Die Vortheile der Revaccination waren schon vor dem 
Jahre 1870 von den meisten Aerzten anerkannt worden; aber 
von ihrer Notwendigkeit waren viele noch nicht überzeugt, 
•letzt hatten sich in einer furchtbaren Epidemie die Folgen 
einer Beschränkung auf die einmalige Impfung auch dort ge- 
zeigt, wo die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung geimpft 
war. Aber fast noch mehr drängte zur allgemeinen 
Einführung der Wiederimpfung die Wahrnehmung, 
dass ein durch diese Maassrcgel geschützter Thcil des 
den t sehen Volkes inmitten einer von den Pocken 
stark durchseuchten Umgebung unter Entbehrungen 
und Strapazen, in vielfach höchst ungünstigen ge- 
sundheitlichen Bedingungen, dennoch in über- 
raschend geringem Grade von Her Krankheii zu 



Letzte Blatternpandemie and ihre Folgen in der Gesetzgebung. 315 

leiden gehabt hatte. Dieser Thei] des deutschen Volkes 
war die Deutsche Armee. 

Infolge der bei allen Kontingenten der Deutschen Armee 
bestehenden Vorschriften waren die bei der Fahne befind- 
lichen Mannschaften beim Ausbruch des Krieges sämmtlich 
vor kurzer Frist, höchstens vor 2 Jahren, revaccinirt. Auch 
die eingezogenen Reservisten und Landwehrmänner waren der 
Wiederimpfung theilhaftig geworden, mit alleiniger Ausnahme 
der Königlich" Sächsischen und der Hessischen Truppen, bei 
denen die allgemeine Impfung erst seit den Jahren 1868 
und 1869 durchgeführt war und sich daher nur auf die von 
diesen Jahren an eingestellten Mannschaften erstreckt hatte. 

Die Wiederimpfung der aus Anlass der Mobilmachung 
einberufenen Rekruten wurde für die Preussische Armee 
und die unter preussischer Verwaltung stehenden Kontingente 
schon am 4. August 1870 angeordnet, in Bayern erst im 
November für die zur Verwendung im Felde bestimmten Er- 
satzmannschaften befohlen. Störungen in der Regelmässigkeit 
des Impfbetriebes waren indessen nicht zu vermeiden, da es 
bei den immobilen Truppen vielfach an Aerzten und Impf- 
stoff mangelte. Die Impfung verzögerte sich daher ver- 
schiedentlich und wurde bei den preussischen Ersatz- 
bataillonen erst allmählich in der Zeit vom Juni bis Dezem- 
ber 1870 an 88 993 Rekruten vorgenommen. 

Die Deutsche Feldarmee bestand danach zum über- 
wiegenden Theil aus Mannschaften, welche dank der Re- 
vaccination erst vor kurzer Zeit geimpft und daher gut gegen 
Blattern geschützt waren. Weniger sicher war der Schutz bei 
den Reservisten der älteren Jahrgänge, deren letzte Impfung 
mehrere Jahre zurücklag. Ungeschützt oder wenigstens nur 
vor langer Zeit geimpft waren die meisten sächsischen und 
hessischen Reservisten, alle Mannschaften des Gesammtheeres, 
die ohne Erfolg revaccinirt waren und diejenigen Rekruten, 
bei denen vor der Absendung zum Kriegsschauplatz die Mög- 
lichkeit der Impfung gefehlt hatte. Berücksichtigt man. dass 
die Gesammtzahl der im Feldzuge nachgesandten jungen Er- 
satzmannschaften nur 69190 d. i. 11,7 pCt. der Kopfstärke 
überhaupt betrug, und dass die meisten davon noch hatten 
geimpft werden können, so war die Menge der gänzlich Un- 
geschützten im Heere gering, jedenfalls viel kleiner als bei 
den französischen Truppen, die sich nach den Verlusten der 
Kaiserlichen Armee im Beginn des Feldzuges zu 2 /s aus 



316 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

jungen, zum Theil nicht geimpften, und fast durchweg nicht 
revaccinirten Rekruten zusammensetzten. War die erfolgreiche 
Kevaccination einSchutz gegen die Blattern, so konnte dieKrank- 
heit im Deutschen Heere nur eine geringe Verbreitung finden, 
entsprechend der verhältnissmässig kleinen Zahl von unge- 
impften, gar nicht oder ohne Erfolg revaccinirten Mannschaften. 
Die Armee verliess bei Beginn des Krieges fast blattern- 
frei das Deutsche Gebiet. Die Gesammtzahl der Erkrankungs- 
fälle im Juli betrug 7. Nach dem Einmarsch in Frankreich 
trat die Krankheit häufiger auf; im Januar und Februar 1871 
waren die Zugänge am zahlreichsten. Dann nahm die Zahl 
der Kranken wieder ab. Auf die einzelnen Monate verth eilen 
sich die Erkrankungen in nachstehender AVeise: 



Monat 

1870 


Erkrankt 


%oo der 
Kopfstärke 


Monat 
1871 


Erkrankt 


%oo der 
Kopfstärki 


Juli 


< 


0,24 


Januar 


1099 


12,02 


August 


22 


0,28 


Februar 


1002 


10,69 


September 


95 


1,17 


März 


748 


8,08 


Oktober 


152 


1,81 


April 


537 


8,52 


November 


226 


2,73 


Mai 


261 


4,14 


Dezember 


562 


6,68 


Juni 


124 


1,97 



Hiernach waren im ganzen Heere 4835 Mannschaften, 
(1. i. 61,34 °/ooo der Kopfstärke, an Pocken erkrankt, wäh- 
rend in dem in Paris eingeschlossenen Theile der französischen 
Armee allein 7578 Blatternfalle vorkamen. Es starben an 
der Krankheit 278, d. i. 3,53 % 00 der Kopfstärke und 
5.75 pCt. der Kranken, fast ein halbes Hundert weniger als 
in der französischen Besatzung der einzelnen kleinen Festung 
Langres. Ausserdem waren noch 156 (62,4 % o) Offiziere, 
Aerzte und Beamte erkrankt, von denen 19 (7,6 °/ 00 o) star- 
ben, so dass der gesammte Blattern Zugang des Deutschen 
Heeres 4991 und der Blatternverlust 297 betrug. 

Die Kleinheit dieser Zahlen im Vergleich mit den bereits 
erwähnten Ziffern aus der französischen Armee und den Civil- 
bevölkerungen der meisten Länder spricht so überzeugend 
für den Nutzen der Kevaccination, dass es einer Zurück- 
;ung der Versuche, die Pockenverhältnisse im Meere für 
impfgegnerische Zwecke zu verwerthen, kaum bedarf. Wenn 
namentlich Vogt, dem sieb später Oidtmann und andere 
angeschlossen haben, beweisen wollte, dass die Armee schwe- 
rer unier den Pocken gelitten habe, als die gleichalterige 



Letzte Blatternpandemie and ihre Folgen in der Gesetzgebung. 317 

männliche Civilbevölkerung Berlins, so ist er zu dieser Fol- 
gerung mit Hülfe einer durchaus fehlerhaften Berechnung ge- 
langt. Er legte nämlich für die Armee sowohl wie \"\\r Berlin 
die Sterblichkeit in den Monaten August 1870 bis Februar 

1871 zu Grunde, während die Epidemie in Berlin erst im 
Dezember 1870 begann und noch im Februar 1871 einen nur 
geringen Umfang zeigte (81 Todesfälle), ihren Höhepunkt aber 
erst im Juni 1871 (646 Todesfälle) erreichte und dann noch 
viele weitere Monate lang verheerend auftrat. Dabei erhielt 
Vogt für die erwachsene männliche Civilbevölkerung natür- 
lich eine geringe, für die Armee eine hohe Sterblichkeit. 
Setzt man die von Vogt selbst nach Glittst ad t citirten 
Berliner Zahlen der Epidemieraonate vom Januar 1871 bis Juli 

1872 in Vergleich zur Sterblichkeit der Armee in Frankreich, 
so ergiebt sich, dass in Berlin 1591 von 303648 Lebenden 
der männlichen Civilbevölkerung an Pocken starben, d.i. 52 von 
10000, während in der Armee nur 3,5 von 10000 Mannschaften 
der Seuche erlagen. Ermässigt man die erstere Zahl mit Rück- 
sicht darauf, dass sie die Sterblichkeit von 19, die Armeeziffer 
dagegen die Mortalität von nur 12 Monaten wiedergiebt, auf 
12 /io> s0 ist der Verlust beim Civil immer noch fast um 
das 10 fache höher als in der Armee. Die Altersklasse von 
20 — 30 Jahren, welche im Heere überwiegend vertreten war, 
hatte in der männlichen Berliner Civilbevölkerung nach Glitt- 
st ad t 's Zahlen in den 19 Epidemiemonaten eine Sterblich- 
keit von 32 auf 10000, also auf ein Jahr berechnet von 20, 
mithin 5,7 mal mehr Todesfälle als die Armee. 

Ein weiterer Einwand Vogt's stützt sich auf die That- 
sache, dass die Pockensterblichkeit in den einzelnen Theilen 
der Armee verschieden gross war. Letzteres kann an und 
für sich nicht Wunder nehmen, da die Verbreitung der Krank- 
heit von der Gelegenheit zur Infektion abhing und diese nicht 
überall auf dem Kriegsschauplatz gleich gross war. Nach dem 
amtlichen Sanitätsbericht über die Deutschen Heere im Kriege 
gegen Frankreich blieben Belagerungstruppen mit periodischer 
oder dauernder Isolirung in Vorpostenstellungen, Biwaks, ver- 
lassenen Ortschaften, sowie Truppen in ständigen Quartieren 
auch in Seuchengebieten relativ blatternfrei, weil der Schutz 
gegen die Ansteckung und die Entfernung erkrankter Mann- 
schaften verhältnissmässig leicht erreicht wurde. Mussten 
aber dieselben Truppen bei Erfüllung anderer Aufgaben oft 
die Quartiere wechseln, ohne dass dabei etwaige Ansteckung- 



318 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

quellen berücksichtigt werden konnten, so stellten sich die 
Pocken häufiger ein. Daher hatten die Armeen, welche mit 
der Loire-Armee und mit Bourbaki's Trappen im Südwesten 
und Südosten Frankreichs kämpften, Erkrankungsziffern von 
7 — 8, die kaum geringeren Strapazen ausgesetzte Belagerungs- 
armee vor Metz dagegen von weniger als 0,5 pM. Kopfstärke. 

Irrthümlich ist Vogt 's Annahme, dass die Offiziere we- 
niger an den Pocken zu leiden hatten, als die Mannschaften. 
Die richtigen, dem amtlichen Berichte entnommenen Zahlen 
wurden bereits angeführt (S. 316) und widerlegen die Schiuss- 
folgerungen Yogt's und Oidtmann's, welche die günstigeren 
Lebensbedingungen der Offiziere als Ursache der vermeint- 
lichen geringeren Erkrankungs- und Sterbeziffer derselben be- 
trachten. Es ist nicht ohne Interesse, dass die Offiziere von 
Vogt als ebenso gut revaccinirt wie die Mannschaften, von 
Oidtmann dagegen in fettem Druck als nicht revaccinirt 
bezeichnet werden-. In Wirklichkeit dürfte Vogt Recht haben, 
da in der Deutschen Armee der Offizier wie jeder Soldat als 
Rekrut eintritt und daher auch der Impfung unterliegt; in- 
dessen lag bei vielen Offizieren naturgemäss der Eintritt in 
das Heer und daher auch ihre Revaccination zeitlich weiter 
zurück als bei den meisten Mannschaften. 

Vielfach ist auf die Verschiedenheiten in den Pocken- 
et'krankungsziffern und Pockenverlusten der einzelnen Kon- 
tingente hingewiesen worden, welche in der nachstehenden 
Uebersicht kenntlich gemacht sind: 

Kopf- Pocken - 
Kontingent .,■■ A . erkran- 



stiike 



Kunden 



Vreussische Armee 590262 2746 

Sächsisches Kontingent 42355 262 

Hessisches Kontingent 15193 314 

Bayerische Armee 91965 1128 

Württemberg. Kontingen I 2f>4<S.'l '.'7 

Hadisrlios Kontin»-ont 21955 288 



0/ 

/ooo 
' der 


Pocken- 


0/ 

/ooo 
der 


Kopf- 
stärke 
46,52 


todes fälle 
146 


Kopf- 
stärke 

2,47 


61.86 


29 


6,85 


206.67 


34 


22,38 


122,66 


56 


6,09 


36,63 


4 


0,38 


L34,18 


12 


5,47 



Deutsche \rmee (ohne 

Officiere) 788213 4835 61,34 278 3,53 

Die vorstehenden Zahlen zeigen u.a., wie die Bayerische 
Armee weil mehr Erkrankungen hatte als das Sächsische Kon- 
tingent. Der Lmpfzustand des letzteren war weniger gul als 
bei den Bayern, weil im Sächsischen Armeekorps die Re- 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 319 

vaccination erst seil 1868 und L869 durchgeführt, also viele 
nicht revaecinirte Männschaften unter den alleren Jahrgängen 

vorhanden waren. Bei den Bayern traten indessen im Januar 
zahlreiche nicht revaecinirte Ersatzmannschaften ein. Ferner 
war das I. Bayerische Armeekorps in den Kämpfen an der 
Loire der Blatterninfektion stark ausgesetzt; es brachte die 
Seuche von dort Ende Dezember nach Paris mit und inficirte 
das II. Armeekorps, hinter welchem es in der Belagerungs- 
linie Stellung nahm. Die Sachsen waren dauernd vor Paris 
geblieben und nach Art ihres Standortes der Infektion wenig 
ausgesetzt. Dass sie jedoch im Allgemeinen eine geringere 
"Widerstandskraft gegen die Blattern besassen als die Bayern, 
zeigte sich an der Sterblichkeit; trotz der im Verhältniss 
doppelt so grossen Zahl von Erkrankungen hatten die Bayern, 
auf 10000 Mann der Kopfstärke berechnet, weniger Pocken- 
todesfälle als die Sachsen. Dem Impfzustand der letzteren 
entsprach der der 25. (Hessischen) Division; aber die Hessen 
fochten mit den Bayern gemeinsam an der Loire, waren dort 
in gleichem Grade wie diese der Infektion ausgesetzt und 
verblieben auf dem südwestlichen Kriegsschauplatze, auch als 
die Bayern nach Paris abgezogen waren. Hierdurch erklärt 
es sich, dass die hessischen Truppen bei weitem den höchsten 
Zugang und die meisten Todesfälle gehabt haben. Der Unter- 
schied zwischen ihren Verlusten und denen der mit ihnen auf 
gleichem Kriegsschauplatz vereinten und der gleichen Gefahr 
ausgesetzten, aber besser durchgeimpften bayerischen und 
preussischen Truppen ist nicht, wie Vogt und Oidtmann 
meinen, ein Beweis gegen, sondern ein glänzendes Zeugniss 
für die Impfung. 

Auf Vogt's Vergleiche zwischen den Verlusten des I. Bayerischen 
Armeekorps und der bayerischen Civilbevölkerung soll hier nicht einge- 
gangen werden, weil dabei unrichtige Zahlen zu Grande gelegt sind. 
Vogt behauptet, dass jenes Armeekorps in der Zeit vom 10. Januar bis 
31. Mai 1871 45 Pockentodte gehabt habe, während die Zahl nach dem 
amtlichen Sanitätsbericht sich während des ganzen Krieges nur auf 
30 -belaufen hat. 

In der Preussischen Armee hatte das VII. (Westfälische 
Armeekorps mit 282 (97,38 °/ 000 Kopfstärke) Erkrankungen 
und 21 (7,25 °/ 000 ) Todesfällen die höchsten Verluste: als 
Ursache ist die Gelegenheil zur Infektion bei der Begleituni: der 
Kriegsgefangenen von Metz und bei den anstrengenden .Märschen 



320 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

auf dem von Pockenepidemien stark heimgesuchten südöst- 
lichen Kriegsschauplatz anzusehen. Abgesehen vom IX. Armee- 
korps, welchem die erwähnte hessische Division angehörte, 
wurde in keinem anderen preussischen Armeekorps eine 
Blatternmortalität von 5 °/ 000 erreicht. Die Badische Feld- 
division bewegte sich bei den Kämpfen um Beifort und gegen 
Bourbaki's Truppen in einem stark verseuchten Gebiete und 
war auch später nach der Rückkehr in die Heimath der In- 
fektion vielfach ausgesetzt. 

Unter den in der Heimath zurückgebliebenen immobilen 
Truppen war die Verbreitung der Blattern überall grösser 
als in der Feldarmee. Die Zahlen sind aus der folgenden 
Tabelle ersichtlich : 

Pockenerlcrankungen 
absolut %ooo c ' er Kopfstärke - 1 ) 

mobile immobile mobile immobile 

Truppen Truppen Truppen Truppen 

Preussen 2746 1703 46,52 71,54 

Bayern 1128 1183 122,66 341,57 

Sachsen 262 506 61,86 287,04 

Württemberg . . . 97 80 36,63 79,0 

Pockentodesfälle 

absolut %ooo der Kopfstärke 

mobile immobile mobile immobile 

Truppen Truppen Truppen Truppen 

Preussen 146 92 2,47 3,87 

Bayern 56 39 6,09 11,26 

Sachsen 29 30 6,85 17,02 

Württemberg ... 1 1 0,38 0,98 

Die stärkere Betheiligung der immobilen Truppen an der 
Pockenepidemie kann nicht durch die hygienische Lage er- 
klärt werden. Sie konnten, so schreibt der amtliche Bericht, 
alle Maassregeln zur Isolirung des Kontagiums treffen, wäh- 
rend die Mannschaften im Felde mitten in die Seuchenherde 
liineingeführi und der Ansteckungsgefahr ausgesetzt werden 
mussten, Dicht vereinzelt, sondern in grossen Massen. Die 
unterstützende Eilfe der civilen Sanitätspolizei in Deutsch- 
land, welche ihre Sorgt; auf Ermittelung und Absperrung der 

l Dil Kopfstärke der immobilen Truppen betrug in Preussen 
040, im Bayern 34634, in Sachsen 17628 und in Württemberg 10122. 



Letzte Blatternpandemie and ihre Folgen in dei! Gesetzgebung'. 321 

Klanken richtete, fiel in Feindesland vollkommen fort, wo 
in der Civil Bevölkerung der Verkehr zwischen Gesunden und 
Kranken nicht nur unbehindert, sondern bei der Indolenz der 
Landesbewohner ein anerkannt reger blieb. Wenn die Seuche 
dennoch den Feldtruppcn weniger Schaden that, als ihren 
Kameraden in der Heimath, so wird dies nur durch den 
verschiedenen Impfzustand beider Theile verständlich. 

Während die Feldarmee, wie wir sahen, in ihrem über- 
wiegenden Theile gut geschützt war, setzten sich die immo- 
bilen Truppen hauptsächlich aus Landwehrleuten der ältesten 
Jahrgänge, deren Revaccination schon vor längerer Zeit statt- 
gefunden hatte, und aus .jungen Ersatzmannschaften zusam- 
men, bei denen die vom Ministerium angeordnete Impfung 
infolge der bereits erwähnten Verzögerungen vielfach ver- 
spätet vorgenommen war. „Zwischen Einstellung und Re- 
vaccination", sagt der amtliche Bericht, „befand sich stets 
eine in ihrer Dauer von den jeweiligen lokalen Verhältnissen 
abhängige schutzlose Angriffszeit, welche die Seuche sich oft 
genug nutzbar machte." 

Immerhin hatte die Revaccination der älteren und die, 
wenngleich erst allmählich, so doch schliesslich allgemein 
durchgeführte Impfung der jungen immobilen Mannschaften 
den Erfolg, dass auch unter diesen der Seuche gewisse 
Schranken gesetzt wurden. Die Pocken erreichten in der 
immobilen Armee nach Ausweis der früher erwähnten Zah- 
len eine weit geringere Ausdehnung und Verderblichkeit wie 
in der Civilbevölkerung, deren entsprechende Altersklassen 
meist nicht revaccinirt, zum Theil überhaupt niemals geimpft 
waren, und wie bei den Kriegsgefangenen, welche zum Theil 
gleich in den ersten Tagen nach ihrem Eintreffen erkrankten 
und im übrigen länger als die immobilen deutschen Truppen 
der Revaccination entbehrten, weil die Zahl der Impfbedürf- 
tigen unter ihnen grösser war, und die Durchführung der an- 
geordneten Impfung sich daher weniger schnell vollzog. So 
erkrankten, auf 10000 der Kopfstärke berechnet, in Preussen 
unter den Kriegsgefangenen 383,82, von den immobilen 
Truppen 71,54, in Bayern von jenen 400,92, von diesen 
341,57, in Württemberg von jenen 300,97, von diesen 79,0. 
Es starben in Preussen von den Kriegsgefangenen 57,17, 
von den immobilen Truppen 3,87, in Bayern von jenen 48,90, 
von diesen 11,26, in Württemberg von jenen 21,61, von 

Kühler. Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. 91 



3*22 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

diesen 0,98. In Sachsen, wo die Militärimpfung, wie er- 
wähnt, erst seit kurzer Zeit eingeführt und die Landwehr 
daher beim Beginn des Krieges nicht revaccinirt war, er- 
gaben sich derartige Verschiedenheiten nicht; denn die dort 
untergebrachten Kriegsgefangenen hatten 242,33 Erkrankungen 
und 17,59 Todesfälle, während die Zahlen bei den immobilen 
sächsischen Truppen sich auf 287, OL und 17,02 beliefen. 

Leider sind Aufzeichnungen über den Impfzustand 
sämmtlicher thatsächlich an den Pocken erkrankten Ange- 
hörigen der Armee nicht vorhanden. Indessen hat der amt- 
liche Bericht nach den Angaben, welche aus Lazarethen. des 
Garde-, I. bis XL, XIIL, XIV. und der beiden Bayerischen 
Armeekorps vorliegen, eine Statistik über den Impfzustand 
von 1005 Kranken, also etwa von dem 5. Theil der Gesammt- 
heit zusammengestellt. Darunter waren 

4 nicht oder ohne Erfolg, geimpft und nicht wiedergeimpft mit 

• 1 Todesfall, 
531 nicht wiedergeimpft mit 46 Todesfällen, 
224 ohne Erfolg wiedergeimpft mit 10 Todesfällen, 

7 mit ungewissem Erfolg wiedergeimpft, 
130 als wiedergeimpft bezeichnet ohne Angabe des Erfolges mit 

1 Todesfall. 
109 erfolgreich wiedergeimpft mit 2 Todesfällen. 

Es waren also rund 80 pCt. nicht oder ohne Erfolg und 
20 pCt. mit Erfolg revaccinirt. Unter den Kranken der 
ersteren Gattung kam 1 Todesfall auf 13, unter denen 
der zweiten Art starb von 50 nur 1. Dabei ist für den 
einen der beiden Verstorbenen, welche mit Erfolg revacci- 
nirt waren, mitgetheilt, dass seit der Wiederimpfung mehr als 
5 Jahre verstrichen waren, für den anderen fehlt eine Angabe 
über die Zeit, zu welcher die Revaccination stattgefunden hatte. 
Jedenfalls sind unter 60 Todesfällen, d. i. fast dem vierten 
Theile der Sterbefälle der gesammten mobilen Armee, nur 2 
bei erfolgreich revaccinirten, dagegen 57 bei nachweislich gar 
nichl oder ohne Erfolg wiedergeimpften Personen vorgekom- 
men. Wi-gegcnwärligt man sich, wie klein die Zahl der den 
letztbezeichneten trapfklassen angehörenden und wie bedeutend 
grösser die Zahl der durch die gelungene Wiederimpfung ge- 
schützten Mannschaften im Heere war, so rauss jeder Zweifel 
darüber fortfallen, dass der Deutschen Armee in der Re- 

cination ein Vertheidigungsraitte] von unschätz- 



Letzte Blatternpaudemic und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 323 

barem Werthe gegeben war, und dass Kaiser Wilhelm, 
als er als Prinz von Preussen im Jahre 1833 die 
[mpfung in seinem Armeekorps anordnete und da 
durch den Anlass zu ihrer allgemeinen Einführung 
gab, die Kriegstüchtigkeit der Armee, deren Förde- 
rung er sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, dem 
Gegner gegenüber in einem wesentlichen Punkte er- 
heblich gestärkt hatte. War die Epidemie für Frank- 
reich, ihren Ausgangspunkt, verderblich, so stand die Deutsche 
Armee, wie der amtliche Sanitätsbericht schreibt, „mitten in dem 
Seuchenherde, nur wenig berührt von der ringsum wüthenden 
Krankheit, wehrhaft auch diesem Feinde gegenüber, welchem 
das Heimathland leider ebenso wie Frankreich und dessen Heer 
unterlag." Den Regierungen aber war durch das Verschont- 
bleiben der revaccinirten deutschen Truppen der Weg gezeigt, 
welchen sie betreten mussten, wenn sie den ernsten Willen 
besassen, ihre Völker von nun an vor der Seuche zu 
schützen. 

Leider wurde dieser Weg, soweit die gesetzliche Ein- 
führung der Wiederimpfung in Betracht kam, in den mei- 
sten europäischen Ländern zunächst nicht beschritten. Die bri- 
tischen und skandinavischen Königreiche Hessen sich an den 
bestehenden Gesetzen, welche die Erstimpfung vorschrieben, 
genügen. In Frankreich, Belgien, den südeuropäischen 
Ländern und Oesterreich-Ungarn, wo die Seuche am furcht- 
barsten gehaust hatte, blieb die Impfung der Kinder nach 
wie vor dem Ermessen der Eltern mehr oder weniger frei 
überlassen. Dagegen wurde in den Niederlanden wenigstens 
ein Versuch gemacht, der Blatternsterblichkeit für die Zu- 
kunft durch Verbreitung der Impfung vorzubeugen. Ein dort 
am 4. Dezember 1872 erlassenes Impfgesetz bestimmte ähn- 
lich den in Dänemark bestehenden Vorschriften, dass Lehrer, 
Lehrerinnen und Schüler bei Geldstrafe von 5 bis 25 F. zur 
Schule nicht zugelassen werden dürften, wenn sie sich nicht' 
durch ärztliches Zeugniss über eine erfolgreiche oder wieder- 
holte Impfung oder eine überstandene Blatternerkrankung 
ausweisen könnten. Auch wurde durch das Gesetz der Be- 
völkerung Gelegenheit zur unentgeltlichen Impfung gewährt. 
Für eine vollkommene Durchimpfung des Volkes reichte das 
Gesetz jedoch nicht aus; denn in den Niederlanden bestand kein 
Schulzwang, und auch die eingeschulten Kinder wurden nach 
jenen Vorschriften vielfach erst kurz vor dem Eintritt in die 

21* 



324: Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

Schulen geimpft, so dass in den jüngsten Altersklassen viele 
Kinder ungeschützt blieben. 

Indessen fanden die ernsten Lehren der grossen 
Epidemie doch an einer Stelle in Europa Verstand - 
niss und Beherzigung, nämlich bei dem Bundesrath 
und der Volksvertretung des neu geeinten Deutschen 
Reichs. 

Der Reichstag des Norddeutschen Bundes hatte schon 
früher durch Beschluss vom 6. April 1870 beim Bundeskanzler 
statistische Erhebungen über den Nutzen der Impfung an- 
geregt. Am 22. März 1872 überwies der neue Deutsche 
Reichstag dem Reichskanzler einen durch Petition des Ver- 
eins für wissenschaftliche Heilkunde in Königsberg einge- 
reichten Entwurf eines Impfgesetzes als Material für die Ge- 
setzgebung. Nachdem inzwischen auch die deutschen Lebens- 
versicherungsgesellschaften in einer Petition die Einführung 
der Zwangsimpfung beim Reichstage befürwortet hatten, folgte 
am 23. April 1873 der Beschluss, den Reichskanzler zu 
ersuchen, „für die baldige einheitliche gesetzliche Regelung 
des Impfwesens für das Deutsche Reich auf Grundlage des 
Vaccinations- und Revaccinationszwanges Sorge zu 
tragen." Die hierauf befragten Bundesregierungen sprachen 
sich fast sämmtlieh für die einheitliche Regelung des Impf- 
wesens aus; von der Preussischen wissenschaftlichen 
Deputation für das Medizinalwesen wurden in den 
Jahren 1872 und 1873 zwei Gutachten erstattet, welche der 
Regierung einige Anhaltspunkte für den Inhalt der zu er- 
lassenden Vorschriften lieferten und zu folgenden Sätzen zu- 
sammengefasst wurden: 

.,1. Die Sterblichkeit hat bei der Blatternkrankheit seit 
Einführung der Impfung bedeutend abgenommen; 

2. die Impfung gewährt für eine gewisse Reihe von 
Jahren einen möglichst grossen Schulz gegen diese 
Krankheil ; 

3. die wiederholte [mpfung tilgt ebenso sicher für eine 
längere /eil die wiederkehrende Empfänglichkeil 
für die Krankheil und gewähr! einen immer grösseren 
Schutz gegen deren tödtlichen Ausgang; 

I. es liegl keine verbürgte Thatsache vor, welche für 
einen nachtheiligen Einfluss <\fi Impfung auf die Ge- 
sundheil der Menschen spricht." 



Letzte Blatternpandemie and ihre Folgen in der Gesetzgebung. 325 

Namentlich mil Bezug auf den Letzten dieser 4 Sätze ist 
später von impfgegneriseher Seite der Vorwurf erhoben worden, 
dass der Reichstag durch jenes Gutachten irregeführt -worden 
sei. Dies trifft nicht zu. Das Gutachten hat vielmehr die 
Möglichkeit der Uebertragung von Krankheiten, namentlich 
der Syphilis, durch die Impfung, welche damals fast allge- 
mein mit Menschenlymphe von Arm zu Arm vorgenommen 
wurde, hervorgehoben. Die Schlussfolgerung gewinnt ein 
anderes Licht, wenn man die beiden folgenden Sätze aus 
einer vorausgehenden Steile des Gutachtens berücksichtigt: 
.^Niemals kann aber die Kuhpockenimpfung, insofern sie- 
nämlich reine Kuhpockenimpfung ist, das Mittel zur 
Uebertragung einer Krankheit abgeben" und „die durch die 
Vaccination erzeugte künstliche Krankheit lässt an und für 
sich keine bemerkenswerthen Erscheinungen zurück." Diesen 
Sätzen, welche genau im Einklang mit der schon von 
Jenner begründeten Lehre stehen, ist auch jetzt noch zuzu- 
stimmen. 

Am 5. Februar 1874 legte der Reichskanzler Fürst 
Bismarck dem Reichstag den „Entwurf eines Gesetzes 
über den Impfzwang, nebst Motiven, wie solche 
vom Bundesrath beschlossen wurden" zur verfassungs- 
mässigen Beschlussnahme vor. Der Entwurf verfolgte 3 
Ziele, 1. den Schutz aller Kinder durch die Erstimpfung, 
2. den Schutz aller Schulkinder im zwölften Lebensjahre 
durch die Wiederimpfung, 3. den Schutz besonders gefähr- 
deter Thcile oder Gruppen in der Bevölkerung durch all- 
gemeine Impfungen beim Ausbruch der Pocken. Die Militär- 
impfungen sollten durch die Vorschriften des neuen Impf- 
gesetzes unberührt bleiben. 

In den Berathungen, welche am 18. Februar begannen, 
fehlte es nicht an lebhafter Opposition, als deren Vertreter 
namentlich die Abgeordneten Reimer und Reichensperger 
das Wort nahmen. Sic beriefen sich insbesondere auf die 
vermeintlichen Gcsundheitsgefahreu der Impfung und u. a. 
auch auf die Ivel ler 'sehe Statistik (vgl. S. 305); ihre 
Argumente wurden jedoch durch die vortrefflichen sach- 
lichen Ausführungen der Aerzte Zinn und Löwe widerlegt. 
Namentlich machte Zinn durch die Würde seiner Haltung, 
den Ernst seiner Ueberzeugung und die Beweiskraft seiner 
Mittheilungen einen tiefen Eindruck auf die Mitglieder des 
Hauses. Nach seiner Rede, welcher nur eine kurze Aus- 



326 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

führung des Bayerischen Bundesbevollmächtigten v. Riedel 
folgte, wurde der erste Paragraph des neuen Gesetzes, 
welcher die Pflicht zur Impfung und Wiederimpfung vor- 
schreibt, am 6. März 1874 mit 183 gegen 119 Stimmen an- 

Abbildune 11. 



..v^r 




August Zinn. 



genommen und dadurch den ersten beiden Zielen des Ent- 
wurfes im Prinzip zugestimmt. Dagegen gelang es nicht, 
das dritte Ziel vollkommen zu erreichen. £ 11 des Entwurfs, 
in welchem die Zulässigkeil der Anwendung allgemeiner 
Impfungen beim Ausbruch der Pocken vorgesehen war. 
wurde in der zweiten Lesung mii 1">1 gegen 138 Stimmen an- 
genommen, in der dritten dagegen mil 1 1 1 gegen 140 Stimmen 



Letzte Blatternpandemie and ihre Folgen in der Gesetzgebung. 327 

verworfen. Immerhin vermochte clor Abgeordnete Löwe mit 
Intel-Stützung des Abgeordneten Laskcr die Mehrheil des 
Hauses (160 gegen 122 Stimmen) für einen Gesetzpara- 
graphen (§ 17 des Gesetzes) zu gewinnen, nach welchem die 
in den einzelnen Bundestaaten bereits bestehenden Bestim- 
mungen über Zwangsimpfungen beim Ausbruch einer Pocken- 
epidemic durch das Gesetz nicht berührt werden sollten. 
Da es solche Bestimmungen in 10 preussischen Provinzen, 
ferner in Württemberg, Baden, Hessen, beiden Mecklenburg. 
Sachsen-Weimar, Sachsen-Coburg-Gotha, Anhalt, Reuss jün- 
gerer Linie, Schaumburg Lippe, Lippe, Hamburg und ElsaSs- 
Lothringen schon vor dem Jahre 1874 gab, war nur in einem 
kleinen Theile des Reichs die Möglichkeit benommen, im 
Falle dringender Gefahr den Schutz der Bevölkerung durch 
besondere Impfungen zu erhöhen. 

Das neue Gesetz, welches nach dem Antrage des Ab- 
geordneten Löwe an Stelle der Bezeichnung des Entwurfs 
„Gesetz über den Impfzwang" die Ueberschrift „Impfgesetz" 
erhielt, wurde am 16. März 1874 angenommen und er- 
langte am 8. April 1874 die Kaiserliche Sanktion. Nach 
seinen Vorschriften ist im Deutchen Reich 

1. jedes Kind vor dem Ablaufe des auf sein Geburts- 
jahr folgenden Kalenderjahres, sofern es nicht die 
natürlichen Blattern überstanden hat, 

2. jedes Schulkind innerhalb des zwölften Lebensjahres, 
sofern es nicht in den vorausgegangenen 5 Jahren 
die Blattern überstanden hat oder mit Erfolg geimpft 
worden ist, 

der Impfung mit Schutzpocken zu unterziehen. In der Zeit 
vom 6. bis 8. Tag nach der Impfung sind die Kinder dem 
Impfarzt zur Feststellung des Erfolges vorzustellen. Ist die 
Impfung erfolglos geblieben, so muss sie spätestens im fol- 
genden, und, falls sie dann wieder erfolglos ausfällt, nochmals 
im dritten Jahre wiederholt werden. 

Von der Irapfpflicht sind solche Kinder befreit, welche 
nach ärztlichem Zeugniss ohne Gefahr für Leben oder Ge- 
sundheit nicht geimpft w r erden können; doch soll bei län- 
gerer Dauer eines solchen Zustandes der öffentlicbe Impf- 
arzt in zweifelhaften Fällen entscheiden, ob die Impfung 
unterbleiben kann oder vollzogen werden muss. 

Oeffenlliche Impfärzte werden in allen Bundesstaaten 



3"28 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

für bestimmte Bezirke des Landes bestellt. Sie nehmen all- 
jährlich im Sommer an vorher bekannt zu machenden Orten 
die Impfungen unentgeltlich vor. Der Impfstoffbedarf wird 
ihnen aus Impfinstituten geliefert, die in angemessener Zahl 
nach Fürsorge der Landesregierungen einzurichten sind. Zur 
Vornahme von Impfungen sind ausschliesslich Aerzte berech- 
tigt. Personen, welche unbefugt Impfungen vornehmen, 
werden mit Geld- oder Haftstrafen belegt. 

Zur Kontrole der Impfungen werden in den Impfbezirken 
Listen der Impfpflichtigen geführt, in welche seitens der 
Impfärzte Vermerke über den Vollzug und den Erfolg der 
Impfungen aufzunehmen sind. Den Geimpften werden Impf- 
scheine ausgehändigt. 

Die Versäumniss der Impfpflicht wird insofern bestraft, 
als Eltern, Pflegeeitern und Vormünder, welche dem amt- 
lichen Erfordern, den Nachweis der erfolgten oder aus ge- 
setzlichen Gründen unterbliebenen Impfung ihrer Kinder u. s.w. 
zu führen, nicht nachkommen, mit einer Geldstrafe bis zu 
20 Mark belegt werden. Strengere Geldstrafen bis zu 50 Mark 
oder Stägiger Haft sind über solche Eltern u. s. w. zu ver- 
hängen, welche ihre Kinder trotz amtlicher Aufforderung der 
Impfung oder der Nachschau ohne gesetzlichen Grund ent- 
ziehen. Die letztere Bestimmung ist von den Gerichten nahezu 
einhellig dahin ausgelegt worden, dass die Aufforderung an 
säumige Eltern und deren Bestrafung so lange wiederholt 
werden kann, bis der Nachweis der vollzogenen Impfung er- 
bracht ist. 

Die angeführten, Vorschriften bildeten den wesentlichsten 
Inhalt des Gesetzes, dessen Wortlaut im Anhang dieses Buches 
mitgetheilt ist. Es gewährleistete die Durchimpfung der Bevöl- 
kerung in einer vorher nicht erreichten Vollkommenheit; aber 
dennoch konnten Zweifel bestehen, ob damit die Wiederkehr von 
Blatternepidemien endgültig vermieden werden würde. Denn 
da die Dauer des Impfschutzes begrenzt war — auf rund ein 
Jahrzehnt, wie die gesetzgebenden Körperschaften annahmen — 
schienen Hie Erwachsenen, deren letzte Impfung um eine 
solche Zeit oder noch langer zurücklag, auch weiterhin der 
Gefahr preisgegeben. Freilich wusste man, dass ein Theil 
(\rv Geimpften und ein grösserer Theil der Wiedergeimpften 
den Pocken länger als 1" Jahre widerstanden halte. Die 
Ausbreitung der Seuche schien ferner wesentlich erschwert, 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. .">'_". ! 

die Gefahr der Ansteckung für die Personen mit vermindertem 
[•mpfschutz erheblich vermindert, wenn ein grosser Theil der 
Bevölkerung, die gesummten kindlichen und jugendlichen 
Jahrgänge, überdies die Militärpersonen und die jüngeren 
Reservisten annähernd vollkommen geschützt waren. In 
welchem Umfange dieser Schutz erreicht werden würde, hing 
von der Ausführung des Gesetzes ab. Ob er wirklich ein- 
trat und ob er dann genügte, um mittelbar auch der übrigen 
Bevölkerung zum Vortheil zu gereichen und die Entstehung- 
neuer Epidemien zu verhindern, musste sich noch zeigen. Die 
Reichsgesetzgebung hatte im Vertrauen auf die Ergebnisse 
wissenschaftlicher Forschung einen Versuch im Grossen unter- 
nommen. Die Sachverständigen, welche dazu riethen, waren 
von der Festigkeit der von ihnen gegebenen Grundlagen über- 
zeugt. Den Beweis dafür, dass sie darin nicht irrten, hat 
die Erfahrung in den folgenden Jahrzehnten geliefert. 



Litter atur. 

Colin, La Variole au point de vue epidemiologique et prophylactique. 
Paris 1873. 

Bohn, Handbuch der Vaccination. Leipzig- 1875. 

Seaton, Report to the local government board ort the recent epidemic 
of smallpox in the united kingdom in its relation to vaccination 
and the vaccination laws. London 1875. 

Lotz, Erfahrungen über Variola. Correspondenzblatt für Schweizer 
A.erzte. 1894. No. 20 u. 21. 

Brunner, Die Pocken im Kanton Zürich. Statistische und klinische 
Bearbeitung der Epidemie von 1870 — 72. Inaugural-Dissertation, 
vorgelegt der hohen medizinischen Fakultät der Universität Zürich. 
Zürich 1873. 

Vogt, Der alte und der neue Impfglaube. Bern 1881. 

Meissner. Zur Geschichte und Statistik der Menschenblattern (Variola) 
und der Sctrutzpockenimpfung imGrossherzogthum Hessen. Darm- 
stadt 1888. 



330 Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 

•Lievin, Die Pockenepidemie im Jahre 1871/72 in Danzig. Deutsche 
Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege. Bd.V. S. 366. 

Siegel, Die Pockenepidemie des Jahres 1871 im Umkreise von Leipzig. 
Wagner's Archiv der Heilkunde. 14. Jahrgang. Leipzig. 1873. 
S. 125. 

Wunderlich, Mittheilungen über die gegenwärtige Pockenepidemie in 
Leipzig. Der Verlauf der Epidemie im Städtischen Krankenhaus. 
Wagner's Archiv der Heilkunde. 13. Jahrgang. Leipzig. 1872. 
S. 97. 

Thomas. Beiträge zur Pockenstatistik, insbesondere der Leipziger 
Epidemie von 1871. Wagner's Archiv der Heilkunde. 13. Jahr- 
gang. Leipzig 1872. S. 167. 

Flinzer, Die Blatternepidemie in Chemnitz und Umgegend in den 
Jahren 1870 und 1871. Mittheilungen des statistischen Bureaus 
der Stadt Chemnitz. Erstes Heft. Chemnitz 1873. 

v. Pastau, Beiträge zur Pocken-Statistik nach den Erfahrungen aus 
der Pocken-Epidemie 1871/72 in Breslau. Deutsches Archiv für 
klinische Medizin von Ziemssen und v. Zenker. 12. Band. Leipzig 
1874. S. 112. 

Böing, Thatsachen zur Pocken- und Impffrage. Eine statistisch-ätio- 
logisch-kritische Studie. Leipzig 1882. 

Müller, Die Pockenepidemie zu Berlin im Jahre 1871. Vierteljahrs- 
schrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen. 
Berlin 1872. S. 314. 

Congres periodique international des sciences medicales. 3. session. 
Vienne 1873. Compte rendu resumc. Brüssel und Paris 1876. 

Pistor, General-Bericht über das öffentliche Gesundheitswesen im 
Regierungs-BezirkOppeln für die Jahre 1871 bis 1873. Oppeln 1876. 

Keller, Ergebnisse der Blatternepidemie in den Jahren 1872, 187:; 
und 1874 bei den Bediensteten der k. k. priv. österr. Staatseisen- 
bahn-Gesellschaft. Wiener medizinische Wochenschrift LS7ii. 
No. 33 bis 35. 

Körösi, Die Pockenstatistik der Oesterreichischen Staatsbahngesell- 
schaft. Ein Beitrag zur Vaccinationsstatistik. Vortrag, gehalten 
auf der Wiener Versammlung des Deutschen Naturforschertages. 
Oktober 1<S'.)4. Deutsche Vierteljahrsschrift f. öffentl. Gesundheits- 
pflege. 2b. Band. 3. Heft. Braunschweig 1896. 

De Pokken-Epidemie in Nederland in 1870 — 1873. Uitgevcn Door bei 
Department ran Binnenlandsche Zaken. Te s'Gravenbage L875. 

Post, Mededeelingen over de Pokken-Epidemie te Utrecht 1870 L871. 
i rechl 1871. 



Letzte Blatternpandemie und ihre Folgen in der Gesetzgebung. 331 

Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichs- 
tags. 1874. 2. Legislaturperiode. I. Session. 

Oidtmann, Die Pockenstatistik der Soldaten, verglichen zwischen 
sonst und jetzt, verglichen nach Armeen und nach Ländern unter 
sich und verglichen mit der Pockensterblichlceit der Civilbevölke- 
rung. Leipzig 1883. 

Ausserdem wurden die bereits früher erwähnten amtlichen Berichte des 
Kaiserlichen Gesundheitsamtes zu Berlin, der Medizinal- Abtheilung 
des König!. Preussischen Kriegsministeriums, der englischen Par- 
laments-Kommissionen, der Bericht über die Conference medicale 
de Paris und die Bücher von Klinger, Lotz, Vogt. Böing, 
Guttstadt u. s. w. benutzt. 



Capitel XII. 

Impfling und Pocken in der neuesten Zeit, 



Das deutsche Impfgesetz ist nunmehr seit länger als 
einem Yierteljahrhundert in Kraft; seinen Vorschriften hat 
sich die gesammte im Reiche geborene Bevölkerung bis zu 
29 Jahren, bezüglich der Schulkinderimpfungen auch die 
nächstältere bis zu 39 Jahren bereits unterwerfen müssen. 
In welcher Weise den gesetzlichen Bestimmungen genügt wor- 
den ist, lässt die auf Seite 333 abgedruckte, die Jahre 
1876 bis 1897 umfassende, nach den amtlichen Listen 
aufgestellte Uebersicht erkennen. Die in dieser Uebersicht 
enthaltenen Zahlen zeigen gegenüber den Impfergebnissen 
in anderen Ländern, z. ß. in Schweden 1 ), dass das Deutsche 
Gesetz von Anfang an gewissenhaft ausgeführt worden ist, 
und dass die Zahl der Impfungen, von geringen Schwan- 
kungen abgesehen, bis in die neueste Zeit hinein gleich- 
mässig hoch blieb. Das Verhältniss der Erstimpfungen zu 
den Geburten des Vorjahres ist sogar in den letzten Jahren 
gegen früher noch günstiger geworden; der Ausfall an Wieder- 
impfungen hat sich von Jahr zu Jahr vermindert; die Impf- 
• tImIim' sind befriedigend. Zieht man in Betracht, dass auch 
von den als ungeimpft verblieben aufgeführten Personen viele 
in den folgenden Jahren nachgeimpft zu wei'den pflegen, so 
kann es nicht auffallen, dass man unter den in Deutschland 
geborenen Personen ^\cv ersten 3 — 4 Lebensjahrzehnte nur 
ausnahmsweise jemand findet, der der Erst- und Wieder- 
impfung entgangen ist. 

1 Vergl. S. 245. 



[mpfuüg uml Pooken in der neuesten Zeit. 



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334 Impfung - und Pocken in der neuesten Zeit. 

Diese Erfolge sind ein erfreuliches Zeugniss für die Pflicht- 
treue der Verwaltungsbehörden und für die Einsicht des 
deutschen Volkes; denn seit dem Erlass des Gesetzes hat eine 
unablässig zunehmende gegnerische Agitation keine Mühe 
gescheut, um das Vertrauen in den Nutzen und die Gefahr- 
losigkeit der Impfung zu untergraben und die Bevölkerung 
zum Ungehorsam gegen die vorgeschriebenen Anordnungen zu 
verleiten. 

Vor dem Jahre 1874 waren diese Bestrebungen, wie in 
den früheren Kapiteln erwähnt ist, vornehmlich von Aerzten 
ausgegangen. In Württemberg hatte Nittinger, in Böhmen 
Hamernijk die Impfung angegriffen. Während und nach 
der Epidemie der siebziger Jahre traten neue Gegner, zum 
Theil in angesehener ärztlicher Stellung, auf den Kampfplatz, 
in Oesterreich neben dem bereits erwähnten Chefarzt der 
Staatsbahnen Keller der Sanitätsrath und Krankenhaus- 
direktor Lorin s er und der Primärarzt des Wiedener Kranken- 
hauses Hermann, im Königreich Sachsen der Professor und 
Arzt der gynäkologischen Universitätspoliklinik in Leipzig 
Germann und die Aerzte Berthelen in Zittau und Meyner 
in Chemnitz, in Preussen der Dozent der Gesundheitswirth- 
schaft an der Polytechnischen Schule in Aachen Oidtmann 
und der Chefarzt des städtischen Krankenhauses in Com 
Riegel, der ehemalige russische Staatsrath Walz in Frankfurt 
a.O., später namentlich die Aerzte Böing, Albu, Hübner, 
Crüwell und Spohr, in Württemberg der Arzt Betz, in der 
Schweiz Dr. Stamm in Zürich und besonders der Professor der 
Hygiene und Sanitätsstatistik in Bern Vogt, inRussland derOber- 
arzt des Klein'schen Kinderhospitals in Petersburg Reitz u.m. a. 

Jene Aerzte sind keineswegs alle durch die nämlichen 
Beweggründe bestimmt worden, sich öffentlich alslmpfgegner zu 
bekennen; auf mannigfachen Wegen wandten sie sich der ge- 
meinsamen Strasse zu ; aber ihre ursprünglichen Wahrnehmungen 
oder Erwägungen blieben im Wesentlichen auch für die spätere 
Stellungnahme der Einzelnen ausschlaggebend. So war für Ger- 
mann die Befürchtung einer Uebertragung derSyphilis durch die 
[mpfung bestimmend; Oidtmann glaubte, dass die Blattern 
\ onden Schafpocken herrührten, mit der Wolle verbreitet würden 
und bei Enthaltung von Wollkleidung auch ohne Impfung 
erschwinden würden; Vogl wurde durch statistische Studien 
an dem Nutzen der [mpfung irre: Böing vermochte nach 
der Beobachtung eines frühzeitigen Haftens der Wiederimpfung 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 335 

nur noch an einen Impfschutz von sehr kurzer Dauer zu 
glauben. Alle aber wurden von wissenschaftlichen Bedenken 
geleitet, als sie [gegen die Impfung auftraten. Ihre ersten 
Arbeiten sind meist maassvoll geschrieben und zeugen von 
an erkenn ens wer them Streben und Objektivität. Aber bei 
einigen jener impfgegnerischen Schriftsteller ist der Ein- 
druck der späteren Veröffentlichungen nicht so günstig. Die 
Kritik, die ihnen inzwischen zu Theil geworden war, hatte 
sie verletzt, und zwar uro so mehr, wenn ihnen Irrthümer 
mit Sicherheit nachgewiesen worden waren. Bald stellte sich 
in der Abwehr eine leidenschaftliche, von persönlichen Aus- 
fällen durchsetzte Polemik ein. Die eigenen Beweismittel wurden 
nicht mehr ruhig geprüft; was gegen die Impfung sprach oder 
was nur dagegen zu sprechen schien, wurde nicht mehr genau 
unterschieden; die Gründe der Gegner wurden nur dann ge- 
würdigt, wenn sie neuen Stoff zu Angriffen lieferten, im anderen 
Falle übergangen. So verminderte sich die Möglichkeit zu 
ruhiger sachlicher Erörterung mit ihnen, und ein impffreundlicher 
Schriftsteller nach dem anderen verzichtete ihnen gegenüber 
gänzlich auf weitere Diskussion. 

Aber es würde verkehrt sein, die Ueberzeugungstreue 
der Gegner zu bezweifeln. Finden sich auch in ihren Arbeiten 
Irrthümer, vermisst man darin hier oder dort Eingehen und 
Gründlichkeit, verletzt ihre Art zu kämpfen, so ist das Stu- 
dium ihrer Schriften doch nicht nutzlos; mancher gute Ge- 
danke, manche Anregung ist daraus hervorgegangen, und 
wenn auch die Folgerungen von der Wissenschaft nicht ge- 
billigt werden können, so ist der Werth des gesammelten 
Materials nicht durchweg zu unterschätzen. 

Eine wirkliche Gefahr erwuchs der Sache der Impfung 
aus jenen Angriffen zunächst nicht, weil die Impfgegner unter 
den Acrzten eine verschwindende Minderheit bildeten und in 
den wesentlichen Punkten ihrer Beweisführung bald wider- 
legt wurden. Mit der gesetzlichen Regelung der 
Impfpflicht war jedoch an die Stelle der rein 
wissenschaftlichen Beurthcilung eine allgemeinere 
Erörterung der Frage getreten, an weicher nicht nur 
Sachverständige, sondern Angehörige aller Berufs- 
arten th eilnahmen. Je mehr sich die segensreichen Wir- 
kungen des Gesetzes zeigten, je seltener die Pocken, je ge- 
ringer ihre Verheerungen wurden, um so leichter vergass man 
den eigentlichen Zweck der Impfung; es überwog die Unbe- 



336 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

quemlichkcit, einer Pflicht genügen zu müssen, und die Sorge 
um die geimpften Kinder, bei denen leichte Fieberbewegungen 
einige unruhige Nächte verursachten, oder die Heilung der 
Impfpusteln sich einmal verzögerte, in Ausnahmsfällen auch 
wohl andere Störungen des Impfverlaufs eintraten. Unfähig, 
die Ursachen etwaiger zufälliger Erkrankungen zu beurtheilen, 
vermuthete man ein Verschulden der Impfung, wo irgend ein 
Kind einige Wochen, ja selbst Monate oder Jahre später von 
anderen Krankheiten heimgesucht wurde. So entwickelte sicli 
bei vielen Personen eine Abneigung gegen das Gesetz, welche 
bald auch in der Oeffentlichkeit ihren Ausdruck fand. 

Schon in den früheren Kapiteln war einiger Impfgegner 
nichtärztlichen Berufs gedacht worden. In Baden hatte ein 
Geistlicher, in Frankreich ein Artillerie-Hauptmann die Impfung 
öffentlich angegriffen; in der Württembergischen Kammer und 
später im Deutschen Reichstag wurde der Impfzwang von 
mehreren Abgeordneten lebhaft bekämpft. Neben ihnen trat 
schon in der Vorbereitungszeit des Gesetzes und in den fol- 
genden Jahren eine Reihe anderer leidenschaftlicher Gegner 
hervor, wie der Apotheker Hahn, welcher unter dem Namen 
Hennemann schrieb, der Photograph Belitzkiin Nordhausen, 
der Kaufmann Löhncrt in Chemnitz, der, sehr bezeichnend, 
in seinen An faugsschriften das Pseudonym Dr. Toni als Ver- 
fassernamen wählte, der Rechtsanwalt Martini in Leipzig, 
ein Graf Zedtwitz in Wien und das ausserordentliche Mit- 
glied der statistischen Central-Koromission des Königreichs 
Bayern Kolb. Des Letzgenannten Eintreten gegen die Impfung 
wurde besonders bemerkt, weil Kolb als Statistiker ein wissen- 
schaftliches Ansehen genoss und sich einer maassvollen Schreib- 
weise bediente. Von den anderen zeichnete sich besonders 
Löhn ort durch Eifer und Gewandtheit aus; aber seine Ar- 
beiten wie die der übrigen bestanden im Wesentlichen nur 
in einer Wiederholung der von den ärztlichen Vorgängern 
vorgebrachten Beweisgründe. Der aus der Litteratur zusammen- 
getragene Stoff wurde darin mit mehr oder weniger Geschieh 
und unter reichlicher Verwendung von Kraftausdrücken zu 
einer auf das Verständniss des Laien berechneten Darstellung 
gruppirl und verarbeitet. Ihr geschichtlicher Werth ist we- 
niger in ihrem Inhal! als in ihren Erfolgen begründet. 

Die letzteren beruhten nicht zum wenigsten darauf, dass 
in jenen Veröffentlichungen zum Theil noch versteckt, zum 
Tlieil schon ganz offen eine entschiedene Feindseligkeil gegen 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. , 337 

die medizinische Wissenschaft und den ärztlichen Stand zu 
Tage trat; denn damals gerade begannen die Neigung zur 
Selbsthilfe bei Erkrankungsfällen, die Hoffnung auf Wunder- 
kuren und das Bestreben .gewisser Persönlichkeiten, sich durch 
ungewöhnliche Behandlungsverfahren interessant zu machen, 
immer häufiger zu werden. 

Es ist hier nicht der Ort, auf alle jene Richtungen näher 
einzugehen. Ihre Vertreter, welche sich Naturheilkundige oder 
Anhänger des Naturheilverfahrens zu nennen pflegen, weichen 
in ihren Grundanschauungen wesentlich von einander ab und 
bewegen sich bezüglich ihrer Heilverfahren in den wunder- 
barsten Gegensätzen. Aber ob sie nun alle innerlichen Heil- 
mittel verschmähen oder von besonderen Kräutern wunder- 
tätige Wirkungen erwarten, ob sie das kalte Wasser oder 
das warme Schwitzbad, die wollene, die baumwollene Kleidung 
oder die grobe Leinwand, die äusserste Ruhe im Sonnenbad oder 
die Heilgymnastik, eine Semmel- oder eine Obst- und Trauben- 
kur, das Lichtbad oder die Elektricität, die Hypnose oder 
die Röntgenstrahlen als das allein und untrüglich wirkende 
Heilmittel für alle Krankheiten rühmen, ob sie sich gegen- 
seitig schätzen oder verunglimpfen, — in einem Punkte sind 
sie alle einig, in ihrer Feindschaft gegen den ärztlichen Stand 
und in ihrer Abneigung gegen ein gründliches wissenschaft- 
liches Studium. So ist auch die Gegnerschaft' gegen die 
Impfung, die sich unter den Anhängern jener Heilverfahren 
schnell und entschieden ausgebildet hat, keinewegs eine Kon- 
sequenz der Naturheilkunde als solcher; denn diese müsste 
gerade das ursprünglich und zuerst im Volke richtig beob- 
achtete natürliche Schutzmittel werthschätzen ; sondern es 
findet in jenem Kampfe nur der Gegensatz zur 
wissenschaftlichen Medizin seinen Ausdruck, weil 
diese die Bedeutung der Schutzpocken anerkannt und 
die Einimpfung derselben zu einem Vorrechte der im 
regelmässigen Lehrgang ausgebildeten Aerzte erho- 
ben hat. 

Durch die unablässige Agitation der Naturheilkundigen 
hat die impfgegnerische Bewegung gewaltig an Umfang ge- 
wonnen. Für die Führer, welche durch den Tod abberufen 
wurden, traten andere Persönlichkeiten ein, wie der Privatier 
Buterbrodt in Hildesheim, der ehemalige Schauspieler Ger- 
ling in Berlin, die nicht ärztlich vorgebildete Spezialistin 
für Frauenkrankheiten Frau Voigt in Leipzig, der Gvm- 

K ü b irr. Geschichte d. Pocken n. J. Impfung. •>•> 



338 Impfung' und Pocken in der neuesten Zeit. 

nasialprofessor Förster in Berlin, der Ingenieur Born in 
Charlottenburg, der Schneidermeister Reisshaus in Erfurt 
u. A. Die Naturheilvereine bildeten zahlreiche Zentren, von 
denen aus in Wort und Schrift gegen die Impfung geeifert 
wurde. Neben einzelnen Tages blättern führten die in grosser 
Menge erscheinenden Zeitschriften der Naturheilkundigen den 
Kampf mit heftiger Erbitterung, ja es erschien eine besondere, 
gegenwärtig von Gerling redigirte Monatsschrift unter dem 
Titel „Der Impfgegner". 

Ein bevorzugtes Kampfmittel war die Berufung auf angebliche Impf- 
schäden. Abbildungen von Kindern mit beliebigen nach der Impfung 
entstandenen Krankheiten wurden in Flugblättern massenweise ver- 
breitet. Auch wenn bei der Prüfung durch Sachverständige ein Zu- 
sammenhang mit der Impfung sich als unwahrscheinlich oder aus- 
geschlossen herausstellte, gab dies keineswegs Anlass zum Eingeständ- 
niss des begangenen Irrthums; man hielt im Gegentheil an der eigenen 
Deutung fest und bezichtigte die ärztlichen Gutachter der Befangenheit, 
wenn nicht gar der Unehrlichkeit. Einzelnen Fanatikern genügte auch 
die unrichtige Darstellung thatsächlicher Vorkommnisse nicht mehr; von 
der Leidenschaft verblendet scheuten sie sich nicht, ihre Angaben über 
die Impfschädigungen frei zu erfinden und unter namentlicher Bezug- 
nahme auf Gewährsmänner zu veröffentlichen, welche später entschieden 
in Abrede stellten, Unterlagen zu jenen Behauptungen geliefert zu haben. 
Ein solcher Vorgang, der sich im Jahre 1890 in Altenburg abgespielt 
hat, ist in der Denkschrift des Kaiserlichen Gesundheitsamtes ,, Blattern 
und Schutzpockenimpfung' 1 (3. Aufl. S. 120) ausführlich mitgetheilt. 

Die Erfolge der impfgegnerischen Aufwiegelungen blieben 
nicht aus; unterwarf sich auch die Bevölkerung in ihrer über- 
wiegenden Mehrheit willig den gesetzlichen Vorschriften, so 
zeigte sich doch hier und da Widerstand. Manche El- 
tern unterliessen absichtlich die Impfung ihrer Kinder und 
zogen es vor, die verwirkten Strafen zu zahlen. Zuweilen 
versuchte man, die Lymphe aus den Impfschnitten durch Aus- 
saugen zu entfernen, ohne Rücksicht auf die dadurch bedingte 
Gefahr der Wundinfektion. In anderen Fällen wurden von 
den Impfärzten schriftliche Bescheinigungen gefordert, dass von 
den Impfungen keine Gefahren zu befürchten seien. Einige 
Aerzte, welche die Zahl der [rapfschnitte über das zulässige 
Maass i inschräpkten und auch bei zweifelhaftem Krfolgc die 
gelungene [mpfung bescheinigten, wurden zur Vornahme von 
Privatimpfungen stark in Anspruch genommen und erzielten 
se Einnahmen. Leider inussten mehrmals empfindliche 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 339 

Freiheitsstrafen gegen Aerzte verhängt werden, welche ihre 
Pflicht und Ehre so weit vergessen hatten, dass sie absicht- 
lich Impfungen mit unwirksamem Material vornahmen und 
Impferfolge bescheinigten, ohne dass es auch nur zur Ent- 
wicklung von Knötchen oder Papeln gekommen war. 

Die Mehrzahl der der Impfung abgeneigten Personen in 
der Bevölkerung verschmähte freilich die gesetzwidrigen Mittel 
und suchte vielmehr mit Hilfe von Petitionen an die ge- 
setzgebenden Organe des Reichs der Impfpflicht ledig zu 
werden. An der gewaltigen Zunahme der Unterzeichner dieser 
Eingaben aber zeigte sich deutlich die Wirkung der Agitation. 
Im Jahre 1877 hatte der Reichstag über 21, im Jahre 1891 
über 2951 impfgegnerische Petitionen zu befinden; die Zahl 
der Unterschriften war in dem vierzehnjährigem Zeitraum 
von 30 000 auf 90661 gestiegen. 

Nicht minder hoch gingen die Wogen der impffeind- 
lichen Bewegung in anderen Ländern, deren Gesetze die 
Impfpflicht vorschrieben, namentlich in England und in der 
Schweiz. In England lieferten einige Bestimmungen im Gesetz 
selbst und noch mehr dessen Ausführung den Gegnern werthvolle 
Waffen. Die Vorschrift, dass die Kinder schon in den ersten 
Lebensmonaten, also im zartesten Alter, geimpft werden muss- 
ten, schien unmenschlich ; die wegen Impfverweigerung verhäng- 
ten Strafen erbitterten nicht sowohl durch ihre hohe Zahl, welche 
sich z. B. in den 10 Jahren nach 1879 auf 11408 belief, 
als durch ihre häufige Wiederholung und Verschärfung bei 
Personen, die durch ehrliche Ueberzeugung zur Unfolgsamkeit 
gegen das Gesetz veranlasst worden waren. Auch wurde es nicht 
mit Unrecht als Härte empfunden, dass in dem erwähnten 
Zeitraum 115 mal Gefängnissstrafen vollstreckt wurden, weil 
die Eltern oder Vormünder die Impfung der ihnen anver- 
trauten Kinder, oft nur aus wirklichen Gewissens bedenken, 
wiederholt unterlassen hatten. Hierzu kam andererseits, dass 
die Gemeindebehörden, in deren Hände die Ausführung des 
Gesetzes gelegt war, ihre Pflicht vielfach lässig, oft über- 
haupt nicht ausführten. Nach den Jahresberichten des Me- 
dizinalministeriums (local government board) wuchs die Zahl 
der ungeimpft gebliebenen Kinder von 4,8 pCt. im Jahre 1874 
auf 20,5 pCt. im Jahre 1898. in den Londoner Gemeinden 
(metropolitan unions) betrug sie im Jahre 1897/98 24,9 pCt. ; 
in 11 Grafschaften (counties) zwischen 20 und 30 pCt., in 
3 zwischen 30 und 60 pCt, in den Grafschaften Nordhampton, 

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340 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Bedford und Leicester 63, 75,4 und 76,5 pCt. und in den 
Städten Oldham, Leicester, Nordhampton, Halifax und Keigh- 
ley sogar 78,4, 79,9, 84,7, 82,3 und 86,4 pCt. 

Unter solchen Umständen erschienen die bestraften Impf- 
verweigerer als Märtyrer, als beklagenswerthe Opfer des Ge- 
setzes, dessen harte Anwendung dem Volke um so weniger 
verständlich war, als im Gegensatze zu dem Vorgehen gegen diese 
in anderen weiten Theilen des Landes nicht nur die überzeu- 
gungstreue Gesinnung geachtet wurde, sondern auch die 
weniger verzeihliche Versäumniss und Nachlässigkeit gänz- 
lich straffrei blieben. Durch geschickte Verwerthung dieser 
Wahrnehmungen erreichten die Impfgegner, deren Bestre- 
bungen von einer Keine grosser Tageszeitungen bereitwillig 
unterstützt wurden, immer grössere Fortschritte; es ge- 
hörte nicht zu den Seltenheiten, dass die Bewerber um Ge- 
meinderaths- (guardians) Stellen ihre Wahl nur durch das 
Versprechen erlangten, jeden Zwang und jede Strafe gegen 
Impfverweigerer verhindern zu wollen. 

In der Schweiz war in allen Kantonen, mit Ausnahme 
von Uri und Genf, die Impfung allmählich eingeführt worden; 
aber die Bestimmungen lauteten sehr verschieden. Nur in 9 
Kantonen waren die Kinder vor Ende des zweiten Jahres, in 
einem anderen vor Ende des fünften Jahres, in Bern bis zum 
Schulbeginn impfpflichtig; in den anderen Kantonen war eine 
Altersgrenze nicht festgesetzt. Nur in 15 Kantonen wurden 
Impflisten geführt. Kontroibestimmungen über den Impferfolg 
waren in 17 Kantonen vorgesehen. Eine Pflicht zur Wieder- 
impfung gab es allein in Freiburg, Baselstadt und Grau- 
bünden; in Freiburg waren auch Hebeammen zur Vornahme 
von Impfungen befugt. 

Diese Unglcichmässigkeit der Vorschriften erschwerte 
das Urtheil über ihre Wirkung, zumal die Impfgegner auch 
die Kantone mit unzulänglichen Bestimmungen als Impf- 
zwangsländer hinstellten und die dort vorkommenden Pocken- 
fälle, ob sie nun geimpfte oder nicht geimpfte Personen be- 
trafen, unterschiedslos als Beweis für die Nutzlosigkeit der 
Gesetze verwerteten. Die Verfassungsverhältnisse in der 
Schweiz, welche 'lern Volke einen grossen Einfluss auf die 
Gesetzgebung einräumen, eröffneten <\cr Agitation einen weiten 
Spielraum; das Land wurde zum Tummelplatz eines heftigen 
Kampfes, in welchem der einsichtige Theil der Bevölkerung 
den von den Gegnern verblendeten Massen gegenüber in der 



Impfung and Pocken in der neuesten Zeit. 341 

Minderheit blieb. Als der Bundesrath im Beginn der acht- 
ziger Jahre ein Epidemiegesetz zur Einführung bringen wollte, 
wurde der Entwurf in der Volksabstimmung abgelehnt, weil 
er Vorschriften über die Impfpflicht enthielt. Erst nach Be- 
seitigung dieser Bestimmungen gelangte das Gesetz im Jahre 
1886 zur Annahme. Von den einzelnen Kantonen hob 
Glarus schon im Jahre 1876 den Impfzwang auf, im Jahre 
1883 und 1885 folgten Zürich, Luzern, Baselstadt, Schaff- 
hausen, Appenzell A.-Rh., St. Gallen und Thurgau. In Nid- 
walden und Baselland wurden die Gesetze zwar nicht auf- 
gehoben, aber seit 1882 nicht mehr zur Anwendung gebracht. 
Unter den Angehörigen des ärztlichen Berufs 
wurde die Gefahr der impfgegnerischen Bewegung 
nicht genügend gewürdigt. Nur wenige Aerzte fanden 
sich bereit, die Bevölkerung in Wort und Schrift über den 
Nutzen der Impfung und die Irrthümer ihrer Gegner aufzu- 
klären. Im Vergleich zu der Masse der impffeindlichen Ver- 
öffentlichungen blieb die Zahl volksthümlicher Schriften zur 
Abwehr jener Angriffe gering, und für ihre Verbreitung geschah 
fast nichts. Im Deutschen Reiche blieben Kussmaul 's 
„Zwanzig Briefe" 1 ) die bei weitem beste Volksschrift über 
die Impfung; es kann nur bedauert werden, dass sie im 
Laufe der Zeit im Buchhandel vergriffen wurde. Eine im 
Jahre 1874 in Buchform erschienene Arbeit des Professors 
Friedberg in Breslau „Menschenblattern und Schutzpocken- 
irapfung" war eine tüchtige Leistung, für das Verständniss 
des Volkes aber zu gelehrt. Wernher's hier oft citirtes 
schätzbares Buch „Zur Impffrage" wurde erst nach seinem 
Tode von Hess herausgegeben und entbehrte der letzten 
Bearbeitung, so dass es nicht übersichtlich ist, Wieder- 
holungen enthält und auch in den Zahlenangaben nicht als 
vollkommen zuverlässig gelten kann. Rühmend zu erwähnen 
sind einige Arbeiten von Bohn und Wolffberg, die in- 
dessen, soweit sie sich an die breiteren Massen des Volkes 
wendeten, den Gegenstand nicht erschöpfend behandelten. 
Im Reichstag waren die trefflichen Ausführungen des Arztes 
Thilenius in der Kommission und im Plenum von erfreu- 
lichem Erfolge belohnt. Als beste Volksschrift aus den 
beiden ersten Jahrzehnten nach der grossen Epidemie darf 
wohl der von Lotz im Namen der schweizerischen Sanitäts- 

1) Vero'l. S. "241. 



342 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

kommission erstattete Bericht über die Impffrage „Pocken und 
Vaccination" bezeichnet werden; er enthält eine vernichtende 
Kritik des Buches von Vogt „Für und wider die Kuhpocken- 
impfung" und erweist schlagend den Werth der Impfung, frei- 
lich zum Theil mit Hilfe von wissenschaftlich gehaltenen und 
daher nur den höher gebildeten Volkskreisen verständlichen 
Darlegungen. 

Die meisten Aerzte, welche sich mit dem Impfwesen 
beschäftigten, suchten der Impfung weniger durch unmittelbare 
Einwirkung auf die Bevölkerung als durch wissenschaftliche 
Arbeit zu nützen. Neben den in der Litteraturübersicht zum 
11. Capitel erwähnten Berichterstattern über die grosse Epi- 
demie der siebziger Jahre thaten sich als Verfasser von 
wissenschaftlichen Werken und Abhandlungen u. A. L.Pfeiffer 
in Weimar, Schulz in Berlin, Voigt in Hamburg und die 
bereits genannten Universitätslehrer Bohn in Königsberg und 
Wolffberg in Bonn hervor, letzterer besonders durch sta- 
tistische Studien. Von deutschen Militärärzten machten sich 
namentlich die gegenwärtigen Generalärzte Seggel, Gross- 
heim und Werner um die wissenschaftliche Erforschnng der 
Impfung verdient. 

Besonders fühlten die Vertreter der medicinischen Wissen- 
schaft die Verpflichtung, die Impfung, deren allgemeine 
Einführung sie befürwortet hatten, nach bestem Ver- 
mögen aller ihr etwa noch anhaftenden Gefahren zu 
entkleiden. Einige peinliche Vorkommnisse, wie die Ueber- 
tragung der Syphilis auf 15 Kinder in Lebus im Jahre 1876 und 
auf 4 Impflinge in Tauberbischofsheim im Jahre 1885, mehrere 
Fälle von Massenerkrankungen an Hautausschlägen — der so- 
im nannten Impetigo contagiosa — im Anschiuss an die Impfung, 
besonders im Jahre 1885 in Wittow auf Rügen, erwiesen die 
Notwendigkeit der Abhilfe und drängten zur Beschaffung 
eines durchaus einwandfreien Impfstoffs. Das altgeübte Ver- 
fahren der Impfung von Arm zu Arm konnte nicht mehr als 
vollkomm eil unbedenklich gelten, nachdem man, wenn auch 
nur in Ausnahmefällen, die Erfahrung gemacht hatte, dass 
übertragbare Krankheiten des Stammimpflings dem Jmpf- 
arzte verborgen geblieben und daher durch die Impfung 
weiter verbreitet worden waren. Das -Verlangen nach 
tadelloser Tbierlymphe wurde immer häufiger geäussert. 

hie belgische Regierung hatte schon im Jahre 1868 
ein Staatsimpfinstitul zur Gewinnung von thierischem [mpfstofi 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. '.\\'.\ 

in Brüssel gegründet und der Leitung Warlomont's unter- 
stellt. Die Stammlymphe der Anstalt; war einem Falle von 
originärc]i Kuhpocken entnommen und wurde von Kalb zu 
Kalb fortgeimpft. Als Impffeld diente die rasirte Haut von 
der Leisten-Eutergegend bis zur Nabelgegend. Die Lymphe 
wurde in flüssiger Form unmittelbar nach der Abnahme 
mittelst seichter, nur die Epidermis betreffender, 1 cm langer 
Schnitte verimpft. Nach Ablauf von 2 Tagen röthete sich 
die Umgebung der Schnitte; am 4. oder 5. Tage entwickelten 
sich die Pusteln. Sie behielten etwa bis zum 7. oder 8. Tage 
ihre charakteristische Beschaffenheit, wurden dann eitrig und. 
bildeten schwärzliche Krusten, welche zwischen dem 15. bis 
20. Tage abfielen. Als Zeitpunkt der Abnahme wurde im 
Sommer meist der 5., im Winter der 6. Tag gewählt. Nur 
etwa 24 Stunden lang, während die weissliche Kruste über 
der Pustel ein durchscheinendes und silberglänzendes Aus- 
sehen zeigte, war der Pustelinhalt als wirksamer Impfstoff 
zu bezeichnen. Das Anstechen der Blattern genügte nicht, 
um ein Ausfliessen der Lymphe zu erreichen; Warlomont 
bediente sich daher zur Entnahme des Impfstoffs einer Quetsch- 
pinzette, welche die Basis der Pusteln zusammendrückte. Die 
Lymphe wurde mit Wasser verdünnt und mit einem Zusatz 
von Glycerin vermischt, dessen konservirende Wirkung für 
den Impfstoff im Berliner Institut von Feiler erkannt und 
von dem Geh. Med.-Rath Müller im Jahre 1866 in der 
Berliner klinischen Wochenschrift hervorgehoben worden war. 
Der Versand erfolgte in an den Enden zugeschmolzenen Glas- 
röhren oder in trockenem Zustand auf Elfenbeinspateln. 

In der Regel wurden in der Brüsseler Anstalt wöchent- 
lich 2 Kälber geimpft. Im Jahre 1870 und 1871 kam unter 
mehr als 10 000 Kindern, welche mit dem Stoff aus dem 
Institut vaccinirt waren, kein einziger Pockenfall vor. Die 
Impf er folge wurden in jener Zeit bei den Erstimpfungen auf 
96, bei den Revaccinationen auf 62 pCt. berechnet. Während 
der grossen Epidemie lieferte die Anstalt länger als sechs 
Monate lang täglich mehr als 500 Portionen Impfstoff, aller- 
dings musste hierfür die Zahl der Impfkälber erhöht werden; 
aber ein Mangel an Lymphe trat niemals ein. 

Trotz so günstiger Erfahrungen wurde die Thierlymphe 
noch Jahre lang in den meisten Ländern nur in Privatan- 
stalten gewonnen. In den Niederlanden bestanden solche, 
vom dortigen Verein für die Verbreitung der Vaccination ge- 



344 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

schaffene Institute seit dem Jahre 1868 in Rotterdam unter 
Bezeth's Leitung, seit 1869 in Amsterdam und seit 1871 
im Haag. Im Jahre 1873 wurde eine staatliche Anstalt in 
Utrecht eröffnet. In den Jahren 1868 — 1877 wurden von 
allen 4 Anstalten 39 864 Impfungen und Wiederimpfungen 
mit Thierlymphe ausgeführt, von denen nur 2,04 pCt. ohne 
Erfolg blieben. In Italien entstanden in den Jahren 1869 
bis 1871 ähnliche Impfinstitute in Mailand, Ancona, Bologna, 
Genua, Neapel, Rom, Turin, Venedig, Verona und einigen 
anderen Städten; in der Schweiz wurde in Basel und Schaff- 
hausen, in Russland in den Findelhäusern zu St. Petersburg 
und Moskau, in Amerika in New- York und Boston animale 
Lymphe hergestellt. Der Parc vaccinogene in Paris ging 
während der Belagerung 1870/71 aus Mangel an Kälbern ein. 

In Deutschland war die Anstalt des Arztes Pissin 
(vergl. S. 278) in Berlin lange Zeit das einzige Institut, 
welches die Lieferung von vaccinalem Impfstoff zum allge- 
meinen Gebrauch bezweckte. Das von L. Pfeiffer geleitete 
Weimarer Impfinstitut des ärztlichen Vereins von Thüringen, 
die Münchener Anstalt u. a. vollzogen Thierimpfungen zu- 
nächst nur zur Aufrischung der Lymphe im Wege der Retrovacci- 
nation. Dagegen wurde in Hamburg eine Staatsanstalt im Jahre 
1875 durch Voigt nach holländischem Muster zur Gewinnung 
von Thierlymphe eingerichtet; die Stammlymphe wurde aus 
den Niederlanden bezogen. Aehnlich ging man im Jahre 1878 in 
Stuttgart und im Jahre 1879 in München vor. In Leipzig er- 
richtete Fürst im Jahre 1877 eine Anstalt für animale Impfung. 

In Oesterreich-Ungarn gab es seit 1877 2 Institute in 
Wien, deren eins vonHay errichtet wurde, und ein drittes in Pest. 

In allen Anstalten bestätigte sich die Wahrnehmung, 
dass das Gelingen der Thierimpfungen und die Grösse des 
Lymphe-Ertrags allein von der Technik und der Methode ab- 
hängig war, namentlich auch von dem Zeitpunkt der Ab- 
nahme des zur Aussaat bestimmten [mpfstoffes. Die Halt- 
barkeil der Thierlymphe war nicht ganz so gut, wie die der 
Menscheiilymphe. aber für den Gebrauch in der Praxis aus- 
reichend. Ein Unterschied in der Schutzwirkung beider 
Lyraphearten war nichl festzustellen. Die Gefahr einer Ueber- 
tragung der Thiertuberkulose war gering, wenn als tmpfthiere 
junge Kälber verwende! wurden, und liess sieh dadurch aus- 
schliessen, dass man den [mpfstoff von solchen Thieren ver- 
warf, welche sich bei der Schlachtung nach der Lympheab- 
nahme nichl als durchaus gesund erwiesen. Die Behauptung, 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 345 

dass die Thierlymphe stärkere Reizerscheinungen verursache 
als die Menschenlymphe, wurde von den Anhängern der Ver- 
wendung des ersteren Stoffs bestritten. Dagegen war bei 
Impfung mit Thierlymphe eine Uebertragung von Krankheiten, 
welche bei Rindern nicht vorkommen, namentlich der Syphilis, 
unmöglich gemacht. 

In Würdigung dieser Vorzüge der Thierlymphe wurde 
deren allgemeine Einführung bei den öffentlichen Impfungen 
schon im Jahre 1877 durch einen Beschluss des Deutschen 
Reichstages der Regierung nahegelegt. In den folgenden 
Jahren kam die Angelegenheit wiederholt in der Petitions- 
kommission des Reichstags zur Erörterung; das Kaiserliche 
Gesundheitsamt verfolgte mit Interesse die allmähliche Aus- 
breitung der Kälberlymphe im Reiche und stellte über die 
zweckmässigste Art der Gewinnung des tbierischen Impf- 
stoffs eigene Versuche an, die von Robert Koch ge- 
leitet wurden. Eine im Jahre 1884 vom Reichskanzler ein- 
berufene Sachverständigen-Kommission, über deren sonstige 
Thätigkeit noch weiterhin zu berichten sein wird, empfahl 
nach eingehender ßerathung, dass die Thierlymphe thunlichst 
an Stelle der Menschenlymphe treten und zwar allmählich 
allgemein eingeführt werden solle. Unter Zuhilfenahme der 
bereits gewonnenen Erfahrungen sollten Anstalten zur Ge- 
winnung von Thierlymphe in einer dem voraussichtlichen Be- 
darfe entsprechenden Anzahl errichtet werden; sobald der 
Bedarf an Thierlymphe seitens einer solchen Anstalt gesichert 
wäre, würden die öffentlichen Impfungen in dem betreffenden 
Bezirk mit diesem Material auszuführen sein. Am 18. Juni 
1885 erhob der Bundesrath die Vorschläge der Kommission 
zum Beschluss und am 28. April 1887 erklärte er sich mit 
dem im Gesundheitsamte ausgearbeiteten Entwurf einer „An- 
weisung, zur Gewinnung, Aufbewahrung und Versen- 
dung von Thierlymphe" einverstanden, welche später durch 
Beschluss vom 28. Juni 1899 durch neue „Vorschriften 
über Einrichtung und Betrieb der staatlichen An- 
stalten zur Gewinnung von Thierlymphe" ersetzt wor- 
den ist. In Folge des ersterwähnten Bundesrathsbeschlusses 
errichteten die Regierungen aller grösseren Bundesstaaten 
in den folgenden Jahren besondere Anstalten zur Her- 
stellung animalen Impfstoffs, deren Betrieb von Aerzten 
geleitet und von den höheren Medizinalbehörden kontrolirt 
wurde. Neben ihnen erhielten sich nur einige wenige Privat- 
anstalten, wie die Institute von Pissin in Berlin und von 



346 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Protze in Elb erleid. Die staatlichen Anstalten, deren 
Zahl bis zum Jahre 1897 auf 25 gestiegen war, lieferten 
bald fast den gesammten Impfstoff bedarf für die öffentlichen 
Impfungen und verdrängten mit ihren Erzeugnissen allmählich 
die Menschenlymphe nahezu vollkommen. Im Jahre 1897 
wurden 99,95 pCt. aller Impfungen im Reiche mit Thierlymphe 
vorgenommen. 

Mit der Einführung des animalen Impfstoffs war die 
schon an und für sich geringe Gefahr einer Uebertragung von 
Krankheiten durch die Impfung noch wesentlich eingeschränkt, 
aber doch nicht gänzlich ausgeschlossen. Bald nach der amt- 
lichen Anerkennung der Thierlymphe, im Jahre 1887, er- 
krankten in mehreren preussischen Städten und Landkreisen 
zahlreiche Kinder, welche mit Lymphe aus der bereits er- 
wähnten Elberfelder Privatanstalt geimpft waren, an Aus- 
schlägen; in zwei Fällen erfolgte einige Monate später der 
Tod infolge hinzugetretener anderweitiger innerer Erkran- 
kungen; die anderen Kinder wurden geheilt. Ein Verschulden 
der Anstalt, aus welcher der Impfstoff bezogen war, konnte 
nicht nachgewiesen werden; auch sind weder vorher noch 
später in anderen Fällen ähnliche unglückliche Nebenwir- 
kungen der Elberfelder Lymphe bekannt geworden. Dagegen 
wurde im Jahre 1890 nach dem Gebrauch von anderweitig 
bezogener Lymphe in Württemberg eine Anzahl Erkrankungen 
an Herpes tonsurans beobachtet. Auch kamen neben ein- 
zelnen ernsteren und zum Theil sogar tödtlichen Erkrankungen 
durch Wundinfektion hin und wieder Fälle vor, in denen die 
Reizung der Impfstellen bei zahlreichen zugleich geimpften 
Kindern über das gewöhnliche Maass hinausging, sich in stär- 
kerer Entzündung und Röthung der Haut in der Umgebung 
der Pusteln, ja in Lymphgcfässentzündung und Lymphdrüsen- 
schwellung äusserte. Endlich wurde immer von neuem der Vor- 
wurf laut, dass bei diesem oder jenem Kinde mit der Lymphe 
die Skrophulose und Tuberkulose übertragen worden sei. 

Die ärztlichen Leiter der Impfanstalten setzten daher 
alle ihre Kräfte ein, um jede Schädigung der Impflinge durch 
Nebenwirkungen da Lymphe unmöglich zu machen. Mit ihnen 
< irin! suchten viele andere Aerzte des In- und Auslandes 
die Beschaffenheit des thierischen Impfstoffes zu er- 
forschen und die Verfahren zu seiner Herstellung zu 
\ er\ ii 1 1 \, o in in ii en. 

hie Fortschritte der mikroskopischen und bakteriologi- 
schen Technik ermöglichten eine sorgfältigere Untersuchung 



[mpfung und Pocken in der neuesten Zeil. 347 

der hi der Lymphe und in dem Inhalt der Pockenpusteln 
vorhandenen Keime, der „vermicula" Kircher's 1 ). Schon 
Cohn, in dessen Institut R. Koch seine ersten grösseren 
bakteriologischen Studien machte, fand einen Micrococcus 
vaccinae, in dem er den Erreger der Blattern und der Kuh- 
pocken vermuthete. Allein bald überzeugte man sich, dass 
es sich nur um eine Verunreinigung der Lymphe und nicht um 
den Vaccinekeim selbst gehandelt hatte. Die Hoffnung, durch 
Entdeckung und Reinzüchtung des letzteren einen von Neben- 
wirkungen freien Impfstoff zu erhalten, ermuthigte indessen 
immer wieder zu neuen Arbeiten. Im Jahre 1883 setzte 
Grocer's Company in London einen Preis von 1000 Pfund 
Sterling aus für die Entdeckung „einer Methode, durch welche 
das Vaccinekontagium getrennt von dem Thierkörper in einer 
nicht zymotischen Substanz kultivirt werden könnte, so dass 
mit Hilfe dieser Methode das Kontagium in aufeinanderfol- 
genden Generationen ins Unendliche vermehrt werden könnte, 
und dass das Produkt nach einer beliebigen Zahl solcher 
Generationen dieselbe Kraft zeigte, wie eine musterhafte Vaccine- 
lymphe". Die gestellte Aufgabe ist bisher nicht gelöst wor- 
den. Zwar haben viele Autoren, wie Dougall (1886), Van- 
selow (1888), Martin (1891), Besser, Ruete und Enoch 
(1893), Czaplewski (1899) und Nakanishi (1900), diese 
oder jene Bakterienart in der Lymphe mit mehr oder weniger 
grosser Wahrscheinlichkeit als den gesuchten Pocken- oder 
Schutzpockenkeim bezeichnet. Die Begründung reichte jedoch 
zum Beweis nicht aus und wurde zum Theil auch von anderer 
Seite widerlegt. 

Auf einem besonderen Wege suchte Buttersack (1893) 
das Ziel zu erreichen. Von der Vermuthung ausgehend, dass 
die Schwierigkeiten des mikroskopischen Nachweises weniger 
auf der Kleinheit des Vaccinekeims beruhten, als auf einer 
zu geringen Verschiedenheit seines Lichtbrechungsvermögens 
von dem der umgebenden Flüssigkeit, Hess er Vaccine oder 
Pockenpustelinhalt auf Deckgläschen oder Objektträgern an- 
trocknen, worauf solche Präparate ohne Flüssigkeitszusatz 
der mikroskopischen Untersuchung unterworfen wurden. Dabei 
hoben sich von der weniger lichtbrechenden umgebenden Luft 
allerdings zarte Gebilde ab, die eine regelmässige Form zu 
besitzen und je nach dem Reifestadium der Lymphe eine ver- 
schiedene Gestalt, Fäden oder Körnchen zu zeigen schienen. 

1) Vergl. S. 59. 



348 Impfung \md Pocken in der neuesten Zeit. 

Buttersack glaubte hiernach einen belebten Keim mit einem 
bestimmten, dem Verlauf der Schutzpocken entsprechenden 
Entwickelungsgang gefunden zu haben, der zur Variola und 
Vaccine wahrscheinlich in ätiologischen Beziehungen stünde. 
Auch als von Petri, Landmann und Dräer ähnliche Fäden 
in anderen eiweisshaltigen Flüssigkeiten nachgewiesen waren, 
gab Buttersack seine Deutung nicht gänzlich auf, da er 
an den in seinen eigenen Präparaten beobachteten Formen 
Besonderheiten feststellen zu können glaubte und namentlich 
seine Wahrnehmungen bezüglich des Entwickelungsgangs des 
beschriebenen Gebildes nicht als widerlegt betrachtete. 

Viel Beachtung haben in neuerer Zeit die zuerst von 
Guarnieri (1892) veröffentlichten, dann von Monti, L. 
Pfeiffer, Piana und Galli-Valerio (1894), Clarke, 
v. Sicherer und namentlich später von E. Pfeiffer (1895) 
und v. Wasielewski bestätigten und erweiterten Wahr- 
nehmungen über vermuthliche Pockenparasiten gefunden. 
Guarnieri beobachtete in den Zellen der mit Vaccine ge- 
impften Kaninchencornea die Entwickelung gewisser Formen, 
welche er als Protozoen deutete und als die vermuthlichen 
Erreger der Variola und Vaccine betrachtete. Seine Aus- 
legung ist nicht ohne Widerspruch geblieben und namentlich 
durch -Hü ekel, welcher ähnliche Zelleinschlüsse nach ander- 
weitigen Insulten der Hornhaut durch Osmiumsäure u. dergl. 
beobachtet hatte, bestritten worden. Immerhin wird die 
ätiologische Beziehung von Guarnieri's „Cytoryctes variolae 
et vacciniae" zur Pockenkrankheit von angesehenen Bakterio- 
logen auch jetztnoch für wahrscheinlich angesehen. Auch darf an 
der belebten Natur und geformten Beschaffenheit des gesuchten 
Pocken- und Vaccinekontagiums nicht mehr gezweifelt werden, 
nachdem in den letzten Jahrzehnten erwiesen ist, dass die 
Schutzpockenlymphc durch Erwärmen auf 54° C. (Caroteus 
und Coert), Einwirkung von Desinfektionsmitteln und nach 
Filtration durch Thonzellen (Schulz und Weyl) ihre Wirk- 
samkcii verliert. Hoffentlich gelingt es in nicht zu ferner 
Zeil, über die Bedeutuni; der von Guarnieri gefundenen 
Körper sicheren Aufschluss zu erlangen 1 ). 



1 Nach '-iiht kürzlich beltannl gewordenen Mittheilung C. Fraen- 

ii.ii Stabsarzi v. Wa ielewski im Hygienischen [nstitul der 

l niversitätHallca. S. den „Cytoryctes" durch viele Generationen hinduroh 

auf derllornhaut des Kaninchen gezüchtel und übertragen und sohliesg- 

lich damit bei Kindern und Kälbern wieder die Vaccine erzeugt. (Mün- 



Impfung- and PoQlcen in der neuesten Zeit. 349 

Wenn hiernach die Forschungen nach dem Blatternerreger 
und Vaccinekeira bisher nicht von sicherem Erfolge belohnt wor- 
den sind, so wurden doch durch jene Arbeiten andere Unter- 
suchungen von grosser Wichtigkeit angeregt. Um die Ermit- 
telung der in der Lymphe vorkommenden Bakterien- 
arten machten sich namentlich R. Koch (1883), L. Pfeiffer 
(1885 und 1887), Schulz (1888 bis 1891), Oopeman und 
Crookshank (1891) verdient. Die von ihnen gefundenen 
Mikroorganismen bestanden überwiegend in Mikrokokken ver- 
schiedener Spezies. Namentlich schien das nicht gerade seltene 
Vorkommen von Staphylokokken und der vereinzelt berichtete 
Befund von Streptokokken in der Lymphe nicht ohne Bedeutung 
zu sein, weil zwischen jenen Bakterien und den Kokken desEiters 
sichere Unterscheidungsmerkmale nicht nachzuweisen waren. 

Im Jahre 1895 trat der Frankfurter Arzt Landmann 
mit der Behauptung hervor, dass die genannten Mikroorga- 
nismen der Lymphe die Ursache der nach der Impfung zu- 
weilen beobachteten Reiz- und Entzündungserscheinungen und 
der ernsteren, durch Wundinfektion verursachten Impfschädi- 
gungen seien. Er begründete diese Annahme mit seinen 
Wahrnehmungen beim Impfgeschäft, denen zufolge der Grad 
der örtlichen Reaktion der Impfstellen von dem Keimgehalt 
und von der Art der Keime in der Lymphe abhängig ge- 
wesen zu sein schien, und namentlich mit Thierversuchen, 
welche, für einige aus der Lymphe gezüchtete Kokken patho- 
gene Wirkungen nachgewiesen hatten. Landmann's Mit- 
theilungen waren hauptsächlich dazu bestimmt, die Not- 
wendigkeit einer Verbesserung des Lymphgewinnungsverfahrens 
darzuthun. Aber sie hatten zunächst den wohl nicht beab- 
sichtigten Erfolg, dass in den Kreisen der Impfgegner eine 
gewaltige Erregung entstand. Jetzt, hiess es, habe sogar ein An- 
hänger der Impfung einwandsfrei den Beweis erbracht, dass die 
Vaccination nichts anderes sei als eineEitervergiftung des Volkes. 
Nur mit dem „Muthe des Verbrechers" könnten die Organe der 
Regierung an der Ausführung des Impfgesetzes festhalten. 

Indessen drang unter den Sachverständigen bald die Er- 
kenntniss durch, dass Landmann die Bedeutung seiner Be- 
funde überschätzt hatte. In Preussen war schon vor seinen 



ehener med. Wochenschr. 1900. Jahrg. 47. No. 30. S. 1054.) - Neuer- 
dings will Punck in Brüssel den gesuchten Blattern- und Vaccinekeim 
in einem Sporozoon (Sporidiuin vaccinale) gefunden haben. (Deutsche 
med. Wochenschr. 1901. No. 9. S. 130.) 



350 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Mittbeilungen durch den Minister der geistl., Unterrichts- und 
Medizinalangelegenheiten zur Prüfung der Impfstofffrage eine 
Kommission eingesetzt worden, welche unter dem Vorsitz des 
Geh. Medizinalraths Schmidtmann arbeitete und R. Koch, 
R. Pfeiffer, Frosch, Freyer, Schulz und Vanselow, 
später auch Czaplewski und den Verfasser dieses Buches 
zu ihren Mitgliedern zählte. Die Arbeiten der Kommission 
richteten sich auf die Herstellung eines möglichst reinen Impf- 
stoffs von klarem Aussehen und reizloser Wirkung; daran 
schlössen sich Untersuchungen über den Bakteriengehalt, 
bei welchen auch Landmann 's Angaben nachgeprüft wur- 
den. Letztere fanden insoweit Bestätigung, als von der 
Kommission in fünf unter achtzehn Lympheproben verein- 
zelte Staphylokokken gefunden wurden, welche für Kaninchen 
und Mäuse pathogen waren ; dagegen liess sich ein Zusammen- 
hang zwischen der Reizwirkung der Lymphe beim Menschen 
und ihrem Gehalt an thierpathogenen Kokken nicht erweisen. 
Die gegen die Annahme solcher Beziehungen sprechenden 
Gründe fasste der Berichterstatter der Kommission Frosch 
in deren erster, im Jahre 1896 erschienenen Veröffentlichung 
zu folgenden Sätzen zusammen: 

„1. Die Anzahl der mit vermehrten Reizerscheinungen be- 
hafteten Personen macht immer nur einen geringen Bruchtheil 
einer grösseren Anzahl mit der gleichen Lymphe Geimpfter aus. 

2. Wirkliche Eitererreger in der Lymphe, deren Virulenz 
für den Menschen in Frage käme, sind nur ausnahmsweise 
und vereinzelt vorhanden. 

?>. Die meisten in der Lymphe für gewöhnlich vorhan- 
denen Bakterien stellen sich als harmlose Saprophyten oder 
Hautepiphyten dar, welche in das Innere der intakten Pustel 
bis zum siebenten Tage nicht eindringen. Dieselben können nicht 
anders beurtheilt werden als andere stets beim Menschen vor- 
handene Bakterien, z. B. der Mundhöhle oder des Darmes. 

4. Eine beträchtliche Veringerung der Bakterien oder Keim- 
freiheit der Lymphe führt eine bemerkbare Abnahme derReiz- 
iTscIicinungen nach Häufigkeit oder Intensität nicht herbei. 

5. Pyogene Eiterkokken wurden in völlig reizlosen Impf- 
l»ii.st.elii- nachgewiesen, und Impfpusteln mitstarkenEntzündungs- 
erscheinungen erwiesen sich als steril. In den pseudoerysipela- 
tösen und phlegmonösen Eautentzündungen sind speeifische Er- 
reger (Staphylo- und Streptokokken) nicht gefunden". 

Auf Grund dieser Sätze gelangte die Kommission weiter- 
hin zu nachstehender Schlussfolgerung: 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. -351 

„Eine ursächliche Beziehung' zwischen den Bakterien der 
Lymphe und den Reiz- und Entzündungserscheinungen beim 
Impfling besieht nicht. Die durch spezifische Bakterien be- 
dingten erysipelatösen und phlegmonösen Entzündungen nach 
der Impfung sind als accidentelle Schädlichkeiten und sekun- 
däre Wundinfektionen aufzufassen, die, soweit der Impfarzt und 
der Impfstoff dabei in Frage kommt, vermieden werden können". 

Die Wahrnehmungen der Kommission über die relative 
Unschädlichkeit der tierpathogenen Lymphekokken wurden in 
der Folge von anderen Untersuchern, wie Deeleman, 
Maassen, M.Kirchner, A.Pfuhl, Dreyer, Ascher und 
Scymanski, Oopemann und Sacquepee im Wesentlichen 
bestätigt. Andere, namentlich Paul in Wien, Leoni in Rom, 
sowie kürzlich C. Fraenkel in Halle a. S. legten jenen Bak- 
terien auf Grund theoretischer Erwägungen eine grössere Be- 
deutung bei. Aber allerorts zeigte sich ein ernstes Bestreben, 
den Keimgehalt des animalen Impfstoffes nach Möglichkeit zu 
vermindern, um die Reinheit der Lymphe immer sicherer ver- 
bürgen zu können. 

Das älteste und einfachste Mittel hierzu war der Glyce- 
rin zusatz; die Erfahrungen zeigten, dass die Keime in einer 
längere Zeit aufbewahrten Glycerinlymphe zum grössten Theil 
zu Grunde gingen, während allerdings gleichzeitig auch die Wirk- 
samkeit des Impfstoffs abnahm. Bei mehrwöchiger Lagerung 
zeigte die Lymphe einen verhältnissmässig niedrigen Keim- 
gehalt und eine gemilderte, aber nicht aufgehobene Wirkung. 

Als weitere Verfahren kamen die Verdünnung, die 
Sedimentirung und die Centrifugirung der Lymphe in 
Betracht, durch welche alle eine Verminderung der Keimzahl, 
aber zugleich eine Abschwächung der speeifischen Wirkung 
der Lymphe erreicht wurde. Namentlich war jedoch die Sauber- 
keit bei der Behandlung der Impfkälber auf die Reinheit 
des Impfstoffs vonEinfluss; durch gründliche Säuberung und vor- 
sichtige üesinfection des Impffeldes mit Alkohol und an- 
deren Mitteln vor der Impfung und vor der Abnahme des Impf- 
stoffs, sowie durch Verwendung von ü eckverbänden während 
der Reifung der Pusteln konnte der ßakteriengehalt wesent- 
lich herabgesetzt werden. Die Deckverbände wurden im 
Jahre 1896 von Schulz im Berliner Impfinstitut mit Vor- 
theil verwerthet und seit 1897 durch Paul in Wien mit 
Hilfe der unter dem Namen „Tegmin" bekannten Paste zu 
grosser Vollkommenheit ausgebildet. 

Die k. k. Im pfstoffgewiunuugsansl all in Wien 



352 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

liefert seitdem einen schon im frischen Zustande sehr keimarmen 
Impfstoff. Aber auch mit diesor Lymphe ist die Erfahrung ge- 
macht worden, dass die Reizerscheinungen nicht von 
dem Keimgebalt, sondern vielmehr von dem Alter des 
Impfstoffs abhängig sind und daher wohl eine "Wir- 
kung des unbekannten \ 7 accinekeimes selbst dar- 
stellen. Zu ihrer Vermeidung ist es erforderlich, zur Impfung 
stets eine einige Zeit abgelagerte Lymphe zu verwenden. 

Neben den geschilderten, auf die Entdeckung des 
Pockenkeimes und die Verminderung der fremdartigen Lymphe- 
bakterien gerichteten Arbeiten verfolgte die wissenschaftliche 
Forschung das Ziel, der Erkenntniss des Infektions- und 
des Immunisirungsvorgangs bei den Pocken und bei 
der Impfung näher zu kommen. Bei solchen Untersuchungen 
gelang Frey er und später auch Vanselow der wichtige 
Nachweis, dass mit dem Blut sowie mit dem Saft der Milz, 
der Leber, der Leistendrüsensubstanz, der Mesenterialdrüsen- 
substanz und dem Knochenmark geimpfter Kälber bei anderen 
richtige Impf blättern erzeugt werden können, dass also der 
Vaccinekeim, beimThier wenigstens, innerhalb einer bestimmten 
Zeit im Organismus kreist. Ferner wurden die Beziehungen 
zwischen Variola und Vaccine weiter verfolgt. Eilerts de 
Haan und Voigt (Hamburg) erwiesen das Haften der In- 
okulation beim Affen. Die Umwandelung der Variola in Vac- 
cine durch Uebertragung von Pockenmaterial auf die Kuh 
gelang immer häufiger. Die in letzter Richtung erreichten 
Erfolge wurden schon im 10. Kapitel erwähnt 1 ); ein beson- 
deres Interesse verdienen jedoch noch Vo igt's Erfahrungen 
über die Wirkung der von ihm in Hamburg gezüchteten Va- 
riola-Vaccine. Voigt hatte im Jahre 1881 bei einem Kalbe 
nach Verimpf ung von echtem Mensch enblatternstoff eine 
Pustel erzeugt und von dieser ausgehend das Virus nach 
und nach durch 20 Kälber geleitet. Im Anfang des 
Jahres L882 hielt er die erzeugte Vaccine für hinreichend 
abgeschwächt, um sie für die Kinderimpfungen zu verwenden. 
Seit dieser Zeit war die gewonnene Variola-Vaccine als Stamm- 
lyraphe der Hamburger Anstalt im Gebrauch. Ihre Wirkung 
bei den regelmässigen Impfungen war sein- befriedigend, der 
damil erreichte Sehutzwerth aber erwies sich als ausser- 
ordentlich hoch; denn als die mit jenem Stoff geimpften 

l) Vorgl. S. 276. 



[mpfung und Pocken in der neuesten Zeit. 353 

Kinder seil dem Jahre 181) 3 zur Wiederimpfung gelaunt rn. 
waren die Revaccinationsergebnisse weniger gut wie bei 
Kindern, welche mit anderer Lymphe erstgeimpft warm. 
Voigt hielt sich daher zu dem Schlüsse berechtigt, dass 
die Auffrischung mit ächter Variola die schützende Kraft der 
Thicrlymphe wesentlich gesteigert hätte. 

Viel erfreulicher Eifer ist in den letzten Jahrzehnten auf- 
gewendet worden, um die Ausführung der Impfung selbst 
zu vervollkommnen und Infektionen der Impfstellen wäh- 
rend oder nach Anlegung der kleinen Wunden zu verhüten. 
Die Umwandelung der Anschauungen bei den Aerzten nach 
Einführung der Antiseptik und später der Aseptik machte 
sich auch auf dem Gebiete des Impfwesens bemerkbar. 
Eine gründliche Reinigung des zu impfenden Arms, wenn 
möglich ein Bad des Impflings und seine Bekleidung mit 
reiner Wäsche wurden als nothwendig gefordert. Die 
Impfinstrum ente durften nicht zu mehreren Impfungen 
nach einander gebraucht, sondern mussten nach jedesmaliger 
Benutzung gereinigt und desinficirt werden. An Stelle der 
früher verwendeten Lanzetten traten Instrumente, welche 
aus einem Stück und ganz aus Metall gefertigt sind, wie 
Ri sei's „Impffeder", deren zur Anlegung des Impfschnitts 
bestimmtes Endstück eine stahlfederähnliche Form besitzt, 
oder die Impfmesser von Weichardt, welche von dem 
Impfarzt in grösserer Zahl gleichzeitig durch Dampf sterilisirt 
und immer nur für je eine Impfung benutzt, dann bei Seite 
gelegt und erst nach erneuter Sterilisirung wieder in Gebrauch 
genommen werden, oder das Platin-Iridiummesser von Lin- 
denborn, dessen aus einer Platin-Iridium-Legirung gefertigte 
Spitze nach jeder Impfung ausgeglüht wird und so schnell 
wieder erkaltet, dass unter abwechselndem Gebrauch von 2 
bis 3 Messern auch bei Massenimpfungen ein Zeitverlust nicht 
entsteht. Weissenberg empfahl Impffedern ganz nach Art 
der gewöhnlichen Schreibfedern, die auf einen hölzernen Feder- 
halter gesteckt und bei ihrem geringen VVerthe nach einma- 
ligem Gebrauch sogleich fortgeworfen werden können. 

Der Uebergang zu diesen und ähnlichen Instrumenten ist 
in den letzten Jahren immer allgemeiner geworden und ge- 
währt eine nicht zu unterschätzende Sicherheit dafür, dass in 
die Imptwunden fremdartige Keime nicht eingebracht und 
namentlich etwaige Krankheiten der Impflinge nicht mit dem 
Messer des Arztes auf andere Kinder übertragen werden. 

Kubier. Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. 90 



354 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Weniger Beifall hat im Allgemeinen die Anregung ge- 
funden, die Impfwunden mit Schutzverbänden, wie solche 
von L.Fürst und anderen empfohlen sind, oder mit Pflastern 
zu bedecken, um Verunreinigungen davon abzuhalten. Die 
Verbände störten die Hautausdünstung und hatten daher oft 
Macerationen der Epidermis zur Folge, verschoben sich auch 
zuweilen und führten dann zu vorzeitiger Eröffnung der 
Pusteln. Die Pflaster zeigten bisweilen Faltenbildung; unter 
ihnen nässte die Haut, auch lagen [sie nicht immer fest 
genug. Immerhin ist die Hoffnung noch nicht aufzugeben, 
dass es durch Verbesserung der Technik gelingen wird, die 
Impfwunden in geeigneter Weise vor nachträglicher In- 
fektion zu schützen. Paul in Wien hat sich über die 
von ihm angewandten Tegminvcrbände recht befriedigt ge- 
äussert. 

In der neuerdings üblich gewordenen Verminderung der 
Zahl der Impfwunden, ihrer Beschränkung auf einen Arm 
des Impflings, dem Verzicht auf lange Schnitte und der Einhal- 
tung hinreichend grosser Entfernungen zwischen den einzelnen 
Schnitten ist ein anerkennenswerther Fortschritt der Impf- 
technik zu begrüssen. Die Möglickeit stärkerer Reizer- 
scheinungen an den Impfstellen und die Gelegenheit zur 
Wundinfektion werden dadurch jedenfalls verringert. 

Freilich haben die Verbesserungen in der Lymphgewinnung 
und der Impfmethodik die Stimmen der Impfgegner nicht 
zum Schweigen gebracht. Die Vertreter der ärztlichen 
Kunst und Wissenschaft vermögen das Schutzmittel gegen die 
Pocken zu vervollkommnen und seine unerwünschten Begleit- 
erscheinungen auf ein Mindestmaass zu beschränken; aber in 
dem ungleichen Kampf mit der skrupellosen Agitation, durch 
welche die nicht sachkundige Bevölkerung bethört wird, ge- 
nügen diese Erfolge nicht. Hier finden die Freunde der 
Impfung ihre werthvollste Hilfe in einer aufgeklärten und 
mit Verständniss für ihre Aufgabe erfüllten Volksvertretung 
und einer Regierung, welche Mühe und Kosten nicht scheut, 
um die Fortschritte des [mpfwesens zu verwerthen, Zweifel 
aufzuklären, Unzulänglichkeiten zu beseitigen und eine ge- 
wissenhafte Ausführung des (leset/es sicherzustellen. 

In dieser Erkenntniss ersuchte d^v Deutsche Reichstag, 
schon als er am II. März 1874 das [rnpfgesetz annahm, in 
einer besonderen Resolution den Reichskanzler, „mit Rück- 
sichl auf die durch das [rnpfgesetz begründete Nothwendig- 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 3">5 

keit, die Oberaufsicht über das [mpfwesen wirksam und ein- 
heitlich zu handhaben, die Errichtung eines Reichs-Gesund- 
heitsamtes thunlichst zu beschleunigen". Der Wunsch der 

Volksvertretung entsprach den bereits bestehenden Absichten 
des Bundesrates und fand bald Erfüllung. Im April 1876 
eröffnete das Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin seine 
Thätigkeit, die neben anderen grossen Aufgaben stets uner- 
müdlich und in engstem Zusammenwirken mit allen Bundes- 
regierungen des Reichs dem Impfwesen gegolten hat. Der 
erste Direktor, Generalarzt und Geheimer Oberregierungsrath 
Struck, und sein Mitarbeiter, Geheimer Regierungsrath Fin- 
kelnburg, begründeten die Deutsche Impfstatistik und ver- 
folgten das Auftreten der Pocken und die Angaben über Impf- 
schäden. Wiederholt bot sich ihnen Gelegenheit, an der Hand 
der gewonnenen Erfahrungen die Bedenken zu entkräften und 
die Besorgnisse zu zerstreuen, welche im Reichstag und dessen 
Petitionskommission gegen das Impfgesetz geäussert wurden. 
Ein hervorragender Vorkämpfer erwuchs der Impfung unter 
den Mitgliedern des Amtes in Robert Koch, welcher im 
Jahre 1882 in die genannte Behörde berufen wurde und trotz 
der anstrengenden Arbeiten, welche seine damaligen epoche- 
machenden Untersuchungen über den Tuberkelbacillus erfor- 
derten, seine kostbare Zeit der Prüfung und Widerlegung der 
impfgegnerischen Einwände opferte. Einem Beschlüsse des 
Reichstages vom 6. Juni 1883 folgend hatte die Reichsvcr- 
waltung eine Kommission von Sachverständigen berufen, 
welcher die nochmalige Prüfung der gesammten Impf- 
frage oblag. An den Berathungen, welche vom 30. Oktober 
bis 5. November 1884 unter dem Vorsitz des Geheimen Re- 
gierungsraths Köhler im Kaiserlichen Gesundheitsamte statt- 
fanden, betheiligten sich das Mitglied des Statistischen Amts 
v. Scheel, ferner Geheimer Ober-Mcdizinalrath Eulenberg 
(Preussisches Ministerium der geistl., Unterrichts- und Medizinal- 
angelegenheiten), Oberstabsarzt Grossheim (Preussisches 
Kriegsministerium), Obermedizinalrath v. Kerschensteiner 
und Zentralimpfarzt Krantz (Bayern), Medizin alrath Siegel 
(Sachsen), die Ober-Mcdizinalräthe v. Koch (Württemberg), 
Arnsperger (Baden) und Reissner (Hessen), die Geh. Me- 
dizinalräthe Thierfelder (Mecklenburg-Schwerin) undv.Conta 
(Weimar), Sanitätsrath Krieger (Reichslande) und als Vertreter 
der Impfgegner die Aerzte Böing, Weber und Retz. Das Amt 
des Referenten lag in den Händen von Robert Koch, der in 

23* 



356 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 



dem mehrtägigen Redekampf die Sache der Impfung glänzend 
verfocht und die Ueberlegenheit der Gründe und Erfahrungen, 
durch welche der Nutzen der Impfung erwiesen wird, den 
Gegnern gegenüber, unter denen namentlich Böing durch 



Abbildung 12. 




gewandte Dialektik und tüchtige Sachkenntniss hervortrat, 
mit sicherer Entschiedenheil zur Geltung brachte. Als Er- 
gebnis:? der Kommissionsberathungen konnten dem Bundes- 
rat!) eine- Reihe von Beschlüssen vorgelegl werden, von denen 
die erste Gm ppe hier im Worl laut folgt : 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. .'!.">7 

Beschlüsse, betreffend den physiologischen und patho- 
logischen Stand der [mpffrage. 

1. Das einmalige (Jcberstehen der Pockenkrankheit verleiht mit 
seltenen Ausnahmen Schutz gegen ein nochmaliges Befallenwerden von 

derselben. 

2. Die Impfung mit Vaccine ist im Stande, einen ähnlichen Schutz 
zu bewirken. 

•'!. Die Dauer des durch Impfung erzielten Schutzes gegen Pocken 
schwankt innerhalb weiter Grenzen, beträgt aber im Durchschnitt zehn 
Jahre. 

4. Um einen ausreichenden Impfschutz zu erzielen, ist mindestens 
eine gut entwickelte Impfpocke erforderlich. 

.">. Es bedarf einer Wiederimpfung nach Ablauf von zehn Jahren 
nach der ersten Impfung. 

6. Das Geimpftsein der Umgebung erhöht den relativen Schulz, 
welchen der Einzelne gegen die Pockenkrankheit erworben hat. und die 
Impfung gewährt demnach nicht nur einen individuellen, sondern auch 
einen allgemeinen Nutzen in Bezug auf Pockengefahr. 

7. Die Impfung kann unter Umständen mit Gefahr für den Implling 
verbunden sein. 

Bei der Impfung mit Menschenlymphe ist die Gefahr der Ueber- 
tragung von Syphilis, obwohl ausserordentlich gering, doch nicht gänz- 
lich ausgeschlossen. Von anderen Impfschädigungen kommen nachweis- 
bar nur accidentelle "Wundkrankheiten vor. 

Alle diese Gefahren können durch sorgfältige Ausführung der 
Impfung auf einen so geringen Umfang beschränkt werden, dass der 
Nutzen der Impfung den eventuellen Schaden derselben unendlich 
überwiegt. 

<S. Seit Einführung der Impfung hat sich keine wissenschaftlich 
nachweisbare Zunahme bestimmter Krankheiten oder der Sterblichkeit 
im Allgemeinen geltend gemacht, welche als eine Folge der Impfung 
anzusehen wäre. 

In ihren weiteren Beschlüssen befürwortete die Kom- 
mission die allmähliche Einführung der Thierlymphe '), den 
Erlass von Vorschriften für die mit der Ausführung des Impi- 
geschäfts betrauten Aerzte und Ortspolizeibehörden, die Ver- 
öffentlichung von Verhaltungsvorschriften für die Angehörigen 
der Impflinge, die Sicherung einer technischen Vorbildung 
und zweckmässigen Auswahl der Impfärzte, die Anordnung 
einer technischen Ueberwachung des Impfgeschäfts durch 

1) Vergl. S. 34.3. 



358 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Medizinalbeamte und die Herstellung einer Statistik über die 
Pockentodesfälle im Reich. 

Mit den vorgelegten Beschlüssen und Entwürfen zu den 
beantragten Vorschriften erklärte sich der Bundesrath unterm 
18. Juni 1885 einverstanden, worauf deren sinngemässe Aus- 
führung in den meisten Bundesstaaten angeordnet wurde. Der 
Reichstag erhielt durch eine besondere Druckvorlage von den 
Beschlüssen und den stenographischen Protokollen der Be- 
ratungen Kenntniss. Er konnte sich überzeugen, dass die 
Grundlagen des Impfgesetzes wissenschaftlich nicht anzufechten 
waren, die Einwände gegenüber dem Nutzen der Impfpflicht 
zurücktreten mussten, und dass die Behörden die ihnen von 
der Wissenschaft und Erfahrung gebotenen Mittel gewissen- 
haft anwendeten, um der Bevölkerung durch pflichttreue Aus- 
führung des Gesetzes zugleich Schutz vor den Pocken und 
Sicherheit vor etwaigen Nachtheilen der Impfung zu ge- 
währen. 

Wenige Monate nach den Berathungen wurde der Vorsitzende der 
Kommission Geh. Rath Köhler an die Spitze des Gesundheitsamtes 
berufen, welches er als Director, später als Präsident bis jetzt geleitet 
hat. Während seiner Amtsführung hat er das Impfgesetz jederzeit 
mannhaft und entschlossen gegen die Angriffe der Gegner gewahrt, zu- 
gleich aber emsig an der Förderung und Ausgestaltung des Impfwesens 
gearbeitet und sich ein besonderes Verdienst erworben, indem er die 
Aufklärung des Volkes über die Vortheile der Impfung und über die 
Nichtigkeit der impfgegnerischen Angriffe als eine Pflicht seiner Behörde 
erkannte und festhielt. Nachdem R. Koch die Leitung des hygienischen 
Instituts der Universität Berlin übernommen hatte, waren als seine 
Nachfolger im Gesundheitsamte nacheinander die Regierungsräthe 
Gaffky, rtahts, Wutzdorff, Kubier, die Stabsärzte Bassenge 
und Brücke und Regierungsrath Burkhardt hauptsächlich an den 
Arbeiten auf dem Gebiete des Impfwesens betheiligt. Die Reichs- 
verwaltung fand zugleich bei den Ministerialräthen der Bundesregie- 
rungen, von denen ii. a. Schmidtmann (Preussen), v. Kerschen- 
steiner (Bayern), Günther (Sachsen), Remboldt ('Württemberg), 
Arnsperger (Baden), Neidhardt (Hessen), Pfeiffer (Weimar) zu 
nennen sind, und bei den Leitern der linpfgewiniuingsanstalten, wie 
Stumpf (München), Clia I \ I > .- 1 < • u s niivsdi-n ), Wesche f Bernburg) und 
anderen, die bereits früher genannt wurden, willkommene Unterstützung. 

Von der Sach\ erständigen-Kommission war die Herstellung 
einer Statistik über das Auftreten der Hocken als 
eins der wichtigsten Mittel erachte! worden, um über die 



Impfung and Pocken in der neuesten Zeit. 359 

Wirkung des Gesetzes Rechenschaft ablegen zu können. Eine 
solche Statistik war vordem nur in einem Theile der Bundes- 
staaten geführt worden, hatte sich auch dort meist nur auf 
eine Zusammenstellung der Pockentodesfälle nach den Todten- 
registern beschränkt und allenfalls Aufzeichnungen über das 
Alter, aber nur in kleineren Gebieten, einzelnen Städten u.dergl., 
auch über den Impfzustand der an den Blattern verstorbenen 
Personen enthalten. Den Bemühungen des Gesundheitsamtes 
gelang es, seit dem Jahre 1886 über sämmtliche Blattern- 
todesfälle im Reiche auf Grund von ärztlicherseits geprüften 
Zählkarten Kenntniss zu erhalten und auch eine allmählich 
auf fast alle Bundesstaaten ausgedehnte Zählkartenstatistik 
über die Erkrankungen an Pocken zu schaffen, wobei nicht 
nur das Alter, sondern auch der Impfzustand der in den 
Karten nachgewiesenen Personen vermerkt wurde. Der erste 
Jahresbericht erschien unter dem Titel „Ergebnisse einer 
Statistik der Pockentodesfälle im Deutschen Reiche 
für das Jahr 1886" und „Die während des Jahres 1886 in 
mehreren Staaten des Deutschen Reiches vorgekommenen 
Erkrankungen an Pocken" in der schon oft erwähnten 
Denkschrift: „Beiträge zur Beurtheilung des Nutzens der 
Schutzpockenimpfung" 1 ). Seitdem sind die Berichte alljährlich 
in den „Arbeiten", später in den „Medizinalstatistischen Mit- 
theilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte" veröffent- 
licht worden. Die gewonnenen Resultate wurden zugleich mit 
den statistischen Ergebnissen in einzelnen Bundesstaaten und 
Städten des Reichs und im Vergleich mit der Pockensterb- 
lichkeit in anderen, eines Impfgesetzes entbehrenden Ländern 
und Gebietsteilen durch Diagramme übersichtlich zur Dar- 
stellung gebracht. Solche Tafeln zur Veranschaulichung 
der Wirkung des Impfgesetzes in Deutschland waren 
schon in der erwähnten Denkschrift enthalten und sind seit- 
dem der Bevölkerung bei jeder sich bietenden Gelegenheit, 
auf Ausstellungen, bei Kongressen u. s. w., immer wieder zu 
Gesicht gebracht worden. Sie haben dazu beigetragen, man- 
ches Vorurtheil gegen das Impfgesetz zu beseitigen und vielen 



1) Die Denkschrift enthielt ausserdem mehrere Aufsätze zur Ab- 
wehr impfgegnerischer Behauptungen über die Pocken Sterblichkeit in 
Schweden, über die frühere Regelung des Impfwesens in Preussen und 
über die „Urpockenlisten", ferner eine die Einführung der Thierlymphe 
betreffende Abhandluno-. 



360 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 



von den Gegnern bethörten Personen in der Bevölkerung die 
Augen zu öffnen. 

An dieser Stelle möge es genügen, die wesentlichsten 
Thatsachen der deutschen Pockenstatistik nach der vom Ge- 
sundheitsamte später gegebenen zusammenfassenden Dar- 
stellung 1 ) kurz zu verzeichnen. Wie gross die Pockenverluste 
in den deutschen Ländern vor dem Reichsimpfgesetz waren, 
ist in früheren Capiteln 2 ) mitgetheilt worden. Nach dem 
Erlass des Gesetzes starben von je 100 000 Einwohnern an 
Blattern : 











In 






Im 




In 


In 


In 


In 


In 


Deut- 


Jahr 








Würt- 










Preussen 


Bayern 


Sachsen 


temberg 


Baden 


Hessen 


schen 
Reiche 


1875 


3,60 


1,7 


17,9 


0,3 


0,9 


0,1 




1876 


3,14 


1,3 


0,6 


0,1 


0,5 


3,3 


| 


1877 


0,34 


1,7 


0,7 


0,2 


0,1 


0,1 


i 


1878 


0,71 


1,3 


1,1 











f 


1879 


1,26 


0,5 


1,0 





0,1 


0,3 


| Keine 


1880 


2,60 


1,2 


2,3 


0,56 


0,1 


0,5 


\ An- 


1881 


3,62 


1.5 


4,1 


0,36 


0,2 


0,5 


1 gaben 


18S2 


3,64 


1,2 


0,7 


0,66 


0,45 


1,3 


1 


1883 


1,96 


0,6 


0,36 


3,52 


0,38 


1,7 


1 


1884 


1,44 


0,1 


0,48 


1.16 


0,19 


1 Keine 
/ Angab. 


1 


1885 


1,40 


0,3 


0,57 





0,31 


1 


1886 


0,49 


0,1 


0,94 


0,10 


0.50 





0,42 


1887 


0,52 


0,18 


0,28 











0,35 


1888 


0,29 


0,38 


0,24 


0,05 


0,19 





0,23 


1S89 


0,54 


0,52 


0,24 





0,19 


0,21 


0,41 


1S90 


0,12 


0,15 


0,23 





0,24 





0,12 


1891 


0,12 


0,12 


0,20 





0,12 


0,10 


0,10 


1892 


0,30 


0,05 


0,03 





0,06 





0,21 


1893 


0,44 


0,07 


0.14 


0,10 








0,31 


1894 


0,25 


0,03 


0.03 











0,17 


1895 


0.08 


0,02 


0,14 











0,05 


1896 


0,02 


0,02 


0,03 











0,02 


1897 


0.02 

















0,01 


1898 


0,04 


0,03 














0,03 



Hiernach sind die Pockentodesfälle seit dem Erlass des 
luipr-cscizes, abgesehen \<>n einer geringen Zunahme ihrer 
Zahl in der Zeit, von 1 S7i) — 1885 in Deutschland immer 



1 Blattern und Schutzpockenimpfun 
■1 Vergl. S. 253, 286 u. 287. 



in. Capitel. 



[mpfung and rucken in der neuesten Zeit. 



361 



seltener geworden und in den letzten Jahren auf eine ver- 
schwindend kleine Menge zurückgegangen. Im Jahre 1897 
starben im ganzen Reiche 5 Personen an Pocken! 
Die Abnahme der Pockensterblichkeit machte sich in den 
»Staaten, welche früher keine Impfpflicht gehabt hatten, und 
in denen daher unter dem zunächst die Kinder betreffenden 
Gesetze nur allmählich eine gut durchgeimpfte Bevölkerung 
heranwuchs, erst in den letzten Jahren in dem gleichen Grade 
bemerkbar wie in den Ländern, in denen schon vorher ein 
Impfgesetz bestanden hatte. 

In welchem Maasse auch die Erkrankungen an Blattern 
seltener wurden, erwies sich an der Zahl der Kinder, welche 
wegen des vorausgegangenen Ueberstehens der Pocken von 
der Impfpflicht zu befreien waren. Ihre Menge nahm sowohl 
bei den Erst- wie bei den Wiederimpfungen ab, entsprechend 
dem Verschwinden der Seuche aus dem Reiche. Bei den 
Wiederimpfungen zeigte sich ausserdem eine besonders grosse 
Verminderung der Zahl seit dem Jahre 188-t und 1885, in 
welchen die ersten Jahrgänge zur Revaccination kamen, welche 
ihrem Alter nach schon der gesetzlichen Impfpfiicht unter- 
legen hatten und daher bestimmungsgemäss gut durchgeimpft 
sein mussten. Die Zahlen folgen hier. Sie betrugen: 





Für die 


Für die 


Im Jahre 


Erst- 


Wieder- 




impflinge 


impflinge 


1879 


443 


1605 


1880 


664 


1432 


1881 


698 


1335 


1882 


681 


1203 


1883 


486 


1024 


1884 


407 


629 


1885 


293 


349 


1886 


379 


280 


1887 


688 


248 


1888 


242 


178 


1889 


182 


218 


1890 


122 


139 


1891 


182 


230 


1892 


148 


229 


1893 


210 


178 


1894 


137 


201 


1895 


104 


124 


1896 


84 


164 


1897 


121 


119 



362 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Seit Einführung der Erkrankungsstatistik, welche 
zunächst nur -in ausserpreussischen Bundesstaaten erhoben 
wurde, sind in diesen während der Jahre 1886 — 1898 1621 
Pockenfälle nachgewiesen worden. 1348 Zählkarten enthielten 
Angaben über das Alter, 1299 auch über den Impfzustand 
der Kranken. 225 von 1299 Kranken waren nicht geimpft, 
eine auffallend hohe Zahl, wenn man die Seltenheit unge- 
impfter Personen in der Bevölkerung nach Einführung des 
Impfgesetzes berücksichtigt. Wie gut die Kinder geschützt 
waren, bei denen seit der Impfung erst kurze Zeit verstrichen 
war, ergab sich aus der Feststellung, » dass nur 302 unter 
1348 Kranken bekannten Alters, darunter 91 ungeimpfte 
Kinder des ersten Lebensjahres und 126 nicht oder ohne Er- 
folg geimpfte ältere Kinder dem Alter bis zu 10 Lebens- 
jahren angehörten. Von 211 Kranken, welche wiedergeimpft 
waren, starben nur 12, und unter den letzteren waren 6 ohne 
Erfolg wiedergeimpft, ein siebenter erlag einer im Verlaufe 
der Pocken hinzugetretenen Erkrankung an Scharlachfieber. 
In 13 Jahren sind also innerhalb eines Bevölkerungs- 
antheils, welcher 2 / 5 sämmtlicher Einwohner des 
Reichs umfasst, nur 5 Fälle nachgewiesen worden, 
in denen erfolgreich wiedergeimpfte Personen an 
einer reinen Pockenerkrankung gestorben sind. 

Von 849 einmal mit Erfolg geimpften Kranken starben 
77, von diesen hatten aber 58 bereits das Alter von 40 Jahren 
überschritten, und nur 2 Kinder, von denen das eine an 
Bronchialkatarrh, das andere an Hirnhautentzündung starb, 
standen im Alter unter 10 Jahren. Dagegen starben von 
225 ungeimpften Kranken 70 (31,1 pCt.), und zwar von 96 
im Alter von 2—20 Jahren 19 (19,8 pCt), von 39 noch 
alleren Personen 9 (23,1 pCt.). 

Im ganzen Reiche wurden während des genannten Zeit- 
raumes 1 194 Zählkarten über Pockentodesfälle gesammelt; 
davon betrafen 511 Kinder unter 2 Jahren, welche ent- 
sprechend den Vorschriften des Gesetzes zum grössten Theil 
ni'lii geimpfl gewesen sein dürften, da sie ihrem Alter gemäss 
der [mpfpflicht noch nicht, unterlegen hatten. Nur für 15 war 
angegeben, dass sie geimpft waren, und bei 4 davon war die 
Impfung erweislich ohne Erfolg gewesen; 138 waren nach den 
Feststellungen bestimm! ungeimpft, und bei den übrigen 358 
wurde derlrapfzustand niehi ermittelt. Von 19 1 Verstorbenen 
des Alters ?on 2 -20 Jahren waren 26 nichl geimpfl und 



Impfung und l'iicken in der neuesten Zeit. 363 

21 geimpft; 13 der letzteren waren älter als 10 Jahre, und 
von diesen waren 8 nicht wiedergeimpft. Für 144 ist der 
Irapfzustand nicht bekannt, da, wie bemerkt, nur die Zähl- 
karten über tue Erkrankungen, nicht diejenigen über die 
Todesfälle Angaben über den Impfzustand zu enthalten haben. 
485 Verstorbene gehörten höheren Altersklassen an. 

Von den 1194 Todesfällen waren 938, also rund 4 / 5 , in 
den Gebieten an den Reichsgrenzen und in den Seestädten 
vorgekommen, wo die Gefahr der Ansteckung durch den Ver- 
kehr mit dem Auslande besonders gross ist. Unter den 
Todten befanden sich viele aus dem Auslande stammende 
Personen, und auch im Innern des Reichs stellten die An- 
gehörigen fremder Staaten, namentlich russisch -polnische 
Arbeiter, einen hohen Antheil zu den Erkrankungen und 
Sterbefällen an Pocken. Die sich alljährlich wiederholenden 
Einschleppungen der Seuche durch solche Personen haben 
kürzlich zu der Anordnung Anlass gegeben, dass die Arbeiter 
vor ihrer Zulassung zur Beschäftigung im Reichsgebiet den 
Nachweis einer erfolgreichen Impfung oder überstandenen 
Pockenerkrankung erbringen und im Falle, dass sie dazu nicht 
im Stande sind, sich einer Impfung unterziehen müssen. 

Neben den statistischen Arbeiten über die Pocken hat das Kaiser- 
liche Gesundheitsamt nicht versäumt, die Impfkrankheiten zu ver- 
folgen und die Fortschritte in der Lymphegewinnung und Impftechnik 
dem öffentlichen Interesse nutzbar zu machen. Das Auftreten der Im- 
petigo contagiosa gab Veranlassung zu umfangreichen bakteriologischen 
Arbeiten des Stabsarztes Kurth 1 ), welche zur Erweiterung der Kennt- 
nisse über die Streptokokken führten. Die bereits erwähnten Unter- 
suchungen Buttersack's, Deeleman's und Maassen's sind aus 
dem Amte hervorgegangen, ebenso eine kürzlich erschienene experi- 
mentelle Arbeit von Martins über die Dauer des Impfschutzes. 

Seit einigen Jahren werden alle in Tagesblättern, Zeit- 
schriften u. s. w. veröffentlichten Fälle angeblicher Impf- 
schädigungen auf am tlich em Wege aufgeklärt; die Ergebnisse 
werden in den Berichten über das Impfgeschäft bekannt gegeben, welch" 
letztere ebenso wie besondere Jahresberichte über die Thütigkeit der 
Anstalten zur Gewinnung von Thierlymphe in den Medizinalstatistischen 
Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte regelmässig zum 
Alidruck gelangen. 



1) Jetzt Direktor des hygienischen Instituts in Bremen. 



o64 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

In den 13 Jahren von 1885 — 1897 sind bei rund 32 Millionen 
Impfungen im Deutschen Reiche 113 Todesfälle an Wundkrankheiten nach 
der Impfung verzeichnet worden. Von diesen waren aber 46 nachweislich 
durch nachträgliche, mehrfach von den Angehörigen selbst verschuldeteln- 
fektion der Impfstellen verursacht, und nur für 67 war ein Zusammenhang 
mit derlmpfung selbst, wenn nicht erwiesen, so doch nicht ausgeschlossen. 

Die gesammten Erfahrungen über das Impfwesen wurden 
im Jahre 1896 dem Reichstage in einer gemeinfasslich ge- 
haltenen Denkschrift „Blattern und Schutzpockenimpfung" 
vorgelegt, welche seitdem eine weite Verbreitung gefunden 
hat und schon in 3 Auflagen erschienen ist. Sie hatte den 
erfreulichen Erfolg, dass ein damals vorliegender, von 77 Ab- 
geordneten unterzeichneter Antrag auf Aufhebung des Gesetzes, 
mit grosser Mehrheit abgelehnt wurde; nachdem ein Theii der 
Antragsteller selbst nach impfgegnerischem Zugeständnisse- 
nn der Berechtigung der gegen das Gesetz gerichteten An- 
griffe irre geworden war. 

Zwei Jahre später versammelte sich in den Räumen des 
Gesundheitsamtes nochmals eine Kommission von Sachver- 
ständigen zu dem Zwecke, die Beschlüsse von 1884, soweit 
sie sich nicht auf die wissenschaftlichen Grundlagen, sondern 
nur auf die Ausführung des Gesetzes bezogen, einer erneuten 
Prüfung zu unterwerfen. Dabei wurden die früher bereits 
angeführten Verbesserungen der Impftechnik und alle zur 
Verhütung von impfschäden erprobten und zulässigen Vor- 
sichtsmaassregeln in die alten Beschlüsse aufgenommen, mit 
denen sich dann der Bundesrath unterm 28. Juni 1899 ein- 
verstanden erklärt hat. Darunter befanden sich auch die 
früher erwähnten „Vorschriften über Einrichtung und Betrieb 
der staatlichen Anstalten zur Gewinnung von Thierlymphe", 
denen ein von der preussischen Kommission zur Prüfung (\< i r 
Impfstoff frage ausgearbeiteter Entwurf zu Grunde gelegt 
worden war. 

So ist es der Deutschen Reichsverwaltung und dm 
liundcsrciiierungen mit Hilfe ihrer Medizinal- und Gesundheits- 
behörden gelungen, durch pflichtmässige Ausführung <\ts 
[mpfgesetzes die Porken aus dem Reiche fast gänzlich zu 
verdrängen, das [mpfwesen auf eine früher nichl erreichte 
Höhe zu bringen und das Gesetz gegen seine Gegner erfolg- 
reich zu vertheidigen. oh die Abwehr der Angriffe immer 
einen gleich guten Erfolg haben wird, iiiiiss die Zukunfl 
zeigen. 



[mpfung und Pocken in der neuesten Zeit. ."lii.") 

Die Geschichte der Pocken darf jedenfalls jetzt 
die Thatsaehe verzeichnen, dass die gefurcht < i i <• 
Seuche durch die allgemeine Impfung in unserem 
Reiche nicht nur selten geworden, sondern fast voll- 
kommen verschwunden ist. 

In den letzten Jahrzehnten hat sich aber auch an dem 
Beispiel eines anderen grossen Staates gezeigt, dass die 
Pocken unter einem Impfgesetz, bei dessen Ausführung es 
an Ernst und Festigkeit mangelt, nicht nur nicht ausgerottet 
werden, sondern sich vielmehr allmählich wieder zu Epidemien 
entwickeln. In England hatte das Drängen der Impf- 
gegner den Erfolg gehabt, dass im Jahre 1891 eine König- 
liche Kommission zur Prüfung der Impfstoff frage 
eingesetzt wurde. War schon vorher die Handhabung des 
Gesetzes in vielen Bezirken ungenügend gewesen, so hielten 
sich die Behörden jetzt vollends für berechtigt, nach ihrem 
Belieben die Vorschriften anzuwenden oder unberücksichtigt 
zu lassen. Bei einer späteren Umfrage der Kommission er- 
gab sich, dass das Gesetz in 122 von 640 Distrikten ausser 
Kraft gesetzt war. Aber auch wo es angewendet wurde, 
nahmen die schon vorher hohen Ziffern der ungeimpft ver- 
bliebenen Kinder von Jahr zu Jahr zu. 1 ) So kam es, dass 
auch die Zahlen der Pockentodesfälle nur vorübergehend auf 
■einen ähnlich niedrigen Stand sanken, wie im Deutschen 
Reiche und immer wieder zu nicht unbeträchtlichen Höhen an- 
stiegen. Sie betrugen in England und Wales nach den Jahres- 
berichten des Ijocal government board in den Jahren: 

1,82 von 100000 Einwohnern 
do, 
do. 

do. 
do. 
do. 
do. 
do. 
do. 
do. 
do. 
du. 

1) Vgl. S. 250, 



1875 


. 849 


1S76 


2468 


1877 


4278 


1878 


1856 


1879 


536 


1880 


648 


1881 


3698 


1882 


1317 


1883 


957 


1884 


2216 


1885 


2827 


1886 


275 



1887 


506, 


d. i 


. 1,82 


1888 


1026 


n 


3,65 


1889 


23 


n 


0,08 


1890 


16 


5) 


0,06 


1891 


49 


li 


0.17 


1892 


431 


11 


1,47 


1893 


1455 


11 


4,93 


1894 


820 


11 


9 ~'3 


1895 


223 


11 


0,73 


1896 


541 


ii 


1,76 


1897 


25 


11 


0,08 


1898 


254 


1 1 


0,81 


251, 


311 und 


339. 





366 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

In den 5 Jahren von 1893 bis 1897 starben, auf lOOOOO 
Einwohner berechnet, in England rund 20 mal mehr Personen 
als im Deutschen Reiche. Während der Thätigkeit der Kom- 
mission erfolgten zahlreiche örtliche Epidemien; so zählte 
man im Jahre 1891 in Leeds 48 Erkrankungen (mit 1 Todes- 
fall) 1891/92 im Kreise Dewsbury 1029 (110); 1892 in 
London 292 (25); 1892/93 in London 2087 (157), Bradford 
683 (84), Chadderton 89 (9), Glasgow 107 (8), Halifax 330 
(37), Leeds 200 (11), Leicester 357 (21), Liverpool 206 (16), 
Manchester 805 (56), üldham 124 (17), Salford 49 (7), 
Sheffield 60 (3) und Warrington 667 (62); 1895/96 in Glou- 
cester 1979 (434). Die Kommission Hess es sich angelegen 
sein, über alle diese Pockenausbrüche genaue Ermittelungen 
anzustellen, deren Ergebnisse von den an Ort und Stelle ent- 
sandten Kommissaren zu Sonderberichten zusammengefasst 
und im Druck veröffentlicht worden sind. 1 ) 

Böing glaubte auf Grund der Thatsache, dass in der „fast 
völlig durchgeimpften Bevölkerung" Warringtons mehr Pocken- 
fälle vorkamen als in der nur zum kleinsten Theil geimpften 
Bevölkerung Leicesters, den Werth der Impfung bezweifeln zu 
dürfen. In der That waren in Leicester in den voraufgegan- 
genen Jahren 77,0 bis 80,1 pCt. der neugeborenen Kinder un- 
geimpft geblieben und der Impfzustand der Bevölkerung schon 
seit längerer Zeit ungünstig. Die gegen die Verbreitung der 
Pocken angewendeten Maassregeln bestanden in einem strengen 
Absonderungs- und Quarantänesystem, welches in England das 
„Leicester smallpox stamping out system" genannt 
wird. Die Kranken kamen in das Hospital, die Personen ihrer 
Umgebung mussten 14 Tage lang, sei es in ihrer Wohnung, sei 
es in Absonderungsbaracken Quarantäne halten. Bei diesem 
Leicester-System sind nun in der That in 120 von 170 Haus- 
haltungen, aus welchen der erste Kranke zum Hospital ge- 
bracht wurde, weitere Blatternfälle nicht mehr vorgekommen, 
in den übrigen 50 aber erkrankten noch 85Personen; in 23 Haus- 
haltungen, in welchen der Kranke in der Wohnung verblieb, 
folgten 42 Fälle unter den übrigen 126 Haushaltungsmit- 



li l>ie hier Iuvenilen M i 1 1 hei I iingeii sind den ( »liginalberioliten 
in den gesonderi erschienenen „Appendices" des mehrfach citirten 
„Final reporl of Nie royal commission u. s. w." entnommen. Auszüge 

nen Berichten linden sieh in den Veröffentlichungen des Kaiser- 
lichen Gesundheitsamtes, Jahnrang 1898, S. 168. 



Impfung um 1 Pocken in der neuesten Zeit. 361 

gliedern. Insgesammt erkrankten immerhin von 1234 Be- 
wohnern der 193 Primat-Haushaltungen 320, und zwar 170 
von 829 geimpften, d. i. 20,5 pCt. (wie lange Zeit seit der 
Impfung verstrichen war, ist nicht bekannt), dagegen 146 
von 345 ungehnpften Personen, d. i. 42,3 pCt. Die Iso- 
lirung und Quarantäne hatte zweifellos genützt; ihr Vortheil 
würde aber weit mehr hervorgetreten sein, wenn der Impf- 
zustand der Mitbewohner in den Häusern der Kranken gün- 
stiger gewesen wäre. Dann hätte man die Quarantäne sogar 
vielleicht ganz entbehren können. Geradezu verhängnissvoll 
wurde die Ueberführung der Pockenkranken für die Kranken 
im Hospital, soweit diese nicht genügend durch Impfung ge- 
schützt worden waren. Es erkrankten dort (und starben) 13 
(3) ungeimpfte Kinder, welche an Scharlachfieber behandelt 
wurden, und 6 (1) Personen des Aufsichtspersonals im Alter 
von 20 bis 45 Jahren, von denen 4 (1) als Kinder geimpft, 1 
10 Jahre vorher und 1 im Beginn der Erkrankung wieder- 
geimpft waren. 145 weitere Scharlachkranke, darunter 84 
geimpfte Kinder, und 30 Personen des Anstaltspersonals 
blieben verschont; unter den letzteren war nur die Oberin, 
welche an der Krankenpflege nicht theilnahm, nicht wieder- 
geimpft. In dem dem Fieberhospital nächstgelegencn Stadt- 
theil Ncwfound Pool erkrankten 55 Personen, zum Theil, 
wie angenommen wurde, infolge Ucbertragung des Contagiums 
durch die Luft. Von der Gesammtheit der Kranken waren 
198 rechtzeitig, 4 erst nach erfolgter Ansteckung geimpft, 
1 zweifelhaften Impfzustandes und 154 nicht geimpft. Es 
starben 19 nichtgeimpfte, 1 geimpfte Person und der Kranke 
zweifelhaften Impfzustandes. 

Der Verlauf der Epidemie in Leicester war durch das 
Isolirungssystem günstig beeinflusst; aber den 14 Tage 
lang in Quarantäne gelegten Personen würden durch eine 
rechtzeitige Impfung weniger Unbequemlichkeiten erwachsen 
sein als durch ihre Absperrung vom Verkehr, und trotz der 
strengen und für den Stadtsäckel sehr kostspieligen Maass- 
nahmen ist doch eine grosse Reihe von Pockenfällcn vorgekom- 
men, die in einer allgemeinen und gut geimpften Bevölkerung 
wahrscheinlich vermieden worden wären. Dabei hatte Lei- 
cester sich seit Jahren durch besondere Krankenhauseinrich- 
tungen für diesen Fall vorbereitet, und es war ein ausnahms- 
weise glücklicher Umstand, dass die Seuche nicht in den 
Volksschulen auftrat. Wäre letzteres der Fall gewesen, so 



368 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

dürfte Leicester einer ähnlich grossen Epidemie, wie einige 
Jahre später in der ebenfalls impfgegnerischen Stadt Gloucester 
auftrat, nicht entgangen sein. 

Auch in War rington, wo allerdings die ungeimpft ver- 
bliebenen Kinder in den der Epidemie vorausgegangenen 
Jahren nur 4 bis 8 pCt. der die ersten Lebensmonate über- 
lebenden ausgemacht hatten, Wiederimpfungen dagegen selten 
gewesen waren, isolirte man die Pockenkranken im Hospital, 
was eine grössere Zahl von Ansteckungen der dort befind- 
lichen Kranken und des Personals, und zwar durchweg bei 
nicht oder nur vor längerer Zeit geimpften Personen, zur 
Folge hatte. Da aber einige Fälle nicht rechtzeitig erkannt 
wurden (was immer vorkommen wird), so breitete sich die 
Seuche stärker aus als in Leicester. In den inficirten Häusern 
wohnten 2535 Personen, von denen 2387 geimpft, 107 un- 
geimpft, 41 geblättert waren. Es erkrankten von den ersteren 
553 (mit 38 Todesfällen), von den beiden anderen Gruppen 
60 (24) und 5 (0). Im Alter unter 10 Jahren standen 28 
(2) geimpfte und 30 (11) ungeimpfte Kranke. Unter den 38 
Geimpften, welche starben, befanden sich 8 Trinker, von 
denen 3 bereits an Delirium tremens gelitten hatten. Ferner 
bestand in einem Falle zugleich Eiterfieber, in einem anderen 
schon vor Beginn der Krankheit Kindbettfieber, in einem 
dritten ein Herzklappenfehler; ein Verstorbener war in der 
Genesung von Lungenentzündung von der Seuche ergriffen 
worden, ein anderer hatte an vorgeschrittener Lungenschwind- 
sucht, ein dritter an Lungen- und Darmentzündung gelitten. Im 
1. Lebensjahre starben geimpfte (8 ungeimpfte) Kinder, im 
2.-5. (3), 6.— 10. 2 (1); 11—30 Jahre waren 11 (7) 
Personen alt, älter 25 (5). In einem Epidemiejahre (1773) 
des 18. Jahrhunderts 1 ), als es noch keine Impfung gab, verlor 
Warrington 209 Kinder, sämmtlich im Alter unter 10 Jahren, 
an den Pocken. Diese 209 Todesfälle betrugen etwa 22 pCt. der 
damaligen Einwohner, während das gut geimpfte Warrington 
in der Epidemie 1892/93 nur 1,1 Todesfall auf 1000 Köpfe 
der Bevölkerung zu beklagen hatte. 

Welche Folgen die Vernachlässigung der Impfung nach 
sich zieht, wenn die Verhältnisse sieh weniger günstig ge- 
stalten wie in der Leicester-Epidemie, das sollte wenige 
Jahre später die Stadi Gloucester erfahren, deren Kinder 

1 Vergl. S. 77. 



Impfung- und Pocken in der neuesten Zeit. 369 

der Impfung in den vorausgegangenen Jahren zum über- 
wiegenden TheiJ entzogen worden waren. Hier fanden die 
Pocken in den beiden Volksschulen die Hauptstätten ihrer 
Verbreitung. Das Lcicester-System, mit welchem die Stadt- 
behörde der Seuche Herr zu werden hoffte, versagte seinen 
Dienst und konnte auch im weiteren Verlaufe aus Mangel an 
Personal nicht mehr genügend durchgeführt werden. Der 
Krankheitsverbreitung wurde durch die Anhänger des Wasser- 
heilverfahrens Vorschub geleistet, welche die Meinung ver- 
breiteten, dass lauwarme, mit Kaliumpermanganat vermischte 
Bäder die Ansteckungsfähigkeit aufhöben. Sie veranlassten 
die so behandelten Kranken, an die Luft zugehen, und zogen 
sich bei der Wasserbehandlung ihrer Patienten vielfach selbst 
die Krankheit zu. Ihr Heilverfahren aber hinderte in einer 
Anzahl der Erkrankungen den tödtlichen Ausgang nicht. 

Ein merklicher Einfiuss auf den Verlauf der Epidemie 
wurde auch durch die Isolirung der Kranken im Hospital 
nicht erreicht. 712 Kranke (mit 198 Todesfällen) wurden 
im Krankenhaus, 1267 (236) in der eigenen Wohnung be- 
handelt. Von 425 Häusern, aus denen die ersten Kranken 
zum Hospital gebracht wurden, hatten 261 nur 1, 164 mehrere 
Pockenfälle; in 673 Häusern, in denen die Kranken verblie- 
ben, betrugen die entsprechenden Zahlen 405 und 268. Die 
Gesammtzahl der Erkrankungen belief sich in den Häusern 
der ersten Gattung auf 776, in den anderen auf 1203. 

Im Ganzen erkrankten 1979 Personen; davon waren 
1168 geimpft (von denen 102 starben), 40 (16) angeblich 
geimpft, aber ohne Impfnarben, 3 (2) zweifelhaften lmpfzu- 
standes, 89 (27) erst nach erfolgter Ansteckung geimpft, 
'679 (287) nicht geimpft. 706 Kranke mit 280 Todesfällen 
betrafen Kinder unter 10 Jahren, und von diesen Kranken 
waren nur 26 geimpft, welche letzteren alle bis auf ein 4 jäh- 
riges Mädchen genasen. Bei diesem Kinde trat die Krankheit 
ein, als die Pusteln der 3 W T ochen vorher vollzogenen Impfung 
noch nicht abgeheilt waren; die Infektion scheint daher schon 
erfolgt gewesen zu sein, bevor der Impfschutz eingetreten 
war. Da Gloucester zur Zeit der Epidemie rund 40000 Ein- 
wohner besass, kamen auf je 1000 derselben rund 50 Er- 
krankungen und 10,8 Todesfälle an Pocken. Sicher wäre 
die Zahl der Opfer noch weit grösser gewesen, wenn nicht 
die immer wiederholten Proteste der Aerzte gegen die Ver- 
nachlässigung der Impfung und die dringende Mahnung des 

Kubier, Geschichte d. Pocken u. d. Impfung. 94 



370 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Medizinalministeriums schliesslich den Erfolg gehabt hätten, 
dass die impfgegnerischen Vertreter der Behörden ihren 
Widerstand aufgaben, unterm 24. März die Zwangsbe- 
stimmungen des Impfgesetzes in Kraft setzten und einige 
Wochen später das zur Ausführung der Impfung unzureichende 
Personal vermehrten. Von diesem Zeitpunkt an nahm die 
Epidemie ab. Während in den 14 Tagen vom 29. März bis 
zum 11. April der Höhepunkt mit 404 Erkrankungen erreicht 
war, sank die Zahl in den nächsten 14 Tagen auf 334, in 
der Zeit vom 26. April bis 9. Mai auf 197, vom 10. bis 
23. Mai auf 75 und, nach einer nochmaligen Erhebung in den 
folgenden 14 Tagen auf 105, in der Zeit vom 7. bis 20. Juni 
auf 36 neue Fälle. Von den in den 10 Jahren vor dem 
1. Januar 1896 geborenen 15 682 Kindern waren nur 2378 
geimpft worden; in den ersten 6 Monaten des Jahres 1896 
wurden 8484 Erstimpfungen und 26 352 Wiederimpfungen, 
insgesammt 34 836 Impfungen unter der etwa 40000 Köpfe 
zählenden Bevölkerung vorgenommen. 

Der Berichterstatter der beschriebenen Epidemien in 
Leicester, Warrington und Gloucester Dr. Sydney Coup- 
land und die übrigen von der Kommission an Ort und 
Stelle entsandten Aerzte verfolgten bei ihren Ermittelungen 
ein Verfahren, welches über die Wirksamkeit des Impfschutzes 
vorzügliche Aufschlüsse zu geben geeignet war. Sie stellten 
sowohl bei den Kranken und Verstorbenen, wie auch bei 
sämmtlichen Mitgliedern der betroffenen Haushaltungen das 
Alter und den Impfzustand fest und begnügten sich dabei 
nicht mit den Angaben der befragten Personen, sondern über- 
zeugten sich auch von dem Vorhandensein etwaiger Impf- 
narben. Auf diese Weise gewannen sie eine Statistik, die 
allen früheren ähnlichen Zusammenstellungen an Vollkommen- 
heit weit überlegen war; denn es wurde dadurch neben dem 
Nachweise, in welchem Grade die Impfung im Erkrankungs- 
falle vor dem Tode geschützt hatte, auch Kenntniss darüber 
erlangt, inwieweit die gefährdeten Personen vor der Erkran- 
kung bewahrt geblieben waren, und wie lange der Impfschutz 
bei (hn\ vaccinirten Kindern angehalten hatte. Hier seien nur 
einige der Ergebnisse mitgetheill *): 



1) Ausführliche Mittheilungen darüber in meiner mehrfach 
citirten Arbeit ..! eber die Dauer der durch die Schutzpoolcen- 
impfung bewirkten immunitäl gegen Blattern". Böing hal die Glaub- 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 371 

In 899 Haushaltungen in Gloucester erkrankten: 

Won 14 rechtzeitig geimpften Kindern (0,0 pCt.) 
im 1. Lebensjahr j yon m nic])t geimpften Kindern 70 (81,4 pCt.) 

im 2 — 10. Won 258 rechtzeitig geimpften Kindern 24 (9,3 pCt.) 

Lebensjahr /von 628 nicht geimpften Kindern 471 (75,0 pCt.) 

im 11. — 30. Ivon 1649 rechtzeitig geimpften Personen 599 (32,7 pCt.) 

Lebensjahr jvon 63 nicht geimpften Personen 47 (74,6 pCt.) 

in höherem Ivon 1465 rechtzeitig geimpten Personen 465 (31,7 pCt.) 

Alter /von 35 nicht geimpten Personen 16 (45,7 pCt.) 

In einer Anzahl betroffener Haushaltungen zu 
Sheffield, Dewsbury (544 Haushaltungen), Leicester 
(193) und Gloucester (899) starben von 5173 geimpften 
Kindern der ersten 10 Lebensjahre 8 (0,2 pCt.), von 
1541 gleichalterigen und mit ihnen geraeinsam der 
Pockengefahr ausgesetzten Kindern dagegen 383 
(24,9 pCt.), von 19028 geimpften Personen über 
10 Jahre 299 (1,6 pCt.), von 1065 gleichalterigen 
nicht geimpften Personen 227 (21,3 pCt.). 

Man sollte denken, dass die schlagenden Beweise, welche 
England in den Heimsuchungen während der neunziger Jahre 
von dem Vortheil der Impfung und den verderblichen Folgen 
ihrer Vernachlässigung erhalten hat, den dortigen impfgegne- 
rischen Bestrebungen den Boden entzogen hätten. Dies 
ist indessen leider nicht der Fall gewesen. In Gloucester 
war die schwere Epidemie kaum erloschen, als die alte Ab- 
neigung gegen das Schutzmittel wieder hervortrat. Im Jahre 
nach der Epidemie blieben von 817 Neugeborenen 571 un- 
geimpft! Das ganze Land erhielt durch Parlamentsbeschluss 
ein neues Impfgesetz, welches zuliess, dass Eltern und 
Vormünder, welche vor der Behörde erklärten, die Impfung 
sei gegen ihr Gewissen, von der Pflicht, die ihnen anver- 
trauten Kinder impfen zu lassen, befreit sein sollten. 

Zu diesem befremdenden Ausgang dürfte das Verhalten 
der Kommission nicht wenig beigetragen haben. Der von 
der Mehrheit derselben (Herschell, Paget, Dalrymple, 



Würdigkeit der englischen Statistik in Zweifel gezogen, ohne indessen 
die Originalberichte eingesehen zu haben. Das Studium der letzteren 
erweist die Haltlosigkeit seines Einwandes; selten sind Erhebungen 
über den Impfschutz mit einer solchen Sorgfalt und Gründlichkeit vorge- 
nommen worden, wie durch die Beauftragten der englischen Kommission. 

24* 



372 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Hunter, Galsworthy, Dugdale, Foster, Hutchinson, 
Meadows White, Whitbread und Bright) gezeichnete 
Bericht war eine gründliche Arbeit von hohem wissenschaft- 
lichem Werth, aber für seinen Zweck, die Aufklärung des Par- 
laments und der Bevölkerung, viel zu weitläufig, zu wenig 
übersichtlich und zu schwer verständlich abgefasst. Er stellte 
sich wissenschaftlich durchaus auf den Boden der Lehren 
vom Schutz der Impfung und vom Vortheil der Wieder- 
impfung; aber seine Verfasser besassen der impfgegnerischen 
Stimmung gegenüber nicht den Muth, die gesetzliche Ein- 
führung der Revaccination zu empfehlen. Zwei von ihnen, 
Hunt er und Hutchinson, sprachen sich für die erwähnte 
„Gewissensklausel" aus, und zwei andere, Whitbread und 
Bright, verwarfen sogar die Impfpflicht überhaupt. Letzteren 
schlössen sich die beiden der Kommission angehörenden 
Impfgegner Collins und Picton an, welche ihren von der 
Mehrheit abweichenden Standpunkt in einem besonderen Be- 
richt niederlegten. So wurde am 12. August 1898 das 
neue Gesetz erlassen, durch welches die Impfpflicht 
in England ein todter Buchstabe geworden ist. In 
welcher Weise von dem durch die „Gewissensklausel" gege- 
benen Recht Gebrauch gemacht wird, zeigt die Thatsache, dass 
schon bis Ende 1898 275000 Kinder auf Grund dieser Be- 
stimmung von der Impfung befreit worden sind. England 
wird die Folgen seiner Nachgiebigkeit zu tragen haben. 

Auch in der Schweiz hatte die impfgegnerische Be- 
wegung einen weiteren Erfolg zu verzeichnen, da der Kanton 
Bern durch Volksabstimmung im Jahre 1895 den 
Impfzwang abschaffte. Die Tragweite dieses Beschlusses 
lag weniger in der Einbeziehung eines neuen Kantons in 
die Zahl der Landestheile ohne Jmpfpllicht, als in dem Aus- 
gang eines mit Erregung geführten Kampfes, welcher über 
die Grenzen des Berner Landes hinaus das allgemeine Inter- 
esse auf sich gezogen hatte. 

Mit Genugthuung berufen sich die Impfgegner auf dir 
Wahrnehmung, dass die Schweiz trotz des Fehlens von Impf- 
gesetzen in den meisten Kantonen in den letzten Jahren nur 
wenig von den Pocken heimgesucht worden ist. In dem 
Jahrfünfl von 1«'.).'! bis 1897 starben dort jährlich rund 5 
von je ] .Million Einwohner an Pocken, d. i. zwar immer 
noch 5 mal mehr als im Deutschen Reiche, aber I mal we- 
niger als in England. 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. •><•) 

Im Allgemeinen sind jedoch die Verhältnisse in einem Lande, 
welches nur 3 Millionen Einwohner besitzt, mit denen weit grösserer 
Länder und Reiche nicht wohl vergleichbar. Auch die Gegenüber- 
stellung der Kantone mit und ohne Impfzwang ist wenig beweisend, 
weil die Impfverhältnisse in den ersteren infolge einer schlaffen Hand- 
habung der Vorschriften sich zum Theil nur wenig von denen in den 
letzteren unterscheiden. Wenn z. B. von den Kantonen Uri und Zug 
der letztere trotz der bestehenden Impfpflicht seit dem Jahre 1876 6mal, 
nämlich in den Jahren 1877, 1879, 1880, 1883, 1885 und 1886, der 
erstere, welcher der Impfpflicht entbehrt, nur 2 mal, in den Jahren 1880 
und 1885, von den Pocken heimgesucht wurde, so kann dies bei Berück- 
sichtigung der amtlichen Angaben über die in beiden Kantonen ausge- 
führten Impfungen nicht Wunder nehmen. Für Zug ist nämlich die 
Zahl der Impfungen in den Jahren 1876—1886, für Uri in den Jahren 
1876 — 1888 nicht bekannt; soweit die Zahlen verzeichnet sind, wurden auf 
je 100 imVorjahre geborene Kinder Impfungen vorgenommen in den Jahren 
1887 1888 1889 1890 1891 1892 
in Zug 93 41 43 48 47 ? 

in Uri ? ? 20 52 25 55. 

Die verhältnissmässig hohe Zahl für Zug im Jahre 1887 ist augen- 
scheinlich eine Folge der üblen Erfahrungen in den vorausgegangenen Epi- 
demiejahren 1885 und 1886; im übrigen sind dort die Impfungen regel- 
mässig so wenig zahlreich gewesen, dass danach ein zur Verhütung der 
Pocken ausreichen der Schutz der Bevölkerung nicht erwartet werden konnte. 

Das Kaiserliche Gesundheitsamt hat in der Denkschrift „Blattern 
und Schutzpockenimpfung" eine Uebersicht der Erkrankungen undTodes- 
fälle an Pocken und des Verhältnisses der Impfungen zur Zahl der Ge- 
burten in den 5 Kantonen Bern, Solothurn, Graubünden, Aargau und 
Neuenburg, in denen vor 1895 eine Impfpflicht bestand, und in den fünf 
Kantonen Zürich, Luzern, Baselstadt, St. Gallen und Thurgau gegeben, 
welche in den Jahren 1883 bezw. 1885 den Impfzwang aufgehoben 
haben. (Vergl. folgende Seite.) 

Die Denkschrift schreibt dazu: „Bei oberflächlicher Prüfung könnte 
es scheinen, als ob die Uebersicht werthvolles Beweismaterial gegen die 
Impfung lieferte, wenn auch so hohe Erkrankungs- und Sterbeziffern, 
wie für die 5 Kantone ohne Impfzwang im Jahre 1885 verzeichnet sind, 
in den 5 Kantonen mit Impfzwang überhaupt nicht vorkommen; dennoch 
aber würde es ein Trugschluss sein, aus der verhältnissmässig hohen 
Erkrankungs- und Sterbeziffer der Impfzwangskantone in einzelnen 
Jahren eine Unwirksamkeit der Impfungen daselbst zu folgern. Die Ge- 
sammtbevölkerung der ersten 5 Kantone betrug am 1. üecember 1888 
nur 1024220, die der anderen 5 zu gleicher Zeit 883511. Würde man 



374 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 



daher die in der Tabelle auf je lOOOOO Einwohner berechneten Er- 
krankungs- und Sterbeziffern auf diese Zahlen umrechnen, so ergeben' 
sich jedesmal doch nur Ziffern von höchstens einigen 100 Erkrankungen 
und meist weit unter 100 Sterbefällen ; will man so kleine Ziffern über- 
haupt zu Vergleichen verwerthen, so muss wenigstens feststehen, ob die 





Von je 100000 Ein- 


Von je 


100000 Ein- 


Auf 100 einjährige 




wohnern erkrankten 


wohnern 


starben an 


Kind 


er kamen 




an Pocken 


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1876 


0,6* 


3,0* 





0,4 


98* 


76 


1877 


1,2* 


13,3 


0,1 


0,3 


99* 


72 


1878 


3,1* 


10,9 


0,6 


0,4 


92* 


76 


1879 


6,6* 


36,3 


1,0 


4,6 


85 


60 


1880 


64,7* 


39,5 


11,1 


7,4 


76* 


79 


18S1 


p 


11,1 


16,4 


2,3 


87 


75 


1882 


3,1* 


0,6 


0,1 


— 


6S 


41 


1883 


6,0* 


4,5 


0,3 


0,4 


72* 


31 


1884 


14,4 


9,1 


1,4 


0,9 


83* 


42 


1885 


54,3 


158,1 


8,4 


29,4 


97 


78 


1886 


19,4* 


33,0 


3,8 


6,5 


76 


41 


1887 


2,2* 


0,4 


0,4 


— 


79 


31 


1888 


0,8* 


13,2 


— 


0,8 


61 


36 


1889 


0,1 


0,4 


— 


— 


77 


29 


1890 


11,9 


4,5 


1,4 


— 


87 


38 


1891 


7,2 


0,4 


0,5 


— 


77 


31 


1892 


14,6 


26,4 


0,7 


2,0 


71 


51* 


1893 


2,7 


14,9 




p 


V 


? 


1894 


43,8 


53,9 


— 


? 


V 


? 



Die 

Kantone 
fehlen. 



mit einem * bezeichneten Ziffern gelten nur für 2, 3 oder 4 
weil für die anderen die Angaben aus dem betreffenden Jahre 



in Kantonen mit Impfzwang erkrankten oder verstorbenen Personen 
wirklich geimpfl waren, und in welchem tmpfzustande sich die in den 
Kantonen ohne Impfung von den Pocken betroffenen Personen befanden, 
angesichts der vielen Kinder, die, wie aus den Angaben der Uebersichl 
geht, auch in den Kantonen mit Impfzwang ungeimpft blieben, 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 375 

ist es jedenfalls nicht wunderbar, dass dort die Blattern sich verbreitet 
haben. 

Untersucht man die verhältnissmässig hohen Erkrankungs- und 
Sterbeziffern der Impt'zwang-Kantone näher, so ergiebt sich z. B., dass 
die Ziffer von 64,7 Erkrankungen und 39,5 Todesfällen im Jahre 1880 
hauptsächlich durch einen Pockenausbruch im Kanton Neuenburg 
beding! war, der 170,0 Erkrankungen und 44,2 Sterbefälle auf 100000 
Einwohner aufwies. In diesem Kanton aber ist die Zahl der Impfungen 
in den Jahren 1876 — 1878 nicht bekannt und betrug in dem der Seuche 
vorausgegangenen Jahr 1879 nur 70 auf je 100 einjährige Kinder. An den 
hohen Zahlen des Jahres 1885 ist hauptsächlich Solothurn mit 132,1 
Erkrankungs- und 21,4 Sterbefällen betheiligt; dort sind im Jahre 1882 
nur 52, 1883 allerdings wieder 92, 1884 aber nur 76 und erst unter dem 
Eindruck des Seuchenausbruchs 1885 wieder 161 Impfungen auf je 100 
einjährige Kinder gezählt worden. In den Jahren 1890 — 1892 stellte 
Bern den Hauptantheil zu den Erkrankungen (und Todesfällen) mit 
Zahlen von 36,6 (3,7), 34,1 (2,6) und 40,4 (3,3), nachdem dort in den 
vorausgegangenen 4 Jahren nur 63, 65, 61 und 59 Impfungen auf je • 
100 einjährige Kinder stattgefunden hatten. Auch hier erhöhte sich die 
letztere Verhältnissziffer in den 3 Pockenjahren unter dem Eindruck der 
Krankheit wieder auf 95, 84 und 81. Dabei befanden sich dort unter 
den Erkrankten in den ersten 10 Lebensjahren 

1881-1890 Ungeimpfte 177, Geimpfte 9, 
1891-1892 „ 52, „ 0; 

es starben von den Erkrankten sämmtlicher Altersklassen 

1881—1890 Ungeimpfte 34,6 pCt., Geimpfte 5,2 pCt., 
1891-1892 „ 16,92 „ „ 2,99 „ ." 

Dass sich die Schweiz besonders günstiger Poekenver- 
hältnisse erfreut, kann trotz der für das Land als Ganzes 
verhältnissmässig niedrigen Sterblichkeit im Hinblick auf 
die zahlreichen örtlichen Pockenausbrüche nicht zugegeben 
werden. Die vorstehenden Zahlen liefern dafür einige 
Beispiele; besonders aber hat gerade Baselstadt, wo 
nach impfgegnerischer Behauptung 1 ) seit Abschaffung des 
Impfzwangs (1882) die Pockensterblichkeit abgenommen 
haben soll, im Jahre 1885, auf je 100 000 Einwohner 
berechnet, 543,7 Erkrankungen und 105,6 Todesfälle und 
1892 114,4 Erkrankungen und 8,9 Todesfälle an Pocken 



1) Abgeordneter Förster in der Sitzung des Deutschen Reichs- 
tags vom 12. März 1896. 



376 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

verzeichnen müssen. Auch zeigte sich beim jedesmaligen 
Auftreten der Pocken, wie der Schutz der Kinder gegen die 
Infektion abgenommen hatte, seitdem die Impfpflicht beseitigt 
war. In Zürich waren während der grossen Epidemie des 
Jahres 1870/71 nur 2 Kinder im Alter von 1 bis 9 Jahren 
den Pocken erlegen; in den Jahren 1885 und 1886 starben 
41 Kinder von I bis 5 Jahren, obwohl die Seuche damals 
im Allgemeinen eine geringere Ausdehnung erlangte, wie 
iy 2 Jahrzehnte früher. Von 504 Blattern erkrankungen in 
Baselstadt während der Jahre 1884 bis 1892 betrafen 137 
mit 45 Todesfällen sämmtlich Kinder unter 10 Jahren, die 
nicht geimpft waren, während kein rechtzeitig geimpftes Kind 
dieses Alters von der Krankheit betroffen wurde. In der 
ganzen Schweiz waren im Jahre 1891/92 von 666 Pocken- 
kranken 209 ungeimpft = 31 pCt. ; es starben 14,4 pCt 
der ungeimpften, dagegen nur 4,1 pCt. der geimpften Kranken. 

Von den übrigen Ländern Europas entbehren Frank- 
reich und Belgien immer noch eines Impfgesetzes, obwohl 
es an Anregungen zum Erlass eines solchen nicht gefehlt hat, 
und die mahnende Stimme der Aerzte oft erhoben worden 
ist. Heftige Biatternepidemien sind daher dort nicht selten, 
und die allgemeine Sterblichkeit an der Seuche betrug noch in 
dem Jahrfünft 1893 bis 1897 in den französischen Städten 
90,2, in Belgien 99,9 Todesfälle auf eine Million Einwohner, 
also etwa das 90 bis 100 fache von der Blatternmortalität 
im Deutschen Reich. 

In den Niederlanden und den skandinavischen 
Ländern bestehen die alten, früher näher erläuterten Vor- 
schriften über die Impfung fort. Auf 1 Million Einwohner be- 
rechnet hatten die Niederlande, woselbst nur ein mittelbarer 
Impfzwang ausgeübt wird, und die Kinder oft erst im schul- 
pflichtigen Alter geimpft werden, in dem vorher bezeichneten 
Jahrfünft 38,7, die dänischen Städte dagegen nur 0,5, 
Schweden 2,1 und Norwegen 0,6 jährliche Pockentodcsfällc 
auf 1 Million Einwohner. 

In Oesterreich ist seit dem Jahre L891 die Impfung 
der Kinder schärfer überwacht und mit Hilfe einer Kontrole 
der Schulkinder ziemlich allgemein durchgeführt worden; die 
Zahl der Kleinkinderiiiipfungen, die im Jahre 1890 617438 
betragen hatten, bezifferte sich infolge jener Ylaassregeln in 
den Jahren L892 auf 816786, L893 auf 751789, 1 s;> 1 auf 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 377 

867186 und 1895 auf 795977. Auf je 100 Lebendgeborene 
kamen 

im Jahrfünft 1881—1885: 77,6 Impfungen, 
„ 1886—1890: 79,8 „ 

1891—1895: 85,2 
Es starben an Pocken: 
1887 9591 Personen, d. i. 44 von je 100000 Einwohnern, 



1888 


14138 


u 


?) 


64 


do. 


1889 


12358 


jj 


>.) 


52 


do. 


1890 


5935 


v 


55 


25 


do. 


1891 


6836 


ii 


55 


29 


do. 


1892 


6087 


ii 


55 


26 


do. 


1893 


5821 


55 


5) 


25 


do. 


1894 


2512 


11 


55 


11 


do. 


1895 


1157 


11 


55 


4,7 


do. 


1896 


865 


55 


55 


3,5 


do. 



Eine erfreuliche Abnahme der Seuche ist hiernach nicht 
zu verkennen, wenngleich die Sterblichkeit immer noch weit 
höher ist als im Deutschen Reiche. 

Zu noch weiter gehenden Maassregeln hat man sich in 
einigen anderen Ländern entschlossen. Während England und 
die Schweiz auf die Jahre lang genossenen Vortheile des 
Impfschutzes verzichteten, führten Italien, Ungarn und 
Rumänien, ermuthigt durch die im Deutschen Reiche 
erzielten Erfolge, die allgemeine Impfung und Wieder- 
impfung ein. In Italien datirt das Gesetz über den Impf- 
zwang vom 22. Dezember 1888; eine kräftigere Wirksamkeit 
haben die Bestimmungen aber erst durch das am 18. Juni 1891 
erlassene und am 31. März 1892 nochmals abgeänderte Regle- 
ment über die Aufbewahrung der Schutzpockenlymphe und 
die obligatorische Impfung erlangt. In Ungarn wird die Unter- 
lassung der Impfung und Wiederimpfung seit dem Jahre 1887 
mit Strafen bedroht. In Rumänien giebt es ein Impfgesetz 
seit dem 24. Juni 1893. 

Freilich weist die Durchführung der Vorschriften in den 
genannten 3 Ländern noch manche Mängel auf; in Ungarn 
wurden z. B. im Jahre 1892 nur 78,53 pCt. der im voraus- 
gegangenen Jahre geborenen Kinder geimpft, und in den fol- 
genden Jahren sind die Verhältnisszahlen der Impfungen zu 
den Geburtsziffern noch niedriger geworden. In Rumänien 
scheinen die Vorschriften strenger beachtet zu werden; aber 



378 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

von den Erstimpfungen waren im Jahre 1894 z. B. nur 88,9, 
1895 sogar nur 85,8 pCt. von Erfolg, lieber die Zahl und 
Erfolge der Impfung in Italien fehlen bestimmte Angaben. 
Soweit indessen die Todesursachenstatistik der 3 Länder Aus- 
kunft giebt, seheint in Italien und Ungarn eine Abnahme der 
Pocken bereits eingetreten und in Rumänien die Blattern- 
sterblichkeit in den letzten Jahren verhältnissmässig gering 
gewesen zu sein. 

Die Todesfälle an den Blattern betrugen in 





Italien: 


KJ XI £, Cli. XX 

mit Kroatien u. Slavonien : 


Rumänien 


1889 


13416 


?i) 


— 


1890 


7017 


?i) 


— 


1891 


2910 


?i) 


— 


1892 


1453 


4002 


308 


1893 


2638 


2301 


289 


1894 


2606 


2544 


26 


1895 


2998 


2756 


638 


1896 


2033 


2535 


— 


1897 


1003 


2105 


— 


1898 


420 


1656 


— 



Sehr ungünstig liegen die Verhältnisse innerhalb Europas 
immer noch in Kussland und Spanien. Zwar giebt es auch 
in diesenLändern Vorschriften über die Impfung; aber sie werden 
nur unvollkommen durchgeführt, wie für Russland durch die 
grosse Zahl der ungeimpften Kinder und Erwachsenen unter den 
das deutsche Gebiet passierenden Auswanderern und den bei uns 
zur Landarbeit sich einfindenden Personen erwiesen wird. 
Im Russischen Reiche zählte man in den 5 Jahren von 1893 
bis 1897 275 502, in Spanien 23881 Todesfälle an Pocken, 
d. i. dort 463,2, hier 563,4 auf 1 Million Einwohner, in 
beiden rund ein halbes Tausend mal mehr als im Deutschen 
Reiche. 

Aehnlich gross wie in Russland scheint nach einem im 
Jahre 1897 durch v. Düring in der Deutschen medizinischen 
Wochenschrift veröffentlichten Aufsat/ die BlatternsterbJich- 
keit in der Türkei zu sein. Unter der etwa auf 1 Million 
Einwohner geschätzten Bevölkerung Konstantinopels starben 



1) Die Zahlen Milen für «lies« :! Jahre; in den vorausgegangenen 
."> Jahren 1884 bis 1888 verlor Ungarn mit Kroatien und Slavonien 5832, 
5364, 12342, L8063 und 5049 Einwohner durch Blattern. 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 'AI'.) 

nach den Registern der Administration sanitaire, deren Zahlen 
jedoch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, in den 5) Jahren 
von 1887/88 bis 1 81)5/96 nacheinander 659, 103, 30, 389, 
490, 116, 73, 773 und 355, zusammen 2988 Personen an 
der Seuche. Die Bemühungen zur Durchführung der Impfung, 
deren Nachweis zufolge Gesetz vom 21. Juli 1894 1 ) beim 
Schuleintritt, bei Uebernahme eines Amtes u. s. w. zu er- 
bringen ist, scheitern an den Vorurtheilen des niedrigen 
Volkes, namentlich bei den Griechen und Levantinern. 

Ausserhalb Europas ist die Impfpflicht u. a. in den 
englischen Kolonialgebieten Indiens und Australiens 
vorgeschrieben. Die Ergebnisse der Impfung werden von den 
dortigen Medizinalbehörden alljährlich in besonderen Berichten 
ziffernmässig nachgewiesen. Aber abgesehen davon, dass die 
Zahlen, namentlich soweit sie das Verhältniss zu der Menge 
der Impfpfiichtigen feststellen sollen, schwerlich als zuver- 
lässig anzusehen sind, scheinen trotz der Vorschriften oft 
zahlreiche Kinder ungeimpft zu bleiben oder erst nach Ab- 
lauf des ersten Lebensjahres geimpft zu werden. In der 
Provinz Bengalen wurden z. B. im Jahre 1895/96 2133606 
Impfungen nachgewiesen; diesen standen aber 2458623 Ge- 
burten des Jahres 1895 gegenüber, und von den Impfungen 
betrafen nur 394259 Kinder unter 1 Jahre, 1422854 solche 
im Alter von 1—5 Jahren. 

In Amerika sind die Impfverhältnisse so ungleich- 
massig, dass eine Uebersicht derselben sehr erschwert ist. 
In Afrika ist es den kolonisirenden Staaten angesichts der 
Durch führungsschwierigkeiten bisher nicht gelungen, die 
Impfung allgemein zu verbreiten. Besonders fehlt es dort 
oft an brauchbarem Impfstoff, weil die aus Europa versandte 
Thierlymphe während des Transports über den Aequator durch 
die Tropenhitze vielfach ihre Wirksamkeit verliert. 

In den fremden Welttheilen sind die Pocken daher auch 
jetzt noch stark verbreitet. Wohl ist in diesem oder jenem 
grösseren oder kleineren Gebiete mit Hilfe der Impfung eine 
Besserung erreicht worden ; aber immer wieder bringen die 
von den Consulatsbehörden eingesandten Seuchenberichte Mit- 
theilungen über den Ausbruch grösserer Epidemien. Nament- 
lich bilden die Seehäfen und der von ihnen ausgehende 
Schiffsverkehr Ursprungsstätten für die Verbreitung der 



1) Veröffentlichungen des Kaiserl. Gesundheitsamtes 1900, S.734. 



380 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Pocken von Land zu Land und von Welttheil zu Welttheil. 
Auf diesem Wege wird die Seuche auch immer wieder nach 
Europa gebracht. 

Die Pockenverhältnisse in Afrika hat Schön vor 
einigen Jahren in einem Aufsatz beleuchtet. Aus den mannig- 
fachen Einzelheiten, über welche er berichtet, sei nur hervorge- 
hoben, dass von den 6000 Einwohnern von Dar es Salaam, der 
Hauptstadt Deutsch- Ostafrika's, im Jahre 1892 600 den 
Pocken erlagen, und dass nach Steudel's Schätzung die 
Hälfte der Todesfälle unter den Negern in Centralafrika durch 
Blattern verursacht wird. 

Die in den Tropen thätigen Aerzte, wie A. Plehn u. a., 
sind durch ihre Wahrnehmungen zu der Annahme geführt 
worden, dass die Angehörigen der schwarzen Rasse oder der 
farbigen Rassen überhaupt eine noch weit höhere Empfäng- 
lichkeit für die Pocken besässen, als die Europäer, und dass 
der Impfschutz daher bei den Eingeborenen der fremden 
Erdtheile weniger wirksam oder von kürzerer Dauer sei 
als bei uns. In welchem Grade dies zutrifft, müssen weitere 
Erfahrungen lehren; es würde jedenfalls damit übereinstimmen, 
dass die europäischen Theilnehmer an Reisen und militäri- 
schen Expeditionen in Afrika, die allerdings vor Beginn ihrer 
Unternehmungen ihre Revaccination nicht zu versäumen 
pflegten, auch dann der Ansteckung entgingen, wenn die 
Pocken unter ihren schwarzen Begleitern in heftigstem Grade 
aufgetreten waren. Ferner hat die jüngste der civilisirten 
Nationen, das japanische Volk, bei Regelung der Impfung 
weiter gehen zu müssen geglaubt, als die europäischen Nationen, 
offenbar in der Ueberzeugung, dass bei den individuellen Ver- 
hältnissen der mongolischen Rasse die Wiederimpfung nach 
10 Jahren nicht genüge. 

Die Impfung wurde in Japan zuerst im Jahre 1849 
durch den holländischen Arzt Mohnike eingeführt und ver- 
breitete sich innerhalb von 3 Jahren über das ganze Land. 
Im Jahre 1871 wurde das Impfwesen dem Medicinalkollegium 
der Universität, 4 Jahre später dem dem Ministerium des 
Innern unterstellten Gesundheitsamte übertragen. Kercils 
damals bestand eine [mpfanstalt zur Gewinnung von Thier- 
[ymphe, welche jährlich zweimal, im Frühjahr und Herbst, 
den Bedarf an [rapfstoff herstellte. Im Jahre 1876 wurde 
die Unterlassung der Impfung gesetzlich mit Strafe bedroht. 
Im Jahre 1885 wurde das gegenwärtige [rapfgesetz erlassen, 



[mpfung und Pocken in der neuesten Zeit. 381 

welches nicht nur die Erstimpfung der Neugeborenen, sondern 
eine alle 5 Jahre zu wiederholende weitere Impfung der 
Kinder vorschreibt und die Unterlassung unter Strafe stellt. 
Im Jahre 1892 wurde der Gebrauch von Menschenlymphe 
gänzlich abgeschafft, und 4 Jahre später nahm das Parlament 
ein Gesetz, betreffend die Organisation der Anstalt für 
Lymphegewinnung, fast einstimmig an. Die Bevölkerung ist 
hiernach zur Impfung verpflichtet, die Regierung für Be- 
schaffung des Impfstoffs verantwortlich. 

Freilich ist die Durchführung der gesetzlichen Vorschriften 
nach Art der Verwaltungseinrichtungen nicht von gleicher 
Sicherheit wie im Deutschen Reiche; trotz des Gesetzes blieben 
in den Jahren 1890—1895 nacheinander 566 277, 610 421, 
1 159 533, 896 475, 906 907, 943 016 implpflichtige Kinder 
der verschiedenen Altersklassen ungeimpft, und auch die 
Impferfolge stehen bei weitem nicht auf derselben Höhe, wie 
bei uns. Daher sind in den seit dem Jahre 1890 erschei- 
nenden Medizinalberichten noch hohe Pockenziffern verzeichnet; 
in den 6 Jahren 1890—1895 sollen 25, 721, 8409, 11852, 
3342 und 268 Personen der Seuche erlegen sein; aber selbst 
diese Verluste erscheinen den Japanern gering gegenüber den 
Verheerungen früherer Zeiten. Sie bringen der Impfung ein 
weitgehendes Vertrauen entgegen; die Erfolge des Schutz- 
mittels gegen die Pocken haben in ihrem Lande zuerst das 
Misstrauen gegen die Wissenschaft des Auslandes erschüttert 
und den Anstoss zur Milderung und Aufhebung der Vor- 
schriften gegen die Einfuhr und Uebersetzung fremdlän- 
discher Bücher gegeben. 

Es mag an diesem Ausblick über die Grenzen Europas 
genügen; die Geographie der Pocken würde das Thema 
eines besonderen Buches bilden können. Kehren wir zu 
unserem Welttheil zurück, so zeigt die als besondere Tafel 
am Schlüsse dieses Buches beigegebene, der Denkschrift des 
Kaiserlichen Gesundheitsamtes „Blattern und Schutzpocken- 
impfung" mit Genehmigung des Präsidenten der genannten 
Behörde und mit Einverständniss der Verlagsbuchhandlung von 
Julius Springer entnommene Karte der Pockenverbreitung zu- 
gleich auch den Stand der Impfung in den verschiedenen Län- 
dern an. AVo gute Impfgesetze und straffee Ausführung der Vor- 
schriften vorhanden sind, da finden die Pocken keinen Boden; 
wo man die Impfung vernachlässigt, da gedeihen sie und 
fordern sie ihre Opfer an 'Menschenleben. Wie aber das 



382 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 



Schutzmittel auch in letzterem Falle im Stande ist, seine 
Wirkung an denen zu beweisen, die davon Gebrauch machen, 
das zeigt die Heeresstatistik. In einem früheren Capitel 
wurde mitgetheili, dass die preussische Armee innerhalb der 
ungenügend durch geimpften und von Pocken immer wieder 
heimgesuchten Civilbevölkerung nach Einführung der Impfung 
sämmtlicher Rekruten nur noch geringe Verluste durch die 
Krankheit erlitt. Aehnliche Erfahrungen haben in den letzten 
Jahren andere Armeen gemacht, deren Kommandobehörden 
mit gleicher Einsicht verfuhren, wie die preussische Heeres- 
leitung im Jahre 1834. In der österreichischen Armee ist 
die Impfung aller Rekruten seit dem Jahre 1886, in der 
französischen Armee seit dem Jahre 1889 durchgeführt. Die 
Zahlen der Impfungen, der Erkrankungen und Sterbefälle an 
Pocken für beide Armeen ergeben sich aus den nachfolgenden 
Uebersichten, 1 ) die so deutlich den Nutzen der Maassregel 
erweisen, dass ihnen nichts hinzuzufügen ist. 

Oesterreichisches Heer. 
Von je 1000 Mann der durchschnittlichen Verpflegungs- 
stärke 







geimpft 




bezw. 




wurden 


bezw. 


und 


starben an 




im Jahre 


wieder- 
geimpft 


erkrankten 


Pocken 




1881 


56 


4,3 


0,29 


\ 


1882 


53 


4,2 


0,27 


vor Einführung der J 


1883 


79 


2,6 


0,16 


allgemeinen Impfung J 


1884 


108 


1,9 


0,08 




1885 


137 


2,1 


0,12 



nach Einführung ' 
der allgemeinen < 
Impfung 



1886 


555 


1,4 


0,08 


1887 


453 


0,8 


0,03 


1888 


423 


0,5 


0,02 


1S89 


426 


0,3 


0,02 


1890 


491 


0,2 


0,003 


1891 


494 


0,2 


0,007 


1S92 


447 


0,16 


— 


1893 


487 


0,11 


0,003 


1894 


511 


0,10 


0,003 


1 895 


545 


0.11 


(l.OOT 


1896 


57:; 


0,06 


0,003 



l) Blattern und Schutzpockenimpfung. S. 1<1 u. 172. 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 



383 



Französisches Heer 



Es wurden 
im .lahre 



Mann- 
schaften 
der durch- 
schnittl. 
Kopfstärke 
von 



geimpft 
bezw. bei 
erfolglosem 
Ausfall der 
Impfung 
wieder- 
geimpft 



und 
er- 
krank- 
ten 



bezw. 

star- 
ben an 
Pocken 



vor Durchführung 

der allgemeinen 

Impfung 

Uebergangsjahr; im 
November wurde die 
Impfung angeordnet 



nach Durchführung 

der allgemeinen 

Impfung 



1885 
1886 
1887 



18S8 



451941 
471517 
457677 



170512 
152677 
194540 



507360 308540 



214 

288 
302 



345 



1889 


524733 


1890 


533042 


1891 


523372 


1892 


524719 


1893 


525687 


1894 


546371 


1895 


545459 


1896 


564643 



409281 


190 


507195 


102 


651922 J ) 


105 


537786 


117 


519778 


132 


506467 


97 


631140 


61 


649294 


56 



6 

17 
18 



14 



20 
4 
3 
1 
4 



1) Die Ziffern der Jahre 1891 bis 1896 beziehen sich jedesmal 
auf den Zeitraum vom 1. April bis zum 31. März. 

Die Heere jener beiden Nachbarländer des Deutschen 
Reiches haben mit Hilfe der Impfung die gleichen Erfolge er- 
reicht, welche die preussischen, bayerischen, württembergischen 
und andere deutsche Truppen schon viele Jahrzehnte vorher 
verzeichnen durften. In der Deutschen Armee sind die 
Pocken noch weit seltener geworden, seitdem auch 
die Civilbevölkerung gut geimpft und die An- 
steckungsgefahr im Verkehr mit dieser daher auf 
ein Mindestmaass gesunken ist. Nur 2 mal seit dem 
Jahre 1874, im Jahre 1884/85 und im Jahre 1898, ist 
in der Preussischen Armee ein Todesfall an Pocken 
zu verzeichnen gewesen, und der erste davon betraf 
einen zur Uebung eingezogenen Reservisten, der zu- 
letzt 7 Jahre vorher als Rekrut und zwar zweimal 
ohne Erfolg geimpft war. Das Verschwinden der 
Blattern und die Abnahme der augenblicklichen Gefahr hat 
der Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, welche der Ausführung 



384 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

der Impfung im Deutschen Heere zugewendet wurde, nicht 
Abbruch gethan. Einmüthig sind die Heeresleitungen der 
Bundeskontingente darauf bedacht, den Truppen das Schutz- 
mittel zu erhalten. Die Medizinalverwaltungen der Armeen, 
insbesondere der Chef des preussischen Sanitätskorps, Gene- 
ralstabsarzt Prof. Dr. v. Coler, zu dessen 70. Geburtstag 
dieses Buch als eine bescheidene Gabe der Verehrung dar- 
gebracht werden soll, ermüden nicht, alle Verbesserungen des 
Impfwesens zu prüfen und zu verwerthen, die Erfahrungen 
in der Armee auszunutzen und rathend und helfend die unter- 
gebenen Aerzte zu unterstützen, damit das Heer, wie vormals, 
so auch jetzt und in Zukunft unbesorgt um die Pocken- 
gefahr, sei es im Frieden oder im Kriege, die ihm von dem 
Allerhöchsten Kriegsherrn gestellten Aufgaben erfüllen kann. 



Litteratur. 

Die Ergebnisse des Impfgeschäfts im Deutschen Reiche. 
Jahresberichte, veröffentlicht in den „Arbeiten", später in den 
Medizinal-statistischen Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesund- 
heitsamte. 

Germann, Ein offenes Wort gegen Impfung und Impfzwang, gerichtet 
an das K. Sächsische Landes-Medizinal-Collegium. Leipzig 1873. 
— ■ Historisch-kritische Studien über den jetzigen Stand der Impf- 
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Zürich 1881. 

Oidtmann, Die Zwangsimpfung der Thier- und Menschenblatiern. 
Düsseldorf 1874. — Virchow und die Impffrage. — Kommen und 
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Dr. llennemann, Menschenimpfling und Blattern. Berlin 1871. 

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Löhnert, Impfzwang oder [mpfverbot? Leipzig 1883. — Die Impfung 
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Menschenfreunde. Cheninilz 1873. 

Kolb, Zur [mpffrage. l uzulänglichkeil der bisherigen Ermittelungen 



Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 385 

und Verlangen nach Aufhebung des Impfzwangs. Leipzig 1*77. 
Der heutige Stand der Impffrage in kurzen Umrissen. 
Butterbrodt, Der Kampf gegen Unnatur und Aberglauben, bezw. 
gegen die Vernichtung der Menschheit von Seiten der sogenannten 

Medizinischen "Wissenschaft. 

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des Jahres 1894 nebst einer vergleichenden Zusammenstellung 
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30. Jahrgang. Bern 1894. 

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zur "Würdigung des Deutschen Impfgesetzes. Erlangen 1874. 

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Wolffberg, Ueber die Impfung. Historisch-statistische Mittheilungen 
über Pockenepidemien und Impfung nebst einer Theorie der 
Schutzimpfung. Ein Vortrag. Berlin 1884. — Die Impfung und 
ihr neuester Gegner. Bonn 1880. — Ueber den Einfluss desLebens- 
alters auf die Prognose der Blattern, sowie über die Andauer des 
Impfschutzes. Eine statistische Untersuchung. Bonn 1883. — 
Neue Beiträge zum Studium der Vaccination. Centralbl. f. allge- 
meine Gesundheitspflege. Ergänzungsheft. Band IL Bonn 1886. 

L.Pfeiffer, Die "Vaccination. Ihre experimentellen und erfahrungs- 
gemässen Grundlagen und ihre Technik mit besonderer Berück- 
sichtigung der animalen Vaccination. Tübingen 1884. 

0. Bollinger, Ueber animale Vaccination. Bericht über eine im Auf- 
trag des Kgl. Bayr. Staatsministeriums des Innern u. s. w. zum 
Besuche der animalen Impf-Anstalten in Belgien, Holland und 
Hamburg unternommene Reise. Leipzig 1879. — Ueber Menschen- 
und Thierpocken, über den Ursprung der Kuhpocken und über 
intrauterine Vaccination. Sammlung klinischer Vorträge, heraus- 
gegeben von R. Volkmann. No. 116. Leipzig 1877. 
Kubier, Geschichte d. rocken u. d. Impfung. ->r. 



386 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Pissin, Die beste Methode der Schutzpockenimpiüng. Berlin 1874. — 
Bericht über die vierzehnjährige Wirksamkeit des Impf-Institutes 
für animale Vaccination, mit besonderer Rücksicht auf die allge- 
meine Ausführbarkeit durch den Staat. Berlin 1879. 

Warlomont, De la vaccination animale et de l'utilite des revaccinations 
ä tous les äges de la vie. Brüssel 1865. 

Schulz, Impfung, Impfgeschäft und Impftechnik. Ein kurzer Leitfaden 
für Studirende und Aerzte. Berlin 1888. 

L. Voigt, Der Erfolg mit der animalen "Vaccination in der Hamburger 
Impfanstalt. Leipzig 1879. -- Jahresberichte über die Schriften 
über die Schutzpockenimpfung im Archiv für „Kinderheilkunde". 
- Untersuchungen über die Wirkungen der Vaccine-Mikrokokken. 
Dtsch. med. Wochenschr. 1887. No. 52. — Das erste Jahrhun- 
dert der Schutzimpfung und die Blattern in Hamburg. Leipzig. 
1896. — Variolavaccine und Impfschutz. Vierteljahrsschr. f. 
öffentl. Gesundheitspflege. 1898. S. 512. 

Lotz, Die Blatternepidemie des Jahres 1885 in Basel. — Erfahrungen 
über Variola. Correspondenzblatt f. Schweizer Aerzte 1886 und 
1894. — Eine falsche Vogt's-Rechnung. Schweizerische Blätter 
für Gesundheitspflege. 1889. S. 29. 

Guttstadt, Das Impfwesen in Preussen. Nach amtlichen Quellen 
bearbeitet. Zeitschrift des Koni gl. preuss. Statist. Bureaus. 1890. 

G. Heimann, Die Pockensterblichkeit in Preussen während der Jahre 
1872—1894. Zeitschrift des Königl. preuss. statist. Bureaus. 1896. 

Werner, Die Schutzpockenimpfung in der Preussischen Armee. Dtsch. 
medizinische Wochenschrift. 1896. S. 311. 

Kubier, Statistisches zur Wirkung des Impfgesetzes. — Impfgegnerische 
Beweismittel. Dtsch. med. Wochenschrift. 1896. No. 6 u. 20. 

Protokolle über die Verhandlungen der Kommission zur 
Berathung der Impf frage. Reichstagsdrucksache No. 287. 
6: Legislatur-Periode. I. Session. 1884/85. 

Geo. M. Sternberg, Wissenschaftliche Untersuchungen über das spe- 
zifische Infektionsagens der Blattern und die Erzeugung künst- 
licher Immunität »'c^th diese Krankheil. Centralbl. f. Bakteriol. 
1896. Bd. XIX. Daselbst eingehende Litteraturangaben über 
die Forschungen nach dem Erreger der Pocken und Kuhpocken. 

Buttersack, Ueber ein Gebilde, welches sich in Trockenpräparaten 
von Vaccine- und Variolalymphe sichtbar machen lässt. Arbeiten 

dem Kaiserl. Gesundheitsamte. IM. IX. 1893. S. '.><;. 
Weiteres über das von mir beschriebene Gebilde aus Vaccino- 
Lymphe. Berliner klinische Wochenschr. L895. No. 12. 

Nakanishi, Bacillus variabilis lymphae vaccinalis, ein neuer Iconstanl 



[mpfung und Pocken in der neuesten Zeit. 387 

in Vacciuepusteln vorkommender Bacillus. Centralbl. 1". Bakteriol. 
iUh. I. Bd. 27. S. 641. 

Guarnieri, Richerche sulle patogenesi ed eziologie dell' infezione 
vaccinica et vajuolosa. Archivio per le scienze mediche. 1892. 
p. 403. 

Leoni, Jugli etudi eseguiti intorno al fattori del attivita speziiica e 
patogena del vaccino. Rivista d'Igiene. 1890. — Ricerche sulla 
patogenesi ed etiologia dell infezione vaccinica e variolosa. 
Archivio per le scienze mediche. 1892. Vol. XVI. No. 22. 

Paul, Ueber rationelle Gewinnung eines reinen (keimarmen) animali- 
schen Impfstoffs. — Ueber eine verlässliche Methode zur Erzeu- 
gung einer von vornherein keimarmen animalen Vaccine. Das 
österreichische Sanitätswesen. 1896. No. 43 Beilage und 1898, 
No. 52. — Jahresberichte der k. k. Impfstoffgewinnungsanstalt in 
Wien. Dieselbe Zeitschrift. A r erschiedene Jahrgänge. 

E. Pfeiffer, Ueber die Züchtung des Vaccineerregers in dem Cornea- 
epithel des Kaninchens. Centralblatt für Bakteriol. Bd. XVIII. 
1875. p. 769. 

v. Wasielewski, Ueber die Form und Färbbarkeit der Zelleinschlüsse 
bei Vaccineimpfungen (Cytoryctes vaccinae Guarnieri). Centralbl. 
f. Bakteriol. I. Abth. Bd. XXI. 1897. S. 901. 

Hü ekel, Die Vaccinekörperchen. Nachuntersuchungen an der ge- 
impften Hornhaut des Kaninchens. Ein experimenteller und 
kritischer Beitrag zur Frage nach dem Contagium der Vaccine. 
Jena. 1898. 

Koch, Die Untersuchungen im Kaiserlichen Gesundheitsamte über die 
Mikrokokken der Vaccine. Dtsch. med. Wochenschr. 1883. S. 500. 

Frosch, Vanselow, Freyer und Czaplewski, Erster bezw. zweiter 
Bericht über die Thätigkeit der von dem Herrn Minister der geist- 
lichen u. s. w. Angelegenheiten eingesetzten Kommission zur Prü- 
fung der Impfstofffrage. Berlin 1896 und 1899. 

Landmann, Bakteriologische Untersuchungen über den animalen Impf- 
stoff. — Ueber reine animale Lymphe. Hygienische Rundschau. 
1895. No. 21 u. 1896. No. 10. 

Deeleman, Ueber den Bakteriengehalt der Schutzpockenlymphe. Mit 
einem Anhang von Maassen. Arbeiten aus dem Kaiser!. Gesund- 
heitsamte. Bd. XIV. S.88. Daselbst eingehende Litteraturüber- 
sicht über die Lymphebakterien. — Einige Versuche über die Ein- 
wirkung von Glycerin auf Bakterien. Ebenda. S. 144. 

M. Kirchner, Ueber den Keimgehalt animaler Lymphe. Zeitschrift f. 
Hygiene.' Bd. 24. 1897. 

25* 



388 Impfung und Pocken in der neuesten Zeit. 

Neidhart, Wissenschaftliche Mittheilungen über keimfreie Lymphe. 
Allgem. med. Centralzeitung. 1896. No. 101—104. 

L. Pfeiffer, Ueber Vaccine und Variola. Wiesbaden 1884. — Ueber 
Sprosspilze in der Kälberlymphe. Weimar 1885. — Die bisherigen 
Versuche zur Reinzüchtung des Vaccinekontagiums. Zeitschrift f. 
Hygiene. 1887. S. 397. ■ — Ueber Impfkrankheiten und antisep- 
tische Impfung. Dtsch. med. Wochenschr. 1892. S. 198. 

Dreyer, Bakteriol. Untersuchung der Thierlymphe. Zeitschr. f. Hyg. 
und Infektionskrankh. 1898. S. 116. 

Copeman, The bacteriology of Vaccine lymph. Med. Press and Circ. 
London N. B. Bd. 53. p. 313. — The bacteriology of Vaccine 
lymph with special reference to an improved method of storage 
and preservation. Brit. med. Journal. 1893. p. 1256. 

Thorne Thorne, Report to the local government board on the pre- 
paration and storage of glycerinated calf Vaccine lymph. London. 
1897. 

Wesche, Die animale Vaccination im Herzogthum Anhalt. Leipzig. 
1898. 

Loewe, Ueber den Nutzen, die Gefahren und die wünschenswerthen 
Verbesserungen des heutigen Impfverfahrens. Hygienische Rund- 
schau. 1898. No. 10 u. 11. 

Ergebnisse der amtlichen Pockentodesfall-Statistik im 
Deutschen Reiche, nebst Anhang betreffend die Pocken- 
erkrankungen (Jahresberichte).. — Die Thätigkeit der im 
Deutschen Reiche errichteten staatlichen Anstalten 
zur Gewinnung von Thierlymphe (Jahresberichte) in den 
,, Arbeiten" bezw. „Medizinalstatistischen Mittheilungen aus dem 
Kaiserlichen Gesundheitsamte". 

Fürst, Die Pathologie der Schutzpockenimpfung. Berlin. 1896. — 

Martius, Experimenteller Nachweis der Dauer des Impfschutzes 
gegenüber Kuh- und Menschenpocken. Arbeiten aus dem Kaiserl. 
Gesundheitsamt. Bd. XVII. 1900. S. 156. 

Böing, Zur Frage des Impfzwanges. Allg. med. Central-Zeitung. 1898. 
S. 975. — Oberimpfarzt Voigt als Kritiker. — Noch ein Wort 
zur Impffrage. Antwort an M. Böhm. Hygiea. 1898. November. 
S. 36 bezw. Dezember S. 65. 

Kubier, Bemerkungen zu dem Aufsatz von Böing: Zur Frage des 
Impfzwangs. Allgem. med. Central-Zeitung. 1898. No. 90. 

Voigt, Knviderung auf Herrn Dr. Böing's „Neue Untersuchungen zur 
Pocken- und [mpffrage" — Erwiderung auf obige Antwort des 
Herrn Dr. Böing ron Dr. L. Voigt. Deutsche Vierteljahrsschr. 
f. öffentl. Ge undheitspilege. L898. S. 554 und L899. S. 404. 



Impfung and Pocken in <ler neuesten Zeit. 389 

Carl Fraenkel, Schutzimpfung und Impfschutz. Marburg. 1895. 

Paul, Die Entwicklung der Schutzimpfung in Oesterreioh. Wien. 1901. 

Das Gesundheitswesen Ungarns. Herausgegeben vom K. Ung. 
Minister des Innern. Budapest. 1896. 

Veröffentlichungen des Kaiserl. Gesundheitsamtes. Darin 
Auszüge aus den Medizinal- und Sanitätsberichten, statistischen 
Veröffentlichungen u. s. w. für Ungarn, Italien, Rumänien, 
Britisch-Ostindien, Japan und andere Länder. 

The report of the centennial celebration of Jenners discovery of 
vaccination held in Tokyo. Mai 14. 1896. 

v. Düring, Blatternmortalität in Konstantinopel. Deutsche med. 
Wochenschr. 1897. No. 5. 

Schoen, Die Blattern in Afrika und die Schutzpockenimpfung daselbst. 
Centralblatt f. Bakteriol. 1896. S. 641. 

Ausserdem wurden zahlreiche Arbeiten, deren Titel in den Litteratur- 
verzeichnissen der vorausgegangenen Kapitel vermerkt sind, be- 
nutzt, insbesondere die amtlichen deutschen und englischen Denk- 
schriften und Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte. 



Schluss. 



Am 14. Mai 1896 war ein Jahrhundert verflossen, seit- 
dem Edward Jenner seine erste Impfung an dem Knaben 
James Phipps vollzogen hatte. Jn der eigenen Heimath des 
3Iannes, dem wir die Einführung des Schutzmittels gegen die 
Pocken verdanken, und zwar gerade in der Hauptstadt der 
Provinz Gloucestershire, in der er gelebt und gewirkt hat, 
herrschten damals wieder die Blattern in ihrer alten furcht- 
baren Gestalt, weil man das Volk verblendet und zur Nicht- 
achtung der Lehren seines Wohlthäters verleitet hatte. Es 
war eine eigenartige Feier des Oentennarjubiläums der Schutz- 
pockenimpfung, dass die Einwohner von Gloucester in ihrer 
bitteren Noth endlich auf die Stimmen der Aerzte hörten und 
mit Hilfe der Vaccine der Seuche ein Ende setzten. 

Wer aber die Segnungen der Schutzpockenimpfung zu 
würdigen verstand, der gedachte an jenem Tage dankbar 
ihres Begründers. An zahlreichen Orten vereinigten sich die 
Aerzte, um Jenner's Andenken zu feiern. Selbst in Japans 
Hauptstadt Tokio wurde der 14. Mai von 9 wissenschaftlichen 
Körperschaften durch Herausgabe einer Volksschrift, durch 
eine Ausstellung und eine in Gegenwart des Ministers des 
Innern und der diplomatischen Vertreter vieler auswärtiger 
Regierungen abgehaltene und zahlreich besuchte Festsitzung 
-'feiert. Das Herrscherpaar hatte das Unternehmen durch 
Geldspenden unterstützt. -- Die russischen Aerzte hatte zu 
einem Jennerfest in St. Petersburg eingeladen. — In Deutsch- 
land sprach Ernst v. Leyden einige Wochen vor dem 
Jubiläurastage auf dem KoDgress für innere Medicin zu Wies- 
baden in glänzender Rede über die hundertjährige Gedenk- 



Schluss. 391 

feier der Schutzpockenimpfung. Am 14. Mai selbst schmückten 
der Magistrat und die Stadtverordneten ßerlin's den Festsaal 
des Rathhauses für eine von den Aerzten der Stadt veran- 
staltete feierliche Versammlung, deren Ehrenvorsitz Ober- 
bürgermeister Zelle neben dem Altmeister der deutschen 
Aerzte Rudolph Virchow, dem Generalstabsarzt der Armee 
v. Co ler, dem Vorsitzenden der Berliner i^erztekammer Ge- 
heimen Sanitätsrath Becher und dem Geheimen Medicinal- 
rath Gerhardt übernommen hatte, and in welcher der 
letztgenannte die Festrede hielt. Gleichzeitig war haupt- 
sächlich durch die Bemühungen der Aerzte Arthur Hart- 
mann und B ehrend eine Ausstellung veranstaltet worden, 
welche die Entwicklung des Impfwesens in dem verflossenen 
Jahrhundert vergegenwärtigte. 

Die Vertreter der medicinischen Wissenschaft konnten den 
Festtag in dem frohen Bewusstsein begehen, dass das in der 
Schutzpockenimpfung gegebene und erprobte Princip des 
Kampfes gegen die Infektion sich auch anderen Seuchen gegen- 
über zu bewähren begann. Schon hatte Pasteur mit der 
Tollwuthimpfung viele Menschenleben gerettet. Durch Robert 
Koch 's Entdeckungen auf dem Gebiete der Bakteriologie war 
der Schleier gelüftet, der undurchdringlich über der Entstehung 
der Infektionskrankheiten ausgebreitet zu sein schien; in 
rascher Folge wurden neue Einblicke in das Wesen und die 
Ursachen der Prädisposition und der Immunität gewonnen. 
Die Phagocytentheorie Metschnikoff's, Buchner's Lehre 
von den Alexinen, Koch 's Arbeiten über das Tuberkulin, 
R. Pfeift er 's Untersuchungen über die Choleraschutzstoffe 
und viele andere Forschungen auf dem Gebiete der Menschen- 
und Thierkrankheiten durften als bedeutende Errungenschaften 
der Wissenschaft begrüsst werden und verhiessen noch grössere 
Fortschritte für die Zukunft. Kaum zwei Jahre vorher 
war auch in der praktischen Seuchenbekämpfung durch 
Behring's Heilserum ein grosser Erfolg erreicht worden, 
an Bedeutung der Entdeckung Jenner's nicht unähnlich. 
Freilich begann sich die Ueberzeugung von dem Werthe 
des Diphtherieantitoxins damals erst zu festigen, und noch 
heute giebt es Aerzte, die sich ablehnend gegen das neue 
Mittel verhalten oder doch wenigstens dessen unbedingte 
Anerkennung als verfrüht betrachten. Aber die wissenschaft- 
liche Bedeutuno- der neu erkannten Thatsachen wird kaum 



392 Schluss. 

mehr angefochten; in ihnen sind die Grundlagen für die 
Weiterentwickelung gegeben. 

Die Schutzpockenimpfung wurde von Jen n er nach 
langjährigen Beobachtungen in die ärztliche Praxis, einge- 
führt; die immunisirende Wirkung gegenüber der Pockenan- 
steckung hatte er so sicher erkannt, dass er daran nicht 
wieder irre zu werden vermochte. Aber alle seine Versuche, 
eine Erklärung dafür zu geben, waren, so sehr sie der Er- 
gründung des wirklichen Zusammenhangs nahe kamen, 
Hypothesen und mussten Hypothesen bleiben, weil die dama- 
lige Wissenschaft das Wesen der Infektion und Immunität, 
von welchem van Helmont schon Jahrhunderte vorher eine 
richtige Vorstellung besessen hatte, nicht zu enträthseln ver- 
mochte. So trefflich sich die Vaccination in der Folge be- 
währte, so konnten die Gegner immer wieder dagegen geltend 
machen, dass die Thatsache des Impfschutzes nicht erklärt 
und daher nicht bewiesen sei. Jetzt ist auch dieser Ein- 
wurf nicht mehr zulässig. Wohl ist uns der Erreger der 
Pocken bisher noch unbekannt geblieben; wir können seine 
Vermehrung und seine Vernichtung nur am Verlauf der 
Krankheit und an der Wirkung der Impfung feststellen. Aber 
aus den sicheren Beobachtungen bei anderen Infektionskrank- 
heiten sind wir berechtigt, Schlüsse auch für die Pocken 
herzuleiten. Die Impfung verleiht dem Körper die aktive 
Immunität, mit der er sich der Keime der Blattern erwehrt. 

Der Wissenschaft bleibt ein weites Feld für neue For- 
schungen über die Aetiologie, die Prophylaxe und die The- 
rapie der Pocken. Die zu verlässige, wenn auch zeitlich 
begrenzte Wirkung der Schutzpockenimpfung ist 
jedoch eine unumstössliche Thatsache. Die Möglich- 
keit, durch zeitweise wiederholte Impfungen dauernd 
und lebenslänglich der Pockengefahr zu entgehen, 
ist durch die Erfahrung sicher bewiesen. -Jcnner's 
Hoffnung, die Pocken mit Hilfe seines Schutzmittels 
auszurotten, ist im Deutschen Reiche verwirklicht. 

Das verflossene Jahrhundert hat für die Freunde <\vr 
[mpfung manche Enttäuschung gebracht; aber ungleich grösser 
und zahlreicher waren die Erfolge, weil (\<-\- Nutzen der 
Impfung gerade in der Zeit der Noth auch der bethörten 
Menge offenbar werden musste. Am Beginn des zweiten 
Jahrhunderts seil Einführung der Impfung wurde ein neuer 



Schluss. 393 

empfindlicher Schlag gegen Jenner's Werk geführt, als Eng- 
land durch gesetzliche Bestimmungen der Impfpflicht nur 
noch den Werth einer Scheinmaassregel beliess. Was indessen 
in Jenner's Heimat verloren ging, ist an anderer Stelle ge- 
wonnen worden. Unter den Aerzten erkennt nur eine kleine 
Minderheit den Impfschutz nicht an; die Wissenschaft ist 
einig in der Würdigung des Nutzens und der Notwendigkeit 
der Impfung. Möchte es ihren Vertretern gelingen, in Zu- 
kunft alle Völker von der Richtigkeit ihrer Lehren zu über- 
zeugen; dann wird .auch die Pockenkrankheit überall, wo 
sie jetzt noch herrscht, verschwinden, und der Satz, dass 
menschliche Macht nichts gegen die Seuchen vermag, den 
Blattern gegenüber endgiltig widerlegt sein. 



Anhang. 

Das Deutsche „Impfgesetz vom 8. April 1874". 

(Reichs-Gesetzblatt. S. 31.) 

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von 
Preussen etc. verordnen im Namen des Deutschen Reiches, nach er- 
folgter Zustimmung des Bundesraths und des Reichtags, was folgt: 

§ 1. Der Impfung mit Schutzpocken soll unterzogen werden: 

1. jedes Kind vor dem Ablaufe des auf sein Geburtsjahr folgen- 
den Kalenderjahres, sofern es nicht nach ärztlichem Zeugniss 
(§ 10) die natürlichen Blattern überstanden hat; 

2. jeder Zögling einer öffentlichen Lehranstalt oder einer Privat- 
schule, mit Ausnahme der Sonntags- und Abendschulen, inner- 
halb des Jahres, in welchem der Zögling das zwölfte Lebens- 
jahr zurücklegt, sofern er nicht nach ärztlichem Zeugniss in 
den letzten fünf Jahren die natürlichen Blattern überstanden 
hat oder mit Erfolg geimpft worden ist. 

§ 2. Ein Impfflichtiger (§ 1), welcher nach ärztlichem Zeugniss 
ohne liefahr für sein Leben oder für seine Gesundheit nicht geimpft 
werden kann, ist binnen Jahresfrist nach Aufhören des diese Gefahr 
begründenden Zustandes der Impfung zu unterziehen. 

Ob diese Gefahr noch fortbesteht, hat in zweifelhaften Fällen der 
zuständige Impfarzt (§ 6) endgültig zu entscheiden. 

$ 3. Ist eine Impfung nach dem Urtheile desArzles (§5) erfolglos 
geblieben, so inu>s sie spätestens im nächsten Jahre, und, falls sie auch 
dann erfolglos bleibt, im dritten Jahre wiederholt werden. 

Die zuständige Behörde kann anordnen, dass die letzte Wieder- 
holung der Impfung durch den tmpfarzt (§ G) vorgenommen werde. 

§4. I i die [mpfung ohne gesetzlichen Grund (§§ 1, 2) unter- 



[mpfgesetz vom S. April 1874. 395 

blieben, so ist sie binnen einer von der zuständigen Behörde zu setzen- 
den Frist nachzuholen. 

§ 5. Jeder Impfling muss frühestens am sechsten, spätestens am 
achten Tage nach der Impfung dem impfenden Arzte vorgestellt werden. 

§ 6. in jedem Bundesstaate werden Impfbezirke gebildet, deren 
jeder einem Impfarzte unterstellt wird. 

Der Impfarzt nimmt in der Zeit von Anfang Mai bis Ende Sep- 
tember jeden Jahres an den vorher bekannt zu machenden Orten und 
Tagen für die Bewohner des Impfbezirks Impfungen unentgeltlich vor. 
Die Orte für die Vornahme der Impfungen, sowie für die Vorstellung 
der Impflinge (§ 5) werden so gewählt, dass kein Ort des Bezirks von 
dem nächst belegenen Impforte mehr als 5 Kilometer entfernt ist. 

§ 7. Für jeden Impfbezirk wird vor Beginn der Impfzeit eine Liste 
der nach § 1 Ziffer 1 der Impfung unterliegenden Kinder von der zu- 
ständigen Behörde aufgestellt. Ueber die auf Grund des § 1 Ziffer 2 
zur Impfung gelangenden Kinder haben die Vorsteher der betreffenden 
Lehranstalten eine Liste anzufertigen. 

Die Impfärzte vermerken in den Listen, ob die Impfung mit oder 
ohne Erfolg vollzogen, oder ob und weshalb sie ganz oder vorläufig 
unterblieben ist. 

Nach dem Schlüsse des Kalenderjahres sind die Listen der Behörde 
einzureichen. 

Die Einrichtung der Listen wird durch, den Bundesrath festgestellt. 

§ 8. Ausser den Impfärzten sind ausschliesslich Aerzte befugt, 
Impfungen vorzunehmen. 

Sie haben über die ausgeführten Impfungen in der im § 7 vor- 
geschriebenen Form Listen zu führen und dieselben am Jahresschluss 
der zuständigen Behörde vorzulegen. 

§ 9. Die Landesregierungen haben nach näherer Anordnung des 
Bundesraths dafür zu sorgen, dass eine angemessene Anzahl von Impf- 
instituten zur Beschaffung und Erzeugung von Schutzpockenlymphe ein- 
gerichtet werde. 

Die Impfinstitute geben die Schutzpockenlymphe an die öffentlichen 
Impfärzte unentgeltlich ab und haben über Herkunft und Abgabe der- 
selben Listen zu führen. 

Die öffentlichen Impfärzte sind verpflichtet, auf Verlangen Schutz- 
pockenlymphe, soweit ihr entbehrlicher Vorrath reicht, an andere Aerzte 
unentgeltlich abzugeben. 

§ 10. Ueber jede Impfung wird nach Feststellung ihrer Wirkung 
(§ 5) von dem Arzte ein Impfschein ausgestellt. In dem Impfschein 
wird, unter Angabe des Vor- und Zunamens des Impflings, sowie des 
Jahres und Tages seiner Geburt, bescheinigt, entweder, 



396 Impfgesetz vom 8. April 1874. 

dass durch die Impfung der gesetzlichen Pflicht genügt ist, 
oder, 

dass die Impfung im nächsten Jahre wiederholt werden muss. 

In den ärztlichen Zeugnissen, durch welche die gänzliche oder 
vorläufige Befreiung von der Impfung (§§ 1, 2) nachgewiesen werden 
soll, wird, unter der für den Impfschein vorgeschriebenen Bezeichnung 
der Person, bescheinigt, aus welchem Grunde und auf wie lange die 
Impfung unterbleiben darf. 

§11. Der Bundesrath bestimmt das für die vorgedachten Be- 
scheinigungen (§ 10) anzuwendende Formular. 

Die erste Ausstellung der Bescheinigung erfolgt Stempel- und ge- 
bührenfrei. 

§ 12. Eltern, Pflegeeltern und Vormünder sind gehalten, auf amt- 
liches Erfordern mittelst der vorgeschriebenen Bescheinigung (§ 10) den 
Nachweis zu führen, dass die Impfung ihrer Kinder und Pflegebefohlenen 
erfolgt oder aus einem gesetzlichen Grunde unterblieben ist. 

§ 13. Die Vorsteher derjenigen Schulanstalten, deren Zöglinge 
dem Impfzwange unterliegen (§ 1 Ziffer 2), haben bei der Aufnahme 
von Schülern durch Einfordern der vorgeschriebenen Bescheinigungen 
festzustellen, ob die gesetzliche Impfung erfolgt ist. 

Sie haben dafür zu sorgen, dass Zöglinge, welche während des 
Besuches der Anstalt nach § 1 Ziffer 2 impfpflichtig werden, dieser Ver- 
pflichtung genügen. 

Ist eine Impfung ohne gesetzlichen Grund unterblieben, so haben 
sie auf deren Nachholung zu dringen. 

Sie sind verpflichtet, vier Wochen vor Schluss des Schuljahres der 
zuständigen Behörde ein Verzeichniss derjenigen Schüler vorzulegen, 
für welche der Nachweis der Impfung nicht erbracht ist. 

§ 14. Eltern, Pflegeeltern und Vormünder, welche den nach § 12 
ihnen obliegenden Nachweis zu führen unterlassen, werden mit einer 
Geldstrafe bis zu zwanzig Mark bestraft. 

Kitern, Pflegeeltern und Vormünder, deren Kinder und Pflege- 
fohlene ohne gesetzlichen Grund und trotz erfolgter amtlicher Auf- 
forderung der Impfung oder der ihr folgenden Gestellung (§5) entzogen 
_•< blieben sind, werden mit Geldstrafe bis zu fünfzig Mark oder mit Haft 
bis zu drei Tagen bestraft. 

§ ].">. Merzte und Schulvorsteher, welche den durch §8 Absatz 2, 
§ 7 und durch § 13 ihnen auferlegten Verpflichtungen nicht nach- 
kommen, werden mit Geldstrafe bis zu einhunderl Mark bestraft. 

§ 16. Wer unbefugter Weise (§8) tmpfungeu vornimmt, wird mit 
Geldstrafe bis zu einhundertfünfzig Mark oder mil Hafl bis zu vierzehn 

!;di. 



Impfgesetz vom 8. April 1874. 397 

§ 17. Wer bei der Ausführung einer Impfung fahrlässig handelt, 
wird mit Geldstrafe bis zu fünfhundert Mark oder mit Gefängnissstrafe 
bis zu drei Monaten bestraft, sofern nicht nach dem Strafgesetzbuch 
eine härtere Strafe eintritt. 

§ 18. Die Vorschriften dieses Gesetzes treten mit dem 1. April 1875 
in Kraft, 

Die einzelnen Bundesstaaten werden die zur Ausführung erforder- 
lichen Bestimmungen treffen. 

Die in den einzelnen Bundesstaaten bestehenden Bestimmungen 
über Zwangsimpfungen bei dem Ausbruch einer Pocken-Epidemie wer- 
den durch dieses Gesetz nicht berührt. 

Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und 
beigedrucktem Kaiserlichem Insiegel. 

Gegeben Berlin, den S.April 1874. 

(L. S.) • Wilhelm. 

Fürst v. Bismarc k. 



Druck von L. Schumacher in Berlin. 














Die der kartographischen Darstellung 


zu Grunde gelegten Ziffern ergeben sich aus 


der folgend« 


n Uebersicht: 












Land 


b 

p 


Mittlere 


as 


Anf je 1 Million 
Einwohner ent- 

sonnittl. jährlich 


Land 


= 1 


Mittlere 

Einwohner- 


|J 


Auf je 1 Million 
Einwohner ent- 
fielen Todesfälle 


Land 


|j 


Mittlere 

Einwohner- 
zahl 


|| 


Auf je 1 Million 

fielen Todesfalle 
an Pocken durch- 
schnitt!, jährlich 


Land 


\i 


Mittlere 
Einwohner- 


ij 


Auf je 1 Million 
Einwohner ent- 
fielen Todesfälle 

schnittt, jährlich 


Dänemark (Städte) 


6 
6 

4 


52012282 
793856 
4894790 

2045900 


287 

r 


o!ä 

2,1 
0,6 


England und Wales .... 
Schottland 

Schweii 


6 

5 
S 
5 


30389624 3066 
4165886 256 
4580555 226 
3032901 78 


20,2 
12,3 

9,9 
5,1 




5 
6 
5 


4797249 
6419498 
8258079 

118950400 


929 
3208 
3721 


38,7 
99,9 
90,2 

463,2 


Oesterreich 


5 

5 
4 


rd. 23800000 

182S491G 
31007422 


11799 

19241 

11278 


99.1 


Belgien 

K rassische Städte 

Itu^'äi-hea Reich (einBchliess- 
lioh asiatisches Rnssland) 


Ungarn nebst Fiume, Kroa- 
Italien 


134,3